XAUUSD aktuell Gold: Wie geht man mit dem Chaos um?

News: Aktuelle Gold Analyse des London Gold Spot

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London Gold Spot
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Ticker: XAUUSD
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Währung: USD

Binnen fünf Stunden brach der Goldpreis am Mittwoch um in der Spitze über drei Prozent ein. Da kommt einem als potenzieller Auslöser zwar der Sturm auf das US-Kapitol in den Sinn. Aber erstens wäre es ziemlich unlogisch, dass ein typisches „Krisen-Ereignis“ ausgerechnet einen Selloff beim „sicheren Hafen“ Gold auslöst.

Zweitens vollzog sich der Abverkauf zwischen 12 und 17 Uhr unserer Zeit, also weit vor diesem Ereignis. Es war die Zeit vor und während der Rallye des Dow Jones, der zum US-Handelsstart vorgestern im D-Zug-Tempo 700 Punkte zulegte. Damit deutet sich ein anderer Grund an: Umschichtungen.

Es ist denkbar, dass einige größere Adressen entschieden haben, ihre Aktienmarkt-Exposition zu Lasten ihrer Gold-Positionierung zu erhöhen. Was bedeuten würde, dass die Kombination aus nahem US-Regierungswechsel und dem Beginn der Corona-Impfungen einige veranlasst, jetzt gezielter und umfassender auf eine Aktienmarkt-Hausse auf Basis eines zügig und nachhaltig anziehenden Wachstums zu setzen. Das würde nicht wundern. Natürlich könnte man sich fragen, wieso große Adressen (und um die muss es gehen, denn niemand anders agiert mit Ordergrößen, die Gold in so kurzer Zeit derart drücken) erst jetzt, auf Rekordlevels am Aktienmarkt, auf die Idee kommen, ihre Long-Exposure dort hochzufahren. Aber auch da, wo Milliarden verwaltet werden, findet man oft ein sehr ausgeprägtes, „zyklisches Denken“. Das keineswegs gut gehen muss, nur, weil hier große Akteure am Werk sind. Und das bedeutet auch, dass der Abgabedruck bei Gold nach diesem kräftigen „Schluckauf“ nicht unbedingt weitergehen muss.

Expertenmeinung: Aber wie geht es denn nun weiter? Das ist momentan noch nicht einzugrenzen, da sich die Rahmenbedingungen unübersichtlich gestalten und viele große Adressen ihre Strategie zu Jahresbeginn neu ausrichten. Daher gilt es für die Trader derzeit, so gut wie möglich mit diesem kurzfristig chaotischen Geschehen zurande zu kommen. Erst ging es zum Start ins Börsenjahr senkrecht rauf mit dem Goldpreis, zwei Tage später war das Plus dahin, gestern gab es dann den Versuch einer Stabilisierung. Gerade geht es also ziemlich wirr zu. Aber eines ist auch klar im Chart erkennbar:

Der Aufwärtstrend an sich wurde zwar unsanft gebremst, ist aber noch nicht gebrochen. Nicht nur, dass die heute bei 1.905 US-Dollar verlaufende, kurzfristige Aufwärtstrendlinie noch intakt ist, Gold ist auch bis hinunter zur aktuell bei 1.836 US-Dollar verlaufenden 200-Tage-Linie gut unterstützt. Erst, wenn diese 200-Tage-Linie fallen sollte, hätten die Bullen das Ringen um die zum Start ins neue Jahr dominierende Trendrichtung verloren. Hier bereits jetzt Short zu gehen, hätte also ein ungünstiges Chance/Risiko-Verhältnis. Wer aggressiv und kurzfristig Long agiert, könnte sich zwar enger absichern, da wäre die Orientierung an der heute bei 1.879 US-Dollar verlaufenden 20-Tage-Linie ein Gedanke, die die kurzfristige Aufwärtstrendlinie als eine Art Sicherungsseil begleitet. Aber solange hier kein klares Short-Signal entsteht, wäre die Alternative zu „Long“ nur „Neutral“.  

Chart vom 07.01.2021, Kurs 1.915,98 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Vorherige Analysen des London Gold Spot

Das passt ja wie bestellt: Kaum haben es DAX und Dow Jones nötig, ein wenig angeschoben zu werden, weil nach der Rallye der ersten Monatshälfte die Rückkehr einer gewissen Skepsis Gewinnmitnahmen auslöst, fällt der Goldpreis kräftig. Was die Botschaft aussendet: sichere Häfen? Braucht jetzt kein Mensch! Dass so etwas gerne mal genau dann passiert, wenn es den Bullen am Aktienmarkt hilft, ist kein Zufall. Denn große Adressen, die am Aktienmarkt mit gewaltigen Summen agieren und daran interessiert sind, dass der Rallye-Motor jetzt nichts ins Stottern gerät, wissen natürlich, dass viele Anleger immer noch im Hinterkopf haben, dass ein steigender Goldpreis Gefahr für die Wirtschaft im Allgemeinen und den Aktienmarkt im Besonderen signalisiert.

Dass diese Funktion des Goldes als „sicherer Hafen“ seit Jahren schwindet, Gold immer mehr zu einem vor kurzfristigen Tradern und charttechnischen Aspekten dominierten Asset wie alle anderen wird, ist zwar eigentlich bekannt. Aber man arbeitet da mit diesen tiefsitzenden „Gewissheiten“, die vielen eben doch den Eindruck suggerieren, dass es keinen Grund gibt, am Aktienmarkt auszusteigen, wenn der Goldpreis nachgibt. Daher wird bei den großen Adressen gerne bei Gold auf den Kurs gedrückt, um einen Stillstand am Aktienmarkt zu beenden. Aber hieße das, dass dieser Abwärtsimpuls nicht vorhalten wird, weil er nur so lange vonnöten wäre, bis DAX und Dow Jones ihre derzeitigen Widerstände genommen haben?

Expertenmeinung: Nein, der Anlass, den Kurs zu drücken, hat keine Prognosekraft für den weiteren Verlauf. Zumal zu einem solchen Hilfsmittel der Aktienmarkt-Hausse vor allem dann gegriffen wird, wenn die Akteure, die einen Abwärtsimpuls anschieben, darauf hoffen können, dass sie von den kurzfristigen, rein charttechnisch orientierten Akteuren Schützenhilfe erhalten. Und da gingen die Gold-Bären mit idealen Voraussetzungen an den Start.

Sie sehen im Chart, dass Gold ein absteigendes Dreieck ausgebildet hatte. Die Chance eines Ausbruchs nach unten ist bei solchen Formationen höher als die eines Befreiungsschlags nach oben. In diesem Fall besonders, weil ein Versuch, die Formation nach oben zu verlassen, Anfang November sang- und klanglos abverkauft wurde. Man durfte also darauf hoffen, dass eine gezielte Attacke auf die Unterstützungslinie um 1.848/1.850 US-Dollar nicht nur Stop Loss-Verkäufe bestehender Long-Positionen auslösen würde, sondern auch die kurzfristigen Trader sich auf diese Gelegenheit stützen würden. Die Hoffnung erwies sich als berechtigt.

Gold durchbrach die Supportzone, rang danach zwei Tage mit der bei derzeit bei 1.799 US-Dollar verlaufenden 200-Tage-Linie und durchbrach diese am Freitag. Ob dieser Druck auf den „sicheren Hafen“ dem Aktienmarkt über die Hürden hilft bzw. die Verkäufe Gold an und unter die nächstliegende Unterstützungslinie bei 1.750 US-Dollar führen werden, wird die neue Woche zeigen. Aber auch, wenn der Aktienmarkt nicht umgehend durchstarten sollte, hätte dieser Abwärtsimpuls grundsätzlich die nötige die Eigendynamik, das Edelmetall erst einmal weiter zu drücken. Der Kurs müsste über 1.930 US-Dollar hinauslaufen, um wieder ein bullisches Signal zu generieren … das wäre derzeit der deutlich steinigere Weg.

Chart vom 27.11.2020, Kurs 1.786,98 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Der Tag fing ganz harmlos an. Aber kurz nach Beginn des US-Handels kam es zu einer massiven Verkaufswelle beim Goldpreis. Was war passiert? Auslöser war die Veröffentlichung des von MARKIT ermittelten Einkaufsmanagerindex. Der legt, anders als der bekanntere ISM-Index, auch für die USA „Zwischenstände“ vor. Und dieser Zwischenstand für den November fiel für die Subindizes des verarbeitenden Gewerbes und für die Dienstleister gleichermaßen stark aus. In beiden Bereichen stiegen diese Stimmungsbarometer, während die Analysten im Vorfeld mit einem leichten Rückgang gegenüber Oktober gerechnet hatten.

Das wirkte wie ein gutes Argument, um bei Gold auszusteigen, mehr noch, um zu hoffen, dass eine gezielte Short-Attacke mit dem Rückenwind dieser Konjunkturdaten eine gute Chance hat, genug Druck auf den Kurs auszulösen, um in den kommenden Tagen weitere Abgaben zu sehen. Zum Handelsende an der Chicago Mercantile Exchange sieht es aus, als hätten die „Shorties“ alles richtig gemacht. Trotzdem sollte man die Bullen noch nicht komplett abschreiben. Noch hätten sie die Chance, diesen Bruch der immens wichtigen Unterstützung um 1.848/1.850 US-Dollar in eine Bärenfalle zu verwandeln.

Will man das perfekte Umfeld für einen kräftigen Baisseschub bei Gold haben, müssten dazu die Aktienmärkte rasant zulegen. Aber so wirklich überzeugend war es nicht, was die Wall Street da zeigte. Zwar kam es als Reaktion auf diese Einkaufsmanagerindizes zu einer unmittelbaren, positiven Reaktion. Aber schon wenige Minuten danach kamen am Aktienmarkt Gewinnmitnahmen auf. Als „Game Changer“ sieht man diesen November-Zwischenstand der MARKIT-Einkaufsmanagerindizes dort also nicht, zumindest nicht auf breiter Front. Das könnte den Bären am Goldmarkt Steine in den Weg legen, oder? Ja, muss es aber nicht, wenn sich gegenläufige Impulse aus anderen Asset-Klassen in Grenzen halten. Würden die Aktienmärkte nicht auf einmal markant abrutschen, sondern „nur“ weiter seitwärts laufen, wäre das eher zu wenig, um die Gold-Bären auszubremsen, denn:

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Goldpreis immer weniger wie ein „sicherer Hafen“ funktioniert. Das wird zwar gerne als Argument vorgeschoben, wenn es nach oben geht. Aber die chart- und markttechnisch orientierten Trader haben meist die Oberhand. Und das heißt: Wenn das bullische Lager hier noch die Kurve kriegen will, müsste das sehr schnell passieren, denn aus charttechnischer Sicht läuft die Sache mit dieser gestrigen Short-Attacke auf einen Kantersieg der „Shorties“ hinaus.

Tageschart vom 23.11.2020, Kurs 1.837,70 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Der Chart auf Tagesbasis zeigt, dass Gold zuerst Anfang November einen Fehlausbruch nach oben zeigte, dann an die Supportzone 1.848/1.850 US-Dollar zurückfiel und danach nicht mehr am Kreuzwiderstand aus der August-Abwärtstrendlinie und der 20-Tage-Linie vorbeikam.

Und noch erfreulicher stellt sich das Bild für die Bären auf Monatsbasis dar. Gold hatte in den drei Monaten Juli, August und September einen perfekten „Abendstern“ ausgebildet (grüne Kerze, Doji, rote Kerze). Das ist eine potenziell bärische Formation die aber, um gültig zu sein, von der nächsten Kerze bestätigt werden muss. D.h. im Oktober hätte es zu einer roten Kerze kommen müssen – und genau dazu kam es auch! Im November kam es dann zu diesem im Tageschart deutlich zu sehenden Ausbruchsversuch nach oben. Der „Abendstern“ hätte dadurch egalisiert werden können, aber der Ausbruch scheiterte. Mit dem gestrigen Abverkauf zeigt sich im Monatschart jetzt eine rote Kerze mit langem oberen Docht: ein klarer Punktsieg für das bärische Lager.

Sollte es nicht in den verbleibenden fünf Handelstagen des Novembers (in den USA sind es wegen Thanksgiving sogar nur vier) zu einer überzeugenden Gegenwehr der Bullen kommen, durch die Gold mindestens wieder über den vorgenannten Kreuzwiderstand aus der August-Abwärtstrendlinie und der 20-Tage-Linie bei aktuell 1.886/1.888 US-Dollar hinaus läuft, wäre das eine perfekte Vorlage für einen bärischen Dezember. Aber wie gesagt: Noch könnten sich die Bullen wehren. Eine Short-Position knapp über dem Bereich 1.886/1.888 US-Dollar abzusichern, wäre daher auf jeden Fall zu überlegen.

Wochenchart vom 23.11.2020, Kurs 1.837,70 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Besonders groß war das Minus des Goldpreises am Mittwoch, am Tag nach der US-Wahl, deren Auszählung am Mittwochabend noch andauerte, zwar nicht. Aber noch ist ja auch nicht klar, wer am Ende die Nase wirklich vorne haben wird. Um das absehen zu können, waren viel zu viele Wahlmänner bis zum Handelsende in den USA noch nicht vergeben. Andererseits reagierte der US-Aktienmarkt außerordentlich stark und aufwärtsgerichtet, Europa zog bereitwillig mit. Eigentlich hätte Gold also … ja, was?

Stärker fallen müssen? Ja, wenn hier zuvor viele Investoren im Zuge der Korrektur der Aktienmärkte in den vergangenen zwei Wochen eingestiegen wären, Gold also deutlich zugelegt hätte, wäre das zu erwarten gewesen. Aber der Chart zeigt ja: Gold war nicht gestiegen. Und wie sieht es mit Käufen aus? Das wäre zumindest keine Überraschung gewesen. Immerhin kam es am Aktienmarkt zu einer Rallye, zugleich floss Geld in den US-Anleihemarkt. Direkt nach der Wahl nahmen die Trader also wieder Geld in die Hand. Nur Gold ließ man aus, obwohl es oft mit dem Aktienmarkt mitläuft. Ist also letztlich vorprogrammiert, dass Gold weiter nachgibt, wenn man ausgerechnet dieses Asset bei den Käufen des Mittwochs außen vor ließ?

Expertenmeinung: Ich wäre da hinsichtlich der wahrscheinlichen Ausbruchsrichtung vorsichtig. Dass Gold an der oberen Begrenzung der seit Wochen dominierenden absteigenden Dreiecksformation am Dienstag und Mittwoch erst einmal gestoppt wurde, muss nicht heißen, dass der Kurs dort nicht doch noch vorbeikommen könnte. Denn es scheint, dass die US-Aktienmärkte gestern auf zwei Dinge reagiert haben: Erstens auf einen tendenziell wahrscheinlichen Biden-Sieg, da er über die noch laufende Auszählung der Briefwahlstimmen noch auf die nötigen 270 Wahlmänner kommen kann. Und darauf, dass die befürchteten Ausschreitungen ausgeblieben sind. Aber beide Annahmen stehen auf wackligen Beinen.

Die Forderung der Republikaner, die Briefwahlauszählung sofort zu stoppen, in Wisconsin eine Neuauszählung vorzunehmen und gegen die Wahl zu klagen hätte, zwar normalerweise geringe Chancen, weil man keine wirklich relevanten Regelverstöße anzeigen kann. Aber das Problem, dass z.B. die Richter des Supreme Court von der Politik „ausgesucht“ werden, bedeutet, dass man nie sicher sein kann, ob eine solche Klage nicht zumindest zugelassen würde, auch, wenn man dazu eigentlich erst vor untergeordnete Gerichtsebenen ziehen müsste. Und die permanente Aussage, dass die Demokraten die Wahl stehlen würden, führt dazu, dass die bislang relativ ruhige Lage in den USA doch noch eskalieren könnte. Was bedeutet:

Diese Aktienmarkt-Erleichterungsrallye kann jederzeit in sich zusammenfallen und ein sicherer Hafen wie Gold schlagartig doch noch gesucht sein. Daher sollte man diese Abwärtstrendlinie bei aktuell 1.915 US-Dollar, an der das Edelmetall bislang nicht vorbei kam, im Auge behalten. Sollte diese Linie auf Schlusskursbasis eindeutig überboten werden, kann sich das gestrige Desinteresse am Goldpreis schlagartig erledigt haben. Erst, wenn die untere Begrenzung dieser Formation durch Schlusskurse klar unter 1.848 US-Dollar durchbrochen wurde, hätten die Bären das Rennen hier wirklich gewonnen.

Gold: Chart vom 04.11.2020, Kurs 1.898,30 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Die Aktienmärkte haben einige Tage massive Abgaben hinter sich. Die Stimmung an der Börse kippt, angesichts der Risiken, die die US-Wahl mit sich bringt, angesichts der Erkenntnis, dass die von vielen als sicher angesehene, v-förmige Erholung der Weltwirtschaft deutlich unterhalb des vorherigen Levels verflacht und, natürlich, mit Blick auf die Entwicklung der Pandemie und auf die Sorge, dass die Gegenmaßnahmen die Erholung endgültig abwürgen. Da würde man eigentlich mit einem deutlich zulegenden Goldpreis rechnen, immerhin gilt der in solchen Situationen als „sicherer Hafen“.

Aber Gold ist eben am Ende auch ein Asset wie alle anderen, dessen kurzfristige Bewegungen vornehmlich von kurzfristigen Tradern ausgelöst werden, die vor allem die Charttechnik als Entscheidungsgrundlage haben. Und nachdem der Goldpreis vergangene Woche, als die Aktienmärkte langsam ins Rutschen kamen, den Ausbruch über die August-Abwärtstrendlinie nicht schaffte, schlugen sich diese Trader ungeachtet dieses Nimbus als „sicherer Hafen“ wieder auf die bärische Seite. Zumal man dort zweifellos nicht übersehen hat, dass der Goldpreis in den vergangenen Monaten mehr mit als entgegen den Aktienindizes lief. Was zwei Gründe hat:

Expertenmeinung: Zum einen gab es im Zuge dieser Hoffnungs-Hausse im Frühjahr und Sommer auch viele Skeptiker, die umso mehr auf Gold als Absicherung setzten, je schneller und weiter DAX, Dow Jones & Co. stiegen. Zum anderen führen schnell und weit fallende Aktienmärkte dazu, dass großen Adressen die Barreserven ausgehen, die nötig sind, um dahinschmelzende Sicherheitsleistungen (Margins) für Long-Positionen am Aktienmarkt aufzufüllen, bevor diese zwangsverkauft werden. In solchen Situationen wird alles zu Geld gemacht, um die Barbestände zu erhöhen, auch Gold. Was auch der Grund dafür war, dass Gold im März zeitweise zusammen mit dem Aktienmarkt massiv unter die Räder kam, von 1.700 auf 1.450 US-Dollar fiel.

Wer derzeit bei Gold bärisch ist, setzt letztlich darauf, dass sich dieses damalige Szenario wiederholt, d.h. dass die Aktien kräftig weiter abrutschen und erneut große Investoren andere Assets wie Gold in Bares verwandeln, um den Druck auf ihre Barreserven abzufangen. Und angesichts dieser bereits mehrfach bestätigten August-Abwärtstrendlinie haben die Gold-Bären derzeit in der Tat die besseren Karten. Sollte das im Chart gut erkennbare, absteigende Dreieck mit Schlusskursen unter der Unterstützungslinie bei 1.848 US-Dollar nach unten verlassen werden, wäre ein Anlauf an die momentan bei 1.769 US-Dollar verlaufende 200-Tage-Linie ein realistisches Szenario.

Aber Vorsicht, noch ist dieses Dreieck eben nicht nach unten verlassen worden. Würde es gelingen, die aktuell bei 1.910 US-Dollar verlaufende Abwärtstrendlinie signifikant (der Kurs sollte mindestens ein halbes Prozent darüber schließen) zu bezwingen, hätten die Bären auf Sand gebaut, dann wäre Gold zumindest auf kurzfristiger Zeitebene nach oben frei.

Gold: Chart vom 29.10.2020, Kurs 1.869,45 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Am Aktienmarkt steigt die Volatilität. Die US-Wahl ist nur noch zweieinhalb Wochen entfernt. Die Pandemie bekommt man nicht in den Griff. Die Briten werden wohl in zweieinhalb Monaten ohne Einigung aus dem EU-Binnenmarkt ausscheiden. Die Konjunkturdaten bieten in allen großen Industrieregionen Licht, aber auch Schatten. Man wird zusehends nervöser … und Gold schleicht leblos seitwärts.

Wo bleibt die Gold-Rallye, die Flucht in den „sicheren Hafen“ vor diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit äußerst unruhigen Wochen an den Börsen?

Dass der Goldpreis steigt, wenn der Aktienmarkt wackliger wird, war noch nie ein Automatismus. Die Erwartung, dass viele Investoren dann Aktien verkaufen und in Gold umschichten, wurde in den vergangenen Jahren schon oft enttäuscht. Und je öfter eine solche „Sichere Hafen“-Hausse ausbleibt, desto weniger Trader agieren entsprechend dieses eben nur scheinbar vorhandenen Automatismus. Im Gegenteil hat gerade das Jahr 2020 bislang sogar einen auffälligen Gleichlauf von Gold und Aktienmarkt gezeigt. Der Chart zeigt, dass Gold im März ebenso wegbrach wie der Aktienmarkt und nahezu zeitglich mit den großen Indizes wieder nach oben drehte. Zwar hatte Gold sein Hoch bereits Anfang August erreicht, während die Korrektur an der Wall Street erst Anfang September einsetzte. Aber die Tendenz ist eben nicht gegenläufig, sondern eher parallel. Was man durchaus begründen könnte:

Expertenmeinung: Viele Investoren parken ihr Kapital lieber, solange es am Gesamtmarkt abwärts geht. Erst, wenn es zu Aufwärtswenden kommt, steigt die Bereitschaft, Barreserven in aktive Positionen zu verwandeln. Aber dann sehen wir dennoch geteilte Meinungen. Und wer hinsichtlich des Aufwärtspotenzials des Aktienmarkts skeptisch ist, zugleich dort aber besser nicht Short gehen möchte, geht gerne bei Gold Long, um so eine Art „bullischen Hedge“ gegen eine scheiternde Aktienmarkt-Rallye aufzubauen. Aber das tut man eben tendenziell vor allem dann, wenn der Goldpreis bereits einen intakten Aufwärtstrend zeigt. Und das ist seit August eben nicht mehr der Fall.

Chart vom 15.10.2020, Kurs 1.907,47 US-Dollar, Kürzel XAUUSD | Online Broker LYNX

Sie sehen in unserem Chart auf Tagesbasis, dass die Zwischenhochs seit Anfang August immer niedriger als die vorherigen liegen. Solange der Goldpreis nicht über die kurzfristige Abwärtstrendlinie und das letzte, Anfang der Woche bei 1.933 US-Dollar markierte Zwischenhoch hinauskommt, müsste schon mehr passieren als ein wackliger werdender Aktienmarkt, um die Gold-Bullen aus der Reserve zu locken. Solange diese Abwärtstrendlinie hält, kann es allemal auch passieren, dass das letzte, markantere Tief bei 1.848 US-Dollar fällt und der Kurs Richtung der Kreuzunterstützung aus April-Hoch und 200-Tage-Linie im Bereich 1.750 US-Dollar durchgereicht wird. Ein Ausbruch nach oben ist selbstredend ebenso möglich, nur sollte man darauf besser nicht setzen, bevor mit Schlusskursen über 1.933 US-Dollar ein charttechnischer Befreiungsschlag gelungen ist.