Brent Crude Oil: Steht eine Korrektur an – oder eskaliert die Sache?

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Brent Crude Oil
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Ticker: COIL
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Seit es Ende August zu einem Fehlausbruch nach unten kam, ist der Preis für ein Barrel Brent in der Spitze um 35 Prozent gestiegen. Chart- und markttechnisch wäre der Kurs längst „oben“. Aber man sollte besser nicht ausschließen, dass es die Bullen auf eine Eskalation anlegen.

Eigentlich müsste es ja langsam genug sein. Eigentlich dürften viele von denen, die bei Brent Crude Oil und den anderen wichtigen Ölsorten auf Hausse spekulieren, ja auch Positionen am Aktienmarkt haben und damit nicht daran interessiert sein, dass der Aktienmarkt durch noch höhere Ölpreise ins Wanken gerät. Eigentlich könnte man zudem davon ausgehen, dass die aktuell durch den „Flaschenhals“, eine auf Volllast laufende Logistik und die künstliche Verknappung der Fördermenge hohe Nachfrage nicht von Dauer ist. Eigentlich.

Brent Crude Oil: Tages-Chart vom 19.10.2021, Kurs 85,25 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Aber wer sich an die Jahre 2007 bis 2009 erinnert, als der Preis für ein Barrel Brent Crude Oil von 50 auf 145 US-Dollar schoss und danach dann bis auf 35 US-Dollar einbrach, weiß: Wenn die Trader am Rohstoffmarkt erst einmal außer Rand und Band geraten, ist nichts mehr unmöglich, egal, welche Probleme dadurch entstehen. Das scherte damals, 2007 bis 2009, niemanden. Es würde heute nicht anders sein. Ein „eigentlich“ kann also ausreichen, um hier ein Topp auszubilden. Aber es muss eben nicht.

Expertenmeinung: Der Chart auf Wochenbasis zeigt, dass Brent Crude jetzt mitten in der Widerstandszone angekommen ist, die sich aus der oberen Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals und den Hochs der Jahre 2019 und 2020 ergibt. Zugleich ist die Markttechnik klar überkauft. Auf Tagesbasis sowieso, aber auch auf Wochenbasis. Das ist sie allerdings seit März immer mal wieder. Zu einer Abwärtswende hat es trotzdem nicht geführt.

Und die Bullen hätten durchaus ein Motiv, um den Kurs durch diese Widerstandszone 84,22/87,00 US-Dollar (bezogen auf den Kurs des Frontmonat-Futures Dezember) hindurch zu boxen: Würde es gelingen, das Barrel klar über 87 US-Dollar zu ziehen, dürfte das viele Stop Loss-Orders auf der Short-Seite auslösen. Womöglich auch Panik-Käufe von echten Abnehmern, die bislang keine ausreichenden Vorräte oder gesicherte Lieferungen haben, um über den Winter zu kommen. Aber genau das, ein solches „Überschießen“, könnte dann auch der Anfang vom Ende der Hausse werden, denn:

Die Dimension offener Long-Positionen am Futures- und Optionsmarkt dürfte angesichts dieser „eigentlich“ überreizten Hausse gewaltig sein. Da den Gewinn mitzunehmen, ohne dadurch die Abwärtswende selbst einzuläuten, weil die Nachfrage große Long-Verkäufe gar nicht mehr aufnehmen könnte, ist knifflig. Wenn es aber gelingt, mit dem Break über 87 US-Dollar eine kurzzeitige Kaufpanik loszutreten, wäre genau diese nötige Nachfrage da, um auch sehr große Long-Positionen bequem unterbringen zu können. Denkbar wäre also, dass eine solche Eskalation zwar extrem schnelle, ggf. auch weitreichende, aber auch nur kurzlebige Kurssteigerungen nah sich zöge, die dann die Basis für eine Abwärtswende werden. Hier dürfte in den kommenden Tagen und Wochen einiges geboten sein!

Brent Crude Oil: Monats-Chart vom 19.10.2021, Kurs 85,25 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX
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Der Blick auf die Heizölpreise treibt einem den Schweiß auf die Stirn, an der Tankstelle tankt man derzeit den Verdruss gleich mit: Der Ölpreis steigt immer weiter. Trotzdem erhöht die OPEC die Förderquote nicht. Ist sie an der Misere schuld? Und wie lange geht das so weiter?

Das war genau das, was die Bullen hören wollten: Trotz Ölpreisen, die kurz davorstehen, die Anfang 2020 markierten Hochs zu überwinden und in Richtung der „Grusel-Preise“ des Jahres 2018 zu laufen, war OPEC+, d.h. die OPEC plus Russland, nicht bereit, ihre höchst langsame Rückkehr zu früheren Fördermengen zu beschleunigen. 400.000 Barrel pro Tag sollen Monat für Monat jeweils hinzukommen, mehr nicht.

Angesichts einer Situation, in der beispielsweise die Frachtschifffahrt mit maximaler Auslastung fährt und zugleich die Heiz-Saison beginnt, erscheint die Entscheidung, das Angebot gezielt knapp zu halten, um dadurch bedingt niedrigere Umsätze mit deutlich höheren Preisen auszugleichen, unverantwortlich. Und die USA? Die könnten als mittlerweile weltgrößter Ölförderer einspringen. Aber während man auf politischer Ebene der OPEC die Schuld an den hohen Preisen zuschiebt, sind dort weitaus weniger Bohrlöcher aktiv als aktiv sein könnten, vergangene Woche zählte Baker Hughes 528 aktive Bohrlöcher, im Februar 2020 waren es knapp 800. Aber auch, wenn man die Förderung deutlich hochfahren würde, zwingend wäre ein nennenswerter Rückgang des Preises, hier im Chart der Kurs der für Europa wichtigsten Sorte Brent Crude Oil, nicht, denn:

Expertenmeinung: Letztlich wird der Kurs aller Rohstoffe an der Börse „gemacht“. Natürlich handeln auch die Anbieter und Großabnehmer über die Rohöl-Futures, aber die Spekulation spielt eben immer mit. Gerade in Phasen extremer Kurse, ob nun auf der Ober- oder der Unterseite, ist der Einfluss kurzfristiger Trader besonders groß. Und die sind gerade im Bereich der Commodities dafür bekannt, Trends bis zum Exzess auszureizen. Der wann erreicht wäre?

Eigentlich jetzt, denn wir sehen in diesem Chart auf Wochenbasis über drei Jahre, dass Brent Crude Oil die obere Begrenzung des im Frühjahr 2020 etablierten Aufwärtstrendkanals erreicht hat, die aktuell mit der aus den Jahreshochs 2019 und 2020 im Bereich 84,22/87,00 US-Dollar (bezogen auf den akt. Futures-Frontmonat Dezember) zusammengesetzten Widerstandszone einen Kreuzwiderstand bildet. Und selbst auf dieser mittelfristigen Zeitebene wäre Brent Crude jetzt markttechnisch überkauft. Also, geht der Spuk jetzt in Kürze zu Ende?

Es ist möglich, aber sich darauf zu verlassen, bevor nicht mit Schlusskursen unter dem letzten markanteren Zwischenhoch vom Juli (75,78 US-Dollar) ein entsprechendes Signal entsteht, wäre riskant. Denn wie gesagt: Am Rohstoffmarkt ist nichts unmöglich … und es wäre keineswegs das erste Mal, dass Spekulanten hier kein Halten kennen, wir müssen da nur an die Jahre 2007 bis 2009 zurückdenken!

Brent Crude Oil: Chart vom 11.10.2021, Kurs 83,85 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Brent Crude Oil hat jetzt zwar nur den Level wieder erreicht, der vor Beginn der Corona-Krise galt. Aber angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen reicht das aus, um das Wachstum zu bremsen. Was die Bullen aber nicht abhalten dürfte, weiter massiv auf Hausse zu setzen.

Dass man angesichts der steigenden Ölpreise allgemein immer nervöser wird, zeigte sich auch darin, dass eine Sprecherin des Weißen Hauses gestern Abend betonte, dass man weiterhin Gespräche mit der OPEC zum Thema Ölpreis führe. Das brachte den Kurs von Brent Crude Oil am Dienstagabend zwar etwas zurück, aber noch dürften die Bullen keinen Grund haben, das Handtuch zu werfen. Sie sehen es in diesem Chart auf Wochenbasis: Bis etwa 87 US-Dollar wäre noch Luft, erst dort würde der Kurs auf das obere Ende eines Kreuzwiderstands aus der oberen Begrenzung des breiten, im Frühjahr 2020 etablierten Aufwärtstrendkanals und den Hochs der Monate September 2019 und Januar 2020 treffen.

Wirft man einen Seitenblick darauf, wie zügellos derzeit die Futures für Erdgas und Kohle haussieren, scheint auch bei Rohöl nichts unmöglich zu sein, zumal die OPEC weiterhin sehr zögerlich damit ist, die Produktionsmenge wieder an frühere Levels heranzuführen – aus Angst, eine zu schnelle Ausweitung der Fördermenge könnte den Preis ruinieren. Dass zu hohe Preise im Gegenzug die Nachfrage ruinieren könnten und damit dann niemandem geholfen wäre, dürfte Teil der Gespräche der USA mit der OPEC sein, aber letzten Endes klingen solche Meldungen ja nur so, als könnten die USA oder die OPEC nennenswerten Einfluss auf den Ölpreis nehmen. Beide können es nicht.

Expertenmeinung: Denn der Kurs wird ja nicht von Regierungen festgesetzt, es gibt auch keine „Korridore“, in denen sich die Preise der wichtigsten Ölsorten bewegen würden. Der Kurs bildet sich an der Börse. Zwar auch von der realen Angebots/Nachfrage-Situation beeinflusst, aber zu einem wesentlichen Teil eben auch durch die Spekulation. Und gerade am Rohstoffmarkt pflegen die Trader Trends oft bis zum Exzess auszureizen, ohne Rücksicht darauf, welche kritischen Konsequenzen sich daraus aus volkswirtschaftlicher Sicht ergeben.

Sollten die haussierenden Energiepreise das Wachstum Hand in Hand mit den reißenden Lieferketten und einer beginnenden Inflationsbekämpfung der Notenbanken unter Druck setzen, kann es zwar sehr gut sein, dass sich Brent Crude Oil irgendwann in den kommenden Monaten auf Höhe der unteren, aktuell bei gut 59 US-Dollar verlaufenden Begrenzung des Aufwärtstrendkanals wiederfindet, weil die Nachfrage dann tatsächlich kippen könnte. Aber man sollte auf jeden Fall einkalkulieren, dass Brent Crude erst einmal in Richtung dieser Zone 83/87 US-Dollar laufen könnte, bevor die Bullen ihre Beute fahrenlassen!

Brent Crude Oil: Chart vom 28.09.2021, Kurs 78,30 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Die Fahrt zur Tankstelle wird immer mehr zum Trauerspiel. Entweder steigt der Rohöl-Kurs oder der US-Dollar, im schlimmsten Fall beides. Der Spritpreis will nicht sinken, obwohl es dafür einige gute Argumente gäbe. Aber die Bullen halten den Kurs oben. Wie lange noch?

Auf den ersten Blick scheint die Veränderung der Rohöl-Lagerbestände der US-Unternehmen ein tadelloses Argument für weiter anziehende Ölpreise zu sein. Seit Ende März geht es fast jede Woche abwärts mit den Beständen, erst gestern wurde ein erneuter Rückgang um 7,17 Millionen Barrel gemeldet. Das wirkt, als gäbe es nicht genug Öl am Markt, weshalb die Unternehmen ihre Reserven angehen müssen. Aber ist das wirklich so?

Angenommen, die Unternehmen würden aufgrund einer Verknappung des Angebots mittelfristig mit weiter steigenden Preisen rechnen, wäre es dann nicht cleverer, das Öl am Markt zu kaufen und die Reserven erst dann zu nutzen, wenn der Kurs bei 80 oder noch mehr US-Dollar pro Barrel läge? Wäre es nicht vielmehr klug, diese Reserven dann zu nutzen, wenn man damit rechnet, sie in ein paar Monaten deutlich billiger wieder auffüllen zu können? Durchaus, denn für letztere Überlegung sprächen derzeit zwei Argumente:

Expertenmeinung: Zum einen fährt die OPEC die Produktion jetzt schrittweise hoch. Gestern wurde bestätigt, was man beim vorherigen OPEC-Treffen avisiert hatte: Bis Dezember wird der Output der OPEC+ (d.h. die OPEC-Länder + Russland) um monatlich 400.000 Barrel steigen. Das ist nicht umwerfend viel, macht aber klar, dass die OPEC langsam die hohen Preise nutzen muss, um von dieser Plattform aus den künstlich zusammengestrichenen Umsatz wiederzubeleben.

Zum anderen wird dieser „Flaschenhals“ der Weltwirtschaft, bei dem eine gegenüber dem Vorjahr deutlich höhere Nachfrage nach Gütern auf begrenzte Produktions- und Transportkapazitäten trifft, irgendwann ja enden. Und wenn man sich die Konjunkturdaten der vergangenen Wochen anschaut, wäre es keineswegs abwegig, dass Produktion und Logistik dann erst einmal vom Gipfel ins Tal rutschen und das Angebot bei Rohöl dadurch wieder die Nachfrage übersteigt. Doch die Frage ist a) wann das passiert und b) wann die Trader bei den Rohöl-Futures wie dem hier abgebildeten Brent Crude Oil-Future darauf reagieren. Denn der Kurs des Ölpreises hängt eben nicht nur von der tatsächlichen Angebots-/Nachfrage-Situation ab, sondern auch von der kurzfristigen Spekulation am Rohstoffmarkt. 

Und noch haben die Bullen nicht aufgegeben, wie der Chart zeigt. Im Juli ebenso wie im August rutschte Brent Crude Oil kurz unter wichtige Unterstützungslinien. Eigentlich hätte man mit Anschlussverkäufen rechnen können, aber die Bullen schlugen sofort zurück und verwandelten beide Verkaufsimpulse in bärenfallen. Wie oft so etwas noch gelingt, man kann nicht vorhersagen. Aber ob es im Gegenzug gelingt, Brent Crude über die kurzfristige Abwärtstrendlinie bei aktuell 72,90 US-Dollar hinaus an und womöglich über das bisherige Jahreshoch von 76,47 US-Dollar im derzeit als „Frontmonat“ dienenden November-Termin des Futures zu heben? Auszuschließen ist das zwar nicht. Aber mit dieser grundsätzlich wackligen Wachstumsperspektive weltweit, verbunden mit der zeitlich begrenzt hohen Nachfrage aufgrund des „Flaschenhalses“, wäre das Risiko nicht zu unterschätzen, wollte man jetzt noch auf Brent-Kurse von 80 US-Dollar und mehr spekulieren.

Brent Crude Oil: Chart vom 01.09.2021, Kurs 71,36 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Brent Crude Oil war am Freitag auf den tiefsten Stand seit Mai gefallen und hatte dabei eine Toppbildung vollendet. Doch am Montag sauste der Ölpreis ansatzlos nach oben, die Bären wurden überrannt. Die Argumente der Käufer wirken absurd … aber sie könnten funktionieren.

Brent Crude Oil hatte zum Ende der Vorwoche die letzten Zwischentiefs bei 66,85 und 67,60 US-Dollar recht klar unterboten. Der Weg nach unten wäre erst einmal frei gewesen. Aber bereits im asiatischen Handel am frühen Montagmorgen begann der Ölpreis auf einmal zu steigen und sah zur Eröffnung des Handels in Europa einen weiteren und unmittelbar mit US-Handelsbeginn einen dritten Aufwärtsimpuls. Die Wende nach oben …

… ist das aber nicht, zumindest noch nicht. Denn so wurde der Ausbruch nach unten durch die Rückeroberung der beiden vorgenannten Zwischentiefs zwar zur Bärenfalle. Aber erst, wenn Brent Crude die kurzfristige Abwärtstrendlinie (derzeit bei 69,10 US-Dollar) und, wichtiger noch, die zuvor die Hausse führenden 20-Tage- und 50-Tage-Linien bei aktuell 70,70/70,80 US-Dollar überbietet, würde der jetzt erst einmal nur als kurzfristig neutral einzustufende Kurs aktiv bullisch. Was erst einmal gelingen muss. Aber wenn man sich die Argumentation der Bullen genauer ansieht, wirkt diese zwar eher seltsam, aber da diese Argumentationskette gerade auch den Aktienmarkt höher zieht, könnte ein solcher Rebound, der nach einer Bullenfalle im Eiltempo in ein bullisches Signal übergeht, durchaus gelingen. 

Chart vom 23.08.2021, Kurs 68,81 Euro, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Expertenmeinung: Das Argument lautet: Die von vielen so nicht erwartete Ausweitung der COVID19 Delta-Variante und die damit verbundenen Schwierigkeiten könnte das Wachstum weltweit so weit bremsen, dass die Notenbanken ihr „Tapering“ bleiben lassen müssen, d.h. keine inflationsbekämpfenden Maßnahmen vornehmen, weil ein abflauendes Wachstum die Nachfrage senkt und die Preise deshalb nicht mehr steigen. Und bei einem unter den Erwartungen bleibenden Wachstum würde die OPEC ihre Förderung doch nicht nennenswert ausweiten, dadurch bleibt die Angebotsseite knapp genug, um wieder steigende Ölpreise zu ermöglichen.

Ja, das ist eine mehr als schräge Argumentation, denn erst einmal würde ein abflauendes Wachstum ja die Ölnachfrage senken, genau deswegen und aufgrund der Erwartung, dass die OPEC die Fördermenge trotzdem ausweiten muss, war der Kurs ja zuvor gefallen. Dass man jetzt die Inflation und Notenbanken mit in die Gleichung nimmt, ist nüchtern betrachtet nicht stichhaltig. Denn niemand kann wirklich sicher sein, ob und wie stark das Thema Corona weiter relevant ist, wie die Konsumenten weltweit reagieren und wie sich die Inflation entwickelt, die ja unabhängig von der tatsächlichen Nachfrage stark von der Spekulation am Rohstoffmarkt beeinflusst wird. Aber wenn man bullisch ist, nimmt man solche „Denkmodelle“ natürlich gerne an, schließlich spielen sie einem in die Karten.

Man wettet zudem darauf, dass entsprechende Hinweise von US-Notenbankchef Powell im Zuge der Ende dieser Woche anstehenden Tagung der großen Notenbanken in Jackson Hole kommen. Sollte sich diese Erwartung nicht bestätigen, kann Brent Crude allemal umgehend wieder nach unten abdrehen, daher: Vorsicht vor den Kurssprüngen bis zum Start dieser Notenbankkonferenz, da muss nichts in Stein gemeißelt sein!

Noch leisten die Bullen erbitterten Widerstand. Aber der Umstand, dass sie den Kurs von Brent Crude Oil einfach nicht mehr in Schwung bringen können, dürfte die Verteidiger des Aufwärtstrends jetzt zügig zermürben. Können wir an der Tankstelle bald aufatmen?

Die Benzin- und Dieselpreise lassen die Autofahrer täglich zusammenzucken. Und auch, wenn die für Europa wichtigste Ölsorte Brent Crude Oil derzeit etwa zehn Prozent unter dem bisherigen Jahreshoch von 77,17 US-Dollar notiert (bezogen auf den aktuellen „Frontmonat“ im Future, den Oktober-Termin), hat sich das nahezu gar nicht an der Tankstelle niedergeschlagen. Denn zugleich fiel der Euro zum US-Dollar im Wert, der leichte Rückgang des Ölpreises wurde also durch einen steigenden US-Dollar teilweise kompensiert. Wann hört dieser Spuk auf?

Die ganz aktuellen Argumente für etwas nachgebende Ölpreise sind nicht allzu nachhaltig. Erneute, coronabedingte Einschränkungen in China und Japan, das kippt den Trend nicht, das reduziert die Nachfrage wenn überhaupt, dann minimal. Da ist die OPEC schon ein weitaus relevanteres Terrain. Wenn man dort und in Russland die Fördermenge hochfahren würde, könnte das die Bullen am Ölmarkt zur Kapitulation zwingen. Aber was tut sich da?

Expertenmeinung: Nichts, zumindest bislang. Erst am Montag hatte die OPEC auf die Aufforderung der USA, das Angebot zu erhöhen, ablehnend reagiert. Gut, kein Wunder, denn die USA sind ja eigentlich der größte Ölproduzent. Dieser alte Trick, hohe Ölpreise immer der OPEC in die Schuhe zu schieben und selbst die Förderung nicht anders zu handhaben, zieht unter den Tradern nicht mehr. Aber davon abgesehen ist man innerhalb der OPEC völlig uneins, wie man mit den Fördermengen weiter verfahren soll. Nur kann das eigentlich nicht mehr lange so weitergehen, denn:

Was, wenn der Wachstumsschub, der nach der heißen Phase der Lockdowns losgetreten wurde, vorüber ist, wofür sich die ersten Anzeichen ja bereits zeigen? Wenn man sich da verzockt, indem man das Angebot, als man mehr hätte absetzen können, zu niedrig hielt und erst dann die Förderung hochfährt, wenn die Nachfrage nachlässt, sind vor allem diejenigen OPEC-Staaten übel dran, für die Rohöl die Haupteinnahmequelle darstellt. Daher wird man mittelfristig nicht darum herumkommen zu handeln. Und das ist den Tradern sehr wohl bewusst, wie man im Chartbild sieht.

Der Aufwärtstrend hat sein Momentum eingebüßt, die zuvor monatelang als Leitstrahl fungierenden gleitenden Durchschnitte der letzten 20 und 50 Börsentage sind unterboten. Man hält sich bislang noch mühsam über dem Level des Juni-Verlaufstiefs bei 66,85 US-Dollar. Aber sollte diese Marke fallen und dadurch ein kleines Topp vollendet werden, wäre es keine große Überraschung, wenn die Verteidigung der Bullen in sich zusammenfallen und Brent Crude Oil die übergeordnete Aufwärtstrendlinie bei derzeit 56 US-Dollar testen würde.

Brent Crude Oil: Chart vom 17.08.2021, Kurs 69,31 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX