Brent Crude Oil aktuell Brent Crude Oil: +21,56 Millionen Barrel Lagerbestand – und der Kurs steigt?

News: Aktuelle Analyse des Brent Crude Oil Futures

von |
In diesem Artikel

Brent Crude Oil
ISIN: --
|
Ticker: COIL
|
Währung: USD

Seit Beginn der Aufzeichnungen über die US-Rohöl-Lagerbestände vor knapp 40 Jahren hat es noch nie eine Woche gegeben, in der die Lagebestände in einer derartig gewaltigen Größenordnung gestiegen wären. 21,56 Millionen Barrel bevorraten die US-Unternehmen mehr als in der Woche zuvor. Und was macht der Ölpreis? Er steigt! Was ist da los?

Der Anstieg, der am Mittwoch für die vergangene Kalenderwoche berichtet wurde, kam unerwartet. Die Experten hatten im Vorfeld einen Rückgang der Bestände um knapp eine Million Barrel vorausgesagt. So wurde jetzt der Rückgang der US-Lagerbestände der vergangenen Wochen komplett egalisiert, der den Bullen als Argument für den fortgesetzten Anstieg der Ölpreise diente.

Brent Crude Oil: Tages-Chart vom 03.03.2021, Kurs 64,45 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Trotzdem hatte der Preis der Ölsorte Brent Crude Oil zuletzt etwas korrigiert, auch, weil am Dienstag gemunkelt wurde, die OPEC plus Russland könnten ihre Fördermenge bei dem heute anstehenden Treffen um 1,5 Millionen Barrel pro Tag ausweiten, nachdem der OPEC-Generalsekretär erklärte, die Perspektiven für den Ölpreis seien positiv und die Nachfrage in Asien wäre ermutigend. Und jetzt dieser Kurssprung, so unmittelbar vor dem Treffen?

Für diesen Anstieg gäbe es zwei mögliche Erklärungen. Auffällig war, dass Brent Crude unmittelbar mit der Veröffentlichung der Lagerbestände um 16:30 Uhr MEZ zunächst zwar wegsackte, dann aber noch in der gleichen Minute wieder anzog und eine Rallye begann. Das wirkte, als wollten große Trader diese initiale, negative Reaktion gezielt „wegkaufen“. Welchen Sinn würde das ergeben?

Es könnte dazu gedacht sein, zum einen gezielt zu provozieren, dass Daytrader auf die Rallye aufspringen, so dass die Nachfrage im Future ausreichen würde, um selbst in die dann selbständig höher laufenden Kurse hinein Long-Positionen abzubauen. Es könnte zugleich dazu dienen, der OPEC ein Bild zu suggerieren, das es der Gruppierung leichter machen würde, die angeblich mögliche Fördermengenausweitung umzusetzen und damit mittelfristig wieder tiefere Ölpreise zu erreichen … worauf sich diejenigen, die den Kursimpuls angeschoben haben, dann durch die vorgenannte, gezielte Distribution einstellen würden. Das ist zwar eine etwas gewagte Erklärung, weil man so etwas nie sicher belegen kann, aber derartige taktische Operationen sind am Ölmarkt alles, nur nicht selten.

Die zweite Erklärung läge in der Motivation dieses Lagerbestands-Aufbaus durch die US-Unternehmen. Denn es ist bei einer derartigen Größenordnung nicht zu unterstellen, dass die Nachfrage derart weggebrochen wäre, dass die Unternehmen zwar wie üblich eingekauft, aber wider Erwarten auf einmal extrem wenig verbraucht hätten. Der Anstieg der Bestände muss also auf starken Käufen basieren. Und da nicht zahllose US-Unternehmen zugleich auf einmal merken, dass ihre Tanks leer sind, dürfte die Basis darin liegen, dass viele fürchten, dass der Preis in den kommenden Wochen weiter ansteigt, so dass man sich schnell noch zu einigermaßen akzeptablen Preisen eindeckt. Diese Erwartung steigender Preise könnte man durch diese Rallye des Mittwochs nachvollzogen haben. Aber läge man damit richtig?

Das wird sich frühestens heute im Zuge der OPEC-Gespräche herausstellen. Erst einmal muss klar werden, ob, wann und wie viel die Förderung ausgeweitet würde. Erst danach wird die Tendenz beim Brent Crude Oil-Kurs „belastbar“.

Dass dieser Kurssprung auch charttechnisch bedingt ist, sehen Sie im Chart: Brent hatte das gewaltige Gap vom März 2020 geschlossen, absolvierte dann aber auch noch seine „Bonus-Runde“ nach oben und touchierte die obere Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals. Dort aber stoppte die Hausse durch einen „Evening Star“ (grüne Kerze, Doji, rote Kerze), ein bärisches Signal, das durch zwei schwächere Folgetage bestätigt wurde und an die nächstgelegene Unterstützung in Form der 20-Tage-Linei führte. Genau dort sahen wir diese Rallye trotz dieses gewaltigen Lagerbestands-Aufbaus.

Am letzten Hoch bei 66,82 US-Dollar vorbei zu kommen, dürfte nur gelingen, wenn die OPEC sich entscheidet, die bisherige, künstliche Verknappung des Angebots beizubehalten. Sollte Brent Crude in diesem Kurs des Mai-Futures aber unter 60 US-Dollar schließen und damit wieder in die Zone der März 2020-Kurslücke zurückfallen, dürfte es vorerst vorbei sein mit diesem gewaltigen Aufwärtsdrang der vergangenen Wochen und Monate.

Brent Crude Oil: Wochen-Chart vom 03.03.2021, Kurs 64,45 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX
Sie möchten vor Börsenstart über spannende Aktien informiert werden?

Wir beobachten für Sie regelmäßig die interessantesten Aktien am Markt. Die Besten stellen wir Ihnen jeden Morgen kostenfrei im LYNX Börsenblick vor. Aktuell ermöglichen wir so über 30.000 Lesern täglich einen schnellen Überblick über die spannendsten Aktien.

Machen Sie sich selbst ein Bild und abonnieren Sie unseren täglichen Newsletter Börsenblick oder einen anderen auf unserer Seite Börsennews.

--- ---

--- (---%)
Mkt Cap
Vol
Tageshoch
Tagestief
---
---
---
---

Displaying the --- chart

Heutigen Chart anzeigen


Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
Nachricht schicken an Ronald Gehrt
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Vorherige Analysen des Brent Crude Oil Futures

Anfang März 2020 kam es zu einer gigantischen Abwärts-Kurslücke beim Ölpreis. Am Freitagabend des 6. März, bevor der Kurs am Montagmorgen plötzlich meilenweit tiefer eröffnete, schloss Brent Crude Oil bei 59,92 US-Dollar. Am vergangenen Freitag erreichte der Kurs im aktuellen „Fronmonat“ des Futures, der als nächstes endenden Laufzeit April, 59,79 US-Dollar. Kurz: Dieses riesige Gap, diese Kurslücke, ist nunmehr geschlossen. Damit ist das Kursziel erreicht, das sich auftat, als der Brent-Kurs Anfang des Jahres eindeutig über die untere Begrenzung dieser Kurslücke bei 50,86 US-Dollar hinaus gelaufen war. Wie weiter?

Sollte Brent Crude Oil diese Widerstandsmarke von 59,92 US-Dollar eindeutig bezwingen, könnte es noch zu einem „Overshooting“ kommen, indem der Kurs auch die obere Begrenzung des breiten, im vergangenen Frühjahr etablierten Aufwärtstrendkanals ansteuert, die derzeit bei 65 US-Dollar wartet. Aber wie wahrscheinlich ist das?

Expertenmeinung: Ob das gelingt, ist nicht vorhersagbar, möglich wäre es alleine deshalb, weil das Trading gerade bei Rohöl sehr charttechnisch orientiert ist und sich die Trader in solche intensiven Trends – oft auch gegen fundamentale Argumente – förmlich „verbeißen“.

Trotzdem ist mit dem Erreichen dieses Kursziels bei knapp 60 US-Dollar der Zeitpunkt gekommen, vor allem nach unten zu sehen. In wenig mehr als drei Monaten ist Brent von 36 auf 60 US-Dollar gelaufen. Das wird damit gerechtfertigt, dass sich die Weltwirtschaft sukzessiv erholt, die Nachfrage nach Rohöl deshalb steigt, im Gegenzug aber die im Mai 2020 beschlossene, immense Fördermengenkürzung der OPEC und Russlands noch besteht.

Doch sich einzubilden, dass die größten Fördernationen, selbst die USA, die ebenso deutlich weniger gefördert hatten, diese Kürzungen auf alle Zeit beibehalten, wäre naiv. Schließlich stellt der Ölexport für viele OPEC-Mitglieder die wichtigste Einnahmequelle dar. Natürlich wäre die Rückkehr zu alten Fördermengen ein zweischneidiges Schwert. Derzeit verkaufen die Förderer weniger, erzielen aber relativ gute Preise. Wollte man das Angebot ausweiten, könnte ein anziehender Umsatz durch einen abrutschenden Preis egalisiert werden. Aber: Sollte die OPEC auch nur andeuten, dass die Nachfrage eine Fördermengen-Ausweitung ohnehin nicht hergibt, könnte das schon ausreichen, diesen Höhenflug zu beenden.

Auf diesem Niveau werden Long-Positionen daher deutlich spekulativer. Wer darauf setzen möchte, dass Brent Crude noch eine „Ehrenrunde“ dreht und bis 65 US-Dollar anzieht, sollte auf eine konsequente Stop Loss-Absicherung bedacht sein. Hierzu bietet sich die im Chart blau gehaltene 20-Tage-Linie als Orientierung an. Sie sehen, dass Brent Crude seit Dezember mehrfach von dieser Linie aus wieder anzog. Ein Bruch der 20-Tage-Linie wäre damit ein erstes, kritisches Signal. Die Linie läuft aktuell bei 56,20 US-Dollar. Da sie aber intraday durchaus auch mal unterboten wurde, wäre ein „Sicherheitsabstand“ von einem US-Dollar unterhalb der Linie für einen Stop Loss angebracht, der sich dann mit dem Anstieg dieses gleitenden Durchschnitts sukzessiv nachziehen ließe.

Chart vom 05.02.2021, Kurs 59,30 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Mittlerweile passt auch der Background für das bullische Lager. Auch die gestern gemeldeten US-Öllagerbestandsdaten für die abgelaufene Woche waren gefallen. Damit sehen wir vier Wochen in Folge nachgebende Lagerbestände, die den immensen Anstieg der Bestände Anfang Dezember wieder ausgeglichen haben. Und obwohl die Kurse der wichtigsten Ölsorten auf dem Weg nach oben sind, hat Saudi-Arabien Anfang der Woche im Zuge der jüngsten OPEC+-Gespräche mitgeteilt, dass es seine Fördermenge um eine Million Barrel pro Tag senken werde. Hinzu kommt die Charttechnik:

Im Dezember ist der Kurs von Brent Crude Oil in die Zone des gewaltigen Gaps hineingelaufen, das im März 2020 entstanden war. Diese Kurslücke liegt, bezogen auf den aktuellen „Frontmonat“ März im Brent Crude Oil-Future, zwischen 50,78 und 59,84 US-Dollar. Da der Anstieg bislang relativ langsam verläuft, sehen wir auch noch keine Überhitzung im Bereich der markttechnischen Indikatoren. Denkbar wäre es also allemal, dass die Bullen Brent Crude Oil in Richtung der oberen Begrenzung des Gaps bei knapp 60 US-Dollar ziehen können. Es sei denn …

Expertenmeinung: … dass das, was sich am Mittwoch in Washington abgespielt hat, nicht zügig wieder unter Kontrolle zu bringen ist. Mit seiner Aufforderung zum Protest gegen die Verkündung des Wahlergebnisses könnte der US-Präsident die Büchse der Pandora geöffnet haben. Sollte es zu einer instabilen Lage in den USA kommen, würde das der dortigen Wirtschaft gnadenlos schaden. In einer Situation, in der die Erholung bereits ausgebremst wurde und es in den USA täglich höhere Zahlen an Pandemie-Opfern gibt, würde das die hinter dieser Aufwärtsbewegung des Ölpreises stehende Erwartung, dass es in Kürze wieder zu starkem Wachstum und einer damit einhergehenden steigenden Ölnachfrage kommen wird, torpedieren. Zumal das bullische Lager da eher einseitig denkt, denn:

Um einen nachhaltigen Anstieg des Kurses zu sehen, müsste die Nachfrage steigen, das Angebot aber nicht. Wer das erwartet, rechnet zwar einerseits mit Wachstum, andererseits ignoriert man dann aber die OPEC. Denn die hat die Fördermengen im Mai 2020 radikal reduziert, um den Kurs zu stabilisieren. Würde die Nachfrage spürbar steigen, würden die Förderländer auch ihren Output wieder steigern, schließlich ist der Ölverkauf für viele der in der OPEC organisierten Nationen eine entscheidende Einnahmequelle. So gesehen wäre zwar ein Anstieg des Kurses bis 60 US-Dollar möglich … aber sich fest darauf zu verlassen, wäre riskant.

Momentan hat das bullische Lager aber den Vorteil einer soliden Supportzone, denn alle wichtigen gleitenden Durchschnitte, die 20-Tage-, die 50-Tage- und die 200-Tage-Linie, verstärken aktuell die Unterstützungszone aus den August-Zwischenhochs und der unteren Begrenzung des Gaps im Bereich 48/51 US-Dollar. Das ist die Plattform, von der aus die Attacken nach oben ausgehen … und damit zugleich eine ideale Orientierung für die Absicherung von Long-Positionen.

Chart vom 06.01.2021, Kurs 53,67 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Aus rein charttechnischer Sicht haben die Bullen bei Brent Crude Oil alle Trümpfe in der Hand. Brent ist in das riesige Gap vom März zwischen 50,65 zu 59,80 US-Dollar (im Februar-Kontrakt des Futures, der aktuell entscheidenden Laufzeit) hinein gelaufen und hätte damit laut Lehrbuch das Potenzial, diese Kurslücke zu schließen, sprich bis knapp 60 US-Dollar zu laufen.

Unterstützt wird dieses Szenario durch einen Kurs, der mittlerweile alle wichtigen gleitenden Durchschnitte unter sich gelassen hat, selbst die im Chart schwarz markierte 200-Tage-Linie ist jetzt überboten. Und die 20-Tage-Linie, im Chart blau gehalten, steht kurz davor, diese 200-Tage-Linie zu überwinden: Ein aufwärts gerichteter Crossover steht also bevor, der das bullische Szenario noch verstärken wird.

Dass Brent Crude mittlerweile nach einem Anfang November begonnenen, fast durchgehenden Anstieg überkaufte markttechnische Indikatoren aufweist, kann nicht überraschen, muss den Kurs aber auch nicht bremsen. Solange das Momentum der Bewegung hoch bleibt, können Indikatoren wie der hier abgebildete Stochastik-Oszillator lange in der überkauften Zone verharren. Also, auf geht’s an die 60 Dollar-Marke?

Expertenmeinung: Wenn man alleine die technische Analyse zu Rate zieht, schon. Aber solange die Fundamentals einen Run Richtung 60 US-Dollar eigentlich gar nicht unterstützen würden, bleibt Vorsicht angebracht. Schaut man sich die Entwicklung der US-Öllagerbestände an, so ist deren Saldo seit September ausgeglichen, d.h. die Lager leeren sich nicht. Das ist nicht zwingend eine Indikation dafür, dass die Nachfrage nicht anzieht, da die US-Unternehmen ihre Vorräte ja flexibel und auch entsprechend ihrer Preiserwartungen gestalten.

Aber wenn man sich überlegt, dass die Weltwirtschaft derzeit gerade wieder dabei ist, nach unten abzudrehen und die OPEC immer noch massive Förderkürzungen fährt, wäre das Aufwärtspotenzial der Preise an und für sich limitiert. Hinzu kommt: Würden die Ölpreise wieder deutlicher anziehen, dürfte sich die geschlossene Front der Länder, die diese Förderdisziplin durchhalten, wohl zügig auflösen. Erste Länder würden dann versuchen, ihre monatelangen Einnahmeausfälle bei guten Preisen durch eine umgehende Erhöhung des Outputs aufzuholen. Wobei die Frage offen bleibt, was da ein guter Preis wäre, der ausreicht, um sich Ärger mit der OPEC einzuhandeln. 55 US-Dollar? 60 US-Dollar? Oder doch erst auf höherem Niveau? Als Fazit ließe sich festhalten:

Brent Crude Oil steigt auf aktuellem Kursniveau gegen die Fundamentals, könnte das noch eine Weile durchhalten, muss es aber nicht. Eine sinnvoll Option für bullische Trader wäre derzeit, einfach dem Trend weiter zu folgen, sich aber knapp unter der 20-Tage-Linie, die am Freitag bei 49,12 US-Dollar verlief, abzusichern, die derzeit mit einem Abstand von etwa drei US-Dollar den Leitstrahl dieser Aufwärtsbewegung bildet.

Chart vom 18.12.2020, Kurs 52,10 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Anfang November kehrte am Ölmarkt der Optimismus zurück. Parallel zu den Aktienindizes waren die Kurse der wichtigsten Rohöl-Sorten Ende Oktober gerade auf dem Weg nach unten, als sie Anfang November auf dem Absatz kehrt machten und nach der US-Wahl ebenso wie als Reaktion auf die Meldung über bald verfügbare Impfstoffe deutlich zulegten. Dabei gelang es Ende November, das Zwischenhoch vom August zu überwinden. Aber obgleich es sich um eine wichtige Hürde handelte, geht es seither nur zäh aufwärts. Das hat gleich drei Gründe:

Zunächst haben wir hier das Problem, dass man die Ölsorten zum einen am sogenannten Spotmarkt, zum anderen am Terminmarkt handelt. Am Spotmarkt, wo Rohöl „körperlich“ gehandelt wird, ist der Kurs bereits in die riesige, am 9. März entstandene Abwärts-Kurslücke hineingelaufen und hätte damit aus rein charttechnischer Sicht Aufwärtspotenzial in die Region um 60 US-Dollar. Beim Future, der jeden Monat einen neuen „Frontmonat“ hat, dessen Kursniveau sich von der vorherigen Laufzeit meist unterscheidet, ist das aber noch nicht der Fall. Das sehen Sie hier im Chart, der den aktuellen „Frontmonat“ (d.h. die als nächstes auslaufende Laufzeit) Februar 2021 abbildet. Da ringt der Kurs noch mit der unteren, in dieser Laufzeit bei 50,77 US-Dollar liegenden unteren Begrenzung der Kurslücke und der momentan bei 49,13 US-Dollar verlaufenden 200-Tage-Linie.

Darüber hinaus ist den Tradern natürlich bewusst, dass die immer noch existierenden Fördermengen-Kürzungen auf den Kurs drücken. Denn sollte die Nachfrage deutlich anziehen, würden viele ölproduzierende Länder jedwede Fördermengen- und Preisdisziplin über Bord werfen und fördern, was irgend möglich ist, um sich ein größeres Stück vom Kuchen zu sichern. Immerhin bedeuten die Kürzungen massive Einschnitte vor allem für diejenigen Länder, für die Rohöl eine entscheidende Einnahmequelle ist. Eine anziehende Nachfrage würde somit sofort durch ein womöglich noch weit mehr zunehmendes Angebot beantwortet.

Und zuletzt scheint die Nachfrage derzeit nicht zu-, sondern abzunehmen, denn entgegen der Prognose der Experten (-1,4 Millionen Barrel) sind die Rohöl-Lagerbestände der US-Unternehmen in der vergangenen Woche massiv um 15,19 Millionen US-Barrel angestiegen. Schon in den Wochen zuvor war der im Sommer zu erkennende, markante Rückgang der Lagerbestände fast nicht mehr zu messen, jetzt scheint die Nachfrage deutlich zu schwinden. Also – keine Chance für die Bullen?

Expertenmeinung: Doch, denn dass Brent Crude Oil auf diesen massiven Anstieg der US-Lagerbestände kaum negativ reagierte, zeigt, dass die Trader sehr wohl erkennen, dass diese Zahlen auch umgekehrt interpretiert werden können. Denn dass die US-Lager so deutlich gefüllt wurden, kann auch darauf basieren, dass die US-Unternehmen einen jetzt noch günstigen Preis vermuten und ihre Lager lieber jetzt auffüllen, bevor der Kurs noch weiter steigt. Und da es auch bei Rohöl nie zwingend um die faktische Angebot/Nachfrage-Entwicklung geht, wenn es um die Tendenz im Future geht, kann die Rallye weitergehen und mit der Erwartung einer massiv steigenden Nachfrage im Windschatten einer Normalisierung der Lage im kommenden Jahr argumentativ unterfüttert werden … sobald es gelingt, die oben genannten Charthürden bei 49,13 und 50,77 US-Dollar zu überwinden.

Dass es bei Brent Crude und den US-Ölsorten nicht selten zu absurd wirkenden Bewegungen kommt, wissen die Akteure spätestens seit dem Frühjahr (sofern sie die Jahre 2008/2009 nicht miterlebt haben). Ein Ausbruch nach oben und ein schneller Run Richtung 60 US-Dollar, dem oberen Ende der großen Kurslücke, wäre da glatt noch im Rahmen des Normalen. Schlusskurse über 51 US-Dollar wären dahingehend ein potenzielles Startsignal.

Chart vom 09.12.2020, Kurs 48,80 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Zwischen Ende Juli und Ende Oktober sanken die Rohöl-Lagerbestände der US-Unternehmen spürbar. Trotzdem zog der Ölpreis nicht an. Und das konnte auch nicht überraschen. Denn dass sich die Kurse der wichtigsten Rohöl-Sorten nach ihrem Crash im März und April überhaupt erholten, lag weniger an einer wieder deutlich auf alte Levels anziehenden Nachfrage, sondern an den radikalen Kürzungen der Fördermengen der wichtigsten ölproduzierenden Länder.

Man geht durchaus zu Recht davon aus: Wenn die Nachfrage wieder deutlicher steigt, werden die meisten Förderländer ihre Zusagen über den Haufen werfen und produzieren, was das Zeug hält, um zu versuchen, ein größeres Stück des Kuchens abzubekommen. Schließlich haben die seit Mai geltenden Kürzungen viele Länder empfindlich getroffen. Das heißt: Sobald die Nachfrage ein wenig anzieht, könnte das Angebot überproportional steigen und der Preis dadurch sofort wieder unter Druck geraten.

Und wer sich dieses Aspekts gewärtig ist, wird wohl gar nicht erst versuchen, Rohöl Brent mit viel Kapitalaufwand durch die entscheidende Widerstandszone 47,75/50,65 US-Dollar hindurch zu boxen (der Chart zeigt den derzeitigen „Frontmonat“ im Future, die Laufzeit Januar 2021). Also, ist damit für längere Zeit ein Deckel drauf, die 50 US-Dollar-Zone das Ende der Fahnenstange für die Bullen?

Expertenmeinung: Würde sich der Kurs rein nach der faktischen Angebot/Nachfrage-Situation richten, könnte man das so sehen, aber das ist ja nicht der Fall. Die kurzfristige Spekulation kann auch massiv und längere Zeit gegen die faktische Nachfrage laufen. Und der „Lohn“ eines solchen Ausbruchs nach oben wäre aus charttechnischer Sicht verlockend. Denn würde es tatsächlich gelingen, Brent Crude Oil über die Linie von 50,65 US-Dollar im Januar-Future zu bringen, würde das bedeuten, dass ein „Gap Close“ begänne und die Trader als dessen Kursziel  den Level von 59,80 US-Dollar anpeilen, die obere Begrenzung dieser im März entstandenen, riesigen Kurslücke.

Indes, darauf wetten sollte man eher nicht. Brent Crude Oil hat zwar seit Anfang November in der Spitze über 25 Prozent zugelegt und damit die Erleichterungsrallye als Reaktion auf die US-Wahl und die Meldungen über erste, zulassungsreife Impfstoffe mitgemacht. Aber in Relation zur der Handelsspanne und Volatilität der vergangenen Monate fiel diese Reaktion eben doch eher moderat aus, weil man weiß:

Bis solche Nachrichten sich in einer deutlichen, ausgeweitete Fördermengen überkompensierenden Nachfragesteigerung äußern, werden viele Monate vergehen. Und in dieser Zeit ließe es sich allemal noch, nicht zuletzt mit Blick auf die durch die Rallye überkauften markttechnischen Indikatoren, ein wenig auf Baisse spekulieren. Hier Long zu gehen, würde erst ein taugliches Chance/Risiko-Verhältnis aufweisen, wenn der Ausbruch über 50,65 US-Dollar tatsächlich vollzogen wäre.

Chart vom 18.11.2020, Kurs 44,72 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX