Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 18.-24.01.2021

too big to run: Die Crux der „großen Adressen“

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Zum DAX

Erst reagiert der Aktienmarkt ewig nicht auf wachsende Risiken und wirkt dadurch unverwundbar, dann plötzlich brechen die Kurse doch noch ein. Das passiert immer wieder und wirkt völlig unlogisch. Und diese scheinbare Unverwundbarkeit angesichts steigender Gefahren wiegt so manchen Anleger in trügerischer Sicherheit, die dazu führt, dass viele nicht aussteigen, wenn es dann eben doch ernst wird. Was steckt hinter diesem Phänomen? Die Ursache findet sich bei den sogenannten „großen Adressen“.

Die Lage ist eigentlich kritisch, aber ob DAX oder Dow Jones, die großen Aktienindizes sind auf Rekordkurs. Dabei müssten an der Börse aktuell die Marktteilnehmer doch eigentlich wissen, dass sich die Rahmenbedingungen nicht so entwickelt haben, wie sie das erwartet hatten, als im Frühjahr/Sommer 2020 das große Kaufen begann. Und doch steigt scheinbar niemand aus, wird immer weiter gekauft. Der Aktienmarkt wirkt, als könne ihn nichts aufhalten. Doch die Börsenhistorie lehrt uns: der Schein trügt. Ob 1929, 1987, 2000, 2008 oder zuletzt im Frühjahr 2020 (siehe der folgende Chart), irgendwann brechen die Kurse dann eben doch ein, wenn die Last der negativen Einflüsse zu groß wird. Nur:

Börse aktuell: Entwicklung des DAX von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Warum passiert so etwas meist mit großer Zeitverzögerung? Warum wirkt es, als stünden die Akteure auf der Leitung, während man die Risiken außerhalb der Börsensäle mit Händen greifen kann? Angeblich handelt man an der Börse doch die Zukunft, so aber wirkt es, als sei man dort mit den Reaktionen monatelang hintendran, zumindest, wenn es um Abwärtsbewegungen geht. Das hat Gründe, die man aber nicht auf den ersten Blick erkennt. Entscheidend ist dabei die untrennbare Symbiose zwischen den vielen „passiven“ Sparern und denen, die deren Geld verwalten.

Warum die „alten Hasen“ tun müssen, was ihnen die „Frischlinge“ vorgeben

Wenn ein Sparer nicht selbst investiert, sondern investieren lässt, indem er sich einen ETF kauft, der 1:1 den Markt widerspiegelt, in Fonds einzahlt oder Geld in Spar- oder Rentenpläne mit Aktienanteil steckt, geht er davon aus, dass dort erfahrene Menschen sitzen, die das Beste für sein Geld herausholen. Damit hat der Sparer im Prinzip auch Recht. Doch die Sache hat einen Haken.

Die Entscheider bei diesen sogenannten „großen Adressen“, den institutionellen Investoren, mögen viel Erfahrung haben, aber am Ende müssen sie tun, was diejenigen, die diese Erfahrung nicht haben und ihnen deshalb ihr Geld überantworten, vorgeben. Denn was passiert mit einem Aktienfonds, der aufgrund zunehmender Risiken eine höhere Barreserve hält, lassen wir es mal 20 Prozent sein?

Er verliert seine Kunden an die, die das nicht tun, die nur eine winzige Barreserve halten und deshalb eine bessere Performance erreichen. Cash erzielt nun einmal keine Performance. Ja, aber, könnten Sie nun einwenden: Wenn der vorsichtige Fonds Recht behält, weil die Kurse sinken, werden die Kunden erkennen, dass sie da viel besser gefahren sind, weil dessen Performance durch eine flexible, umfassende Anpassung der Barreserven an die Lage mittelfristig mehr Gewinn macht. Theoretisch schon. Nur hat diese Überlegung eben einen Haken:

Die Sorge, Kunden zu verlieren, führt dazu, dass kaum ein Fonds an der Börse aktuell den Mut hat, höhere Cash-Reserven zu halten, weil man dort eben auch weiß: Wenn alle anderen das zufließende Geld sofort und fast restlos anlegen, steigen die Kurse nun einmal. Und wenn die Kurse steigen, wird immer mehr Geld an den Markt fließen, weil diejenigen, die es den Institutionellen vor die Tür karren, eben neu an der Börse und/oder ohne Fachkenntnis sind. Sie orientieren sich daher nicht an Hintergrunddaten oder Konjunkturdaten, sie vertiefen sich nicht in Unternehmensbilanzen oder Hintergrundanalysen. Sie sehen nur eines: Am Anleihemarkt wird das Geld eher weniger, siehe der folgende Chart, auf dem Konto ebenso, also mache ich da mal mit bei dieser „Aktiensache“. Und wenn die Kurse steigen, warum damit aufhören?

Börse aktuell: Entwicklung der Rendite von US-Staatsanleihen von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn ein Fonds also zu vorsichtig ist, strömen die Kunden und ihr Geld an ihm vorbei, weil diejenigen, die neu hinzukommen, diese Vorsicht nicht zu schätzen wissen. Sie sehen nur eine dadurch tendenziell niedrige Performance und gehen woandershin.

Ein scheinbares „Perpetuum Mobile“

Die Kurse steigen also, weil viele genauso denken und handeln. Ein scheinbares Perpetuum mobile, bei dem die Rahmenbedingungen keine Rolle spielen. Die Hausse nährt die Hausse, eben weil die institutionellen diese Verhaltensweise erkennen und genau deswegen neues Geld auch immer umgehend in den Markt geben, um den „Schornstein der Hausse“ weiter rauchen zu lassen.

Die erfahrenen Entscheider auf Seiten der großen Adressen mögen das Unheil an der Börse aktuell kommen sehen, sie haben dennoch keine Wahl: Das Geld muss arbeiten … und weil das funktioniert, kommt noch mehr Geld, das die Kurse treibt, was wiederum dazu führt, dass immer mehr Geld an den Markt fließt.

Erneut könnten Sie einwenden: Aber in einer Situation wie dieser halten doch viele ihr Geld lieber beisammen! Stimmt. Werfen wir dazu einem Blick auf die Sparquote in den USA, d.h. auf den prozentualen Anteil des Einkommens, der gespart wird (siehe der folgende Chart). Auch, wenn diese Sparquote nach dem ersten Schock im Frühjahr 2020 deutlich zurückgekommen ist, so liegt sie per Ende November, das sind die aktuellsten Daten, immer noch bei 12,9 Prozent und damit höher als in den letzten knapp 40 Jahren, ausgenommen eben die Monate unmittelbar davor.

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote in der USA von 1980 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber was heißt „Sparen“? In den USA mehr noch als bei uns heißt das eben, dass man sein Geld nicht in den Konsum steckt, sondern „anlegt“. Und überlegen wir mal: Die Lage ist eigentlich ernst, aber die Kurse steigen an der Börse aktuell. Wir gehen hier von der großen Zahl passiver Anleger aus, d.h. denen, die eben kein Fachwissen und/oder Erfahrung haben, deswegen ihr Geld anlegen „lassen“ und somit als einzige Orientierung haben, dass ihr Geld mehr wird … oder nicht. Warum sollte diese (riesige) Klientel nicht weiter ihr Erspartes dorthin stecken, wo es sich vermehrt? Zumal diese Sparer ja sehen, dass der Aktienmarkt trotz Krise steigt und daraus schließen müssen, dass es risikolos ist, hier Geld zu investieren? Zumal man sich überlegen könnte, dass die Kurse, wenn die Krise vorbei ist, ja erst Recht steigen müssen?

Sie sehen, hier entsteht ein sich selbst nährender Kreislauf unter Ausschluss der Realität:

Die passiven Sparer kaufen, das treibt die Kurse, weil die institutionellen Investoren dieses Geld umgehend anlegen, das bestärkt die passiven Sparer darin, richtig zu handeln und noch mehr Geld zu überweisen. Verrückt, aber zugleich nachvollziehbar. Aber wieso kommt es dann eben doch immer wieder zu massiven Abwärtsbewegungen? Da kommt die Achillesferse der unverwundbaren Hausse ins Spiel: Die Emotionen einerseits und die Kehrseite zu geringer Cash-Reserven andererseits.

Der Lawineneffekt I: Wenn wackere Sparer wanken

Es gibt einen „Punkt X“, dessen Zeitpunkt des Eintretens niemand vorhersehen kann, weil sich die Sache auf der Ebene der unberechenbaren Emotionen abspielt. Folgende Elemente spielen mit hinein, wenn es dazu kommt, dass dieser Punkt erreicht wird und die ganze Sache schiefgeht.

Zunächst einmal dürften mir wohl nur wenige Akteure widersprechen, wenn ich behaupte, dass es drei Ebenen des Schmerzes für einen Anleger gibt. Ebene 1 ist: Ich liege schief und erleide Verluste. Nicht schön, aber weniger hässlich als Ebene 2: Ich verpasse eine Gelegenheit, die Kurse steigen ohne mich. Das ist richtig bitter, wird aber übertroffen von Ebene 3: Ich verliere einen zwischenzeitig erreichten Gewinne wieder. Fatal. Das tut weh. Warum? Weil wir, da wir nun einmal keine Roboter sind, das Gefühl bekommen, dass ein Gewinn mir gehört, obwohl er noch gar nicht realisiert ist. Beispiel:

Ich habe eine Aktie zu 100 Euro gekauft und die ist jetzt auf 120 Euro gestiegen. Wieviel Geld habe ich? Richtig wäre: Keinen müden Cent, solange, bis ich verkauft habe und das Geld wieder auf dem Konto ist, denn aus 120 Euro können, wenn irgendwas Unerwartetes passiert, über Nacht 50 oder gar 0 Euro werden. Gefühlt aber habe ich eben 120 Euro. Und die will ich nicht mehr hergeben … aber eigentlich auch nicht verkaufen. Denn es könnte ja noch mehr werden, nicht wahr?

Das führt zu zwei widerstreitenden Emotionen: Zu Angst, ich könnte meinen Gewinn wieder verlieren. Und zu Gier, die mir sagt, da ist bestimmt noch viel mehr Gewinn drin.

Die Angst beginnt erst dann die Oberhand zu gewinnen, wenn der Gewinn so groß ist, dass mir ein kleiner Mann im Ohr sagt, dass das so viel mehr ist, als eigentlich zu erwarten war, dass man das Geld lieber mitnehmen sollte. Wenn dieser kleine Mann auch noch mit den unterbewusst ja vorhandenen und nur verdrängten Informationen ankommt, dass die Lage ja eh kritisch ist und es vielleicht doch mal kippt, ja dann wird der eine oder andere auf einmal doch zum Verkäufer und verwandelt seine Fondsanteile oder ETFs in Bares.

Naja, der eine oder andere, das kippt doch keinen Trend! Nein, das nicht. Was den Trend kippt, ist der Umstand, dass aus einigen wenigen leicht viele und aus vielen alle werden können, zumindest, wenn die Rahmenbedingungen negativ sind. Die, die Anleger ja entweder nicht kennen oder ignorieren? Ja, genau die, denn:

Es gibt einige, die wirklich keine Ahnung davon haben, dass sich da eine Schere zwischen Kursen und Rahmenbedingungen an der Börse aktuell aufgetan hat. Aber es gibt sehr viele, die das wissen oder zumindest ahnen, die das aber, vom eigenen Gewinn in Sicherheit gewogen, verdrängen. Verdrängen aber bedeutet: Die Information ist da, sie ist nur in die Besenkammer verbannt worden. Und solche Fakten pflegen schlagartig dann wieder präsent zu sein, auf einmal die Wahrnehmung komplett zu beherrschen, wenn die Kurse fallen und damit die Basis der Verdrängung wegfällt. Von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt … dieser alte Spruch gilt auch und gerade für dieses Phänomen.

Warum es scheinbar ohne Grund dann doch kippt

Je höher und länger die Kurse steigen, je weniger die Rahmenbedingungen dazu passen, desto näher rückt der Moment, an dem eine Kettenreaktion entsteht, eine Lawine losgetreten wird.

Und das kann dann eben auch ohne jeglichen, eindeutig zuordenbaren Auslöser passieren. Warum kippten die Kurse an einem bestimmten Tag 1987, 2000, 2008, 2020 und nicht ein paar Tage oder Wochen zuvor oder danach? Da sucht man dann in den Nachrichten nach „der“ Nachricht und sucht vergebens, denn:

Meist ist es nur die Angst, gewaltige Gewinne wieder zu verlieren, die erste, größere Gewinnmitnahmen auslöst. Wenn da ein paar Akteure zu viel ankommen und ihr Geld aus dem Markt nehmen, während ausgerechnet dann zu wenige Käufer unterwegs sind, geht es eben mehr als sonst abwärts. Zu viel für diejenigen, die zwar auch Angst um ihre Gewinne hatten, bei denen die Gier aber noch zu groß war, um auszusteigen. Und dann kommt auch noch der oben erwähnte kleine Mann im Ohr und flüstert denen, die diese Erkenntnis nur verdrängt hatten, zu: Du weißt doch, die Lage ist gefährlich …

Too big to run: die „Großen“ können nicht einfach aussteigen

Dann ist die Lawine losgetreten und nicht mehr aufzuhalten. Ohne „externen“ Auslöser. Und die Rolle der großen Adressen ist in diesem Moment erneut eine fatale. Denn ebenso, wie die gefährlich niedrigen Barreserven aus Angst vor der Konkurrenz die Hausse unnatürlich lange am Leben erhalten kann, sorgt dieser Faktor auch dafür, dass eine kalte Dusche umso eisiger wird.

Der folgende Chart zeigt, wie niedrig z.B. die Barreserven bei den US-Fonds derzeit sind: sie liegen im Schnitt bei nur vier Prozent. Diese Grafik geht 40 Jahre zurück und macht deutlich, dass wir uns da am unteren Ende der langfristigen Spanne bewegen. Was bedeutet das?

Börse aktuell: Entwicklung der Barreserven der US-Fonds 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Das bedeutet, dass die institutionellen Investoren an der Börse aktuell aufgrund ihrer nahezu hundertprozentigen Investitionsquote nur geringe Möglichkeiten haben, sich dem Auf und Ab des Gesamtmarkts zu entziehen. Unproblematisch, wenn es aufwärts geht, ein übles Problem, wenn es abwärts geht. Denn mal eben, wenn die See rauer wird, auf 20 Prozent Cash hochzufahren, das geht eben nicht so einfach, weil wir hier von gigantischen Portfolios sprechen. Wollte auch nur ein größerer Fonds ein Zehntel seines Portfolios an einem Tag loswerden, wäre das so viel mehr als die übliche Nachfrage seitens der Käufer, dass damit der Kurseinbruch ausgelöst würde, dem man eigentlich entkommen wollte. Und wir reden von Hunderten riesiger Fonds, dazu kommen die Pensionskassen und Versicherungen mit ihren Aktienanteilen. Das heißt:

Diese großen Adressen sind „too big to run“, sie sind zu groß und zu schwerfällig, um einer Lawine entkommen zu können.

Nur schwieriger ist die Lage dann für die ETFs, denn um die ihnen zugrunde liegenden Indizes oder Themenbereiche 1:1 abbilden zu können, muss das zufließende Kapital sofort und nahezu komplett investiert werden.

Was ist die Folge, wenn die Anleger sehen, dass die Blase der Zuversicht platzt, die ersten verkaufen, die Kurse kippen und deswegen zügig ihr Geld abziehen? Dann tritt die Crux der großen Adressen erst so richtig zutage:

Der Lawineneffekt II: Der unsichtbare Kampf der Institutionellen

Denn da sie kaum Barreserven haben, müssen diese institutionellen Investoren dann Positionen verkaufen, um imstande zu sein, den Sparern ihr Geld zurückzugeben, die wegen fallenden Kursen aussteigen wollen. Das erhöht also den Abgabedruck noch weiter. Noch mehr Akteure werden nervös und wollen raus, die Institutionellen müssen noch mehr verkaufen … die Lawine wird also immer größer und schneller, wie wir es nicht nur beim Beispiel des „Corona-Crashs“ erlebt haben. Das ist schlicht ein normales Phänomen, das aus dieser Crux der geringen Cash-Reserven geboren wird.

Natürlich wollen die großen Adressen vermeiden, dass es dazu kommt. Aber wie? Der einzige Weg zu verhindern, dass den Sparern die kritischen Rahmenbedingungen wieder ins Bewusstsein kommen ist, den Grund dafür anzugehen: die kippenden Kurse. Wie?

Indem man kauft, statt zu verkaufen, die Kurse stabil hält, damit die Marktstimmung nur ja nicht kippt. Denn wenn erst einmal ein Exodus der Sparer einsetzt, verdienen diese institutionellen Investoren ja immer weniger, sie leben ja von ihren Kunden. Das Motto heißt also: Gegenangriff, Flucht nach vorne.

Diejenigen, die anderer Leute Geld verwalten, kämpfen also bisweilen gegen aufkommende Unruhe der eigenen Kundschaft, indem sie noch mehr von deren Kapital einsetzen. Aber das kann nicht ewig durchgehalten werden. Bei einer durchschnittlichen Barreserve von im Schnitt vier Prozent in den USA kann das Wochen gutgehen, bedenkt man, wie gigantisch solche Portfolios sind. Aber nicht Monate.

Und diese Phase erleben wir an der Börse aktuell? Hundertprozentig sicher kann man da nie sein, denn natürlich wird so etwas nicht öffentlich verkündet. Zumal nicht alle „Großen“ eine solche Strategie verfolgen. Aber die Rahmenbedingungen würden dazu passen, dieses verblüffende Ausbleiben größerer Korrekturen, das umgehende Aufkaufen von Rücksetzern.

Was man beobachten sollte ist, ob Ausbruchsversuche nach oben jetzt abverkauft werden. Denn um mit wenig so viel wie möglich zu erreichen, gehört zu dieser Vorgehensweise auch, dass man Bestände, die zur Stützung des Marktes eingesammelt wurden, schnell wieder zu Barem macht, sobald sich die Kurse und mit ihnen die Marktstimmung stabilisiert haben, damit die Cash-Reserve länger hält. Aber wie gesagt:

Solange die Rahmenbedingungen sich nicht bessern, wird so das dicke Ende der scheinbar unverwundbaren Aufwärtstrends nur herausgezögert. Entweder, die Gesamtsituation wird zügig besser, oder wir werden in einigen Wochen erneut die verblüfften Fragen hören, warum es denn ausgerechnet jetzt doch noch abwärts ging …

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 15.12.2020, Chartquelle marketmarker pp4

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Die Diskrepanz zwischen der Situation auf der Straße und der Hausse am Aktienmarkt ist groß. Die Verbraucher halten ihr Geld zusammen, die Zahl der täglichen Todesopfer der Pandemie steigt immer noch. Hinzu kam mit dem Sturm auf das US-Kapitol der Beleg, wie schwierig die Ausgangslage in der führenden Wirtschaftsnation USA ist. Jeder weiß, dass sich diese Situation nicht in wenigen Monaten in blühende Landschaften verwandeln kann. Und doch kaufen die Anleger immer weiter. Kann das wirklich gutgehen?

Die Bilder aus Washington D.C. gehen seit Tagen durch die Medien. Dieser Anblick randalierender Menschen im amerikanischen Kongress alleine hätte vermuten lassen, dass an der Börse Panik ausbricht. Erst recht, weil der eigene Präsident diesen Mob aufgehetzt hat und trotz dieses Skandals immer noch einige republikanische Politiker die Mär der „gestohlenen Wahl“ verbreiten. Das macht jedem Investor klar, wie schwierig die Ausgangslage für die Regierung Biden ist. Wer zurückblickt auf die Anfangsphase der Regierung Obama 2009 und sich erinnert, wie zäh damals die so dringend nötigen Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft nach dem Platzen der Subprime-Blase gegen den Widerstand der Opposition durchzusetzen waren, kann doch jetzt nicht bullisch sein, quasi mit zu Berge stehenden Haaren fröhlich Long gehen?

Zumal doch eigentlich das Geld eher knapp sein müsste. Wenn in solchen Zeiten die Verbraucher verunsichert sind und ihr Geld zusammenhalten, dann werden sie doch wohl nicht das, was noch da ist, dem Risiko von Kursverlusten am Aktienmarkt aussetzen? Der Aktienmarkt kann also eigentlich nicht steigen. Tut er aber. Und dafür gibt es durchaus Erklärungen. Wobei man „Erklärungen“ besser nicht mit „guten, nachhaltigen Argumenten“ verwechseln sollte.

Der Tamagotchi-Effekt

Die Krise einfach wegzukaufen, das klingt völlig idiotisch, aber überlegen wir mal: Was tun wir, wenn wir nervös sind, uns Sorgen machen? Das „Fight or Flight“-Phänomen beginnt: Flucht … oder Attacke. Und:

Wir versuchen uns abzulenken, etwas zu tun, um uns zu beruhigen. Sogenannte Ersatzhandlungen sind nicht ungewöhnlich. Und wenn diese Ersatzhandlungen den Eindruck erwecken, dass man dadurch etwas tut, um die Lage insgesamt und für sich selbst zu verbessern, also „kämpft“, landet die Hand schnell auf dem „Kaufen“-Button.

Steigen die Kurse, entsteht der Eindruck, dass alles doch gar nicht so schlimm sein kann. Denn wäre die Lage wirklich kritisch, würden die Kurse am Aktienmarkt doch fallen. So denken Außenstehende oft, die glauben, dass die großen Indizes wie DAX und Dow Jones Spiegelbilder der Realität seien. Trader wissen, dass das keineswegs der Fall sein muss, aber in solchen Situationen sind sie nur zu gerne bereit, selbst daran zu glauben. Warum?

Weil sie überwiegend Long sind. Sie folgen einem Trend. Und der weist aufwärts. Dass dadurch eine gewaltige Schere zwischen Kursen und dem „Ist“ entstanden ist, wissen sie … aber gerade deswegen ist die Angst groß, dass dieser Trend brechen könnte. Und wenn man selbst seinen Teil dazu beitragen kann, die eigenen Gewinne zu retten, den Trend zu retten, das Trugbild eines „alles im Griff“ zu retten, indem man stur weiter Long geht und in jeden Rücksetzer hinein kauft, tut man das. Das beruhigt wie ein Tamagotchi. Vor allem, wenn es funktioniert, weil so viele genauso denken und handeln, kleine Trader ebenso wie große Hedgefonds.

Neues Jahr, neues Glück … neues Geld

Und dann wäre da ja noch diese Sache mit dem stetigen Zufluss frischen Geldes an den Markt. Solange die Hausse an der Börse aktuell läuft, werden immer mehr neue und meist unerfahrene Anleger in den Markt gelockt. Und viele, die längst dabei sind, kaufen stetig zu, solange der Trend hält. Erstere kennen die Risiken oft gar nicht. Letztere verdrängen sie gerne, solange der Trend passt.

Dadurch entsteht fast so etwas wie ein Perpetuum Mobile. Denn die großen institutionellen Investoren, also die, die Geld der Anleger über Fonds, ETFs oder Hedgefonds verwalten, können gar nicht anders, als neu zufließendes Kapital zeitnah zu investieren. Barreserven bringen keine Performance. Und wenn es darum geht zu verhindern, dass die Anleger ihr Geld zur Konkurrenz tragen, geht es bisweilen um Zehntelpunkte in der Performance. Daher investieren auch alte Hasen, die die Gefahr ahnen, neu zufließendes Geld meist umgehend. Damit wird auch aus diesem verwalteten Kapital Geld, das bewegt wird, als würden es unerfahrene Neulinge selbst investieren. Was ein Grund ist, warum sich Aufwärtstrends meist weit über den Punkt hinaus halten, an dem man von den Rahmenbedingungen her eine Abwärtswende erwarten würde. Damit nicht genug, es gibt einen weiteren Grund, warum die Kurse momentan einfach weiter steigen:

Der „Tilt-Effekt“: Selektive Wahrnehmung

Psychologen kennen dieses Phänomen aus allen Lebensbereichen: Wenn eine Gefahr die greifbare, bekannte Dimension sprengt, kommt es zu einem sogenannten „Tilt-Effekt“. Wie bei einem Flipper, der zu stark erschüttert wird: Das Gehirn reagiert einfach nicht, man macht einfach weiter, als wäre überhaupt nichts passiert. Das kennt man von gesundheitlichen, familiären, beruflichen oder finanziellen Schocks. Und man kennt es an der Börse.

Zuletzt haben wir das besonders ausgeprägt 2007 erlebt. Jeder konnte sehen, dass die Subprime-Blase platzt. Jeder sah den US-Immobilienmarkt in sich zusammenfallen. Jeder sah die Folgen für die Gesamtwirtschaft. Jeder sah, dass das die gesamte Weltwirtschaft erfassen würde. Oder besser: Jeder hätte es sehen können. Doch der Aktienmarkt machte monatelang weiter, als sei alles in bester Ordnung. Die Bedrohung war so immens, dass die meisten einfach auf mentalen Durchzug schalteten. Wie sollte es heute anders sein?

Die Pandemie, die wirtschaftlichen Folgen, die Überschuldung, zugleich brenzlig hohe Bewertungen am Aktienmarkt und jetzt auch noch die rasant zunehmende Gefahr von Unruhen in den USA. Das ist einfach zu viel. Also?

Also macht man an der Börse aktuell einfach weiter, als wäre nichts. Und beruhigt sich damit, dass alle anderen es genauso machen. Das Motto: Wenn die anderen verkaufen, kann ich ja immer noch aussteigen.

Ja, das kann man sich einreden. Aber meist reagiert man dann eben doch nicht oder zumindest viel zu spät. Und dass viele damals, im März, überhaupt nicht ausgestiegen sind und damit am Ende davonkamen, weil die Kurse Monate später wieder „oben“ waren, bestärkt diejenigen, die glauben, dass Risikomanagement Zeitverschwendung ist, in ihrer Meinung.

Entwicklung des DAX von Januar bis März 2020 | Online Broker LYNX

Das kann bedeuten, dass, wenn es diesmal kippt, noch mehr nicht aussteigen und erst dann verkaufen, wenn die endgültige Panik ausbricht, weil die Kurse eben doch nicht drehen. So erlebt 2003 und 2009, als die „Nicht-Aussteiger“ am Ende die letzten waren, die völlig entmutigt „bestens“ verkauften.

Ein weiteres Problem, das die Kurse erst treibt, bevor es deswegen nur umso heftiger scheppert, ist, so seltsam das klingen mag, Erfolg. Vor allem, wenn es um unerfahrene Anleger geht. Wieso?

Börse aktuell: Zunehmende Risikobereitschaft und zunehmende Gefahren sind Zwillinge!

Wenn etwas oft genug klappt, geht man davon aus, dass man die Sache im Griff hat. Das mag beim Sport oder beim Backen zutreffen. An der Börse führt diese Denkweise meist in die Katastrophe. Gerade neu hinzukommende Anleger … und davon gab es in den letzten Monaten viele … können nicht ermessen, wie unberechenbar die Börse aktuell ist, weil das Unerwartete dort Stammgast ist und die Emotionen der Akteure eine permanente Unbekannte in einer scheinbar so einfachen Gleichung sind.

Und wenn man die Sache im Griff hat, was tut man dann? Man wagt ein bisschen mehr. Und, wenn auch das nicht schiefgeht, einfach noch mehr. Und das tut man dann oft dort, wo am meisten zu holen scheint. Der Effekt: Überhitzte Kurse in den Bereichen, wo das Risiko ohnehin groß ist: Bei den Publikumslieblingen und bei den Small Caps, siehe der folgende Chart.

Vergleich der Entwicklung von DAX, SDAX und Nasdaq 100 von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Ein weiteres Indiz, dass sich viele an der Börse aktuell zu sicher fühlen und zu viel wagen, hatte ich schon vor zwei Wochen als Chart gezeigt: Das Volumen der „Margin Debt“ in den USA, d.h. der Kredite, mit denen Sicherheitsleistungen (Margins) im Derivatebereich finanziert werden. Das Volumen dieser Börsenkredite hatte per Ende November ein Rekordhoch von 722 Milliarden US-Dollar erreicht. Auf Kredit zu zocken verstößt gegen die oberste aller Börsenregeln. Aber wenn man damit durchkommt, warum nicht einfach noch eins nachlegen? Man darf gespannt sein, wie sich diese Margin Debt im Dezember entwickelt hat, denn da liegen noch keine Zahlen vor.

Vergleich der Entwicklung der Margin Debt mit dem Dow Jones von 1990 bis 2021 | Online Broker LYNX

Man folgt der Spur des Geldes, zumindest zum Start ins neue Jahr

All das erklärt auch, wieso einerseits der Sturm aufs Kapitol keinen Kurseinbruch auslöste, andererseits die Kurse nicht aus den Schuhen sprangen, als Trump am Donnerstagabend (US Eastern Time) auf einmal so tat, als hätte er nichts mit diesem „Riot“ zu schaffen und zugleich staatsmännisch eine geordnete Amtsübergabe versprach. Denn das reduzierte die Befürchtungen zwar, er könnte in den letzten Tagen seiner Amtszeit, zunehmend isoliert und verbittert, die Lage noch weiter eskalieren lassen, indem er seine Anhänger landesweit aufruft, „Stärke zu zeigen“, wie er das am Mittwoch in Washington getan hatte. Aber der Kurssprung blieb an der Börse aktuell ebenso aus wie der Crash einen Tag zuvor.

Der Grund liegt nicht in der Sorge, dass man Mr. Trump nicht hindern kann, weitere solcher Aktionen „anzuregen“. Wäre dem so, wären die Notierungen im Wochenvergleich ja nicht gestiegen. Nein, man schaltet einfach aufgrund der jetzt nicht mehr greifbaren Dimension der Gefahrenmomente, die auf die Börse aktuell einwirken, auf Durchzug und „handelt seinen Stiefel runter“ wie sonst auch. Die meisten Akteure folgen einfach dem Trend, als wäre alles wie immer. Und genau das birgt für uns Trader die größte Gefahr, in beide Richtungen, denn:

Wer jetzt davon ausgeht, dass es über kurz oder lang knallen muss und, aus Angst, man käme sonst nicht mehr auf der Short-Seite hinein, schon mal vorsorglich auf die Baisse-Seite wechselt, könnte leicht die unschöne Erfahrung machen, dass es eben auch „über lang“ sein könnte, bis es kippt. Und das dann auf einem weit höheren Kursniveau, als wir es jetzt sehen. Unmöglich ist das nicht, denn schließlich ist diese Hausse seit März 2020 ebenso der Beweis dafür, wie erfolgreich die Akteure die Realität aussperren können, wie die späte Reaktion auf das Corona-Virus im Februar.

Wer hingegen stur Long bleibt und immer weiter zukauft, könnte über Nacht in einen „sudden death“ der Hausse hineinstolpern. Denn wenn in den USA etwas schiefgeht, dann eher außerhalb unserer Handelszeiten in Europa.

Risiko runterfahren!

Was tun? Ich habe für eine Situation, in der man nicht im Mindesten vorhersehen könnte, ob und wann was passiert, kein todsicheres Rezept. Ich meine, das Beste wäre, zur Sicherheit Stop Buy-Orders auf der Short-Seite im Markt zu haben und die Exposure Long so zu reduzieren, dass man ein Zehn-Prozent-Abwärts-Gap zu Handelsbeginn überstehen würde, ohne deswegen gleich in finanzielle Not zu geraten. Kurz: Das Risiko herunterzufahren und Absicherungen vorzubereiten, wäre in dieser Situation auf jeden Fall eine Überlegung wert.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Auf ins Jahr 2021! Wie wird dieses Jahr enden? Nüchtern betrachtet kann das heute noch niemand wissen. Doch angeblich gibt es bestimmte „Omen“ mit hoher Trefferquote, mit denen man den übergeordneten Trend eines Börsenjahres bereits früh vorhersagen kann. Eines davon ist die sogenannte „Zehn-Tage-Regel“. Was taugt sie? Sehen wir uns das mal an!

An der Börse geht es nüchtern und sachlich zu, hört man oft. Schließlich geht es da um Bilanzen, Konjunkturdaten und Geld. Für Emotionen kann da eigentlich kein Platz sein. Jedenfalls glauben das diejenigen, die die Börse als „staubtrocken“ ansehen. Nur sind das durchweg Menschen, die nicht selbst als Trader aktiv sind. Wer sich in den letzten Jahren ins Getümmel gestürzt hat, weiß: Nüchtern geht es hier beileibe nicht zu. Im Gegenteil, die Börse ist ein Ort permanenter Spannung, der dünnen Nerven und der großen Emotionen wie Panik und Gier. Und wenn die Emotionen regieren, ist ein gewisser Aberglaube nicht weit. Der Glaube daran, dass bestimmte Indikationen den Charakter guter oder böser Omen haben könnten, ist da nur eine logische Konsequenz.

Doch eigentlich ist es doch unmöglich, die Zukunft zutreffend vorherzusagen, oder? Schließlich hängt die Kursentwicklung von derart vielen Faktoren ab, die allesamt selbst nicht vorhersagbar sind, dass die Frage, ob ein Aktienindex am Jahresende höher oder tiefer stehen wird als zu Beginn des Jahres, nicht mehr sein kann als ein Münzwurf. Zumal es obendrein nie sicher zu prognostizieren ist, wie die Marktteilnehmer die Einflüsse, die auf die Kurse wirken, interpretieren. Sie können sie objektiv bewerten, aber auch völlig überzogen werten oder im Gegenteil ignorieren. Würde man logisch argumentieren, würde man die Wirksamkeit irgendwelcher „Omen“ daher ausschließen. Doch halt … das Tückische ist doch, dass die Anleger oft eben nicht logisch handeln. Also sollten wir vielleicht doch besser einmal nachschauen, was es mit dem jetzt zu Jahresbeginn ins Spiel kommenden und zugleich bekanntesten „Omen“ auf sich hat: der „Zehn-Tage-Regel“.

Das ganze klingt wie eine „Bauernregel“

Der Hundertjährige Kalender oder alte Bauernregeln an sich können eigentlich nicht auf Dauer zutreffen und doch verlassen sich viele auf sie. Ich persönlich denke zwar, dass da nur eine Regel immer zutrifft, nämlich „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“ Aber wenn man sich überlegt, wie viele Menschen ihre Pflanzen nach dem Mondkalender setzen, schneiden oder danach die Ernte einfahren … warum sollte man nicht auch an der Börse gewissen Regeln nachhängen, die zwar nicht zwingend logisch sind, aber, zumindest scheinbar, funktionieren? Bei der „Zehn-Tage-Regel“ geht es um Folgendes:

So, wie die ersten zehn Tage des Jahres bei einem Aktienindex gelaufen sind, wird auch das Jahr laufen. Das heißt, dass ein Plus nach zehn Tagen voraussagt, dass das Gesamtjahr ein Plus bringen wird … im Fall eines Minus nach zehn Tagen ist umgekehrt ein Jahr mit Verlust zu erwarten.

Interessant ist, dass niemand je festgelegt hat, ob man da die ersten zehn Kalendertage oder die ersten zehn Handelstage meint. Aber meist werden als Referenz die ersten zehn Handelstage genommen. Wobei mir schon früh auffiel: Wenn die nicht passen, die ersten zehn Kalendertage aber schon, schwenken manche Auguren einfach um und proklamieren ihre Voraussage auf Basis von Kalendertagen. Nun ja. Das ist zwar verdächtig. Aber bevor ich auf die Frage eingehe, wieso so etwas auch nur im Ansatz von Interesse sein kann, d.h. weshalb man dieses „Omen“ nicht sofort in die Mottenkiste packen sollte, schauen wir einfach mal, wie oft das wirklich hingehauen hat.

Börse aktuell: Der Blick auf die Statistik – Wie hoch ist die Trefferquote der „Zehn-Tage-Regel“?

Basis der Überprüfung ist der DAX, die überprüfte Zeitspanne sind die Jahre 1991 bis 2020, also 30 Jahre. Das langt, um eine taugliche Aussage zu bekommen, wobei ich wie folgt rechne: Zum einen nehme ich immer die ersten zehn Handelstage als Basis. Ausgangsbasis ist der letzte Kurs des Vorjahres. Was die Frage angeht, ob das ganze Börsenjahr im Plus oder im Minus endete, muss der DAX am letzten Handelstag mindestens zwei Prozent über oder unter dem Schlusskurs des Vorjahres enden. Ist der Jahressaldo kleiner als zwei Prozent, würde ich das als „unverändert“ werten. So, und was kam dabei heraus?

Zwei Jahre fliegen aus folgenden Gründen aus der Wertung:

1992: Jahressaldo zum Closing 1991 weniger als zwei Prozent verändert

1993: Kursveränderung nach zehn Handelstagen < 1 Punkt gegenüber dem Schlusskurs 1992.

Von den verbliebenen 28 Jahren erwies sich die Zehn-Tage-Regel 16 Mal als richtig, d.h. der Saldo der ersten zehn Handelstage war positiv und das Jahr endete insgesamt im Plus oder aber der Zehn-Tage-Saldo war negativ und das Börsenjahr insgesamt endete mit Verlust. Nicht umwerfend, das sind gerade einmal 16 ./. 28 = 57,1 Prozent.

Aber diejenigen, die dieses „Omen“ als taugliche Indikation ins Feld führen, dürften einfach tun, was man mit Statistiken immer tun kann: die Berechnung im richtigen Moment beginnen, um das Ergebnis zu verbessern. Denn wenn man nur die letzten 20 Jahre hernimmt, also die Jahre 2001 bis 2020 einschließlich, liegt die Quote bei 13:7 und damit schon bei 65 Prozent!

Der „ja, aber“-Faktor: Warum auch etwas logisch und statistisch Unhaltbares eine Rolle spielt

Natürlich kann man sich hinstellen und erklären, dass es aus den obengenannten Gründen völlig unmöglich ist, dass solche Übereinstimmungen mehr sein können als Zufall. Und hätte Recht … eigentlich. Aber da übersieht man den „ja, aber“-Faktor.

In diesem Fall ließe er sich sehr simpel nutzen, indem man erklärt: „Ja, aber es funktioniert doch!“ Wenn das alles wäre: Ab in die Mülltonne mit diesem Humbug. Aber das ist eben nicht alles.

Erinnern wir uns: An der Börse geht es oft emotional und bisweilen ergreifend irrational zu. Und wir wissen ja, dass Anleger dann dazu neigen, Aspekte, die nicht zu ihrer vorgefassten Meinung passen und/oder ihren Hoffnungen entsprechen, einfach auszublenden. Wenn jemand z.B. an der Börse aktuell ein bis zur Halskrause volles, komplett long ausgerichtetes Depot hat … wenn dieser jemand insgeheim weiß, dass er da wenig fundamentalen Unterbau im Rücken hat und auf dem schmalen Brett der Hoffnung balanciert … dann nimmt er ALLES als Strohhalm, um sich daran festzuklammern. Und gerade in solchen Phasen nimmt die Bereitschaft, an solche „Omen“ zu glauben, erfahrungsgemäß zu. Vor allem nach diesem Jahr 2020, schauen Sie sich mal den DAX-Chart dieses abgelaufenen Jahres an:

Börse aktuell: Entwicklung DAX im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Wer hätte im Frühjahr auch nur einen Cent darauf gewettet, dass die Zehn-Tage-Regel im Jahr 2020 einen Treffer erzielen würde? Niemand, würde ich einmal behaupten. Und wenn ein solches „Wunder“ auftaucht, dürfte so mancher gerne bereit sein, das nicht als Zufall abzutun, sondern zu glauben, dass diese Zehn-Tage-Regel oft genug funktioniert, um sich auch die ersten zehn Tage 2021 genau anzusehen.

Wie die verlaufen werden, wird vielen Anlegern über die Monate hinweg im Hinterkopf bleiben und ihnen in kritischen Phasen, in denen die Nerven durchgehen und Ratlosigkeit Einzug hält, oft unbewusst mit die Hand führen. Ja, dieses „Omen“ ist keines, das auch nur im Ansatz rational wäre. Aber wenn genug Akteure bereit sind, ihm ein wenig Glauben zu schenken, kann es manchmal eben doch Einfluss nehmen. 

Wäre das ein Grund, die Zehn-Tage-Regel mit in den eigenen Entscheidungsprozess einzubeziehen? Ich würde davon unbedingt abraten, denn de facto ist die Sache eben nichts anderes als Humbug. Aber zu berücksichtigen, dass andere daran glauben könnten, ist in jedem Fall sinnvoll. Als Entscheidungsgrundlage für eigene Käufe oder Verkäufe hingegen wäre man mit konsequentem Trading entlang der Regeln der Charttechnik an der Börse aktuell besser bedient!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Mit 2020 geht ein Börsenjahr zu Ende, auf das im Frühjahr wohl niemand einen Pfifferling gewettet hätte. Doch jetzt, auf der Ziellinie, haben die meisten großen Aktienindizes an der Börse aktuell ihren Level vom Jahresbeginn überboten. Viele denken: Wenn ein solches Jahr am Ende noch ein Gewinnerjahr wird, wie immens müssen die Kurse dann erst 2021 steigen, wenn das Wachstum zurückkehrt? Der Haken dabei ist genau das: Das denken viele. Womöglich zu viele.

Der Gedanke, meine heutige Kolumne auf die Frage auszurichten, wie sich wohl der Start ins neue Jahr gestalten wird, obwohl ich nicht aufhöre darauf hinzuweisen, weshalb Prognosen keine realistische Wegweisung sein können (zuletzt im Kommentar vor zwei Wochen) kam mir, als ich die jüngsten Daten zu den US-Börsenkrediten per Ende November in die Finger bekam. Den Chart dazu sehen Sie gleich … da bleibt kein Auge trocken.

Es geht mir auch nicht darum den Versuch zu wagen, die Richtung der ersten Wochen und Monate des Jahres 2021 für DAX, Dow & Co. vorherzusehen. Dieser Artikel soll deutlich machen, dass die von recht vielen Anlegern offenbar gehegte, feste Erwartung, dass nach „rauf“ zwingend erneut „rauf“ kommen müsste, riskant ist.

Natürlich wirkt es im ersten Moment logisch, dass ein Aktienmarkt, der sich erfolgreich gegen dermaßen negative Rahmenbedingungen stemmt, wie dies der folgende Chart zeigt, umso besser laufen müsste, wenn sich diese Rahmenbedingungen aufhellen. Aber das würde nur dann eine wirklich tragfähige Erwartung sein, wenn man nicht vieles, was sich im kommenden Jahr wieder normalisieren soll, vorweg genommen hätte. Und genau das ist der Fall … der Boden, auf dem die Bullen an der Börse aktuell stehen, ist somit tückisch. Das heißt nicht, dass sie straucheln müssen. Aber es heißt, dass sie straucheln können. Das sollte man daher besser im Hinterkopf haben.

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung von DAX, MDAX, Euro Stoxx 50, Dow jones und Nasdaq 100 von Januar bis Dezember 2020 | Online Broker LYNX

Die Kurse sind wieder oben … aber damit stehen sie eben noch alleine

Die folgende Grafik zeigt, dass die Sparquote in Deutschland untypisch hoch ist. Hier werden Daten nur quartalsweise geliefert, so dass noch eine Zeitlang offen bleiben wird, wie sich die Lage im jetzt endenden vierten Quartal darstellte. Aber wir haben die US-Daten für Oktober und November. Und da ging es gegenüber September nur sehr langsam nach unten, zuletzt auf eine Sparquote von 12,9 Prozent. Und dort kam es im November nicht zu einem Lockdown!

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote in Deutschland von 1980 bis 2020 | Online Broker LYNX

Wenn man sich überlegt, dass die deutsche Sparquote von 21,1 Prozent im „Lockdown-Quartal“ (d.h. in Q2 2020) nur auf 16,2 Prozent im Sommerquartal zurückkam, in dem der Konsum ungehindert möglich war, wäre es gewagt zu unterstellen, dass die Verbraucher im laufenden Quartal ihre Geldbörsen wieder so geöffnet hätten wie früher. Aber genau dieser Entwicklung greift man am Aktienmarkt vor.

Der Verbraucher ist, egal, was Unternehmen im Vorfeld produzieren, das entscheidende Element. Kauft er weniger, verdienen die meisten Unternehmen eben auch weniger. Und hinzu kommen die derzeitigen Einschränkungen, die so schnell nicht verschwinden können. Wer sich ausrechnet, wie lange es dauern würde, bis auch nur zwei Drittel der Menschen geimpft sind … vor allem, wenn es um Impfstoffe wie die von BioNTech/Pfizer geht, für die eine besondere Logistik nötig ist und bei denen man zwei Impfungen braucht … dürfte erkennen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis der „Status Quo Ante Corona“ erreicht wäre. So, wie sich der Aktienmarkt an der Börse aktuell präsentiert, sagt man sich dort: Macht nichts, es kommt ja. Sicher richtig, aber:

Haben wirklich alle auf dem Zettel, dass es erst noch einmal schlechter wird, bevor es besser werden kann? Haben wirklich alle im Hinterkopf, dass 2021 womöglich weit hinter den im Sommer und Herbst 2020 gehegten, zum Einstieg lockenden Erwartungen zurückbleiben wird? Haben wirklich alle die Schere erkannt, die die nächste Grafik zeigt und verstanden, dass die jederzeit und heftig zuschnappen könnte?

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung US-Verbrauchervertrauen mit dem S&P 500 von 2000 bis 2020 | Online Broker LYNX

Hier sehen Sie die Entwicklung des US-Verbrauchervertrauens seit Anfang des Jahres 2000, mit im Bild den marktbreiten US-Aktienindex Standard & Poor‘s 500. Seit ewigen Zeiten sieht man hier einen auffälligen Gleichlauf der beiden Kurven. Einen, der völlig verständlich ist, denn wie oben erwähnt: Mit dem Verbraucher steht und fällt alles. Nur, wenn der ordentlich Geld ausgibt, können die Unternehmensgewinne in ihrer Gesamtheit so steigen, dass sie deutlich anziehende Aktienkurse rechtfertigen. Noch nie kam es zu so einem drastischen Auseinanderlaufen wie seit dem Frühjahr. Das Verbrauchervertrauen bleibt auffällig gedrückt, fiel für den Dezember erneut deutlich (und seitens der Volkswirte unerwartet) zurück, aber der Aktienmarkt steigt einfach weiter.

Die Anleger ignorieren an der Börse aktuell also, dass die Wirtschaft ihren Erwartungen nicht entspricht. Und das in einer Ausprägung, wie wir das auch nach den Baissen/Rezessionen 2000-2003 und 2008/2009 nicht erlebt haben. Das ist ein äußerst riskanter Kredit auf die Zukunft, den man da aufgenommen hat. Und hinzu kommt, dass der Kredit auf eine zukünftige Entwicklung auch noch zunehmend tatsächlich auf Kredit läuft:

Kredite müssen zurückgezahlt werden … auch an der Börse

Nachfolgend sehen Sie, was mich bewogen hat, noch einmal zur Vorsicht zu raten. Da fällt einem wirklich nichts mehr ein: Das Volumen an laufenden Krediten, die in den USA für Margin Debt, d.h. für Sicherheitsleistungen im Derivatebereich, gewährt wurden, hat ein neues Rekordhoch erreicht: 722 Milliarden US-Dollar!

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung Margin Debt mit dem S&P 500 von 1999 bis 2020 | Online Broker LYNX

Nach jeder Krise stiegen diese „Börsenkredite“ schneller wieder an, erreichten immer neue Rekorde. Der Glaube, es werde einem schon nichts passieren, kehrt immer schneller zurück. Das ging 2003 und 2009 auch gut. Aber da zahlte ja die Realität den Kredit umgehend zurück, den die Zocker auf sie aufgenommen haben, d.h. die Lage besserte sich in einem Zeitrahmen, der kurz genug war, um zu verhindern, dass zu viele nervös und/oder ungeduldig werden.

Auch diesmal müsste dieser Kredit also zeitnah ausgeglichen werden. Bei der Margin Debt de facto, bei allen anderen, die auf die Wende gesetzt und die Indizes schon mal vorsorglich auf neue Rekorde gekauft haben, im Geiste. Kann das wirklich gutgehen? Das kann es. Aber es muss eben nicht. Was muss also klappen, damit die Bullen im Spiel bleiben?

Was muss klappen, damit die Bullen im Spiel bleiben?

In erster Linie steht und fällt alles mit den Verbrauchern dies- und jenseits des Atlantiks. Zieht der Konsum wieder an, kann die Realität den Kredit der bullischen Anleger so zeitnah ausgleichen, dass die Kurse ihren Level halten, in einer günstigen Gemengelage sogar deutlich ausbauen könnten. Aber was erwartet der Verbraucher?

Arbeitsplatzsicherheit und ein bald wieder normales Umfeld im täglichen Leben. Dazu muss folgendes gelingen:

  1. Die Impfungen müssen zügig und reibungslos vonstattengehen. Kleinere Pannen und Verzögerungen gibt es immer, aber es darf z.B. nicht zu Stopps der Impfungen wegen unerwarteter Nebenwirkungen einzelner Vakzine oder Lieferproblemen kommen.
  2. Die Menschen müssten genug Vertrauen in Regierungen und Notenbanken haben, um es denen abzunehmen, wenn man dort avisiert, dass sich die Lage im Neuen Jahr normalisieren wird und man die Kosten dieser Stabilisierung nachträglich nicht ihnen, den Steuerzahlern, aufbrummen wird.

Kommt es so? Im Idealfall ja. Aber Sie sehen, dass es erst positive Fakten braucht, dann das daraus entstehende Vertrauen. Ob das genauso ideal abläuft, wie es ein Aktienmarkt auf Rekordhochs benötigen würde, der eine größere Wette auf die Zukunft eingegangen ist als je zuvor, kann niemand abschätzen, zumal am Ende die subjektive Entscheidung zahlloser Verbraucher steht, die alle für sich selbst entscheiden werden, wann man die Sache als ausgestanden ansehen kann. Daher kann ich nur raten:

Solange der Trend aufwärts weist – und das tut er an der Börse aktuell noch ohne Makel, zumindest auf mittelfristiger Ebene – wären Index-Positionen auf der Short-Seite eine noch größere Wette als die, welche die Bullen derzeit eingehen, denn die haben immerhin den Trend im Rücken. Aber stur und blind Long zu bleiben, wenn die ersten, markanteren Warnsignale auftauchen, wäre nicht minder fatal. Das neue Jahr wird ebenso Wachsamkeit und Flexibilität fordern wie das jetzt endende … die Spannung wird uns also ohne Zweifel erhalten bleiben!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Ihr

Ronald Gehrt

In Japan arbeitete man schon vor Jahrhunderten mit der sogenannten Candlestick-Analyse. In Europa und in den USA tauchte die charttechnische Analyse erst Anfang des 20. Jahrhunderts auf und wurde lange mit großem Misstrauen betrachtet. Viele ignorieren die Charttechnik sogar heute noch, mit dem Argument, dass es unlogisch sei, dass sich Kurse an irgendwelchen Linien orientieren, die irgendwer in einen Chart hineinmalt. Doch dahinter steckt tatsächlich Logik. Nur anders, als die Zweifler denken.

Charttechnische Analyse wird von denen, die sie ignorieren, gerne als „Bauernmalerei“ geschmäht. Ein paar bunte Linien quer durch den Chart gepinselt … und das soll etwas bringen? Und wer da den Daumen senkt, findet immer genug Beispiele, bei denen die Charttechnik versagt hat. Bullen- und Bärenfallen, welche die Akteure, die der Charttechnik folgten, in die Falle tappen ließen. Zugleich weist diese Klientel auf die eigenen Erfolge hin, die man mit dem „Bauchgefühl“ errungen habe. Wer den Markt im Griff hat, wer spürt, was an der Börse aktuell passieren wird, verdient Geld, nicht diese verwirrten Geister mit ihren bunten Linien. Ist das so?

Nein, es ist nicht so. Erstens, weil man, wenn man ehrlich ist, mit dem Bauchgefühl ein paar Mal Glück haben kann, aber irgendwann doch heftig auf die Nase fällt und dort meist auch liegenbleibt. Zweitens, weil keine Analyseform eine hundertprozentige Trefferquote haben kann, weil jede Form der fundamentalen, sentiment-, markt- oder charttechnischen Analyse unter dem Vorbehalt steht: „Wenn nichts Überraschendes dazwischenkommt“.

Jeder weiß doch, dass dramatische, die Märkte betreffende Nachrichten jeden Investor aus seiner normalen Verhaltensweise herausreißen, zu umgehendem Handeln verleiten und dabei meist alle Grundsätze über Bord gehen. Und dass es zu diesen sogenannten Bullen- und Bärenfallen kommt, die angeblich die Untauglichkeit der Charttechnik belegen, hat nicht nur diesen Grund – zum anderen kommen wir gleich. Aber in der Mehrzahl der Fälle ist die Charttechnik ein sehr taugliches Tool. Und das basiert durchaus auf Logik.

Charttechnik ist in erster Linie Glaubenssache

Richtig ist, dass niemand wie von Geisterhand geführt an der Börse aktuell kauft oder verkauft, weil irgendjemand anderes an einem bestimmten Punkt eine Linie gezeichnet hat. Das wäre in der Tat unlogisch. Aber das ist es ja auch nicht, was dahintersteckt.

Wenn wir uns den folgenden Chart ansehen, sehen wir da bei der im DAX notierten Aktie von Merck KGaA eine Aufwärtstrendlinie, die offenbar funktioniert, d.h. wenn der Kurs diese Linie touchiert, setzen Käufe ein. Die „Magie“, die das bewirkt, nennt sich „Glauben“: Wenn genug Marktteilnehmer diese Linie genauso in ihren Charts eingezeichnet haben und auf die Charttechnik vertrauen, werden sie dort auch tendenziell kaufen, weil sie erwarten, dass die Linie erneut hält und der Kurs daraufhin zulegt. Nicht, weil das so sein muss. Sondern, weil es so sein soll. Was heißt:

Börse aktuell: Entwicklung Merck Aktie von Mai bis Dezember 2020 | Online Broker LYNX

Die Charttechnik funktioniert nur dann, wenn genug Marktteilnehmer davon ausgehen, dass sie funktioniert und entsprechend deren Regelwerk handeln.

Natürlich gibt es dahinter gewisse Grundannahmen. Im Fall einer Aufwärtstrendlinie ließe sich festhalten, dass eine Aktie nach wie vor gesucht ist und weiter steigen kann, wenn die Anleger bei jedem Rücksetzer auf einem höheren Level als zuvor einsteigen aus Angst, sonst nicht mehr zum Zuge zu kommen. Sukzessiv höhere Tiefs sind also ein positives Signal – das ist völlig logisch, das wird niemand bestreiten. Aber dass sich solche Zwischentiefs so genau an eine Linie halten, die aus den ersten beiden Tiefs konstruiert wird, das ist nicht zwingend, das funktioniert nur, wenn genug Anleger diese Linie auch selbst sehen und beachten. Daraus lässt sich noch etwas anderes ableiten:

Je einfacher, desto besser!

Die charttechnische Analyse kennt, genauso wie die von mir in meinen Analysen ebenso intensiv berücksichtigte Candlestick-Analyse, außerordentlich viele sehr spezielle Konstellationen. Aber wenn nur wenige diese Sonderfälle kennen, diese Situationen also von der großen Mehrheit der Marktteilnehmer nicht erkannt werden, ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Formationen oder Konstellationen „aufgehen“, geringer, weil kaum jemand danach handelt. Also:

Keep it simple! Achten Sie vor allem auf umfassend bekannte Tools der Charttechnik … und noch etwas: Schauen Sie, ob diese Linien bereits bestätigt wurden, so dass Sie erwarten können, dass diese Marken wirklich allgemein beachtet werden. Dann ist eine Verteidigung einer Unterstützung … oder deren Bruch … mit weit höherer Wahrscheinlichkeit ein charttechnisches Signal, auf das man sich verlassen kann. Im ersten Chart ist die Aufwärtstrendlinie der Merck-Aktie mehrfach touchiert worden, die ist wirklich „relevant“. Besteht eine Linie aber nur aus zwei Punkten, die man miteinanderverbindet, ist sie das nicht. Denn zwei Punkte im Chart kann man schließlich immer und überall miteinander verbinden. Erst, wenn eine solche Linie dadurch bestätigt wird, dass der Kurs dort dreht, ist die Linie auch wirklich relevant.

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von 2019 bis 2020 | Online Broker LYNX

Eine anderes, sehr viel beachtetes Tool der Technischen Analyse sind die gleitenden Durchschnitte und da vor allem die 200-Tage-Linie. Sie errechnet sich aus den Durchschnitts-Schlusskursen der letzten 200 Börsentage, entweder mit gleich gewichteten Kursen (linear) oder mit einem höheren Gewicht auf die jüngeren Kurse (exponentiell). Wenn Sie bei einem Kursverlauf sehen, dass diese Linie in der Vergangenheit immer wieder eine Rolle als Widerstand oder Unterstützung spielte, ist deren Überkreuzen ein wichtiges Signal, Sie sehen hier vorstehend als Beispiel den Dow Jones.

Auch hier gilt: Keep it simple! Es gibt einige Standard-Längen für solche gleitenden Durchschnitte, das sind vor allem 20, 38, 50, 100 und 200 Tage und die 200 Wochen-Linie (1.000 Tage-Linie). Vielleicht experimentieren Sie da einmal herum und entdecken, dass eine Aktie verdächtig oft an einem gleitenden Durchschnitt von 78 Tagen nach oben drehte. Mag sein, aber das ist dann mit 99prozentiger Wahrscheinlichkeit einfach Zufall, denn niemand außer Ihnen dürfte einen 78 Tage-Durchschnitt benutzen. Bleiben Sie besser bei den Standards!

Bullen- und Bärenfallen: Clevere Trader graben anderen gerne eine Grube

Aber kommen wir noch einmal zum Thema „Glaubenssache“. Solange genug Anleger bestimmte charttechnische Ankerpunkte beachten und entsprechend handeln, funktioniert diese Analyseform gut, wenngleich Sie da immer einen gewissen Spielraum einräumen sollten. Denn selten drehen Kurse wirklich auf den Cent genau an einer Trendlinie, einem Widerstand, einer Unterstützung oder einem gleitenden Durchschnitt, schließlich ist der Handel ein dynamischer Prozess mit zahllosen Teilnehmern. Aber in der Tat kann es bei der Technischen Analyse auch zu Fehlsignalen kommen. Entweder, weil die Konstellation zu komplex ist oder zu wenig beachtet wird … weil unerwartete Ereignisse und Nachrichten den Handel aus dem Takt bringen … oder weil clevere Trader gezielte Fallen stellen!

Eines dürfen wir nie vergessen: Kein Marktteilnehmer ist ein willenloser Roboter, der einfach nur irgendwelchen Nachrichten folgt. Jeder von uns verfolgt ein Ziel: Gewinn zu erzielen. Und wer es kann, nutzt alle Möglichkeiten dafür. Diejenigen großen Adressen, die täglich mit Milliardenbeträgen agieren, haben dabei die Möglichkeit, die unsereiner nicht hat: die Kurse gezielt zu bewegen. Und wer das kann, nutzt das aus, wenn sich die Gelegenheit bietet. Wie kann so etwas aussehen?

Das kann z.B. dazu führen, dass große Adressen den Ausbruch über eine Widerstandslinie oder unter eine Unterstützung gezielt forcieren, weil sie wissen, dass die Trader auf dieses charttechnische Signal reagieren werden und ihre zur Erreichung des Ausbruchs aufgebauten Positionen dadurch automatisch weiter in den Gewinn laufen. Aber dahinter kann auch ein anderes Ziel stecken!

Börse aktuell: Entwicklung Euro Stoxx 50 von 2019 bis 2020 | Online Broker LYNX

Der vorstehende Chart zeigt eine Bullenfalle, die durchaus provoziert gewesen sein könnte. Der Euro Stoxx 50 war im Juli kurz über die wichtige Widerstandslinie bei 3.400 Punkten gelaufen, die im Oktober 2019 als Unterstützung, im Juni 2020 dann als Widerstand fungierte. Es war klar: Würde diese Hürde eindeutig genommen, wäre das ein wichtiges charttechnischer Kaufsignal und der Weg nach oben frei. Aber der Index lief nur innerhalb des Handelstages darüber, dann fiel er wieder zurück – und in den Tagen danach ging es kräftig abwärts. Eine Bullenfalle, ja. Aber womöglich mit einer festen Absicht bewusst erzeugt.

Stellen wir uns mal vor, wie wären z.B. ein großer Hedgefonds, der zwar im Euro Stoxx 50 massiv Long ist, aber fürchtet, dass ihm diese Long-Positionen schwer auf die Füße fallen könnten, weil das Abwärtsrisiko relativ hoch ist. Wie kommt man am besten aus einer großen Long-Position heraus? Aus einer Position, die so groß ist dass sie, wenn man sie schnell abstoßen wollte, die Angebotsseite so überlädt, dass der Verkauf selbst die Kurse massiv drückt, bevor man alles verkauft hat? Indem man die Nachfrage kräftig steigert! Und das gelingt am besten mit einem markanten Kaufsignal. Das muss nicht so abgelaufen sein, aber solche Szenarien kommen nicht gerade selten vor. Konkret wäre in diesem Fall folgendes passiert:

Der Hedgefonds fährt eine gezielte Long-Attacke knapp unter einem vielbeachteten Widerstand, kauft also zu einem überraschenden Zeitpunkt mit großem Volumen Long-Positionen auf den Euro Stoxx 50. Der Index bricht daraufhin nach oben aus. Das führt dazu, dass die Trader ein Kaufsignal sehen und sofort auf den Zug aufspringen. Die Nachfrage auf der Long-Seite steigt kurzfristig gewaltig. Und was brauchte der Hedgefonds doch gleich, um aus seiner großen Position herauszukommen, ohne sich dabei den Ast abzusägen, auf dem er sitzt? Genau: Eine höhere Nachfrage – und genau die wird so „generiert“. In die Käufe anderer Marktteilnehmer hinein baut die große Adresse, die diesen Ausbruch gezielt ausgelöst hat, ihre Positionen blitzschnell ab … und das führt dazu, dass der Ausbruch in sich zusammenfällt. Aber:

Das bedeutet ja nicht, dass die Charttechnik nicht funktionieren würde, nur irgendein Hokuspokus wäre, es bedeutet im Gegenteil, dass sie funktioniert. Es ist nur entscheidend, im Hinterkopf zu haben, dass viele sie auch für ihre Zwecke gezielt einsetzen können. Daher ist es für Sie als Anleger entscheidend, sich kundig zu machen, Erfahrungen zu sammeln. Und darüber hinaus mit diesem so effektiven Werkzeug vorsichtig umzugehen, indem Sie immer auf der Hut bleiben, einen gewissen Spielraum bei entscheidenden Linien einkalkulieren und sich stets konsequent mit Stoppkursen absichern.

Bei uns finden Sie alle Grundlagen zum Thema Charttechnik

Ein Hinweis zum Abschluss: Eine Vielzahl an Artikeln zum Thema der Technischen Analyse, mit denen Sie sich in Sachen Charttechnik sattelfest machen können, finden Sie bei uns unter folgendem Link: https://www.lynxbroker.de/boerse/trading/technische-analyse/

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche und ein besinnliches Weihnachtsfest!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 18.12.2020, Chartquelle marketmarker pp4

Wo wird der DAX in einem Jahr notieren? Wird Gold 2021 weiter zulegen? Wird Öl wieder billiger oder muss man sich auf wieder steigende Energiekosten einstellen? Und was ist mit dem Wachstum in den USA und Deutschland? Dass wir alle das gerne schon heute wissen möchten, ist verständlich. Aber ist das denn überhaupt möglich? Reden wir darüber!

Prognosen sterben nicht aus. Dass sie selten eintreffen, scheint dabei kein Hinderungsgrund zu sein. Kein Wunder, Horoskope gibt es ja auch noch, aus ein und demselben Grund: Eine ungewisse Zukunft ist etwas, das die einen als hinderlich, die anderen als beängstigend ansehen. Wüsste man, was kommt, wäre man hingegen fein raus, klar. Daher ist der Wunsch, heute schon zu wissen, was übermorgen sein wird, allgegenwärtig. Und selbst diejenigen, die eigentlich wissen, dass Börsenweisheiten wie „Unverhofft kommt oft“ nicht umsonst die Jahrhunderte überdauert haben, schauen gerne mal, was andere in ihren Glaskugeln zu sehen glauben. Ist das klug?

Die Zukunft ist eine Gleichung mit lauter Unbekannten

Das kann man dann tun, wenn man sich wirklich genau ansieht, wie Analysten oder Volkswirte zu ihren Ergebnissen gelangt sind, d.h. wenn man genau hinsieht, welche Annahmen getroffen wurden, um zu einem Resultat zu kommen. Dann hat man einen interessanten Denkanstoß, denn in der Tat ist es nützlich, sich vor Augen zu führen, was alles das Wachstum, die Arbeitslosigkeit, die Inflation oder die Kursbildung von Aktien, Anleihen, Währungen oder Rohstoffen an der Börse aktuell beeinflusst, um diese Faktoren dann im Auge zu behalten.

Wer sich solche Analysen ganz genau anschaut, erkennt dadurch, wie zahlreich diese Aspekte sind. Will man beispielsweise versuchen, den Kurslevel des DAX an Silvester 2021 zu prognostizieren, muss man eine ganze Latte an Faktoren berücksichtigen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, die das Auf und Ab des DAX beeinflussen könnten:

Da hätten wir das Wirtschaftswachstum, das Konsumverhalten, die Fiskalpolitik, die Wechselkurse, internationale Handelsbeziehungen, die Entwicklung der Rohstoffpreise, die Inflation, die Geopolitik, das Zinsniveau. Die Entwicklung all dieser Aspekte müsste man vorab kennen, um eine Formel aus lauter Unbekannten mit Leben zu füllen. Das klingt ambitioniert, vorsichtig formuliert. Zumal all das stetig ineinander greift. Verändert sich ein Faktor, verändern sich andere meist ebenfalls. Und nur mal angenommen, man wäre imstande, all diese Aspekte präzise vorher zu bestimmen, bliebe, was die Börse angeht, immer noch DER entscheidende Faktor schlechthin: der Mensch.

Der Faktor Mensch ist eine ewige Unbekannte in der Gleichung

Egal, um welches Asset es geht, zwischen den vorgenannten Rahmenbedingungen und dem Kurs steht ein unberechenbares Element namens Mensch. Die zahllosen Investoren weltweit interpretieren die Nachrichten ganz individuell und subjektiv und handeln dann oft sehr emotional. Da es den „homo oeconomicus“, von dem man vor einigen Jahrzehnten in der Volkswirtschaftslehre fabulierte (d.h. den Investor, der alle Fakten kennt und anhand dieser Fakten objektiv handelt), nicht gibt, bleibt der Faktor Mensch etwas, das keine Prognose erfassen kann. Das gilt schon für einigermaßen normale Zeiten. Denken wir nur an das Jahr 2019 zurück:

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 2015 bis 2020 | Online Broker LYNX

Jeder, der die Fakten objektiv einordnen wollte (was viele aber nicht wollten) hätte erwarten müssen, dass der US-Handelskrieg für schwächere Aktienmärkte sorgen wird. Denn schon Anfang 2019 war absehbar, dass dieser Handelskrieg viel Schaden verursacht und auf das Wachstum drücken wird. In China weniger, in den USA und in deren Schlepptau in der Eurozone umso mehr. Und genauso kam es auch: Das Wachstum rutschte spürbar ab … aber der DAX stieg einfach trotzdem. Der vorstehende Chart zeigt es deutlich: Der DAX beendete das Jahr 2019 knapp 1.100 Punkte über der durchschnittlichen Prognose der Bank-Analysten. Weil?

Weil die Anleger auf die Fakten pfiffen und bereit waren, Donald Trump zu glauben, dass ein „Deal“ ganz unmittelbar bevorstehen würde und dann das Wachstum durch die Decke gehen würde. Dass das Bruttoinlandsprodukt unter Druck geriet, spielte daher keine Rolle, weil die Marktteilnehmer auf die Zukunft setzten. Und, das darf man nie vergessen, sie setzen dann nicht auf eine Zukunft, die man vorhersehen könnte, weil eben das ja nicht machbar ist. Was übrigens der folgende Chart ebenfalls zeigt. Dort sehen wir, dass die Prognosen in Sachen Bruttoinlandsprodukt der USA schon oft genug nicht unwesentlich daneben lagen. Nein, sie setzten auf die Zukunft, die sie sich erhoffen. Was bedeutet das?

örse aktuell: Entwicklung und Prognose BIP der USA von 2000 bis 2020 | Online Broker LYNX

Das Fallbeil der Realität kann Wunschdenken jederzeit abschießen

Das bedeutet ein stetes Risiko insofern, dass die Realität diese „Wunschzukunft“ der Anleger jederzeit abschießen kann. Und dieses Fallbeil der Realität kann hinter jeder Ecke lauern.

Der „Game Changer“, der alles über den Haufen werfen kann, kann aus der Wirtschaft selbst heraus auftauchen wie beispielsweise das Platzen der Subprime-Blase 2007/2008. Er kann aus dem Verhalten der Anleger entstehen, z.B. die extreme Spekulation und das folgerichtige Platzen der „Dot.Com“-Blase, die 1999/2000 entstand. Oder er kann von außen kommen, von völlig unerwarteter Seite, wie das SARS Cov2-Virus.

Nichts, absolut gar nichts davon hätte egal welcher Experte vorhersehen können! Niemand kann vorhersagen, wann genau eine Blase platzen wird, auf welchem Kursniveau das passiert und wie lange und weit es dann abwärts geht. Ebenso wenig kann niemand im Vorfeld wissen, wie lange eine Hausse an der Börse aktuell dauert, wie weit die Anleger den Bogen spannen, immerhin sind da Emotionen im Spiel, die man nicht eingrenzen kann. Nicht einmal, wenn man in die Köpfe jedes einzelnen Investors sehen könnte, denn mal ehrlich: Wissen Sie schon im Januar, was Sie im August oder im November entscheiden werden? Nein? Eben. Alle anderen auch nicht. Und das gilt für alle Assets, auch für Gold, wie wir im folgenden Chart sehen:

Börse aktuell: Entwicklung und Prognose Goldpreis von 2014 bis 2020 | Online Broker LYNX

Diese rapide anziehenden Goldpreise hatten die Analysten nicht vorhergesehen. 2019 trieben diejenigen den Kurs höher, die zweifelten, dass die Aktien-Hausse gutgehen würde, 2020 kam Corona als Faktor hinzu. Wobei auffällt, dass Gold 2020 die meiste Zeit nicht gegen, sondern mit dem Aktienmarkt stieg, aber das ist ein anderes Thema.

Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die das Unwahrscheinliche nicht einrechnen können

Sie sehen: Diejenigen, die Prognosen zu erstellen haben, haben keine leichte Aufgabe. Basis solcher Prognosen, egal, ob sie von Notenbanken, Wirtschaftsweisen, Bank-Volkswirten oder Aktien-Analysten stammen, müssen immer Annahmen für die vielen Parameter treffen, die das Objekt der Prognose beeinflussen. Was konkret heißt:

Um eine DAX-Prognose zu erstellen, muss man den vielen Unbekannten in der Formel konkrete Werte zuordnen, die zum Zeitpunkt der Erstellung der Prognose wahrscheinlich wären: Wirtschaftswachstum, Euro/US-Dollar-Kurs, Anleiherenditen, Inflationsrate, Verbrauchervertrauen, Einkommensentwicklung, Unternehmensgewinne, Im- und Exportwachstum und vieles mehr. Dann wird daraus ein wahrscheinlicher DAX-Wert errechnet, der Folgendes eben nie greifen kann:

Das meist emotionale und damit subjektive Verhalten der Anleger und

Das völlig Unerwartete wie z.B. diese Virus-Pandemie.

Alleine, wenn man bei einigen der vorab als wahrscheinlich angenommenen Werte in dieser Endlos-Formel schiefliegt, wird die Prognose wacklig. Wenn aber die Marktteilnehmer sich an der Börse aktuell anders verhalten als sie müssten (was meistens der Fall ist) und das Unerwartete so richtig zuschlägt, ist jede Prognose für die Katz. Und 2021 wird da wohl besonders schwierig vorhersagbar, denn:

Börse aktuell: 2021 wird besonders schwer prognostizierbar

Es ist nicht absehbar, wie lange das Thema Pandemie die Welt noch gefangen hält und wie groß der wirtschaftliche Schaden werden könnte, bis die Lage sich normalisiert.

Es ist offen, wie das Drama um den Ausstieg der Briten aus der EU ausgeht und was sich dann als Lösung mit welchen Folgen für beide Seiten ergeben wird.

Niemand weiß, wie sich die politische Lage in den USA im kommenden Jahr darstellen wird. Ob die neue Regierung weitreichende Änderungen vornehmen kann, ist nicht sicher, die Republikaner können sehr viel blockieren. Und solange das offen ist, bleibt die Zukunft der Wall Street als Vorlagengeber für unseren Aktienmarkt in beide Richtungen offen. Aber:

Prognosen haben ihre Berechtigung, wenn man richtig damit umgeht

Deswegen sind solche Prognosen keineswegs nutzlos oder gar kontraproduktiv. Das wäre nur dann der Fall, wenn man sich einfach nur auf das Endergebnis beschränkt, nicht den Weg betrachtet, auf dem der Experte zu seinem Schluss gelangt ist und, was noch fataler wäre, nur die Prognosen zur Kenntnis nimmt, die eigene, vorbestehende Meinungen bestätigen und alles, was einem nicht in den Kram passt, als Unfug abtut.

Wer sich hingegen genau ansieht, welcher Lösungsweg eingeschlagen wurde, d.h. welche Parameter in eine solche Prognose eingeflossen sind und welche Annahmen der Analyst hierzu jeweils getroffen hat, bewertet solche Versuche, in die Zukunft zu blicken, mit der gebotenen Vorsicht und findet zugleich Denkanstöße für eigene Investmententscheidungen. Dann würde den Prognosen der Status zukommen, den sie einnehmen dürfen und sollen: Ein „was wäre, wenn“ unter Einbeziehung der Erkenntnis, dass „Unverhofft kommt oft“ an der Börse trotz aller Sorgfalt immer hinter jeder Ecke lauert.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 11.12.2020, Chartquelle marketmarker pp4