Nach wie vor ist das Kurs-/Gewinn-Verhältnis – kurz KGV – ein wichtiger Indikator, um einzuschätzen, ob eine Aktie noch kaufenswert sein könnte oder bereits zu teuer ist. Aber es gibt mehrere Aspekte, die man kennen muss, um dieses Tool richtig einzusetzen.
Eine Aktie hat ein niedriges KGV – also ist sie „billig“ und automatisch ein Kandidat für den Einstieg? So einfach ist das … nun auch wieder nicht. Manchmal ist ein niedriger KGV-Level trotzdem zu teuer, manchmal ein hohes KGV kein Grund zur Sorge. Das kommt auf mehrere Faktoren an:
Auf die Branche, zu der eine Aktie gehört … auf das aktuelle und prognostizierte Gewinnwachstum … darauf, welche Gewinne genau für die Berechnung verwendet werden … und zudem ist auch wichtig, ob Sondereinflüsse dieses Kurs-/Gewinn-Verhältnis kurzzeitig verzerren oder nicht. Gehen wir das der Reihe nach durch, zunächst aber, wie es sich gehört, die Definition:
Was genau sagt das KGV aus?
Das Kurs/Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, ist eine Messgröße, die sich aus dem Kurs geteilt durch den Gewinn pro Aktie ergibt. Sie zeigt also an, wie oft man den Gewinn eines Jahres, den das Unternehmen pro Aktie erzielt hat, beim Kauf der Aktien bezahlt. Ähnliche Orientierungen wären das Kurs-/Umsatzverhältnis, das Kurs-/Buchwert-Verhältnis oder die Dividendenrendite. Aber wieso soll das ein Argument sein, eine Aktie zu kaufen oder nicht?
Eine zwingende Messgröße ist nichts von alledem. Denn nichts hindert die Marktteilnehmer, eine vom KGV her eigentlich günstige Aktie trotzdem nicht zu kaufen oder z. B. bei Aktien zuzugreifen, deren Dividendenrendite eigentlich jämmerlich wäre. Oder beispielsweise zu kaufen, obwohl die Aktien viel zu weit über dem Buchwert des Unternehmens liegen. All diese Messgrößen sind Orientierungshilfen und keine unfehlbaren Wegweiser. Was aber für alle Indikationen an den Börsen gilt, auch für die Charttechnik oder die Markttechnik. Denn an der Börse gilt, auch, wenn einem das in Sachen Planungssicherheit nicht gerade zupasskommt: alles kann, aber nichts muss!
Aber gerade weil an der Börse nichts absolut ist, niemand sicher weiß, was übermorgen sein könnte und somit in Sachen „Entscheidungen unter Unsicherheit“ alle im selben Boot sitzen, werden solche Orientierungshilfen umfassend genutzt. Und einige, wie das KGV, wandern in den Werkzeugkasten der Standard-Tools, ebenso wie die Richtwerte, an denen man sich bei dieser Indikation orientieren kann. Denn hier ist „billig“ und „teuer“ immer relativ!
Auf die Branche kommt es an!
Bisweilen liest man, dass der DAX eine Menge Aufwärtspotenzial habe, weil sein KGV (das bei Indizes aus dem KGV-Schnitt der in ihm enthaltenen Einzelwerte ermittelt wird) viel „billiger“ sei als das des Dow Jones. Was nominal stimmt, faktisch aber in die Irre führt. Denn ob ein Index vom KGV her günstig oder teuer ist, hängt immer davon ab, wie stark bestimmte Branchen in ihm gewichtet sind.

Einige Branchen haben üblicherweise ein höheres KGV als andere. Das hängt davon ab, ob eine Branche stark wächst und man hier von einem mittel- und langfristigen Wachstumsmarkt sprechen kann. Hinzu kommt die Konjunkturabhängigkeit. Wenn es sich um eine Branche handelt, die sehr stark von konjunkturellen Schwankungen beeinflusst wird, setzt man ein faires KGV eher niedriger an als bei Branchen, die zwar auch stark zulegen, aber vom Auf und Ab der Konjunktur weniger betroffen sind.
Als Beispiele könnte man hier in Bezug auf eher hohe KGVs die Unternehmen nennen, die im Bereich Hardware und Halbeiter eng mit dem Thema KI verbunden sind. Niedrige KGVs finden sich vor allem bei Branchen wie Automobile, Finanzen oder Versorger. Hier sind die Wachstumsraten beim Gewinn gemeinhin nicht mehr so dynamisch, daher sieht man „faire“ KGVs hier niedriger. Bei den Autobauern liegen diese in der Regel unter zehn, meist sogar deutlich darunter, während KI-verbundene Chiphersteller durchaus KGVs von 50 und mehr haben können.
Da im DAX derzeit besonders viele Autobauer, Finanzwerte und Versorger enthalten sind, ist sein KGV niedriger als das des Dow Jones, wo wir mehr Technologietitel finden. Ein direkter Vergleich der KGVs von DAX und Dow Jones ist daher nicht zielführend, man würde schlicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Der Blick nach vorne spielt eine entscheidende Rolle
Dabei sind die Gewinne pro Aktie der Vergangenheit kein Faktor für das KGV. Man will ja wissen, ob eine Aktie unter den heutigen Bedingungen günstig oder teuer wäre … und ob sie es womöglich in einem Jahr auch noch ist. Daher ist der Blick nach vorne der, auf den es ankommt. Konkret heißt das:
Von der individuellen Branche, in der eine Aktie einzuordnen ist abgesehen, ist die Prognose zukünftiger Gewinne eine entscheidende Größe für die Beurteilung von „billig“ oder „teuer“. Je dynamischer die Gewinnentwicklung erwartet wird, desto höher „darf“ das KGV sein. Dabei gilt als grobe Faustregel:
Das KGV darf doppelt so hoch sein wie der Schnitt der prozentualen Steigerung des Gewinns pro Aktie im laufenden sowie in den kommenden zwei Geschäftsjahren. Beispiel: Liegt die Prognose für den Gewinn pro Aktie eines Unternehmens für das laufende und die zwei kommenden Jahre bei durchschnittlich 20 Prozent, wäre ein KGV von 40 ein normaler, allgemein akzeptierter Wert.
Das klingt nach einer überschaubaren Sache, aber Vorsicht, wenn es um die Frage geht, wo eine Aktie oder ein Index vom KGV her jetzt steht, was ja für die Beurteilung entscheidend ist, ob von dieser Bewertungskennziffer her noch Luft für den Kurs nach oben wäre oder nicht. Da kann man leicht in die Falle laufen, denn:
Vorsicht Falle: Welche Gewinne werden für das KGV verwendet?
Selten wird, wenn ein KGV genannt wird, explizit darauf hingewiesen, auf welchem Gewinn diese Berechnung basiert. Wieso „welcher Gewinn“, würde man natürlich fragen, aber so absurd es klingt (und ist): Oft wird, wenn jemand eine Aktie über den grünen Klee lobt und ihr niedriges KGV preist, nicht der Gewinn des letzten abgeschlossenen Geschäftsjahres als Basis verwendet, auch nicht der der letzten vier Quartale oder die durchschnittliche Analystenschätzung für das gerade laufende Geschäftsjahr, nein:
Da werden die Gewinnprognosen für das kommende Jahr benutzt. Natürlich nur, wenn man zugleich unterstellt, dass dieser Gewinn deutlich höher ist als der aktuelle – denn dann ist das KGV natürlich erfreulich niedrig. Das ist eine massive Verzerrung, daher: Schauen Sie genau hin, welche Gewinne für irgendwelche Kaufargumente für eine Aktie ins KGV einfließen … und wenn das nicht zu erkennen ist, suchen Sie sich Vergleiche. Wenn die gängigen Internetseiten für diese Aktie deutlich höhere KGVs ausweisen (dort nimmt man immer entweder den geschätzten Gewinn des laufenden Jahres oder den der letzten vier Quartale), ist Vorsicht geboten!
Veränderungen & Verzerrungen: Was heute billig ist, kann morgen teuer sein – und umgekehrt
Apropos Verzerrungen: Abrupte Veränderungen der konjunkturellen Lage wie Rezessionen verzerren das KGV oft extrem, wie der folgende Chart zeigt. Zunächst wirkt das KGV günstiger, weil für seine Berechnung ja die Gewinne der unmittelbaren Vergangenheit oder die bisherige Schätzung des laufenden Jahres verwendet werden. Die Kurse aber reagieren auf aktuelle Veränderungen – und diese Veränderungen können sich erst in den Quartals- und Jahresbilanzen kommender Monate niederschlagen und eben erst dann auch ins KGV einfließen.
Danach aber geht es in Sachen Verzerrung bisweilen dramatisch nach oben. Denn vor allem die Gewinne konjunktursensibler Unternehmen wie z. B. Chiphersteller oder Autobauer können in einer Rezessionsphase ganz schnell mal 50 oder mehr Prozent wegbrechen, während die entsprechenden Aktienkurse „nur“ 20 oder 30 Prozent fallen. Das rechnerische Ergebnis: ein deutlich höheres KGV bei den einzelnen Aktien und, in der Folge, auch bei den Indizes.

In solchen Sondersituationen verliert das KGV seinen Wert als Indikation für ein „billig“ oder „teuer“, weil ein KGV von 100 dann eben nicht bedeuten muss, dass sich der Kurs der Aktie in Kürze halbieren müsste, es kommt darauf an, wann und wie stark die Unternehmensgewinne wieder anziehen … und dazu braucht es dann als Entscheidungshilfe für die Anleger eine regelmäßig aktualisierte Auswertung der Gesamtsituation.
Ein anderer Aspekt, den man im Hinterkopf haben sollte, ist die jederzeit mögliche Veränderung der Branchenperspektive oder denkbare Sondersituationen. Wenn eine Branche, die jahrelang nur wenig Wachstum zeigt und die dazugehörigen Aktien deshalb eher niedrige KGVs auswiesen, plötzlich neue Dynamik erfährt – aktuell beispielsweise der KI-Bereich oder der Verteidigungssektor – sind deutlich steigende Kurse deswegen bis zu einem bestimmten Punkt unterfüttert, weil sich die Erwartungen an das Gewinnwachstum erhöht haben. Auch innerhalb einer Branche können einzelne Unternehmen erheblich andere Gewinnperspektiven haben als der Rest, z.B. galt das für Tesla in der Boomphase der Elektrofahrzeuge.
Aber wie in Bezug auf KGVs auf Basis von Gewinnprognosen kommender Jahre gilt auch hier: Erwartungen taugen nun einmal nicht als verlässliche Messgröße, daher muss man in solchen Fällen immer mit besonderer Vorsicht agieren. Denn bisweilen stellt man irgendwann fest, dass allgemein erhoffte, gewaltige Gewinnsteigerungen in der Realität deutlich weniger drastisch ausfallen und die vorweg eingepreiste Bewertung dadurch zu hoch war.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.03.2026 um 23:31 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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