Euro Stoxx 50: Punktsieg für die Bullen – aber noch sind sie nicht „durch“!

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EURO STOXX 50
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Zur EURO STOXX 50

Die wichtige 200-Tage-Linie des Euro Stoxx 50 fiel am Dienstag nur knapp. Knapp genug, das bullische Lager zu ermutigen, diese Linie aktiv zu verteidigen. Und das gelang am Dienstag eindrucksvoll. Ist der Rücksetzer damit ausgestanden?

Dass eine derart wichtige, von so vielen Anlegern beachtete Unterstützung wie die 200-Tage-Linie nicht im ersten Anlauf signifikant durchbrochen wird, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und die Käuferseite hatte am Mittwoch einen Vorteil. Denn normalerweise fließt das meiste Geld in Fonds und ETFs zur Monatswende, weil da die regelmäßigen Überweisungen aus Sparplänen anstehen. Und da ist es nicht überraschend, dass die Fondsmanager und Verwalter von ETFs dieses frische Kapital umgehend in den Markt geben. Immerhin hängt ihr Erfolg davon ab, dass diese Hausse weitergeht. So traf eine entscheidende Unterstützungslinie auf große Adressen, die genau zum richtigen Zeitpunkt über frisches Kapital verfügten – das Ergebnis sehen Sie in den Charts.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 01.12.2021, Kurs 4.179,15 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Aber dieser Gegenangriff der Bullen mag charttechnisch eine gute Basis haben, die Frage steht dennoch im Raum, ob das alleine ausreicht, um sich gegen die negative Gesamtsituation zu stemmen. Gegen diese Kombination aus der Sorge vor neuen Lockdowns, einer bislang ungebremsten Inflation, Lieferproblemen, deren Ende sich nicht abzeichnet und nervösen Verbrauchern. Eine wichtige Unterstützung zu verteidigen, das zeigt zwar, dass die Bullen bereit sind, sich gegen dieses negative Umfeld zu stemmen. Aber das reicht nicht als Beweis, dass die am Ende auch erfolgreich sein werden. Was dann?

Den aktuellen Kurs und Chart des EURO STOXX 50 sowie Kursinformationen und alle Aktien des Index finden Sie hier.

Expetenmeinung: Die Käufe müssten den Euro Stoxx 50 auch dort durchbringen, wo aktiver Widerstand des bärischen Lagers zu erwarten wäre. Da der Bruch der 200-Tage-Linie am Dienstag noch keineswegs signifikant war, war eher nicht damit zu rechnen, dass die Short-Seller versuchen würden, den Index dort direkt nach unten durchzudrücken. Nicht, nachdem der bullische Gegenangriff bereits am frühen Morgen mit einem Sprung im Euro Stoxx 50 Future begonnen hatte, so dass man bereits oberhalb dieser Linie in den Handel ging. Aber im Bereich der markanten Widerstandszone 4.242/4.253 Punkte dürfte das anders aussehen.

Solange sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, wäre damit zu rechnen, dass die Bären spätestens dort erneut Druck ausüben. An der 200-Tage-Linie dürfte man sogar noch Schützenhilfe von einigen Short-Sellern bekommen haben, die ihre Trades dort erst einmal eingedeckt und den Gewinn mitgenommen haben. Aber dort oben, auf Höhe der Hochs vom August und September, gälte es, sich durch dort liegende Verkaufsorders durchzubeißen.

Wenn das gelingen würde, ließe sich in der Tat vermuten, dass die Sache zu Gunsten der Bullen entschieden ist. Aber bis dahin ist diese Sache noch völlig offen. Die Wall Street, wo es anfangs noch nach einem ungefährdeten Start/Ziel-Sieg der Bullen aussah, dann aber scheinbar aus heiterem Himmel Druck aufkam, unterstreicht schon, dass man das Fell der Bären besser nicht verkaufen sollte, bevor sie wirklich erlegt sind!

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 01.12.2021, Kurs 4.179,15 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX
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Die Candlestick-Formation der „three black crows“ taucht eher selten auf. Aber wenn sie entsteht, droht Gefahr. Ein schwacher Dienstag und ein schwacher Mittwoch waren die ersten Folgen … dann aber hielt bei Euro Stoxx 50 ein Schlüssel-Support. Ist die Gefahr vorbei?

Drei rote Kerzen nach einer längeren Aufwärtsbewegung, bei denen die Eröffnung jeweils etwas oberhalb des Vortages-Schlusskurses liegt, deren Schlusskurs aber immer unter dem Vortag zu finden ist, das sind die „drei schwarzen Krähen“ (nicht, dass Krähen bisweilen auch mal gelb oder weiß wären, aber sie heißt nun einmal so). Diese Formation zeigt, dass den Bullen die Puste ausgeht. Dass die Eröffnung jeweils über dem Vortages-Schluss liegt indiziert, dass Gegenwehr versucht wird, die Schlusskurse unter dem jeweiligen Vortag hingegen unterstreichen, dass sie zu schwach ist, um den Abgabedruck aufzuhalten. Diese drei Krähen entstanden am vergangenen Donnerstag, Freitag sowie am Montag dieser Woche. Und sie haben ihre befürchtete Auswirkung bereits abgeliefert:

Der Abgabedruck intensivierte sich. Der Euro Stoxx 50 startete am Dienstag mit einer größeren Abwärts-Kurslücke. Am Mittwoch gingen die Verkäufe weiter. Aber gestern gelang es, den europäischen Leitindex relativ deutlich von seinem Tagestief zu lösen. Ein gutes Zeichen für das bullische Lager, vor allem, weil das Tagestief und damit der Beginn der Gegenwehr nicht im charttechnischen Niemandsland lagen, sondern genau auf Höhe einer wichtigen Unterstützungszone, den Hochs der Monate August und September im Bereich 4.242/4.253 Punkte. Aber ist die Gefahr damit schon vorbei?

Expertenmeinung: Sie könnte es sein … wenn die Käufer jetzt umgehend dranbleiben. Sie könnte es auch deswegen sein, weil Formationen in der Candlestick-Lehre normalerweise, wenn man das Regelwerk genauer betrachtet, keine Wende zementieren, sondern jeweils nur eine Reichweite von drei bis fünf Tagen haben (bzw. Wochen oder Monaten, wenn die Formation auch auf Wochen- oder Monatsbasis entstanden ist). Die „three black crows“ hätten also ihre Wirkung bereits entfaltet. Aber die Leistung, die Supportzone 4.242/4.253 Punkte erst einmal verteidigt zu haben, ist zugleich auch die Achillesferse der Bullen.

Wochenchart vom 24.11.2021, Kurs 4.276,25 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Denn diejenige Klientel, die in den vergangenen Tagen nicht einfach nur ausgestiegen, sondern gezielt Short gegangen und damit an weiter fallenden Kursen interessiert ist, weiß:

Angenommen, es gelänge, diese Zone in einem zweiten Anlauf erneut zu touchieren – und das idealerweise umgehend – dürfte die Zahl derer, die dann selbst aktiv mit ihrem Kapital antreten, um den Bruch der Zone zu verhindern, definitiv kleiner sein als gestern. Denn wer sieht, dass die Käufe keinen unmittelbar positiven Effekt in Form von Anschlusskäufen gezeitigt haben, tut sich schwerer, sofort erneut Kapital nachzuschießen.

Die Käuferseite müsste also dranbleiben und einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu dieser gehaltenen Unterstützung schaffen. Ideal wäre es, wenn der Euro Stoxx 50 dabei das Dienstags-Minus eliminiert und wieder über der 20-Tage-Linie schließt, was mit Schlusskursen über 4.340 Punkten gelungen wäre. Geht das schief oder rutscht der Index direkt durch die Zone 4.242/4.253 Punkte, würden die „drei schwarzen Krähen“ weiter wüten.

Tageschart vom 24.11.2021, Kurs 4.276,25 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Knapp vier Prozent fehlten gestern zum Tageshoch, dann hätte der Euro Stoxx 50 die uralte Rekordmarke von 4.573 Punkten erreicht, die im Jahr 2007 markiert wurde. Flaschenhals, China, Inflation, Gewinnwarnungen: bislang hält nichts die Bullen auf. Aber bleibt das so?

Der Blick auf den Chart auf Monatsbasis zeigt, dass der Euro Stoxx 50 einiges nachzuholen hätte. Dass der DAX schon 2013 über das alte Hoch von 2007 stieg, liegt zwar auch daran, dass der Euro Stoxx 50 als Kursindex dargestellt wird, während man den DAX nahezu immer als Performanceindex zeigt, in den Dividenden wie Kursgewinne gerechnet und reinvestiert werden, was über einen längeren Zeitraum immens viel ausmacht. Aber auch als Kursindex hätte der DAX das Hoch vor dem Platzen der Subprime-Blase 2007 bereits im Jahr 2015 überboten. Der europäische Leitindex hingegen muss diese „letzte Hürde“ erst noch nehmen. Und je näher sie kommt, desto höher ist ihre Magnetwirkung auf die Trader. Die Frage ist:

Wie lange können die Bullen die immer problematischer werdenden Rahmenbedingungen ignorieren und/oder die Verkäufe derjenigen abarbeiten und den Index trotzdem höher tragen, die nicht der Ansicht sind, dass der Euro Stoxx 50 diese letzte Grenze von 4.573 Punkten nehmen und, vor allem, dann noch weiterlaufen müsste? Falls zu viele dieses alte Rekordhoch nicht als Etappe, sondern als Ziel ansehen, müsste man darauf gefasst sein, dass das Volumen der Verkaufsorders bereits etwas unterhalb dieser Marke zunimmt … und zu hoch werden kann. Aber muss das den Index bremsen und im schlimmsten Fall den Trend kippen?

Monatchart vom 18.11.2021, Kurs 4.383,70 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Expertenmeinung: Das kann es, das muss es aber nicht. Denn man darf nicht übersehen, dass die Käufer die sukzessiv unerfreulicher werdende Gesamtsituation schon seit Monaten ausblenden und damit bislang nie auf nennenswerte Gegenwehr gestoßen sind. Das führt dazu, dass aus charttechnischer Sicht bislang alles passt. Und ein intakter Aufwärtstrend auf kurz- ebenso wie auf langfristiger Ebene wiegt für viele schwerer als Risiken, die bislang noch nicht bewiesen haben, dass sie imstande wären, die Hausse zu stoppen. Aber:

Klar ist dennoch, dass der Weg nach oben mit jedem Prozentpunkt, den der Euro Stoxx 50 zulegt, die Rahmenbedingungen aber zugleich kritischer werden, gefährlicher wird. Dabei muss man sich entsprechend des eigenen Trading-Zeithorizonts und Risikobereitschaft überlegen, wie hoch man die eigene „Signalempfindlichkeit“ einstellen will. Wer sehr risikofreudig und kurzfristig tradet, sollte schon vorsichtig werden, wenn der Index die super-steile Oktober-Aufwärtstrendlinie (siehe der Chart auf Tagesbasis) auf Schlusskursbasis brechen sollte. Wer mittelfristig ausgerichtet agiert, hätte eher die Supportzone 4.242/4.251 Punkte als Basis für einen Stoppkurs Long im Blick. Und wer mehr investiert als tradet, für den wäre erst der Rückfall in die vorherige, Jahre währende Seitwärtsspanne durch einen Bruch deren oberer Begrenzungszone bei 3.836/3.867 Punkten ein Grund, sich zurückzuziehen.

Aber in jedem Fall wäre es sinnvoll, diese Hausse nicht mit hochgelegten Beinen, sondern mit wachem Blick zu verfolgen, zumal der Index durchaus von der heute anstehenden Abrechnung der Index-Optionen am Terminmarkt „gezogen“ worden sein könnte. Sollte das der Fall sein und die Kurse zu Beginn kommender Woche zurückfallen, sollte man sich besser der alten Börsenregel erinnern, dass der Versuch, die allerletzten Punkte eines Trends mitnehmen zu wollen, gerne mal teuer zu stehen kommt.

Chart vom 18.11.2021, Kurs 4.383,70 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Inflation, Flaschenhals, Gewinnwarnungen: Die Bullen trotzen den Rahmenbedingungen seit Wochen. Und sogar als die US-Notenbank entschied, den Geldhahn langsam zuzudrehen, wurde einfach weiter gekauft. Das sorgt für sinkende Wachsamkeit … und das birgt Gefahr.

Sieht man sich die charttechnische Gesamtsituation des europäischen Euro Stoxx 50 an, kommt man nicht auf die Idee, dass hier irgendein Risiko drohen könnte. Was sich außerhalb der Börsensäle abspielt, scheint mit der Entwicklung des Aktienmarkts nicht das Geringste zu tun zu haben, könnte man meinen:

Der Chart auf Monatsbasis zeigt einen Index, der den Ausbruch aus einer jahrelangen Seitwärtsrange durch mehrere aufgekaufte Rücksetzer perfekt zementiert hat und jetzt auf das näher kommende Rekordhoch aus dem Jahr 2007 zuläuft.

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 10.11.2021, Kurs 4.348,82 Euro, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Auf Tagesbasis haben wir zwar derzeit einen überkauften RSI-Indikator und ein drei Tage währendes Wassertreten. Aber das kann angesichts der immensen Rallye zuvor nicht überraschen. Warum also sollte man ausgerechnet jetzt vorsichtiger werden?

Expertenmeinung: Wenn die Rahmenbedingungen negativer werden, die Kurse aber weiter steigen, kann das zwei Gründe haben. Entweder gehen die Käufer davon aus, dass die Risikofaktoren relativ bald einem wieder optimalen Umfeld weichen und die Kurse dann umso schneller zulegen werden, so dass man lieber jetzt kauft, bevor einem die Notierungen davonlaufen. Oder aber viele Akteure ahnen nicht einmal, dass es diese Risiken gibt und orientieren sich ausschließlich am Trend … ohne zu ahnen, dass der genau wegen dieser Denkweise aufwärts gerichtet ist, weil nicht nur sie, sondern sehr viele so vorgehen.

Aktuell ist beides der Fall. Wir sehen so viele unerfahrene Anleger wie mindestens seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Und auch viele, die schon länger dabei sind, vertrauen auf die Aussagen der Notenbanken, Regierungen und der Finanzindustrie, dass „Flaschenhals“ und Inflation sehr bald von alleine verschwinden werden. Diese Situation hat zwei Haken:

Zum einen lagen Regierungen und Notenbanken schon sehr oft völlig daneben mit solchen Aussagen, immerhin bestimmt Zweckoptimismus auch deren Sicht der Dinge. Zum anderen müsste man sich fragen, wer noch kaufen wird, wenn so viele in Erwartung einer bald wieder rosigen Gesamtsituation bereits im Vorfeld einsteigen, selbst, wenn diese Hoffnung sich erfüllt. So etwas haben wir, die erfahrenen Trader werden sich erinnern, auch 2000 bis 2002 und 2008 erlebt: Phasen, in denen viele dachten, die große Wende der Rahmenbedingungen stehe kurz bevor, in denen wild gekauft wurde und die Kurse dann eben doch scharf nach unten drehten, als die Akteure erkannten, dass sie auf Sand gebaut hatten.

Daher würde ich sogar überlegen, Long-Positionen eher abzubauen als zuzukaufen. Und alles, was über Gewinnmitnahmen hinaus im Depot bleibt, sollte zwingend mit Stoppkursen, bei aggressiveren Trades mit Stop Loss-Orders abgesichert sein. Ein sinnvoller Level hierfür wäre aktuell die durch die 20-Tage-Linie verstärkte Supportzone 4.242/4.253 Punkte. Wenn so viele sorglos werden, kann es nicht schaden, selbst umso vorsichtig zu werden, denn verdrängte, kritische Rahmenbedingungen sind mehr als einmal in der Vergangenheit schlagartig ins Bewusstsein der Anleger zurückgekehrt. Es wäre verwegen, das diesmal einfach auszuschließen!

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 10.11.2021, Kurs 4.348,82 Euro, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Der „Angstmonat“ Oktober wurde zu einem beeindruckenden Konter der Bullen, nachdem der September einen bärischen Herbst fürchten ließ. Aber noch ist der Herbst nicht vorbei. Die Käufer müssen sofort nachlegen, wobei es entscheidend auf die Quartalsbilanzen ankommt!

Eigentlich wurde im Oktober ja nichts besser. Weder hinsichtlich der Inflation noch mit Blick auf den Flaschenhals. Die Energiepreise stiegen weiter und so manches Unternehmen nahm bereits seine Gesamtjahresprognose nach unten. Das bullische Lager bekam dadurch im September einen Schuss vor den Bug. Aber auf Höhe entscheidender charttechnischer Unterstützungen drehte der Euro Stoxx 50 wieder nach oben, auch befeuert dadurch, dass die Käufer sich von dem Wort „vorübergehend“ beruhigen ließen, das man derzeit in Finanzindustrie, Regierungen und Notenbanken so gerne vor die Inflation und die Lieferprobleme setzt.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 26.10.2021, Kurs 4.230,62 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Aber jetzt müssen auch Beweise kommen, dass die Sache von alleine verschwindet und man sich daher nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, als man den europäischen Leitindex wieder nahe an seine bisherigen Jahreshochs trieb.

Expertenmeinung: Ein halbes Prozent fehlte dem Index am Dienstagabend bis zum bisherigen Jahres-Verlaufshoch von 4.253 Punkten. Und würde es nachhaltig überboten, wäre das eine erneute, bestandene Nagelprobe. Diesmal durch den erfolgreichen Test der 200-Tage-Linie, zuvor war es gleich zweimal gelungen, den Ausbruch aus der Handesspanne der Jahre 2015 bis 2020 zu bestätigen, indem die Bullen das Ruder unmittelbar über deren oberer Begrenzung wieder herumrissen.

Gut möglich, dass man es jetzt im bullischen Lager eilig hat, diese Hürde zu nehmen, um näher an das Allzeithoch von 4.573 Punkten zu gelangen, das der Euro Stoxx 50 im Jahr 2007 erreicht hatte. Denn je bullischer das Chartbild, desto eher können Rückschläge weggesteckt werden. Und die müssen nicht, könnten aber in den kommenden Tagen entstehen, denn:

Ab Morgen kommen die Bilanzen der großen Autobauer. Zuerst Volkswagen, direkt danach Daimler, kommende Woche dann BMW. Alle im DAX, aber auch alle im Euro Stoxx 50 notiert. Sie sind wegweisend hinsichtlich der Frage, ob die großen europäischen Unternehmen imstande sind, fehlende Teile und steigende Erzeugerpreise wegzustecken. Deren Ausblicke werden zeigen, womit man da auf der Zeitachse rechnet. Nachdem die bullischen Trader all diese Faktoren vom Tisch gewischt haben, müssen es die Autobauer ihnen nachtun. Das muss sitzen, ansonsten könnte der Euro Stoxx 50 auch dann sang- und klanglos nach unten abdrehen, wenn er diese Hürde von 4.523 Zählern im Vorfeld genommen hat.

Gelingt der Ausbruch nach oben, ließe sich eine Absicherung von Long-Trades in den Bereich um 4.230 Punkten nachziehen. Geht das schief, wäre spätestens, wenn der Index die kurzfristige Aufwärtstrendlinie und die 20-Tage-Linie mit Schlusskursen unter 4.100 Punkten gerissen hätte, etwas angebrannt!  

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 26.10.2021, Kurs 4.230,62 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Anfang der Woche wirkte es, als seien die Bullen diesmal fällig. Aber wieder gelang es, den Euro Stoxx 50 über entscheidenden Unterstützungen nach oben zu drehen, zumindest vorerst. Denn auch, wenn der Index aus der Gefahrenzone heraus ist: Die Risiken sind noch da.

Die US-Notenbank beschränkte sich am Mittwochabend darauf, die Reduzierung der Anleihe-Stützungskäufe zu avisieren, nicht aber unmittelbar zu starten. Darauf hatten diejenigen, die bereits im Vorfeld in fallende Kurse hinein zugegriffen hatten, gesetzt – und gewonnen. Aber das Ende des super-billigen Geldes ist dennoch absehbar. Und auch die EZB, die bislang so tut, als sei Inflation ein Problem anderer Leute, wird dann nicht umhinkommen, zumindest teilweise mitzuziehen.

Weder die Inflation noch die Lieferengpässe und die in einigen Branchen eklatante Materialknappheit sind vom Tisch. Derzeit sind es vor allem die Energiepreise, die rasant steigen. Das geht weder am Konsumverhalten noch an den Unternehmensgewinnen spurlos vorbei. Und zu behaupten, dass hätten die Investoren im Euro Stoxx 50 bereits berücksichtigt, erscheint angesichts der immer neuen, mehrjährigen Hochs gewagt.

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 23.09.2021, Kurs 4.194,92 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Auch das China-Problem namens Evergrande ist in keiner Weise erledigt. Derzeit scheint man bereits wieder zu kaufen, wenn einmal für mehrere Stunden keine neuen, kritischen Nachrichten eintrudeln. Aber eine „Teileinigung“ mit Gläubigern, die der Immobilienriese dieser Tage verkündete und vereinzelt geleistete, fällige Zinszahlungen sind keine gebannte Gefahr. Evergrande dürfte ohne massives Eingreifen der Regierung nicht zu retten sein. Und dass ein Kollaps dieses gewaltigen Unternehmens keine größeren Auswirkungen habe, nicht auf die chinesische Wirtschaft und schon mal gar nicht auf den Rest der Welt, sind Behauptungen ohne Beweiskraft. Die einen an den gebetsmühlenartigen Spruch vor der Super-Baisse 2008 erinnert, mit dem der damalige Präsidentschaftskandidat McCain die Menschen beruhigen wollte: „the economy is strong“.

Aber trotzdem steigt der Euro Stoxx 50. Und er könnte noch weiter steigen. Warum?

Expertenmeinung: Zwar lag McCain damals so falsch, wie man falscher nicht liegen konnte. Aber natürlich wollen sich Anleger, die voll und hoch spekulativ auf Hausse spekulieren, nur zu gerne beruhigen lassen. Und wer beruhigt ist, kauft weiter.

Dennoch: Wenn die Risiken und die Behauptungen so weit auseinander liegen, ist größte Vorsicht angebracht. Denn in einer solchen Situation muss ja nicht die Realität negativ werden, was seine Zeit dauern würde. Sie ist es ja schon in vielen Bereichen. Es muss nur der Glaube, dass alles irgendwie von alleine gut wird und die Kurse noch genug Luft nach oben haben, um erneut einzusteigen oder zuzukaufen, erschüttert werden. Und das passiert gemeinhin schnell und ohne Vorwarnung.

Daher wäre es zwar mehr als verwegen, sich dieser Rallye einfach entgegenzustellen, denn sie muss zwar nicht, kann aber allemal über das letzte, mehrjährige Hoch bei 4.253 Punkten hinausführen. Ob man da aber mitzieht, indem man bestehende Long-Positionen ausbaut oder gar jetzt erst neu einsteigt, sollte man sich lieber zweimal überlegen, zumal der Index jetzt binnen kürzester Zeit wieder nahe an den letzten Hochs notiert.

Wenn man sich den Chart auf Tagesbasis ansieht, fällt auf, dass das Aufkaufen von „Schwächeanfällen“ immer rasant vonstattengeht, der Euro Stoxx 50 dann aber sofort, wenn der vorherige Level wieder erreicht ist, an Schwung verliert:

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 23.09.2021, Kurs 4.194,92 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Was auch nicht überrascht. Denn denen, die jeden Rücksetzer ungeachtet der Rahmenbedingungen als Einstiegschance nutzen, stehen diejenigen gegenüber, die mit Blick auf eben diese Rahmenbedingungen der Ansicht sind, dass ein Euro Stoxx 50 auf einem Niveau, das zuletzt 2008 gesehen wurde, eine tadellose Gelegenheit bietet, Long-Gewinne mitzunehmen.

Der Euro Stoxx 50 würde diesen „Deckel“ nur dann sprengen, wenn sich die kritische Gemengelage aufhellen würde: Zeitnaher Rückgang der Inflation, ermutigende Wachstumsdaten, eine Lösung des Evergrande-Problems, starke Quartalsbilanzen. Bislang ist aber von alldem nichts zu sehen. Im Gegenteil lagen die gestern für den September als Zwischenstand vorgelegten Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone mehrheitlich deutlich unter den Levels vom August und klar unter den Prognosen der Analysten. Daher gälte festzuhalten: Auch, wenn die Bären beim Euro Stoxx 50 weiterhin nichts zu gewinnen haben, ist der deswegen nicht automatisch eine sichere Bank für die Bullen.