Point and Figure

Auf den folgenden Seiten werde ich für Sie einen Blick auf die in Europa wenig bekannte Chart-Darstellungsform Point & Figure werfen.

Ich persönlich arbeite seit rund 30 Jahren mit dieser Art der technischen Analyse. Kennen gelernt habe ich sie in die USA, dem Point & Figure Heimatland, als ich anfänglich ein Praktikum bei einem Broker absolvierte, der später für lange Jahre mein Arbeitgeber werden sollte. Nie werde ich vergessen, wie damals ein älterer Kollege einen skeptischen Blick auf mein selbst geschriebenes Chartprogramm auf dem C64 warf und mich nach einer Einweisungsphase „verdonnerte“ jeden Morgen die Point & Figure-Charts der Dow Jones-Werte zu aktualisieren. Damit wir uns richtig verstehen: Damit ist das manuelle Eintragen mit Papier und Bleistift gemeint. Jetzt wäre es an der Zeit, zu betonen, dass wir ja damals nichts hatten. Um es klar zu sagen, wir sprechen hier von der Zeit, in der PCs eher ein Kuriosum als ein tägliches Arbeitsmittel waren. Aber selbst diese „steinzeitliche“ Arbeitsweise ermöglichte es mir, alle Werte des Dow Jones – nach einer Eingewöhnungszeit von wenigen Tagen – innerhalb von rund 45 Minuten zu analysieren.

Auf jeden Fall kann ich sagen, dass das manuelle Konstruieren von Charts sehr hilft, die der Methodik zugrunde liegenden Ideen zu verstehen. Aber keine Sorge: Mittlerweile gibt es hervorragende Chartprogramme, um Point & Figure schnell und einfach darzustellen. Damit ist es viel einfacher geworden, diese einfache und vor allem in ihren Signalen eindeutige Methodik erfolgreich anzuwenden. Gerade für den Privatanleger bietet sich das Arbeiten mit Point & Figure deshalb an.

Wie alles begann

Die Geschichte – praktische Evolution statt reiner Theorie

Einen exakten Startpunkt für die Geschichte von Point and Figure zu setzen, ist recht schwierig. Der Grund liegt darin, dass diese Charttechnik recht alt ist und einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen war. Der Begriff Point and Figure trat wohl erst mit Victor De Villiers und Owen Taylor im Jahr 1933 an die Öffentlichkeit.

In ihrem in diesem Jahr erschienenen Buch „DeVilliers and Taylor on Point and Figure Charting“ beschreiben die Autoren nicht nur die Methodik, wie wir diese auch heute noch kennen. Sie betonen auch, dass Point and Figure zu diesem Zeitpunkt bereits über 60 Jahre alt war.

Kein Wunder, dass die „Erfindung“ von vielen Autoren Charles Dow zugeschrieben wurde, der in im angesprochenen Zeitraum, also um 1870 aktiv war. Das würde sich auch wunderbar fügen, wird Charles Dow, der auch Vater der Dow-Indizes genannt wird, allgemein als Schöpfer der technischen Analyse angesehen wird. Dabei interessierte ihn besonders die Identifikation und Analyse von Trends. Hier sei nur die „Dow-Theorie“ genannt, die in sechs einfachen Regeln Trends beschreibt.

Ich hingegen tue mich schwer, die Erfindung von Point and Figure einem Einzelnen zuzuordnen. Stattdessen sehe ich hier einen Prozess über nun mehr als 150 Jahre. So erscheint mir am plausibelsten, dass diese Charttechnik aus der Notwendigkeit geboren wurde und nach und nach weiter entwickelt, ausgebaut und verbessert wurde. Die ersten Trader, die etwas Ähnliches verwendeten, notierten einfach die ausgerufenen Kurse für einzelne Aktien, erst über den Handelstag und dann auch über längere Zeiträume. Allerdings führte das nur zu einer Datenreihe wie dieser:

9, 10, 11, 10, 11, 9, 8, 7, 9, …

Hieraus auch nur zu erahnen, wo der Wert seine Unterstützung finden oder auf einen Widerstand treffen würde, verlangt allerdings mehr als nur ein brillantes visuelles Vorstellungsvermögen.

Werden diese Werte allerdings in Form von Säulen eingetragen, ergibt sich sofort ein klareres Bild:

P&F Datenreihe

Das kann fast als Chart durchgehen, oder?

Allerdings erweist es sich als sehr aufwendig, jede Zahl in den Chart zu schreiben. Notiert man allerdings die Kurse an der Y-Achse und ersetzt steigende Notierungen durch eine X-Säule und fallende durch eine O-Spalte, ergibt sich im Groben ein Point and Figure-Chart, wie wir ihn alle kennen.

Sie sehen, dass es sich bei Point and Figure um einen evolutionären Prozess handelt, der von aktiven Börsenakteuren angestoßen und von der gleichen Anwendergruppe ständig verbessert wurde.

Letzter großer Gamechanger wurde erst um 1955 eingeführt

Diese Entwicklung der Point and Figure-Charttechnik führte noch Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Entwicklung eines weiteren wichtigen Bausteins, des Bullish Percent Index. Auf diesen gehen wir noch später gesondert ein. Nur so viel jetzt schon:

Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung durch Abe Cohen, der in dieser Zeit führend bei Chartcraft tätig war. Auch heute noch liefert diese Firma Börsensignale auf Basis der Point and Figure Charttechnik.

Mit dem Werkzeug des Bullish Percent Index ist man jederzeit darüber informiert, wie der Markt „tickt“. Auf einen Blick wird ersichtlich, ob gerade die Bullen oder Bären am Ruder sind. Solche eine Bestimmung des aktuellen Marktzustandes erleichtert die Entscheidung, ob und in welchem Rahmen investiert wird.

Disclaimer

Dieses Handbuch über Point and Figure ist nach bestem Wissen und Gewissen formuliert. Eine exakte Korrektheit und Vollständigkeit kann nicht gewährleistet werden. Damit entbindet Sie dieses Handbuch nicht davon, in Zweifelsfragen, insbesondere wenn hierbei wirtschaftliche Einbußen drohen, beispielsweise bei einem Vermögensberater oder Börsenexperten nachzufragen. LYNX führt keine Wertpapierberatung durch. Keine der Formulierungen, Aussagen, Wörter oder Erläuterungen in diesem Handbuch stellt eine Handelsempfehlung seitens LYNX dar.

Point & Figure Experte Jörg Mahnert

Jörg Mahnert

Ich bin seit nun mittlerweile 30 Jahren als Trader und Investor aktiv. Mein Spezialgebiet ist die Point & Figure-Charttechnik, die ich in faktisch allen Zeitebenen einsetze. Ich bin als Positions-, Swing und Intraday-Trader mit dieser Charttechnik „unterwegs“. Gehandelt werden alle Märkte, wobei das Hauptgewicht auf dem Index- und Aktienhandel, kombiniert mit Optionsstrategien liegt.

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