Nemetschek: Aus den Schienen gesprungen

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Nemetschek
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Zur Nemetschek Aktie

Je länger und höher eine marktenge Aktie steigt, desto mehr kurzfristig agierende Trader springen auf den Zug auf. In solchen Phasen kann den Trend schon eine Kleinigkeit ins Wanken bringen – bei Nemetschek war es gestern eine Neueinstufung durch einen Analysten.

Gegen einen langen, weitreichenden Aufwärtstrend einer Aktie ist nichts einzuwenden, wenn dadurch ein entsprechend starker Anstieg der Umsätze und Gewinne des Unternehmens nachvollzogen wird. Aber im Fall des Software-Entwicklers von Bau- und Architektur-Software Nemetschek ist die Aktie über Jahre hinweg schneller gestiegen als die zwar konstant, aber in der Relation langsamer gestiegenen Gewinne. Per Ende 2017 lag das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) der Nemetschek-Aktie bei 39, Ende 2018 bei 48. Ende 2019 lag es schon bei 53, Ende 2020 bei atemberaubend hohen 72. Aber auf Basis der durchschnittlichen Gewinnschätzung der Analysten für 2021 lag dieses KGV am bisherigen Verlaufshoch der Aktie, das vergangene Woche bei 93,84 Euro erreicht wurde, sogar bei 85!

Das ist angesichts der allgemeinen Experten-Erwartung, dass Nemetschek 2021 nur die „Corona-Delle“ ausbeulen und wieder den Gewinnlevel von 2019 erreichen wird, zu hoch. Auch, weil man derzeit davon ausgeht, dass Nemetscheks Gewinn zwar weiter zulegen wird, dies aber nur in einer Größenordnung von etwa 10 bis 15 Prozent im Schnitt der nächsten Jahre. Da ist es nicht überraschend, dass die Trader mehr und mehr auf der Hut sind und die Aktie zum Wochenstart auf eine Meldung reagiert, die eigentlich nicht wirklich negativ war:

Die aktuellen Kurse, Charts, Dividenden und Kennzahlen zur Nemetschek Aktie finden Sie hier.

Expertenmeinung: Die Experten des Bankhauses Metzler erhöhten das Kursziel für die Nemetschek-Aktie von 83 auf 87 Euro, stuften aber die Handlungsempfehlung von „Kaufen“ auf „Halten“ ab. Logisch, schließlich hatte die Aktie diesen Level bereits zeitweise überboten. Trotzdem reagierten einige Marktteilnehmer sofort mit Verkäufen. Und auch das wundert nicht.

Vielen ist ja klar, dass die Aktie von der Bewertung her eigentlich zu schnell zu weit gestiegen ist. Wenn ein Analyst auf diese Weise klar macht, dass nach seiner Ansicht jetzt vorerst einmal das Hoch erreicht sein dürfte, wirkt das wie eine Aufforderung, die großen Gewinne auch mal mitzunehmen. Aber beendet das auch diese seit Anfang Juni fast nonstop laufende Rallye?

Man sollte es zumindest nicht ausschließen. Viele wissen das hohe KGV ja zu interpretieren. Angenommen, die Aktie wollte auf einen Level korrigieren, auf dem ein KGV von 50 gälte, was immer noch nicht „billig“ wäre, müsste die Aktie bei einer gleichbleibenden Gewinnperspektive dazu auf 55 Euro fallen! Wer das erkennt, wird natürlich vorsichtig. Und aus charttechnischer Sicht hat diese vier Monate währende Aufwärtsbewegung ein Problem entstehen lassen:

Es gab keinerlei Korrektur, so dass sich oberhalb der dabei überbotenen, alten Bestmarke von 74,35 Euro aus dem Frühsommer 2020 keine charttechnischen Unterstützungen bilden konnten. Es gab nur die im Chart blau markierte 20-Tage-Linie, an der entlang die Aktie stieg wie auf Schienen. Mit den gestrigen Abgaben ist der Kurs aus eben dieser Schiene aber herausgesprungen, eine Entwicklung, die die negative Divergenz des RSI-Indikators (unten im Chart) seit einigen Wochen angekündigt hatte. Die nächstgelegene Supportlinie wartet also erst bei 74,35 Euro – wer hier nicht bewusst langfristig dabei sein will, könnte sich daher jetzt überlegen, besser den Gewinn mitzunehmen.

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Ein Jahr lang war mit der Aktie des Bau- und Architektursoftware-Entwicklers Nemetschek nichts los, der Kurs tendierte sogar gegen den Markttrend leicht abwärts. Doch seit Juni steigt diese Aktie wie ein Strich … was steckt dahinter?

Nemetschek ist, was die Bewertung über das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) angeht, seit Jahren nicht mehr „billig“. Das KGV bewegte sich seit Mitte des letzten Jahrzehnts in einer Range zwischen 40 und 50, in Relation zum Anstieg des Unternehmensgewinns war das relativ viel. Doch für die momentan seitens der Analysten geschätzten Gewinne des laufenden Jahres liegt das KGV jetzt bei 76. Und das kann nicht lange gutgehen, es sei denn, es gibt dafür einen triftigen Grund.

Gegenüber 2020 rechnen die Experten aktuell damit, dass Nemetschek etwa 30 Prozent mehr verdienen wird als 2020. Doch damit käme man nur zurück auf den Level von 2019, weil 2020 auch hier eine „Corona-Delle“ verursacht hat. Und als man in der zweiten Jahreshälfte 2019 absehen konnte, was da am Ende des Jahres an Gewinn auflaufen würde, notierte die Nemetschek-Aktie in einer Spanne zwischen 42 und 58 Euro. Gestern schloss sie bei 83,74 Euro, obwohl nicht mehr Gewinn als damals zu erwarten ist. Liegt es an der Perspektive für die kommenden Jahre?

Expertenmeinung: Auch nicht, denn momentan liegt die durchschnittliche Gewinnerwartung der Analysten für 2023, also für das übernächste Jahr, 26 Prozent über dem für 2021 erwarteten Gewinn von 1,09 Euro pro Aktie. Käme es so, hätte Nemetschek per Ende 2023 ein KGV von 60 … bezogen auf den aktuellen Kurs. Das ist mehr als üppig. Und wer heute in diese Rallye hinein einsteigt, wünscht sich ja nicht, dass der Kurs zwei Jahre wie festgenagelt stehenbleibt. Es sei denn, man könnte auf eine immense Dividendenrendite setzen. Aber auch da ist nicht viel zu holen, die liegt derzeit auf Basis der 2021er-Schätzung um die 0,5 Prozent.

Zwei Aspekte könnten den Kurs derzeit sukzessiv höher treiben. Zum einen eine Art Kettenreaktion auf charttechnischer Ebene. Denn nachdem es im Juni gelang, die mittelfristige Abwärtstrendlinie zu überwinden, wurde aufgrund der vielen darüber liegenden Zwischenhochs eine Hürde nach der anderen überboten, was immer aufs Neue Käufe charttechnisch orientierter Trader ausgelöst haben dürfte.

Zum anderen könnte die am Montag anstehende Umstellung der Indizes DAX und MDAX eine Rolle spielen. Zehn Aktien werden den MDAX Richtung DAX verlassen. Könnte Nemetschek eine von ihnen sein? Das ist unwahrscheinlich, dazu liegt Nemetschek hinsichtlich des Qualifikationskriteriums, der Marktkapitalisierung, zu weit unten in der MDAX-Hitparade. Aber die Aktie läge weit genug oben, um dann, wenn die größten zehn MDAX-Aktien weg sind (die ja nicht ersetzt werden, der MDAX hat ab Montag dann 50 statt zuvor 60 Aktien) eine wichtigere Rolle im Index mit einer entsprechend höheren Gewichtung zu spielen. Gut möglich, dass Trader darauf setzen und dies die Aktie weiter treibt, als sie normalerweise steigen würde.

Geht das gut? Das ist nicht zu sagen, denn dieser „Cut“ des MDAX hat keine Präzedenzfälle. Aber möglich wäre es allemal, dass sich mancher, der darauf gewettet hat, dass eine höher gewichtete Nemetschek einen Sprung macht, wenn zehn größere MDAX-Titel abwandern, verabschieden würden, wenn es soweit ist, ob dieser Sprung kommt oder nicht. Was tun?

Letztlich müsste man raten oder einfach abwarten, was passiert. Wobei Letzteres der bessere Weg wäre, denn der Chart zeigt ja, dass dieser wochenlange, stetige Anstieg einen „Leitstrahl“ hat: die 20-Tage-Linie. An ihr entlang hangelt sich die Aktie von einem Rekordhoch zum nächsten. Daher wäre es opportun, den Gewinn mitzunehmen, wenn eben dieser Leitstrahl, derzeit bei 81,15 Euro, durch Schlusskurse von zwei Euro oder mehr darunter signifikant brechen sollte.

Nemetschek hob am Dienstag nach Handelsende die Gesamtjahresprognose an und reichte am Donnerstagmorgen die Quartalsbilanz nach. Das sorgte zwar für relativ hektische Schwankungen, aber unter dem Strich stieg die Aktie nur wenig. Wo ist das Haar in der Suppe?

Im Frühsommer 2020 hatte die Nemetschek-Aktie das vorherige, im Januar 2020 erzielte Rekordhoch knapp überboten. Das passierte im Zuge der hektischen Suche der Investoren nach sicheren Häfen im Zuge der Corona-Krise. Und ein Unternehmen, das Bau- und Architektur-Software entwickelt und vertreibt, das wirkt wie ein sicherer Hafen. Und richtig ist schon, dass Nemetschek ohne allzu große Blessuren durch die heiße Phase der Pandemie kam. Das Geschäft läuft weiterhin gut, wie man der angehobenen Prognose entnehmen kann.

Die Ergebnisse des zweiten Quartals waren gut, aber wichtiger ist, was das Software-Unternehmen für das Gesamtjahr avisiert. Hier hob man bereits am Dienstagabend die Umsatzprognose von der vorherigen Erwartung eines hohen, einstelligen Wachstums auf 12 bis 14 Prozent an. Und auch die EBITDA-Gewinnmarge (EBITDA = vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) soll höher liegen als zunächst gedacht, zwischen 30 und 32 Prozent (vorher: 27 bis 29 Prozent). Wieso hat die Aktie daraufhin nicht mehr gezeigt? Die Kombination aus mehr Umsatz und einer höheren Marge wirkt schließlich wie ein Hebel für den Gewinn – haben die Anleger nicht nachgerechnet?

Expertenmeinung: Doch, das dürften sie getan und genau deshalb nicht allzu beherzt zugegriffen haben. Will man vergleichen, wie Nemetschek dann Ende 2021 dasteht, sollte man das nicht vom Sonderfaktor Corona beeinflusste Jahr 2019 als Vergleichsbasis nehmen, zumal die Aktie heute höher steht als sie 2019 je notierte. Das ginge in Ordnung, wenn auch der Gewinn vergleichbar höher hereinkommen wird. Aber wird er das?

Das wäre zwar möglich, wenn alles am oberen Ende der aktuellen Prognosespanne über die Ziellinie geht, aber sicher ist es nicht. Denn die 1,10 Euro Gewinn pro Aktie des Jahres 2019, die die bisherige Bestmarke darstellen, basierten zwar auf einem mit 557 Millionen Euro geringeren Umsatz als die 668 bis 680 Millionen, die die derzeitige Umsatzprognose bedeuten würden. Aber die EBITDA-Marge lag 2019 mit 35,5 Prozent höher. Daher könnte Nemetschek diesen bisherigen Gewinnrekord zwar im Idealfall, wenn bei Umsatz und EBITDA-Marge das obere Ende der Prognosespanne erreicht wird, um zehn Prozent überbieten. Aber eben nur dann. Und das bedeutet:

Nemetschek ist von der Bewertung her teuer. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis würde je nachdem, ob der Gewinn im unteren oder oberen Bereich der Prognosespanne hereinkommt, zwischen 60 und 65 liegen. Für ein Gewinnwachstum, das auch 2022 seitens der Analysten nicht besonders hochgesehen wird, zu teuer.

Nemetschek-Aktie: Chart vom 29.07.2021, Kurs 74,56 Euro, Kürzel NEM | Online Broker LYNX

Nicht unbedingt überraschend war es daher, dass die einzigen zwei Analysten, die am Donnerstag sofort reagierten, ihre Kursziele zwar einmal von 56,50 auf 61 und einmal von 48 auf 60 Euro anhoben, damit aber deutlich unter dem derzeitigen Kursniveau blieben. Auch das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt mit 71,50 Euro unter dem letzten Kurs. Hinzu kommt die Charttechnik:

Die Aktie ist durch den Run von 55 auf 75 Euro binnen zwei Monaten markttechnisch überkauft und hängt damit zugleich am bisherigen Rekordhoch von 74,35 Euro fest. Die Chance, dass da noch allzu viel Luft nach oben ist, ist daher nicht gerade grandios. Wer trotzdem dabeibleiben will, sollte zumindest einen Stoppkurs unter der nächstgelegenen Unterstützungszone im Bereich 67,85/70,55 Euro erwägen.

Nemetschek legte gestern Ergebnisse für das erste Quartal vor, die in allen Bereichen über den Analystenerwartungen lagen. Die Nemetschek-Aktie legte daraufhin zwar zu … aber reicht das schon für die Aufwärtswende?

Der Umsatz stieg im ersten Quartal gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 8,1 Prozent (währungsbereinigt um 12,1 Prozent), der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) kletterte überproportional um 18,5 Prozent, basierend auf einem Anstieg der EBITDA-Marge, die auf überdurchschnittliche 31,3 Prozent stieg. Das ist ohne Wenn und Aber gut, zumal Nemetschek als Spezialist für Bau- und Architektursoftware keine nennenswerte „Delle“ durch die Corona-Krise wettzumachen hat. Aber müsste die Aktie deswegen bereits zwingend wieder in den Hausse-Modus wechseln?

Expertenmeinung: Sie könnte, wenn es gelingt, die aktuell attackierten charttechnischen Widerstände zu bezwingen, aber sie muss es keineswegs. Denn die Aktie hat ein Problem: Sie ist bereits recht teuer bewertet, was das Kurs/Gewinn-Verhältnis angeht.

Selbst, wenn man angesichts dieses starken Quartals ein wenig auf die derzeitige, durchschnittliche Gewinnschätzung der Analysten für 2021 draufrechnet, die da im Schnitt erwarteten 0,91 Cent pro Aktie auf einen Euro aufrundet, läge das Kurs/Gewinn-Verhältnis derzeit über 60. Das wäre angemessen, wenn man aktuell ebenso wie in den kommenden ein, zwei Jahren mit Gewinnsteigerungen von jährlich um die 25 bis 30 Prozent rechnen könnte. Aber das ist eben nicht der Fall.

Nemetschek selbst betonte im Zuge der vorgelegten Zahlen, dass die EBITDA-Marge von 31,3 Prozent „überdurchschnittlich“ gewesen sei. Die unternehmenseigene Prognose sieht für 2021 eine Marge im Bereich von 27 bis 29 Prozent (2020: 28,8 Prozent) und ein Umsatzwachstum im hohen einstelligen Prozentbereich. Wenn sich das nicht radikal verbessern sollte, wäre die Aktie einfach zu hoch bewertet. Das dürfte die Bereitschaft der Bullen dämpfen, sich durch die jetzt angegangene Widerstandszone hindurch zu kämpfen, sofern sie dabei auf nennenswerte Gegenwehr stoßen sollten.

Daher wäre es sinnvoll, dem Braten erst zu trauen, wenn er aus dem Ofen heraus ist. Sie sehen im Chart, dass die Aktie gerade die aus dem Sommer 2020 stammende, mittelfristige Abwärtstrendlinie angeht, die aktuell bei 64 Euro verläuft – und gestern verlief die Attacke nicht gerade erfolgreich.

Nemetschek-Aktie: Chart vom 29.04.2021, Kurs 60,90 Euro, Kürzel NEM | Online Broker LYNX

Um überhaupt eine Basis für einen neuen, nachhaltigen Aufwärtsimpuls zu bekommen, muss der Kurs da, idealerweise zügig, durch. Aber schon bei 67,85, bei 69,20 und 70,55 Euro würden mehrere obere Wendepunkte der vergangenen Monate als weitere potenzielle Widerstände warten, bevor der Weg dann aus rein charttechnischer Sicht an und im Idealfall über den bisherigen Verlaufsrekord der Nemetschek-Aktie von 74,35 Euro frei wäre. Zumindest einen klaren Ausbruch über die jetzt umkämpfte Abwärtstrendlinie sollte man daher abwarten, bevor man sich mit dem Gedanken trägt, hier auf der Long-Seite ins Geschehen einzugreifen.

Wenn eine Aktie erst einmal festhängt, dann oft richtig. Die Aktie des Bau- und Architektursoftware-Entwicklers Nemetschek hat derzeit genau dieses Problem. Basis dieser Seitwärtsbewegung war, dass die Aktie im Vorfeld des Corona-Crashs zu weit gelaufen und damit zu teuer bewertet war. Es bedurfte einfach Zeit, bis die Unternehmensentwicklung dem vorausgelaufenen Aktienkurs gerecht wurde. Aber immerhin fiel die Aktie deshalb nicht zurück, sondern läuft bislang in einer stabilen Seitwärtsrange. Langweilig? Solange der Kurs diese Range nicht verlässt, schon. Aber er könnte jederzeit ausbrechen – und dann ist hier wieder Leben drin.

Die gestern vorgelegten, vorläufigen Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2020 haben zwar noch keine Entscheidung in dieser Hinsicht bewirkt, deuten aber an, dass die Unterseite der Handelsspanne derzeit die interessantere ist. Denn die Ergebnisse lösten keinen Kurssprung aus, wie man das normalerweise in einem bullischen Gesamtmarkt hätte vermuten können, sondern Abgabedruck. Und die Käufe blieben nicht aus, weil die Zahlen schwach ausgefallen wären:

Expertenmeinung: Nemetschek hat das für so viele Branchen äußerst unerfreuliche Jahr 2020 mit solidem Wachstum abgeschlossen. Der Umsatz legte um 7,2 Prozent zu, die Vorsteuer-Marge lag bei 28,9 Prozent, der Gewinn, gerechnet als EBITDA, stieg um vier Prozent. Die Gewinnentwicklung hätte ohne die Corona-Krise zweifellos besser ausgesehen, aber eigentlich hätten die Marktteilnehmer positiv werten müssen, dass es überhaupt zu einem Gewinnanstieg gekommen ist, zumal der Aktienkurs niedriger liegt als vor genau einem Jahr. Aber da drückt nun einmal die hohe Bewertung. Auf Basis dieser 2020er-Gewinne läge das Kurs/Gewinn-Verhältnis derzeit um 52. Und das ist bei diesem geringen Wachstum viel zu hoch. Es sei denn, man könnte damit rechnen, dass der Gewinn in diesem und dem folgenden Jahr um 20 oder 25 Prozent zulegen würde. Kann man das?

Einen Ausblick für das Jahr 2021 will Nemetschek erst im Zuge der Vorlage der endgültigen 2020er-Bilanz am 23. März liefern. Aber die Analysten schätzen bislang, dass Nemetschek den Gewinn 20212 um 10 bis 15 Prozent, im Jahr 2022 dann um bis zu 20 Prozent steigern kann. Zu wenig, um eine noch höhere Bewertung zu rechtfertigen. Auch schon zu viel für dieses Kurs/Gewinn-Verhältnis, das mit der 2021er-Prognose per Ende 2021 immer noch bei 47 läge? Möglich. Die kommenden Tage könnten da schon eine Entscheidung bringen, denn die ausgebliebene, positive Reaktion auf das gestrige Zahlenwerk könnte so manchen, der hier bislang eisern dabeigeblieben ist, nervös machen. Der Chart zeigt die Ankerpunkte, um die es in Sachen Ausbruch gehen würde. Auf der Oberseite ist das die Zone zwischen 67,90 und 69,20 Euro, die eindeutig auf Schlusskursbasis überboten werden müsste, um der Aktie den weiteren Weg nach oben freizusprengen. Aus aktueller Sicht der deutlich steinigere Weg. Die untere Entscheidungszone liegt weit näher: Hier findet sich eine zwischen 52,45 zu 57,00 Euro gelegene, breite Supportzone, die, würde sie fallen, einen kräftigen Abwärtsimpuls ermöglichen würde, denn darunter finden sich erst einmal keinerlei potenzielle Unterstützungspunkte. Diese Entscheidungszonen im Auge zu behalten, dürfte sich lohnen, denn oft brechen solche „Dornröschen-Aktien“ gerade dann aus, wenn die Aufmerksamkeit der meisten Akteure bereits nachgelassen hat.

Nemetschek Aktie: Chart vom 03.02.2021, Kurs 58,45 Euro, Kürzel NEM | Online Broker LYNX

Nemetschek ist ein führender Softwareanbieter in den Bereichen Architektur, Bau und Engineering.

Innovationstreiber

Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Innovationstreiber von Open BIM und 5D. Die digitalen 3D-Planungsmodelle, ergänzt durch die Dimensionen Zeit (4D) und Kosten (5D).
Das Geschäft wird mit entsprechenden Serviceangeboten abgerundet.

Einfach ausgedrückt: Nemetschek bietet Software an, die den kompletten Bauprozess abdeckt: Planung, Durchführung sowie Zeit- und Kostenmanagement.

Mehr als schöne Worte

Bei Nemetschek lässt man auf die Worte auch Taten folgen. Bei den Kunden scheinen die Angebote des Unternehmens jedenfalls gut anzukommen.

Seit 2010 ist der Umsatz von 150 auf 557 Mio. Euro gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Margen verbessert.
Das Ergebnis kletterte im selben Zeitraum von 0,16 auf 1,10 Euro je Aktie.

Die Dividende wurde von 0,04 auf 0,27 Euro erhöht. Die Dividendenrendite von 0,45% dürfte aber kaum einen Anleger beeindrucken.
Die Richtung stimmt allerdings.

Weitere Pluspunkt sammelt Nemetschek beim Cashflow. Der FCF liegt regelmäßig über dem Gewinn, denn das Geschäft ist nicht kapitalintensiv.

Daher konnte man das enorme Wachstum auch aus dem laufenden Cashflow finanzieren. Man benötigte keine Kapitalerhöhungen und hat keine nennenswerten Schulden.

Das Unternehmen bringt also eine ganze Reihe von wünschenswerten Eigenschaften mit und daher ist die Aktie auch ein massiver Outperformer.

Aktuelle Lage

Gerade in Krisen trennt sich die Spreu vom Weizen. Nemetschek konnte die positive Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr fortsetzen.

In den ersten neun Monaten legte der Umsatz um 7,6% auf 436,8 Mio. Euro zu und der Anteil der wiederkehrenden Einnahmen wurde größer.
Der Gewinn ohne Einmaleffekte legte um 2,7% auf 0,59 Euro je Aktie zu.

In dem schwierigen Umfeld kann sich das durchaus sehen lassen. Das operative Ergebnis dürfte auf dem Vorjahresniveau oder leicht darüber liegen.

Nemetschek kommt derzeit also auf ein KGVe von knapp über 50. Das ist selbst bei all den positiven Eigenschaften des Unternehmens ambitioniert.

Neuer Chef

Meine größte Sorge in Bezug auf Nemetschek ist aber nicht die Bewertung, sondern die enorme Machtkonzentration im Vorstand, gepaart mit einer neuen Strategie.

Zukünftig wird sehr viel von Axel Kaufmann abhängen, der in Personalunion Sprecher des Vorstands (faktisch CEO) sowie CFO und COO ist.
Das ist nicht gerade wenig Verantwortung und vielleicht wäre es besser gewesen die Resorts aufzuteilen.

Dass man diese Position nicht innerhalb des Unternehmens besetzt hat, darf man ebenfalls infrage stellen.
Denn zuletzt arbeitete Kaufmann beim Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer sowie beim Küchenausrüster Rational.

Auf Expansionskurs

Der Firmengründer und Aufsichtsrat Prof. Georg Nemetschek hat den Posten sicher nicht leichtfertig an Kaufmann vergeben.
Das Unternehmen ist schließlich sein Lebenswerk.

Wenn man aber fortan eine expansive Strategie mit Zukäufen anstrebt – und genau das wurde angekündigt – hätte man da nicht einen intimen Kenner der Branche engagieren sollen?

Darüber hinaus plant mal wohl auch größere Übernahmen:
„Wir sind in eine Größenordnung hineingewachsen, in der wir große und mittelgroße Zukäufe stemmen können“, sagte Kaufmann der Wirtschaftszeitung Euro am Sonntag.

Leider hat die Erfahrung gezeigt, dass das meistens mehr Probleme mit sich bringt, als es nützen würde.

Das hat viele Gründe. Oft genug wird schlichtweg ein zu hoher Preis gezahlt oder die Integration gelingt nicht.
Diese Gefahren sind bei kleinen Zukäufen viel geringer. Es steht weniger auf dem Spiel und neue kleine Töchter übernehmen in der Regel auch die Unternehmenskultur.

Bei großen Übernahmen ist oft genug das Gegenteil der Fall. Die neue „Tochter“ oder „Schwester“ verändert die bestehende Unternehmenskultur und beschädigt das bisherige Erfolgsmodell.

Man kann nur hoffen, dass Nemetschek sich nicht selbst ins Bein schießt und man so ein großartiges Unternehmen bleibt.
Wir werden es sehen.

Gelegenheiten und Chart

Der Preis muss aber in jedem Fall stimmen. Selbst Outperformer wie Nemetschek korrigieren mitunter heftig.
Steigt man allerdings antizyklisch in guten Unternehmen ein, kann man seine Performance deutlich steigern und sein Risiko minimieren.

Aus charttechnischer Sicht könnte sich jetzt eine Chance ergeben. Die Aktie ist über Monate hinweg auf der Oberseite gescheitert und ist gerade dabei den mittleren Aufwärtstrend zu durchbrechen.

Wochenschlusskurse unter 60 und 58 Euro würde jeweils Verkaufssignale auslösen. Mögliche Korrekturziele liegen zwischen 45 und 48 Euro.

Dieser Bereich wäre für antizyklische Investoren interessant.

Chart vom 02.12.2020 Kurs: 57,30 Kürzel: NEM - Wochenkerzen | Online Broker LYNX
Chart vom 02.12.2020 Kurs: 57,30 Kürzel: NEM – Wochenkerzen