Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 19.-25.10.2020

Trader brauchen jetzt Kondition und Nerven wie Stahlseile

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In diesem Artikel

DAX
ISIN: DE0008469008
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Zum DAX

Eines ist sicher: Vor allem die US-Wahl wird für schnelle und wohl auch weitreichende Bewegungen an den Märkten sorgen. Dass wir zugleich noch die Aspekte der Pandemie-Entwicklung, der Quartalsbilanzen und des EU/UK-Vertragsdramas haben, macht die Börse in den kommenden Wochen zu einem Haifischbecken. Wie ließe sich da agieren?

Seit Wochen mache ich mir Gedanken, wie ich mein Trading in den kommenden Wochen gestalten soll. Vor allem die US-Wahl ist ein Faktor, der bei mir Vorfreude und Unbehagen zugleich auslöst. Nicht wegen der Frage, wer gewinnt. Das ist eine andere Baustelle, die man, wenn man diese Wahlnacht mit einem Gewinn beenden will, strikt vom Trading trennen muss. Es geht darum, völlig emotionslos auf blitzschnelle Richtungswechsel der Kurse zu reagieren und immer gewärtig zu sein, dass die alte Börsenregel „Erwarten Sie das Unerwartete“ auf keine Nacht bzw. den darauffolgenden Morgen mehr zutreffen dürfte als auf diese.

Schon mal vorschlafen … oder doch besser die Entscheidung verschlafen?

2016 kam es zu diesem „Unerwarteten“. Und wer damals imstande war, absolut unabhängig von den zugleich im Sekundentakt einlaufenden Meldungen zu den Wahlergebnissen der einzelnen Bundesstaaten zu traden, konnte in dieser Nacht vom 8. auf den 9. November 2016 sehr viel Geld verdienen. Leider liefert mir keine Datenbank mehr Futures-Intraday-Kurse aus dem November 2016, daher muss ich mich mit dem DAX-Futures Chart auf Tagesbasis begnügen, um darzustellen, was da möglich gewesen wäre:

Börse aktuell: Entwicklung DAX Future während der US-Wahl 2016 | Online Broker LYNX

Sie sehen, dass der 9. November ein Start-Ziel-Sieg für die Bullen wurde. Das wirkt, als müsste man nicht jetzt schon einmal vorschlafen, um in dieser Nacht vom 3. auf den 4. November wach zu bleiben und dann auch noch die Kraft zu haben, bis zum US-Handelsende des 4. November durchzuhalten. Aber dieses Chartbild täuscht. Einfach Long gehen und zurücklehnen … so einfach war das damals nicht, im Gegenteil!

Sie sehen im Chart ja nur die Kurse des regulären Futures-Handels von 8 bis 22 Uhr. Davor jedoch spielten sich im außerbörslichen Handel dramatische Szenen ab. Denn als plötzlich gegen 6 Uhr unserer Zeit klar wurde, dass nicht Clinton, sondern Trump die Wahl gewonnen hat, brachen die Kurse der Index-Futures zunächst dramatisch ein, drehten dann aber wie von Geisterhand geführt schlagartig nach oben und stiegen aus tiefem Minus heraus immer weiter. Sie sehen ja auch in diesem Chartbild, dass der Siegeszug der Bullen aus einem kräftigen Minus heraus startete. Die Eröffnung des DAX Future … und das war schon knapp zwei Stunden nach der plötzlichen Aufwärtswende im Anschluss an den Trump-Mini-Crash … lag über 500 Punkte unter dem Schlusskurs des Futures am Vorabend.

Wer Nerven wie Drahtseile hat, könnte da also wohl am frühen Morgen des 4. November, wenn die Tendenz klar wird, einiges erreichen. Denn diesmal wird der Markt, was auch für den Forex-Bereich, für Gold und Öl gelten wird, wohl noch extremer schwanken. Aber kann bzw. muss man einen solchen Stress, dem man dabei als Trader ausgesetzt ist, wirklich um die 20 Stunden lang aushalten, bis es dann am Mittwoch, den 4. November zum US-Handelsende kurzfristig etwas ruhiger werden dürfte? Oder wäre es nicht doch besser, sich einfach in aller Ruhe ins Bett zu legen und am 4. November morgens in aller Ruhe zu schauen, was man dann an der Börse aktuell tun könnte?

Zu viele Fragezeichen sind leicht des Traders Tod

Selbst ich, der sich selbst als „Tickerwurm“ bezeichnen muss, also als einen, der immer dabei ist und eigentlich nur dann zufrieden ist, wenn er eine Position im Markt hat, bin mir da uneins. Denn einmal die Nerven zu verlieren, einmal unachtsam sein, das kann den Erfolg von Stunden diszipliniertem Trading ruinieren. Und das kann einem schon ab jetzt ganz leicht passieren, denn es ist ja nicht die Wahl alleine, die derzeit für starke Ausschläge sorgen kann. Was haben wir da alles vor der Brust?

  1. Die heiße Phase der Saison der Quartalsbilanzen beginnt in dieser Woche. Und in der kommenden Woche, also unmittelbar in der Woche vor der Wahl, kommen fast alle großen US-Hightechs mit ihren Zahlen. Amazon, Apple, Alphabet, Microsoft und viele mehr.
  2. Im Vorfeld des Wahltags kann es noch sehr viele politische Aufreger geben, im bullischen wie im bärischen Sinne. Ein wichtiges Element ist dabei das überfällige US-Konjunkturpaket.
  3. Die derzeit wieder rasant steigenden Corona-Infektionszahlen machen die Anleger an der Börse aktuell zusätzlich nervös. Wenn es nicht gelingt, diesen Anstieg einzudämmen, käme es zu einer erneuten schweren Belastung der Weltwirtschaft – auch ohne faktischen Lockdown – die imstande wäre, die Erholung der vergangenen Monate zu eliminieren.
  4. Und für uns in Europa spielt auch das Problem mit Großbritannien eine zunehmend wichtige Rolle. Ein Austritt der Briten aus dem EU-Binnenmarkt in zehn Wochen ohne eine Vereinbarung mit Brüssel wäre alleine schon eine heftige Belastung, die die EZB auffangen müsste. Zusammen mit einer erneuten Pandemiewelle und einem zumindest nicht auszuschließenden Chaos in den USA nach der Wahl eine fatale Mixtur.

Wer da meint, an der Börse aktuell dauernd mit beiden Beinen im Markt stehen zu müssen, kann schnell untergehen. Denn niemand sagt, dass diese vier vorgenannten Faktoren alle negativ wirken müssen!

Es könnte zu starken Quartalsbilanzen mit den Optimismus der Investoren fördernden Perspektiven kommen. Es könnte in letzter Minute doch noch ein US-Konjunkturpaket beschlossen werden. Die Briten könnten bis Dezember doch noch einlenken. Und die US-Wahl könnte allemal auch ein sehr klares Ergebnis zeitigen, das keine wochenlangen Streitereien nach sich zieht.

Es könnte aber auch gemischt ausgehen, sodass an einem Tag gute Nachrichten eine Rallye auslösen, am nächsten Tag negative Nachrichten die Bullen wieder niedermachen. Man kann es beim besten Willen nicht vorhersagen. Was macht man aus so etwas?

Neutral zu bleiben ist eine aktive Entscheidung!

Würde der DAX in einem klaren Auf- oder Abwärtstrend laufen, fiele die Entscheidung leichter. Man könnte stur den Trend traden, in starke Impulse hinein Teilgewinne mitnehmen und die Position nahe der Trendlinie mit engen Stop Loss wieder vergrößern. Aber der Chart des DAX zeigt: Wir haben an der Börse aktuell keinen Trend. Nicht einmal einen Ansatz davon.

Börse aktuell: Entwicklung DAX von Mai bis Oktober 2020 | Online Broker LYNX

Dieses zerrissene Bild der Orientierungslosigkeit präsentiert sich weniger drastisch, wenn man auf eine kurzfristigere Zeitebene hinuntergeht, im Fall des folgenden Charts auf die 15-Minuten-Basis, mit der ich hier den Verlauf des DAX über die vergangene Handelswoche abbilde, aber:

Knifflig ist diese Gemengelage auch dort, denn es ist nötig, immer aufmerksam zu bleiben, darüber hinaus die Logik bzw. den Seitenblick auf die Nachrichtenlage bleiben zu lassen und konsequent die kurzfristigen Intraday-Trends zu handeln … was auch erfahrenen Tradern nicht immer leicht fällt.

Börse aktuell: Entwicklung DAX von Anfang bis Mitte Oktober 2020 | Online Broker LYNX

Gerade diejenigen, denen es geht wie mir, denen also, die sich der Faszination der stets in Bewegung befindlichen Kurse nicht entziehen können oder wollen und nahezu immer aktiv dabei sind, sollten sich daher in einer derart unübersichtlichen Lage mit der Lizenz, noch viel unübersichtlicher zu werden, bewusst werden, dass es nicht zwei, sondern drei aktive Trading-Positionierungen gibt:

Long, Short und Neutral.

Neutral zu bleiben ist keineswegs die Kapitulation vor einer Situation, der man womöglich nicht gewachsen ist. Und es ist, wie einem das Depot am Ende oft sehr deutlich macht, weder klug noch heldenhaft, jede „Herausforderung“ meistern zu wollen.

Wenn die Lage zu komplex wird, um mit ruhiger Hand agieren zu können, ist es im Gegenteil klug, erst einmal eine Auszeit zu nehmen und sich neutral zu stellen. Gerade wir Trader wissen doch eigentlich: Es gibt niemals „die Chance“, die einzige, mit der man dann den Gewinn einfährt, für den man ansonsten Wochen und Monate gebraucht hätte. Aber es gibt sehr wohl „den Fehler“, den man machen kann, um den Gewinn aufzuzehren, den man sich vorher über Wochen und Monate erarbeitet hat.

Ich für meinen Teil werde so lange konsequent den Trends auf Trading-Ebene folgen, wie das sauber machbar ist und danach die Waffen freiwillig strecken. Ich werde mir keinen Moment dieser so wichtigen Wahlnacht entgehen lassen, das ist sicher. Aber ich kann mir auch gut eine Wahlnacht vorstellen, in denen ich nur die Wahl und nicht zugleich die Kurse verfolge. Wir leben in kniffligen Zeiten, da kann weniger weit mehr sein!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 16.10.2020, Quelle marketmaker pp4

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Donald Trump könnte die morgen in drei Wochen anstehende Wahl immer noch gewinnen. Aber seine Chancen schwinden. Und seine jüngsten Entscheidungen waren alles andere als positiv für die Wirtschaft. Über Jahre folgte der US-Aktienmarkt Trumps Sprüchen, dass es ohne ihn zu einer Katastrophe kommen würde, konjunkturell ebenso wie auf die Aktien bezogen. Dementsprechend müssten Dow Jones & Co. gerade massiv auf dem Rückzug sein. Doch das Gegenteil ist der Fall – was passiert da gerade?

Sollte ich verlieren, werden die Aktienmärkte einbrechen, tönte Donald Trump vor den Zwischenwahlen im November 2018. Er selbst stand zwar nicht zur Wahl, aber das Ergebnis war, dass das US-Repräsentantenhaus eine demokratische Mehrheit bekam. Dass die Republikaner den Senat halten, ihre Mehrheit sogar leicht ausbauen konnten, dichtete Trump zu einem Sieg um und ignorierte die verlorene Mehrheit im Repräsentantenhaus. Doch das setzte ihm politisch eben trotzdem zu, das Regieren wurde schwieriger. Und die Börse registrierte diese Niederlage sehr wohl, wir erinnern uns alle an das extrem schwache vierte Quartal 2018. Diese Zwischenwahlen trugen ihren Teil dazu bei. Und heute? Wie sieht es an der Börse aktuell aus?

Trump scheint die Kurve nicht zu kriegen

Bezogen auf die gesamten USA liegt Joe Biden am Sonntag im Schnitt der aktuellsten Umfragen 10,4 Prozent vor Donald Trump. Und in mehreren der sogenannten „Swing States“, der Staaten, die bei Wahlen immer mal wieder einen anderen Sieger sehen, liegt er spürbar vorne. Zugleich haben die Demokraten eine realistische Chance, so viele der ebenfalls am 3. November neu zu vergebenen Plätze im Senat zu erringen, dass beide Kammern des Kongresses am dem 20. Januar 2021, wenn der neue Präsident vereidigt wird, demokratisch dominiert wären. Was bei einem Sieger Biden hieße, dass er „durchregieren“ könnte. Was bei einem Sieger Trump hieße, dass er höchstens über Notstandsgesetze und Dekrete agieren könnte oder sich dem Willen der demokratischen Mehrheit beugen müsste. Letztere Überlegung braucht man nicht weiterzudenken.

Zwar bedingt dieses spezielle US-Wahlsystem, dieses „the winner take them all“-Prinzip der einzelnen Bundesstaaten, dass man theoretisch auch mit 40 Prozent der Wählerstimmen Präsident werden könnte, wenn sich diese 40 Prozent nur ideal verteilen. Aber zumindest Stand Sonntag kippen zu viele der „Swing States“ Richtung Demokraten, um da derzeit mehr als eine eher kleine Chance zu sehen, dass es so kommt.

Trump fällt zu vieles kurz vor der Wahl auf die Füße. Vor allem das Thema Corona. Die Sterblichkeitsrate durch das Virus ist viel höher als in den meisten europäischen Ländern, ist vergleichbar mit Brasilien, zumindest nach den offiziellen Zahlen. Und nur die zugegebenermaßen große Zahl an uninformierten Wählern glaubt dem Präsidenten, wenn der behauptet, ohne sein fehlerfreies Handeln hätte es nicht wie bislang 215.000, sondern bereits zwei oder drei Millionen Opfer in den USA gegeben. Doch das wäre weniger entscheidend für den Aktienmarkt. Wichtiger für die Anleger an der Börse aktuell ist dieses seit Ende Juli überfällige, nächste Konjunkturpaket. Und da kriegt Trump die Kurve erst recht nicht, im Gegenteil.

Der Knackpunkt ist das überfällige Konjunkturpaket

Ein grundsätzliches Problem liegt seit Monaten in der Glaubwürdigkeit. Trump behauptet, die Demokraten würden das wichtige, nächste Hilfsprogramm blockieren und den US-Bürgern somit schaden. Und das auch noch vorsätzlich. Aber kaum jemand kann das glauben, wenn die Republikaner im Senat sich permanent Vorschlägen der Demokraten verweigern, die weit mehr Geld in die Hand nehmen wollen als die Regierungspartei. Mehr. Nicht weniger.

Trump versucht das umzudichten, indem er behauptet, die Demokraten wollten nur schlecht geführte Bundesstaaten mit Geld vollpumpen, die auch noch das Verbrechen unterstützen. Gemeint sind, klar, alle demokratisch regierten Bundesstaaten. Er war sich sicher, damit nichts falsch zu machen, weil er diese Staaten bei der Wahl ohnehin abschreiben kann. Doch was ihn einerseits wichtige Stimmen kosten und vor allem die Unterstützung der Investoren kosten kann, war die wohl wie oft aus dem Bauch heraus getroffene Entscheidung, die Verhandlungen über dieses Hilfspaket einfach abzubrechen und auf die Zeit nach der Wahl zu verschieben. Fatal, denn:

Erstens hat er sich durch diesen aktiven Abbruch der Verhandlungen selbst den Schwarzen Peter zugeschoben, zweitens verstehen sogar viele weniger beschlagene US-Bürger, dass „nach der Wahl“ nicht heißt, dass es am 4. November mit den Gesprächen weitergeht, sondern erst nach dem 20. Januar. Denn zwischen Wahltermin und der Vereidigung des neuen Präsidenten geht gemeinhin nichts vor und zurück. Erst recht nicht, wenn es, wie man befürchten darf, nicht zu einem sehr klaren Ergebnis kommt und eine Lawine an Nachzählungen und Gerichtsentscheiden losgetreten wird.

Das wurde Trump offenbar klar, als er sah, wie schnell und deutlich die US-Aktienindizes an der Börse aktuell, hier beispielhaft der Dow Jones, am Dienstagabend als Reaktion auf seine Hauruck-Entscheidung ins Minus kippten. Was tun?

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von August bis Oktober 2020 | Online Broker LYNX

Gleich am Folgetag erklärte er, er werde den Airlines aber gesondert helfen und die Bürger sollten alle einen Barscheck erhalten. Die Kurse stiegen daraufhin wieder an, schien es. Aber war das wirklich der Grund?

Sein mehr als ungeschicktes Verhalten in Bezug auf seine eigene Erkrankung, das Hickhack um die nächste TV-Debatte und das Hin und Her in Sachen Hilfsprogramm wirkten, als würde da einer verzweifelt schauen, wie die Börse reagiert, um zu erkennen, was zu tun jetzt das richtige wäre. Und nachdem selbst seitens der Airlines umgehend zu hören war, dass andere Branchen auch Hilfe bräuchten und die Demokraten erklärten, Barschecks kämen mit ihnen nicht infrage, weil sie das eigentliche Problem nicht lösen helfen, hätten die Kurse eigentlich wieder kippen müssen. Was sie nicht taten. Und das deutet an, dass der US-Aktienmarkt jetzt die Fronten zu wechseln beginnt.

Das Vertrauen in die Demokraten wächst

Denn ja, dieses Konjunkturpaket ist der Knackpunkt, auch die US-Notenbanker weisen durchweg darauf hin, dass diese weiteren Hilfen eilen und unumgänglich seien, will man nicht zusehen, dass die Erholung der US-Wirtschaft in sich zusammenfällt.

Das sieht man unter anderem an der Sparquote der US-Bürger. Für den September liegen noch keine Daten vor. Aber die bisherigen Monate inklusive August sprechen eine klare Sprache. Die Sparquote ist zwar auch zuletzt weiter gefallen, lag per Ende August bei 14,1 Prozent und damit meilenweit unter dem Allzeithoch von 32,2 Prozent, das im April erreicht wurde, als die USA im Lockdown waren. Aber 14,1 Prozent sind immer noch mehr als alles, was man in den 40 Jahren zuvor gemessen hat. Und in diesen vier Jahrzehnten gab es so manche, konjunkturell finstere Phase mit großer Verunsicherung unter den Verbrauchern.

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote der US-Bürger von 1980 bis 2020 | Online Broker LYNX

Der Konsum springt einfach nicht so an, wie er es müsste, um eine stabile Erholung sicherzustellen. Und den Investoren ist alleine durch die Schnapsidee eines erneuten Barschecks klar: Die Regierung versteht das Problem nicht, die Demokraten offenbar schon. Der gewaltige Schuldenberg der US-Bürger, die Quittung aus so vielen Jahren mit Niedrigzinsen, führt dazu, dass viele Bürger alles, was reinkommt und nicht unbedingt ausgegeben werden muss, zur Schuldenreduzierung nutzen. Da bringt ein Barscheck nur einen kurzen Einmal-Effekt beim Konsum … und einen Langzeit-Effekt in Sachen explodierender Staatsverschuldung.

Der Plan der Demokraten, der von den Republikanern so verbissen bekämpft wird, soll die Bundesstaaten und Kommunen stützen, soll helfen, deren Finanzlage zu stabilisieren und zugleich den Bürgern eine Stütze bieten. Das hat zwar keinen Sofort-Effekt, ist aber nachhaltiger. Das ist, aus meiner Sicht, der entscheidende Grund, wieso diese Serie an ungeschickten Aktionen des „Hausse-Garanten“ Trump nicht zu fallenden Kursen führte: Die Bullen gehen ihm von der Fahne.

Die Wall Street beginnt, auf Biden zu setzen

So, wie sich die Kurse in der vergangenen Woche darstellten, scheint sich dieses Umdenken an der Börse aktuell sukzessiv durchzusetzen. Galt Trump über Jahre hinweg, auch durch sein stetiges „Hochreden“ der Kurse, als Garant für steigende Notierungen, sehen ihn jetzt mehr und mehr Akteure als Risiko. Sein Unstetes Verhalten unter Druck macht unruhig. Und dass der Aktienmarkt nicht negativ reagierte, als Trump letzte Woche nebenbei erwähnte, er werde in seiner zweiten Amtsperiode wieder neue Zölle auf chinesische Importe verhängen, zeigt, dass viele Investoren vermuten, dass es diese zweite Amtsperiode nicht geben wird. Was aber umgekehrt bedeutet:

Sollte Trump die Wahl eben doch gewinnen, ist es zumindest sehr fraglich, ob dann wieder viele auf dem Absatz kehrt machen und ihn als Basis dafür sehen, dass die Märkte weiter zulegen. Und auch einen anderen Aspekt sollte man im Hinterkopf haben:

In den kommenden drei Monaten brauchen Trader gute Nerven und eine ruhige Hand

Zwischen Wahl und Vereidigung liegen zweieinhalb Monate. In dieser Zeit kann vieles schiefgehen. Denn bis zum 20. Januar bleibt Trump in jedem Fall Präsident und könnte in dieser Zeit durchaus eine Politik der verbrannten Erde machen. Zugleich kann eine Flut an Wahlanfechtungen dazu führen, dass es, wie damals nach der Wahl Bush/Gore im Jahr 2000, bis zum letzten Moment offen bleibt, wer ab dem 20. Januar 2021 US-Präsident sein wird.

Ein solches Chaos kann einen Aufwärtstrend, sofern sich dieser nach dem Anstieg der Indizes in der vergangenen Woche bis zum 3. November etablieren sollte, jederzeit und vor allem heftig „abschießen“. Klar ist damit eines: Diese kommenden gut drei Monate werden ebenso volatil wie spannend werden, da sind gute Nerven und eine ruhige Hand gefragt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 09.10.2020, Quelle marketmaker pp4

„Was wäre, wenn … ist in diesen Tagen eine äußerst beliebte Schlagzeile. Zu Recht, immerhin könnte Trumps Corona-Erkrankung die US-Wahl deutlich komplizierter gestalten. Noch komplizierter also, als das Thema vorher schon war. Die Investoren stehen vor einer immer länger werdenden Liste offener Fragen. Die Antworten kommen bald … oder auch nicht. Aber wenn Börse einfach wäre, wären wir ja auch alle reich. Wo liegen die Knackpunkte zu Beginn dieses vierten Quartals?

Wie steht es mit Ihnen? Haben Sie ein klares Bild davon, was in diesen letzten drei Monaten eines Jahres passieren wird, in dem bislang das Unerwartete dominierte? Ich für meinen Teil hüte mich davor, mich innerlich festzulegen. Über 30 Jahre als Trader haben mich gelehrt, dass man damit äußerst unsanft auf dem Bauch landen kann. Dafür musste ich in diesen drei Jahrzehnten einfach zu oft Sprüche wie „Unverhofft kommt oft“ oder „Erstens kommt es anders … und zweitens als man denkt“ vor mich hin murmeln und die Scherben meiner vorgefassten Meinungen zusammenkehren.

Niemand kann sicher vorhersagen, was morgen ist, also …

Man wurde als ich anfing, d.h. Ende der Achtzigerjahre, mit Prognosen genauso zugeschüttet wie an der Börse aktuell. Dass man eigentlich wissen sollte, dass es nicht möglich ist, heute zu wissen was an der Börse morgen sein wird, es daher erst recht nicht drin ist, das „Outcome“ über ein Vierteljahr hinweg vorherzusagen, hält weiterhin niemanden ab, es entweder dennoch zu tun oder es zu glauben. Gut, ich wäre da mal raus. Ob ich mich nun als Analyst, Marktstratege oder reinen Trader sehe:

Ich kann erkennen und bewerten, was passierte und was gerade passiert. Wenn es um das Morgen oder das Übermorgen geht, kann ich jedoch nur Vermutungen anstellen und Wahrscheinlichkeiten einordnen. Zu glauben ich wüsste, was Millionen von kleinen und großen Investoren morgen tun werden, davor hüte ich mich. Alleine aufgrund der Erkenntnis, dass die meisten dieser Unzahl an Investoren genau das selbst noch nicht wissen. Andere hüten sich nicht, keine Frage. Aber in meinen Augen ist damit niemandem gedient. So einfach funktioniert die Börse nun einmal nicht. Und ich halte es für nicht akzeptabel, den gegenteiligen Anschein zu erwecken.

Was zum Kern dieses Beitrags führt: Ich möchte erläutern, warum es gerade in einer so ungewöhnlich kniffligen Phase wie an der Börse aktuell schlau ist, nicht zu schlau sein zu wollen. Warum diese kommenden drei, eher noch vier Monate es erfordern, sich vorgefasster Meinungen zu enthalten und es im Gegenteil angezeigt wäre, stets äußerst wachsam und nicht minder flexibel zu bleiben. Und warum es jetzt noch wichtiger als sonst sein wird, schnell zu reagieren, wenn etwas schief läuft und daher die Bereitschaft, kleine Verluste hinzunehmen, groß sein muss … weil ein Aussitzen, egal, ob auf der Long- oder der Short-Seite, fatal enden kann.

Was wissen wir … und was wissen wir nicht?

Bestandsaufnahme: Was wissen wir … und was wissen wir nicht? Der erste Abschnitt ist meines Erachtens schnell abgehandelt, siehe dazu folgende Strichaufzählung:

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Da mag mancher Anleger sehr wohl so einiges in der Liste der feststehenden Aspekte aufführen wollen, ich für meinen Teil sehe da in keinem Bereich eine klare Vorgabe. Die Abteilung „wissen wir nicht“ sehe ich im Gegenzug stark besetzt:

  • Wird es gelingen, die Konjunktur zumindest in der Eurozone und den USA wieder vollständig zurück auf den Prä Corona-Level zu befördern … und wenn ja, wie lange wird das dauern?
  • Wenn sich die Hinweise, dass die Erholung deutlich an Dynamik verliert, verstetigen, gelingt es dann zumindest den großen Unternehmen, die in den wichtigsten Indizes wie Dow Jones, S&P 500, Nasdaq 100, DAX und Euro Stoxx 50 die Schwergewichte stellen, mehrheitlich wieder auf den vorherigen Gewinnlevel zu kommen bzw. die bisherigen Rekordgewinne zu toppen? Denn wenn ja, könnten die Indizes trotz erlahmender Erholung weiterlaufen.
  • Wird die Corona-Pandemie sich im Herbst und Winter wieder verschärfen? Wird das doch zumindest partielle Lockdowns oder andere Restriktionen in den Industrienationen nach sich ziehen, die die Erholung abwürgen und die Rezession verlängern?
  • Wie wird sich die US-Wahl auf den Aktienmarkt, auf Euro/US-Dollar, Gold, Rohöl, den Bondmarkt auswirken?
  • Und was wird denn jetzt eigentlich aus dem BrExit?

Was wäre, wenn man in die Zukunft sehen könnte?

Da soll noch einer sagen, das Jahr 2019 sei knifflig gewesen. Da ging es „nur“ um die Themen BrExit und Handelskrieg. Beides waren belastende Themen mit deutlich sichtbaren Auswirkungen auf das Wachstum, in den USA ebenso wie in Europa. Tja, das war noch einfach … oder? Im Nachhinein vielleicht. Während des Jahres 2019 hatten klar denkende Menschen jedoch permanent den Eindruck, dass, wer denken kann, klar im Nachteil ist. Sie sehen es im folgenden Chart:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des DAX und des BIP Wachstums in Deutschland von 2017 bis 2020 | Online Broker LYNX

Die Wirtschaft litt unter beiden Aspekten. Im Verlauf der Jahre 2018/2019 schrumpfte das Wachstum immer weiter. Und das trotz der künstlichen Stütze negativer Anleiherenditen. 2018 reagierte man am Aktienmarkt auch darauf. 2019 nicht mehr. Auf einmal drehten zwar nicht die Fakten, aber die Stimmung ins Positive. Aus einem „au weia“ wurde ein allgemeines „wird schon“. Wer vorhersehen konnte, dass Trumps Handelskrieg nebst einem Verhandlungs-Chaos in Sachen BrExit die Konjunktur drücken würde UND entsprechend dieses Wissens am Aktienmarkt Short war, lag falsch. Denn am Ende zählt nicht, was ist. Es zählt, was diejenigen, die die Mehrheit des aktiven Kapitals am Markt bewegen, sehen WOLLEN.

Und da hindert es niemanden, immer wieder so zu agieren, nur, weil er/sie mit dieser Vorgehensweise gerade auf dem Bauch gelandet ist. Zumal man im aktuellen Fall durchaus sagen könnte: Wenn die Corona-Pandemie nicht gewesen wäre, wer weiß, ob diese dadurch im Februar abrupt abgeschossene Hausse nicht immer noch laufen würde.

Aber sind diesmal nicht zu viele Jäger des Hasen Tod? Ist diese Liste der offenen und zugleich entscheidenden Fragen nicht schlicht zu lang, um ernsthaft annehmen zu können, dass sich alles an der Börse aktuell zu Gunsten der ewigen Hausse entwickelt? Würde man nüchtern und rational denken und dann auch noch bereit sein, das Ergebnis der Überlegungen 1:1 am Markt umzusetzen, könnte man in der Tat schlussfolgern:

Ja, diese Super-Hausse vor allem der US-Börsen im Angesicht der reinen Hoffnung auf eine Blitz-Erholung der Konjunktur muss in die Hose gehen. Aber da kommen wir eben wieder auf diesen leidigen Punkt zurück:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des S&P 500 und des BIP Wachstums in den USA von 2018 bis 2020 | Online Broker LYNX

Alles greift ineinander … und am Ende entscheiden doch wieder die Emotionen

Erstens können wir nicht sicher sein, wie die Antworten auf diese offenen Fragen am Ende aussehen. Nicht zuletzt, weil vieles ineinander greift. Der Ausgang der Wahl kann die US-Konjunktur und über die Geopolitik die Rahmenbedingungen im Rest der Welt beeinflussen. Bleibt die Konjunkturerholung jetzt stecken, kann das den US-Wahlausgang beeinflussen. Die Pandemie wiederum kann auf beide Bereiche, Wahl und Konjunktur, Einfluss nehmen.

Und wenn man sich überlegt, dass derzeit weder klar ist, wer die Wahl gewinnt, ob danach ein „Nachwahl-Chaos“ wie 2000 ausbleibt oder aber noch Schlimmeres passiert UND die Investoren nicht einmal eine einheitliche Meinung darüber haben, welcher der beiden Kandidaten mittelfristig für die US-Wirtschaft der bessere wäre, wäre es gewagt, sich hier und heute auf ein Szenario festzulegen.

Wenn man sich dann aber noch überlegt, dass uns die Geschichte oft genug gezeigt hat, dass am Ende auch dann, wenn die Antworten auf dem Tisch liegen, die persönliche Interpretation der Fakten den Trend bestimmt und damit eben nur vielleicht eine rationale der Märkte erfolgt, ist es nicht gewagt, sondern einfach sinnlos, sich nächtelang den Kopf zu zerbrechen.

Dass die aktuelle Situation für die Börse so kompliziert ist wie kaum eine zuvor, wird ja durch die mittlerweile fast vier Monate, in denen der Euro Stoxx 50 zwar kurzfristig sehr unruhig ist, insgesamt aber in einer Seitwärtsspanne festhängt, untermauert. Die einen sind stur bullisch, die anderen stur bärisch und noch mehr wissen nicht, was sie tun sollen. Ich persönlich mache es so:

Börse aktuell: Entwicklung Euro Stoxx 50 von 2019 bis 2020 | Online Broker LYNX

Beobachten, jeden Tag neu bewerten … und zuschlagen, wenn die Lawine beginnt

Ich trade an der Börse aktuell nur mit ganz kleinem Kapitaleinsatz und nur sehr, sehr kurzfristig in Situationen, die mir persönlich klar erscheinen. Wobei ich da von ein paar Stunden, manchmal nur Minuten spreche. Das kann nicht jeder so halten, dazu muss man auch die Zeit haben. Ich habe das Privileg, den Markt nonstop beobachten zu dürfen, weil das meine Aufgabe ist. Und ich bin davon überzeugt, dass man da auch anders vorgehen kann.

Was ich aber persönlich für sinnvoll halte ist, die Situation engmaschig zu beobachten und zu schauen, wie die Märkte z.B. auf Veränderungen hinsichtlich Trumps Gesundheitszustand, auf neue Wahlumfragen, auf Vorabmeldungen von Quartalsbilanzen oder z.B. auf News bezüglich des meines Erachtens schon großenteils eingepreisten, überfälligen US-Konjunkturpakets reagieren. Tauchen da auf einmal andere Reaktionen auf, als man das bis dahin hätte erwarten können? Kommt eine Reaktion zustande, die nicht sofort wieder egalisiert wird?

Bis jetzt, das sehen wir auch im Chartbild des Euro Stoxx 50, werden kurze Verkaufswellen hurtig wieder aufgekauft, Ausbruchsversuche nach oben treffen sofort auf Abgabedruck. Wenn sich das zu ändern beginnt, könnte die Lawine beginnen, dann wird es spannend. Aber auch dann gilt: Gerade weil der Kesseldruck durch diese monatelange Seitwärtsbewegung immer mehr zunimmt, kann es leicht zu Fehlausbrüchen in beide Richtungen kommen. Knifflig, zugegeben. Aber wenn Börse einfach wäre, tja, dann wären wir alle auch längst reich …

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 02.10.2020, Quelle marketmaker pp4

Ein beispielloser Konjunktureinbruch, eine Pandemie, die bislang nicht im Griff ist … und jetzt kommt auch noch eine Wahl, die nicht nur für die USA Weichen stellen wird. Dazu hat der Herbst begonnen, der sommerliche Unbeschwertheit in Nachdenklichkeit verwandelt. Das wird eine harte Bewährungsprobe für Optimisten. Doch nicht wenige im bullischen Lager glauben an der Börse aktuell zu wissen, dass „die“ die Kurse nicht fallen lassen werden. Wer sind „die“? Und steht hinter den Bewegungen der Märkte wirklich ein „großer Plan“?

Es gibt immer wieder Situationen am Aktienmarkt, bei denen man wirklich den Eindruck hat, „irgendwer“ agiere da im Hintergrund gezielt und mit gewaltigen Summen, um eine Wende zu erzeugen, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen. Da drehen die Kurse schlagartig und in einem unglaublichen Tempo nach oben und lassen diejenigen, die auf Basis der Rahmenbedingungen massiv Short waren, mit fatalen Verlusten zurück. Und das bestätigt Akteure, die trotz der vorherigen Abwärtsbewegung nicht ausgestiegen waren, ihre Stoppkurse ignoriert haben, in rapide fallende Kurse blind zukauften und damit gegen alle Grundregeln des Investierens verstießen. Die drei Charts dieses Beitrags zeigen Beispiele für solche Situationen.

Für viele dieser letzten Gruppe ist dann einmal mehr bewiesen, dass im Hintergrund Mächte wirken, die dafür sorgen, dass die Kurse nie zu lange und zu weit fallen werden und man deswegen risikolos immer nur Long sein muss. Außenstehende fragen dann gerne zu Recht: Wer soll das sein? Und wieso sollten „die“ irgendwelchen Zockern, die sich verhoben haben, die Haut retten?

Tja, das sind zwei gute Fragen. Da dieses Thema jetzt, vor der US-Wahl und angesichts einer gefährlich früh verflachenden Erholung der Weltwirtschaft, wieder hochkochen wird, möchte ich hier einmal meine Sicht der Dinge darlegen.

Das ominöse „Plunge Protection Team“ gibt es wirklich, aber …

Gerne wird über das „Plunge Protection Team“ gemunkelt, wenn die Kurse an der Börse auf einmal senkrecht wieder nach oben drehen. Anleger unterstellen diesem Team, dass es verhindern soll, dass es zu einem Crash kommt. Was auch richtig ist. Dieses Team gibt es in der Tat. Es wurde 1988 als Reaktion auf den 1987er-Crash in den USA ins Leben gerufen und besteht aus vier Personen: dem US-Finanzminister, dem US-Notenbankchef, dem Chef der Börsenaufsicht und dem Chef der Finanzmarktaufsicht. Sie sollen, wenn es brennt, Maßnahmen vorschlagen und/oder in die Wege leiten, um die Ordnung am Finanzmarkt sicherzustellen und das Vertrauen der Investoren zu erhalten. Aber:

Das heißt nicht, dass dieses Team dann nötigenfalls diverse Milliarden in die Hand bekommt und damit am Aktien- und Derivatemarkt kauft, was das Zeug hält. Es gibt keine geheimen Käufe von geheimen Gruppen, die wie die Kavallerie immer dann im letzten Moment auftauchen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 1998 bis 2020 | Online Broker LYNX

Würde die US-Notenbank oder eben dieses „Plunge Protection Team“ selbst Aktien kaufen, würde das niemandem entgehen. Erstens müssten diese Aktien ja irgendwo landen. Zweitens würden die Händler mitbekommen, dass da jemand kauft, der sonst nicht auftaucht. Und es wären so viele Leute beteiligt, dass man sicher sein könnte, dass irgendwer nicht dichthalten würde. Hinzu kommt:

Warum sollte so etwas im Geheimen ablaufen? Die Wirkung wäre doch viel größer, wenn man so etwas in aller Öffentlichkeit durchziehen würde! Nein, es gibt diese geheimen Käufe nicht. Und es hat sie auch noch nie gegeben. Aber der Witz ist:

Es muss auch keinen solchen „großen Plan“ geben, der denen, die wie wild herumzocken, auf Kredit spekulieren, immer höhere Risiken eingehen und damit das Gegenteil besonnener Investoren sind, den Hals zu retten … solange es genug Akteure gibt, die fest daran glauben, dass es ihn gibt.

Nicht „Geisterhände“, sondern die Mechanismen der Märkte erzeugen Blitz-Wenden

Wer davon überzeugt ist, dass eine plötzliche, immense Aufwärtsbewegung das Werk einer unsichtbaren „Kavallerie“ ist, die sicherstellt, dass der Kelch des Crashs wieder einmal am Markt vorübergeht, handelt entsprechend. Will heißen: Man springt auf den Zug auf und kauft in der festen Überzeugung, dass das „Plunge Protection Team“ oder wer auch immer im Hintergrund zur Attacke bläst und man jetzt mit „Versicherung“ Long gehen kann.

Doch es sind nahezu immer normale Mechanismen der Börsen, die solche plötzlichen Rallyes hervorrufen. Vor allem der Umstand, dass Bären, d.h. Short-Seller (Leerverkäufer) oder in Futures Short gehende Trader die Kurse ungewollt nach oben ziehen, wenn sie ihren Gewinn mitnehmen wollen. Das ist aber vielen Akteuren gar nicht klar, obwohl das eigentlich logisch und für jeden erkennbar wäre. Niemand wundert sich, wenn die Kurse fallen, weil zu viele gleichzeitig verkaufen. Aber fast jeder wundert sich, dass es zu steigenden Kursen führt, wenn zu viele in einer Abwärtsbewegung gleichzeitig kaufen.

Ob im Future oder bei Aktien: Wer an der Börse Short ist, kann seinen Gewinn nur mitnehmen, indem er/sie kauft. Entweder wird bei einer Short-Position im Future eine Long-Position gekauft, um die Position dadurch auf dem Niveau des Einstiegs in den Long-Trade zu neutralisieren und den Short-Gewinn damit zu fixieren. Oder ein Leerverkäufer in Aktien muss die vorher geliehenen und verkauften Aktien am Markt einsammeln, damit er sie dem Verleiher zurückgeben und damit den Gewinn einfahren kann. Und genau das ist es sehr oft, was einen rasanten, weitreichenden Impuls mitten in einer Abwärtsbewegung auslöst. Beispiele waren der März 2020. Oder auch Weihnachten 2018.

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones von 2018 bis 2019 | Online Broker LYNX

In beiden Fällen waren die Gewinne der Bären im Vorfeld schnell und stark gestiegen, was die ersten dazu animierte, „einzudecken“, wie man dieses Sichern der Short-Gewinne auch nennt. In solchen Situationen kommt es oft zu einer wahren Lawine an Käufen der Bären, wenn einer erstmal damit anfängt. Das heißt:

Es waren weder geheime Mächte am Werk, noch war die Motivation hinter diesem initialen Kurssprung wirklich bullisch. Schließlich gehen diejenigen, die glauben, dass es kurzfristig erst einmal nicht weiter nach unten geht, deswegen nicht automatisch davon aus, dass es im Gegenzug zur großen Hausse kommen müsste.

Das denken vielmehr die vielen Anleger, die diesen Mechanismus nicht erkennen und glauben, jetzt greifen „die“ ein, um den Crash zu verhindern. Diese Denkweise jedoch führt eben zu Käufen, denen sich erfahrene Trader natürlich nicht entgegenstellen, denn eher ließe sich ein Güterzug mit bloßen Händen stoppen. Oft wechseln die Bären sofort die Seiten und intensivieren die Rallye noch, weil sie ahnen, dass jetzt an der Börse aktuell eine dieser Phasenbeginnt, in der die weniger erfahrenen Akteure sich „beschützt“ wähnen und die Realität außerhalb der Kurse deshalb erst einmal keine Rolle mehr spielt. Aber ist das mit diesen Sprungtüchern, mit den Käufen großer Akteure im Hintergrund, wirklich alles ein Märchen?

Natürlich wollen die meisten keinen Crash. Aber das hat ihn noch nie verhindert.

Wenn man das „die“ nicht durch das „Plunge Protection Team“ ersetzt, sondern durch große Adressen, dann nicht. Nur sind das keine ominösen Gestalten im Dunkeln. Es sind eben große Adressen, die tun, was sie können, damit für sie nicht das Licht ausgeht. Fonds, Banken im Eigenhandel, Pensionskassen. Das ist in der Tat ein Aspekt, der den Markt neben diesem Phänomen, dass Eindeckungen der Bären die Kurse nach oben ziehen, auffangen kann. Der frühe Morgen nach dem Wahlsieg Trumps am 8. November 2016 dürfte ein solcher Moment gewesen sein.

Die Finanzindustrie braucht zwei Dinge, um zu gedeihen: eine stabile Wirtschaft und optimistische, fleißig investierende Anleger. Damit sitzt man mit den Anlegern in einem Boot: einen Crash und/oder eine lange Baisse will niemand. Hinzu kommen die Politik und die Notenbanken. Dort ist man sich sehr wohl darüber im Klaren, dass eine kritische Situation der Wirtschaft sich immens verschärft, wenn die Aktienmärkte wegbrechen und dadurch viele Menschen ihre Ersparnisse verlieren. Denn wessen Erspartes dahinschwindet, tritt auf die Konsumbremse. Und das intensiviert eine Rezession.

Das war allen vier Gruppen, der Finanzindustrie, den Anlegern, der Politik und den Notenbanken, auch in diesem Frühjahr 2020 klar. Daher hat man auch sofort reagieret, Billionen aus dem Hut gezaubert und die Zinsen massiv gedrückt. Vor allem, weil die Schuldenblase ein noch schnelleres Handeln als sonst erforderte. Denn würde die noch obendrein Platzen, wäre das Chaos nicht mehr zu verhindern.

Wer das erkennt ist verleitet, daraus zu folgern, dass ja am Ende überhaupt nichts passieren kann, denn wenn niemand einen Crash will, kann er ja auch nicht kommen. Das sehe ich allerdings völlig anders. Denn man könnte wirklich nicht behaupten, dass andere, finstere Mächte 1929 oder 1987 einen Crash gewollt hätten oder sich 2000 oder 2008 eine Mehrheit aus o.g. Gruppen nach einer Baisse gesehnt hätte.

Börse aktuell: Entwicklung Nikkei 225 von September bis Dezember 2016 | Online Broker LYNX

Unmittelbar, nachdem in der Nacht zum 9. November 2016 klar wurde, dass Donald Trump der nächste US-Präsident sein würde, brachen die Kurse mitten in der Nacht über die Index-Futures wie vom Blitz getroffen ein. Doch am frühen Morgen drehte alles binnen Minuten senkrecht nach oben. Die Verluste wurden blitzschnell aufgeholt. Und am Ende des Tages gingen Dow Jones, DAX und die anderen großen Indizes mit einem Plus aus dem Handel. Da ich die nächtlichen Kurse der Futures heute, vier Jahre später, nicht mehr in der Datenbank habe, zeige ich dieses Phänomen anhand des japanischen Leitindex Nikkei 225, der in dieser entscheidenden Nacht im regulären Handel lief. Was war passiert:

Große Adressen der Finanzindustrie erkannten sofort, dass dieser Kurseinbruch in einen Crash führen könnte und hielten mit allem, was da war, dagegen. Ein Crash hätte ihnen bösen Schaden zugefügt, also wurden Barreserven ins Feuer geworfen. Das passierte so vehement, dass die Bären begannen, ihre Short-Gewinne einzudecken. Und sofort dachten viele, hier habe die Kavallerie, das „Plunge Protection Team“ oder sonst irgendwer „gezaubert“ und sprangen auf den Zug auf. Die steigenden Kurse formten dann die Nachrichten, so dass bald darauf die meisten wirklich glaubten, die Anleger würden über Trumps Sieg an der Börse aktuell begeistert sein. Vor allem diejenigen, die das Geschehen in der Wahlnacht gar nicht mitbekommen hatten.

1907 und 1929: Man sollte sich nie zu sicher sein – wirklich nie!

Nein, niemand will einen Crash oder eine große Baisse. Aber das ist keine Garantie, dass es nicht doch dazu kommen kann. Solche Käufe, die einen wegbrechenden Markt stoppen und drehen sollten, gab es auch in früheren Zeiten. Und sie waren nicht immer erfolgreich.

1907 trat John Pierpont Morgan gegen einen Crash an der Wall Street an, indem er aufs Parkett marschierte, kaufte, was zu kriegen war und damit die Zuversicht an den Markt zurückbrachte. 1929 versuchten er ebenso wie Rockefeller und andere große Bankiers dasselbe. Aber diesmal scheiterte der Versuch. Die Angst blieb, die Käufe wurden überrannt, aus dem Crash wurde eine große Baisse. Es gibt nicht den geringsten Grund, blind darauf zu setzen, dass so etwas wie damals nicht erneut passieren könnte. Es muss nicht, aber es könnte.

Der Herbst 2020 sieht an der Börse aktuell ein mühsames Klettern heraus aus einer Rezession, die beileibe noch nicht aus dem Feld geschlagen ist. Er sieht diese vielleicht schicksalhafte US-Wahl, die Schuldenblase, die Pandemie. Und er startet mit Indizes auf oder nahe Rekordhoch. 1929 gab es all das nicht, nur eine Aktienmarkt-Blase. Vieles, was in der dann folgenden, großen Depression entstand, ergab sich aus der darauf folgenden Aktien-Baisse. Jetzt haben wir eine Aktienmarkt-Blase und viele der toxischen Zutaten, die damals erst mit der Zeit entstanden, sind bereits da. Nein, einfach darauf zu wetten, dass schon nichts passieren wird, weil „die“ das verhindern werden, ist, denke ich, keine gute Idee!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 25.09.2020, Quelle marketmaker pp4

Sobald die Weltwirtschaft in Schieflage gerät, reagieren Politik und Notenbanken nach Schema F: Die Leitzinsen werden gesenkt, der Anleihemarkt gestützt und Geld unter das Volk gebracht, damit es den Konsum wieder ankurbelt. Auf dem Reißbrett vorgezeichnet funktioniert das immer. Diesmal aber möglichweise nicht.

Grundsätzlich verstehe ich ja, was Regierungen und Notenbanken getan haben, nachdem der weltweite Lockdown der Wirtschaft eine unsanfte Vollbremsung verpasst hat. Was mich umtreibt ist der Eindruck, dass man sich dort einfach darauf verlässt, dass das bislang durchaus bewährte Schema, mit Geld um sich zu werfen, auch diesmal funktionieren müsse.

Starthilfe für den Wirtschaftskreislauf

Die hinter solchen Maßnahmen stehende Grundidee ist dabei eigentlich richtig und nachvollziehbar: Ein abgewürgter Motor kann nicht wieder anlaufen, wenn es am Treibstoff fehlt, in diesem Fall am Geld. Und wenn das auch nicht reicht, versucht man es mit einem „Startpiloten“: noch mehr Geld. Der folgende Chart zeigt, dass dieses simple Prinzip zuletzt dreimal funktioniert hat:

Börse aktuell: Vergleich Geldmenge und BIP der USA von 1995 bis 2020 | Online Broker LYNX

Ob während der Asien-Krise, der Dot.Com-Baisse oder der Subprime-Krise: Erst wurde der Zugang zu billigem Geld massiv erleichtert und die Geldmenge aufgebläht, danach fing die US-Wirtschaft wieder an zu laufen. Und nach dem Motto „viel hilft viel, noch mehr hilft noch mehr“ hat man, da das Bruttoinlandsprodukt diesmal besonders brutal weggebrochen ist, auch besonders viel Geld an Unternehmen und Verbraucher verteilt.

Der Gedanke ist im Prinzip richtig. Das Räderwerk der Wirtschaft kann nur dann wieder rund laufen, wenn der Konsum wieder anzieht. Er ist der ideale Punkt, an dem man ansetzen kann: Wenn der Konsum wieder zulegt, werden wieder mehr Waren produziert. Die Unternehmen müssen wieder mehr Menschen einstellen, die wiederum können wieder mehr Geld ausgeben. Zur Sicherheit pflegen Regierungen dann gerne auch noch mehr öffentliche Aufträge zu vergeben, z.B. im Infrastrukturbereich. Da ist es meist sowieso dringend nötig, weil dafür in Phasen, in denen man nicht gerade mit Geld um sich schmeißt, nie Geld da ist, Europa und die USA können davon ein Lied singen. Die öffentlichen Aufträge dienen damit als zweites Bein neben dem Konsum, um den Motor wieder anlaufen zu lassen. Danach, so die Überlegungen am grünen Tisch, läuft alles wieder von alleine.

Pannenhilfe vom Reißbrett?

Doch diesmal ist die Situation eine andere. Was zwar auch, aber eben nicht nur mit dem Auslöser der Krise, sprich der Pandemie, zu tun hat. Ganz besonders problematisch sehe ich die eigentliche Basis der Krise, die Schuldenblase und das wachsende Misstrauen gegenüber der Politik. Und noch deutlich kritischer ist der Gedanke, dass man diese „Pannenhilfe“ auf dem Reißbrett vorzeichnet und dabei einen entscheidenden Punkt ignoriert:

Menschen tun nicht einfach das, was einige wenige, meist fernab von jeglicher Bodenhaftung, glauben. Menschen sind Individuen und keine Konstante in einer mathematischen Formel.

Genau deswegen sehen wir an der Börse aktuell, dass die v-förmige Erholung des Aktienmarkts bislang keine Entsprechung in der Wirtschaft findet. Die Weltwirtschaft hat zwar eine Gegenreaktion auf den Stillstand während des Lockdowns vollzogen. Aber mehr passiert bislang nicht. Die Erholung verflacht weit unterhalb des Levels, der erreicht werden müsste, damit das Wachstum wieder rund läuft. Woran liegt das?

Viele bullische Investoren sind sich sicher, dass die Verbraucher sich nur deshalb zurückhalten und weiterhin große Ausgaben scheuen, weil sie abwarten, bis Impfstoffe zur Verfügung stehen, die die Corona-Pandemie in die Geschichtsbücher verbannen. Das will ich zwar nicht ausschließen, aber ich zweifle daran. Ich persönlich sehe den Haken, der verursacht, dass die Billionen, die bislang verteilt wurden, verblüffend wenig bewirken, in der persönlichen Situation vieler Konsumenten.

Und da geht es vor allem um das Vertrauen in die eigenen Perspektiven. Ist dieses Vertrauen hoch, ist man in der Tat geneigt, niedrige Kreditzinsen und freigiebige Banken zu nutzen, um sich zu gönnen, was man sich noch gar nicht leisten kann. Dann würde der Plan funktionieren. Aber das Vertrauen ist bislang keineswegs hoch, wie der folgende Chart des US-Verbrauchervertrauens zeigt (jüngste Daten von Ende August), im Gegenteil hat das Verbrauchervertrauen die Zwischentiefs vom Frühjahr zuletzt unterboten:

Börse aktuell: Entwicklung Konsumentenvertrauen in den USA von 1999 bis 2020 | Online Broker LYNX

Da stellt sich die Frage, ob wir uns nicht auf einem Boden, sondern womöglich auf der Kante der nächsten Stufe nach unten befinden. Immerhin dachte man auch Mitte 2001 oder im Sommer 2008, der Boden wäre gefunden. Das war damals ein Irrtum. Die Optimisten sind jetzt natürlich der Ansicht, dass uns das angesichts der historischen Flutung mit billigem Geld nicht passieren werde. Kann sein, aber ich zweifle.

Vertrauen kann man nicht am grünen Tisch planen!

Man muss sich einfach mal die Situation vor Augen halten, in der viele Menschen hierzulande ebenso wie in den USA sind: Sie sind viel höher verschuldet als noch vor zehn Jahren. In den USA stieg die Schuldensumme der Privathaushalte in dieser Zeit um 65 Prozent, in Deutschland immerhin um knapp 25 Prozent. Nach der Finanzkrise 2008 war das Misstrauen zunächst zwar groß, aber mit jedem Jahr, das ohne neue Katastrophe verging, griffen mehr Menschen angesichts der unten gebliebenen Zinsen zu.

Jetzt haben viele sich mit dem Kauf von in den vergangenen Jahren immer teurer werdenden Immobilien verschuldet. Was tut ein Paar, bei dem beide arbeiten und jetzt einer der beiden in Kurzarbeit oder arbeitslos ist? Sparen. Versuchen, die Schulden so schnell wie möglich zu verringern. Selbst Haushalte, in denen nur das greifbare Risiko besteht, dass ein Verdiener ausfällt, würden das tun.

Der folgende Chart zeigt, dass die Sparquote in den USA (für Deutschland werden nur vierteljährliche Zahlen geliefert und die zum zweiten Quartal stehen noch aus) nicht einmal nahe an die vorherigen Levels herankommt. Dafür reduzierte sich in den letzten drei Monaten die Summe der privaten US-Kredite von 10,8 auf 10,5 Billionen US-Dollar.

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote in den USA von 1980 bis 2020 | Online Broker LYNX

Ein nicht unwesentlicher Teil der US-Bürger (und hierzulande beobachte ich das ebenfalls) hat also KEIN Vertrauen in die unmittelbare Zukunft und scheut daher größere, nicht zwingend nötige Anschaffungen. Dass die Zahl der Neuzulassungen bei Automobilen in Deutschland im August schon wieder deutlich unter die Gegenreaktion vom Juni und Juli zurückfiel und 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegt, spricht Bände. Aber das bedeutet:

Pflaster drauf reicht nicht, um eine Blase dauerhaft am Platzen zu hindern

Das Wachstum kehrt nicht einfach so zurück. Erstens, weil vieles von den mit dem Helikopter abgeworfenen Billionen dazu benötigt wird, um Kredite zu bedienen. Was Regierungen und Notenbanken auch durchaus klar war, deswegen kam das Geld ja diesmal im Eiltempo und in rauen Mengen. Denn würde die Schuldenblase platzen, entsteht ein fataler Dominoeffekt, bei dem die Weltwirtschaft sich zusammenfalten würde wie ein kaputter Klappstuhl. Und alle hätten dann die Finger dazwischen.

Zweitens, weil der Teil des Geldes, der an die Privathaushalte fließt, zum Teil nötig ist, um Menschen, die auch vorher nicht viel hatten, über die Runden zu bringen. Man muss bedenken, wie viele Privathaushalte verschuldet sind und schon vorher mit spitzem Bleistift rechnen mussten. Dass die USA das Arbeitslosengeld satt aufstocken und hierzulande das Kurzarbeitergeld gesponsert wird, basiert nicht darauf, dass die Regierungen nett sein wollen, sie wissen um die Gefahr.

Drittens, weil das, was übrig wäre, eben wegen dieser wackligen Lage oft nicht in den Konsum geht, sondern ins Sparschwein oder an die Gläubiger.

Wie kann man das Eis brechen, die Menschen wieder zum Konsum bringen? Ich glaube eher nicht, dass Impfstoffe da ausreichen. Nicht mit einer solch hohen Privatverschuldung. Und nicht mit der Sorge, dass sich die Regierungen die Unterstützungen womöglich sofort über höhere Steuern zurückholen, sobald die Lage auch nur ansatzweise stabilisiert scheint.

Was tun? Gute Frage!

Die Ursache des Problems müsste behoben werden, statt wie bisher einfach ein Pflaster über die Symptome zu kleben. Dass man nie am eigentlichen Problem der zu niedrigen Zinsen und der Überschuldung ansetzte, ist zwar nachvollziehbar. Die Politik scheut unpopuläre Maßnahmen. Und den Geldhahn zuzudrehen, ist eine. Vor allem wäre das deswegen vernichtend gewesen, weil es ja der stetige Anstieg der Schulden war, der in den letzten Jahrzehnten das Wachstum generierte. Eine stets weiter auseinander klaffende Schere zwischen denen, die viel haben und denen, die bestenfalls gerade so über die Runden kommen, führte zu der irrwitzigen „Lösung“ denen, die nichts haben, über billige Kredite den Konsum zu ermöglichen und so ein Wachstum herbei zu mogeln, das es sonst nicht mehr gegeben hätte. Und damit wird klar, dass der Karren jetzt noch tiefer als zuvor im Dreck steckt. Denn wollte man an der Wurzel des Übels anpacken, hieße das:

Erstens: Zinsen rauf, damit die Menschen das Vertrauen zurückerhalten, dass ihre Ersparnisse sicher sind, sie dafür eine Rendite bekommen, anstatt es Jahr für Jahr schwinden zu sehen.

Zweitens: Den Schuldenberg abbauen, damit die berechtigte Sorge, bei immer kleineren Problemen finanziell in den K.O. zu torkeln, verschwindet.

Das Häkchen bei der Sache: Das eine schließt das andere aus, denn steigende Zinsen würden zwar verhindern, dass fürderhin zu viele Menschen auf Pump leben, aber das würde die laufenden Kredite so verteuern, dass viele ihre Schulden nicht mehr abzahlen, womöglich nicht einmal mehr bedienen könnten. Und das gilt nicht zuletzt auch für viele Unternehmen. Und mit Wachstum wäre dann auf Jahre hinaus auch nichts mehr drin.

Ich muss zugeben: Mir fällt kein Weg ein, um aus dieser Zwickmühle herauszukommen. Allen die Schulden zu erlassen wäre eine Schnapsidee, denn all diejenigen, die ihr Leben lang klug und vernünftig gehaushaltet haben, würden damit bestraft und die Gläubiger in die Pleite geschickt. Also?

Also hoffen Regierungen und Notenbanken jetzt darauf, dass die Sache irgendwie vielleicht doch noch das x-te Mal gutgeht und erst die nächste Krise den Zusammenbruch bringt … dann, wenn sie selbst nicht mehr in der Verantwortung stehen. So, wie das in all den vorangegangenen Krisen auch gehandhabt wurde, als man sich dachte: Beim nächsten Mal geht es wohl schief, aber jetzt …

Ich würde zwar keine hohe Wette darauf eingehen wollen, dass es dieses Mal ist, bei dem die Sache eben doch schiefgeht. Gerade weil mir bewusst ist, dass man Denken und Handeln der Menschen nicht auf dem Reißbrett vorherberechnen kann. Aber dagegen wetten … das würde ich erst recht nicht!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Marktkommentar vom 21.09.2020, Charts vom 18.09.2020, Quelle marketmaker pp4

Außenstehende gehen automatisch davon aus, dass das, was an der Börse passiert, logisch sein müsse, dass die Marktteilnehmer streng den Fakten folgen. Doch den „homo oeconomicus“, der alle Informationen sammelt, verarbeitet und rational umsetzt, gibt es nicht. Man kann die oft überraschenden Bewegungen der Kurse eher mit der Chaostheorie erklären. Wobei diese nicht aussagt – was viele glauben – dass alles ein völlig unberechenbares Chos wäre. Es bedeutet vielmehr, dass es oft unscheinbar wirkende Kleinigkeiten sind, die viel bewegen.

Knallt es am Aktienmarkt, kommt eine Frage jedes Mal aufs Neue auf: Warum jetzt (erst)? Die Warnsignale stapeln sich hochkant, ob in Bezug auf Konjunkturdaten oder auf die Chart- und Markttechnik oder das Sentiment … und trotzdem kommt die Wende einfach nicht. Erst, wenn die Bären sich schon so viele blutige Nasen geholt haben, dass sie keine Lust mehr haben, es überhaupt noch zu versuchen, wenn so viele „bad news“ einfach ignoriert wurden, dass die Masse glaubt, nichts könne die ewige Hausse mehr kippen, bricht auf einmal alles weg. Und nicht selten fallen die Kurse dann wie ein defekter Fahrstuhl.

Im Gegenzug stellen wir uns bei Aufwärtswenden immer wieder die Frage, wieso aus einer Gegenreaktion plötzlich eine Wende wurde, die irgendwie schon längst vollzogen ist, bevor man sie als solche erkennt, während die Rahmenbedingungen zeitgleich nicht besser, sondern immer schlechter werden. Da fragen sich sogar die alten Hasen jedes Mal: Warum (schon) jetzt?

Warum jetzt? Das Mysterium der verzögerten Reaktionen

Sehen wir uns dazu mal einige Beispiele an. Anfang Oktober 2018 brachen die Aktienmärkte auf einmal weg. Vorher gab es zwar Anfang 2018 schon einmal eine wacklige, volatile Phase, die wurde aber recht gut weggesteckt. Die Bullen fielen daher im Herbst 2018 aus allen Wolken. Warum jetzt?

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung Dow Jones  und Leitzinsen der USE von 2008 bis 2019 | Online Broker LYNX

Wie so oft ließ sich kein unmittelbarer Auslöser finden. Begründungen, ja, die kamen zuhauf. Aber eben erst danach. Da ist dann jeder schlauer und kann Argumente zusammenbasteln, die zu dem passen, was gerade passiert ist. Die Zuspitzung des Handelskriegs sei es gewesen, in Kombination mit den Leitzinserhöhungen der US-Notenbank, die angeblich drohten, das Wachstum abzuwürgen. Na ja  … wenn man sich die Entwicklung der Leitzinsen so anschaut, darf man diese Begründung zu Recht mit der Gegenfrage versehen: Warum soll ausgerechnet die neunte Leitzinsanhebung alle zum Ausstieg bewogen haben, nachdem die US-Indizes, hier repräsentiert durch den Dow Jones, seit der ersten Zinserhöhung Ende 2015 immer weiter gestiegen waren? Und wenn der Handelskrieg wirklich ein Grund war, wieso juckte das dann ab Weihnachten 2018 auf einmal doch wieder niemanden, obgleich selbst die erste Teil-Einigung erst Anfang 2020 gelang?

Nein, das beantwortet die Frage nach dem „warum jetzt“ nicht. Aber die möchte man gerne beantworten können. Denn gelänge das, wäre man bei Abwärts- und Aufwärtswenden viel früher, im Idealfall am Hoch bzw. Tief mit dabei. Wenn man vom ersten Moment an durchschauen könnte, ob aus einem scharfen Impuls entgegen der vorherigen Trendrichtung mehr als eine Gegenbewegung wird, könnte man optimal auf eine Trendwende reagieren. Denn vergessen wir nicht:

Korrekturen sehen am Anfang wie kurze Gegenbewegungen aus. Sie werden zu einer Korrektur, wenn sie weiter reichen, als man eingangs vermuten würde. Und sie werden zu einer Trendwende, wenn die Korrektur einfach nicht mehr aufhört. Was man aber dummerweise nicht am ersten Tag absehen kann, sondern erst, wenn die Sache längst passiert ist.

Aber kurz zurück zu dem obenstehenden Beispiel des vierten Quartals 2018. Die schlagartige Aufwärtswende an Weihnachten 2018 basierte, wie man im Nachhinein zu erkennen glaubte, auf der Aussage der US-Notenbank, es mit weiteren Zinsanhebungen vorerst sein zu lassen. Klingt logisch … aber nicht, wenn man erneut fragt:

Wieso jetzt? Warum war die neunte Zinsanhebung Basis markanter Verkäufe, weil die zehnte befürchtet wurde? Hätte ein Viertelprozent mehr beim Leitzins auf einmal alles auf den Kopf gestellt, aus einem perfekt bullischen Umfeld, in dem steigende Leitzinsen als Beleg für eine starke Wirtschaft und steigende Unternehmensgewinne gesehen wurden, ein Tal der Tränen gemacht? Natürlich nicht. Hätte ein Stoppen der Zinsanhebungen auf einem Niveau, das angeblich als bereits zu hoch angesehen wurde, die Lage wieder so zum Positiven verkehrt, dass die dem Einbruch folgende Super-Rallye begründbar gewesen wäre? Nein. Eigentlich wäre diese Argumentation also Blödsinn. Aber in ihr verbirgt sich trotzdem ein wichtiger Aspekt.

Wendepunkte basieren nicht auf Logik, sondern auf Emotionen

Denn wenn diese immer nachträglich gelieferten Begründungen für scharfe Kursbewegungen oder sogar für Trendwechsel nicht wirklich logisch sind, bleibt nur eines, wenn man nicht behaupten wolle, dass die Marktteilnehmer ihre Aktionen morgens beim Kaffee auswürfeln:

Es müssen emotionale Entscheidungen sein. Und ja, das sind sie in der Tat. Und da Emotionen weder von ihrer Art noch vom Zeitpunkt her, zu dem sie ansteckend werden, berechenbar sind, könnte man die Sache hiermit beenden und konstatieren: Man hat keine Chance, Trendwenden als solche zu erkennen, bevor die Sache nicht bereits über die Bühne ist. Aber dann könnte man gleich weiter folgern, dass Trading Glückssache wäre. Aber nein, damit sollte man sich nicht zufriedengeben.

Eines fällt ja am Beispiel 2018 auf, das wir im nächsten Beispiel, der Situation an der Börse aktuell, bestätigt sehen: Abwärtswenden kommen später, als man das auf Basis logischer Argumente vermuten könnte, Aufwärtswenden hingegen früher. Sehen wir uns den Chart der aktuellen Phase mal an:

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung DAX und ZEW-Index von 2018 bis 2020 | Online Broker LYNX

Hier haben wir den DAX ab Herbst 2018, zusammen mit dem ZEW-Index der aktuellen Lagebeurteilung. Der ist deutlich interessanter als der bekanntere ZEW-Index der Konjunkturerwartungen, denn es ist ja die aktuelle Lage, die die Fakten liefert. Die Erwartungskomponente liefert keine Fakten, sondern Erwartungen, besser gesagt Hoffnungen oder Befürchtungen. Es fällt auf, dass dieser Lage-Index seit Herbst 2018 stetig fiel, dies den Aktienmarkt aber nicht im Mindesten kümmerte. Und nach dem „Corona-Crash“ ging es mit dem Ignorieren der tatsächlichen Situation fröhlich weiter: Der DAX schoss ab Mitte März wieder steil nach oben, während beim ZEW-Index der aktuellen Lagebeurteilung von einer echten Verbesserung nichts zu sehen ist. Wir folgern:

Die Trendwenden kommen deswegen so stark verzögert zur realen Lage, weil die Anleger nicht wollen, dass es abwärts geht und deswegen einfach nicht aussteigen, solange es andere nicht auch tun … und dafür sofort wieder kaufen, wenn es nur die geringsten Anzeichen in den Kursen gibt, dass da nach oben wieder etwas gehen könnte. In beiden Fällen wird die Realität also ignoriert … und damit unlogisch gehandelt. Gut zu wissen, aber das taugt für Timing eher nichts. Könnte man das nicht doch präziser fassen, indem man z.B. die Charttechnik mit ins Boot nimmt? Immerhin basiert ja ein großer Teil der Umsätze an den Börsen auf rein chart- und markttechnischen Aspekten, damit müsste man die Wenden also besser einfangen können. Schauen wir mal hin, wechseln zum Chart des technologielastigen Nasdaq 100:

Die Charttechnik spielt zwar eine Rolle, aber …

Dieser Chart zeigt die Super-Hausse dieses „Heimatindex“ von Apple, Amazon oder Tesla seit April. Nach der ersten, extremen Aufwärtsreaktion im März etablierte sich im April ein Aufwärtstrend, der zusammen mit der im Chart blau gezeichneten 20-Tage-Linie zum Leitstrahl der Käufer an der Börse aktuell wurde. Man könnte verleitet sein zu konstatieren: Das Hoch war zugleich ein Warnsignal der Candlestick-Technik in Form eines „hanging man“ … also muss man sich nur an die Technische Analyse halten, dann kann man sich dieses Grübeln über die Rolle von Logik versus Emotionen sparen. Kann man das wirklich?

Börse aktuell: Entwicklung Nasaq 100 von April bis September 2020 | Online Broker LYNX

Sie sehen in diesem Chart, dass der Index zuvor ein vergleichbares Warnsignal nach dem anderen wegsteckte: hanging men, evening stars, haramis, da kam ein kritisches Signal nach dem anderen. Aber die Trader reagierten darauf nicht, kauften spätestens an diesem vorgenannten doppelten Leitstrahl immer wieder und trugen den Index auf neue Rekordhochs. Und ja, dieses letzte Warnsignal in Form eines „hanging man“ hat dem Index scheinbar den Rest gegeben. Aber:

Erstens hätte man nicht vorhersagen können, das wievielte Warnsignal eines zu viel war. Und auch, wenn diese April-Aufwärtstrendlinie jetzt gebrochen ist … auch, wenn der Versuch, sich sofort wieder in den Trend hinein zu retten, per Freitagabend misslungen ist: Man sollte sich hüten, alleine deswegen das Kreuz über diese Rallye zu schlagen. Es kann sein, dass es das war für die Bullen. Es muss aber nicht.

Denn das bullische Lager mag an der Börse aktuell verunsichert, womöglich ängstlich sein. Die Emotionen sind also aktuell negativ, haben die vorherige Euphorie abgelöst. Aber die Bullen wollen weiter fallende Kurse ja nicht. Sie würden jedes Argument akzeptieren, das ihnen einen Grund zum Einstieg und die Hoffnung auf die Wiederaufnahme der Hausse liefern würde. Und natürlich, das dürfte jetzt nicht mehr infrage stehen, würden sie sich dabei höchst bereitwillig auch an völlig unlogische Argumente klammern!

Das bedeutet nicht, dass die Chart- und Markttechnik nicht funktionieren würde. Aber sie funktioniert eben nur gut auf der Ebene, auf der die Trader, die sie hauptsächlich nutzen, auch agieren: kurzfristig. Eine Trendwende frühzeitig zu erkennen, bevor z.B. eine Trendwendeformation abgeschlossen und im Idealfall bestätigt wurde, das ist knifflig.

Wer versucht, frühzeitig zu erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass aus einer scharfen Korrektur am Ende eine echte Trendwende wird, muss diesen Aspekt immer im Hinterkopf haben und abklopfen. Und dabei die Chaostheorie mit berücksichtigen.

Welche Rolle spielt die Chaostheorie?

Die besagt, ganz grob formuliert, dass Winzigkeiten einen immensen Effekt haben können, wenn es zu einer Verkettung von bestimmten Ereignissen kommt. Was man aber nicht vorausberechnen kann, weil immer erst ein neues Glied der Ereigniskette ein weiteres bedingen kann. Dieser berühmte Sack Reis, der in China umfällt, kann somit ohne jede Wirkung auf das Weltgeschehen bleiben oder aber eine wilde Hausse oder im Gegenteil einen Crash am Aktienmarkt zur Folge haben. Schauen wir uns als Beispiel mal die abrupte Wende des DAX im März an. Warum drehte der DAX Mitte März nach oben? Das kann man mit einer Ereigniskette erklären.

Börse aktuell: Entwicklung DAX von 1999 bis 2020 | Online Broker LYNX

Zunächst einmal war der Index derart brutal eingebrochen, dass Akteure auf der Short-Seite mehr als satte Gewinne hatten. Aber das waren nur Buchgewinne. Erst die Glattstellung dieser Short-Trades konnte aus Buchgewinnen, die heute da und morgen wieder weg sein können, echte Gewinne auf dem Konto machen. Doch wenn man diese Gewinne sichern will, muss man leer verkaufte Aktien zurückkaufen, muss Short-Positionen im Future durch den Kauf von Long-Positionen neutralisieren. Das zieht die Kurse eben höher. Gewinnsicherung bärischer Trader, das war der Beginn dieser Hausse … hätte es aber nicht sein müssen. Es kam eben noch etwas anderes hinzu:

Der DAX hatte, das zeigt dieser ganz langfristige Chart, in diesem Moment (der übrigens auch noch mit einem großen Abrechnungstermin am Terminmarkt zusammen fiel, wodurch sich viele der großen Trader an der Terminbörse neu ausrichten konnten) die uralten, aber markanten Hochs der Jahre 2000 und 2007 um 8.150 Punkte touchiert. Die die Kurse ziehenden Eindeckungen der Bären führten dazu, dass diese alten Wendemarken hielten. Und wenn man sich erinnert, dass die verunsicherten Käufer in solchen Situationen nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen die Rettung, sprich die Aufwärtswende verspricht, war er verständlich, dass sie diesen Strohhalm dankbar annahmen und kauften.

Das wiederum führte dazu, dass der DAX am Ende des Monats nicht unter, sondern knapp über der langfristigen, 2009 etablierten Aufwärtstrendlinie landete. Das machte noch mehr Hoffnung, es wurde weiter gekauft. Das hätte man Mitte März nicht voraussehen können, denn eines führte eben zum anderen. Danach war es alleine die durch diese wieder steigenden Kurse zurückgekehrte Hoffnung, die den DAX erst einmal weiter trieb. Und Hoffnung ist, das haben all diese Beispiele gezeigt, ebenso hartnäckig wie ansteckend. Fazit: Ja, die Chaostheorie, diese unberechenbare Verkettung von Ereignissen, spielt in der Tat eine wichtige Rolle bei Trendwenden. Wie geht man damit um?

Wie man mit dem scheinbaren Chaos umgeht

Heißt das denn nicht, dass man absolut gar nichts vorhersagen kann? Das heißt es, zumindest, wenn es über ein sehr kurzfristiges Zeitfenster hinausgeht. Was ein entscheidender Grund ist, warum ich Prognosen wie „wo steht der DAX an Silvester“ nicht mag. Denn in solche Ereignisketten spielt ja zudem auch noch die Realität mit hinein, wenn es zu unvorhersehbaren, aber die Märkte immens beeinflussenden Ereignissen kommt. Die Corona-Pandemie dürfte sehr deutlich machen, wie stark solche Aspekte wirken können und ebenso, dass man das solche Einflüsse nicht vorhersehen kann. Also? Demütig die Hände in den Schoß legen und die Trading-Richtung jeden Morgen mit einem Münzwurf entscheiden?

Nein, aber ich denke, es ist wichtig, dass man den unberechenbaren Elementen, die die Kurse bewegen, mit der nötigen Demut gegenübertreten sollte. Wer sich den alten Spruch „erwarten Sie das Unerwartete“ zu eigen macht, wer also erkennt und berücksichtigt, dass es jederzeit zu völlig überraschenden, starken Bewegungen kommen kann, steht schon weit besser da als all diejenigen, die wirklich glauben, die Kurse ließen sich auf dem Reißbrett vorausberechnen.

Wenn man dann auch noch entsprechend behutsam agiert, indem man all die ehernen Börsenregeln, die Trader-Legenden über Jahrzehnte hinweg aufgestellt haben, berücksichtigt, ist man gegenüber dem Unerwarteten an der Börse aktuell so gut gerüstet, wie das eben möglich ist. So z.B. nie mit einem so hohen Kapitaleinsatz zu agieren, dass der einem den Schlaf raubt. Grundsätzlich dem Trend zu folgen, auch, wenn der unlogisch erscheint. Nie ohne Stoppkurse zu agieren. Und, wenn man schlicht nicht weiß, was genau zu tun wäre, auch nichts zu tun.

Wer akzeptiert, dass die Logik an der Börse bestenfalls ein ab und an auftauchendes „Kann“ ist, Emotionen entscheidend und zugleich unberechenbar sind und das Unerwartete hinter jeder Ecke lauert, kommt mit der Börse durchaus klar. Denn wer das einsieht, sieht ebenso ein, dass nur eines zählt: Mittelfristig ein wenig mehr Gewinn als zu Verlust zu machen. An der Börse kann einfach nicht immer alles klappen. Es lebt sich gut damit, wenn man diese Tatsache erst einmal akzeptiert hat. In diesem Sinne:

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Marktkommentar vom 14.09.2020, Charts vom 11.09.2020, Quelle marketmaker pp4