Die Börse ist so gespalten wie nie: KI-Gewinner explodieren, Verlierer werden abgestraft. Wo steht Vistra?
Ein Markt im Ausnahmezustand
Die Börse ist aktuell stärker gespalten als je zuvor. Der S&P 500 steht am Allzeithoch und gleichzeitig notieren über die Hälfte aller in den USA gelisteten Aktien unter dem SMA 200. Um den SMA 200 zu erreichen, müsste der S&P 500 auf 5.300 Punkte fallen.
Auf der einen Seite stehen die KI-Gewinner, allen voran Hardware-Hersteller wie Nvidia, Micron und Seagate. Auf der anderen Seite stehen die vermutlichen KI-Verlierer im Software-Umfeld wie Wix oder Salesforce.
Die eine Seite ist komplett durch die Decke gegangen und Anleger fragen sich, ob man jetzt noch kaufen sollte. Die andere Seite ist komplett abgestürzt, aber teilweise steht das ganze Geschäftsmodell zur Disposition.
Daher erlebe ich derzeit viele Anleger und Investoren ratlos. Viele wissen nicht so recht, wie mit dieser Situation umzugehen ist.
Eine mögliche Lösung für dieses Problem besteht darin, Nachzügler oder noch unbekannte KI-Gewinner zu identifizieren. Das ist mit enormem Aufwand verbunden, mit Vistra könnten wir jedoch einen Kandidaten gefunden haben.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Der Investment-Case für Vistra könnte kaum simpler sein. Das Unternehmen ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In Texas und dem Permian Basin. Hier trifft eine ganz besondere Konstellation verschiedener Faktoren aufeinander, die allesamt positiv für Vistra sind.
Vistra besitzt Kraftwerke, die vor allem mit Erdgas betrieben werden, insbesondere sogenannte kombinierte Gas- und Dampfkraftwerke (Combined Cycle Natural Gas). Diese Kraftwerke sind effizient, weil sie sowohl die Abwärme der Gasturbine als auch eine Dampfturbine zur Stromerzeugung nutzen. Vistra verkauft den erzeugten Strom auf dem Großhandelsmarkt (Wholesale Market), wo Stromversorger oder andere Marktteilnehmer ihn erwerben können.
Daneben betreibt das Unternehmen 4 Atomkraftwerke mit insgesamt 6 Reaktoren.
Vistra vertreibt Elektrizität auch direkt an Endkunden – also Haushalte und Unternehmen. Das Unternehmen übernimmt dabei die Abrechnung und Kundenbetreuung. Allerdings besitzt Vistra keine Übertragungsnetze (Transmission Assets).
Das bedeutet, dass es den Strom nicht selbst über Hochspannungsleitungen transportiert, sondern auf bestehende Netzinfrastrukturen angewiesen ist.
Texas als idealer Standort für den Boom
Vistra Corp. produziert vor allem Strom aus Gas. Und Gas kostet im Permian Basin faktisch nichts.
Gas ist im Fracking-Geschäft im Permian Basin ein Nebenprodukt. Man könnte es auch als Abfallprodukt bezeichnen, denn es wird viel mehr Gas produziert als man benötigt.
So paradox es auch klingt, aber im Permian Basin war es über weite Strecken normal, dass Abnehmer nichts für das Gas selbst zahlen, sondern nur für den Transport über Pipelines und Tankwagen.
Dadurch liegt der Industriepreis für Gas in Texas bei einem Bruchteil dessen in Europa.
Der Gaspreis für die Industrie in Texas lag zuletzt bei 3,10 USD je 1.000.000 BTU. In Europa sind es 16 – 19 USD.
Das führt wiederum dazu, dass etliche Unternehmen Texas als Standort für ihre Rechenzentren gewählt haben. Das gilt auch für andere energieintensive Unternehmen.
Texas hat auf Landesebene keine Unternehmens- oder Einkommenssteuer und auch nichts, was man in Deutschland als Bürokratie oder Regulierung verstehen würde.
Der Bedarf explodiert
Und dementsprechend siedeln sich immer mehr Unternehmen in der Region an, was das Wirtschaftswachstum antreibt und wiederum für Zuzug führt.
Texas und das Permian Basin gehören zu den am schnellsten wachsenden Regionen der USA, sowohl beim Wirtschafts- als auch beim Bevölkerungswachstum.
Dadurch steigt der Energiehunger kontinuierlich und Vistra bedient ihn allzu gerne.
Das hat dazu geführt, dass sich der Gewinn von Vistra in den letzten Jahren von 1,36 auf 6,98 USD je Aktie vervielfacht hat und der Kurs in die Höhe geschnellt ist.
Nachdem das Ergebnis im letzten Jahr jedoch auf 2,18 USD je Aktie gesunken ist, ist der Kurs ebenfalls eingebrochen.
Auf den ersten Blick ergibt das Sinn: Sinkender Gewinn, sinkender Aktienkurs.
In Wahrheit ist der Gewinn vor allem deshalb gesunken, weil das Unternehmen deutlich mehr Geld in Wachstum und Infrastruktur investiert hat. Dazu gehören neue Energieanlagen, Wartungen bestehender Kraftwerke sowie Ausgaben für Brennstoffe und Netzinfrastruktur.
Selbstverständlich wurden diese Investitionen angekündigt. Da die Quartalsergebnisse aber teilweise die Erwartungen verfehlt haben, reichte das aus, um einen Kurssturz von etwa 220 auf unter 140 USD zu verursachen.
Gewinnsprung und Rücksetzer
Dabei scheint ignoriert zu werden, dass sich der Trend längst umgekehrt hat. Nachdem Vistra im ersten Halbjahr 2025 durch die Investitionen rote Zahlen geschrieben hat, wurde im zweiten Halbjahr ein Gewinn von 2,29 USD je Aktie erzielt.
Im ersten Quartal lag der Gewinn mit 1,74 USD je Aktie weit über den Erwartungen von 1,32 USD. Mit einem Umsatz von 5,64 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 5,22 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Daher erscheint es plausibel, dass sich der Gewinn von Vistra in diesem Jahr auf etwa 9 USD je Aktie mehr als vervierfachen könnte.
Vistra kommt demnach auf eine forward P/E von 15.
Dazu passt auch der Ausblick von Vistra selbst. Das Unternehmen stellt für das laufende Geschäftsjahr ein EBITDA von 6,8 – 7,6 Mrd. USD und einen freien Cashflow von 3,93 – 4,73 Mrd. USD in Aussicht.
Das entspräche einem FCF von mindestens 11,66 USD je Aktie.

Die Aktie ist zum mehrjährigen Aufwärtstrend zurückgekommen. An diesem Punkt sind die Bullen unter Zugzwang. Sollte der Aufwärtstrend durchbrochen werden, wären weitere Kursverluste in Richtung 120 oder 107 USD möglich.
Gelingt ein Ausbruch über 145 USD, kommt es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit einem möglichen Kursziel bei 166 USD.
