Brent Crude Oil aktuell Brent Crude Oil: Wie viel Spielraum ist hier noch für die Bullen?

News: Aktuelle Analyse des Brent Crude Oil Futures

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Brent Crude Oil
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Ticker: COIL
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Währung: USD

Die Fahrt zur Tankstelle wird immer mehr zum Trauerspiel. Entweder steigt der Rohöl-Kurs oder der US-Dollar, im schlimmsten Fall beides. Der Spritpreis will nicht sinken, obwohl es dafür einige gute Argumente gäbe. Aber die Bullen halten den Kurs oben. Wie lange noch?

Auf den ersten Blick scheint die Veränderung der Rohöl-Lagerbestände der US-Unternehmen ein tadelloses Argument für weiter anziehende Ölpreise zu sein. Seit Ende März geht es fast jede Woche abwärts mit den Beständen, erst gestern wurde ein erneuter Rückgang um 7,17 Millionen Barrel gemeldet. Das wirkt, als gäbe es nicht genug Öl am Markt, weshalb die Unternehmen ihre Reserven angehen müssen. Aber ist das wirklich so?

Angenommen, die Unternehmen würden aufgrund einer Verknappung des Angebots mittelfristig mit weiter steigenden Preisen rechnen, wäre es dann nicht cleverer, das Öl am Markt zu kaufen und die Reserven erst dann zu nutzen, wenn der Kurs bei 80 oder noch mehr US-Dollar pro Barrel läge? Wäre es nicht vielmehr klug, diese Reserven dann zu nutzen, wenn man damit rechnet, sie in ein paar Monaten deutlich billiger wieder auffüllen zu können? Durchaus, denn für letztere Überlegung sprächen derzeit zwei Argumente:

Expertenmeinung: Zum einen fährt die OPEC die Produktion jetzt schrittweise hoch. Gestern wurde bestätigt, was man beim vorherigen OPEC-Treffen avisiert hatte: Bis Dezember wird der Output der OPEC+ (d.h. die OPEC-Länder + Russland) um monatlich 400.000 Barrel steigen. Das ist nicht umwerfend viel, macht aber klar, dass die OPEC langsam die hohen Preise nutzen muss, um von dieser Plattform aus den künstlich zusammengestrichenen Umsatz wiederzubeleben.

Zum anderen wird dieser „Flaschenhals“ der Weltwirtschaft, bei dem eine gegenüber dem Vorjahr deutlich höhere Nachfrage nach Gütern auf begrenzte Produktions- und Transportkapazitäten trifft, irgendwann ja enden. Und wenn man sich die Konjunkturdaten der vergangenen Wochen anschaut, wäre es keineswegs abwegig, dass Produktion und Logistik dann erst einmal vom Gipfel ins Tal rutschen und das Angebot bei Rohöl dadurch wieder die Nachfrage übersteigt. Doch die Frage ist a) wann das passiert und b) wann die Trader bei den Rohöl-Futures wie dem hier abgebildeten Brent Crude Oil-Future darauf reagieren. Denn der Kurs des Ölpreises hängt eben nicht nur von der tatsächlichen Angebots-/Nachfrage-Situation ab, sondern auch von der kurzfristigen Spekulation am Rohstoffmarkt. 

Und noch haben die Bullen nicht aufgegeben, wie der Chart zeigt. Im Juli ebenso wie im August rutschte Brent Crude Oil kurz unter wichtige Unterstützungslinien. Eigentlich hätte man mit Anschlussverkäufen rechnen können, aber die Bullen schlugen sofort zurück und verwandelten beide Verkaufsimpulse in bärenfallen. Wie oft so etwas noch gelingt, man kann nicht vorhersagen. Aber ob es im Gegenzug gelingt, Brent Crude über die kurzfristige Abwärtstrendlinie bei aktuell 72,90 US-Dollar hinaus an und womöglich über das bisherige Jahreshoch von 76,47 US-Dollar im derzeit als „Frontmonat“ dienenden November-Termin des Futures zu heben? Auszuschließen ist das zwar nicht. Aber mit dieser grundsätzlich wackligen Wachstumsperspektive weltweit, verbunden mit der zeitlich begrenzt hohen Nachfrage aufgrund des „Flaschenhalses“, wäre das Risiko nicht zu unterschätzen, wollte man jetzt noch auf Brent-Kurse von 80 US-Dollar und mehr spekulieren.

Brent Crude Oil: Chart vom 01.09.2021, Kurs 71,36 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX
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Vorherige Analysen des Brent Crude Oil Futures

Brent Crude Oil war am Freitag auf den tiefsten Stand seit Mai gefallen und hatte dabei eine Toppbildung vollendet. Doch am Montag sauste der Ölpreis ansatzlos nach oben, die Bären wurden überrannt. Die Argumente der Käufer wirken absurd … aber sie könnten funktionieren.

Brent Crude Oil hatte zum Ende der Vorwoche die letzten Zwischentiefs bei 66,85 und 67,60 US-Dollar recht klar unterboten. Der Weg nach unten wäre erst einmal frei gewesen. Aber bereits im asiatischen Handel am frühen Montagmorgen begann der Ölpreis auf einmal zu steigen und sah zur Eröffnung des Handels in Europa einen weiteren und unmittelbar mit US-Handelsbeginn einen dritten Aufwärtsimpuls. Die Wende nach oben …

… ist das aber nicht, zumindest noch nicht. Denn so wurde der Ausbruch nach unten durch die Rückeroberung der beiden vorgenannten Zwischentiefs zwar zur Bärenfalle. Aber erst, wenn Brent Crude die kurzfristige Abwärtstrendlinie (derzeit bei 69,10 US-Dollar) und, wichtiger noch, die zuvor die Hausse führenden 20-Tage- und 50-Tage-Linien bei aktuell 70,70/70,80 US-Dollar überbietet, würde der jetzt erst einmal nur als kurzfristig neutral einzustufende Kurs aktiv bullisch. Was erst einmal gelingen muss. Aber wenn man sich die Argumentation der Bullen genauer ansieht, wirkt diese zwar eher seltsam, aber da diese Argumentationskette gerade auch den Aktienmarkt höher zieht, könnte ein solcher Rebound, der nach einer Bullenfalle im Eiltempo in ein bullisches Signal übergeht, durchaus gelingen. 

Chart vom 23.08.2021, Kurs 68,81 Euro, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Expertenmeinung: Das Argument lautet: Die von vielen so nicht erwartete Ausweitung der COVID19 Delta-Variante und die damit verbundenen Schwierigkeiten könnte das Wachstum weltweit so weit bremsen, dass die Notenbanken ihr „Tapering“ bleiben lassen müssen, d.h. keine inflationsbekämpfenden Maßnahmen vornehmen, weil ein abflauendes Wachstum die Nachfrage senkt und die Preise deshalb nicht mehr steigen. Und bei einem unter den Erwartungen bleibenden Wachstum würde die OPEC ihre Förderung doch nicht nennenswert ausweiten, dadurch bleibt die Angebotsseite knapp genug, um wieder steigende Ölpreise zu ermöglichen.

Ja, das ist eine mehr als schräge Argumentation, denn erst einmal würde ein abflauendes Wachstum ja die Ölnachfrage senken, genau deswegen und aufgrund der Erwartung, dass die OPEC die Fördermenge trotzdem ausweiten muss, war der Kurs ja zuvor gefallen. Dass man jetzt die Inflation und Notenbanken mit in die Gleichung nimmt, ist nüchtern betrachtet nicht stichhaltig. Denn niemand kann wirklich sicher sein, ob und wie stark das Thema Corona weiter relevant ist, wie die Konsumenten weltweit reagieren und wie sich die Inflation entwickelt, die ja unabhängig von der tatsächlichen Nachfrage stark von der Spekulation am Rohstoffmarkt beeinflusst wird. Aber wenn man bullisch ist, nimmt man solche „Denkmodelle“ natürlich gerne an, schließlich spielen sie einem in die Karten.

Man wettet zudem darauf, dass entsprechende Hinweise von US-Notenbankchef Powell im Zuge der Ende dieser Woche anstehenden Tagung der großen Notenbanken in Jackson Hole kommen. Sollte sich diese Erwartung nicht bestätigen, kann Brent Crude allemal umgehend wieder nach unten abdrehen, daher: Vorsicht vor den Kurssprüngen bis zum Start dieser Notenbankkonferenz, da muss nichts in Stein gemeißelt sein!

Noch leisten die Bullen erbitterten Widerstand. Aber der Umstand, dass sie den Kurs von Brent Crude Oil einfach nicht mehr in Schwung bringen können, dürfte die Verteidiger des Aufwärtstrends jetzt zügig zermürben. Können wir an der Tankstelle bald aufatmen?

Die Benzin- und Dieselpreise lassen die Autofahrer täglich zusammenzucken. Und auch, wenn die für Europa wichtigste Ölsorte Brent Crude Oil derzeit etwa zehn Prozent unter dem bisherigen Jahreshoch von 77,17 US-Dollar notiert (bezogen auf den aktuellen „Frontmonat“ im Future, den Oktober-Termin), hat sich das nahezu gar nicht an der Tankstelle niedergeschlagen. Denn zugleich fiel der Euro zum US-Dollar im Wert, der leichte Rückgang des Ölpreises wurde also durch einen steigenden US-Dollar teilweise kompensiert. Wann hört dieser Spuk auf?

Die ganz aktuellen Argumente für etwas nachgebende Ölpreise sind nicht allzu nachhaltig. Erneute, coronabedingte Einschränkungen in China und Japan, das kippt den Trend nicht, das reduziert die Nachfrage wenn überhaupt, dann minimal. Da ist die OPEC schon ein weitaus relevanteres Terrain. Wenn man dort und in Russland die Fördermenge hochfahren würde, könnte das die Bullen am Ölmarkt zur Kapitulation zwingen. Aber was tut sich da?

Expertenmeinung: Nichts, zumindest bislang. Erst am Montag hatte die OPEC auf die Aufforderung der USA, das Angebot zu erhöhen, ablehnend reagiert. Gut, kein Wunder, denn die USA sind ja eigentlich der größte Ölproduzent. Dieser alte Trick, hohe Ölpreise immer der OPEC in die Schuhe zu schieben und selbst die Förderung nicht anders zu handhaben, zieht unter den Tradern nicht mehr. Aber davon abgesehen ist man innerhalb der OPEC völlig uneins, wie man mit den Fördermengen weiter verfahren soll. Nur kann das eigentlich nicht mehr lange so weitergehen, denn:

Was, wenn der Wachstumsschub, der nach der heißen Phase der Lockdowns losgetreten wurde, vorüber ist, wofür sich die ersten Anzeichen ja bereits zeigen? Wenn man sich da verzockt, indem man das Angebot, als man mehr hätte absetzen können, zu niedrig hielt und erst dann die Förderung hochfährt, wenn die Nachfrage nachlässt, sind vor allem diejenigen OPEC-Staaten übel dran, für die Rohöl die Haupteinnahmequelle darstellt. Daher wird man mittelfristig nicht darum herumkommen zu handeln. Und das ist den Tradern sehr wohl bewusst, wie man im Chartbild sieht.

Der Aufwärtstrend hat sein Momentum eingebüßt, die zuvor monatelang als Leitstrahl fungierenden gleitenden Durchschnitte der letzten 20 und 50 Börsentage sind unterboten. Man hält sich bislang noch mühsam über dem Level des Juni-Verlaufstiefs bei 66,85 US-Dollar. Aber sollte diese Marke fallen und dadurch ein kleines Topp vollendet werden, wäre es keine große Überraschung, wenn die Verteidigung der Bullen in sich zusammenfallen und Brent Crude Oil die übergeordnete Aufwärtstrendlinie bei derzeit 56 US-Dollar testen würde.

Brent Crude Oil: Chart vom 17.08.2021, Kurs 69,31 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Seit elf Wochen fallen die US-Rohöl-Lagerbestände ununterbrochen. Wäre das die alleinige Indikation für die Trendrichtung der Ölpreise, müssten die rasant weiter steigen. Aber es gibt noch weitere und wichtigere Orientierungspunkte für die Trader. Und die sind nicht bullisch.

Deutlich fallende Lagerbestände kann man immer auf zwei Arten interpretieren. Man kann unterstellen, dass dadurch eine deutlich steigende Nachfrage belegt wird. Aber es ist ebenso möglich, dass die US-Unternehmen, deren Lagerbestand bei dieser Erhebung gemessen wird, ganz bewusst weniger am Markt kaufen und erst einmal ihre Lager nutzen, weil sie darauf setzen, dass sie diese Bestände bald zu billigeren Kursen am Markt werden auffüllen können. Und sollte man letztere Strategie fahren, hätte man dafür gute Argumente.

Kurzfristig hat das bullische Lager neue Nahrung bekommen, indem die OPEC+ („+“ bedeutet mit Russland) nicht imstande waren, sich im Zuge ihres letzten Treffens auf eine höhere Fördermenge zu einigen. Da ringen vor allem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate miteinander. Es geht um die Frage, wie man mehr fördern und zugleich sicherstellen kann, dass der aktuelle Preislevel erhalten bleibt, der, Sie sehen es im Chart, wieder dem Niveau entspricht, das Brent Crude Oil vor dem Corona-Baisse-Schub im Februar 2020 sah. Und es ist zutreffend, wenn die IEA (International Energy Agency) betont, dass der Ölmarkt eng werden, sollte OPEC+ nicht mehr fördern. Aber:

Expertenmeinung: Die OPEC+ kann es nicht bei dieser Situation belassen, denn so beißt sich die Katze in den Schwanz. Hohe Preise lassen sich zwar durch eine künstliche Verknappung halten, aber die Fördermenge wurde im Mai 2020 nahezu halbiert und seither nur geringfügig wieder hochgefahren. Hohe Kurse zum Preis von massiv niedrigeren Umsätzen bringen wenig, zumal man fürchten muss, dass mehrere OPEC-Mitglieder dieses Spiel nicht auf Dauer mitmachen, weil Rohöl für sie eine lebenswichtige Einnahmequelle ist.

Es muss und wird also zu einer Ausweitung der Fördermenge kommen. Gestern dementierten die Vereinigten Arabischen Emirate zwar, dass ein Kompromiss bei der Fördermengen-Ausweitung erzielt worden sei. Aber das indiziert immerhin, dass weiter diskutiert wird. Hinzu kommt, dass die Nachfrage zwar kurzfristig durch den bekannten „Flaschenhals“ bei der weltweiten Produktion befeuert wird. Aber kann man wirklich darauf wetten, dass das Wachstum so hoch und stabil bleibt, dass die Preise auch bei einem höheren Angebot stabil bleiben, nachdem Brent Crude Oil jetzt bereits wieder auf Vorkrisen-Niveau notiert?

Es scheint, dass sich einige Trader diese Fragen stellen und beginnen, ihre Long-Bestände abzubauen, denn weder das Scheitern der OPEC+-Verhandlungen noch die gestern zum elften Mal in Folge gefallenen US-Lagerbestände lösten kräftige Kursgewinne aus. Wäre der Aufwärtstrend noch „gesund“, hätte man das erwarten dürfen. Aber man sollte sich hüten, vor einem Trendbruch auf die Short-Seite zu switchen. Rohstoff-Trader sind hartnäckig, was das Aufrechterhalten von Trends angeht. Erst, wenn Brent Crude Oil die den Trend führenden 20-Tage- und 50-Tage-Linien sowie die markante Supportlinie bei 69,45 US-Dollar (bezogen auf den aktuellen Futures-Frontmonat September) gebrochen hat, wäre der Weg nach unten aus charttechnischer Sicht frei – der dann indes durchaus bis an die übergeordnete Aufwärtstrendlinie bei derzeit 54 US-Dollar führen könnte.

Chart vom 14.07.2021, Kurs 74,75 US-Dollar , Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Die OPEC hat ein Problem: Sie findet keinen gemeinsamen Nenner, was die Rückkehr zu früheren Rohöl-Fördermengen angeht. Die Verhandlungen wurden zuerst verlängert und dann ergebnislos abgebrochen. Kippt die Uneinigkeit die Hausse – oder geht es jetzt erst richtig los?

Ausgerechnet die beiden Platzhirsche, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), waren sich am Wochenende beim jüngsten OPEC-Treffen in die Haare geraten. Der Streitpunkt ist die Frage, wie man sicherstellen kann, dass der Preis für ein Barrel Rohöl stabil um 70 US-Dollar bleibt, auch, wenn man die im Mai 2020 radikal zurückgefahrene Fördermenge weiter hochfährt. Bislang hatte man die Produktion nur geringfügig erweitert. Die VAE wollten jetzt eine Ausweitung um mindestens zwei Millionen Barrel täglich ab August, Saudi-Arabien weniger.

Dabei erklärten die Analysten von Goldman Sachs erst gestern, dass es einer weltweiten Ausweitung der Förderung um fünf Millionen Barrel pro Tag bedürfe, um zu verhindern, dass es zu Engpässen in den Lagerbeständen kommt. Russland, eng mit der OPEC verbunden, hält sich momentan heraus, die USA versuchen, zwischen Saudi-Arabien und den VAE zu vermitteln. Was könnte jetzt passieren? Wie sähe das Szenario für wichtige Ölsorten wie Brent Crude Oil aus, dass den Abriss durch den Corona-Crash längst aufgeholt hat und damit auf Vorkrisen-Niveau notiert?

Brent Crude Oil: Tages-Chart vom 06.07.2021, Kurs 74,53 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Es wäre nicht einmal nötig, dass die Befürchtung der USA und von Analysten wie Goldman Sachs eintreffen wird, dass das Angebot im Fall unveränderter Fördermengen zu gering wird, um die Kurse durch diesen Rosenkrieg innerhalb der OPEC massiv höher zu treiben. Der Ölpreis wird mehr durch Spekulation am Terminmarkt bestimmt als durch die tatsächliche Nachfrage. Und sollten die Trader den Eindruck bekommen, dass die Versorgung auf Sicht zu mager würde, könnten sie Brent Crude Oil und die anderen wichtigen Ölsorten schon im Vorfeld massiv höher treiben.

Genau das fürchten die VAE und wollen daher eine größere Ausweitung der Förderung. Denn dort geht man davon aus, dass die Freude über kurzfristig höhere Gewinne durch Ölpreise von 80, 90 oder mehr US-Dollar pro Barrel dann schnell der Ernüchterung weichen würde, weil solche Übertreibungen oft in einem plötzlichen, weitreichenden Selloff münden … und man am Ende für weniger verkaufen müsste als heute. Aber wer wird sich durchsetzen? Ob die US-Vermittlung Früchte trägt und worauf man sich dann einigt – vorhersagbar ist das nicht.

Am Dienstag setzten die Trader offenkundig darauf, dass sich die Fraktion derer, die die Fördermenge hochfahren will, durchsetzt: Brent Crude Oil gab relativ deutlich nach, seit Mai gab es keinen vergleichbar schwachen Tag. Aber Sie sehen auch: Das ist bislang noch nicht entscheidend.

Brent Crude fiel dadurch zwar wieder unter das zuvor knapp überbotene Hoch vom Februar 2020 bei 75,66 US-Dollar zurück (die Kurse zeigen den aktuellen „Frontmonat“ im Future, die September-Laufzeit). Aber der Trigger, der fallen muss, um hier über einen Short-Trade nachzudenken, liegt tiefer, bei 69,45 US-Dollar. Würde Brent Crude Oil unterhalb dieses Levels schließen, hieße das, dass die Zwischenhochs vom März und Mai ebenso unterboten wären wie die monatelangen Leitlinien der Hausse in Form der 20-Tage- und der 50-Tage-Linie. Und die Long-Seite?

Brent Crude Oil: Wochen-Chart vom 06.07.2021, Kurs 74,53 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Normalerweise wäre man ja, würde man hier aktiv im Markt agieren, ohnehin bereits Long. So gesehen ginge es da nur um eventuelle Zukäufe. Dahingehend ließe sich vermuten, dass ein eingangs erwähnter Hausse-Exzess dann losgetreten würde, wenn sich herausstellen sollte, dass die OPEC tatsächlich über die kommenden Monate keine Erweiterung der Produktion vornehmen wird. Es würde den Tradern aber womöglich schon reichen, wenn das gestrige Tages- und zugleich Jahres-Verlaufshoch von 77,84 US-Dollar überboten würde. Aber:

Die Gefahr, dass sich dann eine Fahnenstange bildet, die schlagartig zu einem nicht vorhersehbaren Zeitpunkt in sich zusammenbricht, wäre dann nicht zu unterschätzen. Long-Positionen auszubauen wäre daher nur mit einer rigiden Stop Loss-Absicherung und einer gezielt hohen Risikobereitschaft zu erwägen.

An den Tankstellen ist das Wehklagen nicht zu überhören. Und man fragt sich, wie es zu derart hohen Benzinpreisen kommen kann, Steuererhöhung hin oder her, wenn es eigentlich genug Angebot an Rohöl gibt. Aber die OPEC und die Bullen arbeiten da derzeit Hand in Hand.

Momentan ist die Nachfrage nach Rohöl ja sowieso recht hoch, basierend auf dem „Flaschenhals“ bei der weltweiten Güterproduktion nach den Lockdown-Phasen. Es wird ungewöhnlich viel produziert und transportiert, zugleich kann man derzeit wieder mehr reisen als um diese Zeit im Vorjahr. Aber eigentlich müsste der Ölpreis ja auch die Zukunft einpreisen. Und dann wäre er eigentlich zu hoch, denn:

Wenn dieser „Flaschenhals“ überwunden ist, wird der Energiebedarf entsprechend zurückgehen. Und die OPEC ebenso wie Russland haben ja noch eine immense Fördermengenkürzung „übrig“, denn seit man im Mai 2020 beschlossen hatte, die Förderung radikal zurückzufahren, kam es bislang nur zu zögerlichen Ausweitungen der Produktion. Diese beiden Aspekte zusammengenommen müssten zu einem möglicherweise sogar radikal fallenden Ölpreis führen. Aber der Kurs von Brent Crude Oil sieht ganz und gar nicht so aus, als wolle er in Kürze nach unten abdrehen. Warum?

Expertenmeinung: Die tatsächliche Situation bei Angebot und Nachfrage kann eine wichtige Rolle bei der Preisbildung an der Börse spielen, muss es aber nicht. Letztlich zählt, was den Börsenkurs angeht, die Angebots-/Nachfrage-Situation auf der Long- und Short-Seite des Brent Crude Oil-Futures, sprich die Trader haben entscheidenden Einfluss auf den Preis. Das kann man höchst unerfreulich finden, aber seit es 2007 bis 2009 zu den bislang verrücktesten Kapriolen bei den Energie- und Nahrungsmittel-Preisen kam, sind einige Versuche gescheitert, diese Preise von der Spekulation loszukoppeln. Die Trader machen den Trend … und gerade bei den Commodities, sprich Rohstoffen, sind die Spekulanten dafür bekannt, laufende Trends bis zum Exzess auszureizen.

Daher käme man hier mit einem „müsste eigentlich“ nicht weit. Hier gilt es, absolut pragmatisch dem Trend und den chart- und markttechnischen Indikationen zu folgen, wenn man effektiv agieren will. Was für die aktuelle Lage heißt: Brent Crude Oil läuft weiter in einem intakten Aufwärtstrend. Nach dem Break über die Widerstandslinie um 69,50 US-Dollar hat der Kurs jetzt den Level des Prä Corona-Crash-Hochs von 75,66 US-Dollar erreicht, immer bezogen auf den aktuellen „Frontmonat“ September im Brent Crude Oil Future, das ist die Laufzeit, die als nächstes abgerechnet wird.

Sollte Brent Crude diese Hürde auch noch überwinden und damit bereits das zweite mittelfristige Kursziel nehmen, wäre es keineswegs ausgeschlossen, dass auch noch das letzte, dritte Kursziel erreicht wird. Das wäre das 2020er-Verlaufshoch, das im Januar bei 89,35 US-Dollar markiert wurde. Das wäre für die Wachstumsperspektive und natürlich fatal, denn das würde die Kosten für Verbraucher und Unternehmen empfindlich erhöhen. Aber solange die Bullen hier stur „ihren Stiefel traden“, ist nach oben nichts unmöglich. Um diesem Hausse-Spuk ein Ende zu bereiten, müsste Brent Crude Oil wieder unter Kursziel 1, sprich unter 69,50 US-Dollar fallen. Was jederzeit möglich wäre, aber solange es nicht Fakt ist, sollte man von der Short-Seite besser Abstand nehmen.

Brent Crude Oil: Chart vom 29.06.2021, Kurs 75,02 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX