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Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 02.-08.03.2026

Börsensprüche … können die wirklich etwas taugen?

Von

02.03.2026 | 07:00 Uhr

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Börsensprüche gibt es reichlich. Mit ihnen versucht man seit Anbeginn des Börsenhandels, eine eigentlich hoch komplexe Sache zu vereinfachen, indem man so etwas wie Faustregeln liefert, die Orientierung geben sollen. Viele davon sind nur Plattitüden. Manche aber taugen durchaus etwas. Hier ein paar taugliche Beispiele aus meiner Sicht.

Immer, wenn es um irgendwelche, angeblich statistisch fundierte „Faustregeln“ geht, kriege ich noch mehr graue Haare. Sprüche wie „Sell in May and go away, but remember to come back in September“ oder „wie die ersten zehn Tage, so das ganze Jahr“ wirken zwar wie grandios clevere Hilfestellungen. Aber der Haken ist: Erstens sind solche Dinge nicht bzw. nicht mehr rational unterfüttert. Zweitens liegt ihre Trefferquote nur dann in einem einigermaßen tauglichen Bereich, wenn man die entsprechende Statistik an einem dafür optimalen Zeitpunkt startet. Alles, was mit Prognosen zu tun hat, ist an der Börse eine gewaltig wacklige Geschichte … meine Meinung dazu werden die meisten Leser nach zahlreichen Kolumnen zu diesem Thema vermutlich längst kennen.

Aber nur, weil etwas als flotter Spruch mit simplen Handlungsvorgaben daherkommt, muss es keineswegs zu einfach oder sogar falsch sein. Denn die Börse an sich ist kein Hexenwerk. Das Knifflige an der Sache ist, sich an Regeln zu halten, wenn diese den eigenen Emotionen zuwiderlaufen. Daran scheitern die meisten, nicht an der Börse an sich. Und da sind so ein paar verbale Handreichungen allemal von Nutzen. Ein paar Beispiele, mit denen man meiner Ansicht nach etwas anfangen könnte … und sollte:

Kaufe, wenn niemand kaufen will … und verkaufe, wenn alle kaufen wollen

Auf den ersten Blick wirkt dieser Spruch zu einfach gestrickt, aber es geht da auch nur um das Grundsätzliche: In dem Augenblick, in dem eine Aktienmarkt-Hausse in den Schlagzeilen von Medien auftaucht, die normalerweise mit Börse nichts am Hut haben, weil scheinbar alle jetzt mit Aktien reich werden können, wird es gefährlich. Aus der einfachen Überlegung heraus, dass in dem Moment, in dem auch der letzte mögliche Käufer wirklich gekauft hat, die Luft dünn wird. Umgekehrt gilt das, wenn aus einer normalen Korrektur eine Baisse wird und diese dann panikartige Züge annimmt und/oder auffallend lange anhält.

Börse aktuell: Entwicklung HelloFresh Aktie von 2020 bis 2022 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung HelloFresh Aktie von 2020 bis 2022 | Quelle: marketmaker pp4

Typische Beispiele wären die extreme Hausse in einigen Indizes und Einzelwerten, die bis Ende 2021 andauerte. Oder, im Gegenzug, die lange Baisse 2000 bis 2003, bei der man Anfang 2003 trotz wieder aufgehellter Rahmenbedingungen den Eindruck einer Kapitulation derer bekam, die zuvor immer wieder gegen den Trend gekauft und damit nur immer wieder erneut Verluste erlitten hatten. Dieses Beispiel sehen wir im folgenden Chart. Aber dieser Grundsatz, gegen die Masse zu handeln, wenn der Eindruck aufkommt, dass die Kurse extrem überzogen oder übertrieben gedrückt sind, kann und darf nur sehr allgemein betrachtet werden, denn:

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 2000 bis 2003 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX von 2000 bis 2003 | Quelle: marketmaker pp4

In Sachen Timing kommt man damit natürlich nicht weit … eine Übertreibungsphase, egal, ob nach oben oder nach unten, kann deutlich länger anhalten, als man es auf Basis rationaler Überlegungen annehmen würde. Mittel- und langfristig kann dieser Börsenspruch erfolgversprechend sein, aber nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man womöglich noch eine Zeitlang auf der falschen Seite steht, wenn man unmittelbar dagegenhält. Wobei man dazu den folgenden Spruch beherzigen sollte:

Zum Ein- und Ausstieg wird nicht geklingelt

Trends können durch unerwartete Veränderungen der Rahmenbedingungen jederzeit abrupt enden und die Kurse in die Gegenrichtung sausen. Trends können aber auch verblüffend lange andauern. Wann genau und auf welchem Kursniveau eine Wende eintreten wird, die anhält und sich nicht nur als Gegenbewegung entpuppt, kann man definitiv nie vorher genau wissen. Daher hat dieser alte Spruch, dass zum Ein- und Ausstieg nicht geklingelt wird, sprich dass man nie ein klares Signal bekommen wird, dass genau hier und jetzt das Hoch oder das Tief erreicht ist, schon seine Berechtigung, denn er macht eines glasklar:

Stur darauf zu warten, bis einem auf irgendeine Weise deutlich gemacht wird, dass man genau jetzt verkaufen oder im Gegenzug genau jetzt kaufen müsste, ist eine ganz schlechte Idee. Die alte Regel, dass einen Anleger der Versuch, die letzten Paar Euro oder Punkte in einer Hausse mitnehmen zu wollen, am Ende fast immer teuer zu stehen bekommt … entweder, weil diese letzten Schritte zum selbst vorgegebenen Ziel nicht kamen oder man so gierig wird, dass man einfach das Ziel höher legt und es dann nicht erreicht wird … hat schon ihre Berechtigung.

Und das mit dem ausbleibenden „Klingeln“ macht ebenso deutlich: Wann was zu tun ist, wird einem gemeinhin nicht auf dem Silbertablett gereicht, man muss sich schon selbst ein wenig um sein Geld kümmern. Wobei eines gerne vergessen wird, wenn es gerade gut läuft:

Runter geht es immer schneller oder: Was hoch steigt, kann auch tief fallen

Abwärtsbewegungen laufen meist deutlich abrupter ab als Aufwärtstrends. Der Grund hierfür ist, dass viele, teils auch sehr große Akteure die Grundregeln der Märkte einfach ignorieren und stetig weiter zukaufen … ihr Risiko immer weiter steigern, je länger nichts schiefging … und dabei die Absicherung schleifen lassen. Kommt es dann zu einer größeren Irritation, fallen viele aus allen Wolken und neigen zu einer Überreaktion, indem man unlimitiert und bisweilen auch viel zu umfassend verkauft, nach dem Motto: erst handeln, dann denken … aus Angst, ansonsten noch größere Verluste zu erleiden oder ggf. sogar aus Positionen mangels Käufer gar nicht mehr herauszukommen.

Börse aktuell: Entwicklung DAX im ersten Halbjahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX im ersten Halbjahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Diesen Spruch „runter geht es meistens schneller als rauf“ sollte man daher immer im Hinterkopf haben. Denn er macht nicht nur klar, dass das Unerwartete an der Börse zuhause ist, sondern auch, dass man gut daran tut, immer darauf vorbereitet zu sein, indem man sein Risiko kalkuliert und nie ohne Absicherung vorgeht, statt selbstsicher die Zügel schleifen zu lassen. Wobei all diese Sprüche eigentlich am Ende zu einem „Kernspruch“ führen:

„the trend is your friend“

Folge dem Trend oder, in der englischen Variante, „the trend is your friend“. Eine Börsenregel kann kaum lapidarer klingen als diese … und doch tut sich wohl fast jeder immer wieder schwer damit. Denn einfach der Herde zu folgen, ist intellektuell nicht gerade herausfordernd und führt auch nicht zu Ruhm und Ehre, indem man anderen erzählen könnte, genau unten ein- und oben wieder ausgestiegen zu sein. Und das ist nicht das Einzige, was diese simple Regel zu einer kniffligen Sache macht:

Börse aktuell: Entwicklung Nemetschek Aktie von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nemetschek Aktie von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

So ein Trend muss sich erst einmal etablieren, das erfordert Geduld. Kein Trend verläuft schnurgerade, es gibt immer wieder Gegenbewegungen. Da nicht voreilig auszusteigen, sondern abzuwarten, bis klar wird, ob der Trend erhalten bleibt oder nicht, erfordert Disziplin. Und wenn es sich um Trends handelt, die eigentlich gegen die Logik weitergehen, muss man auch noch imstande sein, eigene Ansichten auszusperren. Dieser Börsenspruch ist ein Nukleus des Investierens. Aber eben nicht so ganz einfach umzusetzen.

Schafft man es, ist man grundsätzlich gut dabei. Gelingt das nicht, wird einem irgendjemand womöglich angesichts hektischer Aktivitäten auf Basis von Nervosität, Besserwissens oder Ungeduld mit dem ebenso platten wie wahren Börsenspruch daherkommen: „Hin und Her macht Taschen leer.“

Das ewige „ja, aber“-Problem

Zieht man einen Strich unter diese Börsensprüche, könnte man als Außenstehender auf die Idee kommen: Börse ist ja eigentlich doch ganz einfach. Und ja, das wäre sie, wenn wir stur nach den Regeln funktionierende Maschinen wären. Aber wir sind nun einmal Menschen und somit mit Emotionen ausgestattet. Die einem im „normalen Leben“ oft zugutekommen, als Anleger aber mehr Schaden als Nutzen einbringen.

Denn dadurch wird die nötige Disziplin und Emotionslosigkeit immer wieder von dieser inneren Stimme unterminiert, die ihre Argumente üblicherweise mit „ja, aber“ beginnt:

Ja, aber vielleicht geht es ja noch höher! Ja, aber das ist jetzt doch schon mehr als billig und bis zum vorherigen Hoch würdest du 100 Prozent Gewinn machen! Ja, aber ich habe das Geld eben jetzt, warum sollte ich warten, langfristig steigen Aktien doch eh? Ja, aber so ein Stoppkurs kann auch mal mehr kosten als bringen, wenn es danach sofort wieder hoch geht. Ja, aber die anderen machen es doch auch so! Die Liste ließe sich abendfüllend fortführen.

Fazit: Börsensprüche sind nicht alle tiefgründige Weisheiten, aber viele taugen durchaus etwas. Nicht umsonst halten sie sich seit Generationen. Aber sie zu beherzigen, ist eben nicht ganz einfach. Mir hat es eine Zeit lang geholfen, sie auszudrucken und um mich herum ins Büro zu hängen. Einfach, um immer wieder daran erinnert zu werden, dass man leicht glaubt, schlau genug zu sein, um keine Regeln zu brauchen, wodurch man indes beweist, dass man dann doch dumm genug ist, das zu glauben.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 28.02.2026 um 17:48 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.02.2026 um 10:07 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Richtig gut liefen die meisten Aktien von Software-Unternehmen schon 2025 nicht. Aber Mitte Januar begannen viele von ihnen plötzlich zeitgleich wie vom Blitz getroffen zu fallen. Die KI werde viele Software-Anwendungen vom Markt verdrängen, hieß es als Begründung. Mich beschleicht das Gefühl, dass diejenigen, die jetzt Aktien wie Microsoft oder SAP wie sauer Bier verkaufen, die Sache nicht allzu sehr hinterfragt haben. Ich für meinen Teil hätte da durchaus noch Fragen.

Seit ich Ende der Achtzigerjahre planlos meine ersten Aktien gekauft habe, zügig feststellte, dass cool klingende Unternehmensnamen wie „Bijou Brigitte“ und „Gold Mines of Kalgoorlie“ kein Garant für Gewinne sind und mich daran machte, die Sache doch lieber gründlich von der Pike auf zu erlernen, habe ich schon x-mal erlebt, dass die Masse der Anleger von dieser Sache mit dem Erlernen der Grundlagen wenig zu halten scheint. Erst handeln, dann denken – das scheint ein weit verbreitetes Motto zu sein. Kurz: Ich habe schon viele „dumme“ Trends gesehen, die bisweilen verblüffend hartnäckig waren.

Wobei das keineswegs heißen soll, dass ich glauben würde, die Mehrheit der Anleger wäre dumm. Nur die wenigen, die in kurzen Phasen, in denen irgendeine „Parole“ durch die Börsensäle geistert, massiv aktiv werden, gehören zur Verdachtsgruppe. Die große Mehrheit schaufelt ja nicht andauernd den Depotbestand von links nach rechts, sondern bleibt passiv. Ob diese Mehrheit begeistert über eine Idee ist oder den Kopf schüttelt, sieht man nicht. Aber wer nicht unmittelbar aktiv wird, bremst eben solche Kursimpulse auch nicht, so dass es zumindest so aussieht, als würden alle mitziehen.

Denken wir an die Phase vor dem Platzen der Internetblase, also an die Zeit von Mitte 1999 bis zum Frühjahr 2000. Oder an die Schnapsidee, als Absicherung vor einer durch die Subprime-Blase ausgelösten Krise „echte Werte“ zu kaufen, wodurch Hinz und Kunz in Rohöl „machte“ und der Preis durch die Decke ging, bis er dann komplett zusammenbrach. Oder die scheinbar feste Überzeugung, die durch die Nachwehen der Corona-Phase losgetretene Inflation werde schon von alleine weggehen, das Wachstum, das man erhoffte, aber umso größer ausfallen … eine weitere nicht fundierte „Idee“, die zu dem unschönen Börsenjahr 2022 führte.

Und immer wieder waren die Triebfedern Aussagen, die extrem klangen. Vorgebliche „Gewissheiten“, die entweder Gier oder Angst auslösten und deshalb imstande waren, bei nicht wenigen die Ratio aus dem Spiel zu nehmen. Und immer endeten diese Spielchen damit, dass diejenigen, die ganz am Anfang auf den Zug aufsprangen, in die Reaktion der Masse hinein Kasse machten, während die Masse der Mitläufer am Ende die Gelackmeierten waren. Es ist also unbedingt angeraten, solche plötzlich aus dem Nichts auftauchenden „Trends“ zu hinterfragen um erst dann zu entscheiden: Gehe ich da mit … halte ich mich heraus .. oder halte ich vielleicht sogar dagegen?

Diese Sache mit dem nahenden Software-Sterben als Folge der KI-Revolution gehört für mich in diese Kategorie „hinterfragenswert“. Und ja, ich hätte dazu ein paar Fragen.

Es muss nur einer „Feuer“ schreien …

An der Künstlichen Intelligenz wird nicht erst seit 2023 gearbeitet. Unternehmen entwickeln entsprechende Systeme seit Jahren. Andere entwickeln und fertigen die nötige Hardware oder stellen die Infrastruktur-Umgebung bereit. Ja, keine Frage, wir sprechen hier von einem dynamischen Prozess, von einer Entwicklung, die sukzessiv in die Breite geht und sich beschleunigt. Trotzdem ist es ja eigentlich seltsam, dass der Aktienmarkt erst im Mai 2023, als Nvidia das Thema KI als entscheidenden Faktor starken Wachstums betonte, wirklich darauf aufmerksam wurde … dann aber alle gleichzeitig meinten, dabei sein zu müssen.

Börse aktuell: Entwicklung Nvidia von 2022 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nvidia von 2022 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Es ist wirklich genauso, wie dieser alte Spruch es beschreibt: Es muss nur einer laut genug Feuer schreien, dann rennen alle los … ohne zu prüfen, wo es brennt, wie stark es brennt, ob sie selbst betroffen sind oder … ob es überhaupt brennt. Weil Feuer beim Menschen automatisch eine instinktive Angstreaktion auslöst, die suggeriert: Wer da zu lange nachdenkt, verliert. Wer sich schon ein paar Jahre durch das Börsen-Getümmel bewegt hat, weiß: Das funktioniert nicht nur mit Angst, sondern auch mit Gier.

Was wir wissen, ist: In die Entwicklung von KI-Systemen verschiedenster Art werden Hunderte von Milliarden gesteckt. Große Konzerne wie Alphabet, Meta oder Amazon pumpen Summen in diese Thematik, die irrwitzig wirken.

Was wir aber nicht wissen ist: Was wird bei diesem Investment-Schub am Ende als Rendite herauskommen? Sprich wer wird sich eine goldene Nase verdienen, wer wird draufzahlen oder sogar komplett scheitern? Welche Unternehmen, die sich mit der Thematik befassen oder sie für sich nutzen wollen, setzen sich am Ende durch? In welchen Bereichen wird die KI in zwei, fünf oder zehn Jahren dominant sein?

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 Subindex Halbleiter und Software im Vergleich von August 2025 bis Februar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung S&P 500 Subindex Halbleiter und Software im Vergleich von August 2025 bis Februar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Bei mir entsteht der Eindruck, ebenso wie bei den oben genannten Beispielen für „dumme Trends“ differenzieren viele hier nicht besonders, man rennt immer noch blind weiter, weil immer wieder irgendwer „Feuer“ schreit.

Eines aber darf man als sicher festhalten: Wie bei jedem Hype verdienen am Ende einige derjenigen, die nach diesem neuen „Gold“ schürfen, viele aber nicht. Ganz sicher aber verdienen diejenigen, die wie bei den Goldrausch-Phasen früherer Zeiten die Hacken und Schaufeln verkaufen: Diejenigen also, die die Hardware liefern oder die Rechenzentren bauen. Denn sie produzieren und kassieren jetzt … sitzen zudem auf vollen Auftragsbüchern … und wer da am Ende mit der KI selbst erfolgreich ist und wer nicht, ist schlicht und einfach nicht deren Problem. Und das führt mich zum Thema „KI kills Software“ zurück:

Ich frage mich …

Ich frage ich: Wieso kommt man erst jetzt auf diese „Idee“, fast drei Jahre, nachdem ein Statement von Nvidia im Mai 2023 den KI-Hype lostrat. Man weiß, welche Anwendungsmöglichkeiten die KI hat, die auch schon jetzt genutzt werden. Man weiß, dass sich die KI in sehr vielen Sektoren zu einer wichtigen, wenn nicht entscheidenden Größe etablieren kann.  Aber erst im Januar 2026 geht die „Parole“ um, dass das ganz bestimmt fürchterlichen Schaden bei Unternehmen anrichten wird, die Software entwickeln und vertreiben? Sicher, man fragt sich ja bei manchen Dingen bisweilen „wieso ist da denn keiner vorher draufgekommen“, z.B. dass eine ungesunde Lebensweise ungesund sein könnte. Aber wirkt das nicht sehr wie ein Paradebeispiel dafür, dass nur einer laut genug „Feuer“ rufen muss?

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, Microsoft und Adobe im Vergleich Anfang 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, Microsoft und Adobe im Vergleich Anfang 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Ich frage mich zudem, ob es realistisch ist zu unterstellen, dass z.B. SAP als Anbieter von Software, die Unternehmensprozesse „all in one“ und sicher abwickelt … oder Nemetschek, die Software für den Bau- und Architekturbereich entwickeln … oder ATOSS Software, die Workforce-Software anbieten … durch KI-Anwendungen überrollt werden könnten. Diese Software-Systeme arbeiten alle mit hochsensiblen Daten, die auf keinen Fall einen klar definierten Bereich verlassen dürfen. Und es geht um Bereiche, in denen kleinste Fehler zum Waterloo werden können. Ist es denn wirklich realistisch zu unterstellen, dass diese Systeme allen Ernstes „aussterben“, weil zukünftig zahlreiche Unternehmen lieber auf KI-Programme setzen?

Ich frage mich darüber hinaus, was diejenigen glauben, die jetzt Software-Aktien ggf. sogar spekulativ auf der Short-Seite handeln, warum es so kommen wird wie eben beschrieben. Richtig ist natürlich, dass einfachere Arbeitsschritte, wie sie z.B. teure Bildsoftware auch liefert, von KI genauso geleistet werden könnten. Das gilt auch für allerhand Aspekte im Bereich Lagerhaltung oder Transportwesen oder bei Versuchsreihen in der Forschung. Aber das ist denen, die entsprechende Software anbieten, ja nicht erst im gleichen Augenblick eingefallen wie dem Aktienmarkt. Man ist ja längst bemüht, die KI in neue Entwicklungen einzubeziehen. Eigentlich wäre es nur dann denkbar, dass dieser Prozess wirklich größere Ausmaße annimmt und sehr viele Software-Firmen in die Bredouille bringt, wenn eines der Fall sein würde:

Börse aktuell: Entwicklung DAX, SAP, Nemetschek und ATOSS Software im Vergleich Anfang 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, SAP, Nemetschek und ATOSS Software im Vergleich Anfang 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Wenn die Alternativen im KI-Bereich dramatisch preisgünstiger wären als die bisherigen Software-Lösungen. Aber wird das denn so sein? Das weiß doch derzeit noch niemand. Aber eines dürfte klar sein, wenn man sich die Sache mal durchdenkt: Aktuell werden Hunderte von Milliarden in die KI gesteckt. Wenn man die Investitionen der Unternehmen, in die die großen Unternehmen wiederum in Sachen KI investieren, mit dazu nimmt, könnte die Billionen-Grenze leicht überschritten werden … nicht insgesamt, sondern für dieses und für die kommenden Jahre jeweils pro Jahr.

All diese gigantischen Summen fordern am Ende Rendite. Alles, was über Kinkerlitzchen hinausgeht, wird in Sachen KI Geld kosten, man will und muss diese Sache, wie man so schön sagt, „monetarisieren“. Erst, wenn die komplexen, für Unternehmen wirklich tauglichen Anwendungen bereitstehen, wenn sie getestet und robust sind und wenn absehbar ist, was ein solcher Spaß die Firmen kostet, werden diese entscheiden, ob sie sich mehr auf KI als auf die bisherigen Software-Systeme verlassen wollen. Das sind Fragen, deren Antworten in der Zukunft liegen.

Aus meiner Sicht brennt hier gerade ein Strohfeuer ab

Diese vorstehenden Fragen sagen mir persönlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht nur ein „Software-Sterben“ geben wird, sondern dass es auch noch recht bald dazu kommen wird, ist aus meiner Sicht gering genug, um auf Basis dieser „KI-Angst“ abgestürzte Aktien dieser Branche jetzt eher als potenzielle Einstiegschancen in die Watchlist zu packen.

Ich meine, es könnte allemal lohnen, auf Signale im Chartbild zu warten, die die Vermutung unterstützen würden, dass dieser von einigen unterstellte Flächenbrand als Strohfeuer endet, das zwar im Moment lichterloh brennt und bedrohlich wirkt, am Ende aber einen deutlich geringeren Schaden anrichtet als den, den man angesichts der hier gezeigten „Absturz-Charts“ aktuell am Markt unterstellt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 13.02.2026 um 9:25 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Die japanische Notenbank hatte im Dezember beschlossen, ihren Leitzins von 0,50 auf 0,75 Prozent anzuheben. Das klingt nach einer für den Rest der Welt irrelevanten Meldung, zumal der Zinslevel so niedrig ist, dass die Maßnahme bedeutungslos wirkt. Aber diese Sache könnte, ebenso wie die politischen Veränderungen in Japan, durchaus Einfluss auf andere Märkte haben, vor allem auf den US-Markt – wegen der Carry-Trades.

Anfang der Neunzigerjahre platzte in Japan eine gewaltige Spekulationsblase. Seither war und wurde nichts mehr wie zuvor. Japan geriet in eine knifflige Situation. Man musste sich als Exportnation gegen die anderen, aufstrebenden Länder im asiatischen Raum behaupten, dazu war es wichtig, dass die Währung schwach bleibt. Denn dadurch hat ein Exportland Vorteile: Die Erlöse erzielt man in Ländern mit starken Währungen und hat so beim Rücktausch in den schwachen Yen eine höhere Rendite.

Die Crux einer schwachen Währung

Das Dumme dabei war und ist aber, dass Japan im Vergleich zu anderen Ländern über ungewöhnlich wenig Rohstoffe verfügt. Die müssen also importiert werden. Und beim Import verkehrt sich die schwache Währung ins Gegenteil, wird also zum Nachteil. Rohstoffe werden in US-Dollar fakturiert, steigt der Dollar also gegenüber dem Yen im Wert, wird die Sache teuer.

Das bedeutet Inflationsgefahr, der man mit höheren Leitzinsen beikommen müsste. Was dann aber normalerweise auch die Währung attraktiver macht, so dass der Exportvorteil eines schwachen Yen dahin wäre. Doch um dieses Problem konnte man sich sehr lange Zeit herumdrücken, weil diese höhere Inflation nicht auftauchte. Der Konsum in Japan selbst kam nie wieder so richtig auf Touren, die Preise hielten sich stabil, in einigen Jahren fielen sie sogar, wie die folgende Grafik zeigt. Kein Grund also für die Bank of Japan (BoJ), die japanische Notenbank, wegen Inflationsrucks die Zinsen anzuheben. Jedenfalls war das lange Zeit so.

Börse aktuell: Entwicklung Inflation Japan von 2000 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Inflation Japan von 2000 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Die Währung konnte problemlos schwach sein und schwächer werden, die großen japanischen Konzerne holten sich ihre Gewinne eben vor allen durch den Export und weniger durch den Binnenkonsum, das glich höhere Rohstoff-Importpreise aus … und der Leitzins lag und blieb bei null, bis Anfang 2024 war er sogar negativ (-0,1 Prozent). Doch der vorstehende Chart zeigt:

Das funktioniert momentan nicht mehr. Im Zuge der allgemeinen Inflationsphase im Jahr 2022 zogen auch die Preise in Japan an. Doch während die Teuerungsrate in den USA und in Europa im Verhältnis zu den zehn Prozent, die sie in der Spitze dort erreicht hatte, wieder drastisch gefallen ist und nahe dem Ziel von US-Notenbank und EZB liegt, wollte sie in Japan einfach nicht wirklich deutlich sinken. Der BoJ blieb nichts anders übrig als zu handeln.

0,75 Prozent sind für japanische Verhältnisse viel … und für die Carry-Trader auch

Anfang 2024 hob man den Leitzins von -0,1 auf +0,1 Prozent an und viele dachten: Das reicht bestimmt schon. Doch das tat es nicht. Im Sommer 2024 ging es auf 0,25 Prozent, Anfang 2025 auf 0,50 und zuletzt auf 0,75 Prozent. Das klingt zwar alles, als würde man da viel Rauch um nahezu nichts erzeugen. Aber die 0,75 Prozent im Leitzins sind der höchste Stand seit 1995!

Der folgende Chart zeigt nicht den Leitzins, sondern die sogenannte Prime Rate, die sich eng an ihm orientiert und den Zinssatz für kurzfristige Bankkredite an beste Kunden abbildet. Sie sehen, dass die jetzt auf 2,7 Prozent gestiegen ist, lange Jahre lag man da um 1,5 Prozent. Gut ein Prozent mehr … na und?

Börse aktuell: Entwicklung Primerate Japan 1985 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Primerate Japan 1985 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Sicher, das wirkt harmlos, aber rechnen Sie sich das mal aus. Wenn Sie einen Kredit von einer Milliarde Yen ein Jahr mit 1,5 Prozent verzinsen müssen, kommen sie da auf 15 Millionen Yen. Bei 2,7 Prozent sind es aber 27 Millionen Yen … damit wird die Sache also gleich mal flotte 80 Prozent teurer. Und das ist eben nicht nur für japanische Unternehmen unerfreulich, sondern kann auch für die sogenannten Carry-Trader gefährlich werden. Wobei das Wort „kann“ deswegen unterstrichen ist, weil das bislang noch nicht passiert ist. Warum die Sache bisher gutging, dazu gleich, erst einmal zu der Problematik selbst:

Was sind „Carry-Trades“ denn überhaupt?

Ein Carry-Trade „trägt“ quasi Geld von einem Währungsraum in einen anderen, um speziell daraus einen Vorteil zu ziehen. Dabei sind Carry-Trades im Yen besonders beliebt, eben weil die Zinsen dort so niedrig sind. Was tun die „Carry-Trader“ konkret?

Sie nehmen einen Kredit in Yen auf, tauschen das Geld in eine andere Währung um und investieren dieses Kapital dann entweder in Anleihen dieses Währungsraums, die deutlich mehr Zins bieten, oder in Aktien. Beispiel: Man nimmt eine Milliarde Yen als Kredit zu 2,0 Prozent Zins auf, tauscht den Betrag in US-Dollar und legt diese dann zu 4,0 Prozent Rendite in US-Staatsanleihen an. Da das nach einer risikolosen Sache klingt, wurde und wird das von nicht gerade wenigen vor allem großen Investoren auch gemacht. Die Sache hat aber einen Haken. Einen, der sich gnadenlos bis vernichtend auswirken kann … oder sich nie zeigt. Es kommt einfach drauf an. Worauf?

Auf die Entwicklung des Yen zu der Währung, in die man den Carry-Trade umgetauscht hat, meist ist das der US-Dollar. Der unten folgende Chart zeigt, warum dieser potenzielle Haken bislang nicht nur ignoriert wurde, sondern genau dieser Faktor die Carry-Trades noch zusätzlich befeuert hat:

Der Zins ist nicht entscheidend, die Sache hängt an der Entwicklung des Yen

Nicht nur die Höhe des Zinses ist also ein Faktor, der entscheidet, ob ein Carry-Trade zu einem lohnenden Geschäft wird, sondern auch die Entwicklung der beiden Währungen, meist neben dem Yen der US-Dollar. Rechnen wir das noch einmal mit der vorher in den Raum gestellten eine Milliarde Yen durch.

Klar ist: Wenn ein Yen-Kredit jetzt 3,0 statt vorher 2,0 Prozent Zins kostet, verringert sich die Gewinnspanne bei einer Anlage in US-Bonds mit 4,0 Prozent Rendite. Aber es wäre ja trotzdem noch lukrativ. Hinzu kommt indes der Faktor der Währung. Angenommen, man hat einen solchen Carry-Trade vor fünf Jahren, im Dezember 2020, gestartet und eine Milliarde Yen zu 2,0 Prozent aufgenommen und seither im Schnitt vier Prozent Zinsen im Dollar-Raum kassiert. Wie stellt sich der Gewinn dar, wenn man den Kredit jetzt zurückzahlt? Da lautet die Antwort eben: Es kommt drauf an. Darauf nämlich, was seither mit dem Wechselkurs Yen/US-Dollar passiert ist.

Börse aktuell: Entwicklung USD/JPY von 2011 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung USD/JPY von 2011 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Der Chart zeigt, dass der Yen im Verhältnis zum US-Dollar in den vergangenen fünf Jahren kräftig an Wert verloren hat. Im Februar 2021 musste man 105 Yen für einen US-Dollar hinlegen, jetzt sind es knapp 153. Das heißt:

Für die eine Milliarde Kredit in Yen hat ein Carry-Trader im Februar 2021 beim Wechselkurs 105 Yen pro US-Dollar 9,52 Millionen US-Dollar hinlegen müssen. Zahlt er die eine Milliarde Yen heute zurück, bei einem Kurs von 153 Yen pro US-Dollar, würde ihn das nur noch 6,54 Millionen kosten. Zusätzlich zu dem Zinsgewinn hätte er also wegen des Abstiegs des Yen über die fünf Jahre hinweg einen Währungsgewinn von sagenhaften 31 Prozent eingefahren!

Aber was, wenn die Sache in die andere Richtung läuft und der US-Dollar/Yen-Kurs fällt, sprich man für einen US-Dollar weniger Yen bekommt? Dann würde es sehr schnell sehr gefährlich. Nehmen wir einmal an, der Zins für den Yen-Kredit betrug 1,5 Prozent, die Zinsrendite der vor fünf Jahren gekauften US-Anleihe lag bei 4,0 Prozent.

2,5 Prozent Zinsgewinn über fünf Jahre macht bei einer Milliarde Yen 125 Millionen Yen. Was wäre passiert, wenn der Dollar/Yen-Kurs nicht von 104 auf 158 gestiegen, sondern auf 80 gefallen wäre?

Dann müsste der Kreditnehmer bei Rückzahlung von einer Milliarde Yen 12,5 Millionen US-Dollar hinlegen, würde also gegenüber den Erwerbskosten von 9,52 Millionen US-Dollar knapp drei Millionen US-Dollar Währungsverlust hinnehmen müssen. Da helfen die 125 Millionen Yen Zinsgewinn, beim Wechselkurs von 80 Yen pro Dollar knapp eine Million US-Dollar wert, auch nichts: Die Sache wäre zum Waterloo geworden.

Je niedriger der Yen notierte, als ein Carry-Trade begonnen wurde, desto größer ist aufgrund des Dollar-Anstiegs der letzten Jahre die Risikotoleranz gegenüber einem stärker werdenden Yen, einfach, weil man in den letzten Jahren einen komfortablen Währungsgewinn-Puffer erreicht hat. Aber wer ein solches Geschäft erst ab 2024 initiiert hat, in der Handelsspanne zwischen grob 140 und 160 Yen pro US-Dollar, hätte einen ziemlich kleinen Risikopuffer.

Niemand will einen starken Yen: Bislang geht die Sache noch gut

Niemand weiß genau, wie viel Geld über Carry-Trades im US-Markt liegt. Vor allem nicht, wo genau und wie aggressiv es investiert ist. Schätzungen bewegen sich zwischen 500 Milliarden und einer Billion US-Dollar. Das kann viel sein, wenn Carry-Trades aufgelöst werden müssen, weil Verluste drohen. An der New York Stock Exchange lag das durchschnittliche Handelsvolumen 2024 um 250 Milliarden US-Dollar am Tag. Da können ein paar Hundert Milliarden schon für großen Druck sorgen, wenn sie in relativ kurzer Zeit abgezogen werden, um in Yen umgetauscht zurück an die Kreditgeber zu wandern. Wenn es denn passiert. Denn die folgende „Nahaufnahme“ der US-Dollar/Yen-Relation seit Ende 2021, die wie oben auch abbildet, wie viel Yen man für einen US-Dollar zahlen muss, zeigt:

Börse aktuell: Entwicklung USD/JPY von 2021 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung USD/JPY von 2021 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Solange die US-Dollar/Yen-Relation die wichtige Unterstützungszone bei 140 Yen nicht unterschreitet, dürfte das Risiko, dass größere Volumen bei Carry-Trades aufgelöst werden, überschaubar bleiben. Und bislang passiert das nicht, der Yen wird trotz steigender japanischer Zinsen nicht stärker, im Gegenteil. Zwar sehen wir ein volatiles Auf und Ab, seit die BoJ Anfang 2024 erstmals den Leitzins anhob. Aber eine Abwärtswende des US-Dollars, die dazu führen würde, dass man wieder deutlich weniger Yen für einen US-Dollar bekommt, die ist bis jetzt ausgeblieben, trotz steigender Leitzinsen in Japan und fallender in den USA. Ist das logisch?

Logisch ist es nicht, denn auch, wenn die USA immer noch einen markanten Zinsvorteil aufweisen, er wird eben kleiner, das sollte den Yen eigentlich stärken statt ihn zu schwächen. Aber es ist andererseits nicht wirklich überraschend, denn: Niemand will momentan einen starken Yen.

Denn der würde zwar die Importpreise für Rohstoffe und andere Waren aus dem Dollar-Raum und anderen Währungsräumen drücken und dadurch den Inflationsdruck mindern. Aber er würde auch, wie eingangs erwähnt, die Exportperspektiven unter Druck setzen. Die Produktion von internationalen Unternehmen in Japan würde teurer, die Investitionen dort weniger lukrativ. Zugleich würden Importe aus dem Ausland, vor allem aus den USA, billiger und stärker mit den heimischen Waren konkurrieren. Und man müsste fürchten, dass die japanischen Banken allerhand an Kreditvolumen einbüßen, das aus dem Ausland generiert wird und als Carry-Trade-Kredite so lange Zinsgewinne einbringt, solange die Darlehen nicht wegen eines stärker werdenden Yen aufgelöst werden.

Könnte die neue japanische Politik ein Carry-Trade-Risiko werden?

Aber was ist mit der neuen Regierung? Die seit Herbst im Amt befindliche, neue japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hat sich auf die Fahne geschrieben, die Wirtschaft entschlossen anzukurbeln. Mehr Wachstum birgt Inflationsrisiko und damit auch die Möglichkeit, dass die japanischen Leitzinsen und mit ihren die Zinsen für Kredite weiter steigen – oder?

Das ist zwar so. Aber das wird eher nicht sofort passieren. Zudem würde das bereits laufende Carry-Trades – und nur deren Auflösung könnte eine Lawine in Gang setzen, die zu einer Welle an aufgelösten Investments in US-Anleihen, US-Aktien und Positionen in anderen Ländern mit stabilen Währungen führt – nicht betreffen, weil deren Verzinsung ja bei Abschluss des Kredits festgelegt wurde. Dass da dann mittelfristig weniger neue Carry-Trades entstehen, kann zutreffen, das würde aber die aktuellen Positionen nicht tangieren. Und diese neue Wirtschaftspolitik hat ja noch eine andere Auswirkung – und zwar auf den Yen:

Denn noch mehr Schulden seitens des ohnehin dramatisch hoch verschuldeten japanischen Staats schwächen tendenziell eine Währung, weil eine solche Vorgehensweise als riskant angesehen wird … im Moment gleichen sich die Erwartungen von mehr Schulden, aber höheren Kreditzinsen in Bezug auf die US-Dollar/Yen-Relation daher aus, so dass ein Ausbruch der Währungspaars aus der entscheidenden Zone zwischen 140 und 160 Yen pro US-Dollar bislang ausgeblieben ist.

Börse aktuell: Entwicklung Nikkei 225 von Februar 2025 bis Februar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nikkei 225 von Februar 2025 bis Februar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Aber bedeutet der Umstand, dass die bisherigen Leitzinsanhebungen und die Erwartung einer veränderten, japanischen Wirtschaftspolitik die Carry-Trades nicht unter Wasser gedrückt haben, dass es auch so bleiben muss?

Das heißt es nicht. Sollten erste große Adressen die Gunst der Stunde eines jetzt noch großen Währungsgewinns durch den bislang weiterhin schwachen Yen zum US-Dollar nutzen und aussteigen, könnte das jederzeit eine Lawine in Gang setzen. Das muss nicht so kommen, aber man sollte besser im Hinterkopf behalten: es kann. Eine entscheidende Zone, deren Bruch das Lawinenrisiko immens erhöhen dürfte, liegt bei 140 Yen pro US-Dollar. Behalten Sie diesen Bereich im Auge!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.