Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 26.-02.10.2022

Tacheles: Der neue Kurs der Notenbanken

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Die neuen Prognosen der US-Notenbank zu Wachstum und Inflation sind starker Tobak. Und „Fed“-Chef Powell nahm in der darauffolgenden Pressekonferenz kein Blatt vor den Mund. Solche kompromisslose Klarheit ist für Notenbanken ungewohnt. Nichtsdestotrotz ist sie richtig … und auch der eingeschlagene Kurs ist alternativlos. Es bleibt allerdings ein Problem.

Zwischen dem Tageshoch des Mittwochs und dem Tagestief des Freitags lagen beim Dow Jones, sonst eher der gemächliche unter den Indizes, 5,6 Prozent. Und nur eine Eindeckungsrallye in der letzten Stunde des Freitagshandels verhinderte, dass er auch am Tief schloss. Trotzdem hat das US-Index-Flaggschiff das vorherige Jahres-Verlaufstief auf Schlusskursbasis unterboten. Und mit ihm der DAX, der MDAX, der TecDAX und der Euro Stoxx 50. Nur Nasdaq 100 und S&P 500 notieren noch leicht über den Tiefs vom Juni. Und wer ist schuld? Die US-Notenbank.

Ungewohnte Offenheit … und trotzdem womöglich vornehme Untertreibung

Wobei man von „Schuld“ nüchtern betrachtet nur bedingt sprechen sollte. Denn Fakten auf den Tisch zu legen, statt den Anlegern nach dem Munde zu reden, ja, das ist für Notenbanken ungewöhnlich. Aber es wurde Zeit dafür. Lieber werden sich auch die Schaumschläger jetzt darüber klar, was die Stunde schlägt, als dass man sie gezielt im Unklaren lässt und dadurch dann einen Crash provoziert, der die Lage dann von „äußerst kritisch“ in „außer Kontrolle“ verwandelt. Denn wenn zu einer Rezession auch noch massive Vermögensverluste kommen, wird es chaotisch.

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones Januar bis September 2022 | Online Broker LYNX

Aber was war es denn, das die Investoren dazu brachte, weiter zu verkaufen? Das könnte man auf vier Kernpunkte reduzieren:

Erstens machte die US-Notenbank mit der drastisch reduzierten Wachstumsprognose klar, dass die höheren Zinsen die Wirtschaft selbstverständlich deutlich belasten werden. Jetzt sieht man für 2022 nur noch ein Bruttoinlandsprodukt-Wachstum von +0,2 Prozent (vorherige Prognose +1,7 Prozent), für 2023 +1,2 Prozent (zuvor +1,7 Prozent) und für 2024 +1,7 Prozent (zuvor +1,9 Prozent). Wobei die beiden folgenden Kern-Vorhersagen andeuten, dass diese Wachstumsraten noch klar zu hoch angesetzt sein könnten.

Zweitens sieht die „Fed“ die Inflation erst 2024 nahe an und 2025 dann wirklich an bzw. unter die Zielzone um zwei Prozent zurückkehren. Das hatte man so nicht erwartet. Die meisten dürften vermutet haben, dass das sehr deutlich schneller geht.

Und angesichts dieser Prognose kann es nicht überraschen, dass die Notenbank den eigenen Leitzins zum Jahresende um 4,4 Prozent sieht, im Jahresmittel 2023 dann bei 4,6 und 2023 bei 3,9 Prozent. Also nichts mit der schnellen Rückkehr zum billigen Geld, das für den Aktienmarkt so wichtig wäre. Dafür wird die Konkurrenz durch langsam so richtig lukrative Anleihe-Renditen immer größer. Wobei die hier gezeigten „Zehnjährigen“ US-Treasuries langfristig gute Renditen bringen, aber kurzfristig geht es noch mehr zur Sache. Die Rendite der „Zweijährigen“ lag am Freitagabend bei satten 4,19 Prozent.

Börse aktuell: Entwicklung der Rendite für 10jährige US-Staatsanleihen | Online Broker LYNX

Viertens, und das könnte besonders heftig gewirkt haben, machte „Fed“-Chef Powell deutlich, dass der Immobilienmarkt durch diese höheren Leitzinsen selbstredend eine Korrektur sehen werde. Was heißt: Neben den rasant gestiegenen Hypothekenzinsen muss man auch mit Wertverlusten bei den Immobilien rechnen, die noch im Sommer Rekordpreise erreicht hatten. Für nicht wenige wäre das ein Waterloo.

Dabei dürfte so mancher erkannt haben, dass diese neue Projektion hinsichtlich eines US-Wachstums, das zwar gedrückt wird, aber noch erhalten bleibt, eine vornehme Untertreibung dessen ist, was da auf die USA und, vergleichbar bis ggf. noch weit heftiger, auf uns zukommt. Und Powell selbst räumte in der Pressekonferenz ein: Niemand weiß, ob es zu einer Rezession kommt und wie schwer diese dann ausfallen würde. Harter Tobak. Und doch notwendig.

Es geht nicht anders als mit einer Rosskur

Ich hatte in den letzten Monaten an dieser Stelle schon öfter auf die fatale Zwickmühle zwischen der aus der Nullzinspolitik entstandenen Überschuldung und den Folgen einer nicht mehr einzufangenden Inflation geschrieben. Man hat da eben nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Dass es irgendwann dazu kommt, dass dieser Irrsinn in sich zusammenbricht, war Notenbankern und Politikern vollkommen klar. Aber man hatte halt immer darauf gesetzt, dass es irgendwann passiert, später, wenn man selber längst aus der Schusslinie ist.

Jetzt aber ist es eben passiert. Und würde man die Inflation laufen lassen, macht sie sich selbständig. Da ist es völlig egal, dass sie ursprünglich durch die gerissenen Lieferketten und daher auf untypischem Wege entstanden ist. Eine Lohn/Preis-Spirale hat bereits eingesetzt. Dass sie von Politik und Notenbanken fleißig negiert wird, macht die Sache nur noch schlimmer. Aber so, wie sich die Lage darstellt, ist ein „Ende mit Schrecken“ durch jetzt dann eben doch schnell und weit angehobene Zinsen besser als ein Schrecken ohne Ende, indem man die Zinsen unten lässt, wacklige Kredite dann nicht sofort platzen, dafür aber in ein, zwei Jahren bei einer Inflation in zweistelliger Größenordnung alles komplett zusammenkracht. Ja, das, was da auf die Weltwirtschaft zukommt, ist eine radikale Rosskur. Aber eben eine, die am Ende die Lage bereinigen wird, wenn man jetzt konsequent dranbleibt.

Das ist es, was vielen Anleger offenbar immer noch nicht klar war. Oder was sie einfach nicht realisieren wollten, weil es so ganz und gar nicht zu ihren Erwartungen und Hoffnungen passt. Aber wann hätte die Mehrheit der Menschen sich jemals zeitgerecht auf ungute Zeiten eingestellt? Das wurde seit jeher fleißig verdrängt und dann war auf einmal das Geschrei groß. Siehe die Subprime-Krise 2008. Oder die Depression nach dem Crash 1929. Daher ist es absolut gut und richtig so, dass die US-Notenbank nicht herumdruckst, sondern Tacheles redet, so unangenehm das den meisten jetzt sein mag. Zumal sie auch die EZB dazu nötigt, langsam Klartext zu reden und zu handeln. Rosskur hin oder her: Die Alternative wäre ein totes Pferd. Also müssen wir da halt durch.

Börse aktuell: Kursrutsche nach Gewinnwarnung bei Hypoport, Kion, Suse und Varta im September 2022 | Online Broker LYNX

Dass die Anleger das jetzt erst realisieren, zeigt sich für mich nicht nur in den neuen Tiefs der Indizes, sondern vor allem in der Reaktion auf Gewinnwarnungen. Damit hätte man nicht rechnen können, wenn man sehenden Auges unterwegs ist, damit hätte man rechnen müssen! Aber wenn wir uns in vorstehendem Chart anschauen, was mit Aktien passiert, die Gewinnwarnungen ausgeben, hier vier Fälle aus der Vorwoche in Charts auf Tagesbasis über drei Monate, wird klar: Das erwischt an der Börse aktuell immer noch viel zu viele auf dem falschen Fuß.

Spätestens jetzt müssen es alle kapiert haben

Dabei hätte man gewarnt sein müssen, es gab genug Indikationen, die glasklar machen, dass es jetzt richtig ungemütlich wird. Beispiel: Die ZEW-Indizes, bei denen Kapitalmarktexperten zu ihrer Einschätzung der aktuellen Lage und zu ihren Erwartungen in Bezug auf die Konjunkturentwicklung der kommenden Monate befragt werden. Wir sehen, dass beide Subindizes für den September mit um die -60 Punkte dramatisch negativ waren. Aussage: Die Lage ist richtig schlecht, wird aber noch viel schlechter.

Börse aktuell: Entwicklung ZEW Konjunkturerwartungen und aktuelle Lage im Vergleich von 2015 bis 2022 | Online Broker LYNX

Dabei muss man bezüglich des Corona-Crashs 2020 genau hinschauen. Es wirkt auf den ersten Blick so, als wäre die Einschätzung da noch negativer gewesen, aber das täuscht. Als die im Chart grün gehaltene Einschätzung der aktuellen Lage unter 80 fiel, das war im April und Mai 2020, war die Erwartungskomponente nämlich schon wieder im positiven Terrain. So düster wie aktuell sah man die Sache also nicht einmal damals.

Es wird Zeit, dass allen klar wird, dass blind in fallende Kurse zu kaufen jetzt nicht gescheit ist. Wobei man durchaus zumindest im Hinterkopf haben sollte, dass der Abstieg des Aktienmarkts gar nicht mal so lange weitergehen muss. Voraussetzung: Man tut jetzt bei Notenbanken und Politik das Richtige. Das da wäre?

Die Inflation könnte viel schneller verschwinden, wenn …

Man muss jetzt die Nerven haben, diese Rezession zuzulassen. Es geht halt nicht anders. Nur, wenn man die Nachfrage dramatisch abwürgt, kommen die Lieferketten wieder in Takt. Dann haben wir eine Situation, in der eine deutlich gesunkene Nachfrage auf ein kaum niedrigeres Angebot trifft, das entspannt die Preise. Und wir hätten deutlich sinkende Logistikkosten und den Vorteil, dass der Nachschub an Material wieder rund läuft. Das entspannt die Preise ebenso.

Man bekämpft somit Feuer jetzt mit einem Gegenfeuer, das funktionierte 2001 bis 2003 ebenso wie 2008/2009. Der Preis war zwar in beiden Fällen eine Rezession. Aber die konnte man relativ zügig wieder überwinden, wie die folgende Grafik zeigt:

Börse aktuell: Entwicklung Inflation und Bruttoinlandsprodukt Deutschland im Vergleich von 1995 bis 2012 | Online Broker LYNX

Wenn das auch diesmal so funktioniert, könnte die Inflation in den USA ebenso wie in Europa nicht erst 2024/2025, sondern schon in sechs bis neun Monaten vom Tisch sein und die Preise sogar fallen. Ggf. sogar so massiv, dass ein Gutteil dessen, was wir an Preisanstieg in den letzten anderthalb Jahren gesehen haben, zurückgenommen wird. Und da das dann schnell genug käme, um die Lohn/Preis-Spirale noch bremsen, wäre das die Sache durchaus wert. Aber das klappt nur wenn …

Wir haben eine Chance, das hinzubiegen

… erstens die sogenannten „Entlastungspakete“ konsequent auf diejenigen ausgerichtet bleiben, die auch wirklich Hilfe brauchen. Sobald solche Hilfsmaßnahmen dazu führen, dass Leute mit ihrem fröhlichen Massenkonsum auf Pump weitermachen können, kriegen wir die Nachfrage nicht runter und die Inflation damit nicht weg. Und da muss man schon eine harte Kante fahren, um der Industrie-Lobby zu widerstehen, denn denen ist wie üblich das Hemd näher als die Hose, so dass man dort zweifellos versuchen wird, den Inflations-Bekämpfungskurs zu Gunsten des Erhalts der eigenen Unternehmensgewinne aufzuweichen.

… zweitens die Notenbanken so lange auf der Bremse bleiben, bis die Inflation nicht nur kurz abtaucht, sondern besiegt ist. Auch das wird hartes Brot, denn wir haben es ja schon gesehen, als die US-Inflation mal kurz einen Tick nach unten kam … und das nur in der Jahresveränderung, was eh nichts heißt! … wie das Geschrei losging, jetzt müsse die „Fed“ ja nicht mehr gar so rigide sein. Die Notenbanken werden heftigen Anfeindungen ausgesetzt sein, wenn die Leitzinsen hoch bleiben, während die Inflation auf Jahresbasis auf vier oder fünf Prozent zurückgekommen ist. Aber das muss so laufen. Idealerweise brauchen wir ein halbes Jahr mit Deflation, so wie 2009, um die Sache zu stabilisieren, dann erst können (und müssen!) die Zinsen schnell runter.

Wie bekommt man den Motor wieder ins Laufen?

Das hinzubekommen wird nicht einfach, das ist ein Problem. Aber es gibt noch ein weiteres, das womöglich noch schwerer zu lösen ist: Wie kriegt man den Motor wieder ins Laufen, nachdem man ihn notwendigerweise abwürgen musste? Einfach runter mit den Zinsen und alles läuft wieder von alleine? Wenn absolut nichts schiefgeht, kann das funktionieren. Aber dass in einer derart komplexen Gemengelage alle inklusive der Verbraucher das Richtige tun: Man sollte besser nicht darauf wetten.

Und was, wenn zu viele Hypothekenkredite geplatzt sind, zu viele Ratenkredite nicht mehr bedient werden konnten? Dann würden die Banken wie immer äußerst restriktiv bei der Kreditvergabe sein. D.h. wer dringend Geld braucht, bekommt keines.

Was, wenn die Arbeitslosigkeit als logische … und bislang gefährlich heruntergespielte … Konsequenz einer massiv gedrückten Nachfrage und dadurch auflaufenden Verlusten bei vielen Unternehmen so hoch ist, dass zu wenige überhaupt kräftig konsumieren können, um das Wachstum anzukurbeln?

Was, wenn die Preise so schnell fallen, dass zu viele auf noch niedrigere Preise warten? Das würde zwar die jetzt so massiv gestiegenen Preise wieder auf den Ausgangslevel oder gar darunter drücken. Aber das Wachstum würde ausbleiben. Dieses Warten auf noch niedrigere Preise ist ein Phänomen, das am Ausgang einer Rezession eher die Regel als die Ausnahme ist.

Was, wenn zwar Notenbanken und Politik vieles richtig gemacht haben, aber die geopolitische Lage weiterhin Angst einflößt und die Energieversorgung weiter unsicher ist, so dass man sich nicht traut, in größerem Umfang zu investieren?

Börse aktuell: Entwicklung Inflation und Bruttoinlandsprodukt Japan im Vergleich von 1987 bis 1995 | Online Broker LYNX

Der vorstehende Chart zeigt ein Beispiel aus der Geschichte, in dem es nicht gelungen ist, einfach wieder durchzustarten: Japan nach dem Zusammenbruch der „großen Blase“ Anfang der Neunzigerjahre. Damals war die Inflation für japanische Verhältnisse mit 4,5 Prozent viel zu hoch. Die Verschuldung auch. Man hatte zu sehr auf ewiges Wachstum der führenden Branchen wie Elektronik und Autos gesetzt. Als die Weltwirtschaft Anfang der Neunziger ins Straucheln geriet, platzte diese Blase. Die japanische Inflation ging dabei zwar zügig zurück und blieb auch weiterhin niedrig. Aber das Wachstum auch.

Bein einer Rosskur kann der Patient auch draufgehen

Und diesmal haben wir es nicht mit einer normalen Feld-, Wald- und Wiesen-Rezession zu tun. In vielen Ländern sehen wir Immobilienblasen. Wir haben überall eine zu hohe Verschuldung. Die Spannungen vor allem in Bezug auf China und Russland nehmen zu. Und die Basis der Inflation war nicht, dass zu viele auf einmal zu viel Geld haben, sondern gerissene Lieferketten. Der Anteil derer, die schon ohne Rezession in Not sind, ist heute höher als damals. Fazit:

Dass die US-Notenbank jetzt harte Kante zeigt, ist richtig. Aber wir sind erst am Anfang des Weges und die Situation kompliziert und knifflig. Sehr viele müssen jetzt ihren Teil dazu beitragen, wieder in die Spur zu kommen. Das kann leicht schiefgehen, bei so mancher Rosskur ist das Pferd am Ende hinüber. Damit ist jetzt kein Platz mehr für Beschönigungen, das würde die Sache nur schlimmer machen. Wenn alles gutgeht, stehen wir in einem Jahr wie aus dem Ei gepellt da. Wenn zu viel schiefgeht, wird es hässlich.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 23.09.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Falls Sie sich wundern, wieso es in einem Börsenumfeld wie derzeit immer wieder zu kräftigen Kaufwellen kommt: Sorgen Sie sich nicht, sich darüber zu wundern, ist normal. Sorgen müssten sich im Gegenteil diejenigen machen, die sich wundern, dass diese Kaufwellen dauernd scheitern. Tun sie aber nicht. Und letztere Klientel ist zahlreich. Daher gilt auch in einem Abwärtstrend: Die Bullen sind nie weg. Doch was bedeutet das für unser Trading?

Wenn Sie sich unverhofft in einem Schilderwald wiederfinden, der in alle Richtungen „da lang“ verkündet und das auch noch in den seltsamsten Schriftzeichen, was tun Sie? Da sie schon mal da sind und „da lang“ ebenso für die Richtung gilt, aus der sie gekommen sind wie für die Richtung, in die Sie eigentlich gehen wollten und für alle anderen obendrein, dürfte die Entscheidung klar sein: Sie behalten ihren Kurs einfach bei und tun so, als wäre nichts. Das machen die meisten Anleger so. Weshalb die Bullen letztlich immer da sind.

Ob „do it yourself“ oder „anlegen lassen“: Die meisten können die Signale nicht lesen

Wir wissen ja, dass das Gros der Privatanleger grundsätzlich nur Aktien kauft, ungern verkauft (vor allem, wenn sie in der Verlustzone dahin siechen) und Derivate wenn, dann nur mit spitzen Fingern und auch nur auf der Long-Seite anfasst. Der Grund dafür: Es gibt zwar viele, die „auch mal was mit Aktien machen“ wollen (wie oft habe ich genau diese Formulierung schon gehört), aber nicht im Mindesten einsehen, dass man sich dazu Fachwissen aneignen muss. Zu kompliziert und, aber ja doch, völlig unnötig. Die Folge:

Die Mehrheit kann gar nicht lesen, was auf den Wegweisern steht, die entlang der Kurse an der Börse aktuell tagtäglich in Form von Notenbankentscheidungen, Unternehmensbilanzen und Konjunkturdaten auftauchen. Man marschiert einfach weiter. Dabei teilt sich die Klientel in zwei Gruppen.

Die eine Gruppe kauft dann einfach drauflos, weil sie den Lockspruch vieler angeblicher Experten im Ohr hat, dass Aktien langfristig immer steigen und es daher egal sei, wann man einsteigt. Zwar bedarf es keines Universitätsabschlusses, um auf den Gedanken zu kommen, dass es trotz alledem ein Unterschied ist, ob man gerade zu Beginn oder am Hoch einer Hausse einsteigt. Aber dazu sollte man überhaupt wissen, dass die Kurse bereits jahrelang gestiegen sind und das nicht als Bestätigung eines nie endenden Anstiegs, sondern als Warnsignal wahrnehmen. Ich kenne Leute, die haben sechsstellige Summen in Aktien investiert und können nicht einmal einen einfachen Chart lesen. Hinzu kommt, auch das ist meine persönliche Erfahrung: Viele wollen, sobald Geld auf dem Depotkonto ist, nicht warten. Sie wollen jetzt sofort kaufen und „Geld machen“. Soweit die eine Gruppe.

Die andere Gruppe sagt sich, dass es schließlich Leute gibt, die sich mit der Sache auskennen … oder dass man schlauer ist, wenn man auf so viele Pferde wie möglich setzt, indem man den gesamten Markt kauft, statt Stock Picking nach dem Hörensagen-System zu betreiben. Erstere wenden sich an Aktienfonds, Letztere kaufen sich ETFs. Beides die für Unerfahrene weit klügere Entscheidung, keine Frage. Aber das ergibt für den Gesamtmarkt keinen großen Unterschied. Grund:

Die meisten großen Adressen sind nur der verlängerte Arm der Privatanleger

Diejenigen, die Fonds und ETFs managen, mögen erfahrene und fachkundige Leute sein, aber letzten Endes können sie nur umsetzen, was die weniger erfahrenen und mitnichten fachkundigen Anleger ihnen vorgeben, indem sie ihnen frisches Geld vor die Tür karren. Der folgende Chart macht die Problematik deutlich. Wir sehen hier die Barreserven der US-Fonds in Prozent über die vergangenen 25 Jahre. Achten Sie auf die Skalierung: Mit aktuell 5,7 Prozent Cash bewegen sich die Fonds momentan schon am oberen Ende dieses Vierteljahrhunderts. Was logisch nachvollziehbar ist, denn:

Börse aktuell: Entwicklung Barreserven US-Fonds in Prozent von 1997 bis 2022 | Online Broker LYNX

Ob ein erfahrener Fondsmanager das ungute Gefühl hat, dass der Aktienmarkt kurz davor ist, massiv wegzubrechen, ist völlig egal, denn er weiß auch: Sicher ist an der Börse nichts. Und würde er aufgrund seiner Besorgnis die Barreserve auf zehn, zwanzig oder mehr Prozent hochfahren und die Kurse laufen wider Erwarten dennoch immer höher, ist er derjenige, der gegenüber der Konkurrenz die mieseste Performance hat, weil zu viel Geld nicht eingesetzt ist. Er wäre damit auch derjenige, der sich zum Narren gemacht hat, keinen Bonus bekommt und, wenn es dumm kommt, ab sofort Staubsauger verkaufen muss.

Da die Fondsmanager wissen, dass es a) allen anderen genauso geht und sie b) damit ja nur tun, was die Kunden wollen, nämlich ihr Geld umgehend anlegen, geht kaum jemand das Risiko ein, hohe Barreserven zu halten. Somit ist es nicht der erfahrene Manager, der das Schiff steuert, sondern die unerfahrenen Anleger, die anlegen „lassen“. Und bei ETFs ist das noch extremer, denn die können, weil sie ja ihre Benchmark-Indizes 1:1 abbilden müssen, gar keine Barreserven halten. Woraus folgt:

Bis auf Hedgefonds oder Banken im Eigenhandel haben auch große Adressen kaum die Möglichkeit, sich quer zum Strom des Geldes zu legen. Was bedeutet: Der Aktienmarkt läuft, als wäre er eine Art Gummiband: Immer, wenn er stark fällt, schnellt er wieder nach oben, weil die Unerfahrenen Geld nachschieben. Und das kann lange so gehen.

Das ewige „Gummiband“ – wenn es reißt, heißt es kaufen!

Die Faktoren, die den Aktienmarkt entscheidend beeinflussen und damit den Trend führen müssten, sind der Mehrzahl derer, die regelmäßig Geld anlegen, nicht klar. Sie agieren emotional, die großen Adressen als ihr verlängerter Arm müssen mitziehen. Und das Gros der Anleger agiert immer nur auf der bullischen Seite. Die Folgen:

– Aufwärtstrends halten normalerweise viel länger an, als man auf Basis der tatsächlichen Rahmenbedingungen erwarten dürfte.

– In stark gefallene Kurse hinein kommt es immer wieder zu starken Kaufwellen, weil diejenigen, die die Rahmenbedingungen nicht erfassen, die Kurse durch den vorherigen Abstieg für billig halten.

– Meist endet ein deswegen immer sehr volatiler Abwärtstrend mit einem totalen Selloff, der, wiederum meistens, erst kommt, während erfahrene Investoren schon wieder auf die Long-Seite gegangen sind. Das ist der Moment, auf den man achten muss, den Moment, an dem das Gummiband reißt!

Börse aktuell: Entwicklung Barreserven US-Fonds in Prozent von 1997 bis 2022 | Online Broker LYNX

So, wie es derzeit aussieht, sind wir von diesem Moment noch ein gutes Stück entfernt, denn zwei Dinge müssen dafür zusammenkommen:

Erstens müssen sich die Anzeichen verdichten, dass sich die Rahmenbedingungen für den Aktienmarkt stabilisieren. Das ist derzeit noch nicht der Fall.

Zweitens müssen diejenigen, die immer wieder gekauft haben und mit ansehen mussten, dass jede Kaufwelle in sich zusammenbricht und neue Tiefs entstehen, die Nerven verlieren und zu jedem Preis aussteigen, sprich es muss zu einer Art finalem Ausverkauf kommen. Den haben wir auch noch nicht gesehen.

Erst dann haben wir diesen Moment erreicht, an dem der uralte und seit ewigen Zeiten immer wahre Spruch greift: Verkaufe, wenn alle Aktien haben wollen (was z.B. für den Herbst 2021 zutraf) und kaufe, wenn niemand sonst Aktien haben will (was z.B. auf März 2003 oder März 2009 zutraf).

Der finale Selloff … nicht ganz einfach, den zu handeln

Ein präzises Timing hat man alleine damit noch nicht, aber dafür kann man sich dann ja auf die Chart- und Markttechnik stützen. Aber wer versteht, dass die meisten Anleger immer bullisch sind … dass sie nicht wissen, wann es klug ist, das zu sein und wann nicht … dass die Unerfahrenen es sind, die mit der schieren Masse ihres Geldes den Trend „machen … der versteht auch, dass man sich über ein volatiles Auf und Ab in einem eigentlich klar bärischen Umfeld nicht wundern darf. Und man versteht auch:

Wenn es um echte Krisen geht und nicht um „Schock-Selloffs“ wie den des Corona Crashs Anfang 2020, dauert eine solche volatile Baisse oft lange und endet nicht mit einem Schwenk der eigentlichen Gemengelage, sondern erst mit der Kapitulation derer, die dachten, an der Börse müsse man nur Geld haben, aber kein Fachwissen. Denn genau deswegen verpassen sie diesen Moment der Stabilisierung oft und verkaufen entmutigt ausgerechnet dann, wenn man schon wieder einsteigen könnte.

Börse aktuell: Entwicklung ZEW Konjunkturerwarutngen und Kursentwicklung DAX im Vergleich von 2006 bis 2009 | Online Broker LYNX

Das erfolgreich zu traden, ist gar nicht so einfach. Denn Fachwissen hin oder her, wenn dieser Selloff da ist, wenn die Kurse so lange gefallen sind, ist es gar nicht so einfach, auf Hausse umzuschalten. Auch, wenn man ahnt oder sogar weiß, dass die Krise im Griff und damit der Boden für eine echte Aufwärtswende geschaffen ist: Dass die Kurse dann noch weiterfallen, weil die entmutigten Unerfahrenen das nicht mitkriegen, macht es knifflig, gegen den Strich zu bürsten und umzuschalten.

Ich selbst habe beispielsweise am Markttief der Bayer-Aktie am 17. März 2003 gekauft. Reichlich. Mit dem Ziel, sie mit einem Einkaufspreis von ca. 9,50 Euro auch lange zu halten. Verkauft habe ich sie dann einen Tag später, als sie auf elf Euro gelaufen war und ich den Gewinn dann doch lieber mitnehmen wollte. Noch am selben Tag (!) war Bayer dann auf über 13 Euro gelaufen. Und notierte am Jahresende 2003 dann bei 21,40 Euro. Eingestiegen war ich aber nicht mehr, weil mir 13 Euro dann doch zu teuer schienen. Ha! Ja, es ist nicht einfach, sich innerlich gegen den Trend zu stellen, auch, wenn man weiß, dass man es in solchen Extremsituationen tun sollte. Ich bin mal gespannt, ob ich es besser mache, wenn das Gummiband der dünnen Nerven diesmal reißt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 16.09.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Eigentlich, so findet man es in so manchem Volkswirtschafts-Lehrbuch, regulieren sich die Wirtschaftszyklen, dieser stete Wechsel von Boom zu Baisse, selbst. Und ja, man könnte argumentativ herleiten, dass die Inflation von alleine verschwinden und damit ein konjunktureller Neustart möglich würde, ohne dass die Notenbanken an der Zinsschraube herumdrehen. Die Frage ist also: Macht das Eingreifen der Notenbanken die Lage womöglich sogar schlimmer?

Volkswirtschaftslehre ist zwar einerseits staubtrockene Theorie, die VWL-Skripte aus meinem Studium in den Achtzigern taugen heute wirklich nur noch zum Heizen. Andererseits ist all das, was da vermittelt wird, nur eine hochtrabende Variante all dessen, was einem der gesunde Menschenverstand sagen würde, wenn man sich ein klein wenig mit den Mechanismen der Wirtschaft auskennt. Daher dürfte der folgende Gedankengang sicher bei recht vielen aufgetaucht sein:

Das ging doch früher auch ohne Notenbanken?

Wenn wir massiv steigende Preise sehen, bremsen die das Wachstum aus, egal, warum es zu dieser Inflation kam. Denn da die Löhne nie so schnell steigen wie die Preise, sinkt die Kaufkraft der Verbraucher. Zugleich fallen die Gewinne der Unternehmen, vor allem jetzt, weil die Erzeugerpreise, d.h. die Kosten, die die Unternehmen bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen haben, weit stärker gestiegen sind als die Verbraucherpreise. Zumindest bis jetzt. Das bedeutet:

Das Volumen an Gütern, das konsumiert wird, muss zwangsläufig mit der Zeit sinken. Zwar greifen nicht wenige in solchen Phasen ihre Ersparnisse an, viele müssen das sogar. Aber immer mehr Menschen haben gar keine Ersparnisse, die sie zur Aufrechterhaltung ihres Konsums angreifen könnten. Wenn somit die Nachfrage absinkt, müssen die Unternehmen ihre Preise senken, um überhaupt noch etwas verkaufen zu können. Da mit sinkender Nachfrage nach Gütern auch die Nachfrage nach Rohstoffen nachlässt, werden auch dort die Preise sinken. Sprich: Die Inflation führt zu fallender Nachfrage und beseitigt sich dadurch selbst.

Warum also müssen die Notenbanken ohnehin in Not geratene Verbraucher zusätzlich belasten, indem sie die Zinsen anheben … was immer zu einer nur kleinen Verbesserung der Sparzinsen, aber einer großen Belastung durch weit stärker steigende Kreditzinsen führt? Damit würde man ja nur Öl in ein Feuer gießen, das ohnehin schon zum Flächenbrand geworden ist. Und schließlich, könnte man behaupten, ging es früher doch auch ohne solche Eingriffe.

Bevor z.B. die US-Notenbank 1913 gegründet wurde, gab es in den USA auch schon Wirtschaftskrisen, aus denen man wieder herauskam. Und wenn man an den Crash 1929 und die extreme wirtschaftliche Depression in den Jahren danach denkt: Da gab es die US-Notenbank schon, trotzdem wurde mit ihr nichts besser. Da kommt einem schon der Gedanke, dass, würden die Damen und Herren Notenbanker die Finger von der Sache lassen, alles früher wieder im Lot wäre. Stimmt das?

Die Lohn/Preis-Spirale und das Verhalten der Verbraucher als „Wild Cards“

Diese Argumentation ist im Prinzip gar nicht so falsch. Trotzdem gibt es gute Gründe dafür, dass es die Notenbanken gibt und sie die Möglichkeit haben, mit ihren Mitteln in das Räderwerk der Wirtschaft einzugreifen. Denn diese vorstehende Gedankenkette, bei der die Inflation sich selbst eliminiert, ist zu einfach konstruiert. Vor allem zwei Faktoren hebeln diese einfache Theorie aus und fungieren als „Wild Cards“, als unberechenbare Elemente: die Globalisierung nebst ihren Folgen und das meist emotionale Verhalten der Menschen. Und vor allem wegen Letzterem scheitert die Theorie gerne an der Realität.

Zunächst einmal kurz zu dem Szenario, das entstehen würde, wenn die Inflation eben nicht von alleine verschwindet. Es würde zu einer sogenannten Lohn/Preis-Spirale kommen, die ich in den vergangenen anderthalb Jahren öfter erwähnt und als Basis eines Worst Case angesehen habe. In einer solchen Lohn/Preis-Spirale zahlen Unternehmen ihren Mitarbeitern sukzessiv höhere Gehälter, je höher die Inflation steigt, in der Erwartung, die Kaufkraft zu erhalten. Da aber die steigenden Löhne selbst die Produktionskosten erhöhen, werden die Kosten für höhere Löhne auf die Verkaufspreise draufgeschlagen, was die Kaufkraft erneut mindert und schon wieder höhere Löhne nach sich zieht. Ein Kreislauf, der, erst einmal in Gang, schwer zu stoppen ist.

Börse aktuell: Prozentuale Lohnentwicklung zum Vorjahr in den USA, der Eurozone und Deutschland im Vergleich von 1985 bis 2022 | Online Broker LYNX

In den USA ist diese Lohn/Preis-Spirale bereits in Gang, wie der vorstehende Chart zeigt. Das hält zwar die Kaufkraft zunächst stabil, befeuert aber auch die Inflation. Für Deutschland und die Eurozone wissen wir nicht, wie es derzeit aussieht, weil die Daten zu den Einkommen leider mit immenser Zeitverzögerung kommen und für Euroland vierteljährlich, für Deutschland sogar nur halbjährlich bekanntgegeben werden. Die Tendenz, Inflation mit höheren Löhnen scheinbar zu „heilen“, dürfte aber auch hier existieren. Was zu einem ganz entscheidenden Punkt führt: zum Verhalten der Beteiligten.

Wenn die Arbeitslosigkeit erst einmal massiv gestiegen ist, stehen genug Arbeitnehmer zur Verfügung, um solche Lohnsteigerungen nicht vornehmen zu müssen. Aber der Arbeitsmarkt reagiert immer mit großer Verspätung auf Veränderungen, daher ist das Problem einer Lohn/Preis-Spirale aktuell vorhanden. Wie übrigens auch Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre in der letzten großen Inflationskrise, leider habe ich bzgl. der Löhne keine so weit zurückreichenden Daten in meiner Datenbank, um das abbilden zu können. Aber die Lohngestaltung ist ja nur ein Faktor, der die Sache unberechenbar macht. Das andere ist der Verbraucher selbst.

Probleme mit neuen Krediten lösen: Mittlerweile fast Standard-Verhalten

Gerade in der heutigen Zeit kennen die meisten Verbraucher keine Wirtschaftskrisen mehr. Wenn, waren sie ruckzuck vorbei oder betrafen sie nur am Rande, z.B. die Subprime-, die Euro- oder die Corona-Krise. Und immer warfen die Notenbanken mit Geld um sich, um den Wirtschaftsmotor umgehend wieder anzukurbeln. Ist es da überraschend, dass sich so viele noch neue Kredite angelacht hatten als man hörte, die Zinsen würden steigen? Jetzt noch schnell „billig“ dieses oder jenes kaufen, war das Motto. Was übrigens bis zuletzt den Konsum hoch hielt: Inflations-Vorkäufe ließe sich das nennen.

Und wer noch nicht unmittelbar durch Geldnot oder Arbeitslosigkeit betroffen ist, neigt, gerade wegen der fehlenden Erfahrungen mit Krisen, dazu, einfach weiterzumachen wie bisher. Nach all den Jahren der Nullzinspolitik und der nur kurzen Krisenphasen ist es vielen fast ins Gehirn eingebrannt: Einfach einen Kredit aufnehmen, um sich nicht einschränken zu müssen.

Und genau das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass die Notenbanken in diese Entwicklung eingreifen müssen. Denn nur, wenn die Kredite deutlich teurer werden, lässt sich verhindern, dass so viele Verbraucher sich mit den bislang ja nahezu zinslosen Krediten behelfen und die Problematik des zu knappen Angebots, die gerissenen Lieferketten, die hohen Logistikkosten dadurch konservieren. In einem Umfeld wie dem, das wir heute haben, würde das die Inflation wegen der Wahrscheinlichkeit, dass die Verbraucher sich falsch verhalten, nicht nur aufrechterhalten, es könnte sie sogar noch intensivieren und über die Lohn/Preis-Spirale in unkontrollierbare Höhen treiben.

Börse aktuell: Einzelhandelsumsatzveränderung zum Vorjahresmonat in dern USA, der Eurozone und Deutschland im Vergleich von 2017 bis 2022 | Online Broker LYNX

Dass die Verbraucher in Europa deutlich vorsichtiger agieren als in den USA, zeigt der vorstehende Chart. Dort ist die Neuverschuldung der Privaten immer noch dramatisch hoch … ein Grund, warum die US-Notenbank ihre Zinserhöhungen nicht stoppen kann … während der Einzelhandelsumsatz in Europa bereits zum Vorjahr negativ ist. Was zeigt: Selbst unter Druck reagieren nicht wenige Verbraucher falsch und befeuern die Krise dadurch selbst.

Die Welt ist ein Dorf … und das macht es schwieriger

Die zweite „Wild Card“ ist, wie oben erwähnt, die Globalisierung. Produktion und Dienstleistungen wandern dorthin, wo es am billigsten ist. Und was „billig“ ist, ist immer von mehreren Faktoren abhängig. Inflation, Stabilität der Währung des Landes, in das ausgelagert wird, die dortige Inflation und, vor allem, die dortigen Löhne. Wenn wir uns mal ansehen, wie unterschiedlich alleine die Inflationsraten derzeit sind, wird klar: China kann von der massiven Teuerung in Europa und den USA erheblich profitieren, denn dort ist die Inflation weit niedriger. Ob man den Daten aus China trauen kann, sei mal dahingestellt, aber der Effekt ist:

Börse aktuell: Teuerungsrate im Vergleich zum Vorjahresmonat in der Eurozone, Deutschland und China von 2015 bis 2022 | Online Broker LYNX

In China senkt man sogar die Zinsen, weil man ja angeblich keine Inflation hat, die man stoppen müsste. Da setzt man, nicht zuletzt, weil der dortige Immobilienmarkt instabil geworden ist, auf mehr billiges Geld. Und in den USA und Europa steigen zugleich neben den Zinsen auch noch die Löhne. Das lockt natürlich, Produktion dorthin auszulagern. Was die Lage für die Eurozone und die USA natürlich noch schlimmer machen würde. Also?

Also müssen die Notenbanken eingreifen, müssen die Inflation so schnell wie möglich nach unten bringen, müssen eine beginnende Lohn/Preis-Spirale im Keim ersticken, sonst werden wir eine ähnlich heftige Rezession erleben wie Anfang der 80er Jahre. Und dabei haben die Notenbanken auch deswegen einiges beizutragen, weil sie die Gefahr, dass sich das damalige Szenario wiederholt, mit zu verantworten haben. Es gibt einige entscheidende Parallelen zu damals:

Zu spät, um sich herauszuhalten: Die Notenbanken tragen Mitverantwortung an der Misere

In den 70er Jahren hatte vor allem die US-Notenbank wegen der Ölpreiskrise die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten. Dadurch wurde die durch die hohen Energiepreise befeuerte Inflation konserviert, eine Lohn/Preis-Spirale etablierte sich. Dann hob die „Fed“ den Leitzins zwar schnell und weit auf um die 11 Prozent an, senkte ihn aber zu früh wieder. Dadurch kam die Inflation Ende der 70er sofort und umso heftiger zurück. Die „Fed“ musste den Leitzins bis fast 20 Prozent nach oben treiben, wie der folgende Chart zeigt.

Börse aktuell: Leitzins und Inflation in den USA im Vergleich von 1971 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und auch, wenn der US-Leitzins Anfang der 80er dann deutlicher gesenkt wurde: Die Rezession, die entstanden war, hielt sich damals hartnäckig. Ein Grund mehr, warum man jetzt so lange so konsequent dranbleiben muss, bis die Inflation niedergemacht ist. Und man sagt sich … zu Recht:

Lieber jetzt eine Rezession als eine, die zwar später einsetzt, dafür aber härter und hartnäckiger sein würde, weil man zu zögerlich agiert hat. Und das gilt für die EZB erst recht, denn die hatte, als die US-Notenbank 2017/2018 den Leitzins deutlicher anhob, einfach nichts getan. Auch, weil die Eurozone-Inflation im Bereich der Zwei Prozent-Marke geblieben war, aber vor allem, weil man das ohnehin magere, nur durch diese Nullzinsen noch am Leben erhaltene Wachstum nicht verlieren wollte. Das Ergebnis:

Börse aktuell: Leitzins und Inflation in der Eurozone im Vergleich von 1995 bis 2022 | Online Broker LYNX

In Europa hat man sich acht Jahre lang mit billigem Geld massiv verschuldet. Man hat sich daran gewöhnt, ein Problem mit neuen Krediten zu lösen. Und zu viele, auch die, die es sich eigentlich nicht leisten können, leben auch jetzt noch über ihre Verhältnisse. Weil die EZB das wusste, hat sie lange gezögert, weil man das mickrige Wachstums-Pflänzchen nicht vollends ruinieren wollte. Zu lange, denn jetzt kann man es nur noch zertreten, um Schlimmeres abzuwenden. Gelingt das? Gilt am Ende der Spruch „besser spät als nie“?

Wir müssen es abwarten. Das Beispiel der späten 70er und frühen 80er Jahre, das US-Notenbank und EZB gleichermaßen viel zu lange als „überhaupt nicht vergleichbar“ bezeichnet hatten, ist jetzt doch eine bedrohliche Blaupause geworden. Dafür tragen die Notenbanken mit ihrer zu langen Nullzinspolitik, der ausgebliebenen Normalisierung des Zinslevels und den zu spät begonnenen Gegenmaßnahmen eine Mitverantwortung. Ob sie das „reparieren“ können, werden wir erst 2023 einigermaßen abschätzen können, denn der Effekt von Veränderungen der Leitzinsen zeigt sich oft erst sechs und mehr Monate nach diesen Maßnahmen in den Konjunkturdaten. Wollen wir also hoffen, dass wir am Ende wirklich sagen können: „besser spät als nie“.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 09.09.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Wollte man den Statistiken glauben, würde der September noch fallende Kurse bringen, danach ginge es aufwärts. Im Schnitt der letzten Jahrzehnte zumindest. Dumm nur, dass da einige Ausreißer dabei sind, in denen es im Herbst erst recht abwärts ging. Dumm auch, dass die Konjunkturdaten ein so widersprüchliches Bild abgeben. Aber woran kann man sich denn dann orientieren? Sehen wir uns die Lage mal an.

Wer meine Kolumnen schon länger liest weiß, was ich von Faustregeln, angeblich zuverlässigen Zyklen und saisonalen Auffälligkeiten halte: nichts. Wenn jemand daherkommt und erklärt, der September werde bärisch, weil er im Schnitt der letzten 60 Jahre ein Minus von 1,7 Prozent brachte, kann man eigentlich nur kopfschüttelnd davonlaufen, denn:

Zyklen, Statistiken, Faustregeln: Geht mir bloß fort damit!

Ein langjähriger Durschnitt verwurstet ja die einzelnen Jahre zu einem aussagelosen Matsch. Ein September, der zehn Prozent Minus brachte, ein anderer, in dem es zwölf Prozent aufwärts ging, dazwischen viele, in denen die Monatsveränderung nur ein, zwei Prozent betrug, als Schnitt zu berechnen und daraus eine Wegweisung machen zu wollen: absurd.

Genauso absurd übrigens wie diese US-Wahlzyklus-Statistiken, nach denen man die Chancen ableitet, dass ein Börsenjahr gut oder schlecht wird, je nachdem, ob es ein „Zwischenwahljahr“, ein „Vorwahljahr“, ein „Wahljahr“ oder ein „Nachwahljahr“ ist. Wie kann man es überhaupt wagen, dergleichen in eine Analyse einfließen zu lassen? Als ob es überhaupt nur im Ansatz denkbar wäre, dass ein Börsenjahr gut wird, weil es statistisch nach dem Wahlzyklus gut sein müsste, obgleich die Rahmenbedingungen allesamt fatal sind.

Glaubt wirklich jemand, dass die Mehrheit der Anleger sich sagt: Oh, wir haben eine Rezession, die Zinsen steigen, die Unternehmensgewinne fallen, Lage ist ausweglos … aber statistisch müsste das Jahr gut laufen, weil es ein Vorwahljahr ist, auf eine gerade Zahl endet oder die Quersumme der Jahreszahl mit der Zahl meiner Fußzehen übereinstimmt, daher werde ich jetzt mal Long gehen?

Statistiken, Faustregeln oder noch besser, seltsam mythische Zusammenhänge wie der Super Bowl-Indikator sind nichts anderes als der Versuch, es sich leicht zu machen, indem man einem Wegweiser folgt, der einem scheinbar der unschönen Notwendigkeit enthebt, selbst denken zu müssen.

„Denken lassen“ ist im (fatalen) Trend

Dass dahinter galoppierender Unfug steht, kriegen diejenigen, die das Denken vermeiden wollen, daher auch gar nicht mit, eben weil sie nicht darüber nachdenken, ob dergleichen Wegweisung irgendeinen Sinn haben kann. Also, hinfort damit? Ja. Aber.

Man unterschätze dabei nie das Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es ist ein absolut subjektiver Eindruck, keine Frage. Aber ich für meinen Teil beobachte, dass „selber denken“ sukzessiv aus der Mode kommt. Man „lässt denken“ und übernimmt einfach Meinungen anderer, die in etwa dem entsprechen, was einem selber in den Kram passt. Dass, wenn man sich das passende aus dem Meinungskatalog ausgesucht hat, diese Sicht der Dinge zwar den eigenen Interessen dienlich ist, aber de facto ausgemachter Blödsinn sein kann, kommt vielen gar nicht in den Sinn. Nicht erst seit Corona ein Trend, den man berücksichtigen sollte, auch und gerade, wenn es um die Börse aktuell geht. Will heißen:

Wenn genug Marktteilnehmer glauben wollen, dass man nach dem (statistisch) finsteren September dann Anfang Oktober beherzt auf Hausse setzen kann und es auch tun, ziehen solche Käufe dann den Markt nach oben, egal, ob er eigentlich fallen müsste, weil z.B. die Konjunkturdaten eine massive Krise indizieren. Diese Klientel würde das mit den Konjunkturdaten ja entweder ignorieren oder sie könnten diese Daten mangels Fachkenntnis ohnehin nicht korrekt interpretieren. Oder, Möglichkeit drei: Sie beachten einfach nur die guten Daten. Den wenn wir schon vom Nebel reden:

Konjunkturdaten geben nie ein einheitliches Bild ab

Den gibt es ja auch bei den Konjunkturdaten. Und wie. Da geben sich fatale und grandiose Daten die Klinke in die Hand, da ist dann für jeden etwas dabei. Wie kann das sein? Entweder wir rutschen in die Rezession bzw. sind schon drin … oder eben nicht. Wie können die Daten dann so gegensätzlich sein? Weil zeitgleich alte und zeitaktuelle Daten hereinkommen, sogenannte „weiche“ und „harte“ Daten und dann auch noch Daten, die man erst genau unter die Lupe nehmen muss, um ihre Aussage zu verstehen. Mal ein paar Beispiele dazu.

Börse aktuell: Entwicklung Arbeitslosenrate in Deutschland und ifo Geschäftsklimaindex im Vergleich von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wenn wir Arbeitsmarktdaten bekommen, beleuchten die zwar den gerade beendeten Monat, sind also keineswegs „alt“. Aber die Entscheidungen, die hinter der Einstellung oder Entlassung von Personal im gerade beendeten Monat stehen, die sind „alt“. Wer Personal aufstocken muss, hat die neuen Mitarbeiter nicht am nächsten Morgen vor der Tür stehen. Dieser Prozess dauert nicht Wochen, sondern meist Monate. Entlassungen genauso, denn da sind meist längere Kündigungsfristen gültig. Das, was sich im August hierzulande oder in den USA am Arbeitsmarkt tat, ist das Ergebnis von Entscheidungen, die im April, Mai oder Juni gefallen sind, als die Rahmenbedingungen für die Unternehmen noch nicht die von heute waren. So gesehen können Arbeitsmarktdaten keine Indikation für die aktuelle Lage sein. Und erst recht nicht dafür, was in den kommenden Monaten passieren wird.

Und wenn wir uns Einkaufsmanagerindizes ansehen, müssen wir immer im Hinterkopf haben: Ja, die sind brandaktuell. Aber die Einkaufsmanager geben ja ihre persönliche Sicht wieder … und können schief liegen. So wie z.B. 2008, als diese Indikatoren erst kräftiger durchsackten, als der Baum schon lichterloh brannte, wie der folgende Chart zeigt.

Börse aktuell: Entwicklung US-Einkaufsmanagerindex und S&P 500 im Vergleich von 2006 bis 2009 | Online Broker LYNX

Was übrigens erst recht für die Verbraucher gilt. Das sind alles subjektive Einschätzungen, sogenannte „weiche“ Daten. Wenn Verbraucher gefragt werden, wo sie die Inflation in einem Jahr sehen … was bitte soll das bringen? Als ob sich die Konjunktur dann nach den Erwartungen fachunkundiger Leute richten würde. Auch die übliche Frage, ob man glaubt, in einem Jahr mehr oder weniger zu verdienen, ist albern. Man hat es schließlich nicht selbst in der Hand. Daraus dann ein „Verbrauchervertrauen“ zu machen und zu glauben, es wäre für die Wirtschaft und in deren Schlepptau für den Aktienmarkt wegweisend, ist Unfug. Gut, ja, Verbraucher sind auch Anleger. Und wenn sie guter Dinge sind, kaufen sie eher Aktien. Aber diese Stimmung ist ja dramatisch instabil, schlägt sehr schnell um. Und der Chart zeigt: Seit Mitte 2021 bleiben die Verbraucher eher negativ gestimmt, der Aktienmarkt stieg dennoch auf neue Rekorde. Weil eben nur die vermögenden Verbraucher auch Anleger sind. Hier aber werden alle gefragt, während nur die, die es noch dicke hatten, die Kurse höher trieben.

Börse aktuell: Entwicklung US-Verbrauchervertrauen und Dow Jones im Vergleich von 2013 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und dann wären da noch die „harten“ Daten, das „Zählbare“, bei dem es keinerlei subjektiven Einfluss gibt. Ja, die taugen etwas, haben dafür aber den Nachteil, „alt“ zu sein. Bis wir mitbekommen, dass hierzulande die Industrieproduktion wegbricht, liegt das Kind längst im Brunnen, denn wir bekommen erst übermorgen die Daten für den Juli … und wir haben bereits September! Daher können bei diesen „harten“ Daten zwar sehr gute oder sehr schlechte Zahlen den Eindruck erwecken, es bewege sich etwas. Aber das könnte schon längst wieder passé sein. Also?

Fakten spielen oft eine Nebenrolle – das ist normal

Die meisten Anleger agieren emotional, interpretieren die Lage subjektiv, viele glauben fest an statistischen Blödsinn. Die Konjunkturdaten zeigen ein wirres Bild, weil sie entweder alt sind, subjektive Einschätzungen widerspiegeln oder durch Sonderfaktoren und statistische Basiseffekte verzerrt werden. Also tappt man letztlich durch einen dichten Nebel aus „könnte“ und „vielleicht“. So kann man doch keine sinnvollen Entscheidungen für sein Geld treffen?

Nein, kann man in der Tat nicht. Aber das muss man ja auch nicht. Denn wenn man all das weiß, zugleich aber auch weiß, dass die Masse dieses Problem entweder gar nicht erkennt oder ignoriert, weiß man auch: Nicht die Realität zählt, wenn es um die Tendenz am Markt geht, sondern das, was die Mehrzahl derer, die aktiv am Markt agieren, für real halten wollen. Was bedeutet:

Es ist zwar immer absolut zwingend zu wissen, wie sich die Lage wirklich darstellt, um für sich privat die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aber dazu gehört auch zu verstehen, dass vor allem der Aktienmarkt völlig unabhängig von dieser Realität laufen kann. Die „Corona-Hausse“ 2020 war dafür ein perfektes Beispiel:

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX während der Anfänge von Corona von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Basierend auf reinen Hoffnungen stieg der Aktienmarkt sogar über die alten Hochs. Ende Oktober 2020 drohte dieses Kartenhaus zwar zusammenzubrechen. Aber bevor es richtig übel werden konnte, kamen US-Wahl und die Meldung über die einsatzbereiten Impfstoffe und drehten die Sache erneut nach oben. Und die Kurse stiegen, stiegen und stiegen, weil kaum jemand ahnte, dass gerissene Lieferketten zu massiver Inflation führen könnten … niemand vorhersehen konnte, dass China in Wirtschafts-Drehkreuzen wie Shanghai allen Ernstes wochenlange Lockdowns wegen im Vergleich zum Rest der Welt ein paar wenigen Corona-Fällen verhängen würde … und weil massiv steigende Leitzinsen einfach nicht absehbar waren. So weit zu den Möglichkeiten, in die Zukunft sehen zu können. Es bleibt:

Der übliche Nebel … und warum er eigentlich kein Problem ist

Der übliche Nebel. Und die Erkenntnis, dass Sprüche wie „der Markt hat immer Recht“ und „die Masse liegt immer falsch“ dummes Zeug sind … davon mal abgesehen, dass diese beiden „Faustregeln“ einander ohnehin im Prinzip widersprechen.

Aber wenn man schon weiß, dass die Masse imstande ist, den Markt wochen- und monatelang in eine von der Logik her falsche Richtung zu treiben wenn man zudem weiß, dass der Markt durchaus auch richtig liegen kann und dann wochen- und monatelang ein fundamental unterfütterter Trend vorherrscht, warum sollte man sich dann nicht genau daran orientieren: am Trend? Sehen wir uns an der Börse aktuell doch bloß mal den S&P 500 an:

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Eigentlich läuft das hier doch wie im Lehrbuch. Warum folgen wir also nicht einfach genau dem, was uns der Chart vorgibt? Der S&P 500 ist, wie übrigens auch der DAX, genau an der übergeordneten Abwärtstrendlinie wieder nach unten gelaufen, während der Dow eine Mini-Bullenfalle erzeugte und der Euro Stoxx 50 seinen Abwärtstrend sogar deutlich überbot (und jetzt wieder darunter liegt).

Natürlich kann man sich nicht blind darauf verlassen, dass es so läuft, die verrückt wirkende Corona-Hausse belegt das. Und es gibt so einige Beispiele in der Geschichte, dass man sich nicht immer und vor allem nicht blind auf die Charts bzw. den Trend verlassen kann. Aber die Tendenz spricht für diese Vorgehensweise. Also für die Methode, die Realität nicht zwingend als Vorgabe für den Markt zu sehen, sondern lieber den Signalen zu folgen, die die Masse mit ihren Aktionen vorgibt. Was auch hieße:

Sollte diese Abwärtstrendlinie beim S&P 500 doch noch überwunden werden, wäre es mehr als riskant, stur Short zu bleiben. Da gälte es dann eben, im Fall einer zugleich positiver werdenden Gesamtsituation auf Long umzusteigen und sich sicherheitshalber step by step mit kleineren Positionen einzukaufen. Oder, wenn die Rahmenbedingungen bärisch geblieben sind und man mit einer Bullenfalle rechnen muss, bei einer kleinen Position zu bleiben und die so eng unter dem Ausbruchslevel abzusichern, dass man einigermaßen ungeschoren davonkommt, wenn der Ausbruch in sich zusammenfällt.

Trader bewegen sich immer in einem Umfeld der Unsicherheit

Der Nebel an sich bleibt also, denn ob man einem charttechnischen Signal trauen kann oder nicht, weiß man natürlich immer erst im Nachhinein. Aber an der Börse trifft jedermann jederzeit Entscheidungen unter einer gewissen Unsicherheit. Es gilt nur, diese so klein wie möglich zu halten, indem man Faustregeln und Statistiken gleich von Vornherein vor die Tür setzt, indem man sich der Subjektivität des Marktes bewusst ist und sich, immer besonnen und vorsichtig, anhand charttechnischer Vorgaben vorantastet.

Wichtig ist nur eines: Verzichten Sie auf irgendwelche scheinbar genialen Wege, diesen Nebel, der über der Zukunft liegt, wegzuhexen. Es funktioniert nicht. Wer das akzeptiert, hat schon mal die halbe Miete eingefahren!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 02.09.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Die beiden vergangenen Kolumnen handelten von einer brandgefährlichen Naivität, mit der man vor allem, aber nicht nur, an der Wall Street an das Thema Aktienmarkt herangeht. Der Freitag zeigte, wie dünn das Eis ist, wenn man basierend auf Hoffnungen eisern weiter die Hausse-Karte spielt. Und wenn man sich einige Charts ansieht, die die Struktur der Märkte beleuchten, kann man unterstellen, dass nach unten noch allerhand Luft sein könnte. Ein Roundup der Lage per Ende August.

Vorab ein Dankeschön für die zahlreichen Zuschriften, die ausdrücken, dass vielen von Ihnen diese wöchentliche Kolumne gefällt. Über 30 Jahre Börse können einen auch mal ein wenig müde machen, aber Ihr Zuspruch gibt mir immer wieder neuen Schwung, herzlichen Dank dafür! Jetzt aber zum Thema:

Am US-Aktienmarkt spielte man in den vergangenen Wochen wieder mal unverdrossen die Hausse-Karte. Manch einer verwandelte sich wieder von Dr. Jekyll in Mr. Hyde. Die Risiken, die eingegangen wurden, stiegen, der Blick auf die Gesamtsituation wurde durch diese Rallye getrübt. Und am Freitag folgte dann die Eisdusche.

Rallye abgeschossen: Das war keineswegs sicher … aber überraschen kann das nicht

War es ein Zufall, dass die Rallye der US-Indizes, die hierzulande fröhlich kopiert wurde, an dem Tag endete, an dem die in den USA für Privatanleger „das“ Derivat darstellenden Optionen auf Aktien und Indizes abgerechnet wurden? Wenn, dann ist das der x-te Zufall in den vergangenen Jahren. Große Adressen setzen gezielt mit Zielrichtung solcher Abrechnungstermine auf Hausse, kassieren dann ihre Gewinne … und das war’s dann oft. Solche Muster sind nicht selten, trotzdem fallen immer wieder zahllose Anleger darauf herein und kaufen, während die großen Spieler am Terminmarkt zugleich mit dickem Gewinn aussteigen und bisweilen auch, wie vermutlich diesmal, ihre Ausrichtung auf Short drehen.

Zwar könnte man als Entschuldigung anführen, dass man in den Medien, hierzulande ebenso wie in den USA, meist so tut, als habe die Terminbörse keine Bedeutung für den Gesamtmarkt, so dass die meisten Anleger deren Einfluss dramatisch unterschätzen. Aber hätte man an der Börse aktuell nicht auch angesichts des Umstands, dass z.B. der wichtige S&P 500-Index auf markttechnisch überkauftem Level auf einen doppelten, massiven Widerstand aus übergeordneter Abwärtstrendlinie und 200-Tage-Linie zugelaufen war, gewarnt sein können?

Börse aktuell: S&P Rallye im Abwärtstrend im Sommer 2022 | Online Broker LYNX

Ja, hätte man. Wenn man nicht gerade im Mr. Hyde-Modus war und sich mit Blick auf das alte Rekordhoch als Kursziel reich rechnete. Aber genau das passiert, wenn viele unerfahrene Anleger mit einer komplizierten und negativen Gemengelage konfrontiert werden, die sie weder vom Fachwissen her erfassen noch emotional akzeptieren können.

Powell ist schuld? Nein, ist er nicht!

In solchen Situationen wird gerne fleißig auf irgendetwas gehofft. Etwas, das zwar oft rational gesehen haltlos ist, aber wenn alle mitmachen, fällt es leichter, das zu ignorieren. Als der US-Aktienmarkt Mitte letzter Woche begann, wieder anzuziehen, wurde das damit begründet, dass die angeblich so ermutigend ausgefallenen Juli-Inflationsdaten dazu führen würden, dass US-Notenbankchef Powell in seiner am Freitag um 16 Uhr MEZ gehaltenen Rede im Rahmen des Notenbanker-Treffens in Jackson Hole einen weniger aggressiven Kurs in Bezug auf die nächsten Leitzinserhöhungen ankündigen werde.

Sicher, das war nicht unmöglich. Aber wer sich mit Geldpolitik auskennt und zudem imstande ist, hinter den Vorhang der jüngsten Inflationsdaten zu schauen, wusste: Wahrscheinlich war das nicht. Aber Ratio und Sachverstand auf der einen Seite, durch den Eindruck wieder anziehender Kurse befeuerte Hoffnungen auf der anderen Seite: Was wählt derjenige, der nur Hausse kennt und, weil er/sie nie Short geht, auch nur Hausse „kann“?

Dass viele im Vorfeld dieser Rede kauften, war daher wenig überraschend. Dass Jerome Powell dann Klartext redete und sehr deutlich machte, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, dass man sich hinsichtlich der Größe der nächsten Zinserhöhung alle Daten anschauen werde und man mit Druck auf das Wachstum nun einmal wird leben müssen, wenn man die Inflation besiegen will, holte daher viele sehr abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Der nachfolgend beispielhaft abgebildete Kursverlauf des Nasdaq 100 über die abgelaufene Handelswoche auf 15-Minuten-Basis zeigt, wie das ausging. Und nein, daran ist nicht Mr. Powell schuld, sondern diejenigen, die sich von ihren Hoffnungen und Wünschen leiten ließen statt von der Realität.

Börse aktuell: Anstieg im Nasdaq 100 und dann folgender Abverkauf am 26. August 2022 | Online Broker LYNX

Aber ist es damit jetzt getan? Hat verkauft, wer auf die Powell-Aussagen hin verkaufen wollte, so dass der Druck auf die Kurse jetzt nachlässt, womöglich die nächste Kaufwelle anrollen kann? Wieder muss man einschränkend schreiben: Unmöglich ist an der Börse bekanntlich nichts. Aber wenn ich mir ein paar Charts ansehe, die das Umfeld bzw. die Struktur der Märkte beleuchten, bezweifle ich, dass in Kürze wieder eitel Sonnenschein herrschen wird. Es sei denn, man wäre Short. Sehen wir uns mal ein paar dieser Charts an:

Die USA sind in Sachen Energie besser dran … aber DAX & Co. hilft das nichts

Die Situation am Energiemarkt ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Zwar ist weltweit weiterhin genug Öl und Gas vorhanden. Aber es ist nicht da, wo es hin muss. Das sorgt für irrwitzig steigende Preise. Da sind die USA zwar besser dran, aber die Kosten für Energie steigen auch dort. Und in den USA gibt es mehr Haushalte, die selbst bei eher moderaten Kostensteigerungen in die Bredouille geraten.

Börse aktuell: Preisentwicklung Erdgas und Heizöl im Verlgeich von 2017 bis 2022 | Online Broker LYNX

Dass DAX und Euro Stoxx 50 von dieser Situation mehr bedroht sind als die US-Aktienmärkte, mag schon sein. Aber dafür sind dort die Zinsen höher. Was nicht nur dazu führt, dass mehr Anleger in US-Anleihen ausweichen, zumal die US-Notenbank ihre Bestände seit einiger Zeit in den Markt „verklappt“ und so indirekt dem Aktienmarkt den Hahn zudreht. Es ist auch ein Faktor, der hochspekulatives Kapital ausbremst, denn die Kredite für die Sicherheitsleistungen auf Derivate-Spekulationen werden dadurch spürbar teurer … und das macht sich, in Kombination mit dem steigenden Risiko am Aktienmarkt, bemerkbar: Das Volumen der sogenannten Margin-Debits ist deutlich zurückgekommen, auch das entzieht dem Aktienmarkt Geld.

Das sind Aspekte, die Rallyes ausbremsen

Das Volumen der von Tradern zur Finanzierung von Sicherheitsleistungen auf Derivate (Margin) aufgenommenen Kredite ist ein bemerkenswertes Barometer für den Grad des Risikos, dem der Aktienmarkt ausgesetzt ist. Je extremer diese Kredite anschwellen, desto heißer läuft eine Hausse. Das war bis Anfang 2022 der Fall. Aber erst, wenn diese sogenannten Margin-Debits fallen, wird es richtig interessant.

Börse aktuell: Entwicklung Börsenkredite in den USA und Kursentwicklung S&P 500 im Vergleich von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Denn diese mit extremstem Risiko agierenden Trader reagieren höchst sensibel auf eine sich zuspitzende Lage. Diese Kredite, die mehrheitlich auf der Long-Seite eingesetzt werden, werden rasant abgebaut, wenn die Hausse zu gefährlich wird. In diesem Fall ging dieser Abbau des Kreditvolumens schnell und weitreichend vonstatten, von einem Rekord bei 936 Milliarden US-Dollar im Herbst 2021 auf 683 Milliarden per Ende Juni. Ende Juli lag das Volumen zwar mit 696 Milliarden etwa zwei Prozent höher. Aber der Aktienmarkt ist weitaus mehr gestiegen. Das heißt, die Profi-Zocker ziehen nur zögerlich und vorsichtig mit. Diejenigen also, die wissen, wann man sich die Finger verbrennt. Was übrigens auch den Aussagen mancher US-Banken entspricht, die melden, dass das Gros der Käufe in den letzten Wochen auf die normalen Privatanleger entfällt. Dass es dabei nicht um solide, langfristige Investments geht, deutet der nächste Chart an:

Börse aktuell: Barreserven der US-Fonds und Kursentwicklung S&P 500 im Vergleich von 2000 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wenn der US-Aktienmarkt fast 20 Prozent in nur wenigen Wochen steigt, müssten die Fonds ihre zuvor deutlich gestiegenen Barreserven eigentlich spürbar reduziert haben, weil sie natürlich bei einer solchen Rallye mitziehen müssen. Aber Sie sehen im Chart, dass das zumindest bislang noch nicht der Fall ist. Die Barreserven der US-Fonds liegen mit 6,1 Prozent auf dem höchsten Niveau seit über 20 Jahren. Entweder, es kommt kaum frisches Geld neu hinzu, weil die Anleger lieber selber investieren, um noch mehr Geld zu verdienen … ein Signal zunehmenden Leichtsinns. Oder es kommt zwar frisches Geld, die erfahrenen Fondmanager halten aber trotzdem eine hohe Cash-Reserve, weil sie davon ausgehen, dass sie die noch brauchen werden, weil diese Rallye nicht halten wird. Und die hat ja auch genug Schwachpunkte.

Die Rallye hatte kein taugliches Fundament

Zum Beispiel die zu geringe Zahl an Aktien, die die Rallye an der Börse aktuell tragen, wie wir im Chart der neuen 52 Wochen-Hochs an der New York Stock Exchange sehen:

Börse aktuell: Entwicklung Anteil der Aktien mit neuem 52 Wochen-Hoch an der NYSE und Kursentwicklung S&P 500 im Vergleich von 2016 bis 2022 | Online Broker LYNX

Am vorvergangenen Freitag, als an der Terminbörse abgerechnet wurde, erreichten nur 54 der über 2.000 an der New York Stock Exchange gelisteten Aktien ein neues 52 Wochen-Hoch. Das ist besorgniserregend wenig. Sicher, das liegt vor allem daran, dass die meisten Aktien weit unter ihren letzten Hochs notieren, wie der Gesamtmarkt schließlich auch. Aber es müssten dennoch mehr sein, denn warum sollte die Konjunktur aus dem Gröbsten heraus sein und das die Rallye nachträglich rechtfertigende Wachstum zurückkehren, wenn man kaum Aktien sieht, deren Unternehmen genau das zeigen, indem sie weiter stabil und stark wachsen? So etwas wie aktuell sieht man eher in Gegenbewegungen in übergeordneten Abwärtstrends. Und an diesem Freitag dann kam es dafür zu einem kräftigen Anstieg neuer 52-Wochen-Tiefs auf 203. Das ist ein Signal dafür, dass die Rallye auf viel zu wenigen Schultern ruhte, um solide zu sein.

Die eigentliche Baisse muss nicht, aber sie könnte erst noch kommen

Wenn man das mal in ein Gesamtbild packt, kommt zumindest für mich ein Szenario heraus, das sich mit einem kurzen Satz zusammenfassen ließe: Die Tiefs kommen womöglich erst noch. Denken wir mal an die Phase 2008 zurück, siehe der folgende Chart:

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 von 2007 bis 2022 | Online Broker LYNX

Damals gab es im Frühjahr 2008 eine kräftige Gegenbewegung, weil viele Anleger dachten, die Warnungen seien massiv übertrieben und alles schnell wieder im Lot. Gier besiegte Vorsicht, zudem verstanden viele diese Problematik der Subprime-Papiere nicht, die weltweiten Folgen erkannten selbst viele Volkswirte noch nicht. Und heute?

Heute ist die Blase an den Immobilienmärkten nicht nur in den USA vorhanden. Es gibt sie in Europa, in China und in den USA. Zugleich steigen die Hypothekenzinsen dramatisch, der Wert der Immobilien zeigt Ansätze, zu fallen. Die Konjunktur, damals stabil, wankt immens. Die geopolitischen Spannungen, die gerissenen Lieferketten, die Inflation, all das kommt diesmal noch hinzu. Und zugleich sehen wir die Rückkehr der Rattenfänger und ihrer willigen Opfer unter den Privatanlegern.

Ist es so verwegen, anhand dieser diesmal noch viel heftigeren Risiken die Möglichkeit ins Spiel zu bringen, dass wir, verglichen mit 2008, erst am Ende dieser damaligen Gegenbewegung stehen, der dann die eigentliche Baisse folgte?

Ich denke nicht. Das heißt nicht, dass man jetzt mit Haus und Hof auf den großen Crash setzen sollte. Aber es heißt, dass man an der Börse aktuell sehr, sehr besonnen agieren, sich nicht von seinen Emotionen mitreißen lassen sollte. Denn wenn der Aktienmarkt erst jetzt in das eigentliche, schwere Fahrwasser geraten würde, wäre Trading aufgrund der dann steigenden Volatilität in beide Richtungen nur etwas für Leute, die ganz genau wissen, was sie tun!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 26.08.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Man hätte denken mögen, die bösen Erfahrungen Anfang 2021 hätten die Zocker gelehrt, klüger vorzugehen. Aber nein, sie sind zurück. Und das in einer Phase, die eine Ballung von Risiken aufweist, wie man sie so noch nicht erlebt hat. Was passiert da gerade?

Sie werden sich erinnern: Anfang 2021 hatte die Corona-Hausse so viele naive Neulinge in den Aktienmarkt gespült, dass es zu einer „Subkultur“ von meist jungen Zockern kam. Leute, die überzeugt waren, die absoluten Cracks zu sein und zugleich dem App-Trading und den Trading-Foren viel Zulauf verschafften. Das waren Trader, die massiv angeschlagene Aktien durch die Decke zockten, indem sie sich in diesen Foren absprachen, alle zur selben Zeit zu kaufen. Angeblich mit dem hehren Ziel, es den bösen Short-Sellern mal so richtig zu zeigen. Typische Spielwiesen dieser seltsamen Klientel waren Aktien wie GameStop, AMC Entertainment oder die KOSS Corporation. Anfang Februar 2021 hatte ich an dieser Stelle darüber berichtet. Dass ich heute darauf zurückkomme, liegt daran, dass diese Foren-Zocker wieder da sind.

Wieder da: Die „Robin Hoods“ der Börse und ihre zweifelhaften Methoden

Und das ist genau jetzt reichlich problematisch. Zum einen, weil zu viele Leute, die ihr Erspartes verzocken, in einer kippenden Konjunktur alles noch schlimmer machen. Zum anderen, weil dieses Verhalten ein Spiegel ist, wie viele Menschen unfassbar naiv mit der Realität umgehen, die ihnen deshalb das Fell über die Ohren ziehen wird.

Diese App-Zocker sind letztlich nur ein Symbol für die zunehmende Naivität insgesamt. Und das angesichts einer Krise von immensem Ausmaß. Der Aktienmarkt spielt gerade die Rückkehr der ewigen Hausse, während nicht nur die Rahmenbedingungen weiterhin kritisch sind, sondern auch die Internals, die Daten hinter den Kursen. Die schauen wir uns in diesem Roundup für den August gleich an, zunächst aber mal zum aktuellen Beispiel dafür, was Naivität, Selbstüberschätzung und Gier an der Börse alles zuwege bringen können.

Börse aktuell: Kursentwicklung der Zocker Aktie Kross Corporation von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Kursentwicklung der Zocker Aktie Kross Corporation von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Damals, Anfang 2021, haben Unmengen vor allem junge Leute ihr Geld verloren. Nicht selten auch welches, das sie sich geliehen haben. Oder sie haben ihre Studienkredite verspielt. Denn die Aktien, auf die sich diese „Helden“ via Trading-Apps wie „robinhood“ stürzten, waren allesamt Aktien massiv angeschlagener Unternehmen, die zu Recht unter Druck standen. Das Ergebnis: Der Großteil derer, die sich von anderen in diesen Foren verleiten ließen, heldenhaft Short-Seller auszuquetschen, stieg teuer ein und kam erst aus dem Markt heraus, als die, die natürlich längst vor den geplanten „Kauf-Attacken“ eingestiegen und in die Käufe der Naiven hinein mit nahezu irrwitzigem Gewinn wieder ausgestiegen waren, ihre Schäfchen im Trockenen hatten. Die Rädelsführer wurden reich, das Fußvolk verlor sein Geld. Vorstehend der Chart einer dieser damaligen „Helden-Aktien“, der KOSS-Corporation, als mahnendes Beispiel. Solche Faxen gab es übrigens vor der großen Baisse 1929-1934 auch. Aber wer glaubt, super-clever zu sein, hat es natürlich nicht nötig, sich mit den Grundlagen der Börse oder gar mit ihrer Geschichte zu befassen!

Senkrecht rauf, senkrecht runter: Das hätte man ahnen müssen!

Und jetzt geht es also wieder los. Diesmal hatte man sich Bed, Bath & Beyond, eine US-Kette, die Einrichtungsgegenstände verkauft, ausgesucht. Das Unternehmen hat massive Probleme, rutscht immer tiefer in die Verlustzone. Wenn man sich die Einschätzungen der Analysten ansieht, findet man dort derzeit 5 „Halten“ und 13 „Verkaufen“-Empfehlungen, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 3,70 US-Dollar und damit noch unter dem letzten Tief von Ende Juli. Und auf eine solche Aktie stürzten sich die App-Zocker an der Börse aktuell. Meine Güte.

Richtig los ging es am 5. August. Am Vorabend hatte diese Aktie bei 6,15 US-Dollar notiert, keine zwei Wochen später hatte sie mit 30 US-Dollar in etwa das Fünffache erreicht. Nachrichten von Unternehmensseite: keine. Was war da los? Ganz einfach: Die Zocker hatten sich wieder versammelt und alle auf einmal den Kurs nach oben gekauft. Warum ausgerechnet hier?

Börse aktuell: Kursentwicklung der Zocker Aktie Bed Bath & Beyond von Februar 2022 bis August 2022 | Online Broker LYNX

Wer weiß … aber bemerkenswert ist eines: Anfang März hatte die Aktie, wie Sie im Chart sehen, einen extremen Sprung hingelegt, der aber sofort auf Abgabedruck stieß. Damals wurde gemeldet, dass ein Investor namens Ryan Cohen bei Bed, Bath & Beyond eingestiegen sei und einen Anteil von knapp zehn Prozent halte. Wobei nicht dessen Käufe den Kurs nach oben katapultierten, da war Cohen ja bereits drin gewesen, die Meldung über diesen Einstieg war es. Das hatte sich für Cohen aber erst einmal nicht gerechnet, wie man sieht. Bis dahin zumindest.

Denn als die Aktie Anfang August, ohne Unternehmensnachrichten, senkrecht nach oben schoss, hieß es auf einmal am Donnerstagmittag, Ryan Cohen wolle aussteigen. Am Donnerstagabend nach Handelsende kam die Bestätigung: Cohen hat seinen kompletten Anteil verkauft. Welch glücklicher Zufall für ihn, dass die Zocker den Kurs vorher so hoch getrieben hatten! Und wenn man sich mal im Chart den Kursverlauf und die Umsätze am Mittwoch und Donnerstag ansieht, bevor die Meldung darüber kam, dass der Verkauf vollzogen ist: Cohen hat „oben“ verkauft … und zahllose Trader müssen ihm diese Aktien zu diesem Kurs ja abgekauft haben, zwischen 15 und 30 US-Dollar.

Nach der Meldung crashte die Aktie und war am Freitagabend mit nur noch 11 US-Dollar wieder auf dem Weg dorthin, wo sie auch hingehört. Erwähnenswert wäre da vielleicht noch, dass Ryan Cohen seit Anfang 2021 Vorstandschef bei GameStop ist, einer der Spielwiesen der Zocker vom vergangenen Jahr. Man hätte nicht ahnen können, dass man mit dem unlimitierten Kauf dieser Aktie etwas sehr Dummes tut. Man hätte es ahnen müssen!

Nichts dazugelernt: Fröhlich hinein in die nächste Fallgrube!

Na, aus solchen Erfahrungen lernt man ja wenigstens … sollte man meinen. Aber eigentlich hätten die Erfahrungen von Anfang 2021 dafür ja schon reichen müssen. Und haben es nicht. Warum also jetzt! Als ich den unten folgenden Chart sah, blieb mein Kopf lange müde auf der Tischplatte liegen:

Es ging ein Bericht durch die Medien, auch hierzulande, dass ein 20jähriger Student namens Jake Freeman mit Geld, das er angeblich von Freunden und der Familie hatte, einen Sechs-Prozent-Anteil von Bed, Bath & Beyond im Wert von 25 Millionen Dollar (die Familie muss aber eine große Portokasse haben) gekauft hatte. Sofort danach schoss die Aktie in die Höhe und, oh Wunder, der junge Mann erwischt den rechten Moment zum Ausstieg und hat nun angeblich 110 Millionen. Ebenso vom Glück verfolgt wie Mr. Cohen. Und dann hieß es am Mittwoch in den Foren, dieser Jake Freeman sei angeblich in einer Aktie namens „Mind Medicine“ investiert … der Chart zeigt, was daraufhin passierte:

Börse aktuell: Kursentwicklung der Zocker Aktie Mind Medicine im August 2022 | Online Broker LYNX

Nein, ich habe nicht mal nachgesehen, was Mind Medicine macht. Vielleicht Gehirnprothesen, passen würde es ja. Ist auch völlig egal, es geht nur darum, dass der in meinem Bericht vom Februar 2021 zum Thema zitierte Rattenfänger von Hameln immer noch dick im Geschäft ist. Es scheint, dass sich immer mehr sogenannte „Investoren“ sogar schon ohne jede Flötentöne mit Wonne in die Falle stürzen.

Das wäre nicht wirklich dramatisch für uns alle, wenn die Wirtschaft brummen würde, so dass ein paar Tausend … oder zigtausend … junge Leute, die ihr Geld verlieren, das Gesamtbild nicht nennenswert ins Wanken bringen. Aber jetzt, jetzt kann das eine rezessive Entwicklung verstärken.

Eine Leiter ohne Sprossen … gut dran ist, wer das erkennt

Denn nicht nur diese App-Zocker drohen gerade, am Aktienmarkt auf Grund zu laufen. Im Gegensatz zu Anfang 2021 ist die Lage ernst. Eine Krise ist da. Und die Naivität eben auch noch. Kommen wir also … endlich … zu ein paar Charts, die für mich andeuten, dass diese Rallye, die an der Wall Street … wohl kaum ein Zufall … genau nach der Terminmarkt-Abrechnung vom Juni und bei uns genau nach der Terminmarkt-Abrechnung im Juli begann, eine Leiter ohne Sprossen ist.

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Der marktbreite S&P 500 ist in der Spitze 19 Prozent nach oben gelaufen, den Großteil davon in den letzten fünf Wochen seit der Juli-Abrechnung am Terminmarkt. Der RSI ist deutlich in den überkauften Bereich vorgestoßen, was selten passiert und dann in den meisten Fällen eine Korrektur, manchmal auch eine echte Abwärtswende zur Folge hat. Und das Umfeld ist weiter bärisch. Wie schon in der Kolumne vor zwei Wochen dargelegt, ist es wenig wahrscheinlich, dass die Inflation ihren Zenit bereits überschritten hat, ebenso wenig sind die scheinbar grandiosen US-Arbeitsmarktdaten ein Beweis dafür, dass die US-Konjunktur stabil bleibt.

Denn der Arbeitsmarkt hinkt der realen Lage viele Monate hinterher. Wie übrigens auch die Reaktion der Wirtschaft auf höhere Leitzinsen. Was heißt: Die Auswirkungen auf die schnell angehobenen US-Leitzinsen kommen erst noch. Wobei man all das man auch auf Europa übertragen kann und muss.

Wer sich dessen bewusst ist, ist gewarnt. Und wer gewarnt ist, handelt besonnen und damit meist richtig. Es ist wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch: Wer weiß, wann er Gas und Bremse bedienen muss, kommt heil durch. Was das Trading bzw. die persönliche Risikobereitschaft angeht, würde ich persönlich jetzt doch dringend zur Bremse raten!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 19.08.2022, Chartquelle marketmaker pp4