Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 18.-24.10.2021

1929, 1987, 2000: Damals war es in der Tat vieles anders, aber …

von |
In diesem Artikel

DAX
ISIN: DE0008469008
|
Ticker: DAX --- %

---
---% (1D)
1 W ---
1 M ---
1 J ---
Zur DAX

Wer realistisch denkt und versteht, wie die Börse „tickt“, weiß: Ein Crash ist zu keinem Zeitpunkt einfach auszuschließen, andererseits aber nie vorhersehbar. Denn ein Crash ist immer die Konsequenz aus einem vorherigen, weit verbreiteten irrationalen Verhalten, die sich in erneut irrationalem Verhalten zeigt, indem Anleger zuvor alle Risiken ignorieren, dann aber alle auf einmal in Panik geraten. Von einer Übertreibungsphase in die nächste, getrieben von Emotionen. Das kann heutzutage nicht passieren, erklären die meisten Experten und verweisen darauf, dass die Crashs der Geschichte unter anderen Rahmenbedingungen entstanden. Was völlig richtig ist. Aber das ist eben nicht der entscheidende Punkt.

Man könnte meinen, ein Crash würde nur dann entstehen, wenn sich eine zuvor tadellos positive Gesamtsituation schlagartig ins Negative verkehrt. So, wie das beispielsweise Anfang 2020 der Fall war, als man sehr plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert wurde, dass das Sars COV19-Virus eine Pandemie auslösen und Gegenmaßnahmen die Weltwirtschaft in eine Vollbremsung nicht kalkulierbaren Ausmaßes bugsieren würde.

2020 war „untypisch“

Im März 2020 gab es in der Tat Crash-Tage. Am 9. März 2020 verlor der DAX fast zehn Prozent. Und am 12. März waren es sogar 12,2 Prozent – alles über zehn Prozent Tagesminus wird als Crash angesehen. Aber der „Fall Corona“ ist kein Musterbeispiel für eine Situation, in der es schnell und weit abwärts geht und die Mehrheit der Marktteilnehmer davon völlig überrumpelt wird. Tatsächlich gibt es keine Blaupause für Rahmenbedingungen, die in einen Crash münden könnten. Die äußeren Umstände unterschieden sich bei den Crashs der Geschichte oft deutlich. Nur ein Kern-Aspekt findet sich immer wieder … dazu gleich mehr.

Börse aktuell: Dax Crash im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Interessant ist auch die Frage, ob ein Crash durch eine rasant negativ werdende Wachstumssituation verursacht wird, denn im Allgemeinen beantworten Anleger diese Frage mit „Ja“. Aber tatsächlich ist das so gut wie nie der Fall. Da war 2020 eben eine „typisch untypische“ Situation. Tatsächlich gibt es da zwei Varianten:

Der Faktor Wachstum – welche Rolle spielt er, wenn es mal knallt?

Entweder ist die Wachstumssituation im Vorfeld schlagartig einbrechender Kurse völlig normal, d.h. positiv. Oder wir sehen einen kapitalen Kurseinbruch dann, wenn sich die Lage schon seit Monaten immer mehr eintrübt, das aber relativ langsam vonstattengeht, so dass sich die Anleger an „bad news“ gewöhnen und glauben, dass die Kurse auch zukünftig nicht kippen werden, weil es schon so lange eben nicht passiert ist.

Für den ersten Fall ist der „Dot.Com-Crash“ im Frühjahr 2000 ein gutes Beispiel. Das Wirtschaftswachstum war zu dieser Zeit stark. Die Perspektive für das Wachstum war weltweit gut. Und die neuen Branchen Biotechnologie, Mobiltelefonie und Internet lieferten eine für die kommenden Jahre solide, bullische Perspektive. Wie der folgende Chart zeigt, kippte das Wachstum erst, als die Aktienkurse massiv unter Druck gerieten. Die negative Entwicklung des Wachstums war nicht Ursache, sondern Folge des „Dot.Com-Crashs“, weil immens viele Menschen plötzlich mit Verlusten bei ihrem in Aktien investierten Ersparten konfrontiert wurden und das dazu führte, dass mit dem Konsum das Rückgrat jeden Wachstums unter Druck geriet.

Börse aktuell: Nasdaq 100 Crash im Jahr 2000 mit Blick auf das damalige BIP der USA | Online Broker LYNX

Das Gegenteil war 2008 der Fall. Der DAX sah seinen ersten, kräftigen Abwärtsschub im Januar 2008, richtig brutal wurde es dann im Oktober. Doch dass hier etwas dramatisch schiefläuft, hätte man bereits 2006 erahnen, spätestens 2007 wissen können bzw. müssen. Schon 2007 begann die Blase am Immobilienmarkt zu platzen, indem deren Vehikel, die überall gerne genommenen Mogel-Pakete aus schön verpackten Subprime-Krediten, gegen die Wand fuhren, als die Investoren realisierten, dass sie statt Gold nur Blei in Händen hielten. Aber am Aktienmarkt reagierte man nicht, weil …

Börse aktuell: DAX Crash im Jahr 2008 mit Blick auf den damaligen ifo Geschäftsklimaindex | Online Broker LYNX

… man sich darauf verlassen wollte, dass die permanent wiederholten Aussagen von Regierungen, Notenbanken und der Finanzindustrie wahr seien, dass es sich da nur um eine vorübergehende Irritation ohne nennenswerte Auswirkungen auf die US-Wirtschaft und darüber hinaus auf die ganze Welt handeln würde. Man lag schief. Aber gerade weil man zuvor so lange so tat, als sei all das kein Problem, endete diese Situation in rasant und massiv wegbrechenden Kursen. Denn als die Kurse zeigten, dass man mit dem rosa einfärben der Realität schief lag, fiel es den Anlegern eben nahezu zeitgleich wie Schuppen von den Augen. Was bedeutet:

Gefahr droht besonders dann, wenn Anomalien ignoriert werden

Die Gefahr einer Abwärtstrendwende am Aktienmarkt oder gar eines Crashs kann man nicht an einzelnen Konjunkturdaten oder dem Wachstum insgesamt festmachen, sondern daran, ob und wie diese Daten wahrgenommen werden.

Es kommt nur zu einem Crash, wenn zu viele eine negative Entwicklung komplett ignorieren, so dass es nicht zu einer sanften Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen kommen kann, sondern sich die Schieflage schlagartig entlädt, wie ein Gummiband, das so lange überspannt wurde, dass es reißt. Und gerade weil man nie genau weiß, wann ein solches Gummiband genau reißt, glauben viele, sie hätten noch alle Zeit der Welt, auf Höchstkursen auszusteigen, bevor es kippt. Denken das nahezu alle, werden sie feststellen, dass alle zugleich diesen Punkt erkennen. Dann tut sich die Falltür auf: Alle wollen verkaufen, niemand die Hand aufhalten – und es kommt zu Kurseinbrüchen wie z.B. im Oktober 1987.

Börse aktuell: Dow Jones Crash im Jahr 1987 | Online Broker LYNX

Aber auch damals, 1987, waren die Rahmenbedingungen nicht „typisch“. Jedes Mal findet man andere fundamentale Aspekte, die am Ende dazu führen, dass die Deiche brechen. 1987 gab es eine bemerkenswerte Verkettung charttechnisch negativer Signale im Vorfeld – Toppbildung vollendet, 200-Tage-Linie gebrochen – so dass jeder, der die Lage pragmatisch verfolgt hatte, bereits am Tag vor dem Crash draußen gewesen wäre. Doch die Mehrheit tat genau das nicht. Und da findet sich das Element, das wir immer wieder finden, das tatsächlich eben nicht jedes Mal „anders“ ist: das Verhalten der Marktteilnehmer!

Ein Faktor taucht in der „Crash-Geschichte“ der Börse, beginnend mit dem sogenannten „Tulpencrash“ des 17. Jahrhunderts, den man, obgleich es da nicht um Aktien ging, als den ersten echten Crash der Börsengeschichte ansieht, jedes Mal auf:

Es kam zu Anomalien in den Rahmenbedingungen, die zu viele einfach nicht ernst nahmen. Sei es eine völlig irrwitzige Überbewertung verbunden mit einem viel zu hohen Anteil an Anlegern, die auf Kredit spekulierten wie vor 1929, sei es das Ignorieren einer das Wachstum massiv und nachhaltig bedrohenden Entwicklung wie im Zuge der Subprime-Blase vor 2008: Immer wieder gewöhnten sich zu viele an „bad news“, die dadurch ihren Schrecken, nicht aber ihre Gefährlichkeit verloren. Und man beruhigte sich selbst damit, dass es doch in früheren Fällen eine ganz andere Situation war, die zum großen Knall geführt hatte. Und genau da liegt des Pudels Kern!

Er ist die Verbindung zwischen allen Crashs: Der Satz „diesmal ist das etwas ganz anderes“!

Genau dieser Spruch ist es, der alle Crashs verbindet. Der Satz „ja, aber diesmal ist das doch etwas ganz anderes“, mit dem man auf irgendwelche Unterschiede zwischen der aktuellen Entwicklung und früheren Phasen verweist, in denen die Mehrheit plötzlich erstarrt auf haltlos fallende Kurse starrte.

Es ist das Ignorieren von Gefahren, die sich dadurch von der Masse unbemerkt immer mehr hochschaukeln, bis irgendwann plötzlich das Fass überläuft. Wobei es nicht unbedingt noch mehr neue „bad news“ sein müssen, die den Crash auslösen, sondern der Umstand, dass große Adressen beginnen, in weit größerem Umfang als zuvor auszusteigen, der Markt dieses Angebot nicht aufnehmen kann und die Anleger dadurch, durch die fallenden Kurse selbst, aufgeweckt werden. Und wer lange vor sich hin döst, reagiert immer hektisch und emotional, wenn ihm ein nasses Handtuch ins Gesicht klatscht.

Crashs oder auch „nur“ stark fallende Kurse entstehen also seltener wegen der Risiken und negativen Einflüsse, denn die kommen nach und nach. Sie entstehen, weil die meisten all das ignoriert haben und dann erkennen müssen, dass diese „Strategie“ gerade schiefzugehen beginnt. Und heute? Wie ist die Situation an der Börse aktuell?

Und heute? Ist ein Crash ausgeschlossen, wie man allgemein denkt?

Noch niemals in der Börsengeschichte hätten mehr als einige wenige Experten zeitgerecht vor einer fatal negativen Entwicklung gewarnt. Wäre es so gewesen, hätten zweifellos mehr Anleger begonnen, vorsichtig zu werden. Dann hätte es kein Reißen eines überspannten Gummibands gegeben, sondern eine normale Abwärtsbewegung, mit der sich der Markt den zeitweise negativen Rahmenbedingungen anpasst. Doch solche Warnungen bleiben eben fast immer aus, im Gegenteil wird versucht, die Schwerkraft wider besseres Wissen (weil bislang immer vergeblich) zu überlisten und rosa zu malen, was dunkelgrau bis schwarz ist.

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX im Vergleich zur Entwicklung des ZEW-Index der Konjunkturerwartungen von 2005 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und gerade momentan wird ungewöhnlich viel rosa gemalt. Diejenigen, die die Inflation nicht kommen sahen, behaupten derzeit unisono zu wissen, dass sie von alleine wieder verschwindet.

Diejenigen, die diesen Flaschenhals, die sich selbst immer weiter hochschaukelnden Material- und Logistik-Engpässe, nicht einmal als Möglichkeit ahnten, erklären den Anlegern jetzt, dass sich das alles in Kürze wieder einrenken werde.

Die mit Händen greifbaren, ernsten Probleme des chinesischen Immobilienmarkts werden als harmlos eingestuft, indem man auf die geringe Betroffenheit europäischer Banken verweist und damit bewusst den falschen Mond anheult. Denn nicht die platzenden Kredite und Anleihen sind das eigentliche Risiko, sondern die Strahlkraft eines massiv unter Druck geratenden Wachstums in China, einem der wichtigsten Absatzmärkte US-amerikanischer und europäischer Unternehmen.

Dieses Kleinreden von Risiken ist genau das Phänomen, das alle Phasen, in denen aus „was soll schon passieren“ ein Scherbenhaufen wurde, gemeinsam haben. Also: Nein, ein Crash ist nicht ausgeschlossen.

Niemand kann einen Crash vorhersagen. Weder dessen Zeitpunkt noch dessen Größenordnung, nicht einmal, ob er wirklich kommt oder nicht. Aber wer die Situation, in die wir uns gerade befinden, nüchtern betrachtet, wird erkennen, dass das Eis dünn ist, vor allem, weil so viele nicht einmal bemerken, dass sie auf Eis stehen.

Ein Crash ist nie „wahrscheinlich“, dazu ist dieses Phänomen viel zu selten. Aber „unwahrscheinlich“ ist eben nicht das gleiche wie „ausgeschlossen“. Daher muss man, will man verhindern, am Morgen auf einmal deutlich ärmer aufzuwachen, das bewahren, was zu viele andere derzeit glauben, vernachlässigen zu können: Wachsamkeit!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 14.10.2021, marketmaker pp4

Sie möchten an der Börse handeln?

Nutzen Sie für Ihre Börsengeschäfte ein Depot über den Online-Broker LYNX. Alles aus einer Hand: Aktien kaufen, Optionen handeln, Futures traden oder in ETFs investieren.

Informieren Sie sich hier über den Online-Broker LYNX.

--- ---

--- (---%)
Mkt Cap
Vol
Tageshoch
Tagestief
---
---
---
---

Displaying the --- chart

Heutigen Chart anzeigen


Nachricht schicken an Ronald Gehrt
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Als Donald Trump im Januar 2017 behauptete, zu seiner Vereidigung seien mehr Menschen gekommen als zu der von Barack Obama, obwohl die Aufnahmen das Gegenteil belegten, prägte seine Beraterin Kellyanne Conway den Begriff der „alternative facts“, über die der Präsident verfüge. Die Welt lachte sich schief … aber denken wir denn wirklich anders als Mr. Trump? Keineswegs. Gerade an der Börse schaffen sich sehr viele eine eigene Realität. Und zu den wichtigsten Bausteinen hierfür gehören Prognosen.

Das Thema Prognosen hatte ich in der vergangenen Woche schon kurz angerissen, diesmal möchte ich ausführlicher darauf eingehen, denn es wird immer aktueller und wichtiger. Wir werden derzeit mit Prognosen darüber zugeschüttet, dass das Wachstum wieder anziehen und die Inflation verschwinden wird. Und natürlich folgen daraus schnell steigende Unternehmensgewinne, so dass sich, wer an der Börse aktuell in fallende Kurse hinein kauft, als clever ansehen darf. Denn da in Kürze alles wieder super laufen wird, ist der Käufer von heute der Gewinner von morgen. Es sei denn, diese rosigen Prognosen wären Quatsch.

Wider besseres Wissen

Und da liegt das Problem. Jeder könnte wissen, dass Prognosen meist daneben liegen, aber die meisten wollen es nicht. Warum? Weil die meisten Prognosen genau das vorhersagen, was man gerne hätte. Wer will denn, dass das Wachstum kippt, die Inflation aus dem Ruder läuft, die Verbraucher immer weniger Geld in der Tasche haben, die Unternehmensgewinne sinken? Eine negative Zukunft will niemand. Es soll wieder werden wie es war, wenn möglich bitteschön noch besser. Die meisten Prognosen befriedigen genau dieses Bedürfnis. Daher neigt man dazu, ihnen Glauben zu schenken und gar nicht erst genauer darüber nachzudenken, woher diejenigen, die in die Zukunft blicken, dieses Wissen nehmen.

Man müsste es besser wissen, alleine deswegen, weil diese Prognosen ein ums andere Mal daneben liegen. Nicht manchmal, nein, meistens. Und das ist auch logisch. Denn wie sich Wachstum, Preise, Konsumverhalten, Zinsen und Börsenkurse entwickeln, basiert auf unzähligen Faktoren, die alle für sich selbst genommen kaum bis gar nicht vorhersehbar sind. Wenn wir eine Gleichung haben, die komplett aus Platzhalten besteht, wie in aller Welt soll dann unter dem Strich ein verlässliches Ergebnis dabei herauskommen?

Wir wissen das. Eigentlich. Aber wir handeln wider besseres Wissen, wenn wir den Prognosen trotzdem glauben, weil wir von unseren Wünschen nach einer positiven Zukunft korrumpiert werden. Das ist schon im normalen Leben riskant. An der Börse hingegen endet das meist fatal. Und warum? Vor allem deswegen, weil es meist sehr lange gutgeht, bevor das Kartenhaus aus den „alternative facts“ in den Köpfen so vieler zusammenbricht und viele daher sorglos werden.

Sie wissen es nicht … und tun dennoch so, als wüssten sie alles

Positive Prognosen gibt es wie Sand am Meer, negative hingegen sind selten. Der Grund wäre ebenso offensichtlich wie der Umstand, dass Prognosen nicht viel taugen können. Zu letzterem Punkt zuerst:

Wenn ich weiß, von welchen Faktoren z.B. die Inflationsentwicklung abhängt, ich aber weiß, dass ich nicht wissen kann, wie sich diese Faktoren entwickeln, gehe ich als gewitzter Glaskugel-Gucker einfach hin und fülle das Nichts mit Fleisch, sprich: ich treffe Annahmen. Ich nehme einfach an, dass das Gesamtwachstum bei X liegen wird, setzte für den Platzhalter Produktion eine Zahl ein, für das Konsumwachstum ebenso, nehme eine ins Bild passende Zahl für den Zinslevel an, für die Größenordnung der Neuverschuldung und schwupp, habe ich am Ende der Gleichung einen Wert für den Inflationslevel in einem Jahr. Dass das hanebüchener Unsinn ist, weil nichts davon wirklich vorhersehbar ist, wissen diejenigen, die Prognosen erstellen, sehr wohl. Und auch diejenigen, die auf Basis dieses „Nichts aus Zahlen“ Entscheidungen treffen. Wie beispielsweise Notenbanken.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der Inlfation in den USA mit den Inflationsprognosen der US-Notenbank | Online Broker LYNX

Absurdität, die in Richtung Realsatire geht

Unsere drei Charts in diesem Beitrag zeigen, wie „flexibel“ sich die Prognosen für Wachstum und Inflation der US-Notenbank und des Wachstums der EZB über die Zeit bewegt haben. Man ist eigentlich immer hintendran. Kein Wunder, da man ja nicht weiß, was kommt. Dabei verhehlen die Verantwortlichen das gar nicht mal unbedingt, wenn man mal genau hinschaut. Beispiele:

US-Notenbankchef Powell zeigte sich vor kurzem im Rahmen einer Anhörung vor dem US-Kongress frustriert darüber, dass sich der „Flaschenhals“ immer noch hinzieht bzw. sogar schlimmer wird. Was deutlich macht: Damit hatte man bei der „Fed“ nicht gerechnet.

EZB-Chefin Lagarde sagte letzte Woche, dass die EZB nicht vorschnell auf die derzeit steigenden Energiepreise reagieren dürfe, weil es sich dabei um Einflussfaktoren handele, die man als Notenbank ja nicht beeinflussen könnte. Was bedeutet: Sie hält fest, dass die Energiepreise an der Börse entstehen, mehr von Spekulation als der realen Angebots-/Nachfrage-Entwicklung abhängen und daher jedem Einfluss entzogen sind. Denkt man weiter, würde die Schlussfolgerung lauten: Man kann die Inflation sowieso nicht steuern.

Was man wunderbar als Ausrede nehmen kann, einfach gar nichts zu tun, obgleich das Mandat alle nötigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Geldwertstabilität einfordert. Und Mr. Powells Statement macht klar, dass man ja schließlich nicht wissen kann, was kommt. Einerseits ein Argument, nichts zu unternehmen, andererseits ein Argument, rosige Prognosen zu verbreiten. Es könnte ja schließlich auch alles wunderbar werden … man weiß es ja nicht, gell? Das kommt einem der Spruch in den Sinn: „Willkommen in Absurdistan“.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des BIP der USA mit den Schätzungen der US-Notenbank | Online Broker LYNX

Positiv ist schön bequem … und verkauft sich besser

Womit wir den zweiten Grund haben, wieso positive Prognosen üblich, negative immens selten sind. Erstens enthebt einen eine positive Prognose der Notwendigkeit, etwas gegen Schieflagen zu unternehmen. Und geht das in die Hose, kommt immer derselbe Spruch: „Das konnte ja niemand ahnen“. Selbst wenn es sehr wohl sehr viele ahnten.

Dass z.B. ein „Flaschenhals“ entstehen und sich selbst intensivieren könnte, war schlichtweg ein greifbares Risiko. Da ich einst meinen Studienschwerpunkt im Bereich Logistik hatte, erlaube ich mir, mich da zu den etwas Beschlageneren zu zählen, daher: Ja, dieses Risiko konnte man nicht nur ahnen, man musste es einkalkulieren! Hat man nicht. Weil es nicht zu den „alternative facts“ eines „alles wird gut“ passte.

Was natürlich auch für die Finanzindustrie gilt. Nicht nur Regierungen und Notenbanken produzieren rosige Zukunftsperspektiven am Fließband. Die Finanzindustrie hält fleißig mit. Man darf nicht vergessen, dass flexible Trader, die ebenso Short wie Long gehen und pragmatisch dem Trend folgen, in der Minderheit sind. Die große Mehrheit kauft einfach Aktien. Und je mehr und länger gekauft wird, desto mehr verdient die Finanzbranche. Ist es da ein Wunder, dass man auch da höchst selten Warnungen vor einer Baisse am Aktienmarkt fand und findet? So gut wie niemand, abgesehen von unabhängigen Analysten, warnte davon, dass die „Dot.Com-Blase“ im Jahr 2000 oder die Subprime-Blase jederzeit platzen könnten.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt: Das „Pippi Langstrumpf“-Motto funktioniert nicht

Und genau deswegen ist es für jeden einzelnen Anleger an der Börse aktuell entscheidend, Prognosen als das zu sehen, was sie sind: Das Ergebnis subjektiver Annahmen, die grundsätzlich der Zielsetzung derer folgen, die sie treffen. Wer das weiß, bleibt auf der Hut und gleicht regelmäßig Projektionen mit dem ab, was aktuell an Daten hereinkommt. Wer das hingegen unterlässt, weil er/sie unbesehen glaubt, was das verheißt, das man gerne als Zukunft serviert bekommen würde, lebt gefährlich.

Besonders problematisch sind diese Prognosen, weil sie oft so lange positiv bleiben, bis man wirklich nicht mehr umhin kommt, eine ganz andere Realität einzugestehen. Was z.B. der Grund ist, warum die Notenbanken zwar zwangsläufig die Inflationsprognosen für 2021 anheben müssen (nachdem die Preise davongelaufen sind, nicht davor), aber stur dabei bleiben, dass die Teuerung 2022 genau dahin zurückkommen werde, wo man sie haben will, so dass Gegenmaßnahmen völlig unnötig ist.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des BIP der Eurozone mit den Schätzungen der EZB | Online Broker LYNX

Wenn Anleger Monate, bisweilen Jahre in dem Glauben gelassen werden, dass sich alles von alleine einrenkt, reagiert der Aktienmarkt auch ewig lange nicht negativ auf sich immer weiter eintrübende Rahmenbedingungen. Und das die Marktteilnehmer den Prognosen glauben, deswegen nicht verkaufen und die Kurse deswegen stabil bleiben, sehen sie als Beweis dafür, dass tatsächlich alles in bester Ordnung ist … ohne zu bemerken, dass sie ihre eigene Bereitschaft, Aussagen zu glauben, die sich in der Vergangenheit dauernd als falsch erwiesen, als Beleg dafür nehmen, dass sie zutreffend sind.

Doch auf Dauer hat es eben noch nie funktioniert, dieses „Pippi Langstrumpf“-Prinzip, sich seine eigene Welt zu erschaffen und darauf zu setzen, dass sich die Realität freundlicherweise den eigenen Wünschen beugt.

Die Realität schert sich nicht um Prognosen

Mein Rat wäre: Vergessen Sie rosige Prognosen und achten auf die relativ wenigen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Da heben sich einige regionale US-Notenbanken positiv heraus, wie ich finde.  So präsentiert die regionale US-Notenbank von New York regelmäßig aktualisierte Stände ihrer Wachstumsberechnungen. Das macht deutlich, dass man sich unerwarteten Entwicklungen anpassen muss und es auch tut – ein wichtiger Pluspunkt in Sachen offener Information für Investoren. Und u.a. die regionale US-Notenbank von Atlanta veröffentlicht regelmäßig die Stände ihres „GDP-Trackers“, d.h. der fortlaufenden Berechnung und Anpassung der Wachstumserwartungen. Auch das macht jedem Anleger klar: Dort bewegt man sich entlang der Fakten und lässt die Glaskugel in der Mottenkiste.

Gerade dieser GDP-Tracker der Atlanta-Fed ist aktuell auffällig. Denn der hat erst letzte Woche die Wachstumsprognose für das dritte Quartal (für das die ersten Wachstums-Schätzungen erst Ende Oktober kommen) scharf nach unten angepasst. Der Tracker errechnet jetzt nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent (nach der europäischen Berechnungsweise wären das 0,325 Prozent) zum Vorquartal. Ende Juli hatte der Tracker für das Sommerquartal noch 6,1 Prozent errechnet.

In den Charts haben Sie gesehen, dass die US-Notenbank selbst Ende September immer noch 5,9 Prozent für das Jahr 2021 erwartet. Das war zwar eine Senkung von den im Juni geweissagten 7,0 Prozent, aber bleibt rosig genug, um die Investoren bei Laune zu halten, zumal verbunden mit der Prognose, die US-Inflation werde Ende 2022 bei problemlosen 2,2 Prozent liegen. Das Dumme ist halt, dass sich die Realität nicht darum schert, was die US-Notenbank gerne hätte, daher: Bleiben Sie auf der Hut!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 07.10.2021, marketmaker pp4

Genaue Zahlen gibt es noch nicht, aber man darf annehmen, dass seit Frühjahr 2020 noch nie so viele Menschen neu an den Aktienmarkt gekommen sind wie zuvor. Und für die meisten von ihnen, aber auch für so manche Anleger, die schon länger dabei sind, scheint die Börse ganz einfach zu sein. Und solange der Trend nach oben weist, scheinen sie damit auch Recht zu haben. Aber wird es am Markt ungemütlich, fehlt den meisten Akteuren ein „Plan B“. Der Hauptgrund: Sie schauen, was die Basis ihrer Entscheidungen angeht, dauernd in die falsche Richtung.

In aller Regel dominiert ein Satz die Statements von Anlegern, aber auch von Volkswirten, Analysten und Notenbanken, wenn der Baum brennt und die Kurse zu Fallobst werden: „Das konnte man nicht vorhersehen“. Damit erteilt man sich selbst Absolution und enthebt sich jeder Mitschuld daran, wenn aus sicher geglaubten Gewinnen auf einmal Verluste werden.

Wer dann wenigstens konsequent reagiert, indem er/sie vorher gesetzte Stoppkurse umsetzt, kann den Schaden in Grenzen halten. Wer aber vor Entsetzen erstarrt und außerstande ist zu reagieren, kann nicht nur die Gewinne von Jahren einbüßen, sondern auch den Grundstock seines Ersparten.

Dass diese Schockstarre im Zuge des Corona-Crashs tatsächlich mal nicht bestraft wurde, sondern diejenigen, die gar nichts taten, schnell wieder auf Einstandsniveau, kaum später sogar im Gewinn landeten, bestärkt zweifellos viele darin, dass „buy & hold“ die beste Strategie ist. Dass sie darüber hinaus auch diejenige ist, bei der man schlicht nichts tun und nichts wissen muss, tut ein Übriges, um viele Anleger glauben zu lassen, dass die Kurse langfristig ja sowieso ein neues Hoch nach dem anderen erreichen und es so egal ist, wo man einsteigt und ob man auf kurzfristige Turbulenzen reagiert oder nicht.

Wobei vor allem die Flut noch nicht „baisse-erprobter“ Anleger, die erst im vergangenen Jahr neu hinzugekommen ist, mit eben diesem Beispiel des schnell aufgeholten „Corona-Crashs“ im Kopf an den Start geht.  

Börse aktuell: Kursentwicklung des DAX nach dem Corona-Crash | Online Broker LYNX

Der Faktor „selektive Wahrnehmung“ betrifft uns alle!

Zwar könnte jeder, der an der Börse aktuell investiert ist und der es wollte, etwas weiter zurückblicken und erkennen, dass a) die Erwartungshaltung, dass Abwärtsimpulse am Aktienmarkt schnell wieder aufgeholt sind, öfter falsch als richtig ist und b) Aktien bislang langfristig zwar immer neue Hochs erreichten, die Geschichte aber Phasen zu bieten hat, in denen man äußerst lange warten musste, bis das erreicht war.

Aber wir reden hier ja von einer Gemengelage, in der die Akteure mit positiven Erwartungen an die Sache herangehen. Ebenso, wie niemand vorher an Blasenentzündung, Sonnenbrand und Hautausschlag denkt, wenn er/sie sich im Sommer einen Tag am See gönnt, sondern an Abkühlung, Entspannung und elegante Bräune, gehen die Anleger mit Optimismus an die Sache heran. Wer einsteigt, denkt nicht zuerst an die Risiken, sondern an Gewinne.

Börse aktuell: Kursentwicklung des TecDAX nach dem Crash im Jahr 2000 | Online Broker LYNX

Daher will man sich gar nicht erst mit dem Gedanken eines möglichen Scheiterns belasten und nimmt die Börsenhistorie sehr selektiv wahr. Man zeigt mit dem Finger auf die Fälle, in denen es gut gegangen ist und bildet sich ein, in den Phasen, in denen man als Anleger bestenfalls Wasser und Brot gereicht bekam, bestimmt nicht dabei gewesen zu sein. Denn das, so höre ich immer wieder, war ja klar, das hätte man ja kommen sehen. Wie tief solche Denkweisen sitzen, erlebe ich immer dann, wenn ich mir den Hinweis erlaube dass, hätten es damals viele kommen sehen, Phasen wie die Baisse 2000-2003 oder 2008/2008 gar nicht erst entstanden wären. Darauf kommt gemeinhin keine Antwort.

Börse aktuell: Dauer bis im DAX neue Allzeithochs erzielt wurden | Online Broker LYNX

Und selbst erfahrene Investoren können sich der Verlockung, die Realität selektiv, ihrer eigenen Marktmeinung angepasst, wahrzunehmen, kaum entziehen. Wer Risiken erkennt, neigt dazu, die Chancen kleinzudenken, sobald man erst einmal begonnen hat, entsprechende Positionen aufzubauen. Unser Depotbestand korrumpiert unser aller Wahrnehmung. Glücklich kann sich schätzen, wer das bemerkt und gegensteuert.

Was war, weiß jeder. Was kommt, weiß niemand.

Natürlich klingt es miesepetrig, wenn ich weniger erfahrenen Anlegern rate, beim Einstieg grundsätzlich zunächst nach unten zu schauen statt sich reich zu rechnen. Zuerst die Risiken auszuloten, dann die Chancen. Aber nur so wird einem als Marktteilnehmer klar, wie Börse wirklich funktioniert. Sie ist eben nicht kinderleicht. Das wirkt nur so, solange alles gutgeht, solange eine Abwärtsbewegung ausbleibt. Und je mehr Leute glauben, dass man einfach nur irgendwas kaufen muss und sich die Gewinne von alleine einstellen, desto länger hält eine solche Phase an. Denn was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß … und wenn niemand die Risiken beachtet oder auch nur erkennt, steigt die Börse eben weiter und erweckt den Eindruck, dass es reine Zeitverschwendung wäre, sich mit dem zu befassen, was an negativen Einflüssen auf den Markt zukommen könnte.

Diese Denkweise breitet sich daher umso mehr aus, je länger die Hausse währt. Der Aktienmarkt wird scheinbar zu einem Perpetuum Mobile, in dem Käufe die Stimmung heben, aus guter Stimmung heraus neue Käufe erwachsen und diese die Stimmung nur noch weiter verbessern. Risiken haben in dieser Gleichung keinen Platz. Und, und das ist ebenso nachvollziehbar wie gefährlich, auch der Blick nach vorne nicht.

Börse aktuell: Vergleich der Kursentwicklung des S&P 500 mit dem US-Verbrauchervertrauen von 1993 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die selektive Wahrnehmung führt nicht nur dazu, dass man nur Phasen aus der Vergangenheit in seinen Kopf lässt, in denen genau das gelang, was in der Zukunft gefälligst auch gelingen soll. Die Folge ist auch, dass man unterschätzt, dass die Zukunft schlicht nicht einzugrenzen ist. Was war, kann jeder in den Charts ablesen. Was kommt, weiß niemand. Eigentlich ist das jedem klar, schließlich hat gerade das Jahr 2020 den Beweis erbracht, dass man in keiner Weise absehen kann, wie es an der Börse weitergeht. Die aktuelle Börse ist eine Momentaufnahme, kein Wegweiser.

Prognosen & Projektionen: trügerische Gewissheit aus scheinbar berufenem Munde

Doch wer möchte schon Tag für Tag damit konfrontiert sein, dass sein Erspartes gerade auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft ist? Dass Horoskope immer noch nicht ausgestorben sind, zeigt ja:

Der Mensch neigt dazu, sich ein Bild von der Zukunft zu machen, um dieser den Schrecken der Ungewissheit zu nehmen. Dass man eigentlich weiß, dass das nicht funktionieren kann, dass es genug Beispiele in der Geschichte gibt, in denen das Unerwartete den Lauf der Welt auf den Kopf gestellt hat, könnte man zwar wissen. Aber viele wollen es nicht. Das Leben ist eben leichter, wenn man sich einredet, dass man weiß, was kommt. Und genau darin wird man als Anleger von früh bis spät bestärkt.

Börse aktuell: Die Goldpreisprognosen und der tatsächliche Goldpreis in den Jahren 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Prognosen und Kursziele der Analysten, Projektionen der Notenbanken, Wachstumsschätzungen der Volkswirte: Überall hört und liest man davon, wie die Zukunft sein wird. Wer wird wie viel verdienen, wer wird wann konsumieren, wie werden Inflation, Wachstum und Arbeitsmarkt in einem Jahr aussehen: Es wirkt, als wäre die Zukunft vorhersehbar.

Und genau das wäre uns ja überaus recht. Dann müsste man an der Börse aktuell nicht dauernd auf der Hut sein, bereit, zu reagieren, wenn das Unerwartete sein hässliches Haupt erhebt. Man könnte sich entspannt zurücklehnen, weil man weiß: der DAX wird Silvester 2022 bei X oder Y notieren, also: Position halten, Füße hoch und Augen zu.

Dass die Geschichte uns lehrt, dass es ganz und gar nicht so läuft, könnte jeder wissen. Dass die Analysten die Zukunft keineswegs vorhersagen können, beispielsweise mit ihren Gold-Prognosen in den letzten Jahren oft und teils dramatisch daneben lagen, könnte man sehen. Aber man will es halt nicht. und das ist ja auch verständlich, denn:

Wer mag schon im Nebel durch ein Minenfeld laufen!

Wer will sich denn freiwillig mit möglichem Ungemach befassen, wenn einem so schön vorgegaukelt wird, dass die Zukunft prognostizierbar ist und man die Möglichkeit hat, sich aus der Vergangenheit genau das heraus zu picken, was der eigenen Erwartung entspricht? Man müsste sich eingestehen, dass das Investieren am Aktienmarkt Wachsamkeit, Fachwissen, Flexibilität und Disziplin erfordert, weil die Zukunft an der Börse eine Nebelbank in einem Minenfeld ist.

Schauen wir uns einfach mal um: Sind das gerade Eigenschaften, die von der Mehrheit als erstrebenswert angesehen werden? Eher nicht. In meinem Umfeld hätten die meisten es gerne einfach und bequem. Kein Wunder, dass so wenige sich aufraffen, hinter den Vorhang, über den Tellerrand zu schauen und sich lieber dem schönen Schein ergeben. Die Konsequenz?

Börse aktuell: Kursentwicklung des Ölpreises von 2001 bis 2021 | Online Broker LYNX

Vergleichbare Phasen trügerischer Sicherheit, mit dem Lineal in die Zukunft verlängerter Trends und argloser Anleger haben wir in der Geschichte der Börse schon oft erlebt. Immer ging das viel länger gut, als dies die Skeptiker für möglich gehalten hatten, weil auch sie der selektiven Wahrnehmung erlagen, indem sie die Bedeutung sorgloser Anleger zu niedrig, die der Fakten zu hoch angesiedelt hatten. Aber noch nie blieb es aus, dass die Leichtfertigen für ihre Sorglosigkeit und den sturen Blick zurück statt nach vorne die Rechnung präsentiert bekamen.

Wachsamkeit ist nicht gleich Pessimismus – jeder braucht einen „Plan B“!

Je größer der Anteil derer ist, die blind, aber fröhlich durch den Aktienmarkt geistern, desto eher muss man damit rechnen, beim Erwähnen der von der Mehrheit so erfolgreich verdrängten oder nicht einmal erkannten Risiken negatives Feedback zu kassieren. Wer an der Börse aktuell darauf hinweist, dass wir nüchtern betrachtet in einer Kombination aus allen Risiken auf einmal stecken, die die Märkte 2000, 2008 und, für einige Monate, 2018 zu Fall brachten, darf damit rechnen, als trauriger Tropf angesehen zu werden, der außerstande ist, die positiven Dinge des Lebens zu erkennen. Doch das zeigt nur, dass viele, wenn es um Geld geht, eine seltsam unkluge emotionale Haltung in sich tragen: Wer meine Meinung nicht teilt, ist gegen mich. Doch das ist Unfug.

Jemand, der sich der Risiken bewusst ist, muss ja nicht automatisch den Tag mit einem Biss in eine Zitrone beginnen und deprimiert ein ums andere Mal mit ansehen, wie seine Short-Trades im Feuer der allgemeinen Euphorie verbrennen. Wachsamkeit und Pessimismus sind ebenso zweierlei wie Optimismus und Leichtsinn.

Wer die Risiken sieht, kann trotzdem der Hausse folgen, solange sie noch läuft. Der Unterschied zu den Leichtsinnigen, die sich für Optimisten halten, ist: Man hat einen „Plan B“ und ist bereit und imstande, ihn sofort umzusetzen, wenn das Kartenhaus zusammenfällt. Das ist nichts anderes als Wachsamkeit. Und wenn man dafür meist schief angesehen wird, nun, dann dürfte der Zeitpunkt, bis „Plan B“ zum Einsatz kommt, schon ziemlich nahe sein.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 30.09.2021, marketmaker pp4

Kursziele findet man als Anleger an jeder Ecke. Der DAX müsste aus charttechnischer Sicht bis X steigen, hätte aus fundamentaler Sicht aber nur ein Kursziel von Y. Ein Analyst hebt das Kursziel für eine Aktie an und geht damit höher als alle anderen, während am selben Tag ein anderer Experte für dieselbe Aktie ein Ziel ausruft, das 20 oder 30 Prozent niedriger liegt. Es wirkt, als gäbe es für Bullen und Bären immer und überall ein Kursziel, an das sie „glauben“ können. Aber Kursziele können durchaus äußerst hilfreich sein, wenn man richtig damit umgeht.

Die Idee zu diesem Beitrag kam mir, als ich vorvergangene Woche las, dass das Bankhaus Metzler das Kursziel für die BASF-Aktie von 47 auf 81 Euro anhob … um sportliche 72 Prozent auf einmal also. Zu diesem Zeitpunkt notierte die Aktie um 65 Euro. Kaum eine Woche später, am Mittwoch vergangener Woche, senkte man bei der UBS das Kursziel für BASF von 77 auf 70 Euro. Unmittelbare, wichtige Nachrichten oder Bilanzzahlen gab es in dieser Zeit keine. Und insgesamt?

Börse aktuell: Kursziele und Entwicklung der BASF Aktie von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Insgesamt liegen die Kursziele für die BASF-Aktie bei den diese Aktie beobachtenden Experten zwischen 60 und 113 Euro. Da die Aktie im Verlauf der Vorwoche genau auf dem unteren Ende dieser Kursziel-Spanne aufgesetzt hatte, könnte man auf die Idee kommen, an der Börse aktuell unbesorgt einsteigen zu können. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Kursziel-Roulette mit dem Charme eines rotierenden Wegweisers

Denn weder die Anleger noch die Realität sind so nett, die Ziele, die Analysten oder auch Charttechniker ausrufen, zwingend zu erreichen. Und selbst wenn es so wäre: Wir beobachten dann oft, dass ein erreichtes Ziel einfach nach oben verlängert wird, ob es dazu triftige Argumente gibt oder nicht. Und überhaupt: Ergäbe es denn einen Sinn, einfach zu verkaufen, wenn ein solches Ziel erreicht ist … und wenn ja, welches hätte man denn dann gerne? Immerhin reicht die Spanne der Kursziele bei BASF von 60 bis 113 Euro! Und das geht noch weitaus krasser, sehen Sie sich mal den nächsten Chart an:

Börse aktuell: Kursziele und Entwicklung der Tesla Aktie von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Bei Tesla liegen die Analysten-Kursziele derzeit zwischen 67 und 1.591 US-Dollar. Das ist keine Orientierung, das ist bestenfalls ein schnell rotierender Wegweiser mit Verwirrungspotenzial. Da kann man sich dann wirklich aussuchen, wem man denn glauben will, geht daraufhin Long oder Short … und womöglich tut die Aktie dann das genaue Gegenteil. Irgendwer unter denen, die da Kursziele ausgeben, hat dann irgendwann zwar mal Recht – aber was bringt so etwas Ihnen und mir, außer Verdruss?

Was man bei Analysten-Kurszielen bedenken muss

Wichtig ist, sich die Kursziele, die Analysten neu ausgeben, genau anzusehen. Normerweise sind solche Analysen dann zumindest zusammengefasst im Internet zu finden. Denn das Kursziel alleine kann irreführend sein, wenn man nicht weiß, welche Prämissen der Analyst für das Erreichen des Ziels gesetzt hat und welcher Zeithorizont dafür angesetzt wurde.

Man muss auch bedenken, dass manche Kursziele schon ziemlich alt sein können. Denn Analysten überwachen nicht nur eine Aktie, sie haben meist einen ganzen Pool, der ihrer Aufmerksamkeit harrt. Wenn man das weiß, ist die Anhebung des BASF-Kursziels von BASF um satte 72 Prozent keine Sensation, sondern nur die Anpassung einer längst nicht mehr aktuellen Analyse an aktuelle Rahmenbedingungen.

Analysen, die zu Einstufungen wie „Kaufen“, „Übergewichten“, „Halten“, „Untergewichten“ oder „Verkaufen“ führen, basieren auf einer Analyse der aktuellen Lage und einer Projektion. Letztere basiert auf Annahmen, wie sich das Unternehmen selbst sowie die auf die Geschäfte einwirkenden Rahmenbedingungen entwickeln werden. Das ist der Grund, warum Analysten bisweilen zu gravierend unterschiedlichen Ergebnissen, Einstufungen und Kurszielen kommen können, auch, wenn ihre Analysten zeitgleich vorgenommen werden.

Das ist beim zweiten Beispiel Tesla besonders extrem. Ob man dieser Aktie eine strahlende Zukunft zubilligt oder aber einen Zusammenbruch erwartet, basiert auf vielen solcher Annahmen.

Wer ein dramatisch tiefes Kursziel ausruft, geht davon aus, dass Teslas Tanz auf dem Drahtseil in Form immensen Kapitalbedarfs und einer auf Biegen und Brechen hochgepeitschten Produktion schiefgeht. Sei es, weil die Gläubiger den Hahn zudrehen oder die Verbraucher die Fahrzeuge nicht in der Menge abnehmen, die Tesla erreichen müsste, um dauerhaft so sehr profitabel zu werden, dass der aktuelle Aktienkurs gerechtfertigt wäre. Auch die Befürchtung, dass andere, etablierte Autobauer sich Teslas „Vordenk-Arbeit“ bedienen und dem Pionier dann mit größeren Produktionsmengen zu höheren Renditen das Wasser abgraben, könnte bei bärischen Kurszielen mit hinein spielen.

Wer hingegen ein sehr hohes Kursziel ausruft, geht davon aus, dass Tesla nicht mehr von der Spitze im Bereich Elektromobilität verdrängt wird, Elon Musks riskantes Spiel aufgeht und Tesla bald beeindruckende Umsatzrenditen erreichen wird, die dazu führen, dass sich das heute noch schwindelerregend hohe Kurs/Gewinn-Verhältnis schnell abbaut.

Es ist daher auf jeden Fall lohnend, sich das alles genau anzusehen, statt einfach mit dem Kursziel, das einem selbst in den Kram passt, weil es die eigene Erwartung bestätigt, von dannen zu ziehen und sich nicht darum zu scheren, wie es zustande kam.

Vorsicht, wenn Kursziele angehoben werden, weil sie überboten wurden

In den vergangenen Jahren habe ich festgestellt, dass die Einschätzungen der Analysten sukzessiv fundierter und realitätsnaher wurden. Trotzdem gibt es sie immer noch, die „Verlängerer“: Kursziele, die einfach weiter angehoben werden, weil das bisherige Ziel vom Aktienkurs bereits überboten wurde. Wenn es für die Anhebung gute Gründe gibt, sollte man die dann sehen wollen. Denn ansonsten ist das natürlich für die Katz und wirkt wie eine Möhre, die einem Esel … in diesem Fall den potenziellen Aktien-Käufern … stets vor der Nase hängt, damit er schön weiter läuft.

Unter dem Strich bleibt eines festzuhalten: Analysten können nicht hellsehen. Ihre Einstufungen und Kursziele basieren auf dem „Ist“, das mit Annahmen und einer subjektiven Meinung angereichert zu einer Perspektive führt, wo eine Aktien in drei oder sechs Monaten, in einem oder in zwei Jahren notieren würde, vorausgesetzt, die Anleger tun, was der Analyst unterstellt und die Annahmen hinsichtlich der Rahmenbedingungen treffen auch ein.

Wenn die Anleger einfach nicht hören wollen

Was oft eben nicht so kommt, vor allem sehen wir oft, dass die Anleger sich in keiner Weise um die Kursziele der Analysten scheren und einfach tun, was sie wollen. Beispiel TeamViewer:

Börse aktuell: Kursziele und Entwicklung der TeamViewer Aktie von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Von den 14 die Aktie regelmäßig überwachenden Analysten hat kein einziger eine „Verkaufen-“ oder auch nur „Untergewichten“-Einstufung. Das durchschnittliche Kursziel für diese Aktie liegt um 42,50 Euro, die Spanne liegt zwischen 27,60 und 60,00 Euro. Aber Sie sehen, was die Aktie tut: Sie notiert an der Börse aktuell auf dem Level des aller niedrigsten der aktuellen Kursziele um kommt einfach nicht in Fahrt.

Gehen Sie also nie davon aus, dass ein Kursziel auch wirklich erreicht wird. Es ist ein Ziel, keine zwingende Vorgabe. Und erwarten Sie auch nicht, dass die Aktie dann dort präzise in die Gegenrichtung dreht. Es geht hier um Annahmen, die Monate alt sein können. Und die Anleger, die die Aktie hier und heute bewegen, können zum einen ganz anderer Ansicht sein als ein Analyst, zum anderen können die Annahmen längst überholt sein.

Analysten-Kursziele alleine sind keine gute Basis für die eigenen Dispositionen. Zu wissen, warum ein Analyst so urteilt, wie er es getan hat, hingegen sehr wohl, denn das erweitert die eigenen Erkenntnisse, dort findet man neue, ggf. konträre Ansichten und Ideen!

Stellt sich die Frage, ob man da mit charttechnisch basierten Kurszielen nicht besser fährt?

Charttechnische Kursziele: Wie sie entstehen, wie man sie werten sollte

Charttechnische Kursziele ergeben sich aus dem Kursbild des Basiswerts, z.B. einer Aktie, eines Index, eines Rohstoffs, man kann sie überall ermitteln. Es gibt eine ganze Reihe Ebenen, aus denen Kursziele dieser Art entstehen können. Das können die oberen Begrenzungen eines Aufwärtstrendkanals oder die untere Linie eines Abwärtstrendkanals sein. Es kann eine sogenannte „Hausse-Begrenzungslinie“ sein wie beim folgenden Beispiel Apple, wo wir einen Trendkanal sehen, dessen obere Linie aber nicht ganz parallel zur unteren verläuft, sondern sich an den letzten beiden Topps orientiert und dadurch eine solche „Hausse-Begrenzung“ bildet.

Börse aktuell: Kursziele und Entwicklung der Apple Aktie von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber auch aus Trendwendeformationen können Kursziele erwachsen. In der Regel gilt hier, dass das Kurspotenzial nach Vollendung einer Auf- oder Abwärtstrendwendeformation die Distanz ist, die sich aus dem höchsten Punkt und dem tiefsten Zwischentief (bei einer Abwärts-Formation) bzw. dem tiefsten Tief und dem höchsten Zwischenhoch (bei einer Aufwärts-Formation) errechnet. Diese wird an den Ausbruchspunkt angetragen und ergibt das sogenannte rechnerische Kursziel einer Formation. Hier haben wir als Beispiel die Schulter-Kopf-Schulter-Formation, die sich im Jahr 2018 im DAX gebildet hatte. Sie sehen:

Börse aktuell: Kursziele und Entwicklung des DAX von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Deren Vollendung hat zwar in der Tat kräftigen Abgabedruck nach sich gezogen, das rechnerische Kursziel wurde aber nicht erreicht. Und das ist keine Seltenheit, weder bei Analysten-Kurszielen noch bei charttechnischen Kurszielen, egal, wie man sie herleitet. Und damit stellt sich eine elementare Frage: Was tun, wenn es den Anschein hat, dass das Kursziel nicht erreicht wird? Und was tun, wenn es überboten bzw. bei Abwärts-Kurszielen unterboten wird?

Was übrigens, der Vollständigkeit halber, auch für alle anderen Kursziele gilt, sei es z.B. durch Elliott-Analyse ermittelte Ziele, durch Fibonacci-Retracements oder die vielen anderen ein wenig exotischeren Methoden. Denn eines darf man ja nie vergessen:

Egal welche Ziele erreicht werden sollen, die Marktteilnehmer müssen kaufen oder verkaufen, damit der Kurs dorthin kommt, wo dieses Ziel verortet ist. Und das tun sie eben nicht einfach so.

Kursziel verfehlt oder übertroffen: Was tun, wenn es nicht nach Plan läuft?

Wer sich stur an Kurszielen orientiert, indem er/sie z.B. eine Aktie bei 50 kauft und fest darauf fixiert ist, dass sie das von Analysten oder der Charttechnik avisierte Kursziel von 70 erreicht, tut was, wenn diese Aktie bei 60 auf einmal scharf nach unten dreht und unter den Einstiegspreis rutscht? Einfach Augen zu und durch? Zukaufen? Auf Einstiegkurs aussteigen?

Was sollte man tun, wenn ein Kurs im Eiltempo das Kursziel überschreitet bzw. bei Baisse-Trades unterschreitet? Dranbleiben oder trotzdem verkaufen?

Wer sich ausschließlich an Kurszielen orientiert, bekommt, Sie sehen es, ganz leicht ein Problem. Man muss sich ja nur unser obenstehendes Beispiel der TeamViewer-Aktie ansehen. Die Kursziele liegen bis auf eines alle höher, teilweise weit höher, aber andere Anleger kaufen eben nicht, also bleibt die Aktie erst einmal im Keller.

Und es gibt eine ganze Reihe weiterer offener Fragen, die auftauchen können, wenn man sich nur nach Kurszielen richtet, z.B. verändern sich ja die Rahmenbedingungen mit der Zeit. Das Kursziel, das ich verfolge, ist daher irgendwann alleine dadurch obsolet, weil die Welt sich weiter dreht. Bei einer Aktie könnte das Unternehmen ein paar Monate nach meinem Einstieg ganz andere Perspektiven haben, die niemand zu der Zeit vorhersehen konnte, als das Kursziel aufgerufen wurde.

Und überhaupt: Bei diesen oft riesigen Spannen an Kurszielen für egal welches Asset neige ich als Anleger doch immer dazu, mir das herauszusuchen, was meinem Depotbestand entspricht. Nur als Beispiel: Wenn ich in einer Aktie Long bin, neige ich doch dazu, die höchsten Kursziele, die da neu einlaufen, als „richtig“ anzusehen; Kursziele, die bedeuten würden, dass meine Aktie ins Minus rutscht, würde ich dafür als Humbug abtun. Also?

Kursziele sind ein Tool von vielen … und vor allem dann nützlich, wenn man sie hinterfragt

Also meine ich, dass man Kursziele nur als interessanten Anhalt ansehen, aber nie als einzige Orientierung ansehen darf, denn dann landet man schnell bei offenen Fragen ohne Antwort.

Was ich an Kurszielen nützlich finde, ist deren Entstehung, denn das regt zum Nachdenken und Hinterfragen an. Warum urteilt ein Analyst so, wie er es getan hat? Welche Relevanz hat ein Trend oder eine Formation, aus der sich ein Kursziel errechnet?

Sobald man sich Fragen stellt, rekapituliert und überprüft man seine eigenen Beweggründe: Warum bin ich hier Long, dort Short? Was sagen Experten dazu, was die Charts … und gibt es Grund, die Sache neu zu bewerten, weil der Kurs auf dem Weg zu seinem Kursziel auf einmal in die falsche Richtung zu laufen beginnt?

Wenn man Kursziele auf diese Weise sieht und damit als Anregung, sind sie außerordentlich nützlich. Sieht man sie aber als eine in Stein gemeißelte Prophezeiung, können sie mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 23.09.2021, marketmaker pp4

In den letzten Tagen und Wochen häufen sich Artikel, in denen die verschiedensten Szenarien für die politische Landschaft nach der Wahl sowie die möglichen Konsequenzen für Investoren aufgezeigt werden. Welche Branchen profitieren, welche kommen unter Druck, wenn X oder Y passiert? Das klingt alles interessant, aber welche Bedeutung hat das für Sie als Investor an der Börse aktuell wirklich? Werfen wir doch mal einen Blick auf die letzten vier Bundestagswahlen und ihre Folgen für den Aktienmarkt.

Sie sehen in den folgenden vier Charts, wie sich der DAX im Vorfeld sowie im Anschluss an die vergangenen vier Bundestagswahlen entwickelt hat, betrachtet wird dabei jeweils das zweite Halbjahr des Wahljahres. Es fällt auf, dass der deutsche Leitindex am Ende eines Wahljahres jeweils höher notierte als zum Zeitpunkt der Wahl. Betrachtet man diese „Wahl-Halbjahre“ in ihrer Gesamtheit, gilt das erst recht. Womit die Frage im Raum steht: Ließe sich das verallgemeinern, wird der DAX also auch diesmal Richtung Jahresende durchstarten?

Börse aktuell: Entwicklung des DAX im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 und im Anschluss | Online Broker LYNX

Möglich, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Da wäre es zunächst einmal sinnvoll, sich anzusehen, in welchem Umfeld die vorangegangenen vier Wahlen der Jahre 2005, 2009, 2013 und 2017 abliefen. Und das war grundsätzlich ein Positives.

Welche Rolle spielt das Umfeld?

2005 war ein Jahr mit starkem Wachstum, alles schien in geordneten Bahnen vorwärts zu gehen, von der Subprime-Krise ahnte man noch nichts. 2009 berappelte sich die Börse von eben dieser Subprime-Krise, die Hoffnung war groß, dass man die Sache bald wieder ins Lot bekommt. 2013 war eine Phase, in der Europa nach der Eurokrise von der Erwartung bestimmt wurde, dass es jetzt endlich vorbei sei mit den Krisen und die niedrigen Zinsen den Laden wieder nachhaltig in Schwung bringen würden. Und 2017 war das „Trump-Jahr“, in dem die Anleger weltweit sicher waren, dass Trumps Versprechungen die US-Wirtschaft kräftig in Schwung bringen würden und der Rest der Welt davon seinen Teil abbekommen würde. Was zu diesem Zeitpunkt ja auch der Fall war.

Hinzu kam, dass man eher nicht davon ausging, dass sich die grundsätzliche Struktur der Wirtschafts- und Fiskalpolitik nach den Wahlen ändern würde. Man mag zwar andauernd mit dem Wort „Schicksalswahl“ hausieren gegangen sein, aber für den Aktienmarkt waren das leere Worte. Warum?

Weil die großen Unternehmen gemeinhin ganz gut dafür sorgen, dass man ihre Kreise nicht allzu sehr stört. Daher sind die Rahmenbedingungen hinsichtlich der Weltwirtschaft für den Trend wichtiger als der Wahlausgang. Solange das Umfeld positiv ist, werden die Investoren, nationale wie internationale, ihre Marktmeinung und ihr Verhalten am Markt nicht ändern, der übergeordnete Trend wird durch einen Wahlausgang nicht verändert. Normalerweise.

Nur, wenn es massive Einmischungen geben würde, die mehr als eine nur kurzzeitige Wirkung entfalten, wird es kritisch. Aber müsste man genau damit diesmal nicht rechnen? Und wenn ja – was tun?

Diesmal ist der Wahlausgang offener als sonst, aber …

Richtig ist schon, dass diesmal wirklich völlig offen ist, wie die Sache ausgeht. Die großen Parteien rücken in den Umfragen relativ eng zusammen, die kleineren Parteien bekommen dadurch die Chance, zum Zünglein an der Waage zu werden. Und dann rechne zumindest ich persönlich damit, dass die sogenannten „Sonstigen“ diesmal deutlich mehr Stimmen erhalten als früher und dadurch die Ergebnisse derjenigen Parteien, die die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, schwerer wiegen. Das kann dazu führen, dass sich die Koalitionsverhandlungen ewig hinziehen. Das wäre grundsätzlich nicht gerade positiv. Unsicherheit mögen die Anleger ja nicht gerade. Nur wissen wir ja heute eigentlich nur eines sicher: dass nichts sicher ist. Wie und warum also sollte man im Vorfeld auf ein völlig offenes Szenario reagieren?

Börse aktuell: Entwicklung des DAX im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 und im Anschluss | Online Broker LYNX

Es ist ja nicht einmal so, dass man davon ausgehen müsste, dass eine Regierung ohne CDU/CSU den Aktienmarkt drücken wird. Denken wir nur zurück: Als Rot/Grün 1998 die Regierung Kohl ablöste, folgten zunächst sehr starke Jahre für den Aktienmarkt. Und dass man damals extrem überzog und diese Euphorie in einer Baisse endete, war ja nicht Schuld der Politik. Und kaum war die neue „GroKo“ Ende 2017 im Amt, begann der Abstieg des deutschen Wachstums, der das Land von der Wachstumslokomotive der Eurozone in Richtung Zugende durchreichte – trotz CDU/CSU-Beteiligung.

Wahlprogramme und die Realität waren schon immer zweierlei

Und letzten Endes hat die Geschichte gezeigt, dass Wahlprogramme und Absichtserklärungen immer im Feuer der Realität verbrennen. Wer auch immer die nächste Regierung stellt, sieht sich Herausforderungen gegenüber, denen Denkmodelle und Werbesprüche nicht standhalten. Da gilt es dann, auf das Problem X eine Lösung zu finden. Und wie oft haben wir dann erlebt, dass Politiker dann nicht tun, was man aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit vermutet hätte, sondern pragmatisch entscheiden. Falls sie denn imstande sind, zu entscheiden. Wie oft hörte man schon, dass Frau X oder Herr Y eigentlich in der falschen Partei seien? Das wird diesmal nicht anders werden.

Börse aktuell: Entwicklung des DAX im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 und im Anschluss | Online Broker LYNX

Vorsicht, Umfragen können deutlich daneben liegen

Wir wissen hier und heute noch nicht, was wir in genau einer Woche wissen werden, nämlich, welche Koalitionen überhaupt rechnerisch möglich sind. Frühere Umfragen lagen nicht selten relativ deutlich daneben. Das kann gerade diesmal wieder der Fall sein, nicht zuletzt, weil ungewöhnlich viele Menschen sich (zumindest laut Umfragen!) noch nicht entschieden haben, ob sie wählen gehen und wenn ja, wen. Hinzu kommt die Problematik der Überhangmandate, die diesmal so wichtig werden wie nie, weil die beiden Parteien, die Wahlkreise nahezu ausnahmslos gewinnen, über die Zeitstimmen ungewöhnlich geringe Prozentzahlen erreichen dürften. Wir wissen also schlicht gar nichts.

Welchen Sinn hätte es also, im Vorfeld der Wahl auch nur zu erwägen, an der Börse aktuell bestimmte Branchen zu verkaufen, andere einzusammeln, die … eventuell … leiden bzw. profitieren werden, wenn die Parteien X oder Y stark abschneiden? So, wie sich die Lage derzeit darstellt, muss nicht einmal die prozentual stärkste Partei zwingend in der nächsten Regierung dabei sein.

Hinzu kommt, dass sich das Hauen und Stechen zur Bildung einer neuen Regierung Monate hinziehen kann und solange völlig offen bleiben könnte, wer da am Ende mit wem koaliert und wer auf der Oppositionsbank landet.

Börse aktuell: Entwicklung des DAX im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 und im Anschluss | Online Broker LYNX

Ich persönlich denke, dass es womöglich in der kommenden Woche ein bisschen volatil zugehen könnte. Vielleicht kann es Druck geben, wenn das Ergebnis so ausfällt, dass mindestens drei Parteien zusammengehen müssen, um eine Mehrheit zu bekommen. Denn das hieße, dass mindestens eine eigentlich nicht recht will, wenn eine der beiden anderen dabei ist und es zu einer monatelangen Phase kommt, in der die alte Regierung schon die Koffer packt und eine neue noch nicht greifbar ist. Aber:

Am Ende werden es die üblichen Themen sein, die den DAX-Trend bestimmen

Ob der DAX an Silvester höher oder tiefer steht als heute, wird nur dann von dieser Wahl mit beeinflusst, wenn es zu wirklich ungewöhnlichen Entwicklungen kommt. Wirklich sicher wäre ich mir nicht einmal im Fall einer Tendenz zu Rot/Rot/Grün, dass der Aktienmarkt deswegen massiv fallen würde, denn wie gesagt: Was man vorher verspricht, wird auf der Regierungsbank zwangsläufig sehr schnell problemorientierten Lösungen untergeordnet … auch, wenn diese vorgenannte Koalition nicht zu Unrecht an der Börse aktuell manchen Aktienmarkt-Bullen nervös machen dürfte.

Es werden wahrscheinlich schnell wieder die üblichen Themen sein, die den Trend bestimmen: Wachstum, die Inflation, die Unternehmensgewinne, das Konsumverhalten, womöglich, wir wollen es nicht hoffen, spielt auch Corona noch einmal eine Rolle. Aber die Wirtschaft war schon immer recht gut imstande, die Politik von für das Wachstum und damit für den Aktienmarkt unklugen Schritten abzuhalten. Es würde mich wundern, wenn es diesmal anders käme, daher:

Im Vorfeld dieser Wahl nervös hin und her zu traden, womöglich damit zu beginnen, das Depot zu leeren, halte ich nicht für zielführend, denn noch haben wir ja nicht einmal eine Ahnung, ob wir Grund hätten, nervös zu werden und wenn ja, wovor genau. Ich persönlich werde mir das am Sonntagabend erst einmal ansehen, schauen, wie der Markt am Montagvormittag reagiert und dann überlegen, ob da etwas nach oben oder unten in die Gänge kommt, das mehr werden könnte als eine Eintagsfliege. Spannend wird’s allemal!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 17.09.2021, marketmaker pp4

Man hätte sich nicht wirklich wundern dürfen, wenn der Aktienmarkt einen Luftsprung gemacht hätte, nachdem die EZB vergangenen Donnerstag schon wieder die Hände im Schoß liegen ließ. Dass die Anleger dann doch eher verhalten reagierten, könnte daran liegen, dass immer mehr den Eindruck gewinnen, dass ein Ende mit Schrecken für die Aktienmarkt-Bullen mittelfristig weniger problematisch sein könnte als ein Schrecken ohne Ende.

Man habe vor, im vierten Quartal etwas weniger Anleihen über das PEPP-Programm (Pandemic Emergency Purchase Program) zu kaufen als bislang, verkündete die EZB und ließ es damit gut sein. Die „APP“-Käufe (Asset Purchase Program), auf welche die PEPP-Käufe oben draufgesetzt wurden, bleiben derweil unverändert. Die Zahl derer, die davon ausgingen, dass die EZB bei dieser ersten Sitzung nach der Sommerpause nicht mehr umhin kommen würde, den Geldhahn zumindest langsam zuzudrehen, rieben sich da wohl die Augen. Das war’s schon?

Der Aktienmarkt reagierte verdächtig moderat

Ja, das war’s. Und die Begründung für diese kosmetische Maßnahme einer nicht einmal von der Größenordnung her bezifferten Reduzierung der PEPP-Käufe war ebenso problematisch, wenn auch nicht wirklich überraschend: Das Wachstum habe sich mittlerweile ausreichend stabilisiert und die Impfungen seien so weit vorangeschritten, dass man da eben jetzt ein bisschen weniger tun müsse.

Von Inflation kein Wort in Bezug auf diese Maßnahme. Die sehe man weiterhin als nur vorübergehend an, so EZB-Chefin Christine Lagarde bei der Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag und zückte die neuesten Projektionen für die Inflation in der Eurozone: +2,2 Prozent am Ende dieses Jahres, +1,7 Prozent Ende 2022, +1,5 Prozent Ende 2023. Alles also kein Problem, immerhin strebe die EZB ja mit ihrer mittlerweile noch schwammiger formulierten Zielsetzung eine Inflation an, die mittelfristig irgendwo über zwei Prozent liegt.

Die europäischen Indizes, die im Vorfeld der EZB-Entscheidung schon mal den Kopf eingezogen hatten, streckten diesen daraufhin zwar wieder aus der Deckung. Aber statt einer wilden Kaufwelle als Reaktion auf die versteckte Versicherung, dass man weiterhin Liquidität im Überfluss erwarten dürfe, ging es eher moderat aufwärts.

So langsam scheinen mehr und mehr Marktteilnehmer an der Börse aktuell den Eindruck zu gewinnen, dass diese Arbeitsverweigerung der EZB hinsichtlich ihres Basismandats der Preisstabilität mittelfristig übel ausgehen könnte und erkennen die Sackgasse, in die sich die EZB, aber auch die US-Notenbank und andere große Notenbanken, zusammen mit der Politik schon vor vielen Jahren hinein manövriert haben.

Börse aktuell: Entwicklung der US-Inflation und des US-Leitzins von 1976 bis 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Die Anleihekäufe bringen beileibe nicht nur Vorteile

Dass man sich in keiner Weise selbst vom Weg abbringt, wenn man die Anleihekäufe jetzt ein klein wenig zurückfährt, kann man sich seitens der Investoren denken. Zumal sie nicht gerade umwerfend viel bringen – ausgenommen, über Umwege, dem Aktienmarkt.

Das Volumen ist derart gigantisch (das PEPP-Programm hat ein beschlossenes Gesamtvolumen von 1,85 Billionen Euro), dass die Refinanzierung der Staaten und Unternehmen zwar dadurch zu niedrigsten bzw. negativen Zinsen gesichert wäre. Aber da das Wachstum so stark gar nicht ist, führen diese Programme dazu, dass man sich nicht mehr bei Investoren Geld leiht, sondern vor allem bei der EZB. Was eine absurde, gefährliche Situation erzeugt, denn damit wird zum Schuldner, der die Schulden steuern und nötigenfalls auch einfach abschreiben kann.

Doch obwohl man damit beinahe ungehemmt agieren könnte, hat die Intensität dieser Anleihekäufe dazu geführt, dass die Europäische Zentralbank – laut eines Kommentars der Volkswirte von Nomura auf die EZB-Sitzung – selbst dann 85 Prozent des verfügbaren Angebots an Anleihen „wegkaufen“ würde, wenn sie die PEPP-Käufe von derzeit im Schnitt 80 auf 60 Milliarden Euro pro Monat herunterfahren würde.

Auch in den USA ist das ein Problem, weshalb die US-Banken derzeit um eine Billion US-Dollar über Reverse Repo-Kredite bei der US-Notenbank parken – man erstickt in Geld, das man nicht unmittelbar einsetzen kann.

Dadurch werden Anleihen zur Mangelware. Nicht tragisch, könnte man denken: Bei den derzeitigen Negativzinsen, mit denen sich jetzt halt die EZB herumschlagen muss, will die ja keiner haben. Aber ganz so ist es nicht, die Nachfrage ist durchaus da … und Anleihen werden, ob in den USA oder in Europa, langsam zu knapp. Zum Vorteil des Aktienmarkts, denn einiges an Kapital, das ansonsten in Anleihen gewandert wäre, landet so dort. Der dadurch aber nicht stabiler wird. Beispiel:

Am Donnerstagabend sorgte die Auktion einer 30 Jahre laufenden US-Staatsanleihe binnen weniger Minuten für einen Einbruch des Dow Jones um 150 Punkte. Grund: Die Nachfrage nach der Anleihe war überraschend hoch. Das sorgte auch in anderen Laufzeiten für Käufe, weil die Akteure am US-Bondmarkt dadurch einmal mehr erkannten: Anleihen sind knapp … und wenn die Notenbanken nicht wollen, dass der Kapitalmarkt komplett aus dem Gleichgewicht gerät, müssen sie ihr Kaufvolumen zurückfahren. Und zwar zügig. Was wiederum aber Geld aus dem Aktienmarkt saugen würde, daher diese negative Reaktion der US-Aktienindizes.

Anders sieht es in der Eurozone auch nicht aus. Und zugleich zeigt das reichlich magere Wachstum der letzten Quartale, dass der erhoffte „Booster“, den man sich durch billigstes, reichlich verfügbares Geld für Investitionen erhoffte, nicht gekommen ist. So gesehen kann man durchaus diskutieren, ob diese Anleihekäufe mit der Brechstange nicht womöglich mehr schaden als nützen. Aber warum kommt die EZB dann nur mit einer derart mickrigen, kosmetischen Entscheidung daher, die dieses Problem so gut wie gar nicht löst?

Börse aktuell: Entwicklung EZB-Leitzins und Inflation in Deutschland von 1994 bis 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Die Angst vor der Reaktion am Aktienmarkt

Das hat gleich mehrere Gründe. Zum einen weiß man natürlich im EZB-Rat, dass ein haussierender Aktienmarkt den Konsum stützt. Denn je mehr Menschen mit ihrem Ersparten an der Börse aktuell Gewinne machen, desto eher neigen sie dazu, Anschaffungen zu tätigen, weil sie glauben, es sich leisten zu können. Aber das hat Haken … und nicht nur einen.

Erstens steigt zugleich die Zahl derer, die sich immer weniger leisten können, weil die Lebenshaltungskosten, vor allem die Mieten, immer weiter steigen. Was diese Menschen weniger konsumieren können, sollen/müssen die, die sich vermögend wähnen, kompensieren.

Zweitens sitzen die Anleger ja immer nur auf Buchgewinnen. Erst, wenn die Aktien verkauft und das Geld wieder auf dem Konto ist, ist ein Gewinn wirklich sicher. Und würden zu viele aussteigen, würde dieses für den Konsum hilfreiche Umfeld in sich zusammenbrechen. Da kann es allemal schon reichen, wenn die EZB am Anleihemarkt wieder Luft lässt, Geld von Aktien zurück in Anleihen wandert, um die Hausse zu destabilisieren und dadurch eine Verkaufslawine auszulösen. Also traut man sich nicht, diesen Schritt zu tun.

Und was ist mit der Inflation?

Dass die EZB derzeit gut damit zu tun hat, sich um Konsequenzen herum zu winden, sieht man auch an den Aussagen zum Wachstum. Das sei, so die EZB, zwar gut, aber dann doch wieder nicht so gut, dass man die Anleihekäufe zurückfahren könne, von veränderten Leitzinsen natürlich ganz zu schweigen. Begründet wird das aber nicht mit der Inflation, sondern mit der Delta-Variante des COVID 19-Virus und den Lieferengpässen der Weltwirtschaft. Wobei letztere mit entscheidend für die explodierenden Erzeugerpreise sind, die eher über kurz als über lang noch mehr Auftrieb bei den Verbraucherpreisen auslösen werden. Nur ist das eben ein Thema, das man zurechtbiegen muss, denn:

Auch, wenn die EZB natürlich weiß, dass die derzeitige Situation, die von Materialmangel und knappen Transportkapazitäten geprägt ist, schon jetzt zu immens gestiegenen Erzeugerpreisen geführt hat und die Unternehmen (zuletzt von einer ifo-Umfrage unter deutschen Firmen bestätigt), diese gestiegenen Kosten an die Verbraucher weitergeben werden, tut sie so, als würde die Inflation einfach von allein verschwinden. Und nicht nur das:

Die am Donnerstag vorgestellten, neuen Projektionen der EZB weisen je, wie oben erwähnt, eine bis 2023 wieder fallende Inflation aus. Das hieße, die Inflation wäre sogar zu niedrig! Immerhin liegt das Ziel ja bei schwammig formulierten, mittelfristigen zwei Prozent oder etwas darüber. Wobei man schon ganz bewusst offen lässt, was „mittelfristig“ und „etwas darüber“ genau bedeuten soll.

So hätte man ein Argument, die Leitzinsen auf Dauer bei null zu belassen und auch die Anleihemarkt-Renditen weiter zu drücken, denn was genau der Level von „Geldwertstabilität“ ist, welche die EZB sicherzustellen hat, kann sie nun einmal selbst definieren.

Auf diese Weise ließe sich die Lösung des Problems, dass Schulden nur durch immer noch mehr Schulden abbezahlt werden und das Wachstum, so mager es ohnehin ist, nicht organisch, sondern künstlich erzeugt ist, noch eine Zeitlang hinausschieben. Nicht, weil man den Aufwand scheut, es zu lösen. Sondern weil es keine Lösung gibt.

Die Anfänge des Problems reichen Jahrzehnte zurück

Über viele Jahre hinweg wurde die Schuldenblase immer weiter aufgebläht, ermöglicht durch immer billigere Kredite. Denn schon seit langer Zeit wäre ein effektiver Abbau der Verschuldung nicht mehr möglich, ohne dieses Kartenhaus zusammenbrechen zu lassen. Unternehmen, Privathaushalte, letzten Endes aber auch Regierungen würden schon in die Bredouille kommen, wenn die Leitzinsen in der Eurozone auch nur von 0,0 auf 1,0 Prozent steigen würden. Was auch ein Grund war, wieso die EZB ihre Leitzinsen in den Jahren 2016 bis 2018 nicht anhob, als die US-Notenbank genau das tat, um wieder Spielraum in ihrer Geldpolitik zu erhalten. Man hatte damals keinen Spielraum, heute hat man ihn erst recht nicht.

Natürlich ist der EZB völlig klar, dass ihre „Projektionen“ in Sachen Inflation der kommenden Jahre nicht das Papier wert sind, auf denen sie gedruckt wurden. Denn niemand kann heute sagen, wo die Teuerungsrate der gesamten Eurozone an Silvester 2023 liegen wird. Der Verbraucher ist keine berechenbare Größe. Und die Preisentwicklung ist ja nicht nur von ihm abhängig. Alleine der Umstand, dass die Rohstoffpreise stark von der Spekulation beeinflusst werden, macht Projektionen unmöglich. Immerhin hatte die EZB vor einem Jahr auch noch keine Ahnung davon, dass die Preise überhaupt so deutlich anziehen würden: Noch im Dezember 2020 ging man von einer 2021er-Inflation von 1,0 Prozent aus!

Börse aktuell: Entwicklung US-Leitzins und EZB-Leitzins von 2005 bis 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Stagflation … ein Grund, warum die Anleger langsam kalte Füße kriegen

Bislang hatte man am Aktienmarkt kein Problem damit, unbesehen zu glauben, was die EZB und die „Fed“, die US-Notenbank, nahezu unisono von sich gaben: Das Wachstum ist stark, die Inflation geht von alleine wieder weg und ihr behaltet euer billiges Geld im Überfluss, weil wir, die Notenbanken, schon Argumente finden werden, um es euch weiterhin zu sichern. Dass man die bisherigen Inflationsziele aufweichte, um so von einer für alle nachprüfbaren „Eingreif-Schwelle“ von zwei Prozent wegzukommen, bestätigte vor allem diejenigen in Industrie, privatem Sektor und Finanzwelt, die diese niedrigen Zinsen massiv ausnutzten, in ihrem Glauben: Alles bleibt, wie es ist.

Aber momentan taucht ein Schatten am Horizont auf, der für absolut alles in der Weltwirtschaft fatal wäre: Stagflation. Dieser Begriff bezeichnet eine Situation, in der trotz geringem oder gar nicht mehr vorhandenem Wachstum die Preise deutlich steigen.

Dieses Szenario ist an sich schon erschreckend. In Verbindung mit dieser gewaltigen, durch das „Dauer-Pressing“ der Notenbanken immer weiter wachsenden Schuldenblase wäre das indes vernichtend. Man muss sich vorstellen, was dann passieren würde:

Weiter steigende Preise drücken auf die Unternehmensgewinne. Die Unternehmen versuchen, die Kosten auf die Verbraucher abzuwälzen, was aber nur geht, wenn man dort noch mehr auf Kredit konsumiert oder die Löhne steigen.

Höhere Löhne würden die Unternehmensgewinne aber erneut drücken. Und noch mehr Kredite in einem künstlich generierten Wachstumsumfeld würden die Kreditausfallrate schlagartig steigern. Und mit der dann in Turbulenzen geratenen Finanzindustrie würden wie schon 2008 die Probleme erst anfangen. Hypotheken würden platzen, die Arbeitslosenrate würde nach oben schießen, weil die Unternehmen auf die steigenden Kosten wie immer mit Entlassungen reagieren werden. Die Rezessionsspirale wäre losgetreten und würde durch das Platzen der Kreditblase noch beschleunigt. Im Prinzip ein Szenario wie 2008, mit einem Unterschied:

Diesmal würde der Effekt eines daraufhin wegbrechenden Aktienmarkts noch brutaler wirken, weil noch mehr Menschen noch viel mehr Geld dort hineingesteckt haben und der Anteil an Derivaten und auf Kredit laufenden Spekulationen heute noch weit höher ist als damals. Dass ein solches Zusammenklappen des Kartenhauses relativ bald doch einen Rückgang der Inflation nach sich ziehen würde, ist zwar zu erwarten. Genau das passierte auch 2008 und sorgte dafür, dass die drohende Stagflation „nur“ zur heftigen Rezession wurde. Aber …

Börse aktuell: Entwicklung der Erzeugerpreise und Verbraucherpreise in der Eurozone von 1988 bis 2021 im Vergleich | Online Broker LYNX

Ein „Ende mit Schrecken“ wäre besser – aber das wird wohl nicht passieren.

… damals beseitigte man das Problem mit der Flutung der Wirtschaft mit Billionen. Das tut man aber gerade schon.

Es ist daher absolut nachvollziehbar, dass mehr und mehr Marktteilnehmer an der Börse aktuell diese Strategie der Notenbanken, die letztlich nur ein hilfloses Zuhalten von immer mehr Lecks ist, mit großer Sorge verfolgen. Würde man wenigstens dieses wilde Wegkaufen am Anleihemarkt einstellen und hinnehmen, dass diese „Billiges Geld-Hausse“ am Aktienmarkt unsanft endet, wäre es noch möglich, den Markt zu konsolidieren.

Wenn Leichtsinn und Gier in Aktienmarkt und Wirtschaft durch eine konsequente Notenbankpolitik heruntergefahren würde, hätte man eine Chance, in engem Zusammenwirken mit der Politik eine langwierige, aber für die kommenden Generationen zwingend nötige Konsolidierung zu erreichen, die Sparen wieder erstrebenswert macht und eine auf stabilen Füßen stehende Weltwirtschaft schafft, in der dann zwar kleinere, aber gehaltvollere Brötchen gebacken werden.

Aber wer einmal begonnen hat, sich um die Realität herum zu lavieren, weil man ein Ende mit Schrecken scheut … wer zudem nicht darauf hoffen kann, dass ein „enges Zusammenwirken mit der Politik“ mehr sein könnte als wirre Phantasie … wird seinen Kurs nicht ändern. Weder bei der EZB noch bei der „Fed“. Das Risiko, dass uns das einen Schrecken ohne Ende einbrockt, weil es eben ein großer Unterschied ist, ob man eine Schieflage konsequent und unter harten Einschnitten angeht oder ob man auf Zeit spielt in der Hoffnung, dass ein Zusammenbruch irgendwie, wie auch immer, doch zu vermeiden ist, ist nicht zu unterschätzen.

Fazit: Am Ende lacht die Vernunft

Da bleibt nur, als Fazit zu betonen: Halten Sie sich heute mehr denn je ohne Wenn und Aber an die Grundregeln des Investierens:

Streuen Sie Ihre Investments. Agieren Sie nie ohne Stoppkurse, bei aggressiven Positionen sollten es automatisch greifende Stop Loss-Verkaufsorders sein. Spekulieren Sie niemals mit Geld, das Sie in absehbarer Zeit brauchen … und erst Recht nicht auf Kredit ohne Sicherheiten.

Diejenigen, die all diese Grundregeln derzeit in den Wind schießen, mögen heute noch lachen. Aber es wäre das erste Mal in der Geschichte der Börsen, dass am Ende nicht doch diejenigen lachen, die auf dem Teppich geblieben sind!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt