Wenn die Zinsen drehen – der Bondmarkt als Krisenbarometer

Es ist schon richtig: Eigentlich haben Aktien und Anleihen von der Sache her nichts miteinander zu tun. Erstere sind Unternehmensbeteiligungen, die „Zinsen“ in Form von Dividenden abwerfen können und deren Kursbewegungen hohe Gewinnchancen, aber auch Verlustrisiken mit sich bringen. Letztere sind nichts anderes als Kredite, die man als Anleger einem Unternehmen oder einem Staat gewährt und dafür Zinsen erhält. Und solange derjenige, der die Anleihe aufgelegt hat, nicht in Schwierigkeiten gerät, ist das Risiko, den Kapitaleinsatz zu verlieren, nahe null. Aber trotzdem stehen Aktien und Anleihen in einer untrennbaren Verbindung:

Aktienmarkt vs. Anleihemarkt

Je höher die Zinsen sind, die man als Investor am Anleihemarkt erzielen kann (die sogenannte „Rendite“), desto gefährlicher wird die Lage für den Aktienmarkt. Das gilt auf mittel- und langfristiger Ebene, aber nicht nur da. Auch kurzfristige Trader beachten das Auf und Ab am Anleihemarkt (oder Bondmarkt, nach dem englischen Begriff für Anleihen). Und wenn die Renditen dort schnell und/oder deutlich steigen, geht man am Aktienmarkt in Deckung, denn dann ist meistens etwas im Busch, dass den Aktien nicht gut tun kann. Was bedeutet:

Anleihen sind nicht langweilig. Sie sind ein spannendes Investment, das einen großen Einfluss auf den Aktienmarkt hat und zudem wie ein Krisenbarometer fungiert. Und gerade aktuell, zu Beginn des zweiten Halbjahrs 2017, ist hier Hochspannung geboten.

Kurz vorweg: Der Zusammenhang zwischen Anleihekurs und Rendite

Vorab sei kurz folgendes erklärt, weil das bisweilen durcheinander gebracht oder missverstanden wird. Wer sich auskennt, überspringt einfach den kompletten Absatz:

Wenn man sagt, die „Zinsen steigen“, bezieht man sich meist nicht auf die Leitzinsen, welche die Notenbanken festlegen. Man spricht von den Renditen am Anleihemarkt, also von den Renditen, die frei handelbare Bonds, die bereits im Umlauf sind, aufweisen. Denn die sind nicht fix. Fix ist nur der Zinskupon.

Wenn eine Anleihe aufgelegt und ausgegeben wird, wird sie mit einer festen Laufzeit und einem Zinskupon ausgestattet. So z.B. eine Anleihe über zehn Jahre, die, um es zu vereinfachen, mit einem Kurs von 100 Euro das Stück abgegeben wird und einen Zinskupon von 1,5 Prozent hat. Man bekommt also jedes Jahr 1,50 Euro Zinsen und nach zehn Jahren seine 100 Euro zurück. Aber:

Anleihen sind auch an der Börse handelbar. Das heißt, ihr Kurs kann sich nach oben oder unten verändern, während die Zinszahlung immer gleich bleibt. Und das verändert die sogenannte Rendite, sprich das, was für den Anleger dabei herausspringt, wenn er die Anleihe während ihrer Laufzeit an der Börse kauft. Ein kurzes Beispiel dazu auf Basis der vorgenannten 1,5 Prozent-Anleihe:

Fällt der Kurs der Anleihe um zehn Prozent auf 90 Euro, bedeutet das: Man zahlt 90 statt 100 Euro, wenn man die Anleihe jetzt kauft, bekommt aber trotzdem jährlich seine 1,50 Euro Zinsen. Die Rendite von 1,5 Prozent jährlich ist dadurch höher, nämlich 1,50 Euro ./. 90 Euro = 1,67 Prozent. Steigt der Anleihekurs aber aufgrund hoher Nachfrage am Markt auf 110 Euro, sinkt die Rendite dadurch, und zwar auf 1,50 Euro ./. 110 Euro = 1,36 Prozent.

Kurz: Fallen die Bondkurse an den Börsen, steigen die Renditen – und machen diese Anleihen damit für Anleger attraktiver. Das ist ein entscheidendes Element, das in direktem Bezug zum Aktienmarkt steht:

Anleihen als Investment: Perfekt am Zinshoch

Grundsätzlich gilt als Faustregel: Je höher die Bond-Renditen sind, desto schlechter ist dies für den Aktienmarkt, denn man unterstellt, dass dann mehr Anleger zu Anleihen greifen und weniger Geld in Richtung Aktien fließt. Fallen die Renditen hingegen, ist das für den Aktienmarkt perfekt, denn dann werden Anleihen als Konkurrenz zu Aktien weniger attraktiv. Auf lange Sicht ist das durchaus richtig, wie der folgende Chart zeigt: Mit den Renditen für zehnjährige Bundesanleihen ging es über Jahre nach unten, der DAX stieg dazu parallel.

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Vergleich der Entwicklung von Dax und Anleiherenditen seit 2010

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Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn wie im vorherigen Absatz erklärt, bedeuten steigende Anleiherenditen ja, dass die Kurse bereits bestehender Anleihen fallen. Wenn man also als Investor den Entschluss fasst, in steigende Renditen hinein Anleihen zu kaufen und diese Renditen danach weiter steigen, erleidet man Kursverluste. Die können einem zwar egal sein, wenn man die gekauften Anleihen bis zum Ende ihrer Laufzeit behält und damit den Nominalbetrag ausgezahlt bekommt (in unserem Beispiel 100 Euro). Kauft man eine 100-Euro-Anleihe bei 90 Euro, würde man also nicht nur eine höhere Rendite bekommen, sondern auch noch einen Kursgewinn erzielen. Aber das hieße: Man muss bis zum Laufzeitende warten, das Kapital ist bis dahin blockiert.

Weitaus lukrativer ist der Moment, in dem man erwarten kann, dass die Leitzinsen und damit auch die Zinskupons ein Hoch erreicht haben. Wenn man dann Anleihen kauft, hätte man stattliche Zinsen und die Chance auf immense Kursgewinne. Denn wenn die Leitzinsen und mit ihnen die Renditen am Anleihemarkt fallen, steigen die Kurse der Anleihen – und das oft immens. Aber reagieren die Anleihekurse immer nur auf veränderte Leizinsen als „Vorgabe“? Keineswegs. Sie sind ebenso wie alle Investments auch ein Spekulationsobjekt … und ein Druckmittel!

Wenn Bondkurse fallen ist dies oft ein schlechtes Zeichen!

Ein Druckmittel? In der Tat. Und zwar für den Aktienmarkt ebenso wie für Notenbanken. Zunächst zu den Notenbanken.

Anleiherenditen und Leitzinsen sollten normalerweise eine mittelfristig parallele Entwicklung zeigen. Das ist auch im Großen und Ganzen der Fall, wie der folgende Chart zeigt, der die Veränderung der US-Leitzinsen (Fed Funds Rate) und der Rendite für US-Regierungsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit seit 2007 abbildet. Aber was ist, wenn die Renditen am Anleihemarkt deutlich steigen und die Leitzinsen nicht?

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Vergleich der Anleiherenditen mit dem Leitzinz in den USA seit 2008

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Das würde eine Notenbank in Schwierigkeiten bringen. Mit dem Leitzins stellt man normalerweise die Orientierung für den Anleihemarkt. Wenn das Wachstum hoch genug ist und die Inflation zu kräftig wird, bremsen die Notenbanken diese Entwicklung, indem sie die Leitzinsen anheben. Dadurch steigen auch die Renditen am Anleihemarkt. Kredite aufzunehmen wird damit teurer und das wiederum bremst das Wachstum sanft ab. Soweit die Theorie.

Doch wenn die Zinsen am Anleihemarkt deutlich steigen, obwohl die Notenbank ihre Leitzinsen gar nicht verändert hat, beginnt dieser Bremseffekt ohne ihr Zutun. Damit kann sie den Leitzins auch nicht wieder senken, wenn das Wachstum nachlässt oder gar kippt, denn der ist ja „unten“ geblieben. Eine solche Entwicklung nimmt einer Notenbank daher ein wichtiges Element der Steuerung, wenn sie dem Anleihemarkt nicht „gehorcht“, indem sie die Leitzinsen schnell den gestiegenen Bond-Renditen anpasst.

Wenn Anleihekurse fallen, fallen die Aktien oft hinterher

Aber noch problematischer ist ein Zinsanstieg für den Aktienmarkt. Eigentlich könnte man meinen, es wäre positiv. Denn wenn die Renditen steigen heißt das, Anleihen werden verkauft, die Kurse fallen. Und das dabei freiwerdende Geld muss ja irgendwo hin – warum also nicht in den Aktienmarkt? Aber meist wird es nur „geparkt“, denn:

Zum einen bremsen steigende Renditen, wie oben erwähnt, das Wachstum. Und das auch dadurch, dass die Währung, auf die die Anleihen laufen, meist mit steigt. Je höher der Zins, desto attraktiver und damit höher die Währung. Der folgende Chart zeigt, dass das Auf und Ab der Renditen deutscher Anleihen und die Bewegungen des Euro, hier zum US-Dollar, sich ähneln. Und steigt die Währung, bremst das den Export aus.

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Vergleich der Anleiherenditen mit dem Wechselkurs Euro/US-Dollar seit 2009

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Damit haben wir also bei steigenden Anleihe-Renditen schon drei ungute Elemente: Höhere Refinanzierungs- bzw. Kreditkosten, eine höhere Attraktivität von Anleihen bei der Wahl Aktie/Anleihe und ein Hemmnis für die Exporte.

Achten Sie immer auf den Bund Future!

Es gibt ein altes Börsensprichwort: „Die Bond-Trader hören das Gras wachsen“. Und das bestätigt sich oft. Am Anleihemarkt agieren mehr erfahrene Trader als in den anderen Börsensegmenten. Und die Natur ihres Tätigkeitsfeldes bedingt, dass sie sich intensiver mit den Rahmenbedingungen der Börsen beschäftigen, vor allem mit der Entwicklung der Konjunktur und der politischen Lage.

Wenn die Renditen steigen, die Anleihen also unter Druck stehen, weil die Bond-Trader ihr Geld aus dem Markt nehmen, ist also meist etwas im Busch, das man am Aktienmarkt noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Und gerade aktuell ist das der Fall. Der folgende Chart zeigt, dass die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit jetzt, Anfang Juli, mit 0,54 Prozent ein neues Jahreshoch erreicht hat.

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Entwicklung der Rendite deutscher Staatsanleihen seit Januar 2015

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Ein wichtiges Barometer, um sofort einen Blick auf die Lage am Anleihemarkt zu haben, ist dabei der Bund Future. Er ist der Future für deutsche Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit und das Instrument, mit dem die Akteure am Anleihemarkt die Kurse am schnellsten und einfachsten bewegen können. Achtung: Der Bund Future bildet keine Renditen ab, sondern die Kurse. Das heißt: Fällt der Bund Future, steigen die Renditen, steigt er, sinken die Renditen.

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Entwicklung des Bund Futures seit 2016

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Der scharfe Einbruch des Bund Future seit Ende Juli entspricht also dem Anstieg der Renditen im darüber dargestellten Chart, der die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen abbildet. Dass der Bund Future aktuell derart unter Druck steht und dabei mit dem Bruch der Dezember-Aufwärtstrendlinie ein markantes Short-Signal abgegeben hat, ist eine Warnung für den Aktienmarkt, die beim DAX auch durchaus nicht unbemerkt bleibt. Der folgende Chart zeigt, wie eng der Verlauf von Bund Future und DAX seit Ende Mai 2017 gewesen ist.

Fazit: Anleihen sind alles, nur nicht langweilig. Sie weisen starke Schwankungen auf, die für das Trading gut geeignet sind. Aber vor allem dient das auf und Ab der Bondkurse bzw. der Renditen als Krisenbarometer. Wenn die Akteure am Bondmarkt beginnen, auszusteigen, ist das meist ein sehr wichtiges Warnsignal für den Aktienmarkt, weshalb erfahrene Trader immer ein Auge auf die Bonds bzw. hierzulande auf den Bund Future haben!

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Ronald Gehrt

Ronald Gehrt

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Dabei versteht sich Gehrt als Allrounder, der in der fundamentalen, volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie im Bereich der verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse.

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