Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 17.-23.01.2022

Der Aufstiegs-Fluch: Was wurde aus den 10 DAX-Aufsteigern?

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Zur DAX

Aktien, die in den vergangenen Jahren in den DAX aufstiegen, zeigten danach meist eine schwache Performance. Anfang September stellte ich an dieser Stelle die Frage, ob es den gleich zehn Aktien, die ab 20. September 2021 den DAX auf 40 Titel erweitern würden, womöglich ebenso gehen könnte. Sehen wir uns das heute mal an.

Im März 2021 wurde bekanntgegeben, dass die Deutsche Börse den DAX auf 40 Aktien erweitern wolle, die man aus dem bislang 60 Titel umfassenden MDAX rekrutieren werde. Einige Unternehmen waren umgehend als Aufsteiger von vornherein klar, einige wiederum nicht, da mit der Reform des Regelwerks vor allem die Marktkapitalisierung den Auf- oder Abstieg entscheidet. Was hieß: Aktien, die besonders stark steigen, könnten dadurch in die Aufstiegsgruppe gelangen. Das bedeutete, dass eine Art Rennen um die Aufstiegsplätze entstand. Zwischen Anfang März und Anfang September, als entschieden wurde, wer denn nun zu den zehn Aufsteigern gehören wird, konnten sich einige Aktien allemal noch in die Aufstiegsränge schieben, wenn die Anleger dort fleißig zugreifen würden.

Daher wundert es nicht, dass neun der zehn Aktien, die am Ende ausgewählt wurden, im Vorfeld des Termins besser liefen als der DAX, einige sogar deutlich. Da stach vor allem HelloFresh heraus, nur Porsche schleppte sich so dahin, wobei man wusste: die ist ohnehin dabei. Wenn wir uns den folgenden Chart ansehen, der die sechs Monate vor der Aufnahme der neuen Aktien abbildet, fällt zudem auf:

Börse aktuell: Kursentwicklung der DAX Aufsteiger vor ihrer Indexaufnahme von März bis September 2021 | Online Broker LYNX

Anfangs bewegte sich in Sachen Aufsteiger-Performance noch nicht umwerfend viel. Aber je näher die Entscheidung rückte (Entscheidung 3. September, effektive Aufnahme in den DAX am Morgen des 20. September), desto mehr Kandidaten kamen in Fahrt, liefen besser als der hier zum Vergleich abgebildete DAX. Aber dieses Wettrennen barg ein immenses Risiko, als Bumerang zu enden, denn:

Die Argumente für eine Aufsteiger-Outperformance klingen gut, aber …

Anleger unterstellen, dass ein DAX-Aufsteiger besser laufen sollte als der Index selbst, weil die vielen Fonds, ETFs und andere, die den Index abbilden, diese Aktie dann ja kaufen müssen. Und da vor allem ETFs keine Barreserve haben, können sie die neu in den Index gelangten Aktien erst kaufen, wenn es soweit ist. In diesem Fall, da es keinen Absteiger gab, nicht durch den Tausch heraus aus dem Absteiger und hinein in den Aufsteiger, sondern durch Verkäufe der bereits im DAX befindlichen Titel in dem Maß, in dem deren Gewichtung durch das Hinzukommen der zehn zusätzlichen Unternehmen sank.

Außerdem rücken die neuen DAX-Mitglieder durch ihren Aufstieg in den Leitindex in den Fokus internationaler Investoren, die sich normalerweise nicht mit den Nebenwerten in MDAX, TecDAX oder SDAX beschäftigen. Auch das soll, so die Theorie, Käufe auslösen, die dazu führen, dass die „Neuen“ nach ihrer Aufnahme in den Index besonders stark laufen. Doch das ist eben nur die Theorie. Ein Denkmodell, das oft daran scheitert, dass diejenigen, die durch Vorkäufe in den Kandidaten eines übersehen: Dass sie nicht alleine so denken.

„Buy The Rumor“ als Stolperfalle

Wenn Anleger eine Aktie auf Basis der vorgenannten Argumente bereits einsammeln, bevor sie in den DAX aufgenommen wird und das auf breiter Front passiert, weil eben viele glauben, dass sie damit besonders gewitzt agieren … ohne zu realisieren, was passiert, wenn zu viele so denken … läuft eine solche Aktie zwar vorher stark. Aber was passiert, wenn sie erst einmal im DAX angekommen ist?

Was viele nicht beachten ist, dass das entsprechende Unternehmen keinen müden Euro mehr umsetzt und verdient, nur, weil die Anleger dessen Aktie wie wild kaufen. Sprich: Die Bewertung steigt … bis zu teilweise absurden Überbewertungen. Wenn Aktien wie HelloFresh und Sartorius mit ihren Kurs/Gewinn-Verhältnissen auf einmal an der 100er-Marke kratzen, obgleich die Perspektive für die kommenden Jahre das nicht hergibt, kann das funktionieren, solange diese Vorkäufe anhalten. Aber ist die Aufnahme erst einmal vollzogen und haben die Fonds und ETFs ihre Portfolios dann umgehend angepasst, was dann?

Dann heißt es nach „Buy The Rumor“ auf einmal „Sell The Fact“. Und das endet dann so, wie wir es in der nächsten Grafik sehen, die zeigt, was mit den zehn Aufsteigern in Relation zum DAX seit dem 20.September passiert ist:

Börse aktuell: Kursentwicklung der DAX Aufsteiger nach ihrer Indexaufnahme von September bis Januar 2021 | Online Broker LYNX

Die beiden Aktien, die im Vorfeld besonders stark gestiegen waren, konkret waren das HelloFresh und Sartorius, sind seither die größten Verlierer, haben über 30 Prozent abgegeben. Und neben den drei Aktien, die in etwa mit dem DAX mitliefen (Siemens Healthineers, Symrise und Airbus) ist es nur diejenige Aktie, die man im Vorfeld der DAX-Erweiterung nicht massiv vorgekauft hatte, die den DAX seither schlagen kann: Die Porsche Automobil Holding.

Der „Aufstiegs-Fluch“ lässt sich umgehen, wenn man es geschickter anstellt

Nein, warum auch? Der „Trick“ ist ja nur, rechtzeitig von Bord zu gehen. Wenn wir uns den nächsten Chart ansehen, wird deutlich: Der MDAX hatte zwischen März und Anfang September einen markanten Performance-Vorsprung zum DAX erreicht, basierend auf den Vorkäufen in den potenziellen zehn DAX-Aufsteigern sowie in einigen Kandidaten, die es dann doch nicht geschafft haben, wie z.B. Carl Zeiss Meditec.

Börse aktuell: Outperformance des MDAX gegenüber dem DAX und Angleichung im Jahr 2021 | Online Broker LYNX

Doch bereits ab dem 3. September, dem Tag also, an dem bekanntgegeben wurde, welche zehn Unternehmen aufsteigen werden, begann sich diese Outperformance abzubauen, heute ist sie beinahe komplett verschwunden.

Es würde sich daher nicht verbieten, diese „Wette“ auf den Aufstieg mitzumachen, wichtig wäre eben nur, rechtzeitig auszusteigen. Wer seine Gewinne mitnimmt, bevor der Aufstieg vollzogen ist, fährt fast immer gut. Wer glaubt, dass die Party nach der DAX-Aufnahme erst richtig losgeht, landet fast immer auf der Nase. Fazit: Wer nicht zu viel will, kann mit diesem Phänomen der Aufsteiger-Vorkäufe durchaus gute Gewinne erzielen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 13.01.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

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Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

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Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

IOS und Bernie Cornfeld? Vielen mag das nichts mehr sagen, den Älteren unter uns aber schon. Und wer weiß, um was es hier geht, nämlich um Hundertausende um viel Geld gebrachter Anleger, pflegt wohl auch heute noch mit Vorsicht an den Markt heranzugehen. Eine Vorsicht, die vielen, die noch eher neu an der Börse sind, fremd ist, die aber äußerst ratsam wäre. Ein Rückblick auf diese Zeit vor über 50 Jahren.

Auf die Idee zu diesem Beitrag kam ich, weil der „Spiegel“ es gerade ermöglicht, sich die Ausgabe anzusehen, die an den Kiosken lag, als man geboren wurde. Für mich war es die Nummer 48 des Jahres 1965. Und in dieser Ausgabe gab es den Artikel „An der Haustür“, der höchst skeptisch darüber berichtet, dass in Deutschland eine gewisse US-Investment-Vertriebsgesellschaft namens „Investors Overseas Services“ (IOS) den potenziellen Kunden ihre Anteile quasi an der Haustür andreht. Ein bemerkenswerter Artikel auch deshalb, weil 1965 noch niemand ahnte, dass der IOS ein paar Jahre später zu einem der größten Finanzskandale würde, mit gigantischen Verlusten für die Anleger. Was war da passiert?

Investors Overseas Services: Eine scheinbar sichere Sache

Ein gewisser Bernard Cornfeld erkannte Ende der Fünfzigerjahre das Potenzial, das die damals über 800.000 in Europa stationierten US-Soldaten und ihre Familien für Anlagegeschäfte bedeuteten. Zum einen als „Geldquelle“, zum anderen als potenzielle Vertreiber der Fondsanteile, die der IOS anbot.

Die Sache startete in Frankreich, doch Cornfeld bekam schnell Ärger mit den französischen Behörden, die die nötigen rechtlichen Voraussetzungen als nicht erfüllt ansahen. Daraufhin wurde eine formelle Eintragung des IOS vorgenommen … in Panama. Was heute die meisten aufhorchen lassen würde, war damals nur wenigen klar: Panama gehört nicht nur zu den Steuerparadiesen, sondern es gibt dort nur höchst magere Bilanzierungsvorschriften. Aber das wussten die potenziellen Kunden nicht.

Nachdem Cornfeld zunächst Fondsanteile anderer Unternehmen verkauft hatte, legte er 1961 den ersten eigenen Fonds auf, den IIT (International Investment Trust). Ihm folgte 1962 der FOF, der „Fund of Funds“, der nur in Anteile anderer Fonds investierte.

Cornfeld baute seinen Vertrieb weltweit aus. Und vor allem in Deutschland lief es für ihn ganz hervorragend. Während der IOS in anderen Ländern immer mehr Ärger mit den Behörden bekam, ihm in den USA sogar ab 1967 jegliche Tätigkeit im Land verboten wurde, ahnten die deutschen Behörden entweder nichts oder ließen ihn gewähren. Cornfeld hatte längst die ursprüngliche Zielgruppe der US-Bürger im Ausland auf jeden erweitert, der Geld anlegen wollte. Ende 1969 bestand das Vermögen des IIT-Fonds des IOS zu mehr als der Hälfte aus dem Geld deutscher Anleger.

Ein Grund war, dass deutsche Banken es damals nicht für nötig befanden, sich um sogenannte „Kleinsparer“ zu kümmern. Ein anderer ist im folgenden Chart zu erkennen: Die IOS-Verkäufer hatten es nicht gerade schwer, den Deutschen mit ein paar schnell dahin gekritzelten Rechenmodellen den Mund wässrig zu machen.

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones im Vergleich zum Dax in den Jahren von 1960 bis 1973 | Online Broker LYNX

Gewaltige Renditen wurden ausgelobt, wenn man nur schön regelmäßig Geld einzahlen würde, Voraussetzung waren 100 D-Mark pro Monat für mindestens zehn Jahre. Das klang grandios, das klang einfach, weil man selbst ja nichts wissen musste, sondern die „Profis“ vom IOS dafür sorgen würden, dass man reich wird. Und in den USA, siehe der vorstehende Chart, lief es eben in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre gut, in Deutschland hingegen war die Flaute am Aktienmarkt dramatisch, denn der Schwung des Wirtschaftswunders war ausgelaufen und man hatte einfach keine Mittel gefunden, um die Wachstumsdynamik zurückzubringen.

Doch die großen Gewinne existierten bald nur noch auf dem Papier. Was Cornfeld und seinen engsten Mitarbeitern womöglich frühzeitig bewusst war, aber sicher sein kann man sich dessen im Nachhinein nicht. Aber klar war eines: Das große Geld für die Sparer war immer nur ein Trugbild. Und nachdem der IOS Anfang der Siebzigerjahre den Besitzer wechselte und der neue Verantwortliche, ein gewisser Robert Vesco, Millionensummen beiseite schaffte, musste der IOS 1973 Insolvenz anmelden.

Am Ende bedeutete der Griff nach den Sternen für geschätzt über eine Million Anleger weltweit nur einen fatalen Verlust. Wobei kaum jemand alles verlor, aber oft kam es im Zuge der Insolvenzabwicklung zu Verlusten zwischen 50 und 75 Prozent des eingezahlten Kapitals. Wo lagen die Fallstricke dieser doch scheinbar guten Idee von Investmentfonds für Jedermann?

Und plötzlich ist das Geld weg

Es waren gleich mehrere Faktoren, die am Ende zum Zusammenbruch des IOS führten. Und ich finde es bemerkenswert, dass zwei davon bereits im Herbst 1965 im „Spiegel“ genannt wurden, als der IOS gerade erst im Begriff war, seinen Siegeszug in Deutschland anzutreten. Nicht minder bemerkenswert ist, dass sich die Sparer davon nicht abhalten ließen. Wie so oft siegte die Gier über die Vorsicht. Etwas, das sich nicht nur hätte wiederholen können. Es wiederholte sich auch, Stichwort Bernie Madoff und sein Schneeball-System bei Madoff Investment Securities, das 2008 zusammenbrach. Und es könnte jederzeit wieder passieren, denn dass die Gier die Vorsicht besiegt, ist etwas, das sich nie ändern wird. Aber zurück zum IOS:

Der „Spiegel“-Artikel wies zum einen darauf hin, dass die deutschen Banken warnten, dass die mittlerweile neben Panama auch auf den Bahamas und in Kanada liegenden Geschäftssitze bedeuten, dass deutsche Bürger, die ihr Geld in den IOS stecken, nicht den hierzulande geltenden Anlegerschutz genießen würden. Gut, natürlich schwammen den deutschen Banken auch die Felle weg, so dass man versuchte, Haare in der Suppe zu finden. Aber in der Sache war das natürlich absolut richtig.

Darüber hinaus wies der „Spiegel“-Artikel damals auf das Problem hin, dass die mögliche Rendite dadurch empfindlich geschmälert würde, dass der IOS seine Gebühren nicht wie bei Fonds damals üblich beim Verkauf der Anteile, sondern gleich beim Abschluss des Sparvertrags abziehen würde … und diese mit sagenhaften 8,5 Prozent extrem viel höher seien als bei Fonds. Der Grund dafür wurde auch zu einem der Sargnägel des IOS:

Der Fonds war vom Prinzip her nach dem Schneeballsystem aufgebaut. Vertreter warben weitere Vertreter an und alle nahmen sich einen Teil aus dem bei den Anlegern eingesammeltem Geld. Am Ende hatte diese Pyramide der Nutznießer in Deutschland sechs Ebenen … und irgendwann war dann eben der Punkt erreicht, an dem die potenziellen Neukunden weniger, die Vertreter aber immer mehr wurden. Aber etwas anderes war noch schlimmer:

Vor allem der FOF, der Fonds of Fonds, begann, vor allem ab 1967, nicht nur in normale, andere Fonds zu investieren, sondern verlegte sich auf immer wildere Spekulationen im Bereich Rohstoffe, Termingeschäfte und Immobilien. Cornfeld setzte dabei die Idee um, die Mittel des FOF in sogenannte „private Besitzerfonds“ zu investieren, deren jeweils einzige Gesellschafter der IOS war. Dadurch wurde nicht nur die Zweckentfremdung erleichtert, es gingen auch durch die diversen Kapitaltransfers mehr Gebühren ins Netz … am Ende waren das bis zu 20 Prozent. Renditechance für die Anleger: keine.   

Das führte laut einem Artikel in der „Wikipedia“ z.B. dazu, dass der weiterhin größte Fonds des IOS, der IIT (International Investment Trust) zwischen 1960 und 1969 insgesamt gerade einmal vier Millionen US-Dollar an Gewinn erwirtschaftete, zugleich zog der IOS als „Mutter“ in diesen Jahren aber elf Millionen Dollar an Gebühren vom IIT ab.

Hinzu kamen dann noch Börsengänge von Untergesellschaften mit am Ende höchst üblem Ausgang und Anfang der Siebzigerjahre der Besitzerwechsel zu dem obengenannten Robert Vesco, der das, was an Kapital noch übrig war, zu veruntreuen versuchte. Unter dem Strich ein Waterloo für die gutgläubigen Anleger.

Börse aktuell: Kursentwicklung des Dow Jones von 1951 bis 1970 | Online Broker LYNX

Die Lehren für die heutige Zeit

Dass so etwas heutzutage nicht mehr passieren kann und man sich mit diesem Teil der Börsengeschichte deshalb nicht mehr befassen müsste, wäre meiner Ansicht nach ein Fehler. Das Schneeballsystem, mit dem Cornfeld agierte, nutzte auch sein Vornamens-Vetter Madoff … und dass dessen Schwindel aufflog, ist nicht 50, sondern gerade einmal 13 Jahre her.

Immer dann, wenn ungewöhnlich hohe Gewinne versprochen werden, stimmt etwas nicht. Da heißt es dann entweder genau, aber wirklich sehr genau hinzusehen oder, besser, gleich die Finger wegzulassen.

Für mich ist es zum Beispiel immer wieder eine Freude, scheinbar wohlmeinende Investmentfirmen, die mich unaufgefordert anrufen und behaupten, ich hätte im Internet irgendwo gebeten, angerufen zu werden, wenn man einen besonders heißen Tipp hätte, gegen die Wand laufen zu lassen. Ja, auch die „Telefon-Drücker“ sterben nicht aus. Aber ich mache diesen Job seit über einem Vierteljahrhundert und erkenne schnell, wenn da etwas faul ist. Die vielen in den letzten zwei Jahren neu hinzugekommenen Anleger aber haben weder die Erfahrung noch das Fachwissen … und sind damit die idealen Opfer für Nepper, Schlepper und Bauernfänger. Glaube bloß keiner, dass sich das lichtscheue Gesindel das nicht zunutze machen würde, also:

Vorsicht, wenn etwas verdächtig gut und/oder einfach klingt, auch und gerade in Internetforen, sollte man äußerst vorsichtig sein.

Darüber hinaus sollte man diese Sache mit dem Schneeballsystem genau verinnerlichen. Es bedeutet, dass gar keine realen Gewinne erwirtschaftet werden sondern die scheinbar riesigen Profite einfach nur aus dem frisch hinzukommenden Geld bestehen, das der Betreiber der Masche dann an diejenigen, die früh dabei waren, auszahlt und so den neu hinzukommenden Sparern vorgaukelt, dass diese Gewinne jeder machen werde, der hier Geld einzahlt. Da dann immer mehr in der Kette kassieren wollen, so wie auch beim IOS, bricht das Kartenhaus zusammen, wenn die neuen Einzahlungen zurückgehen. Und Kapitalzuflüsse sind immer endlich, denn die Zahl möglicher „Kunden“ ist letztlich ja begrenzt. Das sollte man auch in Sachen Aktienmarkt im Hinterkopf haben.

Ist der Aktienmarkt ein Schneeballsystem? Nein, aber …

Natürlich ist der Aktienmarkt kein Schneeballsystem, denn das würde voraussetzen, dass alles eine betrügerische Basis hätte, was, natürlich, nicht der Fall ist. Aber:

Was vielen offenbar nicht bewusst ist: Der Aktienmarkt an sich kann nur steigen, wenn mehr Geld hinein als hinaus fließt. Anders formuliert: Auch hier können nur Gewinne entstehen, wenn immer neues Geld hinzukommt.

Immer neue Anleger müssen an die Börse kommen, die alten aber dabeibleiben und, idealerweise, immer mehr hinzukaufen. Aber damit bleiben Börsengewinne dann auch mehrheitlich „Buchgewinne“. Wollten all diejenigen, die in den letzten fast zwei Jahren gute Gewinne gemacht haben, aussteigen, das Geld also wirklich real auf dem Konto haben, müssten extrem viele genau in diesem Moment mit frischen Geld einsteigen, um zu verhindern, dass diese Verkäufe die Nachfrage übersteigen und die Kurse fallen. Auch hier, vor allem am Aktienmarkt, ist eine Hausse also vollkommen abhängig davon, dass immer mehr Geld dazukommt, ansonsten kippt die Sache.

Und dass der Strom frischen Geldes versiegt, bleibt nie aus. Wann auf einmal zu viele zugleich aussteigen wollen, kann man nie vorhersagen. Denn die Entscheidung zu verkaufen basiert zwar im Prinzip auf negativer werdenden Rahmenbedingungen, aber die durchlaufen ja immer erst den emotionalen „Filter“ eines jeden Marktteilnehmers. Wann eine kritische Situation von der Mehrheit wirklich wahrgenommen und das dann in Verkäufen umgesetzt wird, weiß man nie vorher. Doch eines kann man als Anhalt schon im Hinterkopf behalten:

Ebenso wie bei den Schneeballsystemen des Bernie Cornfeld oder des Bernie Madoff gilt: Je leichtsinniger diejenigen werden, die das Geld geben, desto größer wird das Risiko, dass etwas schiefgeht. Und da lohnt es sich allemal, einen meines Erachtens sehr tauglichen Indikator im Auge zu behalten: Das Volumen der auf Kredit laufenden Derivate-Trades.

Börse aktuell: Entwicklung des Kreditvolumens zur Finanzierung der Margins im Derivate-Trading in den USA von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wir sehen hier, wie über die Jahrzehnte hinweg immer mehr auf Pump gezockt wird. Man nimmt einen Kredit auf, um die Sicherheitsleistung zu bezahlen, die Broker für gehebelte Derivate-Trades fordern. Wer so etwas tut, geht also ein doppeltes Risiko ein und hat dadurch nur einen unangemessen winzigen Sicherheitspuffer. Wer so etwas tut, hat damit nicht verstanden, dass an der Börse nie etwas sicher ist, dass immer etwas schiefgehen kann und niemand den Markt „im Griff“ hat, so sehr man sich das auch einbilden mag, weil lange genug alles gutgegangen ist.

Solche Indikationen in einem seit Jahren steigenden Aktienmarkt machen deutlich, dass wir uns auch hier und heute in einem Umfeld bewegen, das nicht verkraften kann, wenn auf einmal im Saldo kein frisches Geld mehr nachkommt. Daher:

Ob IOS oder Bernie Madoff, es kann nicht schaden, sich mit der Vergangenheit zu befassen, um nicht selbst eines Tages zu denen zu gehören, die nicht genau genug hingeschaut haben und deswegen statt riesigen Gewinnen empfindliche Verluste verbuchen müssen. In diesem Sinne:

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 06.01.2022, Chartquelle marketmaker pp4

An der Börse tut man gut daran, jederzeit mit dem Unerwarteten zu rechnen. 2020 und 2021 waren die besten Beispiele dafür. Und ich habe schon oft dargelegt, warum die Logik dagegen spricht, sich um Prognosen zu scheren. Aber hier möchte ich Ihnen auch nicht weismachen, dass ich wüsste, wo der DAX an Silvester 2022 notiert. Hier geht es um Überlegungen, was wir meiner Ansicht nach 2022 seitens der Rahmenbedingungen unbedingt im Auge behalten sollten.

Prognosen sind, rein von der Logik her, zu nichts nutze. Wenn ich doch weiß, dass die Anleger die Realität durch einen individuellen, emotionalen Filter schicken, bevor am Ende eine Entscheidung herauskommt, wie kann ich dann hingehen und eine Vielzahl reiner Annahmen zu Rahmenbedingungen zusammentragen, daraus eine Tendenz basteln und diese als Prognose ausloben? Jeder weiß doch eigentlich, dass man Emotionen wie Angst und Gier nicht in Rechenmodelle pressen kann. Schon mal gar nicht, wenn es um individuelle Reaktionen von unzähligen Millionen von Anlegern quer um den Globus geht.

Also, vergessen wir mal irgendwelche Kursziele für DAX, Dow, Öl oder Gold. Erinnern wir uns lieber daran, dass es so gut wie immer schiefgeht, sich zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt hinzusetzen, eine völlig subjektive Bestandsaufnahme der Lage zu machen, daraus eine Marktmeinung zu kreieren und die dann stur beizubehalten, egal, was links und rechts um einen herum passiert.

Tunnelblick erkennen und vermeiden

Nur, wer bereit und imstande ist, die Rahmenbedingungen, deren Wahrnehmung durch die Anleger und die entsprechende Konsequenz für die Märkte als fließend, als im steten Wandel begriffen zu erkennen, kommt gut zurecht. Klar ist das mühsam. Aber es ist auch spannend. Nicht nur, dass man damit regelmäßig auf dem Laufenden bleibt: Ab und an hält man so wirklich eine Glaskugel in Händen und kann erahnen, was kommt … wenn man neben Fachwissen und Kenntnis der Fakten zudem versteht, wie Anleger an der Börse aktuell ticken.

Es gibt zwei auffällige Aspekte hinsichtlich der Wahrnehmung der meisten Anleger. Zum einen formt der „emotionale Filter“ die einlaufenden Informationen gerne so um, dass sie zu der eigenen Positionierung passen, d.h. bullische Anleger sehen im Fall einer denkbaren Auslegung einer Nachricht normalerweise immer die positive Variante.

Zum anderen neigen viele Privatanleger dazu, einen „Tunnelblick“ zu entwickeln. Was auch verständlich ist, denn wer nicht als Profi agiert, hat eben nicht die Zeit und oft auch nicht die Fachkenntnis, die Gemengelage in ihrer Gesamtheit permanent zu verfolgen. Also konzentrieren sich viele auf ein, zwei bestimmte Aspekte. Wobei das umso verbreiteter ist, desto unübersichtlicher und komplizierter die Gesamtsituation wird. Und derzeit ist sie ebenso komplex wie kompliziert.

Sollten Sie sich dabei ertappen, die Sache ebenso simpel zu sehen wie so viele Anleger derzeit, wäre eine erste, sinnvolle Maßnahme im neuen Jahr, diesen Tunnelblick loszuwerden. Vor allem, wenn es dabei um Corona geht … denn das ist zumindest aus meiner persönlichen Sichtweise bereits jetzt als relevanter Faktor für Wirtschaftswachstum und Markttrends ein Auslaufmodell und wird womöglich noch im ersten Halbjahr für die Börsen komplett irrelevant sein. Dann wird das Gros der Marktteilnehmer den Kopf über den Tellerrand strecken und nach neuen Ankerpunkten Ausschau halten. Es wäre ideal, wenn Sie die dann längst im Blick hätten. Was könnte das sein?

Inflation und „Flaschenhals“: Ist das automatisch vom Tisch, wenn Corona verschwindet?

Viele gehen aktuell davon aus, dass sich die weltweiten, mittlerweile nahezu alle Branchen erfassenden Lieferprobleme mit dem Ende von Lockdowns schnell erledigen werden und dadurch auch das Risiko verschwindet, dass die Inflation noch weiter steigt. Das ist zu hoffen, wobei ich da lieber das Wort „schnell“ vermeiden würde. Aber sicher? Sicher ist das nicht.

Denn ja, die Lockdowns haben den Stein ins Rollen gebracht. Aber wenn eine Lawine erst einmal unterwegs ist, ist es egal, ob da jemand in den Bergen noch zu laut jodelt oder nicht. Produktions- und Transportkapazitäten lassen sich nicht binnen weniger Monate ausbauen … zumal der Anreiz dazu nicht gerade groß ist. Denn das kostet Geld, es bräuchte Personal, das aber nicht um die Ecke wartet … und wenn der Flaschenhals überwunden wäre, wohin dann mit Maschinen und Personal, die man bei einer normalen Nachfrage nicht mehr braucht? Da arbeiten die Unternehmen lieber den Auftragsüberhang konsequent mit dem, was da ist, ab. Das ist das eine.

Hinzu kommt, dass die weltweite Vernetzung der Wirtschaft so komplex und kompliziert ist, dass man beim besten Willen nicht sauber vorausberechnen kann, was wann wo aus dem Ruder läuft, wenn auch nur ein Hafen ein Problem hat oder nur ein Hersteller wichtiger Bauteile in Verzug gerät. Und vergessen wir nicht, dass diese Problematik durch Restriktionen von politischer Seite, mit denen sich vor allem – aber nicht nur – die USA und China gegenseitig überziehen, noch verschärft wird. Und diese politische Komponente sollte man lieber nicht unterschätzen.

Börse aktuell: Entwicklung der Rohstoffpreise von Kaffee, Mais und Bauholz im Jahr 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Und dann wären da noch der in seinen Entscheidungen nun einmal nicht berechenbare Verbraucher als preisbestimmender Faktor und, last but not least, die Spekulation. Es ist ja nicht alleine die reine Nachfrage im Verhältnis zum Angebot der Rohstoffe selbst, die die Kurse bewegt. Jeder kann heutzutage mit Rohöl, Weizen, Erdgas, Kaffee oder anderen Commodities herumzocken. Was da ein einzelner Privatanleger so treibt, ist nicht entscheidend. Aber wenn es Millionen sind, wenn sich die Hedgefonds dort zudem vermehrt tummeln, dann ist in Sachen Preiseentwicklung bei Rohstoffen nichts sicher. Auch nicht, wenn Corona längst kein Thema mehr wäre.

Flaschenhals und Inflation können 2022 wieder zurück in die Spur kommen, aber man wäre gut beraten, sich darauf nicht blind zu verlassen. Das sollte man als Anleger unbedingt engmaschig im Auge behalten!

Vorsicht, Geldhahn: eine Hausse braucht immer frisches Geld!

Derzeit habe ich den Eindruck, dass sich viele um das Thema des „billigen Geldes“ in Form der 2022 mehr oder weniger zügig endenden Stützungskäufe am Anleihemarkt und in Form von Leitzinsen, die sich von der Nulllinie lösen, keine Gedanken machen. Man sagt sich, dass ja genug Wachstum vorhanden ist, um das wegzustecken, immerhin waren steigende Leitzinsen immer ein Zeichen dafür, dass das Wachstum so stark ist, dass man es schon bremsen muss. Aber diesmal ist das ja anders.

Die Inflation ist es, die die Notenbanken zum Handeln zwingt, das ist in der Tat so wie immer. Aber der Grund, wieso die US-Notenbank so spät handelt und sich die EZB immer noch windet, liegt darin, dass es kein Nachfrageüberhang, sondern diese Angebotsverknappung durch den „Flaschenhals“ ist, die die Preise treibt.

Und wenn man die Refinanzierung verteuert, löst sich das „Flaschenhals“-Problem dadurch nicht … aber teurere Kredite wirken auf ein Umfeld toxisch, in dem das Wachstum, das man zuwege bringt, vor allem auf Pump basiert. Immer mehr und immer billigere Kredite lösen die alten bei Unternehmen und Privathaushalten, nicht zuletzt aber auch bei der Staatsfinanzierung, ab. Wenn das ausgebremst wird, wäre das zwar von der Sache her ebenso überfällig wie vernünftig. Aber es wäre eine brutale Bremse für das Wachstum.

Börse aktuell: Entwicklung des Kreditvolumens zur Finanzierung der Margins im Derivate-Trading in den USA von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und für den Aktienmarkt kann das ein ernstes Problem werden, nicht nur, weil Druck auf die Unternehmensgewinne nicht gut für Aktien ist. Sondern auch, weil teurere Kredite das Volumen der auf Kredit finanzierten Derivate-Trades reduzieren dürften. Und der vorstehende Chart zeigt, dass wir da derzeit ein unglaubliches Volumen erreicht haben. Fast eine Billion US-Dollar Kredit finanzieren derzeit Margins (Sicherheitsleistungen) für Derivate-Trading bei Brokern. Wenn dieser „Sumpf“ durch höhere Zinsen austrocknet, wird das am Aktienmarkt nicht spurlos vorbeigehen. Und noch ein Faktor sollte im Blickfeld stehen:

Nehmen wir an, die Sache entwickelt sich, was die Rahmenbedingungen angeht, sehr positiv, indem wir zeitgleich mit Corona tatsächlich auch den Flaschenhals loswerden und die Inflation dadurch zügig auf erträgliche Levels sinkt. Nehmen wir zugleich an, dass die US-Notenbank daraufhin zwar die Anleihekäufe beendet, aber die Leitzinsen nicht anhebt. Ist das wirklich so gut für den Aktienmarkt?

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote in den USA von 1979 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn der Konsum gut läuft, wird tendenziell weniger gespart. Und wenn die Inflation wieder Richtung Normalniveau läuft, ist die Angst um das Ersparte natürlich weniger ausgeprägt. Vor allem, wenn einem ein wieder solides Wachstum eine positive Zukunftsperspektive gibt. Doch dann würde auch weniger Geld in den Aktienmarkt fließen. Dass die Sparquote in den USA, wo wir immer aktuellere Zahlen bekommen als für Deutschland, jetzt wieder auf den „Normallevel“ gesunken ist, bedeutet auch weniger Geld, das neu in Aktien fließt.

Wir haben in den letzten zwei Jahren einen Run in Aktien erlebt, wie womöglich nicht einmal in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Da kann ein sich schließender Geldhahn in Kombination mit einer Verbesserung der Rahmenbedingungen durchaus dazu führen, dass der Aktienmarkt, der zuvor bei extrem kritischen Rahmenbedingungen wie auf Schienen stieg, zu kippen beginnt, wenn den Anlegern, die derzeit vor allem auf Corona starren, dieser Zusammenhang bewusst wird.

Die Geopolitik könnte 2022 eine große Rolle spielen

Und dann wäre da ja noch die geopolitische Lage, die derzeit kaum jemand auf dem Zettel hat. Was zum einen am emotional präsenteren Faktor Corona liegt, zum anderen daran, dass das Verhältnis der USA und Europas zu China und Russland nicht mehr so medial präsent ist wie zu der Zeit, als Politik in den USA noch via Twitter betrieben wurde. Aber das macht die Lage nicht harmloser.

Derzeit ist vor allem China ein Risikofaktor, den man als Anleger nicht aus den Augen lassen sollte. Dabei geht es auch, aber eben nicht nur um Chinas Immobilienmarkt. Der ist schon Sprengstoff genug, denn obgleich man hierzulande nach neuen Informationen gezielt suchen muss, wird die Lage dort immer kritischer.

Immer öfter können die großen Immobilienkonzerne dort Zinszahlungen ihrer Anleihen nicht mehr bedienen. Das droht fatal schiefzugehen. Und da Chinas Immobilienmarkt einen fast doppelt so großen Anteil an der Gesamtwirtschaftsleistung hat wie der US-Immobilienmarkt vor dem Platzen der Subprime-Blase, kann man sich denken, welche Konsequenzen das für Chinas Wirtschaft und damit auch für die vielen Importeure in den USA und der Eurozone hat, für die China der Markt Nummer 1 ist.

Börse aktuell: Kursentwicklung wichtiger chinesischer Immobilienaktien im Jahr 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Aber ich meine, man sollte auch die Drohkulissen im Auge behalten, die Russland gegenüber der Ukraine und China gegenüber Taiwan (und anderen Anrainern) aufgebaut haben. Eine Eskalation dieser Situation ist ein Risiko. Eines, das der Weltwirtschaft massiv zusetzen kann, zumal die USA und die EU derzeit nicht so wirken, als könnten sie diesen Szenarien etwas entgegensetzen, das die Lage beruhigen würde.

Wird das in diesem neuen Jahr eine entscheidende Rolle spielen? Ich weiß es nicht, letztlich weiß das jetzt noch niemand. Aber ich denke, das alles sollte man im Auge behalten und als potenzielle „Game Changer“ im Hinterkopf haben, bevor sich einer oder mehrere dieser Aspekte in den Vordergrund der Märkte schieben und dann hektische Reaktionen auslösen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 30.12.2021, Chartquelle marketmaker pp4

Eigentlich weiß man es ja: An der Börse gilt seit jeher „Unverhofft kommt oft“ … die Faktoren, die die Kurse bewegen, sind von der Sache her unvorhersehbar und in ihrer Auswirkung unberechenbar. Aber gar nicht mal so selten heißt es dennoch: „Unverhofft kommt oft“ meets „Schema F“. Und genau das ist der Grund, weshalb der Dezember so oft im Plus endet.

Wenn man sich die letzten zehn Börsenjahre mal genauer ansieht, stellt man fest, dass der Januar traditionell ein eher gemischter Monat ist. Fünfmal endete er beim Dow Jones im Plus, fünfmal im Minus. Der Dezember jedoch, der vermag zu glänzen. In sechs Jahren endete er im Plus, zweimal nur war ein nennenswertes Minus zu verzeichnen, die anderen beiden Jahre schloss der Dow Jones, der uns hier als Beispiel dienen soll, kaum verändert. Und auch in diesem Jahr wird der Dezember stark sein. Nachdem die Aktienmärkte nach einem schwachen November gleich zu Beginn des Dezembers auf dem Absatz kehrt gemacht hatten, ist dem Dow „sein“ 2021er-Dezember-Plus kaum noch zu nehmen.

 Börse aktuell: Kursentwicklung des Dow Jones im Dezember von 2011 bis 2021 | Online Broker LYNX

Neues Jahr, neues Glück: Der Faktor Hoffnung

Liegt es daran, dass die Investoren zur Jahreswende neuen Optimismus empfinden, weil ein neues Kalenderjahr mental auch immer eine Art Neuanfang ist … obgleich man ja eigentlich weiß, dass sich die Welt unbeeindruckt von Jahreswechseln einfach weiter dreht wie zuvor?

Das spielt eine Rolle, keine Frage. Enttäuschte Hoffnungen, die immer im Herbst den Optimismus davon zu verdrängen beginnen (und was die Rahmenbedingungen angeht, gab es 2021 ja genug Unerfreuliches, man denke an den „Flaschenhals“ bei Produktion und Logistik und die Inflation), weichen Richtung Jahresende der Erwartung, dass das Neue Jahr diesmal aber wirklich hervorragend wird.

Gut, im aktuellen Fall braucht es da allerhand Zuversicht, immerhin kommen zu gerissenen Lieferketten und einer ausufernden Inflation auch noch Notenbanken hinzu, die beginnen, den für die Aktienmärkte so wichtigen Hahn des „billigen Geldes“ zuzudrehen. Aber wir wissen ja: Am Aktienmarkt handelt man nicht die Realität, sondern das, was die Anleger als „real“ ansehen wollen. Und das gilt auch für die Zukunft. Man handelt Hoffnungen und Erwartungen. Auch, wenn die nicht gerade logisch fundiert sind, kann sich das halten, bis endgültig klar wird, dass die Luftschlösser in sich zusammengefallen sind.

Aber wenn das der einzige, entscheidende Grund für meist starke Aktienmärkte im Dezember wäre … warum steht der Januar dann in der mittelfristigen Bilanz deutlich schlechter da? Da müsste dieser Optimismus die Kurse doch ebenfalls treiben, da es dann noch viel zu früh für enttäuschte Erwartungen wäre? Weil es eben keineswegs der einzige Grund ist, warum es im Dezember meist aufwärts geht.

Die Rahmenbedingungen bleiben im Dezember oft außen vor

Da muss noch eine andere Kraft dahinterstecken. Das sehen wir diesmal besonders deutlich. Denn wie kann der Dezember so gut laufen, obgleich wir in der ersten Monatshälfte Inflationsdaten bekamen, die quer um den Globus deutlich machen, dass da erstmal absolut nichts „von alleine wieder verschwindet“. Der Materialmangel bei den Unternehmen wird immer schlimmer, die Staus in der Logistik nicht kürzer, die Transport- und Energiekosten bleiben erdrückend hoch.

Und dann haben wir auch noch die ersten Notenbanken, die jetzt doch noch dagegen halten. Was nicht nur zu spät ist, sondern auch kontraproduktiv wirken kann, ich hatte das vergangenen Montag an dieser Stelle ja dargelegt. Da mit hochgerecktem Daumen ins neue Jahr zu gehen, dazu bräuchte es entweder eines besonders sonnigen Gemüts oder komplette Ahnungslosigkeit, was die Basisfaktoren angeht, die das Wachstum bestimmen. Allerdings …

… wissen wir ja, dass in den letzten knapp zwei Jahren so viele neue, noch unerfahrene Marktteilnehmer hinzugekommen sind wie selten zuvor. Und die richten sich mit ihren Entscheidungen nicht nach volkswirtschaftlichen Fakten (weil sie die gar nicht kennen), sondern einfach nach dem Trend. Solange die Kurse steigen, wird gekauft. Und kommt es zu einem Rücksetzer, der schnell aufgekauft wird, ist das für diese große Gruppe von Akteuren ein Beweis, dass alles passt, dass man weiter zugreifen muss. Hinter den Vorhang schaut da kaum einer. Und das machen sich die erfahrenen Entscheider großer Adressen natürlich zunutze.

Der immer gleiche „Dezember-Fahrplan“

Wir dürfen eines nicht vergessen: Die institutionellen Investoren, die das Geld derer verwalten, die das nicht selbst tun können oder wollen, leben davon, dass die Anleger immer mehr Geld in den Aktienmarkt investieren. Und frisches Geld fließt, da sich vor allem diese „passiv“ investierenden Sparer wenig bis gar nicht auskennen, besonders dann, wenn der Trend nach oben weist. Also bietet es sich an, ein Umfeld zu generieren, in dem genau das der Fall ist. Und gerade weil der Dezember ein Monat des „Bilanz-Ziehens“ ist, die Phase, in der man nach vorne blickt, ist es ideal, wenn es gelingt, hier eine positive Stimmung zu erzeugen. Eine Stimmung, die die Anleger dazu bringt, zur Jahreswende neues Geld in ihre Fonds, ETFs, Hedgefonds, Pensionspläne zu investieren oder auch direkt am Markt zuzugreifen. Und da erleben wir immer wieder im Dezember eine Art Fahrplan:

Börse aktuell: Dezember-Fahrplan der Bullen am Beispiel des Dow Jones | Online Broker LYNX

Zum Start in den Dezember wird nach Möglichkeit eine bullische Tendenz erzeugt, indem der Monat mit Käufen begonnen wird. Die großen Adressen nutzen das seitens der Sparer zur Monatswende zugeflossene, frische Kapital, um den Markt in Schwung zu bringen, in der meist berechtigten Hoffnung, dass die rein technisch orientierten Trader und Handelssysteme auf den Zug aufspringen, die Unerfahrenen aus Angst, hier einen „big move“ zu verpassen, ebenso. Der vorstehende Chart zeigt: 2019 hat das tadellos funktioniert.

Hinzu kommt dann bis zum dritten Freitag des Dezembers die Sogwirkung der dann anstehenden Abrechnung der Futures und Optionen an der Terminbörse, auch „dreifacher Hexensabbat“ genannt. Haben wir im Vorfeld eine bullische Tendenz, pflegt diese Abrechnung die Kurse höher zu ziehen.

Direkt danach setzt man auf die Käufe der institutionellen Investoren wie Fonds oder Hedgefonds, die dann zum Stichtag des Jahresultimos gezielt stark gelaufene Aktien zukaufen und schwache abstoßen, um ihre Performance zu optimieren. Bei einem bereits gut gelaufenen Jahr bedeutet das im Saldo in der Regel ebenfalls steigende Kurse. Das Ergebnis:

Ein gut gelaufenes Jahr wird in dem Moment, in dem es gilt, nach vorne zu blicken, noch einmal so richtig bullisch gestaltet, um die Anleger zu animieren, zuversichtlich ins neue Jahr zu blicken und zu kaufen. Und dann wird es interessant, denn im Januar folgt dann die „Nagelprobe“.

Klappt das auch diesmal? Terminbörse und der Verlauf des Januars sind der „Lackmustest“

Wenn es nach Käufen Anfang Januar plötzlich im Rest des Monats abwärts geht, sollte man höchst vorsichtig werden. Denn das würde andeuten, dass diejenigen, die diesen „Dezember-Fahrplan“ verfolgt hatten, nur darauf gewartet haben, bis diese letzte im Fahrplan stehende Station in Form zu Jahresbeginn kaufender Anleger erreicht wurde, um selbst Bestände zu Höchstkursen loszuwerden. Was sie dann täten, wenn sie selbst keineswegs glauben, dass das neue Jahr ein gutes wird. Wie sieht es da diesmal aus?

Was im Januar passiert, wissen wir ja noch nicht. Aber es gibt noch eine andere Station, die man genau beobachten muss: Die Abrechnung am Terminmarkt, die wir diesmal am 17. Dezember gesehen hatten. Und da fällt auf:

Börse aktuell: Dezember-Fahrplan im Jahr 2021 am Beispiel des Dow Jones | Online Broker LYNX

Im Vorfeld des „dreifachen Hexensabbats“ war der Dow Jones zwar im Plan und stark gelaufen. Aber dass der Flaggschiff-Index am Abrechnungstag deutlich nachgab und am Montag darauf ebenso, ist nicht gerade der Normalfall. Auch die Bewegungen ganz unmittelbar nach der Abrechnung sind eine Art „Lackmustest“ dahingehend, wie solide dieser Dezember-Fahrplan ist bzw. ob der Dezember in einen starken Januar übergehen wird.

Und die Abgaben, die da aufgetaucht sind, passen nicht in ein glaubwürdig bullisches Bild. Dass man danach zusah, die Kurse sofort wieder auf die Schienen zu heben, überrascht nicht. Aber diese Verkäufe am und nach der Terminbörsen-Abrechnung sind zumindest eine Warnung.

Denn wenn die großen Terminbörsen-Player zusehen, dass sie ihre Positionen nach dem entscheidenden Stichtag schnell herunterfahren, zeugt das ja nicht davon, dass man dort wirklich bullisch ist. Was umso mehr gilt, wenn die Verkäufe schon am Abrechnungstag losgehen. Der Rest der “Tour“ kann zwar noch funktionieren, sprich eine tendenziell solide bzw. gute Woche jetzt direkt vor dem Jahresende und Käufe in der kommenden Woche zum Start ins neue Jahr sind gut möglich. Aber dann?

Wenn wir uns überlegen, wie es an der Börse aktuell aussieht, dass, wie eingangs erwähnt, „Flaschenhals“ und Inflation wüten, die Notenbanken die Zügel schneller als gedacht anziehen und die Perspektiven der Unternehmen wohl oft eher verhalten ausfallen, wäre es absolut nicht überraschend, wenn 2022 die problematische Variante des Januars anstünde. Sprich dass große Adressen in die Käufe der Privatanleger zum Jahresstart hinein zusehen, dass sie ihre Positionen zu Höchstkursen abbauen.

Achten Sie deshalb unbedingt auf diese erste Januarhälfte. Wen die stark beginnt, der Dow dann aber an Boden verliert, kann es sehr gut sein, dass die Realität eben doch am Aktienmarkt Einzug hält und den Bullen die Petersilie verhagelt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche … und einen guten Rutsch ins Jahr 2022!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 23.12.2021, Chartquelle marketmaker pp4

Es ist dieselbe Inflation, basierend auf denselben Problemen … und trotzdem reagieren die Notenbanken ganz unterschiedlich. Irgendjemand liegt da also falsch, könnte man meinen. Aber unter den Anlegern könnte sich langsam auch die Erkenntnis durchsetzen: In dieser Situation kann man ohnehin nichts richtig machen.

Die US-Notenbank avisiert Zinserhöhungen, die EZB schließt sie zumindest für 2022 derzeit aus. Und die Bank of England hob den Leitzins am Donnerstag bereits an. Durch den „dreifachen Hexensabbat“, die Abrechnung der Futures und Optionen an den Aktienmärkten, die am Freitag über die Bühne ging, war die Reaktion der Akteure am Aktienmarkt zwar verzerrt. Aber man konnte schon erkennen: Man war sich unschlüssig, wer da das Richtige tut und wer nicht. Aber wenn man es sich genauer überlegt, kommt man zu der unerfreulichen Erkenntnis: Was sie auch tun … es ist sowieso das Falsche. Wieso?

Weil wir uns in einer Gemengelage befinden, der die Notenbanken ziemlich machtlos gegenüberstehen. Doch erst einmal zum Grundsätzlichen:

Wachstum durch niedrige Zinsen: Dummerweise eine Einbahnstraße

Die Aufgabe der Notenbanken ist es, die Geldwertstabilität sicherzustellen. Ein bisschen Inflation ist okay, zuletzt hat man dieses „Bisschen“ in die Region um 2,0 bis 2,5 Prozent gelegt und schön schwammig formuliert, um nicht zu früh gezwungen zu werden, zu handeln.

Dass „Geldwertstabilität“ einer Inflation um 2,5 Prozent entsprechen soll, ist einem Sparer nicht zu vermitteln, also lässt man es in der Regel gleich bleiben. Denn man müsste erklären, dass wir uns seit vielen, vielen Jahren in einer Situation befinden, in der Wachstum nur noch auf Kredit möglich ist und dies die Nebenwirkung hat, dass alte Kredite durch neue, größere Kredite abgelöst werden müssen. Eine „dezente“ Inflationsrate hilft da, den Schuldenanstieg zumindest ein bisschen abzubremsen. Allerdings kommt das zwar Regierungen und Unternehmen zugute, aber einem Sparer nur, wenn die Löhne schneller steigen als die Inflation selbst. Und da das seit Jahren meist nicht der Fall war, schaut der Sparer bei dieser Inflation in die Röhre. Zumal kein Ausgleich durch Zinsen auf den Konten oder bei Anleihen mehr existiert, weil die Notenbanken immer extremere Anreize schaffen mussten, um dieses System der immer weiter ansteigenden Verschuldung am Kochen zu halten, indem Kredite durch Leitzinsen auf Nullniveau immer billiger und leichter verfügbar wurden. Das Problem, das sich daraus ergibt:

Wenn man die Zinsen wieder anheben würde, und sei es nur auf ein oder zwei Prozent, würden damit nicht nur neue Kredite teurer, was hieße: weniger Kreditnachfrage und damit, weil das die Basis des Wachstums ist, weniger oder kein Wachstum. Auch die Zinsbelastung der bereits laufenden Kredite würde steigen, sobald deren Zinsbindung ausläuft. Und wenn jemand eine 30 Jahre-Hypothek zu 1,5 Prozent Zins laufen hat und auf einmal 2,5 Prozent zahlen muss, läppert sich das, wenn da noch 10 oder gar 20 Jahre Restlaufzeit bestehen. Das ist ein entscheidender Grund, warum die „Zuckungen“ der Leitzinsen nach oben in Wachstumsphasen immer schwächer wurden und zuletzt eben ganz ausblieben, vor allem bei der EZB, wie die folgende Grafik zeigt.

Börse aktuell: Entwicklung des EZB Leitzins und der Inflation in der Eurozone im Vergleich von 1994 bis 2021 | Online Broker LYNX

Warum die Notenbanken so lange gezögert haben

Das alleine bringt die Notenbanken dazu, eine Ausrede nach der anderen zu suchen, warum man trotz des so deutlichen Anstiegs der Inflationsrate über die Zielzone seinem Mandat der Wahrung der Geldwertstabilität nicht nachkommen müsse. „Vorschnell“, „unangemessen“, das war das da verwendete Vokabular. Und man kam einfach mit Prognosen daher, dass die Inflation sich sowieso in Kürze von alleine erledigen werde und es deswegen gar nicht nötig sei, etwas zu unternehmen. Für alle, die rechnen können, eine Beleidigung ihres Verstands. Denn wer sich im Folgenden mal die nominale Teuerung in Form des harmonisierten Verbraucherpreisindex ansieht, der direkt abbildet, um wie viel die Preise in Prozent über die Jahre gestiegen sind, dem wird eines klar:

Börse aktuell: Entwicklung des harmonisierten Verbraucherpreisindex in Deutschland von 2001 bis 2021 | Online Broker LYNX

Es hilft herzlich wenig, wenn sich der Preisauftrieb 2022 oder spätestens 2023 verlangsamt, denn real gerechnet ist das ja eine Art Mogelpackung. Gefühlt hat man dann den Eindruck, dass eine Inflation, die 2022 nur noch zwei Prozent beträgt, dann ja kein Problem mehr ist. Doch die Güter, die dann wieder langsamer teurer werden, werden ja von diesem Sockel im Vorfeld stark gestiegener Preise aus teurer. Der Kaufkraftverlust ist längst entstanden. Und wenn die Notenbanken ihn dann erst gebremst bekommen, ohne dass die Löhne parallel dazu gestiegen waren (was sie nicht tun), hilft das niemandem. Was übrigens auch für den dramatisch im Minus liegenden Realzins gilt (Realzins = durchschnittliche Rendite am Anleihemarkt minus die Inflationsrate). Der liegt, wie der nächste Chart zeigt, für Deutschland jetzt bei -5,5 Prozent. Und das basiert auf der offiziellen deutschen Inflationsrate, die zuletzt bei 5,2 Prozent lag. Nimmt man die sogenannte harmonisierte Inflationsrate, für die man den zugrundeliegenden Warenkorb EU-weit standardisiert, haben wir schon 6,0 Prozent Inflation, der Realzins läge dann sogar bei -6,3 Prozent. Dieses Geld ist dann eben weg und bleibt weg. Läge die deutsche Inflation Ende Dezember 2022 „nur“ noch bei 2,5 Prozent, es wäre dann eben 2022 weniger Geld verschwunden als 2021 … aber das, was 2021 verloren ging, bleibt verloren.

Börse aktuell: Entwicklung Realzins Deutschland von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber das eigentliche Problem, die Vernichtung der Ersparnisse, bleibt erhalten. Was übrigens ein entscheidender Grund ist, warum wir seit fast zwei Jahren einen derart starken Zustrom von Kapital am Aktienmarkt erleben: Für viele, die sonst nie an Aktien als Anlage gedacht hätten, scheint das der einzige Weg, dieser Geldvernichtung zu entkommen. Wobei vielen eher nicht klar ist, dass der Aktienmarkt keine Einbahnstraße ist und sie das Minus ihres Ersparten noch deutlich intensivieren können, wenn der Aufwärtstrend bei DAX & Co. kippt. Aber zurück zu den Notenbanken.

Diesmal entsteht die Inflation am „falschen Ende“: ein Dilemma

Wieso entscheidet die US-Notenbank, jetzt schnell aktiv zu werden, indem sie die Käufe am Anleihemarkt beschleunigt herunterfährt und durchblicken lässt, dass es 2022 und 2023 jeweils drei Zinserhöhungen geben könnte, während die EZB zwar die „Corona-Sonderkäufe“ am Anleihemarkt per Ende März beendet, dafür aber das Volumen der regulären Stützungskäufe etwas anhebt und Zinserhöhungen für 2022 als derzeit höchst unwahrscheinlich tituliert? Wieso tun die einen etwas, die anderen aber nicht?

Weil höhere Zinsen eigentlich nur dann einen Sinn ergeben, wenn die Inflation nachfrageinduziert ist. Deswegen ist man sich so uneinig, was man jetzt tun kann bzw. muss.

Wenn die Verbraucher es übertreiben, wenn sie immer mehr auf Kredit konsumieren, die Unternehmen dadurch immer höhere Preise verlangen können und auch bekommen, dann sind höhere Leitzinsen ein Weg, um die Teuerung zu bremsen. Denn werden Kredite teurer, bremst das einen solchen zu intensiven Konsum und reduziert die kreditbasierte Expansion der Unternehmen. Aber was, wenn es umgekehrt ist, wenn die Preise nicht wegen eines zu exzessiven Konsums steigen, sondern weil die Nachfrage nicht befriedigt werden kann, da Lieferketten zu Bruch gegangen sind und weil die Preise für die Unternehmen deshalb so stark steigen, dass sie zu Preiserhöhungen gezwungen sind?

Börse aktuell: Entwicklung der Erzeugerpreise in Deutschland von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die vorstehende Grafik zeigt den neuesten Stand der Dinge, was die Erzeugerpreise in Deutschland angeht. 19,2 Prozent höher als im November 2020 … das ist ein Wort. Und es ist ein Anstieg, den wir so seit 1951 nicht mehr erlebt haben. Die durch die Lockdowns 2020 ausgelösten Stornierungen von Chips machten den Anfang … seither sind Lieferengpässe in allen möglichen Bereichen auftaucht und bislang nicht zu beheben. Das drückte so massiv auf die Gewinne der Unternehmen, dass sie gezwungen sind, so viel wie möglich dieser Kostensteigerungen an die Endkunden weiterzureichen. Was impliziert, dass es mit den steigenden Preisen auf Verbraucherseite noch lange nicht vorbei sein muss. Die Bugwelle, die wir da sehen, ist gewaltig. Aber was bewirken denn in dieser Situation steigende Zinsen?

Börse aktuell: Kursentwicklung der Futures von Erdgas, Kohle und Öl von 2019 bis 2021 | Online Broker LYNX

Gar nichts … zumindest nichts Gutes. Zumal das ja nicht das einzige Problem ist. Die Notenbanken können auch keinen Einfluss auf die Spekulation an den Rohstoffmärkten an der Börse aktuell nehmen. Die Preise der Rohstoffe basieren ja nicht allein auf der realen Angebot/Nachfrage-Situation. Hier ist immer sehr viel Spekulation mit im Spiel. Und obwohl man nach den unschönen Erfahrungen der Jahre 2007-2009, als schon einmal eine immense Spekulationswelle am Rohstoffmarkt für eine Intensivierung einer Krise sorgte, weithin forderte, eine solche Spekulation zu verbieten, hat sich in dieser Richtung nie etwas getan. Jetzt heizt die Spekulation die Preise erneut an … und das nicht nur im Bereich der Energie. Das erreicht z.B. auch die wichtigsten Industriemetalle, die nicht nur weit teurer sind als vor der Corona-Krise, sondern auch immens volatil daherkommen, so dass es für Unternehmen zu einem Glücksspiel wird, wenn sie sich den zukünftigen Bedarf über den Futures-Markt sichern: Ob man da teuer oder doch noch relativ günstig einkauft, kann man nie wissen. Und steigende Leitzinsen bringen da nichts. Man muss sogar fürchten, dass sie kontraproduktiv sind, denn:

Börse aktuell: Kursentwicklung der Futures von Kupfer, Nickel, Aluminium von 2019 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn Konsequenz zum Bumerang wird: Alternative Wege sind gefragt

In einem Umfeld, in dem das Wachstum ziemlich instabil daherkommt, in dem die Verbraucher durch die hohe Inflation vorsichtiger werden und in dem das Kartenhaus dieses künstlich befeuerten Wachstums nur auf billigen Krediten fußt, sind höhere Zinsen eher der Sargnagel dieses so lange gespielten, riskanten Spiels als eine Basis, die Sache in den Griff zu bekommen. Einfach, weil die Inflation diesmal Ursachen hat, die durch höhere Zinsen nicht behoben werden können.

So gesehen ist es zwar grundsätzlich richtig, dass die US-Notenbank sich sagt, dass jetzt ein Punkt erreicht ist, an dem man nicht mehr zuschauen kann … auch, wenn sie, würden höhere Zinsen etwas bringen, sowieso schon viel zu spät dran wäre. Und es ist im Gegenzug besorgniserregend, wenn die EZB weiterhin so tut, als sei all das kein Grund, etwas zu unternehmen. Aber:

Höhere Zinsen könnten in dieser besonderen Situation eben eher schädlich als hilfreich sein. Es wären alternative Wege gefragt. Und wenn die Notenbanken in den vergangenen Jahren immer wieder versichert haben, dass man, was die Befeuerung des Wachstums angeht, über Leitzinsen und Anleihekäufe hinaus noch weitere Werkzeuge im Kasten habe, um die Wirtschaft anzuschieben, dann wäre genau jetzt der Moment, um nach alternativen Werkzeugen zu suchen, wie man dieser Zwickmühle entkommen kann.

Ein entscheidender Schritt wäre aus meiner persönlichen Sicht, diesmal durchzusetzen, was damals, während und unmittelbar nach der Subprime-Krise, misslang: Es gälte dafür zu sorgen, dass Spekulation eine kritische Situation an den Rohstoffmärkten nicht mehr intensivieren kann, indem man dieser unter bestimmten Voraussetzungen einen Riegel vorschiebt. Was indes die Mitwirkung der Politik erfordert … und das auch noch bezogen auf alle wichtigen Börsenplätze weltweit. Kein einfaches Unterfangen. Aber es wäre nötig, es trotzdem anzugehen.

Was jetzt nicht passieren darf: eine Lohn/Preis-Spirale

Passiert weiter nichts, droht als nächstes eine Lohn/Preis-Spirale, bei der man versucht, die schwindende Kaufkraft durch deutliche Lohnsteigerungen zu lindern. Problem: Das erhöht die Kosten der Unternehmen ja nur umso mehr, so dass höhere Löhne zu noch mehr Inflation führen, dies wiederum erfordert, die Löhne umso mehr anzuheben, um einen Einbruch des Konsums zu verhindern und das Ganze sich dann verselbständigt und aus dem Ruder läuft.

Börse aktuell: Lohnwachstum und Inflation in Deutschland im Vergleich von 1983 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die Notenbanken stehen also in der Pflicht. Und es eilt, denn egal, was da angeschoben wird, es braucht Monate, bis es wirkt. Und sollte man da, egal, ob bei EZB, US-Notenbank oder den anderen Notenbanken, nicht bereits hinter verschlossenen Türen nach alternativen Wegen über das „Schema F“ hinaus nachdenken, dürften wir 2022 Probleme bekommen, denen dann irgendwann auch die Aktienmärkte nicht mehr entkommen werden. Und sollte es da nach unten drehen, sollte das Ersparte wider Erwarten vieler nicht mehr, sondern über die Inflation hinaus noch schneller noch weniger werden, können wir uns ausmalen, was das für den Konsum als Rückgrat der Wirtschaftsleistung bedeuten würde!

Übrigens: Danke!

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien schon einmal von dieser Stelle aus schöne Weihnachtstage und bedanke mich zugleich für die lobenden Worte vieler Leser. Wenn Sie meine Kolumnen kommentieren, bekomme ich das nicht immer zu sehen, aber meine Kollegen bei LYNX leiten mir doch oft einige Ihrer Statements weiter. Dafür herzlichen Dank, für mich sind solche Zuschriften ein Zeichen, dass meine Arbeit vielen von Ihnen etwas bringt und ein Ansporn für die kommende Zeit!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 17.12.2021, Chartquelle marketmaker pp4

Diese Sache mit den Börsengewinnen ist ja eigentlich ganz einfach. Wenn man sich die Kurse im Nachhinein und über einen längeren Zeitraum betrachtet, wird klar: Man muss nur dem Trend folgen, dann kommt unter dem Strich grundsätzlich mehr heraus als man eingesetzt hat. Aber warum ist es gerade an der Börse aktuell so schwierig, das einfach konsequent umzusetzen?

Ich wurde in den über 30 Jahren als Trader natürlich immer wieder gefragt, warum ich nicht längst steinreich sei. Wer sich an der Börse auskennt, müsse doch leichtes Spiel haben, wenn selbst die, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, gerade dicke Gewinne einfahren? Ha! Bei den meisten geht da sofort die Augenbraue nach oben, wenn sie meine Antwort hören: Das Handicap bei Leuten wie mir ist nicht, dass ich zu wenig weiß, sondern dass ich zu viel weiß. Was auch nicht unbedingt verwunderlich ist, wenn man es sich genauer überlegt. Man muss sich dazu nur die derzeitige Lage anschauen:

Risiken, wohin man schaut, aber …

Die Marktrisiken stapeln sich hochkant. Da hätten wir die ungebremste Inflation. Und den Grund, warum sie ungebremst ist, nämlich Notenbanken, die sich durch ihre Inaktivität (bzw., was die „Fed“ angeht, durch ihr zu langsames Agieren) selbst zum Risiko befördert haben. Nicht, dass diese Verweigerung nötiger Aktionen nicht nachvollziehbar wäre, ich hatte ja mehrfach schon an dieser Stelle über diese Sackgasse, in die sich die Notenbanken selbst bugsiert haben, geschrieben. Aber dadurch wird es ja nur verstehbar, nicht aber ungefährlich.

Börse aktuell: Entwicklung der Erzeugerpreise in der Eurozone und  EZB-Leitzins im Vergleich von 2000 bis 2021 | Online Broker LYNX

Dann wäre da der „Flaschenhals“, das Produkt aus Materialmangel und einer aus dem Tritt geratenen Logistik, das auf Umsatz und Gewinn der Unternehmen drückt und zugleich den Kreis zur Inflation schließt.

Und wir haben den Immobilienmarkt in China, der weiter auf bestem Wege ist, nicht nur Chinas Wirtschaft massiv in die Bredouille zu bringen, sondern durch den dann dort unter Druck kommenden Konsum auch die vielen Unternehmen, für die China der wichtigste Exportmarkt ist.

All das zusammengenommen ist das Dynamit. Vor allem für Aktienmärkte, die in einer solchen Gemengelage nahe ihrer Rekordhochs notieren. Nur kümmert es kaum jemanden.

Dafür kümmert fast alle Corona. Und genau das ist, solange keine Mutation auftaucht, die die Menschen in weit größerer Zahl dahinraffen könnte, das kleinste Problem. 2020 sah das noch anders aus. Aber jetzt weiß man mehr, hat Übung in Sachen Gegenmaßnahmen, hat Impfstoffe und zudem erste Medikamente in der Pipeline. Aber Corona unterscheidet sich von den anderen, größeren Marktrisiken in einem: Man hat es vor der Nase. Die anderen Aspekte hingegen sind für die meisten Anleger eher abstrakt. Und nicht nur das: Es bräuchte a) Aufmerksamkeit und b) zumindest ein wenig Fachwissen, um ihre Gefährlichkeit ermessen zu können. Und da lauert die Grube, in die Leute wie ich gerne fallen:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in Deutschland und Kursentwicklung des DAX im Vergleich von 1996 bis 2021 | Online Broker LYNX

Diese Sache mit dem Filter im Kopf

Umfassend informiert zu sein und die Lage so objektiv wie möglich einzuordnen, ist zwar wichtig und nötig. Für Menschen mit meinem Job ja ohnehin. Aber was das eigene Trading angeht, ist das eine gewaltige Herausforderung. Denn es ist selten die tatsächliche Lage, die den Trend formt. Es ist das Bild, das die Mehrheit der anderen von der Realität hat, das sie dazu bringt, Geld in den Aktienmarkt zu investieren oder aber von dort abzuziehen. Und dieses Bild basiert auf dem, was sie wissen, gefiltert durch ein emotionales Sieb, das von dem, was sie wissen, das herausnimmt, was sie nicht wissen wollen, weil es ihnen nicht in den Kram passt. Was bedeutet:

Die vorgenannten Risiken sind gewaltig, aber kaum jemand kennt sie bzw. will sie kennen. Daher reagieren die Anleger auch nicht darauf, wenn in China die Immobilienkonzerne ihre Zinsen und Schulden nicht mehr zahlen können und Richtung Insolvenz torkeln. Man wird erst reagieren, wenn entweder irgendwelche „amtlichen“ Institutionen unüberhörbar verkünden, dass das eine Entwicklung ist, die DAX, Dow & Co. massiv drücken wird oder aber wenn das Kind längst im Brunnen liegt. Denken wir nur an die Subprime-Krise zurück, damals war es ja nicht anders:

Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte damals sehen, dass da eine Katastrophe im Entstehen begriffen war. Aber viele hatten zwar viel Geld in den Aktienmarkt gesteckt, zugleich aber nicht einmal das Börsen-Grundwissen erworben. Daher kam die Gefahr in den Kursen nicht an. Bis der Hammer der Erkenntnis dann bei allen Ignoranten auf einmal zuschlug. Dieses historische Beispiel gleicht der heutigen Lage und bestätigt, was man seit Bestehen der Börsen immer wieder sieht und ebenso schnell immer wieder vergisst:

Die Börsen handeln nicht die Zukunft. Sie handeln ein Wunschbild davon!

An der Börse wird die Zukunft nicht vorweggenommen, wie man in den Medien so gerne behauptet, obwohl es ja immer wieder offensichtlich ist, dass es nicht so ist. Nein, da wird das vorweggenommen, was passieren soll. Und das ist, was die Anleger sich wünschen, scheinbar „belegt“ durch ein rosiges Szenario. Ein Szenario das dadurch entsteht, dass man grau und schwarz einfach vom eigenen Bewusstsein fernhält, indem man ignoriert, was nicht in dieses Bild passt. Was natürlich besonders leicht ist, wenn man hinsichtlich Ursachen, Wirkung und Konsequenzen von Inflation, Flaschenhals, Notenbankpolitik, Schuldenblase und Chinas Immobilienkrise nur Bahnhof versteht.

Börse aktuell: Entwicklung US-Verbrauchervertrauen und Kursentwicklung S&P 500 im Vergleich von 1999 bis 2021 | Online Broker LYNX

Daher folgt der Markt oft so lange einem von der Faktenlage völlig abgekoppelten Wunschbild, bis das Kind längst im Brunnen liegt. Und dann stehen Leute wie ich und wohl auch Sie da und wissen, dass die Kurse gerade nicht das tun dürften, was sie tun. Aber eigentlich weiß jeder, der „zu viel weiß“ eben auch: Die Mehrheit macht den Trend. Und wenn die Mehrheit negative Aspekte nicht kennt oder nicht kennen will, steigen die Kurse nun einmal.

Recht haben bringt an der Börse gar nichts … man muss auch Recht bekommen!

Dass das immer böse ausgeht, noch nie anders ausging, mag ja sein. Aber wer sich auskennt, wer versteht, dass Börse immer Kopfsache und kein Spiegelbild der Realität ist, weiß auch: Wann das passiert, ist immer offen.

Daher bringt es absolut nichts, in solchen Phasen einfach mal Short zu gehen und das so lange zu bleiben, bis die Kurse irgendwann mal auf dem Weg nach unten am Einstiegspunkt vorbeirauschen und man dann endlich in die Gewinnzone kommt. Wer den Film „The Big Short“ gesehen hat, weiß: Da lief es auch so … aber es wäre um ein Haar fatal schiefgegangen, dieses sture ausharren, bis man nicht nur Recht hat, sondern auch Recht bekommt. Zumal:

Solange der Markt nicht tut, was er, wäre er objektiv, tun müsste, blockiert man ja mit einem „Warten auf Godot“ auf der Short-Seite Kapital. Geld das, bis Godot dann womöglich wirklich kommt, auf der Long-Seite Gewinne hätte einfahren können. Also ist es doch eigentlich völlig klar, was zu tun ist … oder?

Gas geben, obwohl man bremsen müsste? Gar nicht so einfach.

Schon. Aber das Problem derer, die die Fakten so objektiv wie möglich in sich aufnehmen (wirklich objektiv ist ja niemand), ist: Sie wissen etwas. Da das Wissen schon im Kopf ist, ist es viel schwerer vom eigenen Handeln fernzuhalten als bei denen, an denen unerwünschte Fakten bereits von vornherein abprallen wie an einer Teflonpfanne.

Es ist, als müsste man Gas geben, obwohl alles im Kopf „bremsen“ schreit. Das ist kein Kinderspiel. Ich schreibe diesen Beitrag ausnahmsweise schon früher, am letzten Donnerstag. An eben diesem Donnerstag hat die Ratingagentur Fitch die beiden chinesischen Immobilienkonzerne Evergrande und Kaisa auf „Restricted Default“ herabgestuft, was so viel heißt wie „quasi Insolvent, aber noch operativ tätig“. Da kostet es eine Menge Kraft und Nerven, auch nur eine Stop Buy Order Long einzugeben … obwohl der Aktienmarkt auf dieses Alarmsignal unübersehbar nicht reagierte.

Börse aktuell: Kursentwicklung der Aktien chinesischer Immobilienkonzerne und Hang Seng im Vergleich im Jahr 2021 | Online Broker LYNX

Wie kann man diesen inneren Schweinehund, der einen etwas Logisches tun lassen will, obwohl man weiß, dass die Mehrheit von dieser Logik gar nichts weiß, besiegen? Immer und dauerhaft erfolgreich nie … zumindest ist das meine Erfahrung.

Mit einem eigenen, konsequent an der Chart- und/oder Markttechnik ausgerichteten Handelssystem zu arbeiten, hilft. Sich überall um den Monitor Zettel zu hängen, auf denen steht, dass man gefälligst dem Trend folgen soll, hilft auch. Aber:

Es ist nun einmal schwierig, gegen die Realität zu handeln, die außerhalb der Börsensäle herrscht. Drinnen gibt es eine, draußen eine andere. Das sauber zu trennen, dürften Leute besser draufhaben, die z.B. mit der einen Hand schreiben und zugleich mit der anderen Hand Klavier spielen können. Ich kann es nicht. Schade eigentlich.

Aber immerhin fällt es eine Zeit lang eher leicht, den Verstand zu Gunsten des Trends zu unterdrücken, wenn man es drei-, viermal erfolgreich hinbekommen hat. Wobei es äußerst ungünstig für den Lerneffekt ist, wenn man ausgerechnet dann, wenn man stur dem Trend folgt, trotzdem im Minus landet, weil nach dem Verstand zu handeln diesmal besser gewesen wäre. Schon kommt der kleine Mann im Ohr zum Vorschein und lacht sich schief.

Börse aktuell: Kursentwicklung Euro Stoxx 50 von 2019 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wissen kann an der Börse zwar eine Last sein … aber am Ende ist es entscheidend

Es ist halt alles nicht so einfach. Wissen kann eine Last sein, wenn die Masse, die mit ihrem Kapital den Trend dominiert, das meiste davon nicht weiß. Es ist jetzt vielleicht nicht „political correct“, das so auszudrücken, aber man wird da dann schon an den Spruch erinnert, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben.  Aber dagegen kann, ja muss man eben dann etwas tun, indem man dasselbe tut. Indem man etwas eigentlich Kompliziertes so vereinfacht, dass es in diesem Umfeld funktioniert … und dem Trend folgt.

Nun könnte man argumentieren, dass es dann ja am Ende nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich ist, Fachwissen zu haben, sich täglich zu informieren, hinter den Vorhang zu schauen, hinter den so viele gar nicht schauen wollen. Aber das ist durchaus nicht so. Am Ende der Mühe, monate- und manchmal jahrelang Gas zu geben, obwohl alles im Kopf „bremsen“ schreit, steht der Moment, an dem die Realität dann eben doch am Aktienmarkt vorbeischaut. Und das pflegt dann ja höchst selten sanft und mit Vorankündigung zu passieren. Die verdrängten Risiken tauchen dann eher so dezent in den Köpfen der „Ausblender“ auf wie ein Springteufel.

Wer sich darüber im Klaren ist, dass das irgendwann passiert, ist zum einen im Vorfeld weit vorsichtiger als die Masse, die, weil es doch alles so einfach ist und bislang immer gutging, immer aggressiver und leichtsinniger handelt. Und man ist dann zum anderen imstande, schnell und ohne mit der Wimper zu zucken Short zu gehen, wenn der Trend bricht … dann gewinnt man, wo die anderen verlieren. Und erntet am Ende des Spiels dann eben doch die dickeren Kartoffeln!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 09.12.2021, Chartquelle marketmaker pp4