Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 21.-27.11.2022

Der Markt hat immer Recht? Nein, hat er nicht!

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Wer hat ihn nicht schon gehört, diesen Spruch, dass der Markt immer Recht habe? Diese Plattitüde hört man nur bei Rallyes im Abwärtstrend oder in Endphasen von Haussen. Dass der Spruch genau dann auftaucht, hat seine Gründe. Und wer ihn einsetzt, um seine eigene Positionierung damit zu verteidigen, deutet die Aussage dieser Formulierung meist falsch. Denn für sich genommen hat der Markt sogar meistens Unrecht.

„Meine Güte, willst Du da nicht lieber aussteigen, diese Aktie ist doch völlig überbewertet und jetzt auch noch überkauft?“ Wenn Sie jemandem das sagen und die Antwort kassieren „der Markt hat immer Recht“ will Ihr Gegenüber Ihnen damit Folgendes mitteilen: Wenn es keine guten Gründe dafür gäbe, dass diese Aktie steigt, würde sie auch nicht steigen, also ist alles in bester Ordnung. Nicht selten können Sie da zwischen den Zeilen zusätzlich lesen: Ich habe keine Ahnung, wie man die Bewertung einer Aktie misst … und was ist denn überhaupt „überkauft“?

Was „der Markt hat immer Recht“ eigentlich aussagen will

Dieser Spruch hat eigentlich schon seine Berechtigung. Nur wird er meistens falsch interpretiert und eingesetzt. Meistens will einem jemand mit diesem Satz sagen, dass Bewegungen an der Börse immer „richtig“ sind, weil man, wenn man einer Bewegung folgt, gerade Geld verdient und sie von der Mehrheit getragen wird. Also sind Argumente, so die Schlussfolgerung, die gegen diese gerade laufende Bewegung sprechen, automatisch falsch. Das ist Unsinn.

Börse aktuell: Ölpreisrallye und ihr Ende in den Jahren 2007 und 2008 | Online Broker LYNX

Erstens ist selten eine Mehrheit derer, die am Markt insgesamt agieren, aktiv. Die Mehrheit wartet ab, handelt nur an ganz bestimmten Punkten und ist danach wieder passiv. Daher weiß ich nicht, ob eine Aufwärtsbewegung überhaupt von der Mehrheit getragen wird oder ob nicht eben diese Mehrheit in aller Gemütsruhe abwartet, bis sich eine Rallye totläuft, um dann eigene Aktien zu wieder höheren Kursen zu verkaufen und/oder Short zu gehen. Wie viele glauben, dass die Bewegung, die jemand als „richtig“ klassifiziert, nur, weil sie eben da ist, tatsächlich tragfähig ist, weiß man also nie.

Zweitens bringt diese Plattitüde „der Markt hat immer Recht“ nichts, wenn es um die entscheidende Frage geht, was vor uns liegt. Wird diese Bewegung, die man mit diesem Spruch so unzulässig auf ein „was ist, ist halt“ herunterbricht, noch Wochen weitergehen oder in zwei Stunden in sich zusammenbrechen?

Eigentlich steckt hinter dieser Formulierung folgende Aussage:

Recht haben und Recht bekommen ist an der Börse oft zweierlei. Es gibt fundierte Trends, die den Rahmenbedingungen entsprechen, aber oft auch dumme Trends, die gegen die Rahmenbedingungen laufen. Denn sehr viele, die an der Börse aktiv sind, haben nicht das nötige Basiswissen, so dass sie gar nicht wissen, was sie da tun. Daher hat es keinen Zweck, sich gegen einen fahrenden Güterzug zu stemmen, denn ob ein Trend „klug“ oder „dumm“ ist: Gegen den Trend verliert man Geld und hat damit mit seinen Positionen Unrecht.

Börse aktuell: DAX Anstieg und Abstieg in den Jahren 2007 und 2008 | Online Broker LYNX

„Der Markt hat immer Recht“ und „folge dem Trend“ sind zwei Paar Schuhe!

Wenn man diese zu simple Aussage auf diese Weise konkretisiert, stimmt sie. Dann aber muss man daraus auch eine Schlussfolgerung ziehen: Es ist nie klug, sich gegen den Trend zu stemmen. D.h. „folge dem Trend“ ist ein absolut sinnvoller Rat. Aber es ist unabdingbar, zu wissen, ob dieser Güterzug von Kursbewegung gerade auf freier Strecke unterwegs ist, weil er von den Rahmenbedingungen her unterfüttert ist … oder um die nächste Ecke eine Wand wartet, gegen die diejenigen krachen, die denken, dass die Masse immer Recht hat und man somit völlig unbesorgt tun kann, was die anderen auch tun!

Wer das berücksichtigt, hat verstanden, dass der Markt sehr oft völlig daneben liegt und man deswegen gut daran tut, zu wissen, wie dick das Eis ist, auf dem man steht. Denn dann steigt man rechtzeitig aus, während diejenigen, die glauben, ihre Börsenkarriere ohne den Erwerb von Wissen, aber mit eingängigen Plattitüden bestreiten zu können, sang- und klanglos untergehen.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Westwing Aktie in den Jahren 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wer weiß, dass Trends auch gefährlich unsinnig und instabil sein können, steigt umgehend aus, wenn der Trend bricht. Solche Akteure reagieren hoch sensibel auf Umkehrformationen der Chart- und Candlestick-Lehre, achten auf die gleitenden Durchschnitte und agieren mit Stoppkursen.

Wer mit „der Markt hat immer Recht“ daherkommt, interpretiert das oft als „ich habe immer Recht, weil ich nämlich gerade Geld verdiene“. Und wem so sehr die an der Börse stets erforderliche Demut vor der eigenen Fehlbarkeit abgeht, gehört zu den Kandidaten, die Glück mit Cleverness verwechseln, was über kurz oder lang, meist aber über kurz, schiefgeht.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Hapag Lloyd Aktie in den Jahren 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Eine Chartgalerie der Selbstüberschätzung

„Wenn alle dasselbe tun, sollte man erwägen, das Gegenteil zu tun“, diese alte Börsenregel hat schon etwas für sich. Ebenso wie der uralte Spruch: „Kaufe, wenn niemand kaufen will und verkaufe, wenn alle kaufen wollen“. Natürlich ist das für sich genommen fatal pauschal, denn dass alle kaufen wollen, das kann schon mal ein, zwei Jahre anhalten und man könnte als fachkundiger Investor schon ganz am Anfang einer solchen Phase glauben, dass die Masse mal wieder falsch liegt.

Wenn man nicht beherzigt, wie hartnäckig ein Trend sein kann und sich so lange nur im Geiste dagegen stellt, bis die Charts klar sagen, dass es jetzt an der Zeit ist, auf die Gegenseite zu wechseln, ist man am Ende dümmer als die Ahnungslosen, die nur blind mit der Masse mitlaufen. Denn dann beharrt man ja selbst darauf, Recht zu haben, stellt sich über und gegen den Trend. Das sollte man also besser lassen, so etwas.

Börse aktuell: Aufstieg und Abstieg der Sartorius Aktie in den Jahren 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Aber wenn die Signale deutlicher werden, dass die Masse gerade dabei ist, im Eis einzubrechen, von dem sie nicht einmal wusste, dass es sich unter ihren Füßen befand, dann ist der rechte Moment gekommen. Diese Kolumne wurde von einer Reihe von Charts begleitet, die deutlich machen, wie extrem „dumme“ Trends sein können … und wie brutal sie am Ende enden. Fazit:

Folgen Sie dem Trend, aber denken Sie daran: Der Markt hat oft Unrecht. Und das zu erkennen, bedeutet, die Reißleine eines Fallschirms ziehen zu können, die die Masse nicht zu brauchen glaubt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt * Charts vom 18.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Starke Kursbewegungen können völlig unterschiedliche Ursachen haben und aufgrund dessen tragfähig oder im Gegenteil instabil sein. Im Chart sehen sie aber völlig gleich aus, das macht es immer knifflig zu entscheiden, ob man einer solchen Bewegung mit eigenen Positionen folgt, die Finger weglässt oder sogar dagegenhält. Ein wichtiger Faktor bei starken Aufwärtsbewegungen ist der „Short Squeeze“, der auch diesmal eine tragende Rolle gespielt hat. Aber das war es nicht allein, was die Kurse trieb: eine Spurensuche.

Von den bisherigen Jahrestiefs Ende September aus gerechnet ist der DAX jetzt sagenhafte 20 Prozent in nur sechs Wochen gestiegen. Genau so weit wie nach dem ersten Kurseinbruch im Februar/März. Diesmal lief er dabei weit über die 200-Tage-Linie, ist im Gegenteil zum Frühjahr aber markttechnisch gnadenlos überkauft. Würde er noch 500 Punkte weiter zulegen, hätte er 65 Prozent der gesamten Abwärtsbewegung seit dem Rekordhoch korrigiert. Bemerkenswert. Und absolut jeder, ob bullisch oder bärisch im Geiste oder im Depot, fragt sich an der Börse aktuell: Hält das? Und wenn ja, kommt da noch mehr, womöglich auch noch mehr als die 500 Punkte bis zur 65 Prozent-Korrektur?

Börse aktuell: Rallyes im DAX im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Spurensuche ist immer der erste Schritt

Wer da mit einem klaren „ja“ oder „nein“ antworten würde, hat das Grundprinzip der Börse nicht verstanden. Was, vereinfacht formuliert, „erwarten Sie das Unerwartete“ lautet und bedeutet, dass nie etwas wirklich sicher sein kann, weil sich die Rahmenbedingungen ebenso permanent verändern wie die Sichtweise der Anleger auf diese. Beides kann man nicht in der Glaskugel vorhersehen, also kann man das gleich bleiben lassen. Aber das heißt nicht, dass man nicht taugliche Wahrscheinlichkeiten ausmachen könnte. Um die zu finden, muss man sich auf die Spurensuche begeben. Erster Schritt: Was waren die Auslöser der Bewegung? Zweiter Schritt: Was taugen die als nachhaltige Motive für die Fortsetzung der Kursbewegung?

Wenn ich weiß, dass ein starker Impuls auf festem Fundament steht, heißt das zwar nicht, dass die Bewegung wie ein Strich weiterläuft. Aber sie hat dann das Zeug, nachhaltig zu sein, so dass es sinnvoll wäre, in Trendrichtung zu investieren, auch, wenn man bei einem überkauften oder überverkauften Markt immer Korrekturen nutzen sollte, um sich zu positionieren. Also, was passierte hier?

Sie sehen oben, dass der DAX nach dem eigentlichen Jahrestief Ende September bis zum 13. Oktober noch einmal nahe an das Tief zurückfiel und erst dann wirklich durchstartete. Daher ist dieser 13. Oktober der eigentlich interessante Punkt. Da fangen wir mit der Spurensuche an. Und finden:

Eine Super-Rallye auf Basis von Nachrichten, die gar nicht „super“ sind?

Die US-Inflationsdaten vom September, die am 13. Oktober herauskamen. Die haben die Rallye losgetreten, in den USA ebenso wie hier. Das Problem: Die Daten waren nicht bullisch. Nachdem man im Sommer zwei Monate mit zum Vormonat fast unveränderten Preisen sah, dachten viele, zumindest in den USA sei die Inflation besiegt und auch, wenn das bei uns ganz anders aussah, würde der beendete Preisdruck auch nach Europa herüberschwappen. Was Unfug war, ich hatte das damals schon erläutert. An diesem 13. Oktober erkannte man, dass aus diesen Phantasien nichts wird. Die Inflationsdaten waren schlechter als prognostiziert. Und man reagierte zunächst auch entsprechend. Das sieht man im DAX, aber noch besser im Dow Jones:

Börse aktuell: Gründe für die Rallye im Dow Jones im Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Der Dow Jones startete an diesem Tag eine Stunde nach Vorlage der Inflationsdaten tief im Minus und genau auf Höhe des Ende September markierten, bisherigen Jahrestiefs, als plötzlich eine gigantische Kaufwelle einsetzte. Andere Nachrichten als die meisten Inflationsdaten gab es aber nicht. Und die blieben ja auch während der Käufe mies. Die Spur führt damit zu „Rettungskäufen“.

Große Adressen, die nicht zu Unrecht fürchteten, dass ein Bruch des bisherigen Tiefs einen gewaltige Verkaufswelle auslöst, die sie in heftige Probleme stürzen würde, warfen alles an Cash in die Schlacht, was greifbar war und erzwangen eine Rallye mit dem Brecheisen. Das interessante dabei: Die Käufe gingen weiter. Weil?

Weil die Terminbörsen-Abrechnung nahe war. Und normalerweise beginnt das Ringen um die Richtung der Kurse zur Terminmarkt-Abrechnung am Ende der Woche vor diesem Termin. Die Inflationsdaten kamen genau zu diesem Zeitpunkt. Große Akteure dort mussten ihre Positionen teilweise drehen, zogen die Kurse dadurch weiter nach oben. Am Tag der Abrechnung selbst, dem 21. Oktober, ging es dann gleich nochmal massiv nach oben.

Und um es vorwegzunehmen. Auch diesmal kamen die US-Inflationsdaten am Donnerstag vor der Terminmarkt-Abrechnung, die an diesem Freitag stattfindet. Es dürfte nicht nur so aussehen, als würde man dasselbe Spielchen jetzt noch einmal spielen. Aber erstmal weiter entlang des Terminkalenders.

Der Dow Jones stieg nach dem Abrechnungstermin weiter. Grund diesmal: Umschichtungen. Es kamen ab Ende Oktober ziemlich viele, schwache Quartalsbilanzen herein, aber vor allem im Technologiesektor. Anleger begannen daher, in die vermeintlich sicheren Häfen konservativer Aktien umzuschichten. Die stiegen, die Tech-Aktien klebten am Boden oder markierten sogar neue Jahrestiefs, wie der folgende Chart zeigt. Beim DAX lief es vergleichbar. Aber so etwas hat einen Haken:

Börse aktuell: Performance-Schere im Dow Jones und Nasdaq 100 ab Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Dadurch werden die bis dato ohnehin schon nicht mehr billig bewerteten Objekte der Begierde überbewertet. Und bleiben es, denn relative Stabilität im Zuge einer Rezession heißt ja nicht, dass die Gewinne steigen, sie fallen nur weniger stark. So etwas kann zwar eine Zeit lang vorhalten, aber nicht auf Dauer. Die Tech-Werte werden früher oder später durchstarten. Und dann haben die durch diese Umschichtungen deutlich befeuerten Indizes wie DAX und Dow gegenüber TecDAX oder Nasdaq wieder das Nachsehen.

Dann kam das Argument der US-Wahlen, bei denen man sicher war, dass die Republikaner eine klare Mehrheit erringen werden. Stereotyp gedacht ist das gut für klassische Industriebranchen und schlecht für Hightechs, also wurde die Schere vor der Wahl noch größer. Der Haken: Entgegen den Prognosen blieb ein klarer Sieg der Republikaner aus. Es ist Stand jetzt (ich schreibe das am Samstagabend) noch nicht einmal sicher, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus schaffen. Als Hausse-Argument fiel die Wahl also aus, weshalb der Dow Jones am Tag nach der Wahl auch kräftiger nachgab (der DAX nicht), dann aber auf Basis des bisher letzten Arguments für Käufe erneut so richtig durchzog: Die Oktober-Inflationsdaten.

Gute US-Inflationsdaten als Rallye-Argument? Nicht, wenn man genau hinschauen würde

Aber die waren eben auch nicht gut. Weniger übel als erwartet, ja. Aber nicht gut. Und das sehe nicht nur ich, das kann jeder wissen und sehen. Denn dass die Rate auf Basis der Jahresveränderung stärker zurückkam als gedacht heißt eben nicht, dass da irgendetwas im Griff wäre.  Dazu noch einmal der Chart, den ich zu den September-Daten brachte, nur diesmal einen Monat nach vorne gerückt:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in den USA von 2017 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die jetzt veröffentliche Jahresveränderung von 7,7 Prozent setzt auf die um 6,4 Prozent höheren Preise im Oktober 2021 auf. D.h. wir haben eine viel zu hohe Inflation auf der Berechnungsbasis einer damals schon viel zu hohen Inflation. Das ist nicht bullisch, auch, wenn die Jahresrate im Vorfeld mit 8,0 Prozent prognostiziert worden war. Dass die US-Preise im Oktober gegenüber dem Vormonat um 0,4 Prozent weiter stiegen, genauso viel wie von August auf September, macht das deutlich. Trotzdem explodierten die Aktienindizes förmlich, als diese Zahlen herauskamen. Alle plemplem? Einige womöglich schon, aber eine derartige Kursexplosion wie am Donnerstag, im folgenden Chart als 15-Minuten-Chart des DAX über die vergangene Handelswoche hinweg gezeigt, kann nicht nur auf unwissenden und zugleich undisziplinierten Zockern fußen. Also?

Börse aktuell: Short Squeeze im DAX im November | Online Broker LYNX

Der Faktor Short Squeeze

Also muss es einen anderen Grund geben, warum die Kurse zuletzt so extrem gestiegen sind. Zumal man ja schon mal registrieren könnte, dass US-Wahl und US-Inflation kein Grund sind, dass unsere Kurse an der Börse aktuell derart steigen. Ein Short Squeeze würde das erklären.

Damit bezeichnet man eine massive Kaufwelle, basierend auf Rückkäufen von schiefliegenden Short-Positionen, seien es Futures Short-Positionen oder leer verkaufte Aktien. Dass es zu so etwas kommt, basiert auf den verlockenden Gewinnchancen insbesondere bei Aktien-Leerverkäufen, die viele das damit einhergehende, hohe Risiko vergessen lassen … bis es schiefgeht und man ausgequetscht wird wie eine Zitrone (woher der Spitzname Short Squeeze“ stammt).

Wenn man Aktien „leer“ verkauft, heißt das: Man verkauft Aktien, die einem gar nicht gehören, die man nie gekauft, sondern nur geliehen hat. Da kann man mit sehr großen Positionen hantieren, weil man nichts anderes zahlt als eine eher kleine Leihgebühr an den eigentlichen Eigentümer der Aktien und darüber hinaus beim Broker, der das für einen abwickelt, eine Sicherheitsleistung zu hinterlegen hat. Daher ist der Hebel gewaltig. Dummerweise aber in beide Richtungen.

Stellen Sie sich vor, Sie würden 1.000 Aktien zu 50 Euro ausleihen, verkaufen und auf fallende Kurse warten. Angenommen, die Aktie fällt auf 40. Dann kaufen Sie diese leer verkauften 1.000 Aktien für 40.000 Euro zurück … das Geld haben Sie ja, weil sie beim Verkauf dieser ausgeliehenen Aktien zu 50 Euro 50.000 eingenommen haben … und kassieren sportliche 10.000 Euro als Gewinn, abzüglich einer kleinen Leihgebühr. Die Sicherheitsleistung ist ja keine Bezahlung, die wird freigegeben, sobald Sie diese Position geschlossen haben. Das klingt verlockend. Es sei denn, es läuft in die falsche Richtung.

Denn steigt die Aktie entgegen Ihrer Erwartung auf 60, wird es eklig. Ihre Sicherheitsleistung beim Broker dürfte damit aufgezehrt sein. Um die Leerverkaufsposition zu halten, müssten Sie Geld nachschießen. Das viele, die als Leerverkäufer agieren, aber nicht haben. Was tun? Sie müssen aus der Position raus, sonst werden die Verluste immer größer, außerdem wird der Broker Ihre Position zwangsverkaufen, wenn die Sicherheitsleistung aufgebraucht ist. Also bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als die Aktien so schnell wie möglich zurückzukaufen. Zu 60.000 Euro. Macht 10.000 Euro Verlust. Plus die Leihgebühr.

Da die Short-Seller genauso wie Akteure, die Long sind, in der Regel Stop Loss-Levels einziehen, zu denen die Positionen bei Schieflagen automatisch sofort geschlossen werden (sprich die Aktien dann zurückgekauft werden) und diese Levels normalerweise knapp über wichtigen charttechnischen Widerständen liegen, über denen weitere Kursanstiege zu befürchten sind, massieren sich solche Leerverkaufs-Rückkäufe über wichtigen Chartmarken. Und steigern die Dynamik der Rallye damit noch zusätzlich. D.h. die Bären kaufen, weil sie überrollt werden, und machen den Kursanstieg, der sie überrollt hat, dadurch nur noch extremer. Ich habe hier mal ein paar typische Punkte im Dow Jones-Chart eingezeichnet, die solche Short-Squeezes ausgelöst haben dürften:

Börse aktuell: Potentielle Short Squeeze Auslöser im Dow Jones ab Oktober 2022 | Online Broker LYNX

Aber eines muss man dabei im Hinterkopf behalten: Nur, weil ein bärischer Trader aus seiner Position herausgequetscht wurde, wird er ja im Geiste nicht bullisch. Solche Käufe sind Niederlagen der Bären, verändern aber deren Sicht der Dinge, die Grundlage, auf der sie Short gingen, nicht. Und wenn dann auch noch die Rahmenbedingungen an sich bärisch bleiben, muss man einen solchen Short Squeeze, der auch die Reaktion auf die US-Inflationsdaten am Donnerstag intensiviert haben dürfte, als temporäres Phänomen einordnen, nicht aber als einen „Game Changer“.

Ein solides Fundament … sieht anders aus

Fassen wir all das zusammen, bleibt unter dem Strich:

  1. Die Kurse steigen im Vorfeld einer Terminmarkt-Abrechnung: Das ist ein temporäres Zugpferd.
  2. Ein Gutteil der Kursgewinne bei DAX und Dow basiert auf Umschichtungen in angeblich „sichere Häfen“ in Form von Aktien aus klassischen Industriebranchen, die aber genau dadurch überbewertet werden und deswegen dadurch bald keine „sicheren Häfen“ mehr sind.
  3. Die US-Wahl fällt als Hausse-Argument aus, weil das Ergebnis keine allzu großen Veränderungen erwarten lässt.
  4. Dass die Inflation jetzt so weit im Griff ist, dass Zinserhöhungen entweder winzig ausfallen oder gleich ganz beendet werden, ist Wunschdenken, das sogar von mehreren „Fed“- und EZB-Notenbankern bereits gedämpft wurde. Da dann einfach wegzuhören ist keine nachhaltige Basis für weiter steigende Kurse.
  5. Der Short Squeeze dürfte mittlerweile so ziemlich durch sein, denn fast alle Chartmarken, über denen Stop Loss-Levels hätten liegen können, wurden bereits überwunden. Damit ist wieder Raum für die Bären, sich neu aufzustellen.
  6. Die großen Indizes außerhalb des Technologiesektors sind markttechnisch stark überkauft, das wird in den kommenden ein, zwei Wochen Gewinnmitnahmen provozieren die sich, da die Rahmenbedingungen weiter bärisch sind, auch zu neuen Abwärtsimpulsen auswachsen können.

Diese Super-Rallye hat daher aus meiner Sicht ein Fundament, auf das ich nicht einmal einen Klappstuhl stellen würde, geschweige denn Geld auf der Long-Seite einsetzen würde. Gut, das ist meine ganz subjektive Wertung der Dinge, das kann und wird mancher anders sehen. Aber auch, wer jetzt innerlich jubiliert und die Wende als vollzogen ansieht, täte sicher gut daran, sich an eines zu erinnern: Unverhofft kommt oft. Vor allem an der Börse.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 11.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Bislang hatte Joe Biden knappe Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses. Die letzten Umfrage-Auswertungen deuten allerdings an, dass es damit ab morgen vorbei ist, denn da stehen die sogenannten „Midterm Elections“ an. Die Mehrheit im Repräsentantenhaus wird nahezu sicher fallen, die im Senat möglichweise auch. Damit droht eine fatale Patt-Situation. Aber der Aktienmarkt tut so, als wäre nichts. Warum?

Die Ergebnisse von per Computer durchgespielten Wahlausgansszenarien ergaben am Samstagnachmittag eine Wahrscheinlichkeit von 55:45, dass die Republikaner nach diesen „Midterm Elections“ die Mehrheit im Senat haben werden. Für das Repräsentantenhaus, die zweite Kammer des US-Kongresses, standen die Chancen sogar 84:16 für die Republikaner. Würde die Wahrscheinlichkeit siegen, hieße das, dass eine demokratische US-Regierung einer republikanischen Mehrheit im Kongress gegenübersteht. Das ist per se ungut. Aber zunächst mal: Was ist das überhaupt für eine Wahl?

Midterm Elections: Die Grundidee ist gut, aber …

Der US-Kongress hat zwei Kammern: den Senat mit 100 Sitzen und das Repräsentantenhaus mit 435 Sitzen. Dabei haben wir hier nicht eine aktive und eine eher passive Kammer wie bei Unter- und Oberhaus in Großbritannien oder Bundestag und Bundesrat, sondern zwei parallel zueinander agierende Kammern, die mit der Regierung und miteinander interagieren.

Der Senat besteht aus jeweils zwei Senatoren aus jedem der 50 US-Bundesstaaten, die für sechs Jahre gewählt werden. Was natürlich das Problem birgt, dass da einige, die sich als untauglich erweisen, lange auf ihrem Sitz kleben, dass bevölkerungsarme Bundesstaaten genauso viel Einfluss haben wie bevölkerungsreiche und manches mehr. Aber darum geht es jetzt nicht.

Das Repräsentantenhaus ist mit dem Bundestag vergleichbar. Hier ziehen die Wahlsieger aus den Wahlen in den 435 US-Wahlkreisen ein. Dass diese Wahlkreise oft nicht gerade fair gestaltet sind, ist nur einer von vielen Kritikpunkten, aber auch das interessiert die Börse natürlich eher wenig. Diese „Kongressmen“ werden für zwei Jahre gewählt.

Damit müssen also alle zwei Jahre die Angehörigen des Repräsentantenhauses neu gewählt werden. Zudem werden nicht alle Senatoren alle sechs Jahre zugleich gewählt, sondern alle zwei Jahre ein Drittel. Wobei die Verteilung immer recht bunt ist, d.h. in einigen Bundesstaaten steht diesmal gar keine Wahl an, in anderen wird ein Sitz neu vergeben, in anderen alle beide.

Die Grundidee ist schon sehr gut, finde ich. Erstens kontrollieren sich da zwei Kammern gegenseitig und stellen in ihrer Gesamtheit das Gegengewicht zur Regierung dar. Wobei die Wahlen durchaus auch mal so ausfallen können, dass die Partei eines neu gewählten Präsidenten von Anfang an in keiner Kammer eine Mehrheit hat, weil die Präsidentenwahl, die der Senatoren und die des Repräsentantenhauses voneinander unabhängig sind. Das passierte z.B. Bill Clinton bei seiner Wiederwahl 1996, vor ihm George Bush 1988. Und Nixon hatte nie eine Mehrheit seiner Partei in auch nur einer der beiden Kammern.

Und da sich ein Präsident allemal auch als Pleite erweisen kann, ist es gut, wenn die Bürger das nicht vier Jahre ertragen müssen, sondern die Chance haben, einem schlechten Präsidenten nach zwei Jahren eine gegen ihn laufende Mehrheit im Kongress zu verpassen. Denn die könnte dann gefährliche oder einfach nur schlechte Entscheidungen verhindern, indem die dann geltende Mehrheit der Gegenpartei dem Präsidenten die Zustimmung verweigert. Aber es gibt eben ein großes „aber“!

Ein Patt kann hilfreich sein … oder aber alles zum Stehen bringen

Diese Struktur funktioniert dann und bringt ein Land voran, wenn alle Beteiligten nicht nur konstruktiv agieren können, sondern es auch wollen. Und genau da liegt das Problem. Seit Jahrzehnten wird das Phänomen immer extremer, dass die Gegenseite neue Vorhaben egal welcher Natur grundsätzlich ablehnt, um sich eigene Vorteile zu verschaffen. Denn wenn man die Regierung im Regen stehen lässt, steigert man so die Chance, dass die Wähler diese bei der nächsten Wahl, hier also im November 2024, abwählen und man selbst ans Ruder kommt.

Diese „Strategie“, die man zwar vor allem den Republikanern zuschreibt, von der sich die Demokraten aber keineswegs freisprechen könnten, führt zu einer fatalen Blockade von allem. Wichtige Entscheidungen werden erst einmal gestoppt, ewig verhandelt, in faule Kompromisse verwandelt und dann als untaugliches „Wischiwaschi“ viel zu spät auf den Weg gebracht.

Die Grundidee, dass die Parteien bei unterschiedlichen Kräfteverteilungen konstruktiv zusammenarbeiten und so etwas Besseres herauskommt als würde eine Partei einfach „durchregieren“, ist damit eine Illusion. Wenn die Umfragen bzw. Prognosen Recht behalten, steht den USA zwei Jahre lang ein politischer Stillstand bevor, denn wie liefe die Entscheidungsfindung bei größeren Vorhaben jetzt ab?

Gegenseitige Blockade ist zu erwarten

Angenommen, der Präsident will ein neues Gesetz verabschieden, braucht er dafür die Zustimmung des Kongresses. Die er, weil dann die Republikaner die Mehrheit haben, nicht bekommt. Er kann zwar zum Teil mit sogenannten Dekreten (executive orders) agieren, aber nur, in der Sache und der zeitlichen Reichweite gleichermaßen, beschränkt.

Andererseits kann eine republikanische Mehrheit in den beiden Kongresskammern nicht einfach gegen den Präsidenten regieren. Denn auch, wenn man so eigene Vorhaben im Kongress durchbringt, hat der Präsident immer ein Vetorecht. Und ein solches Veto lässt sich nur aufheben, wenn in beiden Kammern eine Zweidrittelmehrheit für die Aufhebung stimmt. Und solche Mehrheiten werden die Republikaner eben auch nach den Midterm Elections nicht haben.

Also wird vieles, was Biden noch vorhat, nicht mehr Realität. Und was die Republikaner erreichen wollen, wird im Weißen Haus ausgebremst. Man wird auf politischer Ebene nicht imstande sein, schnell und entschlossen auf neue Herausforderungen zu reagieren, es sei denn, die Situation wäre so dringlich, dass die Kongressmitglieder ebenso wie die Regierung ihre parteipolitischen Spielchen sein lassen und sich ihrer Verantwortung für das Land erinnern.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 nach den Midterms Elections von 1997 bis 2022 | Online Broker LYNX

In einer Situation, in der eine Rezession droht, die die soziale Schere noch weiter auseinander klaffen lassen wird, in der die geopolitischen Spannungen vor allem in Bezug auf Russland und China die Atmosphäre des kalten Kriegs wiederbeleben und ein tiefer politischer Graben durch die USA geht, den Biden nicht einmal im Ansatz zuzuschütten vermochte, eine üble Perspektive. Eine, die letztlich auch negativ für die US-Wirtschaft ist. Aber die Börse tut aktuell so, als wäre nichts. Und das, wie der vorstehende Chart zeigt, der die Zeitpunkte der Midterm-Elections und ihrer Ergebnisse seit 1998 zeigt, nicht zum ersten Mal. Seltsam?

Für die Börse heißt ein „Patt“ weniger Einmischung

Nein, wenn man weiß, dass man an der Börse gerne in Stereotypen denkt, auch, wenn die allzu oft von der Realität eingeholt werden. Hier wird die Idee hoch gehalten, dass eine lahmgelegte Politik sich weniger in die Belange der Wirtschaft eimischen kann und das positiv sei, weil man in der Wirtschaft zusammen mit der Notenbank besser weiß, was zu tun ist, als die Politiker. Im Prinzip klingt das logisch, immerhin sind viele, die in der Politik die Strippen ziehen, nicht vom Fach und verfolgen auch mal Interessen, die den Unternehmen zuwiderlaufen. Aber:

Dieser Stereotyp ist zu simpel gestrickt. Oft genug hat es sich gezeigt, dass die dominanten Kräfte der Wirtschaft, keineswegs nur in den USA, nur das eigene Profitziel vor Augen haben. Das aber mittelfristig umso mehr Probleme und Verluste einbringt, wenn man die Arbeitnehmer und damit den Verbraucher als denjenigen, der am Ende der Kette dafür steht, dass solche Gewinne auch von Dauer sind, nicht einbezieht.

Dass Unternehmen die immense Inflation nutzen, um in deren Kielwasser den eigenen Profit zu steigern, wie wir das (nicht nur) bei vielen Nahrungsmittelherstellern erleben, ist da nur ein Beispiel von vielen. Das ist kurzfristig aus eigener Sicht clever, mittelfristig äußerst dumm.

Wird die Politik durch den Wähler bzw. das eigene Fehlverhalten bei einem politischen Patt kaltgestellt, ist das für die wirtschaftlichen Perspektiven also keineswegs zwingend eine gute Sache. Doch für die kommenden Wochen wären solche Erwägungen irrelevant, falls die Mehrheit der Akteure den Stereotyp eines bullischen, politischen Patts spielen will. So, wie z.B. 2014, als sich das Szenario ereignete, das jetzt wahrscheinlich ist. Barack Obama bzw. seine Demokraten verloren damals die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus gleichzeitig. Der Chart zeigt:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 nach den Midterms Elections 2014 | Online Broker LYNX

Der US-Aktienmarkt hatte damit absolut kein Problem, die vorherige Rallye setzte sich noch mehrere Wochen lang fort. Wird es diesmal genauso laufen?

Jede Situation ist anders … man sollte sich besser nicht auf „Blaupausen“ verlassen

Das ist offen, eher sogar fraglich. Denn von einer Rallye kann in Bezug auf den US-Aktienmarkt ja derzeit keine Rede sein. Es kommt vielen von uns nur so vor, weil der DAX so stark läuft und man gewohnt ist, dass der den US-Aktienindizes brav hinterherläuft. Aber wenn wir uns ansehen, wie sich DAX und S&P 500 in den vergangenen sechs Monaten entwickelt haben, stellen wir fest:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und DAX im Vergleich im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Während der DAX wieder an sein Hoch vom September gelaufen ist und über die letzten sechs Monate gerade mal 1,5 Prozent hinten liegt, liegt der marktbreite S&P 500 8,5 Prozent im Minus. Vor allem seit Ende September hinken der US-Aktienmarkt und da vor allem die Technologiebranchen auffällig hinterher. Dass es ausgerechnet bei uns läuft, wo das Wachstum besonders schwach ist, die Notenbank mit ihren Maßnahmen hinterherhinkt und internationalen Investoren Währungsverluste drohen, ist schon eher kurios und, vermutlich, nicht für die Ewigkeit gemacht. Aber es deutet an, dass man diesen Midterm Elections und ihrem wahrscheinlichen Ausgang nicht gerade mit Euphorie entgegensieht.

Als Obama nach der Wahl 2014 den Kongress gegen sich hatte, war die Gesamtsituation nicht von Krisen bestimmt wie heute. Krisen, die nicht alleine von den Notenbanken und der Wirtschaft alleine beherrscht werden können. Als Trump 2018 zumindest die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlor, wurde der Abwärtstrend nach einem kurzen „Hüpfer“ wieder aufgenommen, aber dabei spielten die dann ab Januar neu formierten Mehrheiten keine Rolle. Es ging um das Wachstum, um den Handelskrieg und vor allem um die damaligen Leitzinserhöhungen der US-Notenbank, die im Dezember dann beendet wurden. Das trieb die Anleger um, die Mehrheiten im Kongress spielte Ende 2018 keine so große Rolle.

Ob die Börse sie ignoriert oder nicht: Diese Wahl ist wichtig

Das kann diesmal anders sein. Aber ob man, da es die Spatzen längst von den Dächern pfeifen, diese kommenden zwei Jahre politischen Stillstands bereits eingepreist hat oder nicht … ob die Prognosen am Ende wirklich zutreffen oder nicht … ob andere Themen umgehend wieder übernehmen oder die Politik länger auf die Kurse wirkt als nur ein, zwei Tage … es wäre vermessen, das weissagen zu wollen. Wichtig ist nur eines:

Ob der Aktienmarkt die Ergebnisse der Midterm Elections ignoriert oder eine ausgeprägte Reaktion erfolgt, mittelfristig ist es in dieser so schwierigen Phase in jedem Fall von großer Bedeutung, ob in Washington im Notfall schnelle, konsequente Entscheidungen fallen oder sich auch wichtige Dinge so lange hinziehen, bis es zu spät ist. Ich für meinen Teil werde diese Wahl wie immer in den letzten über 30 Jahren nonstop verfolgen, sobald an der Ostküste die ersten Wahllokale schließen. Denn neben ihrer Bedeutung sind US-Wahlen gerade wegen dieses eher komplexen politischen Systems mit den oft skurrilen Besonderheiten beim Wahlsystem auch äußerst spannend!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 04.11.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Es ist nicht die erste mehrwöchige Rallye, die die Aktienmärkte in diesem Jahr sehen. Bislang sind sie alle gescheitert und neuen Tiefs gewichen. Aber irgendwann wird aus einer Rallye eben auch die endgültige Aufwärtswende. Ist es diese, die den Turnaround bringt … oder scheitert sie wie ihre Vorgängerinnen? Dafür ist die Gesamtsituation entscheidend, sehen wir uns die anhand einiger entscheidender Eckpunkte einmal an.

Abwärtsbewegungen, die in einem eindeutig bullischen Marktumfeld auftauchen, sind entweder durch Gewinnmitnahmen ausgelöst oder durch kurzfristige Irritationen. So etwas dauert nie lange, dann sind die Käufer wieder da. Aufwärtsbewegungen innerhalb einer Baisse, wie an der Börse aktuell, werden von Short-Eindeckungen und dem Aufkeimen von Hoffnungen initiiert. Letztere können sehr hartnäckig sein, weshalb Rallyes in Abwärtstrends stärker ausfallen und länger anhalten können als Rücksetzer in einer Hausse. Aber nur, wenn die Hoffnungen auch einen tauglichen Unterbau haben, wird mehr daraus. Es müsste sich etwas in den Rahmenbedingungen abzeichnen, das imstande wäre, die Kurse lange genug oben zu halten, bis die Wirtschaft wieder durchstartet. Haben wir diese Situation gerade?

Eigentlich hat die Krise ja noch nicht einmal begonnen. Noch haben wir keine wirkliche Rezession, weder in den USA noch in Europa. Noch ist auch die Inflation nicht besiegt, im Gegenteil, es ist ja noch nicht einmal eine Art Topp erreicht. Wer momentan beherzt Long geht, muss unterstellen, dass die Rezession gar nicht kommt, dass es gelingt, die Inflation zu stoppen und zum Teil wieder umzukehren, ohne dass die Volkswirtschaften nennenswert ins Wanken geraten, ohne dass Unternehmen unter Wasser geraten. Man muss darauf setzen, dass es nicht zu einer Lohn/Preis-Spirale kommt, das Volumen platzender Kredite gering bleibt, die Verbraucher trotzdem den Konsum befeuern. Fangen wir mal mit dem an, was dieser Klientel als Beweis dient: Das wider Erwarten um 0,3 Prozent gestiegene deutsche Bruttoinlandsprodukt des dritten Quartals.

Na also, alles im Griff? Das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts

Man hatte seitens der Volkswirte im Schnitt einen Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent zum Vorquartal vermutet, gemeldet hat das Statistische Bundesamt aber einen Zuwachs um 0,3 Prozent. Und zwar real, also um die Inflation bereinigt. Zum Vorjahr liegen wir dadurch immer noch 1,2 Prozent höher, vermutet hatte man einen Rückgang auf +0,7 Prozent.

Das ist überraschend. Aber wenn ich so etwas hier als Kommentar zu diesen Zahlen lese, fürchte ich, da gibt es einige, die nichts von dieser Krise haben kommen sehen und jetzt bestätigt sehen, dass sie richtigerweise auf die ewige Hausse gesetzt hatten: „All jene, die Deutschland (und Europa) in eine tiefe Rezession stürzen sahen, müssen bitter enttäuscht sein.”

Das kommt von einem Unternehmen, das Geld der Sparer verwaltet. Unfassbar. Wer so etwas schreibt, unterstellt, dass, wer vor der Rezession warnt, selig ist, wenn sie kommt und andere leiden. So etwas als Aussage von einem großen deutschen Vermögensverwalter, das lässt tief auf das Denken desjenigen blicken, der so etwas verbreitet. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass nicht wenige ähnlich denken. Was aber hieße: Viele unterstellen, dass dieses Plus im Bruttoinlandsprodukt der Beweis sei, dass es nicht zu einer Rezession kommt.

Börse aktuell: Entwicklung BIP Deutschland von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Meines Erachtens haben wir de facto längst eine Rezession, in den USA ebenso wie in Deutschland. Warum das dritte Quartal ein Wachstum zeigte? Das Statistische Bundesamt sah den privaten Konsum als Wachstumstreiber. Das ist gut, wenn das auf einer großen Mehrheit solventer Bürger fußt, denen ein paar Quartale immens steigender Preise nichts ausmachen und die keinen Grund sehen, deswegen weniger zu konsumieren. So etwas finde ich in meinem persönlichen Umfeld aber eher weniger. Und nichts im Zuge von ZEW-Indizes, ifo-Index, Einkaufsmanagerindizes oder den Meldungen aus Industrie und Dienstleistungssektor würde bestätigen, dass die Deutschen nicht nur einfach weitermachen wie bisher, sondern noch eine Schippe drauflegen. Also, was könnte das Wachstum ausgelöst haben?

Was wurde weniger im Juli, aber im August und September extrem viel gekauft? Wenn ich mich umschaue, stelle ich fest: Im August und besonders im September wurde Heizöl, kaum erhältlich und teuer, aus Angst vor dem Winter gebunkert. Holz und Pellets dito, Elektroöfen und Notstromaggregate ebenfalls. Beim heimischen Baumarkt war Mitte September schon die dritte Charge an Elektro-Heizkörpern ausverkauft. Kaum da, schon aus dem Laden geschleppt, die Nachfrage immer noch nicht gestillt. All diese Dinge hätte in einem normalen Umfeld kaum jemand erworben. Und wir reden da meist von dick vierstelligen Summen! Eine Tonne Pellets kostet gerade fast das Vierfache des Preises von vor zwei, drei Jahren. Notstromaggregate liegen zwischen 600 und 2.000 Euro. 2.000 Liter Heizöl kosten über 3.000 Euro. Das alles geht ins Bruttoinlandsprodukt mit rein. Also täte man wohl gut daran, diese Zahlen nicht als Beweis dafür zu sehen, dass die Krise nebst Rezession abgesagt ist. So, jetzt genug damit, kommen wir zu anderen Punkten:

Inflation? Bei bester Gesundheit!

Gestern kam auch die Vorab-Berechnung zur deutschen Inflationsrate im Oktober. Mit einer Jahresrate von 10,4 Prozent, in der harmonisierten, d.h. der Eurozone einheitlich angeglichenen Berechnung sogar von 11,6 Prozent sehen wir: Die EZB hat bislang keinen Grund, über eine Pause bei den Zinserhöhungen nachzudenken. Was aber viele derer, die an der Börse aktuell DAX & Co. nach oben kaufen, unterstellen.

Alleine zum Vormonat ging es mit den Preisen hierzulande um 0,9 Prozent nach oben, die Prognosen hatten nur bei +0,6 Prozent gelegen. In der harmonisierten Berechnung waren es sogar +1,1 Prozent (Prognose +0,5 Prozent). Wenn wir uns das mal indexiert ansehen, und zwar in der realeren, weil harmonisierten Variante, sehen wir: Vor einer Abflachung der Inflation ist nichts zu sehen.

Börse aktuell: Entwicklung Harmonisierter Verbraucherpreisindex Deutschland von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und diese Ergebnisse machen auch klar, dass man sich über eine noch wachsende Wirtschaft lieber nicht freuen sollte, denn genau das befeuert ja die Nachfrage, die Preise und somit die Notwendigkeit, die Inflation durch noch höhere Zinsen zu stoppen. Und es birgt das Risiko, dass man mit den Zinsanhebungen zu weit geht.

Denn all diese oben genannten, kapitalintensiven Käufe der letzten Monate fallen dafür ja im Winter weg bzw. andere Dinge können, weil das Geld für Pellets, Heizöl oder Aggregate draufging, dann eben nicht gekauft werden. Die Wirtschaft wird also durchaus zurückkommen, die Nachfrage sinken und das die Inflation bremsen. Aber mit diesen aktuellen Daten eines starken Bruttoinlandsprodukts und einer weiter zu hohen Inflation werden die Zinsen erst einmal weiter angehoben … und werden das Loch, in das die Wirtschaft eben am Ende doch fallen wird, vertiefen. Weiter im Text: Was tut sich am Aktienmarkt?

Es ist eine Rallye wie die anderen … und bislang ziehen die entscheidenden Akteure nicht mit

Rallyes haben eine hypnotische Wirkung, die aus ihnen herausstrahlende Zuversicht ist ansteckend, selbst dann, wenn es ihr an einem soliden Unterbau fehlt. Oder besser: gerade dann. Denn natürlich stecken viele Anleger jetzt in der Verlustzone fest, was könnten die lieber sehen als eine Rallye? Da schaut man nicht genauer hin, ob das alles Hand und Fuß hat, das nimmt man gerne als „richtig“ und „sicher“ an und hilft aktiv mit, die Kurse anzuschieben, immerhin wirkt es bei vielen Aktien jetzt, als könne man da die Schnäppchen des Jahrzehnts machen, einfach, weil sie schon so weit gefallen sind. Außerdem wächst mit jeder vorherigen, abverkauften Rallye die Hoffnung, dass die nächste dann endlich wirklich die Wende bringt.

Aber wie eingangs erwähnt kann so etwas nur dann eine echte Wende werden, wenn die Basisfaktoren, die die Baisse initiiert hatten, entweder ins Positive gedreht haben oder dies zumindest in nächster Zeit zu erwarten ist, wobei „in nächster Zeit“ eine Spanne zwischen drei und sechs Monaten zu sein pflegt.

Und es ist vor allem nötig, dass nicht nur hoffnungsvolle Privatanleger kaufen, sondern auch diejenigen, die mit dem richtig großen Geld agieren und damit Trends machen und genauso auch kippen können: Zum einen die großen Trader am Terminmarkt, zum anderen die institutionellen Investoren wie Fonds und Pensionskassen. Und in beiden Bereichen sieht es momentan noch nicht so aus, als würde man da ernsthaft auf Hausse drehen.

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung der Kredite für Derivate-Margin in den USA von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

So sehen wir im vorstehenden Chart, dass das Volumen der Kredite für Sicherheitsleistungen im Derivatebereich, die sogenannten „Margin Debits“, weiter gefallen ist. Hier haben wir zwar bislang nur die Entwicklung bei zum 30.9., d.h. es könnte im Oktober wieder zu einer Zunahme der Zocker-Positionen gekommen sein. Aber ich würde vermuten, dass dieser Anstieg der Volumina, mit denen Derivate auf Kredit getradet werden, dem immensen Anstieg des Aktienmarkts nicht entsprechen wird. Denn wer derart riskant zockt, tut das nur, wenn er/sie sich wirklich gute Chancen ausrechnet, bei Margins auf Pump ist man beim kleinsten Fehler weg vom Fenster.

Auffällig ist auch, dass die Barreserven der US-Fonds zuletzt neue 20-Jahres-Hochs erreicht haben. Wenn die Fonds nennenswert kaufen und zugleich die Barreserve steigen soll, müssten sie von frisch zufließendem Geld der Sparer förmlich erdrückt werden. Davon war bislang aber nichts zu hören. Die steigende Barreserve wäre also wohl richtiger so interpretiert, dass sich die Fondsmanager noch gezielt zurückhalten, dieser Super-Rallye eher misstrauen, eben weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Denn sie wissen sehr wohl:

Börse aktuell: Entwicklung der Barreserven der US-Fonds in Prozent | Online Broker LYNX

Ob US-Notenbank und EZB dann Ende des Jahres einen 0,50 Prozent-Zinsschritt statt eines Schritts von 0,75 Prozent machen, ändert an der Gemengelage an sich absolut nichts. Für die überschuldeten Privathaushalte dies- wie jenseits des Atlantiks sind die Zinsen auch jetzt schon zu hoch, die in den USA bereits über sieben Prozent gelaufenen Hypothekenzinsen mal sowieso.

Zudem war von vornherein klar, dass man irgendwann das Tempo senken bzw. eine Pause einlegen wird, um die Wirkung der Zinsmaßnahmen zu prüfen, weil man dort ja weiß, dass diese Wirkung erst mit Zeitverzögerung eintritt. Damit sind solche Gerüchte bzw. Hoffnungen nichts, was etwas Neues bergen würde. Und sie sind per se eben auch nicht bullisch. Jetzt abschließend der Blick auf die charttechnische Situation. Ein Blick auf den DAX zeigt:

Stärkste Rallye seit Ende 2020 im kritischsten Umfeld seit Jahrzehnten: Wer soll da noch kaufen?

So stark wie in diesem Oktober hatte der DAX zuletzt im November 2020 zugelegt. Damals waren die US-Wahl und die Corona-Impfstoffe die Treiber gewesen. Auch diesmal steht eine US-Wahl an, morgen in einer Woche. Aber sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass sich US-Regierung und Kongress gegenseitig blockieren, weil die Demokraten ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus und, wenn es dumm läuft, auch im Senat verlieren. Das wäre in einer Situation wie dieser ein „Worst Case“-Szenario, denn das verheißt nicht frischen Wind, sondern völlige Windstille, für zwei lange Jahre. Also nichts, das als Argument dienen würde, jetzt auf die Rückkehr starken Wachstums zu setzen. Vor allem nicht, nachdem der DAX bereits relativ stark in kurzer Zeit gelaufen ist.

Börse aktuell: Prozentuale Entwicklung DAX pro Monat von 2014 bis 2022 pro Monat | Online Broker LYNX

Das gilt für den Dow Jones natürlich ebenso. Dabei gab es dort durchaus viele miese Quartalsbilanzen. Aber wie üblich in Hoffnungs-Rallyes verkaufte man die „schlechten“ Aktien, nur, um sie ein paar Tage später dann als Schnäppchen anzusehen und bis dahin einfach andere Aktien zu kaufen, die ihre Ergebnisse noch nicht gemeldet hatten. Und wer den Break über die 200-Tage-Linie, der dem Dow Jones am Freitag gelang, als massiv bullisches Signal ansieht, sollte erst einmal diesen Chart betrachten:

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones und RSI-Indikator im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Das war dem US-Flaggschiff Mitte August auch gelungen, auch die da geltende Abwärtstrendlinie wurde überboten. Aber kaum war das vollzogen, warteten diejenigen, die das aktiv befeuert hatten, auf Anschlusskäufe, die nicht kamen. Auffällig war der RSI-Indikator: Der war da erstmals im laufenden Jahr in die überkaufte Zone gelaufen. So etwas passiert selten. Das kann zwar ein paar Tage vorhalten. Aber normalerweise ist dann eine Korrektur, zumindest eine Seitwärtsbewegung nahe.

Damit es diesmal anders läuft, müssten genug Trader, die jetzt noch nicht gekauft haben oder noch zukaufen können/wollen überzeugt sein, dass a) die Notenbanken ihr Tempo herunterfahren, b) das dann auch wirklich etwas ändert und c) die Inflation trotzdem besiegt wird und nicht im Gegenteil das Zaudern der Notenbanker die Lage verschlimmert, weil das Problem sich verstetigt.

Hoffnung und Gier kann viel erreichen, auch eine Wende vor der Zeit. Aber „kann“ heißt nicht „muss“ … und nach diesem Roundup zumindest äußerst skeptisch an den Gedanken heranzugehen, dass jetzt die endgültige Aufwärtswende läuft, kann wirklich nicht schaden. Dass Halloween auch diese Rallye zum Spuk macht, ist die momentan noch wahrscheinlichere Variante für die kommenden Wochen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 28.10.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Man liest immer wieder davon, dass es bestimmte Muster in den Kursen gäbe, die einem ermöglichen sollen, was rational betrachtet eigentlich nicht möglich ist: zu wissen, wo die Kurse morgen, in einer Woche, gar in einem Monat stehen werden. Was ist davon zu halten?

Fangen wir doch gleich mit dem Satz an, mit dem Sie sicher auch gerechnet haben: Es kommt darauf an. Es ist halt kompliziert, wie es ja auch zu erwarten ist, wenn es darum geht einschätzen zu wollen, ob ein ausreichend großer Teil der zig Millionen regelmäßig aktiven Marktteilnehmer weltweit zeitgleich dasselbe tut und dadurch etwas von Bedeutung bewegen wird. Vor allem, weil man davon ausgehen muss, dass man damit versucht, etwas vorauszusehen, von dem viele noch nicht einmal wissen, dass sie es morgen oder übermorgen tun wollen bzw. werden.

Muster kontra das Unerwartete: Letzteres setzt sich immer durch

Mit der Vorhersehbarkeit ist es also so eine Sache. Das gilt ohnehin für alles, aber an der Börse ist die Sache besonders knifflig, weil wir hier eine Nonstop-Dynamik haben, indem das Unerwartete ein bestimmtes Muster auf den Kopf stellt, das durchaus eingetreten wäre, wäre nicht eine Nachricht aufgetaucht, die ansonsten zu erwartende Handlungen eines Großteils der Anleger über den Haufen wirft. Kommt es zu einer solchen Irritation durch eine unverhoffte, gegen die Tendenz weisende Meldung, werden die Karten sofort neu gemischt.

Beispiel von der Börse aktuell: Die vergangene Woche und das zuletzt mehrfach gesehene Muster, nachdem die Phase vor und während einer Abrechnung am Terminmarkt abläuft. Eigentlich hatte ich im Sinn, in diesem Artikel genau dieses Muster zu beschreiben. Aber dann kam gegen 15 Uhr am Freitag eine Meldung, die das Muster sprengte. Und ich, der arme Tor, der sich ausnahmsweise mal auf das dünne Brett einigermaßen berechenbarer Muster begeben wollte, erhielt meine Lektion … immerhin bevor ich diesen Artikel schrieb, den ich ansonsten hätte massiv relativieren müssen.

Ja, es gibt bestimmte Muster im Vorfeld von Terminbörsen-Abrechnungen, die immer am dritten Freitag eines Monats am Aktienmarkt ablaufen. Aber sie sind eben nichts, auf das man sich sicher verlassen könnte. Eben wegen der permanenten Möglichkeit, dass das Unerwartete einem einen Strich durch die Rechnung macht. Schauen wir uns das mal an:

Das Muster der Terminbörsen-Abrechnung: Interessant, aber…?

Der folgende DAX-Chart kennzeichnet die Phasen vor einem Abrechnungstermin jeweils ab dem Mittwoch der Vorwoche, also sieben Handelstage vor dem Termin selbst, und die Abrechnungstage. Es fällt auf, dass ab dem Mittwoch der Vorwoche tendenziell Zug in die Kurse kommt. Es geht eher nach oben, egal, ob der kurzfristige Trend im Vorfeld nach oben oder unten wies. Doch kurz vor der Abrechnung selbst verschwindet diese Aufwärtstendenz wieder, die Kurse beginnen abzurutschen. In zwei der vier Fälle sogar am Abrechnungstag selbst, in den zwei anderen zogen die Kurse am Tag der Abrechnung an. Aha. Und was sagt uns das?

Börse aktuell: Muster im DAX-Chart vor den Terminmarkt-Abrechnungen im Jahr 2022 | Börse aktuell

Dass es am Freitag nach anfänglichem Minus zu Käufen kam, die in den USA sogar deutliche Kursgewinne brachten, gehört in die Abteilung „Unerwartetes“. Das basierte auf der Meldung des „Wall Street Journal“, dass angeblich mehrere US-Notenbanker darüber nachdenken würden, den bislang sehr rigiden Kurs zu verlassen und zumindest ab Dezember kleinere Schritte bei den Zinserhöhungen vorzunehmen. Nun bezweifle ich, dass das „Wall Street Journal“ dazu verlässliche Angaben haben könnte, davon abgesehen, dass Meinungen in beide Richtungen wandelbar sind. Außerdem ist es eigentlich ziemlich Wurst, ob der Leitzins angesichts seiner Höhe dann Anfang 2023 einen halben Punkt höher liegt oder nicht. Aber die (zu) simple Gedankenkette „weniger hoher Leitzins = bullisch für Aktien“ hat eben eine Reaktion ausgelöst, ohne die diese Terminmarkt-Abrechnung wohl anders abgelaufen wäre. Daher sollte man das als Beweis dafür nehmen, dass das Unerwartete jedes Muster sprengen kann. Aber was ist mit diesem Muster an sich?

Wenn sich bestimmte Muster öfter zeigen und an ein bestimmtes Ereignis gebunden sind, neigt man dazu, sie als verlässlich einzustufen. Und würde damit wohl eher über kurz als über lang Schiffbruch erleiden. Weil?

Verhaltensmuster gibt es, aber sie münden nie zwingend auch in Kursmuster

Nicht nur, weil unerwartete Meldungen jedes Muster sprengen können. Sondern weil die Kursbewegungen eben nur die Folge eines dynamischen, kaum vorhersehbaren Entscheidungsprozesses unzähliger Akteure sind. Speziell bezogen auf diese Terminmarkt-Abrechnungen bezogen darf man nicht vergessen, dass die Positionen an der Terminbörse extrem komplex und miteinander verwoben sind. Wenn es im Vorfeld zu steigenden Kursen kommt, die dann aber kurz vor der Abrechnung wieder abrutschen, basiert das auf Anpassungen solcher Positionen, die aber auch andere, nicht abzurechnende Derivate mit einschließen (z.B. die Futures, die nur alle drei Monate mit abgerechnet werden) oder den Kassamarkt. Was man aber weder sehen noch wissen kann.

Wenn wir von extrem komplex sprechen, meine ich damit z.B. auch, dass gerade große Adressen am Terminmarkt selten komplett auf eine Richtung setzen. So hält man, nur als ein Beispiel von vielen Möglichkeiten, Short-Positionen, verkauft aber zugleich Puts mit Basispreisen deutlich unter dem aktuellen Kursniveau, weil man unterstellt, dass die Kurse zwar fallen werden, aber nicht unter einen gewissen Punkt. Zeichnet sich ab, dass die Kurse aber doch tiefer rutschen und diese verkauften Puts in den Gewinn laufen, dem Verkäufer also einen Verlust einbrocken, versucht man, sich da abzusichern, indem man, wiederum eine Möglichkeit von vielen, Gegenpositionen auf der Long-Seite aufbaut, was den Markt nach oben zieht.

Das kann der Grund gewesen sein, der dazu führte, dass es im Vorfeld der letzten vier Terminmarkt-Abrechnungen ein auffällig ähnliches Kursbild gab. Aber wenn man versteht, dass sich die Kurse immer aus sich stets mit den einlaufenden Nachrichten und der Stimmungslage verändernden Motiven heraus bewegen, versteht man auch: Nein, darauf verlassen, dass die Abrechnung im November wieder ein ähnliches Muster zeigt, sollte man sich besser nicht!

Meist eine „Glaubensfrage“: Logik kommt an der Börse auf ziemlich dünnen Beinen daher

Dass Kursmuster bestimmte Reaktionen nach sich ziehen, weiß man natürlich. Wenn genug Marktteilnehmer ein bullisches oder bärisches Muster erkennen und es als relevant einstufen (wobei das nicht zwingend auf Logik basiert, sondern mehr eine psychologisch basierte Kettenreaktion ist), reagieren sie entsprechend. Ein Beispiel an der Börse aktuell wäre der Kampf um die 1.000-Tage-Linie beim Nasdaq 100-Index, siehe der folgende Chart:

Börse aktuell: Ringen um die 1000-Tage-Linie im Nasdaq 100 im Oktober 2022 | Börse aktuell

Da diese Linie seit 2009 nicht mehr nennenswert unterboten wurde, aber mehrere Tests erfolgreich überstand, ist es a) normal, dass das bullische Lager jetzt alles daran setzt, die Linie zu verteidigen und b) der Bruch der Linie als massiv bärisches Signal angesehen würde und kräftige Anschlussverkäufe zu erwarten wären. Dass diese Linie rational betrachtet einfach nur der Durchschnittskurs der letzten 1.000 Handelstage ist und es keinen Grund gibt, den als irgendwie entscheidend einzustufen, spielt keine Rolle … wenn nur genug Trader an die Relevanz der Linie glauben wollen, aber:

 „Game Changer“ können jederzeit auftauchen und jedes Muster sprengen!

Selbst das ist nicht in Stein gemeißelt, wenn die Nachrichtenlage zu einem derart massiven Stimmungsumschwung führt, dass auffällige Kursmuster sofort ins zweite Glied zurücktreten. Das erleben wir beispielsweise bei Einzelwerten andauernd, wenn Unternehmen plötzlich ihre Prognosen anheben oder im Gegenteil Gewinnwarnungen lancieren. Aber solche „Game Changer“ können auch stark genug sein, um den Gesamtmarkt markant und bisweilen auch nachhaltig zu beeinflussen. Das beste Beispiel ereignete sich vor fast genau zwei Jahren, sehen wir uns das noch einmal an:

Börse aktuell: Schulter-Kopf-Schulter-Abwärtswendeformation im DAX im Herbst 2020 und Umkehrung des bärischen Kursmusters | Börse aktuell

Der DAX hatte damals, im Herbst 2020, bereits eine Schulter-Kopf-Schulter-Abwärtswendeformation vollendet und war auch noch durch die 200-Tage-Linie gefallen. Die Hoffnung, die Corona-Problematik werde sich schnell erledigen, war enttäuscht worden, die Anleger sahen, dass die vorherige Rallye auf zu dünnem Eis ruhte und stiegen eilig wieder aus. Ein klares Kursmuster, eine klare Reaktion. Bis zwei Nachrichten alles auf den Kopf stellten:

Zum einen die US-Wahl, zum anderen die Meldung, dass die Impfstoffe gegen Corona jetzt bereit stehen. Beide Nachrichten kamen Anfang November binnen weniger Tage. Es wurde gekauft, als würde es morgen verboten, das bärische Kursmuster wurde im D-Zug-Tempo gesprengt. Und dass die Impfstoffe noch lange nicht verfügbar waren, dass die US-Wahl nicht wirklich viel änderte, all das war dann erst einmal für Monate unwichtig, man kaufte nach dem Prinzip Hoffnung einfach weiter. Fazit:

Wirklich sicher ist an der Börse eben nichts

Muster im Kursverlauf können wegweisend sein, es ist richtig und wichtig, nach solchen Gesetzmäßigkeiten bzw. Auffälligkeiten zu suchen und sie im Hinterkopf zu haben. Aber ein sicherer Wegweiser können sie nicht sein, dazu ist „das Unerwartete“ ein zu starker und vor allem zu regelmäßig auftauchender Faktor. Also?

Ja, jetzt komme ich schon wieder damit: Folgen Sie einfach dem Trend. Je nach Gusto dem kurz- oder mittelfristigen. Ich für meinen Teil gehe nur in Ausnahmefällen Long in einem Index, wenn dessen übergeordneter Trend nach unten weist. Nicht einmal dann, wenn ich mir einbilde zu ahnen, dass die Wende nahe sein könnte. Alleine, weil mir die Erfahrung sagt, dass die meisten anderen, die nicht jeden Tag zehn Stunden die Börsen verfolgen, das womöglich erst viel später ahnen und noch einmal viel später reagieren könnten, so, wie das 2003 oder 2009 auch der Fall war. Aber Kern der Sache ist:

Ich weiß eben nicht, ob eine Rallye kommt, wie lange sie vorhält und ob aus ihr am Ende die Wende wird. Man kann das nicht wissen, also muss man sich darauf einstellen, indem man die Positionierung konsequent mittelfristig sieht.

Das schließt kurzfristiges Feinsteuern nicht aus. Aber kleine Bewegungen wie die, die wir gerade im DAX sehen, „mitsurfen“ zu wollen, ohne auch nur ahnen zu können, ob der Markt nicht am nächsten Morgen mit einer riesigen Kurslücke in die falsche Richtung aufmacht … das muss man sich eher nicht antun. Kursmuster sind interessant, beachtenswert und bisweilen sehr hilfreich für das Trading. Aber eines sind sie eben nicht: verlässlich.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 21.10.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Analysten, Marktstrategen, Verwalter des Kapitals anderer: Sie alle haben eine Verantwortung. Denn was Sie schreiben oder sagen, beeinflusst die Entscheidungen vieler in Bezug auf ihre Ersparnisse. Anhand der jüngsten US-Inflationsdaten und dem, was danach am Aktienmarkt passierte, möchte ich einmal aufzeigen, dass viele ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Zum Schaden all derer, die alles glauben, wenn man ihnen erzählt, was sie gerne hören würden.

Man kann nicht erwarten, dass jeder eine volks- und betriebswirtschaftliche Ausbildung hat, der sein Geld am Aktienmarkt investiert. Und wenn alles und jeder jahrelang behauptet, nur am Aktienmarkt würde man wirklich sein Geld vermehren können und damit darauf abzielt, dass die große Mehrheit, die sich mit der Wirtschaft nicht auskennt und keine jahrelange Erfahrung als Investor hat, auch am Aktienmarkt mitmischt, dann muss man nun einmal für eines sorgen:

Dass diese wenig erfahrene Klientel die Informationen erhält, die nötig sind, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Meist stehen die Geldverwalter auf Ihrer Seite. Aber nicht immer.

Das muss auch im Interesse derer liegen, die zum Einstieg in Aktien trommeln, weil sie daran verdienen. Ja, die gesamte Finanzindustrie müsste daran interessiert sein, dass der normale Sparer das Richtige tut. Und ganz grundsätzlich ist das auch so, schließlich kann man nur Geld verwalten, wenn die Sparer noch welches haben. Aber was ist, wenn es um Situationen geht, in denen die Geldverwalter Angst bekommen, dass ihnen die Sparer davonlaufen? Erzählen sie alle dann objektiv den Menschen, dass es womöglich klüger wäre zu verkaufen, zu deren Vorteil, aber zum eigenen Schaden?

Ich hatte im Juni an dieser Stelle den Artikel mit dem Titel „Warum man sich an der Börse nur auf sich selbst verlassen sollte“ geschrieben, in dem es um irreführende, daueroptimistische und dem Anleger massiv schadende Kursziele und Empfehlungen einiger sogenannter Experten ging. Hier noch mal zur Erinnerung einer der Charts aus diesem Artikel. Ich zeige ihn, so wie ich ihn damals abgebildet hatte:

Börse aktuell: Kursentwicklung Zalando Aktie von 2021 bis 2022 mit immer wieder gesenkten Kurszielen | Online Broker LYNX

Heute, gut drei Monate später, notiert diese Aktie an der Börse aktuell bei 22,31 Euro. Das beantwortet die Frage eigentlich schon. Nein, wenn eine Baisse vorherrscht, die für diejenigen, die an den normalen „Kaufen & Halten“-Sparern verdienen, fatal ist, scheint mancher „Experte“ nicht mehr so ganz zuverlässig in seinem Rat zu sein.

Plakative Schlagzeilen … aber irreführend

Der aktuelle Anlass, dass ich mich mal wieder aufrege, ist das, was einige jetzt a) über die US-Inflation und b) über die „Rallye“ schreiben, die angeblich eine Reaktion auf diese neuesten Inflationsdaten war. Ich hatte Anfang August bereits darüber geschrieben, was von den Sprüchen zu halten ist, die Inflation habe ihren Zenit überschritten. Nicht, dass es irgendjemanden davon abhalten würde, weiter irreführende Dinge zu schreiben, zum Schaden der Anleger.

Aber je mehr Anleger erkennen, dass sie sehr genau hinschauen und sich hüten müssen unbesehen zu glauben, was auffällig ihren eigenen Hoffnungen entspricht, desto geringer wird der Schaden für diese Sparer, für diejenigen, die mit von deren Geld leben und für die Gesamtwirtschaft. Die Lage der Wirtschaft ist problematisch genug. Es ist nicht hinnehmbar, dass sie sich nur deswegen verschärft, weil einige wenige ihre Wegweiser in die falsche Richtung aufstellen, zum eigenen Vorteil, aber zum Schaden anderer. Zum Punkt. Was habe ich da zum Thema US-Inflation gelesen:

Ich sah Schlagzeilen wie „Anleger stecken Inflationsschock eindrucksvoll weg“ oder „Wall Street reagiert mit Rallye auf Preisdaten“. Ich las Aussagen wie „Die Luft entweicht langsam aus dem Inflationsballon“ und “Die Tatsache, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hat und wir vielleicht nicht mehr so sehr mit der Fed zu kämpfen haben, animiert Anleger auf diesem Niveau zum Kauf”.

Erfahrene Investoren werden auf derartige Sprüche einfach nur genervt oder wütend reagieren. Aber zu viele glauben das. Weil es klingt, als würde die Lage besser, die Kurse steigen, ihr Erspartes aus dem Verlust herauskommen. Und was tut, wer hofft? Er kauft … und verliert nur noch mehr. Sehen wir uns mal an, was da denn mit dieser Rallye war:

Wer aufs Glatteis geriet, kaufte am Freitagmorgen

Börse aktuell: Reaktion des DAX auf der Veröffentlichung der US-Inflationsdaten am 13.10.2022 | Online Broker LYNX

Als die US-Inflationsdaten am Donnerstag um 14:30 Uhr herauskamen, krachten die Aktienindizes weg wie ein defekter Fahrstuhl. Das hat jedem Trader, der das Geschehen intensiv verfolgt, klar gemacht: Die Daten waren übel. Dazu muss man kein Volkswirt sein, die Reaktion zeigte es ja. Aber um erfahrene Trader geht es ja jetzt nicht. Es geht um die einfachen Sparer, die abends nach Hause kommen, lesen, die Inflationsdaten seien ein Grund für Käufe gewesen und nur sehen: Der DAX hat im Plus geschlossen.

Das ist die Falle, um die es geht! Daraufhin kam es am Freitagmorgen zu einem Gap Up, einer Aufwärts-Kurslücke, die deutlich machte, dass viele in diese Falle gingen und am Freitagmorgen voller Hoffnung zur Eröffnung ihre Kauforders abgegeben haben, bevor sie erneut zur Arbeit gingen. Wobei das beim DAX bis Freitagabend ja nur moderat daneben ging. Aber schauen wir uns mal den Nasdaq 100 als Vertreter der US-Indizes an:

Börse aktuell: Reaktion des Nasdaq 100 auf der Veröffentlichung der US-Inflationsdaten am 13.10.2022 | Online Broker LYNX

Der Nasdaq 100 schloss am Freitag sogar unter dem Level des Mittwochabends, dem Tag also, bevor die Inflationsdaten kamen. Nach der angeblichen „Rallye auf die Preisdaten“, ausgelöst, wiederum angeblich, wegen der „Tatsache, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hat“, wurde der Freitag ein einziger Abverkauf. Das sollte eigentlich schon alles sagen.

Erst der Crash nach den Daten, der zu der dramatischen Abwärts-Kurslücke zum Handelsstart am Donnerstag führte, dann die wilde Kaufwelle, so dass es für unbedarfte, die sich den Tagesverlauf nicht angesehen haben, aussah, als habe man wirklich auf Basis der Inflationsdaten gekauft … und dann der Freitag. Bitter. Aber kommen wir mal zu dieser Inflation selbst.

Nein, die Inflation hat noch keinen Zenit überschritten

Wenn doch die Inflationsrate von 8,3 Prozent im August auf 8,2 Prozent gefallen ist und im Juni mit 9,1 Prozent schon viel höher war, was ist denn falsch daran zu behaupten, dass die Inflation ihren Höhepunkt hinter sich hat?

Börse aktuell: Inflation USA von 2017 bis 2022 | Online Broker LYNX

Genaugenommen alles. Denn die Jahresrate, die nur ausweist, um wieviel Prozent die Preise gegenüber den Preisen ein Jahr zuvor höher stehen, ist irreführend. Sie sagt genau das aus, die Differenz zwischen Ende September 2021 und Ende September 2022, aber eben nur das. Sie zeigt nicht, ob und wie viel die Preise weiter steigen, weil die Jahresrate durch statistische Basiseffekte verzerrt wird. Und nur darauf kommt es aber an: Ob die Preise weiter steigen oder nicht!

Je höher die Preise zum Zeitpunkt der Berechnungsbasis, also des Vorjahresmonats, schon gestiegen waren, desto mehr muss die Inflationsrate sinken, es sei denn, die Preise würden exponentiell steigen, sprich immer schneller. Rechnen wir mal:

Angenommen, im September 2020 kostete ein Brot 1,00 Dollar. Dann hatten wir im September 2021 eine Inflationsrate von 10,0 Prozent: Das Brot kostete 1,10 Dollar. Hätten wir im September 2022 auch eine Inflationsrate von 10,0 Prozent, würde das Brot nicht 1,20 Dollar kosten, sondern 1,21 Dollar, denn die Basis der 10,0 Prozent-Inflation ist ja nicht der Nullpunkt im September 2020, sondern der Preis vom September 2021. Würde der Preis nicht schneller steigen, also wirklich im September 2022 bei 1,20 liegen, läge die Inflations-Jahresrate nicht bei 10,0, sondern bei 9,1 Prozent.

Und von diesem „Zinseszins-Effekt“ bei der Jahresrate-Berechnung mal abgesehen: Wie kann man sich hinstellen und behaupten, die Inflation gehe zurück, habe ihren Zenit überschritten, wenn die Preise trotzdem weiter steigen? Was ist das für ein Unfug?

Vor allem, wenn die deutlich sinnvollere Berechnungsbasis haushoch vor einem liegt: die jeweiligen Veränderungen zum Vormonat. Ein Rückgang der Inflation würde die Preise dabei zwar … auch das wird ja gerne suggeriert … nicht drücken, eine Inflationsrate von Null zum Vormonat hieße ja nur, dass sie nicht weiter steigen, aber auf dem hohen Niveau bleiben. Aber wenn, müsste man das dort, in der Monatsrate sehen. Ich bilde Ihnen diese Veränderung der US-Inflation von Monat zu Monat hier mal ab Anfang 2019 ab:

Börse aktuell: Inflation USA Monatsrate von 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

Seit der Corona Lockdown-Phase sind die Preise – bis auf zwei Monate ohne Veränderung – jeden einzelnen Monat gestiegen, teilweise dramatisch. Und wenn man für den Juli etwas von „Inflation besiegt“ brabbelte, weil die Preise von Juni auf Juli nicht gestiegen waren: Meine Güte, von Mai auf Juni waren sie 1,3 Prozent gestiegen, in nur einem Monat. Das war bloß eine kurze Verschiebung. Nimmt man beide Monate zusammen, bleiben im Schnitt +0,65 Prozent von Monat zu Monat. Das ist atemberaubend. Und für den gerade berichteten September stiegen die Preise binnen vier Wochen um 0,4 Prozent. Zum Vormonat. Das soll die US-Notenbank bewegen, die Zinsen weniger schnell anzuheben?

Und worum ging es am Donnerstag wirklich?

Das ist Unsinn. Zumal man ja unterstellen darf, das diejenigen, die angesichts der (übrigens über den Prognosen gelegenen) Daten sofort ausstiegen, nicht blind und/oder dumm waren. Und die, die am Freitag verkauften, ebenso wenig. Aber wieso sahen sich dann einige „genötigt“, derart falsche Aussagen in Umlauf zu bringen? Darum ging es hauptsächlich, möchte ich behaupten: Um die 1.000-Tage-Linie beim marktbreiten US-Index S&P 500. Weil?

Börse aktuell: 1000 Tage-Linie im S&P 500 und deren Wichtigkeit | Online Broker LYNX

Weil diese Linie eine langfristig wichtige Unterstützung ist, eine Orientierung für viele große Investoren und auch für manches langfristig kalibrierte Handelsprogramm. Fällt diese Linie, kann das massive Anschlussverkäufe auslösen. Was für Leute, die Geld anderer verwalten, bedeuten würde: Ihnen laufen die Kunden weg. Aber bevor wir das zu bewerten versuchen, auch mal ein Blick auf den Nasdaq 100 und dessen Verfassung an der Börse aktuell.

Beim S&P 500 haben Sie eben gesehen, dass diese Linie zuvor angelaufen wurde, aber noch hielt. Mit der fatal niedrigen Eröffnung nach den US-Inflationsdaten war sie unterboten. Also wurde mit der Brechstange versucht, die Linie zurückzuerobern, um ein massives Verkaufssignal zu verhindern und dann eben auch mit bullischen Sprüchen von wegen überwundenem Inflations-Zenit nachgelegt. Aber der Freitag trug den Index wieder auf die Linie zurück. Und beim Dow Jones, der zuvor schon darunter gelegen hatte und mit der Donnerstags-Kaufwelle wieder über die Linie kam, gilt das ebenso: er sitzt wieder drauf. Und beim Nasdaq 100 sehen Sie es im Chart:

Börse aktuell: 1000 Tage-Linie im Nasdaq 100 und deren Wichtigkeit | Online Broker LYNX

Der war am Donnerstag nicht über diese 1.000-Tage-Linie hinausgekommen und prallte am Freitag genau dort wieder ab. Das wird für die bullischen Trader also ein kniffliger Wochenstart.

Als Ursache für solche irreführende Schlagzeilen gibt es nur zwei Möglichkeiten

Aber könnte man, um die Sache abzuschließen, denn nicht auch denken, dass diejenigen, die diese oben genannten Schlagzeilen und Meinungen von sich gaben, diese Sache mit dem irreführenden Aspekt der Inflations-Jahresrate einfach nicht wussten? Aber natürlich, das könnte sein. Aber das bedeutet:

Entweder, diejenigen haben die Problematik bei der Berechnung der Inflation nicht verstanden. Dann wären sie indes als Verwalter von Geld ungeeignet und sollten sich eine andere Arbeit suchen. Und diejenigen, die mit ihnen oder über ihnen arbeiten und so etwas durchwinken, ebenso. Wäre es so, wäre es schlimm.

Oder man tut es wissentlich, verfälscht die Fakten aus ureigenen Interessen, die denen der Sparer zuwiderlaufen und wird damit seiner Verantwortung nicht gerecht. Wäre es so, wäre es nicht minder schlimm.

Es ist Ihr Geld, es sind Ihre Entscheidungen!

Dabei gibt es sehr wohl nicht gerade wenige, die blitzsauber arbeiten und kluge, korrekte Einschätzungen abliefern. So las ich nach den Inflationsdaten eine Einschätzung des großen Anleihe-Spezialisten PIMCO, bei dem man auch nach dem Weggang der beiden absoluten Koryphäen Gross und El-Erian aufmerksam hinschauen sollte, wenn dort etwas geschrieben wird:

‚Die Kerninflationsdaten für September fiel schlechter aus als unsere bereits über dem Konsens liegende Prognose – und auch die Betrachtung der Details verheißt nichts Gutes für die Federal Reserve (Fed) und die US-Wirtschaft. Die Kerninflation stieg um 0,58 % im Monatsvergleich, wobei erneut gerade die Komponenten für den Anstieg verantwortlich waren, die für die Fed besonders schwer einzufangen sind‘.

Damit will ich hervorheben, dass ganz und gar nicht alle Experten nur „angebliche Experten“ sind. Es gibt viele, die ein herausragendes Fachwissen haben, eine immense Erfahrung besitzen und stur objektiv im Sinne der Anleger arbeiten. Das Problem ist, dass solche Leute nicht wie Marktschreier auftreten, das tun nur die Scharlatane. Die Gefahr, dass sie dadurch beachtet und die „Guten“ übersehen werden, ist groß genug, um immer wieder zu betonen: Schauen Sie genau hin und lassen Sie sich nicht verleiten. Es ist Ihr Geld und nur Sie entscheiden, was damit getan wird!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 14.10.2022, Chartquelle marketmaker pp4