Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 27.-03.07.2022

Alte Zöpfe abschneiden!

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Eine Baisse ist für viele ein wenig vergleichbar mit Linksverkehr: völlig ungewohnt. Man weiß, dass man sich umstellen und sich vorsehen muss, aber man ist so sehr in dem vorherigen Muster gefangen, dass da leicht mal etwas fatal schiefgehen kann. Daher ist es wichtig, mit bisherigen Gewissheiten zu brechen, sich als Investor neu zu erfinden, sprich: Man muss alte Zöpfe abschneiden!

Dieser Vergleich mit dem Linksverkehr kam mir spontan, als ich an meine letzte Schottland-Tour mit dem eigenen Auto denken musste. Ein paar Jahrzehnte her, aber doch unvergessen … vor allem die Sache mit dem Linksverkehr. Da habe ich doch extra die Scheinwerfer so abgeklebt, dass ich niemanden blende … höchst umsichtig. Keineswegs umsichtig fand mich der Lkw-Fahrer, dem ich nach einer Nacht ohne Schlaf dann irgendwo im Nirgendwo auf der falschen Seite entgegenkam. Alles nicht so einfach, wenn auf einmal alles anders ist. An der Börse ist das derzeit nicht viel anders.

Baisse ist nicht einfach „Hausse umgekehrt“. Jetzt müssen beide Augen offen bleiben!

Das Problem für viele an der Börse aktuell ist: Jahrelang konnte man alles falsch machen und trotzdem damit nichts falsch machen. Einfach, weil man selbst an einem Zwischenhoch in einen völlig überhitzten Kurs einsteigen konnte und trotzdem über kurz oder lang ein neues Hoch kam und den Fehler so ausbügelte. Das macht vor allem wenig erfahrene Marktteilnehmer unachtsam und zugleich gefährlich selbstsicher. Und das gerne mal ohne jedes Fachwissen. So etwas fällt einem jetzt schwer auf die Füße.

Hinzu kommt, dass Abwärtstrends bissiger sind. Die Volatilität ist höher, in beide Richtungen. Scharfe Selloffs, oft noch rasantere Gegenreaktionen … das ist ein Umfeld, das Fehler deutlich weniger verzeiht als die Hausse früherer Jahre. Da empfiehlt es sich, hellwach zu sein, es zu bleiben und alles an alten Zöpfen über Bord zu werfen, was einem als dauer-bullischen Trader das Leben leicht gemacht hat. Vier Beispiele dazu.

1. Zu Aktien gibt es keine Alternative? Das war mal!

Aktien sind alternativlos, diesen Spruch gibt es eigentlich schon so lange wie die Behauptung, Immobilien würden immer und stetig an Wert zulegen. Beides trifft zwar über den Großteil der Zeit zu. Aber eben nicht immer. Bei Immobilien werden wir sehen, was kommt, bei Aktien ist aber jetzt schon klar: Mittlerweile finden sich da sehr wohl Alternativen. Denn die Behauptung, man bekäme keine Zinsen mehr, ist eben hier und jetzt nicht mehr richtig. Der folgende Chart zeigt, wie markant die Schere zwischen der Dividendenrendite, die man im Schnitt bei den 30 Aktien des Dow Jones bekommt und der Rendite von US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit mittlerweile geworden ist:

Börse aktuell: Entwicklung der Rendite von US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit und Entwicklung der Dividendenrendite von Dow Jones Aktien im Vergleich von 2015 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und wenn die Renditen wieder sinken, womit innerhalb der kommenden zehn Jahre zu rechnen ist, sobald eine Rezession die Inflation wegdrückt, sind bei solchen Anleihen auch noch Kursgewinne drin. Diese Schere einer niedrigeren Dividendenrendite durch Aktien-Kursgewinne zu schließen, ist in einem Umfeld wie diesem nicht gerade einfach. Daher kommen wir langsam sogar in einen Bereich, in dem eine Zeitlang die Aussage gelten könnte, dass es die Anleihen sind, die alternativlos sind. Natürlich nicht, wenn man klug „Stock Picking“ betreibt, aber auf den Gesamtmarkt bezogen. Ein Szenario, das die meisten Anleger so noch nie erlebt haben. Da gilt es, alte und eben nicht auf Dauer gültige, angebliche „Gewissheiten“ konsequent über Bord zu werfen. Nächstes Beispiel:

2. Aktien steigen langfristig immer?

Ja, das stimmt … wenn man vorher definiert, wie lange „langfristig“ maximal sein darf und wenn man den Startpunkt einer Statistik so wählt, dass diese Aussage dann auch hinhaut. Ach ja, und man sollte den richtigen Index in der richtigen Berechnung wählen. Sonst ist dieser Spruch nämlich auch mal unerfreulich falsch. Schauen Sie sich dazu einfach mal den DAX an.

Nicht den, den wir immer vorgesetzt bekommen. Denn der ist ein Performanceindex. So werden Euro Stoxx 50, Dow Jones und nahezu alle anderen Indizes nämlich nicht präsentiert. Die werden auch als Performanceindex berechnet, aber eben nur „auch“. Performanceindex, das heißt, man rechnet ausgezahlte Dividenden wie einen Kursgewinn und reinvestiert den dann auch noch sofort. Dadurch entsteht ein rechnerischer Zinseszins-Effekt, der die Performance schönt. Nimmt man aber nur die reinen Kursveränderungen der Aktie und damit einen Kursindex … und so sollte es eigentlich sein … hat es sich was mit diesem Spruch.

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500, Dax und DAX Kursindex im Vergleich von 2000 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wer das sieht, weiß, wie übel eine Baisse diesen „alten Zopf“ ewig steigender Aktien ins Trudeln bringt … und wie wichtig es deshalb ist, gerade jetzt nicht mit Plattitüden, sondern mit Überlegung und Disziplin zu agieren.

3. Buy the dips“ ist out. Jetzt gilt „sell the rallyes“ und „limit your risk“!

Dazu gehört vor allem, mit und nicht gegen den Trend zu agieren. Wenn man jahrelang auch ohne besonnenes Handeln irgendwie davonkam, wenn man in fallende Kurse hinein Long ging (weil die Zwischentiefs immer höher lagen und ein ums andere Mal neue Hochs entstanden), fällt es natürlich schwer, umzudenken. Aber Sie sehen es ja im Chart des S&P 500:

Börse aktuell: Kursentwicklung S&P 500 von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Jetzt haben wir sukzessiv niedrigere Zwischenhochs, die in jeweils neue Tiefs münden. Also gilt jetzt eben das Gegenteil: „sell the rallyes“. Und, weil Gegenbewegungen in Abwärtstrends meist sehr schnell und oft auch weitreichend ablaufen: „limit your risk“.

Short darf man immer nur mit genau kalkuliertem Kapitaleinsatz und Risiko gehen, ohne Stop Loss sollte man besser nicht unterwegs sein. Auch das, das fehlende Risikomanagement, war etwas, das, solange eine Hausse lief, meist ohne großen Schaden funktionierte. In einer Baisse können Sie das nicht erwarten. Dieser Spruch „buy the dips“ ist einer dieser alten Zöpfe, die, wenn man jetzt auf der Gewinnerseite bleiben will, besser umgehend abschneidet.

4. Fachwissen ist nur Ballast und verdient kein Geld? Tja … jetzt nicht mehr!

Ich weiß es ja nicht sicher, aber ich vermute, so mancher Leser hätte mich im Jahr 2021 bisweilen auf den Mond schießen wollen, hinter dem ich offenbar zu Hause sein musste, wenn ich zum x-ten Mal darauf hinwies, dass einige Aktien absurd überbewertet seien. Womöglich gerade wegen des stets mitgelieferten Hinweises, dass so etwas kaum jemanden juckt, solange die Hausse läuft, dann aber auf einmal alle hinschauen, sobald der Aufwärtstrend hinüber ist. Weil der es da noch nicht war. Nicht bei Nemetschek, Eckert & Ziegler, Carl Zeiss, HelloFresh, Zalando oder, wie im Chart abgebildet, bei Sartorius. Und vielen anderen Aktien natürlich auch.

Sartorius ist ein Unternehmen der Labor- und Medizintechnik-Branche. ein Bereich, der sich in einer rezessiven Umgebung mit zeitgleich zu hoher Inflation besser schlagen dürfte als die meisten anderen Branchen. Trotzdem hat sich der Kurs halbiert. Alles, was in den letzten zwei Jahren an Gewinn aufgelaufen war, ist jetzt dahin. Weil?

Börse aktuell: Kursentwicklung Sartorius Aktie von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Weil eben jetzt alle auf die vorher ignorierte Bewertung starren. Als das Kurs/Gewinn-Verhältnis  Ende 2021 völlig verrückte 125 erreichte, wo höchsten 60 bis 70 angemessen gewesen wäre, dachten viele, das sei der Beweis dafür, dass man seine Zeit nicht dafür verschwenden müsse, irgendwelche Denk- und Bewertungsmodelle zu erlernen, die nur noch alte Leute nutzen. Leute, die zum alten Eisen gehören und sowieso nicht mehr durchblicken, wie die Börse heute läuft.

Tjaja, das kenne ich. Ich würde zwar behaupten, noch nicht „alt“ gewesen zu sein, als 2000 die Internet-Blase platzte, nicht einmal, als 2008 die Subprime-Blase platzte. Aber jetzt … na ja, meinetwegen bin ich jetzt knapp am „besten Alter“ durch, jetzt, wo die „Alles-Blase“ geplatzt ist. Aber damit habe ich eben einen Vorteil: Ich stand damals mittendrin in etwas, das die noch wenig erfahrenen Anleger von heute nicht kennen und von denen viele auch jetzt noch sicher sind: Muss keiner wissen. Weil es ohne Wissen halt so lange gut ging. Jetzt nicht mehr. Denn was damals unausweichlich war, ist es heute eben, der Chart zeigt es als ein Beispiel von vielen, immer noch: Bewertungen und fundamentale Fakten zählen immer noch … sobald den Leichtfertigen ihre rosa Brille von der Nase fällt. Was lange dauern kann, zugegeben. Aber irgendwann kommt es halt so.

Guter Rat ist auch heute nicht teuer … aber seltener

Man könnte noch so manchen „Zopf“ nennen und ausführlicher beschreiben, aber das hier ist ja eine Kolumne und kein Buch. Eines will ich aber noch loswerden: Wer noch nicht im Pulverdampf früherer Baissen ergraut ist, täte nicht nur gut daran, sich umgehend auf den Hosenboden zu setzen und das nun einmal unabdingbare Grundwissen der Börse zu erlernen. Es wäre auch angebracht, sich genau anzusehen, wessen Rat man folgen möchte.

Wenn eine Hausse erst einmal ein paar Jahre währt, wachsen „Genies“, die … völlig uneigennützig, haha … ihre Weisheit mit Ihnen teilen möchten, wie Pilze aus dem Boden. Aber viele tun nichts anders, als irgendwelche Aktien zu pushen, immer wieder zum Einstieg zu trommeln und dazu zu animieren, mit hohen Hebeln Long zu gehen … immer weiter, immer nur Long. Manche haben wirklich etwas drauf und drehen ihre Empfehlungen, raten zum Ausstieg, weisen auf Short-Chancen hin. Viele aber nicht. Seien Sie vorsichtig mit „Experten“, die in einem Abwärtstrend immer wieder Long-Trades empfehlen, die Fakten leugnen und der Börse die Schuld geben, wenn ihre Empfehlungen immer wieder dramatische Verluste zeitigen.

Jetzt ist eine Zeit gekommen, in der nicht Recht hat, wer am lautesten schreit. Jetzt sollte man seine Ratgeber mit Bedacht wählen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 24.06.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Wie viel der kommenden Krise hat die Börse aktuell bereits eingepreist? Diese Frage taucht derzeit immer wieder auf. Doch man täte gut daran, diese Frage gar nicht erst zu stellen oder bei ungebetenen Antworten darauf wegzuhören. Denn schon die Fragestellung selbst hat den Haken, Unfug zu sein.

Natürlich ist es irgendwie verständlich, dass sich viele die Frage stellen, ob DAX oder Dow Jones eine kommende Rezession schon im Kurs vorweggenommen haben, so dass das Abwärtspotenzial ab jetzt begrenzt genug wäre, um langsam wieder mit Käufen beginnen zu können. Es wäre schön zu wissen, ob Rohöl weitere Verwerfungen durch die Ukraine-Krise schon im Kurs drin hat. Ob der Euro jetzt „unten“ ist. Oder ob die Anleihe-Renditen jetzt schon so viele Zinserhöhungen vorweggenommen haben, dass man mit einem Rendite-Hoch rechnen und daher beim Kauf von Anleihen ein gutes Geschäft machen würde. Es wundert also nicht, dass man sich solche Fragen stellt. Aber welchen Sinn hat es, Fragen zu stellen, auf die es keine Antwort geben kann?

Zu teuer oder zu billig gibt es in der Praxis nicht

Hätten diese Fragen irgendeine Chance, eine taugliche Antwort hervorzubringen, müssten zwei Faktoren funktionieren. Erstens müsste man davon ausgehen können, dass ein Kurs von X einer Gemengelage von Y entspricht. Sprich dass es eine Art „fairen Preis“ des DAX oder eines anderen Assets in einer bestimmten Situation geben würde. Gibt es aber nicht. Weil?

Weil die Preise, egal ob bei einzelnen Aktien, Indizes, Anleihen, Währungspaaren oder Rohstoffen rein von der Veränderung des Angebots und der Nachfrage bewegt werden und nicht davon, was irgendetwas nach Berechnungen schlauer Köpfe eigentlich kosten müsste. Wenn eine Aktie längst zu weit gefallen ist, die Käufer sich aber wegen der Dynamik der Abwärtsbewegung nicht an sie herantrauen und die Leerverkäufer immer weiter draufhauen … nun, dann fällt diese Aktie halt weiter. Und es bringt niemandem etwas zu wissen, dass sie „eigentlich“ schon unterbewertet wäre. Ob beispielsweise Zalando so tief notieren muss, wie sie es gerade tut?

Börse aktuell: Kursentwicklung der Zalando Aktie von 2018 bis 2022 | Online Broker LYNX

Diese Aktie wirkt gnadenlos überverkauft. Und mit Blick auf die kommenden Umsätze und Gewinne müsste sie eigentlich … aber da haben wir dann Faktor Nummer 2, der Ärger macht, wenn man beurteilen will, ob egal was schon „billig“ genug wäre, um zuzugreifen oder noch „teuer“ genug, um weiter zu verkaufen:

Ein Teil der Antwort-Formel heißt „Zukunft“ … und damit hat sich die Frage erledigt

Wir haben doch gar keine Ahnung, wie sich die Lage in drei, sechs oder zwölf Monaten darstellen wird. Nicht bei Zalando und auch sonst nicht. Wir wissen nicht, ob und wann die Inflationsbekämpfung durch höhere Leit- und Kapitalmarktzinsen die Wirtschaft in der Eurozone und den USA in eine Rezession führen wird. Und selbst wenn wir das wüssten, könnte niemand abschätzen, wie stark diese dann ausfallen und wie lange sie anhalten würde. Und so geht die Kette des planlosen Schulterzuckens ewig weiter.

Ist der Ölpreis bereits ein Krisenpreis für eine Krise, die so gar nicht kommen wird … oder wird es noch schlimmer? Werden die Notenbanken ihre Zinserhöhungen auch vor dem Erreichen ihrer Inflations-Zielkorridore abbrechen, wenn es zu einer Rezession kommt? Wie werden die Verbraucher reagieren? Wie wird sich das auf die Unternehmen der vielen verschiedenen Branchen auswirken? Und was wird dann eigentlich mit dem Goldpreis passieren, der sich derzeit seltsam uninteressiert seitwärts bewegt? Man könnte diese Reihe noch lange fortsetzen.

Richtig ist: Es ist wahrscheinlich, dass sich die Lage für die Verbraucher erst einmal verschlimmert. Es ist sicher, dass viele darauf nicht vorbereitet sind bzw. keine Handhabe haben, sich jetzt noch vor größeren Problemen zu schützen. Eine Rezession ist wahrscheinlich, eine Stagflation möglich, wenngleich – weil ein Wegbrechen des Konsums die Inflation bremsen wird – keineswegs zwingend. Aber man kann nun einmal ein „könnte“, egal, ob mit hoher oder niedriger Wahrscheinlichkeit, nicht auf einen Kurslevel projizieren.

Und dann wäre da ja noch diese Sache mit „alles ist relativ“

Hinzu kommt, dass die Kurse ja auch jetzt schon nicht in logischen Bahnen laufen, sonst müsste der DAX momentan deutlich schwächer dastehen als der Dow Jones. Immerhin ist man hier mit Zinserhöhungen viel zu spät dran, die Konjunktur ist schwächer, der schwache Euro befeuert die Inflation hier stärker als in den USA und Europa ist in Sachen Ukraine-Konflikt näher dran. Er ist aber nicht schwächer, wenn man sich den folgenden Chart anschaut. Heißt das womöglich, beim Dow Jones ist die Krise schon genug eingepreist und beim DAX noch nicht? Oder ist das trotzdem noch zu wenig und beide werden weiter massiv nachgeben? Wir wissen jetzt:

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX und Dow Jones im Vergleich im Jahr 2022 bis Juni | Online Broker LYNX

Schon die Fragen sind Unsinn. Aber das alleine ist es ja noch nicht einmal. Es kommt ja auch noch darauf an, wie genau man das „Ist“ betrachtet. Heißt es nicht, an der Börse ist sowieso alles relativ?

So ist es. Es ist alles eine Frage der Perspektive und davon, welche davon man gerade für sich wahrnehmen will. Denn wenn man sich jetzt mal ein anderes Zeitraster ansieht, indem man die Darstellung Anfang 2020 beginnt statt Anfang 2022, ist das Bild schon ein anderes. Und packt man dann auch noch den DAX Kursindex dazu, der ebenso wie der Dow Jones Dividendenzahlungen nicht wie Kursgewinne rechnet und die Performance dadurch schönrechnet, sodass man zwei gleich berechnete Indizes vergleicht, sieht die Chose nämlich ganz anders aus:

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX, DAX Kursindex und Dow Jones im Vergleich von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Da ist der DAX nämlich schwächer als der Dow. Und auf Basis einer gleichen Berechnung als DAX Kursindex mal sowieso. Aber es fällt auch auf, dass eine extra dramatische Betrachtungsweise, die man dann vornehmen würde, wenn man die Charts an den Rekordlevels zur Jahreswende beginnen lässt, auch eher den Eindruck erweckt, da habe man längst „eine Menge Krise“ in den Kursen drin. Denn hier sehen wir, dass wir im Vergleich zu Anfang 2020, also vor der Corona-Krise, beim DAX nur minimal im Minus liegen, beim Dow Jones sogar immer noch ein Plus übrig ist. Ist da also noch sehr viel Luft nach unten, angesichts der Menge und Schwere der derzeitigen Belastungsfaktoren?

Tja, diese Frage kommt einem wirklich irgendwie automatisch, nicht wahr? Aber sie ist eben trotzdem Unfug, weil „billig“ und „teuer“ relativ sind und wir keine funktionierende Glaskugel haben, die uns zeigen könnte, wie die Rahmenbedingungen in einem oder zwei Jahren aussehen werden. Aber muss man deswegen taub und blind durchs Börsenleben wandeln, jedes Mal von den Entwicklungen kalt erwischt werden? Man muss nicht.

Warum nicht einfach dem Trend folgen?

Dass die Charttechnik keine exakte Wissenschaft ist, dass nichts an der Börse sicher ist und Kursziele normalerweise etwas für Träumer sind, okay, wissen wir. Aber wir wissen auch etwas anderes: Je mehr Anleger sich an der Charttechnik orientieren bzw. aktiv nach ihr agieren, je mehr Trader bestimmte markttechnische Indikatoren oder gleitende Durchschnitte als relevant ansehen und nach ihnen handeln, desto zuverlässiger wir die Sache. Und wir wissen auch, dass mehr Anleger sich an den Charts als Leitlinie orientieren, desto weniger sie sich auf die Entwicklung der Rahmenbedingungen stützen können. Was heißt: Jetzt würde man mit einem konsequenten Umsetzen chart- und markttechnischer Signale besonders gut fahren.

Börse aktuell: Kursentwicklung Euro Stoxx 50 von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Das heißt nicht, dass man mit der Charttechnik bei jedem Trade einen Treffer landet, weil die Charttechnik eben keine exakte Wissenschaft ist. Aber wenn man keine Wunder erwartet und weiß, dass es nicht darauf ankommt, der erste bei einer Wende zu sein und eine tolle Gewinnquote zu haben, sondern nur darauf, im Saldo mehr Geld zu verdienen als zu verlieren … dann muss man eben nicht wissen, ob und zu welchem Grad die Krise bereits in egal was schon eingepreist sein könnte!

Traden Sie den Trend, je nach Risikoneigung kurz-, mittel- oder langfristig. Das spart Nerven und Geld … und die Zeit, die man bei dieser Bullenhitze damit vertrödeln würde, eine Antwort auf eine Frage zu finden, auf die es keine Antwort gibt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr Ronald Gehrt

* Charts vom 17.06.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Nach der EZB-Sitzung ist vor der US-Notenbanksitzung. Das Projekt Inflationsbekämpfung kommt offiziell in Bewegung. Aber ist es nicht längst zu spät dazu? Die Abwärtsspirale der Konjunktur läuft … und höhere Zinsen könnten jetzt zu spät kommen und damit genau der falsche Schritt sein. Ein Roundup zur aktuellen Lage.

Sieh an, die EZB, die noch zu Jahresbeginn von einer höchst kurzlebigen Inflation sprach und Zinsschritte als „vorschnell“ bezeichnete, hat also entschieden, sich zu entscheiden. Mehr natürlich noch nicht, gut Ding will Weile haben. Am vergangenen Donnerstag verkündete man nur, dass man bei der nächsten Sitzung am 21. Juli die Leitzinsen um ein zackiges Viertelprozent anheben werde. Und dann, weil das selbst nach Aussage der EZB die Inflation nicht beeindrucken werde, im September noch einmal. Dann läge der Hauptrefinanzierungssatz bei 0,50 Prozent und der Einlagesatz wieder bei null, so dass die Banken erstmal seit acht Jahren wenigstens kein Geld mehr bezahlen müssen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken.

Mehr Realität und weniger Modellrechnen, das hätte geholfen …

Derweil ist die Inflation schon mal vorausgelaufen. Zuletzt auf 8,1 Prozent für die Eurozone, offiziell. Wer sich genauer umsieht, dürfte zu dem Schluss kommen, dass der Warenkorb, auf dessen Basis die Teuerung ermittelt wird, dem eigenen Bedarf offenbar nicht ganz entspricht. Da wäre dann also immer noch eine kleine, dezente Schere zwischen der die Konsumenten erdrosselnden Realität und dem, was die EZB da treibt. Wie es Clemens Fuest, der Chef des ifo-Instituts so treffend formulierte: „Es ist frappierend, dass die Inflationsrate bei acht Prozent liegt und die Notenbank trotzdem weiter Staatsanleihen kauft und einen Negativzins hat“. Es sei einmalig in der Wirtschaftsgeschichte, dass eine Notenbank in einem derartigen Umfeld eine Politik mache, die eher zu einem deflationären Umfeld passe. In der Tat, auch, wenn die Anleihekäufe Ende des Monat auslaufen, das alles ist grotesk, wie der folgende Chart zeigt.

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins der EZB und Inflation in der Eurozone im Vergleich von 1994 bis 2022 | Online Broker LYNX

Nun schob die EZB das am Donnerstag darauf, dass ihre Prognosemodelle diese Entwicklung nicht vorhergesehen hätten. Aber, so schiebt man die Verantwortung locker von sich, die Modelle anderer Institutionen hätten das schließlich ebenso wenig gekonnt und man sei intensiv auf der Suche nach den Ursachen. Da sinkt dem erfahrenen Investor der Kopf auf die Tischplatte. Denn genau das ist doch der Knackpunkt:

Modellrechnungen sind Blödsinn. Die Entwicklung der Wirtschaft gehorcht doch keinen klaren Gesetzen wie die Physik. Um anhand von Prognosemodellen vorherzusagen, wie sich Wachstum und Inflation entwickeln, müssten sich die dazu nötigen Parameter berechenbar verhalten. Tun sie aber nicht. Und das taten sie auch noch nie.

Corona, Ukraine, der Verbraucher … das waren die Faktoren, die weder vorhersehbar noch berechenbar waren und diese Prognosemodelle zu einem Witz machen. Und dazu kam das Pulverfass namens Altlasten wie die Immobilien- und die Eurokrise, die man mit diesem vorstehend im Chart erkennbaren „cleveren Schachzug“ übertünchte, Geld immer billiger zu machen. Das führte zu einer Schuldenblase und die wiederum dadurch, dass das bislang in ruhigeren Bahnen verlaufende Leben durch Corona und den Ukraine-Konflikt kniffliger wurde, zu emotional handelnden Verbrauchern.

Es war somit völlig klar, dass diese Modelle nicht funktionieren würden. Und dass alle Notenbanken und andere Institutionen denselben Fehler machten, macht die Sache nur umso gruseliger, ebenso die Aussage, man suche jetzt intensiv nach dem Fehler. Der Gedanke an sich, die Konjunktur vorhersehen zu können, ist der Fehler, nicht die Parameter. Der Konsument ist die Basis der wirtschaftlichen Entwicklung. Was der tut, ist nicht in Modelle zu pressen. Wer ab und an mal den Kopf aus dem Bürofenster gestreckt hätte, hätte das sehen müssen! Davon mal abgesehen:

Wozu braucht die EZB Prognosen, wenn sie nicht einmal auf das „Ist“ reagiert und die Zinsen einfach unten ließ, während die Inflation durch die Decke ging?

Jetzt doch noch mit „Geldwertstabilität“ anzufangen, endet kontraproduktiv!

So liegt das Kind mittlerweile im Brunnen … wobei das, was aktuell Sache ist, nur der Anfang ist. Was die Anleger am Donnerstag massiv irritiert haben dürfte, ist zwar auch diese seltsame Umgangsweise mit den Prognosen, vor allem aber, dass man damit trotzdem fröhlich weitermacht und dabei die Inflationsprognose für 2023 von zuvor 2,1 Prozent auf nunmehr 3,5 Prozent angehoben hat.

Dass das natürlich nicht heißt, dass es diesmal stimmt, ist das eine. Aber wenn man sich jetzt darauf festlegt, dass die Inflation mit 3,5 Prozent auch 2023 noch deutlich über dem Zielkorridor liegen wird, heißt das, dass die EZB nach dem zuvor jahrelang ignorierten „Schema F“ der Geldwertstabilität nicht nur im September, sondern auch für längere Zeit an der Zinsschraube drehen wird. Recht so, die Inflation muss schließlich runter, sagen viele. Doch das muss zwar nicht, könnte aber sehr wohl zu kurz gedacht sein.

Denn das kann dazu führen, dass die EZB (und die US-Notenbank ebenso) die Zinsen stur weiter erhöht, obwohl sie längst und dringendst wieder in die Gegenrichtung agieren müsste. Was heiße: Die zu spät begonnene Inflationsbekämpfung gießt auch noch Öl ins Feuer! Das Problem ist:

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Diese Prognosemodelle ignorieren den Verbraucher. Viele Verbraucher sind hoch, nicht wenige viel zu hoch verschuldet. Denen wird durch die Inflation das Geld knapp. Und wenn sie ihre Kredite refinanzieren müssen, wird es noch knapper. Und dann müssen sie den Gürtel schnell und massiv enger schnallen, wodurch der Konsum einbricht.

Dass man das jetzt noch nicht sieht, ist völlig klar. Erstens haben die Bilanzen der Unternehmen und die Konjunkturdaten reichlich Verspätung. Wir haben nur Bilanzen bis Ende März, Konjunkturdaten vom April. Weiter sieht man nur, wenn man statt Zahlen den gesunden Menschenverstand bemüht, der aber, klar, bei Prognosemodellen keine Rolle spielt. Schaut man aber weiter, würde man sehen:

Die Konjunktur wird eher nicht ein wenig und langsam zurückgehen, sondern wegbrechen wie vom Blitz getroffen. Zuletzt sahen die Zahlen auch deswegen noch gut aus, weil wir diese Bugwelle von inflationsbedingt vorgezogenen Anschaffungen hatten. Die aber langsam ausgelaufen sein dürfte.

Das sind markante Signale für einen Konjunktureinbruch

Jetzt meldet das ifo-Institut im Rahmen seiner regelmäßigen Umfragen, dass die extrem gestiegenen Preise und ein weiterhin massiver Materialmangel dazu geführt haben, dass im Wohnbau immer mehr Aufträge storniert werden. Das drückt heftig auf das Bruttoinlandsprodukt in diesem und im kommenden Quartal.

In den USA, die uns konjunkturell meist zwei, drei Monate vorauslaufen, hat das US-Verbrauchervertrauen, das von der Uni Michigan ermittelt wird, am Freitag als Zwischenstand für den Juni den tiefsten, je gemessenen Stand ausgewiesen. Und diese Zahlen werden seit 1970 erhoben. Weder in der Ölpreiskrise, während des Dot.Com-Crashs, noch nach 9/11 oder im Zuge der geplatzten Immobilienblase war die Stimmung der US-Konsumenten schlechter!

Die IG Metall fordert jetzt mindestens sieben Prozent mehr Lohn für die Branche. Klar, man will die massive Inflation ausgleichen. Aber kommt es so, beginnt die von EZB & Co. bislang ausgeschlossene Lohn/Preis-Spirale. Höhere Löhne = höhere Kosten für die Unternehmen = höhere Preise = höhere Löhne und so weiter. Davon abgesehen, dass die dann umso mehr wegbrechenden Unternehmensgewinne für den Aktienmarkt katastrophal wären, würde eine Rezession dadurch noch intensiviert.

Beispiel 2008: Die sind jetzt aber sowas von „hinter der Kurve“!

Und in diesem Umfeld fangen die Notenbanken jetzt erst an, die Zinsen anzuheben? Um Himmels Willen! Ob es viel besser gelaufen wäre, wenn man sofort regiert hätte, ist zwar die Frage, weil die Inflation ja von der Angebotsseite her kam und nicht von maßlosen Verbrauchern. Die waren vorher schon maßlos, weil einem Kredite ja förmlich aufgedrängt wurden, was aber letztlich von der halsbrecherischen Notenbankpolitik der letzten 20 Jahre verschuldet wurde. Aber jetzt wird die Konjunktur wegbrechen … und die Prognosemodelle sehen es nicht. Wie auch!

Jetzt, nachdem man ewig gezaudert hat, will man entschlossen agieren. Wenn die Wirtschaft wirklich sehr stark wäre, wäre das auch machbar, auch, wenn es überfällig ist. Aber die Wirtschaft ist eben nicht stark. Durch die vorgezogenen Käufe und die zu langsam einlaufenden Konjunkturdaten sieht die EZB ein Bild von Stabilität, das nicht existiert. Das wird dann in diesen Prognosemodellen mit theoretischen Folgen höherer Zinsen verwurstet … und heraus kommt etwas, das mit der wahrscheinlichen Entwicklung nichts zu tun hat.

Dabei hätte man doch ein Beispiel in der Geschichte, das nicht einmal lange zurückliegt. 2006/2007 brummte das Wachstum. Im Gegensatz zu diesmal hatte die EZB damals die Zinsen zeitgerecht angehoben, um Inflation zu begrenzen. Das klappte zwar Ende 2007 bis Mitte 2008 nicht mehr, weil damals die Schnapsidee verbreitet wurde, dass der Zusammenbruch der US-Immobilienblase eine Hyperinflation auslösen werde und man deswegen sein Geld retten müsse, indem man in Rohstoffe investiert. Was dann a) die Inflation wirklich in Marsch setzte, weil Hinz und Kunz in Rohöl, Kupfer etc. zu zocken begann und b) den Einbruch der Konjunktur beschleunigte. Aber was passierte dann … und zwar sehr schnell? Sie sehen es im Chart:

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins der EZB und Inflation in der Eurozone im Vergleich von2004 bis 2012 | Online Broker LYNX

Die Inflation verschwand im D-Zug-Tempo. Mitte 2009 hatten wir sogar eine negative Teuerungsrate. Logisch, denn die Nachfrage brach weg, zugleich fiel die Zockerei in Rohstoffen in sich zusammen. Die EZB musste handeln und senkte die Leitzinsen von zuvor 4,25 auf 1,00 Prozent. Was die Probleme nicht einfach löste, aber half. Und jetzt?

Jetzt können wir genauso damit rechnen, dass die Inflation sich schnell und deutlich reduziert, weil wir kurz vor einem Wegbrechen der Nachfrage stehen. Wenn die EZB jetzt die zuvor angehobenen Zinsen senken würde, ließe sich das sanft auffangen. Die kleinen Haken dabei: Erstens hat die EZB nichts zu senken, weil die Zinsen eben nicht vorher zeitgerecht angehoben wurden. Zweitens hat sie jetzt erst angefangen, die Zinsen anzuheben, weil ihre Prognosemodelle die logische Entwicklung nicht erkennen, wird damit weitermachen … und macht die Lage nur noch schlimmer!

Chaos-Szenario 2023: Immerhin könnten Anleihen interessant werden!

Das ist eine äußerst üble Entwicklung. Die EZB, deren einziges Mandat ist, die Geldwertstabilität sicherzustellen, versagt. Viel besser agieren die Bank of England und die US-Notenbank zwar nicht. Aber wenn die EZB im September den Leitzins um ein bei dieser Situation nicht nennenswert hilfreiches halbes Prozent angehoben haben wird, liegen die Leitzinsen in Großbritannien und den USA längst bei 1,5 bis 2,0 Prozent. Dort hätte man dann etwas zu senken, wenn Inflation und Konjunktur kippen. Hier, in der Eurozone, hätten wir nichts, was man seitens der Notenbank an Stütze liefern könnte. Denn negative Zinsen und noch tiefere Realzinsen würden dann zwar dazu beitragen, die platzende Schuldenblase wieder zu stabilisieren. Aber was ist mit all denen, die mit ihrem Geld vernünftig umgegangen sind, etwas zur Seite gelegt haben und keine Schulden haben?

Börse aktuell: Entwickluung Realzins in Deutschland von 2000 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die würde man dann noch brutaler treffen, indem die Geldentwertung weitergeht. Denn auch, wenn die Realzinsen, siehe der vorstehende Chart, dann wegen einer sinkenden Inflation wieder, von den jüngsten Allzeittiefs ausgehend, von unten in Richtung null laufen würden, negativ werden sie bleiben und damit den Konsumverzicht noch intensivieren. Während zugleich eine massive Aufnahme neuer Kredite eher ausbleiben dürfte, weil sich diejenigen, die jetzt mit ihren Schulden erst einmal in die Bredouille kommen, hüten dürften, dann fröhlich noch mehr draufzupacken. Immerhin wissen auch da die meisten nicht, dass die EZB ihre Zinserhöhungen wohl irgendwann 2023 abbrechen muss, weil die massiv kontraproduktiv wirken.

Einen interessanten Aspekt hat die Sache aber: Die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit ist jetzt auf bemerkenswerte 1,45 Prozent gestiegen. Sicher, der reale Zins ist derzeit trotzdem noch fatal negativ, kein Wunder, bei einer Inflation um acht Prozent. Aber noch nimmt der Anleihemarkt ja mehrere Zinserhöhungen vorweg, hat einen möglichen Abbruch der Konjunktur einerseits und der Zinsanhebungen andererseits nicht auf dem Schirm. Und wenn die Rendite langsam weiter in Richtung zwei Prozent läuft und die Inflation wirklich, wie derzeit zu vermuten, durch ein Wegbrechen des Wachstums zurückkommt, hätte man eben mit anderthalb bis zwei Prozent durchaus ein interessante Rendite … denn die bleibt einem ja jahrelang konstant erhalten!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 10.06.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Man begegnet an der Börse seit ewigen Zeiten Leuten, die behaupten, dass sie eine mehrheitlich unerwartete Entwicklung schon viel früher vorhergesehen und kommuniziert hätten. Manchmal ist das so. Meistens jedoch nicht. Man begegnet ebenso Menschen, die sich so weise wähnen, dass sie für Lage und Perspektive der Börsen Deutungshoheit beanspruchen. Und trotzdem unschön oft schief liegen, wenn man das genauer verfolgt. Ein Grund, um … gerade in einer Phase wie dieser … dafür zu plädieren: Verlassen Sie sich in Sachen Trading und Investment bloß nicht auf andere!

An der Börse aktuell und auf Dauer erfolgreich zu sein, ist nicht gerade ein Kinderspiel. Man sollte sich kundig machen, Erfahrungen sammeln, die Lage aufmerksam verfolgen. Das kostet Zeit. Zeit, die sich zwar lohnt, die aber nicht jeder aufbringen kann … oder will. Daher suchen viele Marktteilnehmer nach Rat, nach Aussagen, die einfach, klar und vor allem verlässlich vorgeben, was zu tun ist. In einer Gemengelage wie heutzutage, in der sich die Rahmenbedingungen sehr komplex und undurchsichtig darstellen, mehr denn je.

Und es ist ja auch nachvollziehbar, dass viele so vorgehen. Man beginnt ja auch nicht in Windeseile ein Medizinstudium, wenn es irgendwo zwickt. Oder versucht, das Wissen eines Maschinenbau-Ingenieurs zu erlangen, weil im Keller die Heizung komische Geräusche macht. Die heutige Zeit stellt so viele Herausforderungen, dass man darauf angewiesen ist, dass es Spezialisten gibt, die wissen, was zu tun ist. So weit, so gut. Aber ist man in Sachen Börse wirklich gut beraten, genauso vorzugehen?

Guter Rat ist selten teuer, aber man muss sich eben umschauen

Das ist man, wenn man an die Richtigen gerät. Und wenn man sich regelmäßig nicht nur eine zweite Meinung einholt, sondern dann auch noch den eigenen, gesunden Menschenverstand zu Rate zieht, bevor man handelt. Sicher, an der Börse sausen die Kurse gerne mal unverhofft schneller nach oben oder unten, als man „hoppla“ sagen kann, so dass oft der Eindruck entsteht, man müsse erst handeln und das Nachdenken auf später verschieben, um nicht „die“ Chance zu verpassen. Aber selten ist dieser Eindruck richtig. Warum das heute Thema der Wochenausblick-Kolumne ist? Weil ich gerade in den letzten Tagen mal wieder ein paar „Ratschläge“ sah, die mich auf die Palme gebracht haben.

Es ist wie gesagt verständlich, dass man in komplizierten Situationen nach Leuten sucht, die einem sagen können, was morgen und übermorgen sein wird. Und damit eben auch, welche Entscheidung, die man treffen würde, richtig ist, sprich das eigene Bare vermehrt, statt es zu dezimieren. Aber man sollte sich eben über eines im Klaren sein:

Die Börse ist weder eine Heizungsanlage oder ein Automotor. Ja, es gibt klare Mechanismen am Markt. Aber ob, wann und wie stark die greifen, hängt von einem Bauteil im Gefüge ab, das ungefähr so zuverlässig ist wie ein rotierender Wegweiser:

Von den Anlegern selbst. Wie oft handeln Sie selbst aus dem Bauch heraus? Und denken Sie daran, wenn sie „selten“ oder „ganz selten“ antworten würden: Wer das hier liest, ist ja schon jemand, der sich selbst kundig macht und an den Ideen und Gedanken anderer interessiert ist. Die Masse der Damen und Herren an der Börse ist das nicht. Die meisten wollen nur hören, dass „es“ in Zukunft steigen wird. Dass „es“ auch fallen kann, liegt zwar in der Natur der Sache. Da aber die Masse nie Short geht, ist „rauf“ die bevorzugte Richtung und damit auch genau das, was man hören will, wenn es darum geht, in die Zukunft zu blicken.

Börse aktuell: Kursentwicklung Zalando Aktie von 2021 bis 2022 mit immer wieder gesenkten Kurszielen | Online Broker LYNX

Alleine diese von so vielen vorgenommene, selektive Wahrnehmung der Möglichkeiten ist eine emotionale Entscheidung und macht die Kursentwicklung der kommenden Tage, Wochen und Monate unberechenbar. Dann kommt noch hinzu, dass viele nur deshalb kaufen oder verkaufen, weil sie sehen, dass andere es auch tun. Wird ein solches Phänomen zum Trend oder geht es bald in die Gegenrichtung? Das hängt davon ab, wie sich die Grundstimmung am Markt entwickelt. Was wiederum weniger von der Faktenlage, sondern davon abhängig ist, wie sich die Kurse bewegen die so sehr von der selektiven Wahrnehmung bewegt werden: Das wirkt wie eine Art in sich geschlossener Kreislauf ohne Kontakt zur Faktenlage.

Da kommt sich der geneigte Anleger dann schon manchmal vor, als wäre die Börse ein Tollhaus. Dann geht der Blick unwillkürlich in Richtung der Experten … oder in Richtung von Leuten, die das zu sein vorgeben. Gute Idee?

Ja, wenn man sich mehrere Meinungen ansieht und am Ende selbst noch einmal alles abwägt und erst dann entscheidet. Nimmt man aber nur das wahr und für bare Münze, was einem emotional in den Kram passt (in schwierigen Börsenphasen sind das natürlich Prophezeiungen, die behaupten, es ginge in Kürze ganz gewaltig nach oben), tut man sich selbst nichts Gutes.

Logisch? Wenn das für genug Anleger logisch wäre, würde es Beispiele, wie ich sie in den Charts abbilde, nicht geben, denn dann würden solche Weissagungen keine Zuhörer mehr finden.

Es ist ja nicht mein Geld …

Ich pflege mich mit irgendwelchen konkreten Weissagungen zurückzuhalten, das wissen Sie. Und das halte ich so, seit ich aus meinem Hobby Börse vor mittlerweile 27 Jahren einen Beruf gemacht habe. Weil ich weiß, dass ich nicht hellsehen kann? Ja, auch. Wobei das diejenigen, die so tun, als könnten sie es, auch wissen. Aber auch, weil in meinem Kopf immer die Aussage schwebt: Es ist ja nicht mein Geld, um das es bei einer Analyse gehen würde!

Wenn ich einen Index, eine Aktie, ein Währungspaar oder was auch immer z.B. im handelstäglichen LYNX Börsenblick unter die Lupe nehme, bin ich da in 99 Prozent der Fälle selbst nicht investiert. Wenn ich also eine Aussage treffe, geht es ausschließlich um das Geld derer, die die Analyse als Grundlage für einen eigenen Trade hernehmen könnten. Damit habe ich entsprechend vorsichtig vorzugehen. Dass viele ein „einerseits, andererseits“ weniger mögen als ein zackiges „da geht’s lang“, ist mir schon klar. Aber wer das erwartet, hat die Börse nicht durchschaut. Und kann ja, wenn ihm ein Abwägen von Pro und Contra irgendwie zu anstrengend ist, etwas anderes lesen.

Börse aktuell: Kursentwicklung Delivery Hero Aktie von 2022 bis 2022 mit immer wieder veränderten Kurszielen | Online Broker LYNX

Über diese vielen Jahre habe ich den Eindruck gewonnen, dass so mancher anderer sogenannter Experte diesen Satz „es ist ja nicht mein Geld“ ebenso verinnerlicht hat … aber in einer anderen Interpretation. Denn immer wieder erlebe ich derart irrwitzige Kursziele und/oder Empfehlungen, dass man unterstellen darf: Da setzt einer auf den Werbe-Effekt einer spektakulären Aussage. Trifft sie ein, ist sie oder er lange Zeit im Gespräch, das lässt sich in bare Münze verwandeln. Liegt man dramatisch daneben, geht man in der Masse der vielen unter, die auch dramatisch daneben lagen. Und die meisten vergessen schnell, dass da jemand leichtfertig den Wunsch vieler ausgenutzt hat, die da dann zu hören bekamen, was sie hören wollten: Es geht rauf, ich werde Geld verdienen und muss nichts dafür tun.

Ich nenne hier keine Namen in Bezug auf diese Beispiele in den Charts. Nicht, dass ich das, was ich da anführe, nicht belegen könnte. Das Internet vergisst ja nichts. Aber ich mag es eben nicht, direkt mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Es sollte wirklich reichen, diesen Finger mahnend in den Himmel zu recken und als Fazit hervorzuheben: Verlassen Sie sich nicht auf andere. Es ist IHR Geld. Und alleine IHRE Entscheidung, was damit zu tun ist.

Deutungshoheit in Sachen Zukunft? Gibt es nicht!

So werde ich diese folgende Aussage aus einem Interview in einer bekannten deutschen Zeitschrift wohl so schnell nicht vergessen, weil mich so etwas sehr ärgert. Da sagte einer, der seit Jahrzehnten Rat verteilt, im Mai 2019:  „Sie können alles kaufen. Den ganzen Dax. (…) So wie es drei Jahre in den Keller ging, wird es drei Jahre deutlich nach oben gehen. Und die deutschen Aktienkurse werden sich verdoppeln.“ Die drei Jahre sind um. Wo der DAX im Vergleich dazu steht, wissen wir.

Börse aktuell: Expertenprognose für den DAX im Mai und die gegenteilige Kursentwicklung bis heute | Online Broker LYNX

Nun könnte man einwenden: Ja, aber Corona und jetzt die Ukraine-Problematik, das konnte derjenige ja damals nicht wissen. Nein, natürlich nicht! Aber das ist doch gerade der Punkt!

An der Börse gibt es einen Spruch, der immer zutrifft und auch immer zutreffen wird: Unverhofft kommt oft. Es gibt immer Ereignisse, die eine Prognose über den Haufen werfen könnten und es auch tun. Die Erde dreht sich immer weiter, immer verändern sich die Parameter des Marktes. Wenn man dann noch im Hinterkopf hat, dass Anleger meist emotional und nicht rational entscheiden, steht unter dem Strich: Man darf solche Prognosen nicht abgeben, weil nichts scherstellen könnte, dass das, wovon derjenige, der da seine Behauptungen aufgestellt hatte, ausgegangen ist, auf Dauer Bestand hat. Und wer seit Jahrzehnten mit der Börse zu tun hat, muss das nun einmal wissen.

Börse aktuell: Kursprognosen für den DAX für 2022 und der tatsächliche Verlauf des Index | Online Broker LYNX

Und weil wir gerade Richtung Halbjahresende tendieren, kann ich es mir auch nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass die „Prognose-Industrie“ davon lebt, dass zu viele Anleger nicht imstande und/oder willens sind, sich selbst ein Bild zu machen. Dazu der vorstehende Chart, der zeigt, wo die Bank-Propheten den DAX am Ende dieses Jahres 2022 zur Jahreswende 2021/2022 im Durchschnitt „gesehen“ haben. Wobei die Spanne der Weissagungen grob von 15.000 bis 18.0000 reicht, das arithmetische Mittel aber (wundert das jemanden?) klar über der Mitte der Spanne liegt.

Und nur zur Erinnerung: Dass es zur Ukraine-Krise mit all ihren Folgen kommen würde, konnte da noch keiner ahnen. Aber dass uns die Inflation auf die Füße fallen wird, dass zumindest die US-Notenbank die Zinsschraube anziehen wird, dass Lieferketten-Probleme hartnackig sein würden, all das wusste man zu diesem Zeitpunkt sehr wohl!

Verlassen Sie sich nur auf sich selbst!

Daher mein (natürlich subjektiver) Rat, wie immer entnervend allgemein gehalten und nur für die, die ihn auch lesen wollen: Verlassen Sie sich in Sachen Börse niemals blind auf andere. Entweder, Sie erwerben nach und nach das Fachwissen, um völlig unabhängig Entscheidungen zu treffen oder aber Sie sehen sich mehrere Meinungen zur Lage an, aus denen heraus Sie dann Ihre Schlüsse ziehen. Idealerweise beides.

Aber vor allem sollten Sie misstrauisch werden, wenn jemand Ihnen mitteilt, was morgen und übermorgen sein wird, ob das Gesamtmarktprognosen sind oder Kursziele für Aktien, ist da einerlei. Denn ob es dann im Kleingedruckten irgendwo steht oder nicht: Prognosen können immer nur auf Basis von Annahmen entstehen, die Rahmenbedingungen betreffen, die sich aber unvorhersehbar verändern. Und diese Annahmen müssen, weil es sonst gar nicht anders ginge, ein Verhalten von Anlegern unterstellen, das man, weil da so oft emotional agiert wird, eben nicht unterstellen kann und darf!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 02.06.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Vom Tagestief des vorherigen Freitags bis zum Handelsende des vergangenen Freitags hat der S&P 500 sagenhafte 9,1 Prozent zugelegt. Der Nasdaq 100 hat für 9,5 Prozent sogar nur gut drei Handelstage gebraucht. Und der DAX schaffte in knapp drei Handelstagen immerhin 4,3 Prozent. Es scheint, die Bären werden ausgequetscht wie Zitronen. Aber kann man solchen Rallyes an der Börse trauen?

Um es salopp auszudrücken: Ich traue dieser an der Börse aktuell laufenden Rallye, die wirkt, als hinge der Börsenhimmel auf einmal wieder voller Geigen, nicht weiter, als ich sie werfen kann. Was aber nicht bedeutet, dass ich sie nicht mit Respekt und Vorsicht behandle.

Denn dass die logische Richtung des Marktes in dem derzeitigen Umfeld nach unten weist und sich die Rahmenbedingungen kurzfristig unmöglich und mittelfristig zumindest nicht so leicht ins Positive verkehren können, macht diese Rallye zwar endlich. Aber wann und wo genau sie enden wird, kann niemand sicher sagen. Und deswegen sollte man solche Kaufwellen entweder höchst vorsichtig mitmachen oder sich, wenn man Short bleibt, darauf einstellen, dass man in die Defensive geraten kann und deswegen mehr als sonst aufpassen muss.

Die Motive sind fast immer im Chart zu finden

Warum solche Rallyes auftauchen, ist hilfreich zu wissen, um ihre Relevanz zu bewerten. Denn die kommen immer nur scheinbar aus dem Nichts. Würde eine solche Kaufwelle auftreten, weil z.B. die Inflationsdaten rasant zurückkommen, sich die Lieferketten stabilisieren und die US-Notenbank entscheidet, die Zinserhöhungen abzubrechen, weil sich die Gesamtsituation erkennbar stabilisiert hat, wäre sie natürlich die Basis für eine nachhaltige Aufwärtswende. Aber das sehen wir ja nicht. Die Lage ebenso wie die Perspektiven sind heute genauso mies wie am vorvergangenen Freitag, als die US-Indizes neue Jahrestiefs markierten. Und da auch nicht zu erwarten ist, dass sich da etwas zum Positiven tut, werden die Käufe auch nicht nachträglich von „good news“ unterfüttert. Also wissen wir schon einmal, dass wir es mit hoher Wahrscheinlichkeit „nur“ mit einer Bärenmarkt-Rallye zu tun haben. Was aber nicht heißt, dass sie deswegen zwingend nur kurz währen müsste. Dazu ein Beispiel aus der Zeit der „Dot.Com“-Baisse 2000-2003:

Börse aktuell: Kursentwicklung Dax von 2001 bis 2002 mit Bärenmarkt-Rallye ab September 2001 | Online Broker LYNX

Wir sehen hier, dass der DAX nach dem 11. September zwar seinen Abverkauf immens beschleunigte. Aber obwohl die Angst weltweit allgegenwärtig war, führte das wenige Tage später, konkret ab dem 21. September, zu einer immensen Kaufwelle. Die aus zwei Motiven geboren wurde:

Erstens war der Markt massiv überverkauft und die Short-Seller, sprich die Bären, derart weit in der Gewinnzone, dass sie begannen, diese Gewinne mitzunehmen. Und das Eindecken von Short-Positionen in den Futures oder von zuvor leer verkauften Aktien bedeutet eben: Man muss kaufen – das zieht die Kurse nach oben. Und ähnliche Motive für Rallyes in einem negativen Gesamtumfeld finden wir immer wieder. So z.B. 2020 im März, als der DAX auf der historischen Supportlinie bei knapp 8.200 Punkten aufsetzte, die sich aus den Hochs 2000 und 2007 zusammensetzte, wie der folgende Chart zeigt:

Börse aktuell: Kursentwicklung Dax von 1999 bis 2022 mit Aufsetzen auf historischer Supportlinie und anschließender Hausse | Online Broker LYNX

Und eben auch jetzt. Sehen wir uns dazu mal den Nasdaq 100-Chart an. Dieser Index hatte von den großen, für uns relevanten Indizes zuletzt am stärksten verloren. Und eben dieser Nasdaq 100 hatte sich vorvergangene Woche der 1.000 Tage-Linie genähert. Eine Linie, die selten ins Spiel kommt, aber wenn, wird sie wichtig. So auch, wie wir im Chart sehen, im März 2020. Auch damals war diese Linie nahegekommen … und motivierte die Short-Seller, Einzudecken und damit quasi unfreiwillig die Kurse nach oben zu ziehen. Und das ist ein typisches Muster.

Börse aktuell: Kursentwicklung Nasdaq von 2020 bis 2022 und die Rolle der 1000 Tage-Linie | Online Broker LYNX

Erst kommt die Charttechnik und die Short Squeeze … und dann könnte die Hoffnung folgen

Wenn erste Bären anfangen, ihre Positionen zu schließen und dadurch die Kurse höher ziehen, entsteht daraus eine Kettenreaktion. Andere sehen, dass da etwas passiert und sehen zu, dass sie ebenfalls ihre Short-Gewinne mitnehmen. Und wenn kurzfristig orientierte Trader auf diesen Zug aufspringen … was sie meistens tun, vor allem, wenn die Eindeckungen über charttechnisch wichtigen Unterstützungen einsetzen … kann es sehr schnell und weit nach oben gehen, die verbliebenen Bären werden ausgequetscht, daher auch der Spitzname „Short Squeeze“ für solche Situationen.

Aber was, wenn die meisten „Shorties“ ihre Positionen geschlossen haben und sich die Kurse wichtigen Widerständen nähern? Also Levels, wo die Bären normalerweise dagegenhalten, die Käufe abfangen und selbst wieder attackieren würden? Dann wird es spannend. Denn wenn die Bären dann nicht zeitnah zurückkommen, sich die Kurse deutlich über dem vorherigen Tief halten, womöglich wichtige Widerstandszonen überwunden werden, werden die normalen Anleger wieder mutig. Eines dürfen wir ja nicht vergessen:

Ein großer Teil der Menschen, die Geld in den Aktienmarkt stecken, haben keine Fachkenntnisse. Ich merke immer wieder, dass viele die Problematik, die sich aus dieser Kombination so vieler Gefahrenherde derzeit ergibt, in keiner Weise erkennen. Diese Klientel würde einfach stur kaufen, wenn DAX & Co. aktuell nicht relativ bald wieder abdrehen würden, so, wie sie es auch im Sommer 2020 getan hatten. Wenn erst einmal aus Angst Hoffnung und Gier werden, ist nach oben nichts unmöglich. Immerhin würden die Käufe, die in ETFs fließen, 1:1 und sofort umgesetzt, d.h. dann würden diejenigen, die nicht ahnen, was über den Kursen an Damoklesschwertern hängt, einiges nach oben bewegen. Und dann kommt es sehr darauf an, ob neue „bad news“ anstehen oder aber der Abstieg der Konjunktur so langsam und unauffällig abläuft, dass er diese starke Emotion der Hoffnung nicht überlagern kann.

Börse aktuell: Kursentwicklung Dax im Jahr 2020 und der Beginn der Corona-Rallye mit Short Squeeze Ende März | Online Broker LYNX

2020 gelang das, aber da spielten einige Faktoren zusammen. Erstens hatte man keine Ahnung, dass die Lockdowns ein Jahr später zu massiver Inflation und Materialengpässen führen würden. Zweitens dachten viele, dass das Thema im Winter durch die erwarteten Impfstoffe dann schon durch sei. Und drittens bot die Entspannung der Lage durch den Sommer das Gefühl, es sei doch alles nicht so schlimm. Der Glaube kann halt Berge versetzen. Diesmal auch?

Diese Rallye könnte schnell enden. Aber sie muss nicht!

Momentan bezweifle ich das zwar. Aber ausschließen würde ich das lieber nicht, dafür haben wir in den letzten gut 30 Jahren schon zu viele eigentlich absurde und dennoch hartnäckige, weitreichende Rallyes gesehen. Richtig ist: Der DAX hätte jetzt das obere Ende einer Flaggenformation erreicht, die innerhalb eines übergeordneten Abwärtstrends tendenziell nach unten verlassen wird. Außerdem nähert sich der Index einer super-massiven Widerstandszone. Und er liegt jetzt bereits 2.000 Punkte über dem März-Tief, aber nur gut 1.800 Punkte unter seinem Rekordhoch. Nüchtern betrachtet wäre da nach oben also kaum noch Luft. Wenn man die Rahmenbedingungen versteht und für die eigenen Entscheidungen auch berücksichtigt.

Börse aktuell: Kursentwicklung Dax von 2021 bis 2022 mit massiver Widerstandszone | Online Broker LYNX

Aber genau das ist der Punkt. Angst ums Geld bringt emotionale Handlungen hervor. Und wer kauft, „kauft sich frei“, zumindest im Kopf. Ich würde daher nicht darauf wetten, mich aber auch nicht allzu sehr wundern, würde es der DAX wirklich noch in die Widerstandszone 14.800 zu 15.050 Punkte bzw. an die 200-Tage-Linie bei momentan 15.100 Punkten schaffen. Und dann kommt es eben darauf an:

Wenn das Lager der Bären jetzt oder denn eben erst in dieser Widerstandszone zurückkommt, kann der DAX die letzten Zwischentiefs durchschlagen wie nichts, die Rahmenbedingungen geben das allemal her. Dann würden auch diejenigen, die zuletzt voller Hoffnung auf die Wende gekauft haben, schnell zurückziehen.

Kommen die Short-Seller aber nicht oder nur zu zögerlich zurück, können Belanglosigkeiten wie z.B. die längst bekannte Aussage, dass die US-Notenbank „nur“ mit 0,50 Prozent-Zinsschritten weitermachen und im Herbst mal eine Pause machen und die Wirkung der Maßnahmen prüfen will, zu Kurstreibern werden, Die Realität würde, wie so oft, in der Besenkammer verschwinden und der DAX sonst wohin steigen. Daher:

Nein, ich traue dieser Rallye an der Börse aktuell nicht über den Weg. Aber ich unterschätze sie auch nicht. Da von Tag zu Tag neu entschieden wird, wer am Markt aktiv wird und wie man die Fakten interpretiert, sind und bleiben solche Bewegungen unberechenbar. Einfach mitlaufen? Brandgefährlich, weil es gegen den übergeordneten Trend geht. Dagegenhalten? Brandgefährlich, weil man nicht wissen kann, wie weit es noch nach oben geht. Vorsichtig und mit gezielt kleinen, eher kurzfristigen Positionen agieren? Gute Idee!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 27.05.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Walmart und Target gehen nach – für viele überraschend – schwachen Quartalszahlen in den Sinkflug über und der US-Notenbanker Patrick Harker formuliert einen Satz, der manche Trader aufgeweckt haben könnte. Noch haben aber die meisten weiterhin nicht realisiert, was das für ein Weg ist, auf dem sich Wirtschaft und Aktienmarkt mittlerweile befinden.

Patrick Harker, der Chef der regionalen US-Notenbank von Philadelphia, hatte am Mittwochabend folgendes gesagt: Ich prognostiziere keine tiefe Rezession … wenn wir keine sanfte Landung schaffen, dann doch wenigstens eine sichere. Das ist ein Satz, der es in sich hat. Denn daraus darf man ableiten, dass er schon mit einer Rezession rechnet, nur eben nicht mit einer starken. Und das ist eben etwas anderes als die „sanfte Landung“ der US-Wirtschaft trotz höherer Leitzinsen, die von Fed-Chef Powell oder Finanzministerin Yellen, zuvor ja ebenfalls Fed-Chefin, propagiert wird. Und wenn man mal genau überlegt, was da derzeit passiert und welche Folgen daraus entstehen dürften, wird deutlich, dass selbst eine sichere Landung keineswegs ausgemachte Sache, sondern im Gegenteil eher fraglich ist.

Diese Bilanzzahlen waren wichtig, weil sie den April mit drin haben

Und bislang scheinen dieses Risiko nur wenige zu realisieren. Für mich war da die Reaktion auf die verfehlten Gewinnprognosen der US-Supermarktketten Walmart und Target exemplarisch. Die Analysten hatten zwar Schätzungen abgegeben, die einen gegenüber dem Vorjahresquartal niedrigeren Gewinn avisierten, so z.B. 1,48 US-Dollar pro Aktie für Walmart nach 1,69 US-Dollar im Vorjahresquartal. Und erfahrene Anleger wissen, dass die meisten US-Analysten gezielt zu tief schätzen. Dass sie diesmal nicht tief genug schätzten, deutet an, dass in dieser Zunft auch viele noch nicht wahrhaben wollen, was gerade passiert. Nun, der Gewinn von Walmart kam mit 1,30 US-Dollar noch tiefer herein, 23 Prozent unter Vorjahr. Und bei Target sah es wie folgt aus: 3,69 US-Dollar pro Aktie Gewinn im Vorjahresquartal, 3,07 US-Dollar im Schnitt geschätzt, 2,19 US-Dollar wurden es. Also 40 Prozent weniger als im ersten Quartal 2021. Die Reaktion der Aktie am Mittwoch, hier im Wochenchart mit den Kursen bis einschließlich Mittwoch dargestellt: -25 Prozent. Das ist herb.

Börse aktuell: Kursentwicklung Target Aktie vor und nach den Quartalsergebnissen im Mai 2022 | Online Broker LYNX

Was bei diesen Bilanzzahlen entscheidend war: Sie haben den April mit drin. Denn bei den US-Einzelhändlern endet ein Geschäftsjahr nicht am 31.12, sondern nimmt den Januar noch mit hinein. Dementsprechend ist dieses Waterloo das Resultat der Monate Februar bis April. Was klar macht, dass die oft noch sehr guten Quartalsbilanzen vieler Unternehmen, die zuletzt auf den Tisch kamen, nicht so gut bleiben müssen, denn die haben die Monate Januar bis März abgebildet. Und ein Wirtschaftsabschwung braucht seine Zeit, um in Fahrt zu kommen, vor allem, wenn er mit Inflation einhergeht. Warum?

Noch läuft die Bugwelle … und von der lassen sich viele täuschen

Weil im Konsumbereich erst einmal das Gegenteil passiert: Es wird mehr gekauft. Das klingt im ersten Moment absurd, ist aber erklärbar. Die Meldungen, dass der Großteil der Hersteller und Einzelhändler auch weiterhin seine Preise erhöhen will, sprechen sich ja auch außerhalb der Investoren herum. Was tun die Leute? Sie kaufen jetzt schnell noch, was sie eigentlich irgendwann, später mal, anschaffen wollten, weil sie davon ausgehen, dass sie jetzt noch einen besseren Preis bekommen.

Das geht sogar so weit, dass man schnell noch einen Kredit aufnimmt, weil man so mit einem noch niedrigeren Zins etwas zu einem noch niedrigeren Preis kaufen kann. In meinem persönlichen Umfeld kenne ich sogar einige, die deswegen Dinge angeschafft hatten, die sie eigentlich sonst nicht gekauft hätten. Die Angst vor weiter deutlich steigenden Preisen kann also wirken wie ein „Black Friday“ für alles: Man kauft nur, weil es scheinbar noch billig und bald wieder teurer ist und nicht, weil man es braucht. Dadurch entsteht eine Art Bugwelle, der Konsum zieht zunächst an, statt nachzugeben.

So etwas ist nicht neu, aber vielen dennoch nicht bewusst, weil die meisten Menschen ja eher nicht merken, dass das, was sie selber tun, auch andere machen. Daher wirkt es derzeit für viele, als sei dieses ganze Gerede über eine Rezession ausgemachter Blödsinn, weil doch gekauft wird wie entfesselt und so viele Unternehmen Top-Bilanzen abgeliefert haben. Das haben wir 2008 genauso erlebt. Aber viele, die heute zu den Anlegern zählen, waren damals eben noch nicht mit an Bord.

Der folgende Chart zeigt, dass die deutsche Industrieproduktion damals noch lange Zeit zulegte, obwohl die US-Immobilienblase bereits 2007 geplatzt war und die de facto-Auswirkungen bereits überall erkennbar waren. Auch damals gab es anziehende Preise, vor allem bei den Rohstoffen, weil eine Hysterie umging, es werde zu einer Hyperinflation kommen und nur in Rohstoffen wäre das Geld sicher, weil ja die Immobilienpreise gerade kippen. Was natürlich Unsinn war, aber zeitweise hatten wir da Kurse bei Rohöl oder Kupfer, bei denen einem die Spucke wegblieb … bevor die Preise in sich zusammenbrachen.

Börse aktuell: Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland von 2006 bis 2010 | Online Broker LYNX

Richtig übel wurde es damals erst Monate später. Und genau diese Perspektive haben wir derzeit auch. Das dicke Ende ist unterwegs, nur eben noch nicht da. Davon lassen sich viele nur zu gerne täuschen. Aber wie geht es denn nun weiter?

Bei Anschaffungen könnte Abwarten besser sein, denn …

Eines dürfte sich von 2008 nicht unterscheiden: Sobald diese Bugwelle an Vorkäufen aus Angst vor noch weiter steigenden Preisen endet, fällt der Konsum natürlich in ein Loch. Das umso größer wird, weil dadurch der Ernst der Lage offenkundiger wird und viele gezielt ihr Geld zusammen halten. Die Folge ist eigentlich logisch … und genau das passierte 2008 natürlich auch, wie der folgende Chart zeigt. Und mehr noch: Die Inflation wird womöglich nicht nur sinken, sie könnte sogar ins Gegenteil umschlagen, eine Deflation beginnen. Weil?

Börse aktuell: Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland und die Inflationsrate im Verleich von 2005 bis 2010 | Online Broker LYNX

Weil eben die Nachfrage nach der Vorkäufe-Bugwelle massiv sinkt und damit das derzeit zu knappe Angebot wieder „passt“, die Lieferketten zur Ruhe kommen, der Chipmangel endet. Da die Preise bei den meisten Rohstoffen eben wegen dieser Lieferengpässe so extrem gestiegen sind, ist das realistisch. Wer nicht unbedingt jetzt etwas Größeres anschaffen muss, sollte daher überlegen, ob man nicht besser auf diese Entwicklung spekulieren und warten soll, z.B. im Fall der Anschaffung eines Neuwagens.

Einen deflationären Effekt kann auch das Vorgehen der Notenbanken haben. Denn höhere Zinsen verknappen Geld, vor allem, wenn man es dem Markt noch entzieht, wie es die US-Notenbank ab Juni tun wird, indem sie den Anleihemarkt mit ihren Eigenbeständen flutet. Damit könnten die ja jetzt gelassen sein: Sie werden ihr Ziel, die Inflation zu stoppen, wohl erreichen, womöglich sogar binnen neun bis zwölf Monaten. Und dann, passt dann wieder alles? Da kommen wir zu dem Punkt, der mir Sorgen bereitet. Ich fürchte, dass dann keineswegs alles wieder passen wird.

Der Bremsvorgang könnte die Räder blockieren

Denn ich vermute, dass auf dem Weg dahin, zu einer wieder ausgeglichenen Angebot-/Nachfrage-Situation und Inflationsraten um zwei Prozent, einiges an Porzellan zerschlagen wird, das sich so leicht nicht mehr kitten lässt. Und ich fürchte, dass dieser Effekt so vehement sein könnte, dass es den Notenbanken dann nicht gelingt, den Motor nach der Vollbremsung wieder ins Laufen zu bekommen. Ein Aspekt ist das Zinsniveau an sich.

Das wäre weniger ein Problem für die Briten oder die US-Amerikaner, denn die haben längst angefangen, die Leitzinsen anzuheben. Dementsprechend werden da schnell Levels erreicht, die den Konsum (unsanft) ausbremsen. Zwar mit womöglich fatalen Folgen. Aber man hätte eben auch einen Sockel aufgebaut, von dem aus man wieder absteigen könnte. Das Problem ist doch Folgendes:

Viele Unternehmen und Privathaushalte haben mehr Schulden aufgehäuft, als ihnen gut tun würde. Was wegen der so viele Jahre lang extrem billigen Kredite nicht wundern darf. Aber wenn die Zinsen jetzt wieder anziehen, bricht das Kartenhaus zusammen. Ich habe Nachbarn, die gerade versuchen, ihre Hausfinanzierung mit einem Forward-Darlehen zu jetzt noch nicht so immens gestiegenen Zinssätzen abzusichern. Zinsangebote haben, wie ich da erfuhr, momentan eine Gültigkeit von nur drei Tagen … und jedes Mal, wenn eine solche Frist abläuft, weil man so schnell seine Unterlagen gar nicht übermittelt bekommt, ist das neue Angebot teurer.

Wenn dadurch immer mehr Menschen Probleme mit ihren Hypotheken und Krediten bekommen, wird der Konsum nicht nur durch das Loch als Folge der Vorkauf-Bugwelle unter Druck stehen, sondern auch durch den Umstand, dass für immer mehr Menschen immer weniger Geld übrig ist. Zugleich pflegen Banken, wenn erste Kredite platzen, ihre Vergabekriterien rigider zu gestalten. Das ist wie eine konjunkturelle Vollbremsung mit blockierenden Rädern. Um die Sache dann wieder ins Laufen zu bekommen, müsste man die Zinsen wieder senken, die Nachfrage also stimulieren. Aber wie, wenn man den Zins vorher gar nicht nennenswert angehoben hat? Sehen sie hier einmal, wie sich die Lage gerade darstellt bzw. wie es 2008 abgelaufen war:

Börse aktuell: Entwicklung EZB-Leitzins und Rendite von Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit im Vergleich von 2001 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die EZB hatte 2006 und 2007 die Leitzinsen angehoben, dann aber lange, sehr lange gewartet, bis sie auf die wegbrechende Wirtschaft reagierte. Auch, weil man nicht erkennen wollte, dass diese scheinbare Stabilität nicht von Dauer sein würde. Dann wurde der Zins zwar rasant gesenkt. Aber die Eurozone erholte sich nicht mehr wirklich, dafür hatte man einfach zu spät reagiert. Europa torkelte umgehend in die nächste Krise, die sogenannte Euro-Krise. Die nur marginal angehobenen Leitzinsen mussten ruckzuck erneut gesenkt werden … und stehen seither bei null. Obwohl die Wirtschaft sich stabilisiert hatte. Der Grund: Die Schuldenblase. Man hatte eben ein Übermaß an Verschuldung provoziert, das einem auf die Füße fallen würde, wen man die Zinsen wieder anhebt. Was genau jetzt passiert, weil die Inflation das erzwingt. Und noch ein Aspekt mahnt zur Vorsicht: die Gefahr einer Lohn/Preis-Spirale.

Die Gefahr einer Lohn/Preis-Spirale einfach abzutun, ist grob fahrlässig

Was passiert denn, wenn zu vielen Verbrauchern das Geld ausgeht, der Konsum einbricht, man händeringend nach Stimuli schreit? Es muss nicht, kann aber dazu kommen, dass die Unternehmen versuchen, die Lage dadurch zu lindern, dass sie – zu Lasten der eigenen Gewinne, nicht gut für den Aktienmarkt – die Löhne so erhöhen, dass die Verbraucher ihren bisherigen Standard wenigstens einigermaßen halten können. Das kann durch öffentlichen und gewerkschaftlichen Druck forciert werden. Aber was wäre die Folge?

Dadurch steigen dann die Kosten für die Unternehmen noch mehr. Also versuchen sie die Preise anzuheben. Was, da die Verbraucher ja höhere Löhne erhalten, auch einigermaßen durchsetzbar ist. Aber damit ist dann den Verbrauchern wieder das genommen, was sie an Lohnerhöhungen hatten, denn die Preise sind ja – deswegen – schon wieder gestiegen. Das kann in eine regelrechte Spirale münden, wie wir es z.B. hierzulande in der Rezessionsphase Anfang der Neunzigerjahre erlebt hatten.

Börse aktuell: Entwicklung Lohnwachstum in Deutschland und die Inflation im Verleich von 1984 bis 2022 | Online Broker LYNX

Das muss, wie gesagt, nicht so kommen. Aber würde eine solche Lohn/Preis-Spirale einsetzen, hieße das, dass die Inflation dadurch eben nicht gestoppt wird … und die Notenbanken sich dadurch genötigt sehen, die Zinsen noch weiter anzuheben, obwohl der Konsum, inflationsbereinigt, sinkt. Da sie die Lohnpolitik nicht beeinflussen können, kann es dann dazu kommen, dass mit den dauernd mitziehenden Löhnen und den höheren Zinsen zwei Schaufeln zeitgleich Sand auf den Sarg des Wachstums kippen.

Wir sind vermutlich immer noch in der Verdrängungsphase

Hat man das am Aktienmarkt erkannt bzw. eingepreist? Ich meine nein. Denn natürlich ist eine derartige Situation, die, wie US-Notenbank-Chef Powell letzte Woche sagte, kein historisches Vorbild hat, ein besorgniserregendes, aber auch schwer in seiner Gesamtheit erfassbares Problem. Und wer kann, schiebt Probleme von sich, indem man sie aus der Wahrnehmung verbannt. Das gilt ja sogar für die Profis am Finanzmarkt, wie wir am folgenden Chartbild erkennen, das die aktuelle Lageeinschätzung der deutschen Konjunktur durch vom ZEW-Institut befragte Finanzmarktexperten abbildet.

Börse aktuell: Entwicklung ZEW Index von 2006 bis 2022 | Online Broker LYNX

Im Vorfeld der geplatzten Immobilienblase war diese Einschätzung zwar zurückgekommen. Aber man bewegte sich bis Anfang 2008 immer noch im positiven Terrain … und mit diesem Index auch der Aktienmarkt. Erst, als das Kind so richtig im Brunnen lag, ging es mit dieser Einschätzung dramatisch abwärts … und mit DAX & Co. dann auch.

Erst, wenn die Vorkäufe-Bugwelle vorüber ist, die Leitzinsen auch hier steigen, die ersten Kredite platzen, ist damit zu rechnen, dass die Verdrängungsphase in die Erkenntnisphase übergeht. Dann wird es für den Aktienmarkt ungemütlich, zumal da ja noch ein anderer Aspekt wartet: die Anleihen.

Wenn die Notenbanken die Zinserhöhungen abbrechen, wird es erst richtig eng

Es wäre durchaus möglich, dass die Notenbanken ihre Straffung der Geldpolitik (die man, um Wasser in den Wein zu gießen, „Normalisierung“ nennt) abbrechen müssen, weil die Konjunktur schnell und viel zu stark in sich zusammenbricht. Kommt es dazu, würde die Inflation ja auch auf diesem Wege enden, wie oben schon dargelegt. Aber die Rezession wäre eben trotzdem da und so schnell nicht wegzubekommen. Dann sacken die Unternehmensgewinne rasant weg, dann werden Dividenden gekürzt oder gestrichen. Und genau dann schlägt die Stunde der Anleihen.

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX und Rendite von Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit im Vergleich von 2006 bis 2010 | Online Broker LYNX

Denn erst in dem Moment, in dem die Notenbanken andeuten, dass die Zinsen vorerst „oben“ sind, beginn massiv Geld in Anleihen zu fließen. Dann ist das Hoch der Rendite erreicht, d.h. man kann damit rechnen, vorerst nicht mehr Zins zu bekommen. Und auch, wenn man derzeit für deutsche Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit „nur“ knapp über ein Prozent Rendite bekommt:

Erstens war die jahrelang negativ und die jetzige Rendite ist die beste seit 2014. Zweitens ist ein Prozent bekommen oder nicht bekommen bei sicherem Erhalt des eingesetzten Kapitals durch die Rückzahlungsgarantie des Bundes besser als ein galoppierender Kapitalschwund in einem Abwärtstrend am Aktienmarkt. Und auch wenn die Rendite viel niedriger ist als die Inflationsrate: Die Rendite bleibt auf dem gleichen Level, für Jahre, die Inflation aber kann und dürfte sinken … während Aktien immer noch fallen. Genau das führte, wie der vorstehende Chart zeigt, dazu, dass die Renditen der deutschen Anleihen ab Sommer 2008 kräftig nachgaben. Die EZB avisierte beginnende Zinssenkungen, die Rendite war also „oben“. Und sinkende Anleihe-Renditen werden ja durch steigende Kurse generiert, sprich es wurde massiv gekauft. Zu Lasten, Sie sehen es, des Aktienmarkts.

Fazit: Die Perspektiven sind kritisch … jetzt ist kein Leichtsinn mehr angebracht

Die derzeitige Situation zeigt an allen Ecken und Enden Herausforderungen und kaum jemand wäre ausreichend darauf vorbereitet bzw. imstande, sie sicher zu lösen. Die Notenbanken navigieren auf Sicht … und die reicht derzeit nicht weit. Und wenn ich mir ansehe, wie extrem die Kurse ohne Ansehen der Gesamtlage hochgezogen werden, wenn eine Abrechnung am Terminmarkt ansteht, so wie es am Freitag der Fall war, habe ich den Eindruck, dass da immer noch umfassend und leichtfertig herumgezockt wird, als sei der Aktienmarkt nicht riskanter als ein Tag auf dem Ponyhof. Draußen, außerhalb der Börsensäle, verschulden sich Leute noch mehr, nur, weil das Schuldenmachen in Kürze noch teurer wird. Und kaum jemand erkennt das Gesamtbild.

Das sind Perspektiven, die zumindest eine unschön hohe Wahrscheinlichkeit bieten, dass wir im Herbst, in einem halben Jahr, eine sehr ernste Gesamtsituation vorfinden werden. Und um da dann stabil auf beiden Beinen dazustehen, muss man jetzt und nicht erst dann zusehen, dass man sich in Sachen Geld auf sicheres Terrain begibt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 19.05.2022, Chartquelle marketmaker pp4