Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 17.-23.06.2024

Hausse bei hohen Leitzinsen – kann das funktionieren?

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S&P 500
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Hohe Leitzinsen bedeuten teure Kredite, hohe Hypothekenzinsen und, da sie zudem normalerweise auch noch gestiegene Preise in Schach halten sollen, schmaler werdende Geldbeutel bei den Verbrauchern. Dass der Aktienmarkt in einem solchen Umfeld gut laufen könnte, wirkt im ersten Moment absurd, ist es aber nicht, das ist in der Vergangenheit oft so gewesen. Der Haken ist aber: Diesmal liegen die Dinge etwas anders.

Der folgende Chart zeigt, dass der hierfür als Beispiel gewählte, marktbreite S&P 500-Index in den USA durchaus gut, oft sogar sehr gut lief, wenn die US-Notenbank so wie momentan nach einer Phase steigender Leitzinsen stillhielt, so dass eine Art „Hochzins-Plateau“ entstand. Und das ist gar nicht mal so unlogisch.

Denn normalerweise erfolgen Leitzinsanhebungen vorbeugend, d.h. man will ein zu starkes Wachstum bremsen (und nicht abwürgen), um zu verhindern, dass es als Nebenwirkung zu zu schnell und zu weit steigenden Preisen kommt. Also macht man Geld teurer, dadurch soll weniger auf Kredit investiert und konsumiert werden und über das tolerierbare Maß hinausgehenden Preiserhöhungen die Grundlage entzogen werden. Was bedeutet:

Auf hohem Niveau verharrende Leitzinsen bedeuten normalerweise: Der Wirtschaft geht es gut.

Wenn die Notenbanken den Leitzins anheben, tun sie das normalerweise in einem Wachstumsumfeld, in dem folgerichtig auch die Unternehmensgewinne zulegen und damit die Basis für einen Aufwärtstrend am Aktienmarkt darstellen. Das Ziel ist, das Wachstum auf solidem, aber eben nicht zu hohem Niveau zu halten. Und solange der Anstieg der Leitzinsen nicht zu massiv ist, erzielt das seine Wirkung, ohne zugleich Konsum und Investitionen abzuwürgen. Dass der Aktienmarkt normalerweise zusammen mit dem Wachstum weiter anzieht, ist also grundsätzlich normal und keineswegs „falsch“.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und US-Leitzinsen von 1997 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und US-Leitzinsen von 1997 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

In einer solchen Situation kann eine Notenbank den Leitzins so lange auf dem angehobenen Niveau belassen, bis es zu negativen Nebenwirkungen der höheren Zinsen kommt. Denn natürlich werden so die Refinanzierung des Staates ebenso wie die der Unternehmen teurer, die Kreditkosten steigen. Bei Ablauf von Zinsbindungen ebenso wie bei der Neuverschuldung drückt das auf das Konsum- und Investitionspotenzial.

Aber, und das ist der günstige Nebeneffekt, es drückt durch ein dann langsam nachlassendes Wachstum auch auf die Preise. D. h. der gewünschte Effekt, den Preisanstieg zu verringern oder sogar zu stoppen, wird dadurch erreicht. Die Notenbank kann daraufhin die Zinsen behutsam senken und so das Wachstum wieder unterstützen. Ein Auf und Ab, das, mit Fingerspitzengefühl umgesetzt, die Wirtschaft in geordneten Bahnen hält. So wie heute auch? Nein, denn diesmal ist einiges anders.

Risikofaktor 1: Die Bewertung

Wenn wir zu den beiden obenstehenden Aspekten noch die Bewertung des Aktienmarkts hinzunehmen, stellen wir fest: Während das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der im Dow Jones gelisteten Aktien in früheren Phasen eines Hochzins-Plateaus im Vorfeld meist sank und immer im Verhältnis zum längerfristigen Schnitt niedrig war, ist es jetzt ungewöhnlich hoch. Und für eine Phase außerhalb einer Rezession, in der das KGV steigt, weil die Gewinne schneller einbrechen, als die Kurse fallen können, ist es sogar sehr hoch. Woran liegt das?

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500, KGV der Dow Jones Aktien und US-Leitzinsen von 1997 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Entwicklung S&P 500, KGV der Dow Jones Aktien und US-Leitzinsen von 1997 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Das liegt dran, dass die Gewinne der großen, börsennotierten Unternehmen zwar weiter steigen, weil die Blue Chips eine derart starke Marktposition haben, dass hohe Zinsen deren Wachstum nicht stoppen (und die Verbraucher zugleich trotz hoher Zinsen relativ stark weiter konsumieren), die Kurse aber noch schneller nach oben laufen als die Gewinne. Der S&P 500 und vor allem der Nasdaq 100 sind deshalb an der Börse aktuell teuer bewertet. Im Gegensatz zu früheren Hochzins-Plateaus ist der Aktienmarkt also momentan nicht günstig, sondern hoch bis zu hoch bewertet. Das birgt das Risiko für Turbulenzen am Aktienmarkt die, da sie immer Auswirkungen auf die Verbraucher haben, für die US-Notenbank eine riskante Unbekannte darstellt.

Risikofaktor 2: Diesmal wurde hinterhergelaufen statt vorgesorgt

Wie eingangs erwähnt sollten Leitzinsen bereits als „Bremsinstrument“ zum Einsatz kommen, bevor das Kind im Brunnen liegt und nicht danach. Das funktionierte in den letzten 30 Jahren. Aber diesmal nicht. Als die „Fed“ erstmals im Frühjahr 2022 den Leitzins anhob, war die Inflationsrate mit 7,9 Prozent längst aus dem Ruder gelaufen. Man hatte geglaubt, der Preisanstieg durch die Phase der Materialengpässe würde mit dem Ende der Engpässe genauso verschwinden, lag aber falsch. Dadurch musste man diesmal hektisch nachsteuern. Und das birgt ein erhebliches Risiko für die Konjunktur, denn:

Börse aktuell: Entwicklung US-Leitzins und US-Inflationsrate von 1992 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Entwicklung US-Leitzins und US-Inflationsrate von 1992 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Dadurch musste der Leitzins viel schneller und weiter angehoben werden als in den vorherigen Phasen. Und je drastischer die Veränderung bei den Kosten für geliehenes Geld ist, desto heftiger sind die Auswirkungen. Aber vor allem bedeutet das, dass die Notenbank – das gilt für die EZB genauso – jetzt hohe Zinsen fährt, obwohl die Preise bereits immens höher liegen. Die Prophylaxe fiel also aus, so dass nicht nur das Geld für Anschaffungen und Investitionen teurer ist, sondern auch der Preis der Anschaffungen und Investitionen selbst. Wie ungewöhnlich das ist, zeigt die nächste Grafik, in der wir die reale Preisveränderung über den HVPI (Harmonisierter Verbraucherpreisindex) im Vergleich zum Leitzinslevel für die Eurozone sehen.

Börse aktuell: Entwicklung EZB Leitzins und nominaler Preisanstieg der Eurozone von 1998 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Entwicklung EZB Leitzins und nominaler Preisanstieg der Eurozone von 1998 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Die Folge: Das Zauberlehrling-Problem

Dieses Hinterherlaufen hinter bereits deutlich zu stark gestiegenen Preisen hat seine Folgen: Die Lohn/Preis-Spirale läuft. Regierungen streuen Geld unter die Verbraucher, Unternehmen heben die Löhne viel stärker an als üblich. Zwar mit der Grundidee, die Wirtschaft dadurch zu stabilisieren, indem man den Verbrauchern die Kaufkraft erhält, die unter diesem Doppeldruck aus hohen Preisen und teurem Geld natürlich unter Druck kommt. Aber das hat eben einen Nebeneffekt:

Steigen die Löhne zu stark, müssen die Unternehmen wegen der dadurch gestiegenen Kosten die Preise erhöhen, wenn sie nicht wollen, dass ihre Gewinne sinken. Und das wollen sie, wie wir alle wissen, ganz und gar nicht. Zugleich geht die Staatsverschuldung wegen der höheren Ausgaben zur Eindämmung der Inflationsfolgen bei zugleich viel höheren Zinsen für die Schuldenfinanzierung durch die Decke. Und so setzt ein Kreislauf ein, eben diese Lohn/Preis-Spirale. Eins führt immer wieder zum anderen. Und das Dumme dabei ist:

Das läuft wie bei Goethes Zauberlehrling, der seinen Besen zwar in Gang setzen, aber nicht mehr stoppen konnte: Es gibt keine Lösung dafür, zumal die Notenbanken auf diesen Bereich ja nicht direkt einwirken können. Keine Lösung … außer einer, die da wäre:

Die US-Notenbank weiß schon, warum sie so vorsichtig ist

Die Löhne steigen nicht mehr, die Nachfrage stagniert oder sinkt, das stoppt die Teuerung und macht erneute, zu hohe Lohnerhöhungen unnötig. Aber:

Dazu müssten die Unternehmen mitspielen. Was sie nicht tun werden. Also?

Also bleibt, auch und gerade wegen dieser Lohn/Preis-Spirale, zumindest für die ganz großen Unternehmen ein günstiges Umfeld für steigende Unternehmensgewinne erhalten, die Gefahr, dass die Inflation plötzlich wieder massiv anzieht, aber auch. Und es bleibt das Risiko, dass dieses „Double-Feature“ aus hohen Zinsen und hohen Preisen über kurz oder lang auch in den USA dazu führt, dass den Verbrauchern die Puste ausgeht und die Rezession doch noch kommt, die letzten Monate lieferten Indizien dahingehend, dass das bereits losgeht.

Nun ließe sich sagen: Macht nichts, dann geht die „Fed“ eben zügig mit den Leitzinsen runter und schon läuft wieder alles. Sagen lässt sich das leicht. Das ohne massiv negative Folgen hinzukriegen aber weniger. Weil?

Weil dann der Aufschiebe-Effekt einsetzt. Unternehmer und Verbraucher stürzen ja nicht gleich nach der ersten Leitzinssenkung los und nehmen wieder massiv Kredite auf. Wenn sie davon ausgehen können, dass die Zinsen weiter sinken … und ggf. auch noch schnell … werden sie alles aufschieben, was nicht umgehend gekauft werden muss, bis Kredite wirklich billiger sind. Dass dieses Verhalten ebenso logisch wie üblich ist, sehen wir im folgenden Chart:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und US-Leitzinsen von 1991 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und US-Leitzinsen von 1991 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Die Notenbanken sehen sich also zwischen zwei Mühlsteinen: Zwischen der Lohn/Preis-Spirale auf der einen und dem Rezessionsrisiko durch den Aufschiebe-Effekt auf der anderen Seite. Ideal wäre für sie, hellsehen zu können, zu wissen, was die Verbraucher tun werden, die Politik, die Unternehmen, also die für das „Große Ganze“ entscheidenden Gruppen, auf die sie keinen direkten Einfluss nehmen können. Aber das können sie eben nicht.

Aber nur dann könnte man sicher sein, dass man nicht entweder zu früh mit Senkungen beginnt (was die Inflation zurückbringen könnte, aber auf jeden Fall den rezessiven Druck in Form des Aufschiebe-Effekts lostreten würde) … oder zu spät, was dann bedeuten würde, dass man eine bereits wegen der teuren Zinsen und Preise zusammenklappende Konjunktur umgehend retten müsste.

Was dann indes hieße, den Leitzins umgehend wieder unter den neutralen Zins zu senken, was zur Folge hätte, dass die nächste Phase des „Gratis-Geldes“ begänne … und mit ihr die üblen Folgen einer solchen Nullzinspolitik. Denn vor allem derentwegen stehen wir ja jetzt in diesem Schlamassel.

Fazit: Dass die US-Notenbank letzten Mittwoch so auffällig vorsichtig und defensiv daherkam, wundert mich absolut nicht!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Bisweilen hat man den Eindruck, als würden sich die Kurse absurd verhalten, das aber mit sturer Konsequenz. Dieser Eindruck täuscht auch nicht, denn computergesteuerte Handelsprogramme werden immer dominanter … und nicht nur sie führen dazu, dass Rahmenbedingungen und Kurse oft völlig konträr unterwegs sind. Aber ist das für uns Anleger wirklich ein Nachteil?

Die im letzten Herbst die Kaufwelle am Aktienmarkt begründende Zinssenkungsphantasie ist jetzt auf der langfristigen Ebene gelandet, auf deren vermeintlich kurzfristigen Charakter hin hatte man aber monatelang wie wild vorgekauft. Das Wachstum in der Eurozone liegt irgendwo zwischen null und „nicht der Rede wert“. Und in den USA beginnen die hohen Zinsen, die vorerst auch hoch bleiben, mit dem Wachstum zu tun, was hohe Zinsen eben so tun: Sie würgen es ab.

Kein Wunder, dass die Aktienmärkte  … steigen? Was geht denn hier an der Börse aktuell vor, könnte sich ein Investor fragen, der über Erfahrung und Fachwissen verfügt. Es spricht doch so gut wie nichts für, aber sehr viel gegen weiter steigende Kurse auf diesem Niveau des Aktienmarkts, oder? Sind denn alle dumm geworden?

Antwort auf Frage 1: Stimmt, wenn man die Sache nüchtern und mit Logik angeht, müssten am Aktienmarkt jetzt, da man auch noch die EZB-Zinshoffnungen auf die Langfrist-Schiene verlagern muss, längst mehr Verkäufe als Käufe zu sehen sein. Antwort auf Frage 2: Kommt drauf an, ob man die Maschinen meint, die das entscheidend mit verursachen oder die Maschinisten. Erstere sind seit eh und je dumm wie zwei Meter Feldweg. Letztere setzen sie aber genau deswegen ein. Um einem „was faselt der da“ zuvorzukommen, gleich zum Punkt:

Handelsprogramme denken nicht. Und wer sie einsetzt, will das auch nicht.

Handelsprogramme machen genau das, was man ihnen vorher vorgegeben hat, nicht mehr und nicht weniger. Sie hinterfragen nicht, sie denken nicht, die brauchen keine Pausen und fallen seltener aus als ein handelsüblicher, menschlicher Trader.

Börse aktuell: Verteidigung der Supportlinie im Nasdaq 100 durch Handelsprogramme | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Verteidigung der Supportlinie im Nasdaq 100 durch Handelsprogramme | Quelle: marketmaker pp4

Und was gibt man diesen Programmen vor? Fast alle Systeme agieren auf Basis einer Kombination aus chart- und markttechnischen Aspekten. Die Rahmenbedingungen taugen als Vorlage für solche Handelsprogramme nicht, weil sie immer kompliziert zu interpretieren sind, vom Gesamtbild abhängen und viel zu zahlreich sind, um als explizites Long- oder Short-Argument erfassbar zu sein. Was bedeutet:

Handelsprogramme agieren völlig unabhängig von der Gesamtsituation, die ja (eigentlich) die Vorlage für Auf- oder Abwärtstrends sein müsste. Aber ist deren Einsatz dann nicht eine unheimlich unkluge Idee? Denn dadurch könnten diese Systeme ja völlig falsch liegen?

Bewusst oder unbewusst: Ein Großteil des Markets zieht mit

Könnten sie, wenn sie nur vereinzelt eingesetzt würden und damit keinen nennenswerten Anteil am Gesamtumsatz hätten. Aber große Adressen agieren immer mehr mit solchen Programmen, auch und gerade, weil sie zuverlässiger, schneller und billiger sind als Horden von teuer bezahlten Tradern in riesigen Handelssälen, wie wir das aus früheren Jahrzehnten kannten. Zumal die Positionen immer größer und komplexer werden. Da müssen Computer ran. Und da die nicht aus dem Bauch heraus oder nach komplexen Gedankenmodellen handeln, sondern nach einem einprogrammierten Schema, ist das definitiv von Vorteil, weil sie damit vorhersehbar sind.

Hinzu kommt, dass die Handelsprogramme durch ihre chart- und markttechnische Ausrichtung automatisch Schützenhilfe von anderen Gruppen im Markt erhalten. So handeln sie stur trendfolgend, sei es auf extrem kurzfristiger Intraday-Basis oder im Tages- oder Wochen-Zeitraster, Und das tun andere ja auch: die technisch orientierten privaten Trader zum einen und, wichtiger noch, der „normale Privatanleger“. Denn was tun letztere denn meist?

Sie kümmern sich mangels Fachwissen und/oder Interesse nicht um die Rahmenbedingungen. Für sie gibt es also kein „müsste aber“, an dem versierte Anleger eben wegen dieser oft absurd wirkenden Trendbewegungen am Markt verzweifeln. Wenn DAX, Dow & Co. steigen, kaufen sie weiter, oft über ETFs, wo die dort sitzenden Profis zwar womöglich wissen, dass der Markt längst überhitzt ist, die aber keinen Spielraum für persönliche Erwägungen haben, weil Geld, das neu hereinkommt, sofort investiert werden muss. Zugleich verlängern viele der unerfahrenen Anleger Trends im Kopf in alle Ewigkeit und verkaufen oft erst, wenn eine Trendwende längst vollzogen und ein Abwärtstrend schon längere Zeit vorhanden ist.

Gerade bei Aufwärtstrends – aber auch bei sehr starken Abwärtsbewegungen – agieren damit die Handelsprogramme, die technischen Trader und die Privatanleger Hand in Hand. Und das hat genau die Auswirkungen, durch die erfahrene Anleger vor lauter Kopfschütteln einen Drehwurm bekommen, wenn sie sich nicht immer wieder daran erinnern, warum der Markt sich öfters ziemlich seltsam verhält.

Börse aktuell: Entwicklung DAX und beste und schlechteste Aktie im Index im Vergleich im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX und beste und schlechteste Aktie im Index im Vergleich im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Die unmittelbaren Auswirkungen dieser „unsichtbaren Hände“

„Rettungsaktionen“ wie die beim Nasdaq 100 im Chart ganz oben, bei denen eine Reaktion auf „bad news“ zwar kurz und heftig ausfällt, dann aber auf noch viel heftigere Käufe trifft, die genau so lang anhalten, bis ein negatives Signal im Chartbild vom Tisch ist: Das ist ein typisches Zeichen dafür, dass Handelsprogramme aktiv für den Erhalt des Trends sorgen.

Wenn das Momentum eines Trends bis zum Exzess weiter verfolgt wird, obwohl die zugrunde liegende Aktie (oder ein Index) längst über-/unterbewertet und überkauft bzw. überverkauft ist, ist das ein Signal für dominierende Handelsprogramme mit technisch orientierten Tradern in ihrem Windschatten. Denn diese Systeme verfolgen einen Trend eben ohne Ansehen externer Faktoren, weil sie nun einmal nicht „nachdenken“ oder über den Tellerrand ihrer programmierten Vorgaben schauen können.

Daher „merken“ Handelsprogramme auch nicht, dass sie in einem Umfeld immer weiter Long gehen, das eigentlich das Gegenteil einfordern würde. Dass das in den vergangenen Jahren immer extremer der Fall ist, sieht man am Beispiel (einem von vielen) des Verlaufs des marktbreiten US-Index S&P 500 im Verhältnis zum US-Einkaufsmanagerindex für die Industrie, siehe der folgende Chart. Liegt Letzterer unter 50 und damit im rezessiven Bereich, ist das ein negatives Signal, das Druck auf die Unternehmensgewinne bedeutet. Dies in Kombination mit den derzeit hohen und voraussichtlich längere Zeit hoch bleibenden Zinsen wäre markant bärisch – eigentlich. Aber davon wissen die Handelsprogramme eben nichts.

Börse aktuell: Entwicklung US-Einkaufsmanagerindex und S&P 500 im Vergleich von 2013 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung US-Einkaufsmanagerindex und S&P 500 im Vergleich von 2013 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Der Einsatz solcher Systeme kann sogar so weit führen, dass ein Markt insgesamt steigt, obwohl kaum frisches Geld hinzukommt. Dann sieht man eine Art „Ballett“ zwischen einzelnen Aktien oder Indizes: Mal steigt der eine und der andere gibt nach, dann ist es umgekehrt. Es wirkt nicht nur, als würde man einen US-Dollar dann ständig im Kreis herumreichen, es ist quasi so. Kauft man mit dem freiwerdenden Geld dann gezielt dort, wo wenig Verkaufsorders im Markt liegen, kann man mit diesem „raupenartigen“ Vorgehen den Markt insgesamt ohne frisches Geld stützen bzw. leicht nach oben ziehen. Und damit Privatanleger und technisch orientierte Trader bei der Stange halten, ein Beispiel dafür mit Apple und Amazon (als willkürlich herausgegriffene Aktien) sehen wir unten.

Aber ist all das denn für einen privaten Investor wirklich ein Problem? Nein, das ist es nicht … wenn man um die Rolle solcher Handelsprogramme weiß, kann man sich da durchaus „dranhängen“.

Für den Privatanleger sind diese Handelsprogramme eigentlich ein Segen

Man muss nicht wissen oder erahnen, wie die großen Handelsprogramme am Markt genau vorgehen. Wobei man das mit viel Mühe und Zeitaufwand durchaus einigermaßen herausfinden könnte. Ich selbst habe viele Jahre herumgebastelt, bis ich die Grundsystematik der Standard-Systeme herausfand (die ich aber jetzt nicht herausrücken werde) und dabei feststellte: Schau mal einer an, das ist ja simpler als ich dachte.

Es reicht zu wissen, dass die Systematik von ihrer Basis her meist sehr einfach ist. Und das muss sie auch sein, denn Handelsprogramme müssen nicht jede spezielle Situation abdecken, dann werden sie zu kompliziert. Da es am Markt extrem viele „spezielle Situationen“ gibt und keine genau der anderen gleicht, fährt man am besten, wenn man ein System hat, das so robust wie ein Traktor ist. Und genau so sollte man, wenn man den Weg für sich wählen will, der am wenigsten steinig ist, ebenfalls vorgehen.

Wenn man weiß, wie die Sache läuft und damit versteht, warum absurde Dinge nicht nur vorkommen, sondern warum sie dann auch bis zum Exzess weitergetrieben werden … wenn man zudem weiß, wie dominant diese sture Trendfolge ist, ob mit oder gegen die Rahmenbedingungen … dann folgt man ihr. Das ist, als würde man den kürzesten Weg via Autobahn wählen und die Alternative, den unsicheren und auch noch längeren Trampelpfad, links liegen lassen. Einfache Sache … aber Vorsicht!

Börse
Seltsames “Ballett” zwischen Apple und Amazon Aktie | Quelle: marketmaker pp4

Vorsicht, das sind keine reinen „Kaufprogramme“!

Auch, wenn es derzeit so wirkt, in den diesen Artikel begleitenden Charts wird ja schon deutlich, dass diese Systematik nicht bedeutet, dass die Kurse für immer steigen müssten. Handelsprogramme sind keine „Kaufprogramme“, sie können auch aussteigen und/oder drehen, z.B. wenn Chart- und/oder Markttechnik einen überhitzten Markt oder eine bärische Chartkonstellation melden.

Zwar agieren diese Systeme nicht alle gleich, so dass man in solchen Situationen einen Zustand erlebt, in dem die einen Systeme kaufen, die anderen verkaufen, so dass sich eine Abwärtswende öfter zäh gestaltet. Wodurch man bei einem oberflächlichen Blick denken könnte, dass da nur eine kleine Seitwärtsbewegung mit etwas höherer Volatilität vorliegt, während die Programme unsichtbar um die Trendrichtung ringen. Aber wenn es mal abwärts geht, dann oft schnell und weit. Grund:

Da wird dann ja nicht mit sukzessiv und langsam neu zufließendem Kapital Stück um Stück gekauft. Da wird dann verkauft, was da ist. Und wenn ein Handelsprogramm ein bärisches Signal generiert hat, arbeitet es ja genauso rasant, kompromisslos und so lange, wie die Indikation vorliegt, weiter. Das läuft wie der Bruch eines Staudamms ab, daher:

Konsequent einem Trend zu folgen, weil man weiß, dass man die Handelsprogramme dabei im Rücken hat, die sogar dann weiterkaufen, wenn der Markt überkauft ist, überbewertet ist und grundsätzlich in die falsche Richtung läuft, das geht. Aber sich dabei stur auf die Long-Seite zu verlegen und zu glauben, dass diese Programme immer in Abwärtsbewegungen hinein an irgendwelchen Supportmarken die Kuh vom Eis holen, das geht nicht. Konsequente Trendfolge ist eine gute Sache, wenn sie wirklich konsequent betrieben wird. Und das wird sie nur, wenn man bereit ist, in beide Richtungen zu agieren!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Stagflation ist so ziemlich die unerfreulichste Situation, in die eine Volkswirtschaft geraten kann. Dieses Risiko hatten viele zu Beginn der Inflationsphase, als die Leitzinsen rasant stiegen, zwar im Hinterkopf. Aber als dann lange Zeit scheinbar doch nichts passierte, geriet es in Vergessenheit. JP Morgan-Chef Jamie Dimon erinnerte kürzlich daran, dass die Gefahr noch keineswegs vom Tisch ist, im Gegenteil.

Auf dünnem Eis zu tanzen, das ist auf dem Festland ja nicht unbedingt allzu gefährlich. Denn darunter wartet solider Boden, da kann man somit nicht ins Bodenlose stürzen. Der feste Glaube daran, dass es mit der Konjunktur in Europa angesichts der nahen, ersten Leitzinssenkung nur aufwärts gehen kann, wirkt wie ein solcher, fester Untergrund. Ebenso die Ansicht, dass negative Folgen hoher Zinsen in den USA auch weiterhin nicht kommen werden, nachdem man bislang ein robustes, ja zeitweise sogar einem Boom gleichkommendes Wachstum sah. Sicher, ein wenig teuer könnte es jetzt sein am Aktienmarkt, aber weit fallen kann er ja nicht … bei diesem soliden Fundament. Oder täuscht man sich da an der Börse aktuell?

Wenn Jamie Dimon warnt, sollte man besser nicht weghören

Wenn dieses Fundament wirklich solide sein bzw. überhaupt existieren sollte, dann wäre das so. Aber sollte denen, die so denken, bei ihrem Tanz auf dem Eis kein Pinguin, sondern ein Eisbär über den Weg laufen, wäre spätestens das der Moment, um nachdenklich zu werden. Auch, weil so ein Eisbär unter Umständen auf den Gedanken kommen könnte, da gerade seinem Mittagessen über den Weg zu laufen. Aber vor allem, weil der geneigte Anleger dann keinen soliden Untergrund unter den Füßen hat, sondern Wasser. Denn dann ist er am Nord– und nicht am Südpol, dessen Eis in der Tat solide Felsen stützen. Und dieser Eisbär, der die unerfreuliche Kunde bringt, hätte derzeit sogar einen Namen: Jamie Dimon.

Jamie Dimon ist der Chef des US-Investmentbank JP Morgan und nichts weniger als eine Legende. Erstens, weil er schon ein Weilchen dabei ist. Zweitens, weil er die seltene Charaktereigenschaft mitbringt, nicht nur offen zu sagen, was er denkt, sondern auch noch weiß, wovon er redet. Und dieser Jamie Dimon erwähnte unlängst, dass er mit Blick auf das seit der Jahreswende immer weniger starke Wachstum in den USA eine „harte Landung“, sprich eine rezessive Phase, nicht ausschließen könne, wobei eine Stagflation das schlimmste Szenario wäre. Einige Tage später erwähnte er dazu: Das Risiko einer Stagflation sei derzeit höher, als die meisten Menschen glauben. Käme es so, wären die Bullen mit ihren Aktienindizes nahe Rekordniveau in der Tat am Nordpol und nur Wasser statt solide Boden unter diesem Eis, auf dem sie tanzen. Aber was ist eine Stagflation überhaupt?

Stagflation: Eine hochproblematische Sackgasse

Stagflation ist ein Kunstwort, das aus Stagnation und Inflation zusammengesetzt ist. Zwei negative Faktoren, die normalerweise nicht zusammen auftauchen. Aber wenn es passiert, wird die Lage knifflig. Gemeint ist eine Situation, in der das Wirtschaftswachstum stagniert oder sogar eine Rezession vorliegt, kombiniert mit einer Teuerungsrate, die deutlich über dem Normalniveau liegt. Und wieso besteht dieses Risiko jetzt?

Bezogen auf die USA ist das nichts anderes als eine logische Folge der zuvor so verblüffend langen Stärke der Wirtschaft, die deswegen bestand, weil der Konsum trotz stark gestiegener Preise und immens teureren Krediten kaum in die Knie gegangen war. Das ermöglichte den Unternehmen, die Preise weiter anzuheben. Und jetzt scheint eben auch denen, die zuvor ihre Ersparnisse angezapft hatten oder einfach weiter – jetzt eben teurere – Kredite aufnahmen, das Geld oder der Wille, sich noch mehr zu verschulden, abhanden zu kommen. Das Ergebnis ist eine kippende Konjunktur bei trotzdem vorerst noch steigenden Preisen.

In Europa haben wir diesen Zustand einer Stagflation eigentlich schon längst, vielleicht nicht extrem ausgeprägt, aber doch hartnäckig. Denn wir haben in der Eurozone kein nennenswertes Wachstum und trotzdem immer noch eine Inflationsrate über dem Zielbereich. Und daraus ergibt sich eine fatale Sackgasse, denn:

Börse aktuell: Entwicklung Harmonisierter Verbraucherpreisindex von 2017 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Harmonisierter Verbraucherpreisindex von 2017 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4

Solange die Teuerung nicht im Zielbereich ist, kann die EZB den Leitzins nicht nennenswert senken, so dass ein wichtiges Element, um das Wachstum wiederzubeleben, wegfällt. Und wie kommt man aus einer Sackgasse wieder heraus? Rückwärtsgang einlegen und voooorsichtig zurückstoßen? Ja. Aber nicht seitens der Notenbanken. Das müsste dort passieren, wo sich die Basis des Stagflationsrisikos gebildet hat. Und genau dort liegt das nächste Problem, weil das nämlich nicht allzu wahrscheinlich ist. Denn dazu bedarf es … Vernunft.

Was hat dieses Stagflations-Risiko ausgelöst?

Bei inflationsinduziert erheblich angehobenen Zinsen trotzdem mit der Brechstange Wachstum zu erzeugen ist, als wolle man ein Auto mit angezogener Handbremse anschieben, also: dämlich. Aber genau das war das Ziel von Politik und Unternehmen. Die Konsequenzen der Inflation bei denen zu lindern, die ohnehin zu wenig haben, ja, das ist richtig und sinnvoll. Aber per Helikopter mit Geld um sich zu werfen wie z.B. mit dem nicht steuerlich berücksichtigten „Inflationsausgleich“ von 3.000 Euro, zusätzlichen „Inflationsprämien“ bei den Großunternehmen, besonders hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften und, und und …

Börse aktuell: Entwicklung inflationsbereinigtes Lohnwachstum von 2000 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung inflationsbereinigtes Lohnwachstum von 2000 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4

… das führte dazu, dass die Inflation eben nicht längst im Griff ist. Logisch, denn steigende Kosten durch zu stark steigende Löhne, das bringt die Unternehmen dazu, die Preise noch mehr anzuheben. Die Folge: Wachstum futsch, Inflation noch da. Vernünftiges Handeln mit Augenmaß hätte das verhindert. Aber die Vernunft blieb eben auf der Strecke …

… genauso wie in den USA, wo bis zuletzt, als es auf einmal mit den Daten abwärts ging, viele einfach trotzdem teure Kredite aufnahmen und trotzdem weiter konsumierten wie zuvor. Da führte diese damit noch stärker ausgeprägte Unvernunft zwar zunächst dazu, dass es hieß: Wachstum scheinbar stark, aber Inflation auch. Aber jetzt kippt die Sache eben, weil zu viele jetzt Schulden Höhe Oberkante Unterlippe haben und auch die ersten Banken die Stirn runzeln, obwohl sie durch dieses Verhalten grandiose Gewinne machen, wie deren Bilanzen, in Übersee ebenso wie hier, deutlich machen.

Und die Notenbanken? Die können das Verhalten der Politik, der Unternehmen und der Verbraucher ja nicht direkt steuern. Sie können nur versuchen, mit Geldzuflüssen und -abflüssen über Quantitative Easing oder Quantitative Tightening sowie über die Leitzinsen Einfluss zu nehmen. Aber wenn die anderen einfach blind dagegen steuern und die Preise weiter steigen, ist man machtlos.

Börse aktuell: Entwicklung der Produktivität in Deutschland von 2000 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung der Produktivität in Deutschland von 2000 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4

Lösungsmöglichkeiten … wie bekäme man den Kopf aus der Schlinge?

Was Lösungen angeht, können die Notenbanken, wie gesagt, nicht viel tun. Denn angenommen, sie würden es trotzdem tun, was würde passieren? Um das Knäuel zu entwirren, könnten sie an zwei Enden ziehen:

Entweder, die senken die Zinsen trotz zu hoher Inflation trotzdem, um eine Rezession zu verhindern, was indes nicht im Aufgabenheft der EZB steht und auch seitens der US-Notenbank nur indirekt eine Aufgabe wäre. Dann würde die Inflation mit Macht zurückkommen, angesichts des bisherigen Verhaltens der anderen beteiligten Gruppen Politik, Unternehmen und Verbraucher. Schlechte Lösung.

Oder sie heben die Leitzinsen noch weiter an, um die Inflation niederzuringen. Aber gerade weil man gesehen hat, dass die Löhne dann umso mehr steigen und die Verbraucher sich oft schon längst zu zu hohen Zinsen weiter verschuldet haben, würde das zwar einerseits einen herben Einbruch bei der Nachfrage auslösen. Doch das kann dann andererseits so heftig in die Rezession führen, dass man da nicht mehr so leicht herauskommt, ohne die Inflation durch dann in größter Not rasant und weit gesenkten Zinsen sofort wiederzubeleben. Auch keine gute Lösung

Der einzige Weg, eine Stagflation zu beenden oder sie, wenn man unterstellt, dass die Stagflation in den USA noch nicht da wäre (was, wie die nachfolgende Grafik zeigt, Ansichtssache ist), zu verhindern, wäre Vernunft bei allen Beteiligten. Was hieße:

Börse aktuell: Entwicklung der Konjunktur-Frühindikatoren in den USA von 2017 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung der Konjunktur-Frühindikatoren in den USA von 2017 bis 2024 | Quelle: marktmaker pp4

Eine präziser auf die Bedürftigkeit ausgerichtete Unterstützung seitens der Regierungen. Keine die Lage noch schwieriger machenden Faxen in Sachen gegenseitiger Strafzölle. Ein Verzicht auf eine nicht auf die Rahmenbedingungen Rücksicht nehmende Margensteigerung bei großen Unternehmen, insbesondere im Konsum- und Technologiesektor. Besonnenheit seitens der Verbraucher, die zuletzt trotz stark steigender Preise und Kreditzinsen im Kaufrausch geblieben sind.

Nur dann besteht eine gute Chance, dass die Inflation in die Zielzone zurückkehrt und dort auch nachhaltig verbleibt. Eine Chance, dass die Notenbanken die Leitzinsen senken können ohne fürchten zu müssen, dass das umgehend zum Bumerang wird. Und eine Chance dafür, dass die Konjunktur langsam, aber dann eben nicht mit Eisbären, sondern mit Pinguinen im Umfeld, sprich auf Eis, aber mit festem Boden darunter, wieder zu einem moderaten, aber stabilen Wachstum zurückfindet.

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß?

Wird es so kommen? Es wäre gut, aber es würde mich schon eher überraschen, denn mit Vernunft war es ja zuletzt allgemein nicht weit her. Und was hieße das für den Aktienmarkt?

Das kommt darauf an, ob und wann wie viele von denen, die mehr oder weniger passiv jeden Monat Geld dorthin schieben, merken, dass man da ggf. ein wenig vorsichtiger sein sollte oder vielleicht sogar mal Gewinne mitnehmen und somit Geld abziehen könnte. Meine Erfahrung ist, dass aus dieser letztlich für den Trend entscheidenden Klientel kaum jemand weiß, was Stagflation überhaupt ist. Und wer gar nicht weiß, dass er/sie gerade wider Erwarten auf Eis mit ein paar Tausend Metern eiskaltem Wasser darunter tanzt, steigt auch nicht ins Rettungsboot. So gesehen: Das hier ist ein typisches Damoklesschwert – es kann jeden Moment zuschlagen … aber es muss nicht.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Für einen steigenden Aktienmarkt braucht es bestimmte Grundvoraussetzungen, damit der auf einem soliden Fundament basiert und nicht auf einer Leiter ohne Sprossen balanciert. Doch wenngleich DAX, Dow Jones & Co. von einem Rekordhoch zum nächsten laufen: Dieser Geleitschutz durch die Rahmenbedingungen fehlt nicht nur teilweise, er fehlt nahezu völlig. Sehen wir uns das mal an.

Die Kurse steigen, wenn mehr Geld in den Markt hinein- als hinausfließt. Grundsätzlich kann man das auf diesen einfachen Nenner bringen. Und das ist ja derzeit der Fall, immerhin erreichen viele der großen Aktienindizes derzeit ein neues Hoch nach dem anderen. Aber wenn hinter diesem zufließenden Geld kaum mehr steht als fehlende Sachkenntnis und/oder Gier, die üblichen Voraussetzungen für solide, tragfähige Aufwärtstrends fehlen, ist das ein Tanz auf dem Vulkan. Einer, der immer mehr an die Jahre vor dem Crash von 1929 nebst nachfolgender, jahrelanger Baisse erinnert. Wobei eines von vornherein klar sein muss:

Auch damals ging das jahrelang gut, obgleich sich die Warnsignale haushoch stapelten. Und das aus demselben Grund wie heute: fehlende Sachkenntnis und/oder Gier. Wer keinen blassen Schimmer hat, dass er/sie gerade sein Erspartes einem waghalsigen Risiko aussetzt, verkauft nicht, sondern kauft fröhlich weiter. Deswegen kann das lange gutgehen. Trotzdem muss man sich als besonnener Investor regelmäßig ansehen, wie die Fakten aussehen. Denn damals wie heute gilt:

Irgendwann geht es eben doch schief. Und je wüster die Party im Vorfeld war, desto brutaler fällt dann der Kater aus. Besser also, man hält sich auf dem Laufenden und kennt die Risiken, denn wer gewarnt ist, reagiert schnell und richtig, wenn die Blase allgemeiner Sorglosigkeit platzt.

Das wären ideale Voraussetzungen für eine stabile Hausse am Aktienmarkt

Sehen wir uns anhand einiger Charts einmal an, wie es um die Aspekte steht, die für eine solide Hausse nötig wären: stabiles Wachstum, idealerweise in fast allen Branchen, niedrige Inflation, niedrige Zinsen, keine politischen Störfeuer.

Ebenso braucht es günstige Bewertungen am Aktienmarkt und eine mehrheitlich optimistische, aber nicht euphorische Grundstimmung in Bezug auf die Konjunktur ebenso wie hinsichtlich der eigenen, finanziellen Aussichten. Ideal wäre zudem eine breite Verteilung der Hausse auf alle Branchen, sprich eine solide Marktbreite. Haben wir das? Das haben wir nicht.

Von der Geopolitik müssen wir nicht reden. Und was den Welthandel angeht, ist das erneut einsetzende Säbelgerassel in Sachen Strafzölle alles, nur nicht positiv. Die einzige Möglichkeit, die potenziell massiv negativen Auswirkungen dieser Entwicklung in Sachen eigenes Geld nicht als Grund zur Vorsicht anzusehen, ist so zu tun, als wären sie nicht da oder spielten keine Rolle. Was, wenn es die große Mehrheit so macht, lange funktionieren kann, siehe oben.

Hausse-Treibsatz Zinssenkungen … da war doch was?

Die Erwartung, dass Kredite und Hypotheken bald deutlich billiger werden und dadurch das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne durch die Rückkehr eines Wachstums auf Pump befeuern, ist grundsätzlich ein funktionierendes Element, um einen Aufwärtstrend loszutreten und ihn aufrechtzuerhalten. Und ja, diese Zinssenkungserwartung gibt es auch. Aber da gibt es halt einen Haken.

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX und Bund Future von Oktober 2023 bis Mai 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursentwicklung DAX und Bund Future von Oktober 2023 bis Mai 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Eigentlich hatte man schon im Oktober 2022 mit Käufen auf Basis eben dieses Arguments begonnen. Dann wurde ein Teil der Hausse im Spätsommer/Herbst 2023 zurückgenommen, als klar wurde, dass die Inflation womöglich doch nicht so bald besiegt sein würde und die Leitzinsen doch noch ein Weilchen hoch bleiben. Doch Ende Oktober 2023 gingen die Käufe auf Basis der Zinssenkungsphantasie erneut los. Und obwohl man jetzt weiß, dass Zinssenkungen später und in geringerem Ausmaß kommen werden als gedacht und obwohl man das am Anleihemarkt, siehe der vorstehende Chart, längst berücksichtigt und den Großteil der vorherigen Kauffelle zurückgenommen hat: Diesmal steigen DAX, Dow und Konsorten einfach immer weiter. Das ist Dynamit!

Gute Stimmung ist der Freund der Hausse … aber sind die Profis wirklich so optimistisch?

Optimismus ist eine gute Sache, wenn es um steigende Kurse geht. Dabei wäre es zwar normal und wünschenswert, wenn er nicht in Wirklichkeit eine Mischung aus Unkenntnis und Gier ist, aber solange die Experten und Profis da mitziehen, muss das kein K.O.-Kriterium sein. Und genau davon, von positiv gestimmten Leuten vom Fach, geht man allgemein derzeit aus. Ist das so? Wenn man ein bisschen genauer hinsieht, wackelt diese Behauptung, Beispiel ZEW-Index:

Börse aktuell: Entwicklung ZEW Konjukturerwartungen und ZEW aktuelle Lage von 2006 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung ZEW Konjukturerwartungen und ZEW aktuelle Lage von 2006 bis 2024 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen notiert derzeit mit +47,1 Punkten auf einem Level, der Optimismus ausstrahlt: Ein ansehnlicher Anteil der hier befragten Finanzmarktexperten erwartet, dass die Lage in einem halben Jahr besser sein wird als heute. Passt … oder? In diesem Fall nicht wirklich. Denn was wenig kommuniziert wird:

Dieser Index ist nur einer von zweien, der andere Subindex ist die Beurteilung der aktuellen Lage. Und wenn die Experten die als katastrophal einstufen … und das tun sie angesichts dessen Stands bei -72,3 Punkten … heißt das, dass die Erwartung einer Verbesserung (die übrigens nicht in ihrer Größenordnung differenziert wird, zwischen der Erwartung einer winzigen Verbesserung und der einer gewaltigen wird nicht unterschieden) von der Basis „katastrophal“ ausgeht. Was heißt: Diese Indikation könnte auch heißen, dass wir uns in einem halben Jahr auf einem nur etwas weniger miesen, aber nichtsdestotrotz schlechten Level bewegen. Eingepreist hat man am Aktienmarkt indes einen Himmel voller Geigen.

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung der Börsenkredite in den USA von 2008 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursentwicklung S&P 500 und Entwicklung der Börsenkredite in den USA von 2008 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Nicht so ganz „ohne“ ist auch, dass diejenigen, die bislang bei Haussen immer ganz vorne mit dabei waren, jetzt auffallend vorsichtig agieren: die professionellen Trader, die am Derivatemarkt auf Kredit agieren. Ein brandgefährliches Geschäft … um da etwas zu werden, muss man ein beinharter Profi sein, der sich auskennt und äußerst diszipliniert agiert. Die vorstehende Grafik zeigt, dass das Volumen dieser Börsenkredite seit Ende 2021 auffallend unter dem damaligen Hoch bleibt. Die Profis sind also vorsichtig … aber kaum ein Laie kennt diese Daten (obwohl sie öffentlich zugängig sind).

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 und Kursziele der Banken für 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursentwicklung S&P 500 und Kursziele der Banken für 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Aber die Experten bei den Banken, was ist mit denen? Solange die den Daumen heben, ist doch immer Luft nach oben, oder? Davon abgesehen, dass man sich dabei nach denen richten würde, die Geld mit unserem Geld verdienen, ließe sich das so nicht unterschreiben. Denn wie wir im Chart sehen, ist das durchschnittliche Kursziel der Bankstrategen für den wichtigen, marktbreiten US-Index S&P 500 bereits überboten. Und das, obwohl viele Banken ihre Kursziele einfach nach oben setzen, wenn das bisherige erreicht wurde!

Marktbreite und Bewertung: Beides muss passen, aber beides passt … nicht.

Dass die Privatanleger zuletzt fast immer auf der Käuferseite waren, Profis aber weit weniger, ist zwar bekannt, da meldet z.B. die Bank of America regelmäßig, wie es da aussieht. Aber wie oben schon gesagt: Solange die Privaten weiter kaufen statt auszusteigen, kippt es nicht, jedenfalls nicht dauerhaft. Es sei denn, große Adressen wie Hedgefonds legen gezielt und mit Wucht den Hebel um und lösen damit eine gelinde Panik und eine Verkaufslawine aus. Denn genauso, wie Gier ansteckend ist, ist es Angst auch. Das würden solche Hedgefonds zwar nicht tun, wenn der Aktienmarkt noch eher günstig bewertet ist und strukturell solide daherkommt. Aber das ist nicht mehr der Fall.

RSL-Tabelle auf Wochenbasis
PositionNameRSLClose
1Moderna Inc XNAS1.47049166.61
2PDD Holdings Inc. (ADRs) XNAS1.24169157.57
3Constellation Energy Corp XNAS1.21147230.63
4QUALCOMM Inc XNAS1.20665210.36
5NVIDIA Corp XNAS1.195761,064.69
6Analog Devices Inc XNAS1.16375232.51
7Micron Technology Inc XNAS1.13703129.49
8Texas Instruments Inc XNAS1.12931199.18
9Alphabet Inc XNAS1.11767174.99
10Alphabet Inc. Reg. Shs Cap.Stk Cl. C DL-,001 XNAS1.11632176.33
31Synopsys Inc XNAS1.04718587.4
32Intuitive Surgical Inc XNAS1.04639404.85
33.Nasdaq 1001.0421218,808.35
34Regeneron Pharmaceuticals Inc XNAS1.03804985.02
35Tesla Inc XNAS1.0379179.24
36American Electric Power Co.Inc XNAS1.0362388.97
37Microsoft Corp XNAS1.03553430.16

Diese vorstehende RSL-Tabelle zeigt, wie sich die einzelnen Aktien eines Index zueinander stellen, welche da am stärksten laufen, welche hinterherhinken. Hier habe ich den RSL für die Aktien des Nasdaq 100 auf Wochenbasis berechnet. Und es fällt auf, dass der Index selbst auf Position 33 steht, was heißt: Nur 32 der 101 Aktien (101, weil Alphabet doppelt drin ist, mit der A- und der C-Aktie) sind stärker gestiegen als der Index selbst, was bedeutet: Eher wenige, zu wenige Aktien ziehen den Index höher, die Marktbreite passt also nicht. Damit werden die Super-Schwergewichte zu Risikopatienten, denn wenn da mal negative Nachrichten kommen und Abgaben auslösen, reißen solche bisherigen Zugpferde leicht den ganzen Index mit in die Tiefe.

Börse aktuell: Entwicklung KGV der Dow Jones Aktien von 2010 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung KGV der Dow Jones Aktien von 2010 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Und je teurer ein Index bewertet ist, desto größer wird das Risiko von „bad news“, denn eine untypisch hohe Bewertung bedeutet, dass man von stetigem und starkem Wachstum ausgeht und daher erwartet, dass die zu hohe Bewertung zügig durch steigende Gewinne auf Normalniveau sinkt. Käme es anders, wäre der Markt überbewertet. Was Laien entgehen mag … aber den Profis nicht. Und wir sehen im vorstehenden Chart, der das Kurs/Gewinn-Verhältnis des Dow Jones abbildet: Der ist an der Börse aktuell ungewöhnlich teuer bewertet.

Neue Rekorde beim DAX? Eigentlich stimmt das ja nicht einmal

Der Spruch „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ dürfte auch für den letzten Aspekt gelten, den ich heute einmal ins Licht zerren möchte. Richtig ist, dass Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq 100 zuletzt neue Rekordhochs erreicht haben. Aber nicht nur, dass das nicht für MDAX und TecDAX gilt, es gilt auch für den DAX nur bedingt. Denn der DAX, der da neue Rekorde erreichte, war der von vielen als einziger DAX angesehene (weil sie den anderen nicht kennen) DAX Performanceindex. Aber der „gilt“ eigentlich nicht wirklich, denn:

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX Kursindex von September 2023 bis Mai 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursentwicklung DAX Kursindex von September 2023 bis Mai 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Im Gegensatz zu so ziemlich allen Indizes außerhalb Deutschlands haben wir als „den“ DAX einen, der Dividenden wie Kursgewinne rechnet und die dann auch noch rechnerisch sofort reinvestiert. Dadurch steigt er natürlich stärker als die weltweit sonst als Basis der Betrachtung üblichen Kursindizes, die rein auf Basis der reinen Kursveränderungen der in ihnen gelisteten Aktien berechnet werden. Und nur deswegen, wegen der kürzlich von vielen DAX-Unternehmen ausgeschütteten Dividenden, ist der DAX Performanceindex über sein Anfang April markiertes, vorheriges Hoch gelaufen. Der DAX Kursindex hingegen ist das, wie der vorstehende Chart zeigt, nicht.

Und das ist nicht so ganz unwichtig, denn internationale Investoren, auf deren Geldzufluss es ankommt, wenn eine Hausse am deutschen Aktienmarkt weitergehen soll, vergleichen natürlich nicht Äpfel mit Birnen, sondern vergleichen die Performance anderer Indizes mit diesem hierzulande kaum bekannten DAX Kursindex. Und da der am bisherigen Hoch erst einmal abgeprallt ist, sollte, wer diese Hausse nicht mit Papierhütchen und Champagner, sondern mit wachem Auge begleitet, hier ein solches, waches Auge drauf haben!

Fazit: Keine Panik … aber Vorsicht kann nicht schaden!

Unter dem Strich finden wir bei den Rahmenbedingungen also Warnsignale satt vor. Doch wir wissen eben auch: Solange wir die sehen, die meisten anderen aber nicht, muss die Hausse nicht enden. Da sie es aber angesichts der längst brennenden Zündschnur des Pulverfasses jederzeit könnte, kann es wirklich nicht schaden, in Sachen Aktienmarkt immer mit einem offenen Auge zu schlafen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Während die Bedeutung der Terminbörse für den Aktienmarkt medial noch fast immer auf „ein paar Wetten“ heruntergespielt wird, wissen erfahrene Investoren, wie massiv der Terminmarkt die Trendrichtung und dessen Intensität beeinflusst. Wer das lange genug verfolgt, erkennt wiederkehrende Muster … aber kann man dieses immer gleiche Spiel für sein eigenes Trading nutzen … und wenn ja, wie?

Zu wissen, warum etwas passiert, ist zwar wichtig. Aber damit weiß man noch lange nicht, wie es weitergeht … das sollte man diesem Beitrag voranstellen, denn das ist der Kern der Problematik. Wenngleich man sich dann immer noch besser stellt als jemand, der nicht einmal versteht, wie das „Ist“ zustande kommt oder, gerade, wenn man nicht um die kursbewegende Marktmacht der Terminbörse weiß, dem „Ist“ falsche Gründe zuordnet.

Wer weiß, was da passiert, hat für das eigene Trading nämlich trotzdem ein paar nützliche Informationen bzw. Anregungen. Dazu gleich, zunächst einmal eine nochmal etwas mehr komprimierte Erläuterung dessen, was ich als Options-Grundwissen im Format „super-kompakt“ schon mal Anfang des Jahres an dieser Stelle geschrieben hatte. Wer sich auskennt: Einfach zum nächsten Abschnitt weiterscrollen.

Options-Grundwissen im Format „super-kompakt“ … noch ein wenig komprimierter

Am Optionsmarkt gibt es Calls und Puts. Ein Call verbrieft das Recht, einen Index (da dann als Barausgleich) oder eine Aktie (in echt) zu einem bestimmten Preis kaufen zu dürfen. Und zwar von dem, der einem die Option verkauft hat. Das kann irgendwer sein, ein Privatanleger wie man selbst, ein Hedgefonds, ein Großinvestor. Ein Put hingegen verbrieft das Recht, einen Index oder eine Aktie zu einem bestimmten Preis verkaufen zu dürfen.

Nehmen wir mal an, eine Call-Option hatte den Basispreis 50 US-Dollar, zu der man als Optionskäufer die Aktie X kaufen kann (aber nicht muss, es ist eine Option, keine Pflicht) und lief bis letzten Freitag. Der, der diese Option hat, ist daran interessiert, dass die Aktie X dann weit über 50 US-Dollar steht. So weit, dass er die Aktie zu 50 US-Dollar vom Options-Verkäufer einfordern und sie am Markt dann für mehr verkaufen kann als diese 50 US-Dollar plus die Summe, die er für den Kauf der Option bezahlt hat.

Aber das ist nur eine Seite des Geschäfts. Denn klar ist: Derjenige, der die Call-Option verkauft hat (Optionsverkäufer heißen im Jargon „Stillhalter“), hätte es liebend gerne, wenn die Aktie X am Abrechnungstag unter 50 US-Dollar notiert. Dann wird der Optionskäufer die Aktie nicht einfordern, weil ihm das nichts bringt (zu 50 kaufen, wenn sie bei 45 notiert, wäre halt Unfug). Und kommt es so, hätte er das Geld, das ihm der Käufer für die Call-Option bezahlt hat, als Reingewinn.

Bei Put-Optionen läuft es genau umgekehrt. Hier verkauft der Put-Verkäufer (Stillhalter) dem Käufer das Recht, die Aktie X zu 50 US-Dollar an ihn verkaufen zu können (oder die Aktie X zu 60, die Aktie Y zu 40 usw.). Wenn also jemand eine Put-Option kauft, hofft er, dass die Aktie fällt. Dann kauft er sie nämlich zügig zu z.B. 40 US-Dollar und dient sie dem Put-Verkäufer an, der dann teure 50 US-Dollar auf den Tisch legen muss. Oder man hat sie schon im Depot, dient sie dem Verkäufer zu 50 an und kauft sie sich zu 40 am Markt zurück. Klarer Fall: Der Verkäufer der Put-Option ist im Gegenzug daran interessiert, dass die Aktie X am Abrechnungstag über 50 US-Dollar steht, so dass die Put-Käufer ihm die Aktie nicht andienen, er aber dafür den Preis der zuvor an den Käufer verkauften Option als Reingewinn hat.

 „Große“ wollen „Kleine“ auf dem falschen Fuß erwischen … und können es auch durchsetzen

Das klingt alles ziemlich „mickrig“, ist es aber nicht. Denn in den USA ist der Optionsmarkt riesig, bei uns zumindest wichtig. Und die Summen, die dort verdient oder verloren werden können, sind gewaltig, denn neben der Größe dieses Marktes hat die Sache eine Hebelwirkung, da geht es bei solchen Options-Trades ja nicht um eine Aktie, sondern gleich mal um Tausende oder Zigtausende und mehr. Wenn wir von der Dimension reden, die da an einem Abrechnungstag wie letzten Freitag auf dem Spiel steht, sprechen wir insgesamt durchaus von Milliarden.

Und die großen Spieler in diesem Geschäft haben das Werkzeug, um zu erzwingen, dass sie dabei ideal durchkommen: Kapital. Genug Kapital, um die Kurse dorthin zu bewegen, wo man als Options-Inhaber und als Options-Verkäufer den größten Gewinn erzielt. Was bedingt, dass das passiert, womit die Mehrheit der anderen, meist „kleinen“ Akteure nicht gerechnet hat, so dass deren Optionen wertlos verfallen.

Das ist der Grund, wieso Abrechnungen am Terminmarkt sehr oft an einem Extrempunkt der vorherigen Kursspanne stattfinden, wie es der folgende Chart des DAX seit Jahresanfang beispielhaft zeigt. Ausnahme: Wenn es vorher wochenlang lethargisch seitwärts ging, ist das ideale Szenario für die „Großen“, dass die Abrechnung innerhalb der Handelsspane stattfindet, weil die meisten in solchen Situationen auf einen Ausbruch setzen.

Börse aktuell: Entwicklung DAX zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Da es hier um gewaltige Summen geht, sind diese großen Akteure oft nicht nur imstande, sondern auch aktiv dabei, eine solche Abrechnung an einem Extrempunkt mit eigenem Kapitaleinsatz zu „fördern“. Was sich meist auch rechnet, denn man darf nicht vergessen, dass sie den DAX ja z.B. jetzt vor der Mai-Abrechnung nicht alleine auf neue Hochs hieven mussten. Da sind dann zahllose Trader, die rein nach den Charts agieren und vor allem die genauso rein technisch orientierten Handelsprogramme mit von der Partie und kaufen in einem solchen, bullischen Szenario. Man hat, wenn man einen Trend intensiviert, also immer „Schützenhilfe“.

Dieses Spiel beschränkt sich nicht auf die Indizes bzw. die Index-Optionen, auch und gerade bei den Einzelwerten werden die „Kleinen“ überrumpelt und Trends bis zum Exzess ausgereizt. Gerne vor allem in die Richtung, mit der die meisten Optionskäufer zuvor nicht gerechnet hatten. Wer über die technische Ausstattung verfügt, sich eine Übersicht in Form einer RSL-Tabelle zu verschaffen, erkennt das. Nicht nur wie in der folgenden Grafik bezogen auf diese Mai-Abrechnung, sondern eigentlich immer. Je näher ein Abrechnungstermin kommt, desto mehr gilt: Was steigt, steigt weiter … was fällt, fällt weiter … so absurd das bisweilen auch sein mag.

RSL-Tabelle der DAX-Werte, Auszug der per Freitag stärksten und schwächsten 6 Aktien
AktieRSLRSL VorwocheClose
Siemens Energy AG1.256131.3024525.00
Commerzbank AG1.121231.0380515.46
Vonovia SE1.117641.0547129.73
Infineon Technologies AG1.105911.1698337.01
Henkel AG & Co. KGaA Vorzugsaktien1.10541.1033383.98
Merck KGaA1.090611.01871167.20
….
Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Vorzugsaktien0.936370.9102782.40
Mercedes-Benz Group AG0.934510.9249168.06
Brenntag SE0.926631.0210469.66
Daimler Truck Holding AG0.915110.9434239.32
Bayerische Motoren Werke AG0.909670.9492896.02
Sartorius AG Vorzugsaktien0.89510.89128268.50

Kurz erklärt: Der RSL ist nicht mit dem RSI zu verwechseln. Letzterer misst die relative Stärke bei einem Kurs in sich. Der RSL (Relative Stärke nach Levy) wird eingesetzt, um die relative Stärke einzelner Aktien u.a. zueinander abzubilden, d.h. wie stark ist ein Wert im Vergleich zu anderen. Zurück zur Aussage der Grafik:

Da steigt eine Aktie wie Siemens Energy, die bis Ende letzten Jahres ein Top-Verlierer war, noch extremer als zuvor. Und auf einmal fällt eine Aktie wie Daimler Truck (Chart folgt weiter unten), die gerade erst direkt nach der Terminmarkt-Abrechnung im Januar zur Kursrakete wurde, zum zweiten Mal an das untere Ende ihrer Handelsspanne seit der letzten Abrechnung. Das wirkt, als müsse man das doch irgendwie nutzen können?

Börse aktuell: Entwicklung Siemens Energy im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Siemens Energy im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Richtungswechsel nach der Abrechnung … kann man das vorhersagen?

Wie eingangs betont: Zu wissen, warum etwas Extremes passiert ist, wie der DAX auf immer neuen Hochs, eine haussierende Siemens Energy oder eine auf einmal so schwache Daimler Truck, eine Sache. Daraus ableiten zu wollen, wie es weitergeht, eine andere. Das hat vor allem vier Gründe:

1. Terminmarkt-Positionen großer Player sind immer äußerst komplex. Da werden Index- und Aktienpositionen kombiniert, Gegenpositionen zum Hedging aufgebaut und wieder aufgelöst, die Futures mit einbezogen. Das funktioniert nur über aufwändige Handelsprogramme, die dieses Tohuwabohu im Blick behalten und steuern. Das bedeutet: Da können offensichtliche Positionen, die wir erkennen können, von anderen überlagert sein, die wir nicht sehen, so dass man schwer einschätzen kann, ob eine große Adresse wirklich durchweg bullisch oder bärisch ausgerichtet war. Und vor allem: Ob man auch bullisch oder bärisch bleiben wird.

2. Hinzu kommt ein zweiter, wichtiger Faktor: Auch diese großen Player können mitten zwischen zwei Abrechnungsterminen radikal ihre Ausrichtung von bullisch auf bärisch oder umgekehrt ändern, wenn sich die Gesamtsituation nennenswert verändert. Dass „Hausse“ so sauber durchgezogen wird, wie wir das beim DAX jetzt nach der Abrechnung vom April gesehen haben, nachdem es vorher abwärts ging, kommt vor. Aber es ist keine Regel, auf die man sich verlassen kann.

Börse aktuell: Entwicklung Daimler Truck zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Daimler Truck zur Abrechnung am Terminmarkt im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

3. Dann wäre da noch das Problem des „Rollens“. Man kann nie wissen, ob ein großer Spieler seine Positionierung nach einer Abrechnung wirklich neu ausrichtet. Sprich ob der Player sich wirklich auf Basis der dann geltenden, ggf. gegenüber dem Start seiner Positionierung veränderten Lage überlegt, ob er die bisherige Richtung beibehalten oder auf die Gegenseite wechseln will … oder ob die Positionen einfach in die nächste Laufzeit übertragen werden. Was der Fall ist, wenn man auslaufende Long- und Short-Positionierungen einfach durch gleiche Positionen mit der nächsten Laufzeit, also im aktuellen Fall mit Laufzeit Juni, ersetzt. Das nennt man „rollen“.

4. Und dann ist da noch zu guter Letzt das „Publikum“, d.h. diejenigen, denen man seine Calls und Puts verkaufen bzw. sie von ihnen kaufen will. Den großen Reibach macht man ja gerade dann, wenn man imstande ist dafür zu sorgen, dass das Gegenteil dessen passiert, was diese Klientel erwartet. Damit stellt sich den großen Spielern die Frage: Was erwartet die Masse denn an der Börse aktuell? Und hätten wir ein Umfeld, um das Gegenteil zu erreichen, ohne dafür zu viel Kapital aufwenden zu müssen (solche aktiven Aktionen müssen sich ja gegenüber dem zu erwartenden Gewinn bei den Optionen rechnen)?

Brauchbare Situationen, die man beobachten sollte

Angesichts dieser Faktoren wird schon klar: Ganz so einfach ist es nicht, aus solchen Phänomenen um die Terminbörse herum finanziell Honig zu saugen. Aber es ist allemal interessant, ein paar Aspekte im Auge zu behalten. Denn wenn man weiß, welche Fragen sich diese großen Spieler nach einer absolvierten Abrechnung in Bezug auf die kommende stellen, kann man sie sich ebenso stellen und die Antworten womöglich zumindest erahnen. Beispiel:

Angenommen, am Terminmarkt würde man den Eindruck bekommen, die Privatanleger, denen man jetzt Optionen verkaufen will, seien euphorisch ob der neuen Rekorde bei DAX, Dow Jones & Co.: Dann hätte man einen tadellosen Markt, um Call-Optionen zu verkaufen. Da hätte man natürlich das Ziel, dafür zu sorgen, dass diese Massen an verkauften Call-Optionen zur Abrechnung wertlos verfallen.

Würden die großen Adressen hingegen den Eindruck haben, dass sehr viele Privatanleger der Hausse skeptisch gegenüberstehen, also eher mit einer Korrektur oder Schlimmerem rechnen, kriegt man Call-Optionen nicht los, dafür könnte man aber Put-Optionen verkaufen. Und dafür sorgen, dass die dann wertlos auslaufen, indem man versucht, die Hausse weiter zu treiben, damit DAX & Co. zur Juni-Abrechnung dann höher stehen als jetzt.

Börse aktuell: Entwicklung Commerzbank im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Commerzbank im Jahr 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Ein anderes Beispiel, womit sich etwas anfangen ließe: Wenn Aktien extreme Bewegungen vor einer Terminmarkt-Abrechnung zeigen, ist es dann lohnend, diese in Sachen Richtungswechsel im Auge zu behalten, wenn diese bisherige Bewegung ein absurdes, nicht mehr von den Rahmenbedingungen unterfüttertes Niveau erreicht hat. Dann könnte man mutmaßen, dass auch die großen Spieler nicht versuchen werden, eine überzogene Rallye oder eine überzogene Baisse noch weiter zu treiben, sondern sich auf die Gegenseite begeben.

Aber Vorsicht, ein solches Urteil ist aber immer subjektiv, daher: Solche Aktien … wie die drei hier genannten Aktien als Beispiele von mehreren, zumal man sich da im selben Stil auch an den US-Märkten umtun kann … im Auge zu behalten, ist sicherlich eine gute Idee.

Keine gute Idee wäre es aber, dann sofort nach einer Abrechnung blind auf die Gegenseite zu setzen. Man sollte auf jeden Fall abwarten, ob sich diese Vermutung auch in den Kursen niederschlägt. Kommt es zu entsprechenden charttechnischen Signalen, käme man ja in der Regel nicht zu spät, wenn wir uns mal ansehen, wie massiv diese Bewegungen vor einem Abrechnungstermin dann ausfallen.

Fazit: Als Wegweiser untauglich, als Chancen-Inspiration hoch lukrativ!

So stereotyp die Spielchen des Terminmarkts auch sind: Durchschaubarkeit und die Nutzungsmöglichkeit als Wegweiser sind zwei Paar Schuhe. Aber als „Inspiration“ für mögliches Trading sind sie allemal geeignet … denn man muss ja nicht imstande sein, das, was die großen Akteure am Terminmarkt tun werden, vorherzusehen. Da dann auf der Zielgeraden mit zu schwimmen, ist ebenso eine lukrative und dann weit weniger von der Fähigkeit zum Hellsehen abhängige Möglichkeit!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Fliegenpilze gehören zu den hübschesten und farbenfrohsten unter den Pilzen und wirken daher harmlos, obgleich sie giftig sind. So etwas gibt es auch am Aktienmarkt: Aktien, die nach schnellen Gewinnen aussehen und am Ende doch für die meisten zur Venusfliegenfalle werden. Also ja, es gibt „toxische Aktien“. Woran liegt das … und wie kann man sie erkennen?

Wenn Aktien für Anleger zum Albtraum werden, liegt das in geschätzt neun von zehn Fällen nicht am Unternehmen, sondern an anderen Marktteilnehmern, das muss man klar herausstellen. Ein Unternehmen gibt Aktien aus, bemüht sich redlich um Wachstum und eine ordentliche Dividende, kauft ab und an, wenn zu viel Geld in der Kasse ist, auch mal eigene Aktien zurück. Aber einen direkten Einfluss auf die Kursbewegungen nimmt es nicht. Die Marktteilnehmer schon. Und wenn eine Aktie zu „zockerhaltig“ wird, wird es für einen besonnenen Investor so richtig ungemütlich, denn wie schon Oma wusste: Zu viel „Zocker“ ist nicht gesund!

Börse akuell: Extreme Kursbewegungen bei Gamestop - Entwicklung der Aktie von 2020 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Extreme Kursbewegungen bei Gamestop – Entwicklung der Aktie von 2020 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4

Ewige Achterbahn: Wenn man heute nicht einmal ahnen kann, was morgen sein wird

Starke Trends sind die Basis für starke Gewinne, keine Frage. Aber es kommt sehr darauf an, wie solche Trends im Detail ablaufen. Wer da nicht genauer hinschaut, kann übel auflaufen. Denn gerade Aktien, die aufgrund von zweistelligen Tagesgewinnen oder –verlusten in den Schlagzeilen landen, tun so etwas dann immer öfter, weil starke Bewegungen kurzfristige, meist immens riskant über hohe Hebel agierende Trader anziehen. Dann wird das alles noch extremer. Und bei den vier Beispielen (es würden sich noch viele andere finden), die wir an der Börse aktuell beobachten konnten, fällt eines auf:

Da gibt es extreme Bewegungen in kürzester Zeit, die aber oft auch nur kurz vorhalten. Da gibt es „Gaps“, also Kurslücken zur Eröffnung, in beide Richtungen. Und ja, es finden sich große Handelsspannen … nur muss man die auch ohne massiven monetären Blechschaden mitmachen können. Wenn man sich in einer Nonstop-Achterbahn bewegt, in der man nie weiß, ob die Reise am nächsten Tag in die gleiche Richtung wie heute geht oder auf einmal in die Gegenrichtung, kann man kaum etwas richtig machen. Und egal, welches Beispiel wir uns hier ansehen (dazu habe ich bei Gamestop und HelloFresh extra die langfristige Entwicklung in einem „Chart im Chart“ mit hineingenommen) wir sehen:

Börse akuell: Extreme Kursbewegungen bei Hellofresh - Entwicklung der Aktie von 2023 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Extreme Kursbewegungen bei Hellofresh – Entwicklung der Aktie von 2023 bis 2024 und langfristig | Quelle: marketmaker pp4

Augen zu und durch, sprich einfach in Trendrichtung einsteigen und gar nicht mehr hinschauen, das funktioniert da auch nicht. Buy & Hold, das ist etwas für die anderen Aktien, die Zocker als zu langweilig ansehen. Aber diese Beispielcharts zeigen: Langweilig ist relativ. Wenn ein Trend weitaus geruhsamer ist, dafür aber nicht das Risiko birgt, ohne Stop Loss genauso auf der Nase zu landen wie mit, dann ist mir langweilig aber deutlich lieber als so was hier. Aber wie ließe es sich vermeiden, mehr oder weniger aus Versehen, angezogen von der medialen Präsenz solcher toxischen Aktien, in eine solche Venusfliegenfalle zu geraten?

Wie kann an der Börse aktuell man toxische Aktien erkennen?

Sehen Sie sich immer die Vorgeschichte einer Aktie an. Zeigte sie in der Vergangenheit toxische Kurssprünge, muss man damit rechnen, dass die Zocker wiederkommen, auch, wenn der Kursverlauf im Augenblick friedlich wirken sollte. Bei Gamestop geht es beispielsweise gerade wieder los, nachdem es eine Zeit lang relativ friedlich zugegangen war.

Wenn viele „Gaps“ auftauchen, vor allem auch dann, wenn es keine Nachrichten gab, die solche Kurslücken begründen können, ist das Risiko für einen Anleger hier groß … bzw. zu groß, wenn man vernünftig investieren will. Denn jeden Morgen damit rechnen zu müssen, entweder einen satten Gewinn in den Schoß geworfen zu kommen oder weit unter dem geplanten Stop Loss aus dem Markt geflogen zu sein ist nichts, das einen ruhigen Schlaf und eine an der Börse nötige, ruhige Hand fördert.

Börse akuell: Kursbewegungen durch Hypes - Entwicklung ARM holding Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursbewegungen durch Hypes – Entwicklung ARM holding Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Gerade Aktien mit niedrigem Kurs verdienen vor dem Einstieg einen besonders intensiven, prüfenden Blick. Sicher, logisch ist diese Erfahrung, die ich über die Jahrzehnte gemacht habe, nicht, aber Zocker agieren ja auch per se nicht logisch: Gerade „billige“ Aktien neigen dazu, extreme Bocksprünge zu machen, weil Spieler scheinbar gerne „große Positionen“ handeln. Es scheint sich besser anzufühlen, gleich mal mit 1.000 Aktien für 5 Euro zu agieren als mit 10 für 500 Euro.

Seien Sie immer besonders vorsichtig, wenn es um „Hypes“ geht. Ob der Internet-Hype vor einem Vierteljahrhundert oder der KI-Hype heute: Da schaukeln sich große Erwartungen immer weiter hoch und verlieren sukzessiv den Kontakt zur Bodenstation. Die starken Aufwärtsbewegungen der vom Hype erfassten Aktien ziehen dann immer mehr unerfahrene Anleger an und verleiten diese auch noch zu immer höheren Risiken. Und was, wenn nicht das, wäre ein Musterbeispiel für eine „toxische“ Gemengelage?

Börse akuell: Kursbewegungen durch Zocker - Entwicklung Tesla Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Kursbewegungen durch Zocker – Entwicklung Tesla Aktie von 2023 bis 2024 | Quelle: marketmaker pp4

Was zu riskant und/oder unvernünftig ist oder nicht, entscheiden immer Sie!

Und zum Schluss noch einmal der Hinweis: Die hier als Beispiele gezeigten Aktien mögen aus meiner Sicht toxisch sein, damit sind aber nicht die entsprechenden Unternehmen gemeint. Toxische Aktien werden durch das unvernünftige Verhalten von Spielernaturen „giftig“, die Unternehmen haben damit (fast immer) nichts zu tun.

Ob man eine Aktie als „Venusfliegenfalle“ einordnet oder nicht, ist immer eine subjektive Einschätzung, da können Sie also durchaus völlig anderer Ansicht sein als ich. Wichtig ist nur, dass Sie eine solche Einschätzung vornehmen, bevor sie Ihr Geld in scheinbar spannende und lukrative Aktien, die die Schlagzeilen beherrschen, stecken. Manch einer mag es ja auch bewusst gerne „heiß“, entscheidend ist nur, dass man nicht plötzlich aus allen Wolken fällt, sondern weiß, worauf man sich einlässt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt