Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 30.-05.02.2023

Die Rezession fällt aus? Warum man darauf besser nicht wetten sollte

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Erst verbreitete sich diese Ansicht unter den Anlegern, jetzt glaubt auch die Bundesregierung daran: Gemäß ihrer aktuellen Voraussage wird 2023 ein leichtes Wachstum zeigen. Für nicht wenige ist das ein Argument, um beim DAX nahe am alten Rekordhoch so richtig zuzulangen. Aber wenn man die Sache mal durchdenkt, stellt man fest: Dieses Szenario ist nicht gerade wahrscheinlich, denn man macht die Rechnung ohne so manchen Wirt.

Das Statistische Bundesamt hatte schon Mitte Januar überschlagen, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr 2022 um 1,9 Prozent gestiegen sei. Dass das trotz Inflation und Ukraine-Krieg sowie den letzten Ausläufern der Corona-Krise möglich war, dürfte nicht nur so manchen Anleger davon überzeugt haben, dass die heimische Wirtschaft stark genug ist, der Inflation und den höheren Zinsen auch weiterhin zu trotzen. Es dürfte auch die Bundesregierung dazu verleitet haben zu prognostizieren, dass Deutschland 2023 nicht, wie noch im Herbst vermutet, eine wirtschaftliche Schrumpfung erleben, sondern leicht wachsen wird. Doch davon abgesehen, dass solche Weissagungen nichts zu sagen haben, nicht umsonst werden sie permanent verändert, denke ich, dass man sich da tendenziell auf dem Holzweg befindet.

Das Wachstum 2022 ist keine Basis, um für 2023 den Daumen zu heben

Denn nüchtern betrachtet kam dieses auf den ersten Blick so seltsam wirkende Wachstum des Vorjahres nicht trotz Corona, Ukraine, Inflation und höherer Zinsen zustande, sondern wegen dieser Faktoren. Und wegen der ersten „Geldspritzen“ der Bundesregierung, entgegen den Warnungen der EZB. Überlegen wir mal:

Diese um wohl 1,9 Prozent höhere Wirtschaftsleistung hat als Vergleichsbasis das 2. Corona-Jahr 2021. Als weder Gastronomie, Hotellerie noch Eventbranche irgendetwas auf die Kette bekommen konnten. Ab Frühjahr 2022 aber wurde wieder „aufgemacht“. Alleine das macht ein „Mehr“ im Vergleich zu 2021 aus.

Dann hatten wir eine nicht unwesentliche Menge an Vorkäufen von Verbrauchern, die dabei auch teilweise ungerechtfertigt hohe Preise bezahlten, weil man fürchtete, dass in Kürze alles noch viel teurer wird, immerhin sangen manche Medien monatelang das Lied der Hyperinflation. Aber was gestern vorzeitig gekauft wurde, wird morgen eben nicht mehr gekauft.

Wir hatten 2022 den Faktor der Lieferprobleme, die auch und gerade bei Neufahrzeugen dazu führten, dass zwar gegenüber 2021 weniger Fahrzeuge verkauft wurden, die aber zu so hohen Preisen, dass der Umsatz der wichtigen Automobilbranche deutlich stieg.

Und natürlich wurde, zumindest bis in den Spätsommer hinein, hektisch gebaut, um noch zumindest einigermaßen „angenehme“ Hypothekenzinsen mitnehmen zu können.

All das trug dazu bei, dass die Gesamtwirtschaftsleistung wuchs, statt zu sinken. Aber all das sind auch Faktoren, die uns 2023 ausbremsen. Vorgezogene Investitionen bedeuten, dass so manche Branche in ein Loch fallen wird. Die Baubranche klagt schon jetzt. Und in Sachen Maschinenbau, Dienstleistungen oder Autobranche könnte es ebenfalls ungemütlich werden. Das ist keine Basis, um für 2023 mit Wachstum zu rechnen. Aber, werden nun einige einwenden, wenn die Inflation verschwindet und die Zinsen fallen, dann wird Geld billiger und wieder ordentlich auf Pump gekauft, gebaut und, am Ende, auch investiert. Und genau darauf steuern wir doch gerade zu. Oder nicht?

Börse aktuell: Entwicklung deutsches BIP und Inflation in Deutschland im Vergleich von 1994 bis 2023 | Online Broker LYNX

Vier Punkte, die wir brauchen … und wohl nicht bekommen

Genau: oder nicht. Vorstehend sehen Sie noch einmal eine Grafik, die ich vor einigen Wochen gezeigt hatte: Der eigentliche Druck auf die Wirtschaft folgt normalerweise erst nach dem Höhepunkt der Inflation. Und das ist auch logisch.

Denn was vielen nicht wirklich bewusst ist: Wenn die „Inflationsrate“ fällt, heißt das nicht, dass alles wieder billiger wird. Das heißt nur, dass alles langsamer teurer wird. Aber teurer wird es eben dennoch. Es müsste monatelang zu sinkenden Preisen kommen, und zwar außerhalb der volatilen Energiepreise, es bräuchte Deflation, um die Kaufkraft ohne das Risiko einer Lohn/Preis-Spirale wieder auf vorheriges Niveau zu bringen. Die Kernrate der Teuerung müsste fallen, d.h. die Preise für Autos, Mieten, Möbel, Dienstleistungen aller Art müssten runter. Erst das wäre eine echte Entlastung. Und das ist bislang eben nicht der Fall. Am Dienstagnachmittag kommt die Vorab-Berechnung der deutschen Inflation des Januars … wir dürfen gespannt sein, was da auf den Tisch kommt. Aber zurück zum Punkt:

Um für 2023 Wachstum erwarten zu dürfen, bräuchten wir folgende Entwicklungen:

Die Inflation müsste effektiv deutlich zurückkommen, zugleich aber die Löhne nicht stark zulegen.

Die Unternehmen müssten eine inflationsdämpfende Preispolitik betreiben.

Die Verbraucher müssten wieder spürbar mehr konsumieren.

Die Zinsen müssten zeitnah und deutlich sinken.

Die Lohn-Preis-Spirale ist noch nicht vom Tisch

Dass wir in der folgenden Grafik dramatisch negative Reallöhne sehen, sollte da nicht beruhigen. Die momentan ausgehandelten Lohnsteigerungen und laufenden Tarifverhandlungen werden die Inflation 2023 zu einem relativ hohen Teil ausgleichen. Das bietet den Unternehmen das Argument, die Preise wegen höherer Lohnkosten weiter anzuheben. Und da wir dann ja auch noch diese meist wenig gezielten Geldspritzen der Regierung sehen, bleiben zwar viele in finanzieller Not, andere haben aber nach entsprechenden Lohnerhöhungen und Sonderzahlungen wie der „Inflationsausgleichsprämie“ glattweg mehr als vorher.

Börse aktuell: Reallohn-Entwicklung Deutschland von 1985 bis 2023 | Online Broker LYNX

Damit hätten wir zwar eine Stützung der Konsumfähigkeit insgesamt. Aber der Versuch, sich um eine Rezession herum zu mogeln, indem man eilig Geld druckt bzw. sich das über die Ausgabe immenser Mengen neuer Anleihen refinanziert, bedeutet, dass der Konsum sich auf dem derzeitigen Level halten könnte … nicht muss … und genau das ist es, wovor die EZB gebetsmühlenartig warnt. Die Politik will nicht untätig dastehen und damit den Wähler auf die Barrikaden bringen und ignoriert deswegen die Warnungen. Aber genau so wird das Abebben der realen Inflation ausgebremst, was hieße: Die EZB muss die Zinsen weiter erhöhen. Es sei denn …

Unternehmen, die auf Rekordgewinne verzichten … ernsthaft?

… man würde bei großen Unternehmen, seien es die Einzelhandelsketten, die Autobauer oder einige Dienstleister, tatsächlich nur noch Preise nehmen, die dem Anstieg der eigenen Kosten entsprechen. Denn die Rekordgewinne, die viele große Unternehmen trotz dieser kritischen Gesamtsituation für 2022 ausweisen bzw. ausweisen werden, machen klar: Man hat dieses Argument der Inflation ausgenutzt, um die Preise da, wo es möglich war, so stark anzuheben, dass nebenbei auch die eigene Gewinnmarge mit stieg. Da wohl kaum jemand ernsthaft glaubt, dass das 2023 anders wird, solange man von politischer Seite die höheren Preise mit finanziellen Stützungsmaßnahmen auszugleichen versucht, dürfte diese Voraussetzung einer Rückkehr zu realem Wachstum nicht erfüllt werden.

Der Konsum müsste anspringen … aber wie und womit?

Mich persönlich erstaunt es, dass meine Online-Bestellungen auf einmal binnen weniger Stunden gepackt, versendet und rasend schnell vor Ort sind. Und das in ganz unterschiedlichen Bereichen. Es macht den Eindruck, als wäre momentan in Sachen Bestellungen nicht allzu viel los.

Hinzu kommt, dass ich im persönlichen Umfeld sehe, wie viele Mieter die gestiegenen Energiepreise nicht ernst genommen haben, jetzt aber bei der Nebenkostenabrechnung blankes Entsetzen empfinden, weil sie das nachzuzahlende Geld nicht haben. Und auch Eigentümer bekommen häufig (ich zum Beispiel) jetzt erst Post von ihrem Energieversorger, der die Preise drastisch nach oben nimmt. Dieses Geld wird fehlen.

Auch die immer häufiger werdenden Meldungen über Entlassungen bei US-Unternehmen sollten aufhorchen lassen, die schwachen US-Konjunkturdaten ebenso, Teslas jüngst gemeldete Preissenkungen sowieso. Sicher, das betrifft die USA. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass es diesmal nicht so läuft wie früher und ein Abschwung in den USA wenige Monate später auch Europa erreicht? Wie wahrscheinlich ist es, dass Europa diesmal eine Insel der Glücksseligen wird? Und das, obwohl man auch fürchten muss, dass China als Abnehmer europäischer Waren vorerst nicht mehr zu alter Stärke zurückfinden wird, wie zuletzt z.B. der Chef von Intel mutmaßte … auf Basis dessen, was er im eigenen Unternehmen sieht? Es ist immens unwahrscheinlich.

Börse aktuell: Entwicklung Sparquote in Deutschland und den USA im Vergleich von 1984 bis 2023 | Online Broker LYNX

Und woher soll denn ein wieder anspringender Konsum als Basis von Wachstum trotz höherer Zinsen und Inflation kommen? Wenn wir uns im vorstehenden Chart ansehen, wie massiv die Sparquote in den USA zuletzt unter Druck kam und das mit den schwachen US-Einzelhandelsumsätzen ins Verhältnis setzen, wird klar:

Die US-Bürger sparen nicht weniger, weil sie mehr ausgeben, sondern weil weniger zum Sparen übrig ist. Sicher, man kann das Geld auch außerhalb des Einzelhandels ausgeben, aber wo wollte man momentan den Konsum-Boom finden, der dann ja greifbar sein müsste? Dass die US-Wirtschaft im vierten Quartal dennoch wuchs, hat viele Gründe. Ein starker Verbraucher als Rückgrat soliden Wachstums ist nicht dabei.

Für Deutschland werden diese Daten nur vierteljährlich vorgelegt, der letzte Stand ist daher vom 30. September. Aber auch da sehen wir, dass die Sparquote in den vergangenen Quartalen tendenziell gesunken ist. Und damit kommen wir wieder zu den vorherigen Punkten:

In diesem Umfeld muss die EZB die Zinsen weiter anheben

Wenn man seitens der öffentlichen Hand versucht, den Konsum künstlich aufzupeppen, indem man mit Geld um sich wirft, werden die Unternehmen die Preise nicht senken, sondern anheben. Dann kann die EZB gar nicht anders, als die Zinsen weiter zu erhöhen. Und schon kommen wir in den fatalen Kreislauf, der zum Ergebnis hat, dass man zwar mit höheren Löhnen und Ausgleichszahlungen eine unmittelbare Rezession verhindert, diese aber dadurch nur etwas später einsetzt und umso heftiger wird, weil genau das, was gerade läuft, das ist, das die EZB zu weiteren Zinserhöhungen zwingt. Denn dort weiß man, was man in der Politik nicht versteht oder nicht wissen will und so mancher Konjunktur-Optimist womöglich auch nicht:

So übel es auch ist, dass vor allem die finanziell ohnehin schlecht gestellten Menschen die falsche Politik von Regierungen und Notenbanken der letzten gut 20 Jahre ausbaden müssen, in denen man die Zinsen nicht auf Normalniveau zurückführte, bewusst Überschuldung zuließ und Reformen verweigerte:

Wir steuern momentan auf einen „Schrecken ohne Ende“ zu

Es geht nicht anders als über das Drücken des Konsums, wenn man die Inflation stoppen will, statt durch Nichtstun eine Situation herbeizuführen, die man nicht mehr in den Griff bekommt. Durch eine solche Phase muss man durch. Und wenn weiter massiv gegen die EZB gesteuert wird, bekommen wir nicht das unangenehme Ende mit Schrecken, sondern einen extrem fatalen Schrecken ohne Ende.

Am Anleihemarkt, wo die großen Investoren mehrheitlich deutlich fachkundiger und erfahrener sind als am Aktienmarkt, versteht man das genau. Der folgende Chart zeigt einerseits den DAX, andererseits das Kursbarometer deutscher Anleihen am Futures-Markt, den Bund Future. Um das kurz zu erläutern: Steigende Zinsen bzw. die Erwartung dessen bedeuten, dass der Kurs des Bund Future fällt, weil man höhere Zinsen dann in die Kurse laufender Anleihen „einarbeitet“. Bei fallenden Zinsen geht es mit dem Bund Future im Gegenzug aufwärts. Wir sehen:

Börse aktuell: Entwicklung DAX und Bund-Future im Vergleich von 2008 bis 2023 | Online Broker LYNX

Die Aktienmarkt-Bullen wetten gerade gegen die Notenbank und den Anleihemarkt

Bis Ende 2019 ging es mit den Zinsen fast konstant nach unten, der Bund Future stieg. Das Geld wurde also immer billiger bzw. blieb billig, ein ideales Umfeld für Wachstum und steigende Aktienkurse. Dann folgte eine Toppbildung, die 2022 in einen deutlich fallenden Bund Future überging. Sprich das Geld wurde teuer, die Zinsen stiegen, die Leitzinsen ebenso wie die Renditen der Anleihen und die Kosten für Kredite und Hypotheken. Ein Umfeld, das schlecht ist für Wachstum und Aktienkurse.

Der DAX folgte dieser Vorgabe … aber nur bis Anfang Oktober. Seither steigt er steil an, weil man dort darauf wettet, dass diese Quadratur des Kreises in Form steigenden Konsums, fallender Zinsen und einer trotzdem einfach verschwindenden Inflation gelingt, irgendwie. Am Anleihemarkt indes steigt der Bund Future nicht mit:

Dort sind die Renditen der Anleihen weiter hoch, weil man an dieses rosige Szenario nicht glaubt, da es der logischen Grundlage entbehrt. Wer dennoch darauf besteht, dass 2023 ganz prima wird und am Aktienmarkt beherzt zulangt, wettet also nicht nur gegen die Notenbank, sondern auch gegen die erfahrenen Investoren am Anleihemarkt. Das mit „verwegen“ zu umschreiben, wäre noch harmlos.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 27.1.2023, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden maßgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Nach der brutalen Eisdusche in Form der geplatzten Internetblase im Jahr 2000 brauchte es einige Jahre, bis die Hightech-Aktien der Nasdaq wieder in Fahrt kamen. Doch dann ging es so richtig zur Sache. Seit 2009 lief der Nasdaq 100 allen anderen Indizes weit davon. Seit einem Jahr jedoch ist das anders: Ausgerechnet die Top-Aktien der letzten Jahre sind derzeit die Top-Nieten. Was ist los … und vor allem: Wann dreht der Wind?

Jahr für Jahr konnte man mit den klassischen Blue Chips der Nasdaq nichts falsch machen. Ob Apple oder Amazon, ob Microsoft oder Tesla, der Trend wies aufwärts und die Dynamik solcher Aktien und ihres Heimatindex Nasdaq 100 war weit höher als die aller anderen wichtigen Aktienindizes. Zwar ging es, wenn es mal zu einem Beben am Gesamtmarkt kam, mit dem Nasdaq 100 dann auch schneller abwärts. Aber dafür lief er auch, so z.B. nach dem schwachen vierten Quartal 2018 oder dem Corona-Crash, umso schneller wieder nach oben und auf immer neue Rekorde.

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones, Dax Kursindex und Nasdaq 100 im Vergleich von 2013 bis 2023 | Online Broker LYNX

Doch 2022 war das auf einmal vorbei. Der Nasdaq 100 erholte sich nicht wie gewohnt umgehend, übernahm nicht wie sonst sofort wieder die Führung, sondern wurde zum Schlusslicht. Und als im vierten Quartal 2022 die große Kaufwelle begann, getrieben von der Hoffnung auf eine bald endende Inflationsproblematik, sinkende Leitzinsen und in deren Schlepptau auf ein wieder erstarkendes Wachstum, wurde der Abstand zu den klassischen Indizes wie Dow Jones und DAX nur noch größer.

Mit dieser Schlusslicht-Rolle hatte wohl kaum jemand gerechnet

Dabei hat der DAX, wie wir im folgenden Chart sehen, sogar den Dow Jones überholt bzw., wenn man ihn, für einen Vergleich korrekter, als Kursindex abbildet, zumindest eingeholt. (Der Kursindex ist deswegen der richtige Vergleich, weil weder beim Nasdaq 100 noch beim Dow Jones Dividenden wie Kursgewinne gerechnet werden, was bei dem normalerweise abgebildeten DAX Performanceindex der Fall ist, beim Kursindex aber nicht.)

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones, Dax, Dax Kursindex und Nasdaq 100 im Vergleich im Jahr 2022 und Anfang 2023 | Online Broker LYNX

Und damit ist das Grauen für viele Anleger noch nicht vorbei, das Schlimmste ist: Es sind vor allem die Aktien, die sonst am stärksten liefen und deswegen für Jahre die Top-Publikumslieblinge waren, die an der Börse aktuell besonders miserabel performen. Sehen wir uns dazu den folgenden Chart an: Von 14 hier in den Chart des Nasdaq 100 mit eingefügten, typischen Publikumslieblingen der letzten zehn, zwölf Jahre lief nur eine einzige Aktie, nämlich Apple, ein klein wenig weniger mies als der Nasdaq 100 selbst. Woran liegt das? Das muss doch einen Grund haben, vor allem, weil diese Underperformance so hartnäckig ist!

Börse aktuell: Entwicklung von 14 Publikumslieblingen im Nasdaq 100 im Jahr 2022 und Anfang 2023 | Online Broker LYNX

Der Grund für diese Schwäche ist zwar nachvollziehbar, aber …

Im Grunde ist die Argumentation, wieso die großen Wachstumsunternehmen besonders im Fokus der Verkäufer stehen, durchaus nachvollziehbar. Denn diese Kombination aus Inflation und steigenden Zinsen generiert gleich mehrere Probleme:

Viele dieser Unternehmen haben gewaltige Verbindlichkeiten, mit denen dieses schnelle Wachstum finanziert wird. Höhere Kreditkosten drücken deshalb hier deutlich stärker auf die Gewinne als bei vielen etablierten Unternehmen der „Old Economy“.

Da diese Publikumslieblinge jahrelang sichere Hausse-Trades waren, wurde speziell bei diesen Aktien viel auf Kredit spekuliert. Aber die höheren Kreditkosten und die Baisse dieser Aktien führen dazu, dass sich die „Kredit-Zocker“ Monat für Monat mehr zurückziehen. Im folgenden Chart sehen Sie, dass die gerade für den Dezember vorgelegten Daten zeigen, dass das Volumen der für Derivate-Sicherheiten aufgenommenen Kredite erneut sank. Nach dem Rekordhoch vom Oktober 2021 bei 936 Milliarden US-Dollar ist es jetzt auf nur noch 606 Milliarden zurückgekommen. Diese Trader fehlen an der Börse aktuell.

Börse aktuell: Entwicklung Börsenkredite in den USA und Entwicklung der US-Leitzinsen im Vergleich voon 2006 bis 2023 | Online Broker LYNX

Und zuletzt ist diese Kombination aus hoher Inflation und erheblich teurer gewordenen Krediten eine massive Bremse für den Konsum. Weniger für die Dinge des täglichen Bedarfs, sondern für das, was man sich nur dann leistet, wenn man das Geld dafür auch übrig hat. Man geht davon aus, dass sich das bei Unternehmen wie z.B. Netflix, Amazon, Apple oder Tesla über kurz oder lang deutlich negativ bei den Gewinnen bemerkbar macht.

… aber müsste der Wind nicht gerade jetzt drehen?

Aber was ist denn angeblich die treibende Kraft für diese so massiv wieder anziehenden Kurse am Gesamtmarkt? Es heißt, dass immer mehr Anleger die Warnungen der Notenbanken in den Wind schießen, die mahnen, nicht zu glauben, die Inflation sei bereits besiegt, die Rezessionsgefahr vom Tisch und die Zinsen in Kürze wieder auf dem Weg zurück zum „billigen Geld“ für alle.

Wenn sich diese Hoffnung derzeit festgesetzt hat, dann müssten es doch gerade diese Technologietitel des Nasdaq 100 sein, die rasant durchstarten. Wenn man glaubt, die Argumente ihrer Underperformance kehren sich jetzt um, müsste man eigentlich sehen, dass sich die Schere zwischen DAX und Dow Jones auf der einen und der Nasdaq auf der anderen Seite zugunsten der Tech-Titel schließt. 

Eigentlich. Aber bislang passiert nichts. Was entweder daran liegt, dass die Trader noch auf der Leitung stehen oder aber daran, dass diese angeblich allgemein wachsende Erwartung, alles käme ruckzuck wieder ins Lot, so gar nicht existiert. Denn vergessen wir nicht: Wenn Medien erklären sollen, warum die Kurse steigen und man hat keinen offensichtlichen Grund parat, kommen gerne auch mal etwas abwegige Behauptungen auf den Tisch, die sich leicht als „richtig“ festsetzen, wenn man es nur oft genug herunterbetet. Und in die Köpfe der Anleger hineinschauen kann man nun einmal nicht. Aber was macht man denn nun mit diesen Aktien?

Das sind die drei Hürden, über denen der Weg frei wäre

Richtig ist: Wenn die Konjunktur weltweit wieder in Fahrt kommt, sind diese Aktien und ihr Index Nasdaq 100 allererste Wahl, zumal diese Baisse die im Vorfeld weit verbreitete Überbewertung solcher Aktien in eine Bewertung verwandelt hat, die schon einiges an Krise eingepreist hat. Aber wir wissen definitiv nicht, ob es gelingt, die Sache wirklich einigermaßen zügig und nachhaltig zurück in die Spur zu bringen … oder ob wir auf eine jahrelange Hängepartie zusteuern. Die Notenbanken schaffen das nicht ohne konstruktive Mitarbeit der Politik, egal in welchem Land. Und da lehne ich mich wohl eher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich befürchte, dass das zum Problem wird. 

Also? Also würde ich die Nasdaq zwar ganz oben auf die Einkaufsliste setzen, vor allem die Blue Chips des Nasdaq 100, diese Liste aber erst zur Hand nehmen und abarbeiten, wenn wir anhand des Chartbildes unterstellen können, dass das Eis endlich gebrochen ist.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100 von April 2022 bis Januar 2023 | Online Broker LYNX

Es bringt nichts, an der Börse aktuell einfach mal auf Verdacht zu kaufen. Zu versuchen, nahe am Tief einzusteigen hat immer den Haken, dass man erst im Nahhinein weiß, ob dieses Tief denn wirklich das Tief blieb. Oft war es das dann nicht. Und wenn sich herausstellt, dass diejenigen, die seit Oktober massiv auf die Wende setzen, mit Zitronen gehandelt haben, wird sich der Nasdaq 100 sehr schwer tun, im Alleingang eine Aufwärtswende hinzukommen. Eher noch wäre es denkbar, dass das bisherige Tief im Sog anderer, dann wieder fallender Indizes unterboten wird. Immerhin ist das bärische Lager hier aus charttechnischer Sicht immer noch auf der Überholspur unterwegs.

Der Nasdaq 100 muss über drei Hürden hinaus: Zunächst einmal über die übergeordnete Abwärtstrendlinie, dann über die 200-Tage-Linie und zuletzt raus aus diesem leicht ansteigenden Trendkanal, der leicht auch nur eine bärische Flagge sein kann, die am Ende nach unten verlassen wird. Wenn der Chart zeigt, dass der Index wieder vorne mit dabei ist, dann ließe sich zugreifen. Das könnte bald sein, aber eben nur, wenn alles so läuft, wie sich die Optimisten das so ausmalen. Und die Erfahrung lehrt, dass man sich darauf besser nicht allzu sehr verlassen sollte.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 20.1.2023, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Die Marktteilnehmer reagieren ständig und intensiv auf Konjunkturdaten, Unternehmensbilanzen oder Notenbankentscheidungen. Viele Privatanleger handeln eher emotional. Und ETFs als große Player im Markt müssen umgehend kaufen und verkaufen, wenn ihnen Geld zufließt oder abgezogen wird. Wo bleibt da die Charttechnik? Ist sie womöglich gar nicht so wichtig? Doch, das ist sie. Sehen wir uns das einmal genauer an.

Mich beschleicht der Gedanke, dass viele gerade glauben, sie befänden sich in einer ähnlichen Situation wie nach dem Corona-Crash im März 2020. Man kauft, wenn die Angst groß ist und verlässt sich dabei darauf, dass die Sache schon ins Lot kommt. Und wenn dann diejenigen kaufen, die erst einmal abwarten wollten, ob sich das alles auch wirklich wieder beruhigt, hat man längst gewaltige Gewinne. Das klappte 2020, warum also nicht auch diesmal?

2020 als Blaupause und die Charttechnik spielt dabei keine Rolle?

Man kann es kurz machen: Weil damals die Zinsen bei null waren und massiv Geld in den Markt gepumpt wurde, während heute das Gegenteil passiert. Die Inflation zieht ebenso Geld aus dem Markt wie die attraktiveren Renditen der Anleihen, der steigende Refinanzierungsbedarf der Länder und die Reduzierung der Notenbank-Bilanzen. Aber gut, das ist vielen nicht klar, also kaufen sie einfach weiter. Aber heißt das, diese Rallye, die genau mit Beginn des vierten Quartals 2022 losgetreten wurde, basiert auf Unwissenheit und damit letztlich auf Emotionen?

Auch. Aber nicht nur. Es spielen immer zahlreiche Aspekte eine Rolle, was die Tendenz der Märkte angeht, nicht nur bei Aktien, sondern auch in allen anderen Assetklassen. Dabei kann man aber bestimmte Phasen mit bestimmten Beweggründen in Verbindung bringen. Und da finden wir dann auch die Charttechnik wieder. Sehen wir uns das mal anhand einiger Charts an.

Den Anfang machen fast immer die „Big Player“

Kann es wirklich ein Zufall sein, dass die Aufwärtswende genau zu einem Quartalswechsel entstand? Was gab es ausgerechnet Ende September an Nachrichten, die einen solchen Stimmungswechsel hätten auslösen können? Gar keine. Und dann wäre da ja noch dieses seltsam wirkende Phänomen, dass sich DAX und Euro Stoxx 50 auf der einen und die US-Indizes auf der anderen Seite gerade in zwei völlig verschiedenen Welten zu bewegen scheinen, wie der unten folgende Chart zeigt.

Und das, obwohl all diese Argumente, die den DAX an der Börse aktuell höher treiben, auch für die USA gelten würden bzw. dort sogar ihre Basis haben, z.B. in Bezug auf die angeblich allgemein geltende Erwartung, die Inflation würde jetzt ruckzuck verschwinden, ohne eine Rezession auszulösen und die Notenbanken würden daraufhin noch in diesem Jahr die Zinsen senken und das Wachstum durchstarten. Da zeigt man mit dem Finger vor allem auf die USA. Und dann schauen Sie sich mal diesen Chartvergleich seit dem 30.9. an:

Börse aktuell: Entwicklung wichtiger Indizes und deren Anstiege von Oktober 2022 bis Januar | Online Broker LYNX

Da fällt einem nichts mehr ein. Zumal zwar der Dow Jones mit DAX und Euro Stoxx 50 fast gleichauf wäre, wenn man die Performance ab 1.1.2022 rechnet, aber der marktbreite S&P 500, mit in die Tiefe gezogen vom Nasdaq 100, weit zurückbleibt. Wie kann das sein? Und wieso sind es gerade die Publikumslieblinge der Jahre 2020 und 2021, die einfach nicht ins Laufen kommen, während Aktien durch die Decke gehen, die bislang den meisten Privatanlegern zu langweilig waren (weil sie es auch sind)?

Da kann es nur eine Antwort gehen: Dieser Schwenk nach oben zu Beginn des vierten Quartals 2022 wurde von den großen Spielern losgetreten.

Von Hedgefonds, die in den Quartalen davor massiv auf der Short-Seite verdient und entschieden haben, diese Short-Trades zum Quartalswechsel einzudecken. So konnten sie der Kundschaft zum Performance-Ausweis des dritten Quartals optimale Gewinne präsentieren und mit dem gezielten Richtungswechsel erhoffen, dass der Markt so überrumpelt wird, dass Wellen von Short-Eindeckungen und auf den Zug aufspringende Trader ihren Schwenk auf Long vergolden würden. Was auch gelungen ist.

Und von Fonds, die ihre Strategie änderten, womöglich ihre Asset-Verteilung etwas mehr zu Gunsten von Aktien veränderten, zugleich andere Branchen favorisierten, wie es meist nach Quartalswechseln der Fall ist, vor allem aktuell, mit dem Beginn eines neuen Jahres.

Was in den Medien als Gründe herumgereicht wird, spielt selten eine Hauptrolle

Aber ganz sicher sind nicht Hunderte Millionen Privatanleger weltweit am 1. Oktober aufgewacht und haben kollektiv den Eindruck gewonnen, dass die Inflation bald kein Problem mehr sein wird. Zumal die Kapitalsummen, die direkt von den „Privaten“ kommen, in Relation zu den zwar von ihnen finanzierten, aber strikt nach System agierenden ETFs, zu den Fonds mit ihrem Entscheidungsspielraum, den Hedgefonds, den Pensionskassen oder den großen Investoren bzw. den Banken im Eigenhandel schlicht keine Rolle spielen. Davon mal abgesehen, dass die ersten Inflationszahlen, die so etwas wie eine kleine Entwarnung andeuteten, erst im November kamen.

Dass man heute unterstellt, dass oben genannte Argumente diese momentane Hausse tragen, ist zwar nicht falsch. Denn je höher die Kurse steigen, desto mehr Anleger ohne nötiges Grundwissen glauben, dass all das wohl stimmen muss. Ohne zu merken, dass es ihre eigene Reaktion auf diesen Glauben, sprich ihre eigenen Käufe sind, die die Kurse weiter tragen, so dass sie unbewusst ihr eigenes Handeln als Beweis für die Richtigkeit ihres Handelns werten. Aber diese de facto höchst wackligen Behauptungen haben den Richtungswechsel nicht ausgelöst. Sie führen ihn jetzt nur … so lange, bis die „Big Player“ erneut die Richtung wechseln. Und da kommt jetzt der Charttechnik eine ganz entscheidende Rolle zu.

Fährt der Zug erst einmal, bestimmt die Charttechnik die Streckenführung

Wenn einige der großen Spieler aus der Reihe tanzen und auf Short schwenken würden, wenn der Kapitalnachschub in ETFs und Fonds ausdünnen sollte … wenn etwas passiert, das annehmen ließe, dass die Privaten die Erzählung von der zügigen Rückkehr eines idealen Aktien-Umfelds nicht mehr glauben … können solche „Big Player“ eine Hausse genauso „ausknipsen“, wie sie sie zuvor erschaffen haben. Aber solange das nicht der Fall ist, agieren sie sehr eng anhand der Signale und Vorgaben der Chart- und Markttechnik. Sehen Sie sich dazu mal diesen Chart des DAX seit Jahresanfang auf 60-Minuten-Basis an:

Börse aktuell: Entwicklung DAX wie auf Schienen im Januar 2023 | Online Broker LYNX

So etwas ist nun wirklich kein Zufall. Privatanleger, die mal dies, mal jenes kaufen, mir kleineren Summen, können kein derart koordiniertes Chartbild erzeugen. Wir reden da schließlich von Millionen Menschen, bei denen keiner weiß, was die anderen wann tun werden. Natürlich agieren auch viele private Trader nach chart- und markttechnischen Vorgaben, aber wenn der DAX wie hier derart sauber entlang von speziellen gleitenden Durchschnitten läuft, die eigentlich nur Profis nutzen, bedeutet das:

Der DAX wird von Akteuren höher „geführt“, die sich konsequent an der Chart- und Markttechnik ausrichten. Wobei uns das zu einem triftigen Grund führt, warum das so ist: den computergesteuerten Handelsprogrammen.

Die entscheidende Rolle der „Maschinentrader“

Je größer die Summen werden, die täglich an den Märkten umgehen und je schneller all das abläuft, desto weniger sind große Adressen imstande, all das ohne Computer-Unterstützung abzuwickeln. Zwar entscheiden nahezu immer noch Menschen über die grundlegende strategische Ausrichtung und Veränderungen dieser. Aber die Arbeit, einzusteigen, zuzukaufen, Positionen zu reduzieren oder zu drehen, erledigen immer mehr die computergesteuerten Handelsprogramme. Und die können nun einmal nicht selber „denken“ oder emotional agieren, sie brauchen Vorgaben.

Da Nachrichten, Konjunkturdaten oder Notenbank-Statements und –Entscheidungen von einem Computer nicht zu interpretieren sind (von Systemen mit künstlicher Intelligenz abgesehen, aber das ist eine wacklige Sache), orientieren sich diese Systeme an chart- und markttechnischen Regeln. Wenn beispielsweise ein großer Hedgefonds entscheidet, den Markt zu überrumpeln, indem er zum Wechsel auf das vierte Quartal seine Short-Positionen eindeckt und zugleich massiv Long geht, entscheiden das Menschen. Aber den Rest erledigen dann die Computer. Sie folgen dem Trend … und das tun sie, bis es Signale gibt, die Seiten zu wechseln.

Das führt auch dazu, dass wir solche Charts sehen wie ganz oben. Wenn große US-Hedgefonds, z.B. mit dem Argument zusätzlicher Währungsgewinne durch einen steigenden Euro, entscheiden, in Europa Long zu gehen, in den großen US-Tech-Werten der Nasdaq aber weiter Short zu bleiben, dann machen die „Maschinen“ das eben. Und zwar konsequent, ohne zu ermüden oder zu zweifeln.

Sie bauen Positionen auf, bis das Kapital bis auf eine vorgegebene Reserve voll eingesetzt ist und ziehen solche Trends einfach durch, ohne sich solchen Vorstellungen über die Rückkehr des Wachstums, sinkende Zinsen etc. hinzugeben. Solche „Stories“ kommen aus den Medien, die entweder die grundlegende „Mechanik“ der Märkte nicht verstehen oder unterstellen, dass man den normalen Anleger damit nicht verwirren sollte, weil das Ganze halt doch komplizierter ist, als einem das mancher, der an unserem Ersparten verdient, weismachen will.

Und dass die „Maschinen“ mit ihren chart- und markttechnischen Vorgaben eine entscheidende Rolle spielen, merkt man auch in Situationen, in denen eine Bewegung von eben auf gleich vorbei ist, obwohl keine Nachrichten aufgetaucht sind, die die den Trend begleitenden, medialen Stories auf den Kopf gestellt hätten. Ein Bespiel ist schon dieser Richtungswechsel Anfang Oktober, der entstand, ohne dass sich die Gemengelage geändert hätte. Die ersten Inflationsdaten, an denen man dann diese Erwartungskette festmachten konnte, kamen ja erst deutlich später. Weitere Beispiele:

Die Charttechnik bestimmt auch oft, wo die Endstation ist

Mit nur zwei Ankerpunkten kam man 2022 beim S&P 500 als Trader gut zurecht: Mit der übergeordneten Abwärtstrendlinie und dem unten mit eingeblendeten RSI-Indikator. Da habe ich die Extremzonen etwas erweitert, auf 35 statt 30 für den überverkauften und auf 65 statt 70 für den überkauften Bereich. Wenn man sich ansieht, wie oft Trendimpulse endeten, wenn einer dieser beiden Orientierungspunkte ein Signal sendete, wird klar: Es sind nicht Inflations- und Zinshoffnungen, die diesen Index lenkten, sondern die Chart- und Markttechnik.

Börse aktuell: Entwicklung S&P und Zusammenhang mit der Charttechnik und Markttechnik im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Natürlich beschränkt sich das nicht nur auf die ganz großen Indizes. Auch kleinere Indizes, bei denen man denkt, dass Privatanleger sie über Aktientrades dominieren und zugleich zu viele Aktien im Index enthalten sind, um im Index selbst ein taugliches, an Chart- oder Markttechnik ausgerichtetes Trading zu ermöglichen, „funktionieren“. Beispielsweise, wenn man markttechnische Indikatoren wie den RSI mit ins Boot holt. Hier der MDAX seit Herbst 2021:

Börse aktuell: Entwicklung MDAX und Zusammenhang mit der Charttechnik und Markttechnik im Jahr 2022 | Online Broker LYNX

Und die Charttechnik finden wir auch in einem längerfristigen Zeitraster auffällig zahlreich als Endstation für einen Trendimpuls und damit als Basis einer Gegenbewegung, oft auch eines Trendwechsels. Sehen wir uns dazu mal den DAX über drei Jahre auf Wochenbasis an:

Börse aktuell: Entwicklung DAX und Zusammenhang mit der Charttechnik und Markttechnik von 2020 bis 2023 | Online Broker LYNX

Auch in diesem längerfristigen Zeitraster sehen wir, dass charttechnisch relevante Marken zur Basis für Richtungswechsel oder das Ende einer Bewegung wurden. Nicht zu vergessen (was man in diesem Zeitraster nicht sieht), dass der Corona-Crash 2020 nicht zufällig unmittelbar über der Super-Unterstützung in Form der damaligen großen Wendepunkte der Jahre 2000 und 2007 in eine Super-Rallye überging.

Fazit: Mit Charts fährt man besser als mit Meinungen!

Es sind meist Köpfe, die große Trendwechsel entscheiden. Und es sind meist Maschinen, computergesteuerte Handelsprogramme, die Trends am Laufen halten. Meinungen, „Visionen“ kommender Entwicklungen, emotionale Entscheidungen, all das spielt nur eine untergeordnete Rolle, indem es als Basis dafür dient, dass die zu wenig fachkundigen Marktteilnehmer diese „Stories“ als entscheidend sehen und diese Trends dann durch ihr eigenes Mittun befeuern.

Das mag dazu führen, dass viele sicher sind, das passiert, was alles andere als sicher, ja derzeit nicht einmal wahrscheinlich ist: Ein „Best Case-Szenario“ mit schwindender Inflation, Wachstum und sinkenden Zinsen. Aber auf dieser Schiene, auf der die Bullen gerade fahren, kommt ihnen der Güterzug der Realität entgegen. Und die „Big Player“ wissen das. Daher fährt man mit einer Ausrichtung auf Chart- und Markttechnik immer besser als mit Meinungen über eine Zukunft, die man bekanntlich nie sicher vorhersagen kann.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt * Charts vom 13.1.2023, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

So wie die ersten zehn Tage laufen, wird das gesamte Börsenjahr sein, wird oft behauptet. Doch diese „Zehn-Tage-Regel“ ist statistisch nicht zu halten und rein von der Logik her Mumpitz. Trotzdem kann man aus den ersten Handelstagen eines Jahres manches herauslesen, das einem in den kommenden Wochen als Wegweiser dienen kann.

Es kommt ziemlich oft vor, dass pünktlich zu Beginn eines neuen Börsenjahres kräftig gekauft wird. Aber für sich genommen hat das noch keine Aussagekraft. Das wird indes anders, wenn man sich anschaut, was die Käufe motiviert haben könnte und wie sich die Rahmenbedingungen darstellen. Sind sie so bullisch, wie man das anhand solcher Käufe vermuten könnte oder nicht? Dieses „Abklopfen“ des Gesamtbildes ist wichtig, denn gerade in den ersten Tagen des Jahres lässt sich zumindest ein bisschen in die Köpfe der Anleger schauen. Und wenn man ahnt, wie viele Akteure ticken, kann man auch den Vorhang lüften, der vor den kommenden Wochen hängt. Zwar nur ein wenig. Aber das ist immerhin mehr als sonst.

Viele kaufen nur, weil jetzt halt Geld da ist

Auch Anfang 2022 war die erste Woche von Käufen geprägt. Das lief sehr ähnlich ab wie diesmal, auch, wenn die Kursstruktur der Wochen vor der Jahreswende etwas anders war. 2022 wurden die Käufe nicht nur schnell egalisiert, es ging sogar deutlich unter den Kurslevel zur Jahreswende, wie der folgende Chart zeigt. Die Frage muss damit lauten: Könnte das diesmal genauso laufen oder folgen den Jahresanfangs-Käufen diesmal weitere, so dass man auf den Zug noch aufspringen könnte? Dazu wäre die erste Frage: Wer kauft da?

Börse aktuell: Entwicklung Dax mit Anstiegen zu Jahresbeginn 2021 und 2022 | Online Broker LYNX

Ich war am Wochenende in einem Restaurant und hatte das Pech, an einem der Nebentische zwei absolute Börsengenies sitzen zu haben, die sich laut genug über ihre Erfolge ausließen, um es nicht überhören zu können. Dieses gegenseitige Beteuern eigener Genialität war Anlass für diesen Artikel, denn das, was ich da mithören musste, habe ich so schon sehr oft gehört. Die beiden Helden des Tradings hatten offenbar beide ihre Provision bekommen und sie sofort in Aktien gesteckt. Ein Satz war sehr hübsch, er lautete in etwa: Man muss das Geld arbeiten lassen, sobald es reinkommt. Was auf dem Konto liegt, bringt keine Zinsen.

Eine leider typische Denkweise. Man bekommt Geld in die Hand und dann kommt der Rat, man möge ein wenig abwarten, bis sich X oder Y verbessert hat und dann am besten eine Korrektur zum Einstieg abwarten. Wie oft kommt dann die Antwort: Ja, aber das bringt mir ja jetzt nichts. Ich will jetzt kaufen!

Das alleine qualifiziert solche Anleger als Dilettanten. Wer schon nicht kapiert, dass sich die Börse nicht nach dem eigenen Geldzufluss richtet und steigt, wenn man das wünscht, versteht auch ansonsten nichts. Und ja, kaum jemand versteht die derzeitige Gemengelage. Also darf man sich nicht wundern, wenn viele Anleger unkluge Entscheidungen treffen.

Der Jahresanfang ist geprägt von dem Umstand, dass viele ihr 13. Monatsgehalt oder Provisionen in der Tasche haben. Und wenn sie glauben oder ihnen Glauben gemacht wird, dass die Aktien steigen werden, wandert das Geld eben umgehend dorthin. Fast immer ist das unklug. Aber das ist diesen Leuten ja nicht bewusst. Was bedeutet:

Dumm ist, wer nicht versteht, was es bedeutet, wenn andere dumm agieren

Die Lage kann immer übler werden, viele können zur falschen Zeit das falsche kaufen, aber wenn genug Akteure nicht ahnen, dass sie Unsinn tun, überwiegt deren Geld, das in den Markt fließt, das Geld derer, die wissen, dass der Zug gerade in die falsche Richtung fährt. Solche „dummen“ Impulse können also eine Zeit lang vorhalten. Vor allem, wenn diejenigen, die die Gesamtsituation verstehen, in ausreichender Zahl klug genug sind, auch klug zu agieren, denn:

Wenn so viele nicht verstehen, was wirklich vorgeht, kann ein „dummer Trend“ außerordentlich hartnäckig sein. Im Wegschauen sind Anleger ja bekanntermaßen Weltmeister. Daher wäre man zumindest wagemutig, aber doch eher dumm, wenn man sich einer solchen Situation entgegenstellen würde, indem man darauf beharrt, dass man mit einer bärischen Erwartung nicht nur Recht hat, sondern auch zeitnah Recht bekommt, obwohl man sieht, dass es nicht so ist. Und wenn wir uns mal ansehen, was diejenigen, die in den vergangenen Tagen gekauft haben, alles ignoriert oder gar nicht erst mitbekommen haben, ist das schon bemerkenswert. Und ich zeige hier nur ein paar wenige Beispiele!

Börse aktuell: Entwicklung Börsenkredite USA von 2000 bis 2023 | Online Broker LYNX

So schaut man offenbar höchst erfolgreich weg, wenn es um die Profi-Zocker geht. Das Volumen der Kredite, die diese Zocker aufnehmen, um die Margins, sprich die zu hinterlegenden Sicherheitsleistungen bei Derivate-Trades wie CFDs oder Futures, zu bezahlen, sinkt Monat für Monat weiter. Zwar haben wir da noch keine Daten zum Dezember, aber vergessen wir nicht: Seit Ende September steigt der Aktienmarkt … und die Zocker werden zugleich immer vorsichtiger. Das sollte einem zu denken geben. Aber dazu müsste man eben erst einmal hinschauen. Nicht anders, aber noch mehr für jeden sichtbar, läuft es in Sachen Einzelhandel:

Börse aktuell: Entwicklung Einzelhandelsumsätze von 2007 bis 2023 | Online Broker LYNX

Der Einzelhandelsumsatz fällt. Nicht rein nominal, aber das liegt an der Inflation. Wenn man den Umsatz inflationsbereinigt rechnet, sieht man: Da tut sich erheblich was. -5,9 Prozent gegenüber dem Vormonat im November, das ist ein Wort (das sind die gerade am Freitag vorgelegten, aktuellsten Daten, zu Dezember gibt es noch keine). Was übrigens auch für den Auftragseingang des deutschen verarbeitenden Gewerbes gilt, der für November 11,0 Prozent niedriger ausfiel als im November des Vorjahres. Dass viele an der Börse aktuell all das einfach ausblenden, heißt schon was.

Daher wäre man grundsätzlich gut beraten, sich auf die Basisregel der Börse zu besinnen: Folge dem Trend. Denn es ist bis zum Tag X, an dem denen, die nichts sehen bzw. sehen wollen, ihre rosa gefärbte Sicht der Dinge auf die Füße fällt, eben sinnvoller, mit dem Trend etwas zu verdienen als mit anwachsenden Verlusten auf der falschen Seite auszuharren. Wenn genug Akteure das tun, sprich auch viele von denen, die wissen, dass Long eigentlich die falsche Seite ist, mitziehen, kann eine solche Bewegung lange dauern und weit reichen. Wichtig ist nur zu wissen:

Umdichten und Ausblenden von Fakten … das kann lange vorhalten. Muss es aber nicht.

Wenn die Lage so gar nicht zu einem bullischen Jahresanfang passt, geht es nie um die Frage, ob eine solche Bewegung schiefgeht, sondern nur darum, wann das passiert. Erinnern wir uns an den Anfang letzten Jahres:

Da sackten die Kurse dann eben doch noch durch, obwohl viele sicher waren, dass die Notenbanken den Leitzins nicht anheben würden … obwohl viele dachten, die Inflation werde das Wachstum nicht bremsen … und obwohl die Energiepreise und der Ukraine-Konflikt noch kein Thema waren. Heute tut man erneut so, als sei alles kein Problem und das Offensichtliche werde bestimmt nicht eintreten. Und gerade weil die Thematik sich verschoben hat, geht das wieder von vorne los.

Diesmal erwarten viele Anleger, dass nicht nur die Inflation wie ein Strich sinken wird, sondern dass auch eine Rezession ausbleiben wird, obwohl sie eine völlig logische Konsequenz der angehobenen Leitzinsen wäre und das die Unternehmensgewinne deutlich drücken würde. Das zeugt vom Fehlen des für Anleger nötigen Grundwissens, von Tunnelblick und fehlender Erfahrung. Aber das darf ja auch nicht wundern.

Festhalten lässt sich somit: Es kann mit den Kursen über diese erste Woche 2023 hinaus weiter nach oben gehen, weil viele an der Börse aktuell nicht so wirklich wissen, was sich um sie herum in Sachen Rahmenbedingungen tut und viele ohnehin meistens einfach „ihren Stiefel“ traden. Dass das sogar für große Adressen gelten könnte, deutet die nachfolgende Grafik an:

Börse aktuell: Entwicklung DAX und Einzelwerte im Vergleich zum Dow Jones zu Jahresbeginn 2023 | Online Broker LYNX

Da sehen wir die ersten Handelstage des DAX und zudem, welche Aktien diesen Anstieg entscheidend mitgetragen haben. Da ist der Publikumsliebling Zalando ganz vorne. Aber ansonsten fällt auf, dass es zwei Branchen sind, die stark gekauft wurden: Autos und Finanzwerte. In dieser momentanen Gemengelage wirkt das ziemlich daneben. Aber wenn solche Aktien als ganze Branchen stark steigen, liegt es nahe, dass da auch so mancher große Fonds seine Ausrichtung neu gestaltet hat und in Aktien einsteigt, die bei einer heranrollenden Rezession keine gute Idee sind. Dass übrigens ignoriert wurde, dass die US-Börsen, im Chart rot eingeblendet der Dow Jones, nicht wirklich mitzogen, gibt dem Leichtsinn noch eine größere Dimension.

„Die anderen“ … die unbekannte Größe. Bullen sollten auf der Hut bleiben!

Aber bedeutet all das, dass DAX & Co. einfach immer weiter steigen könnten, bis denen, die derzeit glauben, die Krise sei schon vorbei, weil sie die Faktoren Schuldenblase und Rezession entweder ausblenden oder nicht verstehen, ihr rosa Denkmodell auf die Füße fällt? Das kann es. Aber man sollte eine Gruppe nicht vergessen, in deren Köpfe wir auf Basis dieses Jahresstarts noch nicht schauen konnten: Die, die nicht gekauft haben!

Börse aktuell: Entwicklung Rendite von US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit von 2010 bis 2023 | Online Broker LYNX

Nehmen wir mal den Anleihemarkt als Beispiel. Viele haben weiterhin nicht realisiert, dass eine Rendite von 2,5 Prozent für deutsche Bundesanleihen für zehn Jahre eine Menge Holz sind. Klar, jetzt ist das viel weniger als die Inflationsrate. Aber wenn man doch unterstellt, dass die Inflation bald vorbei ist, hieße das: Die verbleibenden Jahre liegt die Rendite über, vielleicht sogar deutlich über der Inflationsrate. Außerdem winken bei wieder fallenden Leitzinsen dann auch noch, alternativ zu einer soliden Rendite, Kursgewinne.

Viele scheinen auch nicht verstanden zu haben, dass der Anstieg der Rendite auf 11-Jahres-Hochs zur Jahreswende ein Warnsignal ist. Ein Signal, dass man am Anleihemarkt das rosige Szenario nicht teilt, dass viele am Aktienmarkt gerade zeichnen. Aber einige haben das eben schon erkannt: Anleihen wurden in der ersten Woche 2023 auch ordentlich gekauft. Es gibt also sehr wohl Investoren, die verstehen, was da um sie herum läuft. Die auch wissen, was ich letzte Woche als Chart gezeigt hatte und hier einfach noch einmal abbilde, jetzt mit der jüngsten deutschen Inflationsrate dabei: Wenn die Inflation wieder sinkt, gehen die Probleme oft erst los.

Börse aktuell: Entwicklung BIP Deutschland im Vergleich zur Entwicklung der Inflationsrate von 1995 bis 2023 | Online Broker LYNX

Die Frage ist eben: Wie viele sind das? Und halten die sich am Aktienmarkt einfach nur raus und kaufen dafür Gold und Anleihen … oder warten sie jetzt nur darauf, dass den Käufern ihr Weihnachtsgeld ausgeht, um massiv Short zu gehen? Ich weiß es nicht. Niemand weiß das. Was die Börse ja so spannend macht. Aber man täte gut daran, sich stets dieser bislang unsichtbaren Gruppe zu erinnern.

Mit der Welle der Sorglosen mit zu schwimmen, das kann man machen. Aber nur, wenn man stets auf der Hut bleibt. Diejenigen, die in der vergangenen Woche nicht frisches Geld in den Markt gesteckt haben, könnten diesen bullisch wirkenden Jahresstart jederzeit zu Kleinholz verarbeiten. Ob sie es bald tun oder erst in einigen Wochen, wer weiß. Aber der Umstand, dass wir gerade einen vergleichbar „naiven“ Jahresstart gesehen haben wie Anfang 2022, macht sehr klar: Wer jetzt Long ist, sollte besser mit einem offenen Auge schlafen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 6.1.2023, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Das alte Jahr war geprägt vom Blick der Trader auf Inflationsraten, Leitzinsen und Energiepreise. Dabei entstand ein Gewöhnungseffekt, der manche vermuten lässt, dass die Börsen die negativen Faktoren längst eingepreist haben und der Weg für DAX, Dow & Co. nach oben frei ist. Aber damit könnte man an der Börse aktuell falsch liegen, denn wie schon nach den Corona-Lockdowns kommen jetzt neue Herausforderungen, die aus den alten heraus entstehen.

Die meisten von Ihnen werden es wissen: Von mir werden Sie keine Prognosen zu lesen bekommen. Gerade weil ich mittlerweile in das 34. Jahr als Trader gehe, weiß ich: Prognosen sind Unfug. Warum?

Prognosen? Das ist immer nur ein Blick in die Glaskugel

Weil man zum einen die entscheidenden Rahmenbedingungen mehrheitlich nur bedingt und viele gar nicht vorhersehen kann. Um die es mir heute auch geht, dazu gleich. Corona und Ukraine-Konflikt haben uns das in den vergangenen drei Jahren sehr deutlich gemacht. Wobei der Satz „erwarten Sie das Unerwartete“ auch früher mit fröhlicher Regelmäßigkeit die Zukunftsmodelle von Kursverläufen zunichte gemacht hat. Man vergisst das nur gerne, weil der Wunsch, heute zu wissen, was morgen sein wird, groß ist. Größer als die Vernunft, zumindest bei einigen.

Und weil man zum anderen nie absehen kann, wie die Investoren die Rahmenbedingungen dann interpretieren, d.h. wie sie konkret am Markt darauf reagieren. Fakten laufen immer erst durch diesen emotionalen Filter namens Mensch, bevor sie zu Kursen werden. Und da kommt nicht selten das Gegenteil dessen dabei heraus, was man rational gesehen hätte erwarten dürfen. Vor allem bei negativen Entwicklungen neigt die Mehrheit der Akteure dazu, die einfach auszublenden in der Hoffnung, sich einer unerwarteten und für sie unerfreulichen Wendung der Gemengelage dadurch entziehen zu können.

Daher sollte man sich von Prognosen eigentlich am besten ganz fernhalten. Lesen kann man sie ja. Aber es wäre weise, daraus nur Anregungen in Sachen Entwicklung und Relevanz von Rahmenbedingungen herauszulesen und ihnen auf keinen Fall blind zu folgen. Denn letztlich sind solche Prognosen immer ein Blick in die Glaskugel und nicht mehr.

Folgen Sie dem Trend … damit fährt man immer am besten

Daher liefere ich Ihnen hier nur meine Sicht auf den Stand der Dinge in Bezug auf die meiner Meinung nach wichtigsten Einflussfaktoren für die Märkte in den kommenden Monaten. Was die Anleger daraus machen, wie sie das dann einschätzen, wohin die Kurse dann unter diesen Voraussetzungen laufen: Man wird es sehen.

Aber das müssen wir ja auch nicht vorher wissen. Da das allen so geht, da niemand eine funktionierende Glaskugel besitzt, starten alle unter den gleichen Voraussetzungen. Nur gehen die Anleger sehr unterschiedlich damit um. Wenn man aber weiß, dass es nicht nur manchmal, sondern ziemlich oft verblüffend „dumme Trends“ gibt, die sich hartnäckig gegen das Offensichtliche stemmen, weiß man eben auch: Recht haben und Recht bekommen sind an der Börse zweierlei. Wer das versteht und sich trotzdem gegen die Masse stellt, einfach aus der Überzeugung heraus, dass, wer Recht haben müsste, dieses auch zeitnah bekommt, handelt unklug und macht das normalerweise nicht allzu oft, bevor einem dann das Geld ausgeht.

Faktoren, die die Börse 2023 bewegen könnten

Also, vergessen wir nebulöse Weissagungen und schauen einfach mal, was uns denn 2023 voraussichtlich mehr und was weniger beschäftigen wird, was vor allem den Aktienmarkt angeht:

Faktor 1: Die Inflation

Derzeit starren die meisten Anleger wie gebannt auf die Inflationsdaten. Dass es da zu einem in den USA schon recht deutlichen Rückgang in der Jahresrate kam, wird nur zu gerne als Wende in der Teuerung gesehen. Was zwar wegen des statistischen Basiseffekts (da die Veränderungsrate ja nicht berücksichtigt, ob die Preise im Basismonat des Vorjahres auch schon massiv gestiegen waren) eine falsche Interpretation ist. Aber nichtsdestotrotz wäre es wahrscheinlich, dass die Preise in den nächsten Monaten im Schnitt deutlich langsamer steigen. Das jedoch als Argument für eine Aktienmarkt-Hausse auszulegen, wäre ein Fehler, denn wie heißt es doch:

Börse aktuell: Entwicklung harmonisierter Verbraucherpreisindex von 1996 bis 2022 | Online Broker LYNX

„Never Fight The Fed“ … handle nie gegen die US-Notenbank (oder, natürlich, gegen die EZB). Dass die bislang nicht entwarnen, sondern warnen, hat schon seine Gründe. Und die zu ignorieren, führt nicht weit, wenn die Notenbanken tun, was getan werden muss, anstatt sich dem Willen von Anlegern zu beugen.

Faktor 2: Die Leitzinsen

Der Vorteil, der entsteht, wenn man die Inflationsproblematik an der Jahresrate festmacht ist ja, dass man sich da aufgrund des obengenannten Basiseffekts automatisch niedrigeren Inflationsraten nähert. Wenn die Preise pro Monat im Schnitt 0,2 Prozent zulegen, ist das zwar immer noch höchst problematisch, weil sie ja von dem vorher bei den starken Preissteigerungen erreichten, immens höheren Preisniveau aus weiter steigen. Aber in der Jahresrate landet man dann eben irgendwann bei 2,4 Prozent und kann die Inflation, theoretisch, für besiegt erklären und die Zinsen wieder senken. Darauf setzen auch viele Trader. Nur warnen die Notenbanken ja nicht umsonst, haben nicht umsonst eine Zins- und Inflationsprognose für 2023 ausgegeben, die deutlich macht, dass die Sache wohl so schnell nicht vom Tisch kommt. Grund:

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins EZB von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Indem es vor allem in Europa zu allen Arten von Sonderzahlungen, Steuererleichterungen und künstlichen Preisbegrenzungen kommt, wird versucht, eine drohende Rezession abzumildern, sie im Idealfall sogar zu vermeiden. Aber die EZB hat genau das als brandgefährlich skizziert und damit völlig Recht. Denn natürlich muss man zusehen, dass diejenigen, die in ernsthafte finanzielle Not geraten, Hilfe erhalten. Aber verteilt man Geld nach dem Gießkannenprinzip, wird die Kaufkraft bei nicht wenigen sogar gegenüber der Phase vor der Inflation gesteigert. Und das birgt die Gefahr, dass die Inflation sich festsetzt und zudem eine Lohn/Preis-Spirale entsteht, denn:

Wenn die Kaufkraft vieler nicht sinkt, wird der Konsum … sofern nicht die Sorge vor Arbeitslosigkeit und Rezession größer wird als jetzt … nicht nennenswert sinken. Und wenn die Nachfrage dergestalt künstlich hoch bleibt, gibt es für die Unternehmen auch keinen Grund, die Preise zu senken. Dann müssen die Leitzinsen immer weiter erhöht werden, dann kämpfen die Notenbanken gegen steigende Löhne und politische Geldgeschenke statt gegen die ursprünglichen Ursachen der Inflation. Dass es so kommt, ist zu befürchten. Und das ist etwas, das uns 2023 wohl beschäftigen wird, denn hier handelt es sich um einen Aspekt, den viele jetzt noch gar nicht auf dem Zettel haben.

Faktor 3: Das Wachstum

Das führt zu einem für 2023 wohl mit entscheidenden Bereich: dem Wirtschaftswachstum. Nachdem die ersten drei Quartale in Deutschland deutlich besser liefen als befürchtet, geht man in weiten Kreisen davon aus, dass das an die Wand gemalte Rezessionsgespenst genau das ist: ein Schreckgespenst und nicht die Realität. Aber das dürfte eine Fehleinschätzung sein, die, weil sie vor allem seit Oktober in Kombination mit der Erwartung, die Inflation sei besiegt und die Leitzinsen daher bald wieder auf dem absteigenden Ast, zu massiven Käufen führte, ein Damoklesschwert für die Aktien ist.

Dass die Wirtschaftsleistung bislang daherkommt, als würden wir uns in einem völlig normalen Umfeld bewegen, hat u.a. zwei höchst kurzlebige Gründe. Zum einen die Vorkäufe der Verbraucher, die durch die Inflation überhaupt erst ausgelöst wurden. Zum anderen der Umstand, dass auch auf Lager produzierte Ware, die also bislang gar nicht verkauft wurde, als Wertschöpfung gerechnet wird und damit mit ins Wachstum einfließt.

Das ist zwar nur eine persönliche Beobachtung, aber bei mir in der Nähe ist ein gigantisches Außenlager für Neufahrzeuge, wo die Autobauer ihre noch nicht verkauften Fahrzeuge zwischenparken. Seit Wochen sehe ich da Schlangen von Autotransportern, die auf die Einfahrt warten. Beladen heraus kommen nur sehr wenige. Aber all diese Fahrzeuge stützen das Bruttoinlandsprodukt.

Börse aktuell: Prozentuale Entwicklung BIP und Entwicklung der Inflation in Deutschland im Vergleich von 1995 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die konjunkturelle Stabilität wird sich somit dann erledigen, wenn die inflationsbedingten Vorab-Anschaffungen durch und die Lager so gefüllt sind, dass die Unternehmen einfach nicht mehr anders können, als die Produktion herunterzufahren. Diese Phänomene sind dabei nichts, was nur in dieser speziellen Situation auftreten würde, so läuft es eigentlich immer. Was auch impliziert, warum der Arbeitsmarkt bislang noch völlig unberührt von der Entwicklung ist und immer erst einige Quartale nach Beginn eines wirtschaftlichen Problems reagiert.

Ein kippendes Wachstum und steigende Arbeitslosenzahlen dürften also 2023 zu einem wichtigen Faktor für den Aktienmarkt werden. Ab wann und wie stark es dann mit dem Wachstum abwärts und der Arbeitslosigkeit aufwärts geht, ist indes offen. Das hängt entscheidend davon ab, wie Politik und Verbraucher mit der Entwicklung umgehen.

Faktor 4: Die Unternehmensgewinne

Bis zum dritten Quartal blieb das Einknicken der Unternehmensgewinne bei den meisten deutschen Branchen aus. Und für das vierte Quartal, für das wir noch keine Daten haben, hoben zumindest viele Unternehmen bei ihren Ausblicken weiterhin den Daumen. Und wenn man sich dann das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der DAX-Aktien an der Börse aktuell ansieht, stellt man fest: So „billig“ war der DAX selten. Zwar sind die Kurse gefallen, die Gewinne aber nicht. Ein starkes Argument für den Einstieg … zumindest scheint das so. Aber wenn man genauer überlegt, stellt man fest:

Börse aktuell: Entwicklung DAX KGV von 1980 bis 2022 | Online Broker LYNX

Der Schein trügt. Denn wie im Abschnitt zum Thema Wachstum bereits erwähnt, kippt dieses ja meist mit einer deutlichen Zeitverzögerung. Und gerade die ganz großen Unternehmen können aus solchen Phasen auch eine Zeit lang Profit ziehen, auf dem Rücken der Verbraucher ebenso wie auf dem kleinerer Unternehmen und Zulieferer. Man denke nur an die Rekordgewinne, die die meisten Autokonzerne 2021 erzielten und teilweise auch 2022 erzielen werden, indem sie die Preise einfach noch stärker anhoben, als ihre Kosten gestiegen sind. Solange der Verbraucher mitspielt, geht das gut. Aber das ist eben ein endlicher Prozess.

Das heißt, dass dieses so niedrige Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) darauf fußt, dass Anleger die Krise bereits leicht eingepreist haben (ein Minus im DAX von 12,3 Prozent im Jahr 2022 darf man durchaus als „leicht“ bezeichnen), was das KGV drückt. Und darauf, dass die Gewinne noch steigen, was das KGV ebenso drückt. Aber in dem Moment, in dem die Gewinne einknicken, muss nicht einmal der Kurs fallen, um das KGV auf einmal deutlich nach oben zu schrauben. Und dass die Unternehmensgewinne 2023 unter Druck kommen, ist zumindest ziemlich wahrscheinlich. Da darf man auf die Bilanzen zum vierten Quartal gespannt sein, die meist ja auch einen Ausblick auf das dann laufende, erste Quartal beinhalten.

Wie stark der Druck auf die Gewinne werden wird … es ist nicht vorhersehbar. Aber wie gesagt: Das muss man auch nicht wissen, wichtig ist nur, dass man weiß, welche Risiken 2023 auf den Markt warten und daher nicht überrascht wird, wenn aus den Bereichen Wachstum und Gewinne Impulse kommen, die viele Anleger im Moment noch gar nicht erahnen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 30.12.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Never Fight The Fed … sprich handele niemals gegen die Notenbank: Diese Börsenregel ist ebenso alt wie wahr. Doch viele tun momentan genau das und agieren gegen die Notenbankpolitik, weil sie fest davon überzeugt sind, dass US-Notenbank und EZB den Markt nicht im Stich lassen werden. Doch wer so denkt und entsprechend handelt, unterliegt gleich zwei großen Missverständnissen.

Man sah dem Moderator des US-Börsensenders CNBC deutlich an, dass er etwas verwirrt darüber war, was sein Interviewpartner nach dem US-Handelsende am Mittwoch, kurz nach Statement und Pressekonferenz der US-Notenbank, von sich gab. Jeffrey Gundlach, ein weltweit bekannter Fondsmanager, erklärte: Er gehe weiter fest davon aus, dass die US-Notenbank noch vor Ende 2023 die Leitzinsen senken werde, auch, wenn Fed-Chef Powell das gerade zuvor quasi ausgeschlossen hatte. Denn, so Gundlach, am Ende wird die „Fed“, sprich die US-Notenbank, tun, was der Markt will und derzeit vorwegnimmt. Ich dürfte, als ich diese Sprüche hörte, wohl genauso aus der Wäsche geschaut haben wir der CNBC-Moderator, dem man deutlich ansah, dass ihm ein Wort in den Sinn kam, das mit „I“ anfängt, denn:

Zu glauben, man wisse es besser als alle anderen, ist an der Börse ohnehin einer der Kardinalsfehler. Einer, der einen am Ende immer äußerst teuer zu stehen kommt. Aber zu behaupten, die US-Notenbank rede halt gerade irgendwas daher, man selber aber wisse, was die Währungshüter wirklich tun würden, ist schon ein starkes Stück. Und doch derzeit nicht unbedingt überraschend. Zunächst mal: Was hat den Anlegern denn an den Aussagen der „Fed“ nicht gepasst?

Bullen-Träume landeten auf dem Altar der Realität

Das Problem war, dass viele vorschnell unterstellten, dass zwei Monate mit einer zum Vormonat geringer als prognostizierten Teuerung ausreichen würden, um die US-Notenbank dazu zu bewegen, ihren zuvor x-mal klar kommunizierten, rigiden Kurs aufzuweichen, die Zinsen 2023 nur noch wenig und nicht mehr allzu lange anzuheben und sie noch im selben Jahr wieder zu senken. Man wettete auch darauf, dass eine Rezession entweder ausbleiben oder nur kurz andauern und das Wachstum 2023 wieder durchstarten wird. Und natürlich, so unterstellten viele, werde die EZB sich anschließen. Falsch gedacht.

Beide Notenbanken prognostizierten für 2023 ein durchschnittliches, sehr schwaches Wachstum von nur 0,5 Prozent. Das impliziert zwar auch, dass eine Rezession, wenn es dazu kommt, mild verlaufen wird. Aber wirklich sicher ist ja nicht einmal das. Und die Projektionen der Inflationsraten beider Notenbanken weisen eine Inflation aus, die wenn, dann bestenfalls Ende 2024 wieder im Bereich des Zielkorridors liegt. Das sorgte für Verkäufe in einer Größenordnung, die deutlich machte: Da hatten offenbar immens viele an der Börse aktuell den falschen Mond angeheult. Die Frage stellt sich: wieso?

Börse aktuell: Einfluss bestimmter Ereignisse auf die Nasdaq Kursentwicklung vom 9. bis 16. Dezember 2022 | Online Broker LYNX

Auf ein „Best Case“-Szenario zu hoffen, nennt man Optimismus, das kann, wer mag, gerne tun. Aber hier setzte man ja auf ein Szenario, das wirklich unrealistisch ist. Denn überlegen wir mal:

Angenommen, die Teuerung stoppt schnell, wie sollte das möglich sein, wenn nicht eine wegbrechende Nachfrage dafür sorgt? Was hieße: Rezession. Oder das Wachstum bleibt erhalten, weil der Konsum stabil, womöglich sogar stark bleibt. Vor allem, wenn einzelne Regierungen mit Geld um sich werfen, wovor EZB-Christine Lagarde auch in der Pressekonferenz des Donnerstags ein weiteres Mal gewarnt hat. Denn dann bleiben auch die Preise hoch, würden eher noch deutlich weiter steigen, weil die derzeit in der Tat zu befürchtende Lohn/Preis-Spirale einsetzt. Dann könnten die Notenbanken aber die Zinsen nicht senken, sondern müssten sie, wie Frau Lagarde auch sehr klar machte, umso stärker erhöhen.

Also wäre entweder eine schnell sinkende Inflation auf Kosten einer Rezession möglich, was für den Aktienmarkt wegen sinkender Unternehmensgewinne negativ wäre. Oder die Zinsen müssen noch höher steigen, was für den Aktienmarkt dann etwas zeitverzögert negativ wäre, weil die Unternehmensgewinne dann eben etwas später abgewürgt werden. Das hatte ich ja schon im Frühjahr und Sommer ein paar Mal so skizziert.

Aber man kann eben nicht beides haben, also hatte diese Kaufwelle vom Oktober, die dann bis zur vergangenen Woche in hoffnungsvolles Warten auf ein Wunder überging, keine Substanz. Aber wie kommt man überhaupt darauf, gegen die Notenbanken zu traden? Diese Regel „Never Fight The Fed“ kennt doch eigentlich jeder, auch und gerade Leute wie Jeffrey Gundlach.

Einbahnstraße-Denken: Psychologisch verständlich, faktisch bestenfalls unklug

In all den Jahren an der Börse ist es mir immer wieder begegnet: Es gibt zwar einige sehr zuverlässige und eigentlich simple Börsenregeln, aber viele Anleger interpretieren sie nur im Stil einer Einbahnstraße, also ausschließlich bullisch. Was beispielsweise heißt:

Wenn zwei Quartale Wirtschaftswachstum nacheinander bedeuten, dass sich eine Volkswirtschaft in einer Wachstumsphase befindet, bestreitet das niemand. Wenn aber zwei Quartale nacheinander eine sinkende Wirtschaftsleistung gemessen wird, wäre das zwar nach Definition der Volkswirtschaftslehre eine Rezession. Aber die Mehrheit bestreitet das, wenn nötig, mit den absurdesten Argumenten. Grund: Die meisten Anleger sind „bullish only“. Sie wollen nur Long gehen, finden Short „blöd“ oder „gefährlich“ und denken dementsprechend in einer Einbahnstraße. Etwas, das ihrer Ausrichtung und Erwartung widerspricht, wird verdrängt oder negiert. Anderes Beispiel:

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX und Entwicklung ifo Geschäftsklimaindex im Vergleich von 2003 bis 2010 | Online Broker LYNX

Wenn der ifo-Geschäftsklimaindex drei Monate nacheinander in eine neue Richtung läuft, wird das als Signal für einen Richtungswechsel der Konjunktur angesehen. Laut Regelwerk zumindest. In der Praxis sieht das so aus, dass man schon nach einem Monat mit einem steigenden ifo-Index nach einer Abwärtsbewegung die Wende ausruft und die Sache nach zwei Monaten als bewiesen ansieht. Geht es aber drei Monate nacheinander nach einer vorherigen Aufwärtsbewegung abwärts, geht es los: Da ist aufgrund von X nicht ernst zu nehmen, Y beweist doch, dass der Index sich irrt und so weiter. Es ist jedes Mal dasselbe: Es darf nicht sein, was nicht sein soll, basta. Der Haken:

Das ist der Realität herzlich egal. Da sehr, sehr viele so denken und handeln, kommt es zwar oft zu Aufwärtsbewegungen, die nicht auf dünnem Eis stehen, sondern bei denen man übers Wasser gehen können muss, um auf überhaupt irgendetwas zu stehen. Aber am Ende geht es eben schief. So wie jetzt?

Wunder kommen nicht auf Kommando

Tendenziell ja. In der eigentlich allgemein bekannten Zwickmühle, in die dieses Zusammentreffen aus Inflation und immens hoher Verschuldung die Weltwirtschaft gebracht hat, kann man erst einmal nicht beides haben: Ein Ende der Inflation und die Rückkehr des Wachstums. Erst muss die Inflation weg, dann kann das Wachstum wieder zulegen. Ansonsten wird die Inflation bleiben, wieder in nicht kontrollierbare Regionen geraten und vorschnell gesenkte Leitzinsen müssen umso stärker angehoben werden, genauso, wie dies Anfang der Achtzigerjahre das Fall war. Die Notenbanken haben diese Blaupause von damals vor sich und müssen konsequent bleiben.

Zu behaupten, am Ende werden die Notenbanken einknicken, weil der Markt das so will, ist eine Mischung aus Ignoranz und Emotionen. Womöglich ist Mr. Gundlach gar nicht so sehr bewusst, dass seine Aussagen das sehr deutlich machten. Und ja, er könnte solche Wunder gut gebrauchen, damit seine Fonds besser laufen. Aber sie kommen eben nicht auf Kommando.

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Wer diese Regel „Never Fight The Fed“ nur einseitig, ausschließlich für die bullische Seite auslegt, fuhr historisch gesehen damit meistens schlecht. Dass es diesmal ja etwas ganz anderes sei, dass frühere Beispiele nicht gelten, wir kennen diese Sprüche. Die tauchen immer auf, wenn Leute sich mit Fakten nicht abfinden wollen oder können. Aber wie gesagt: Die Realität schert sich darum nun einmal nicht.

Wie könnte die Sache denn im Sinne der Bullen glimpflich abgehen und alles schnell wieder in die Spur kommen? Das würde einfordern …

… dass keine unkoordinierten fiskalischen Maßnahmen die Notenbanken torpedieren …

… dass die vielen „heißen“ Kredite nicht platzen, obwohl die Zinsen für sie zu hoch sind …

… dass die Verbraucher weiter kräftig konsumieren, obwohl ihnen das Geld ausgeht …

… dass die großen Unternehmen es irgendwie schaffen, ihre im Kielwasser der Inflation nach oben gezogenen Gewinne zu erhalten, ohne Mitarbeiter zu entlassen, obgleich die Preise sinken und auf die Margen drücken …

… dass man in der Politik ab sofort alles richtig macht, nicht nur hierzulande, auch in den USA und vor allem in China, wo natürlich auf keinen Fall der Abstieg des Immobilienmarkts weitergehen darf.

Und diese Liste könnte man noch eine Zeit lang weiterschreiben. Ich weiß nicht … ich meine, es wäre dann doch ebenso einfacher wie vernünftiger zu akzeptieren, dass logisch und zugleich bewährte Faustregeln wie „stelle dich nie gegen die Notenbank“ schon ihren Sinn haben.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest & eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 16.12.2022, Chartquelle marketmaker pp4