Brent Crude Oil: Bullen geschlagen? Kursziel 62/64 USD und tiefer?

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Brent Crude Oil
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Am Aktienmarkt wird es stürmisch – aber nicht nur dort. Brent Crude Oil brach vergangenen Freitag kräftig ein, am Dienstag gingen die Abgaben nach kurzer Erholung am Montag weiter. Bringt „Omikron“ wenigstens die Abwärtswende beim Ölpreis – oder freut man sich da zu früh?

Will man anhand der Rahmenbedingungen eine Tendenz für den Ölpreis ermitteln, kommt man schnell zu der Erkenntnis: Es ist kompliziert. Falls diese neue Virus-Mutation nicht nur weit ansteckender als „Delta“ ist, sondern auch gefährlicher, könnten viele Länder in einen umfassenden, längeren Lockdown gehen, denn bis Vakzine darauf eingestellt, produziert und verteilt werden können, dauert es Monate. Das würde die Ölnachfrage verringern, nur:

Da stößt man bereits auf das erste „falls“. Noch hat man ja keine tauglichen Informationen zur Gefährlichkeit dieser „Omikron“-Variante und weiß nicht, wie gut die herkömmlichen Impfstoffe dagegenwirken. Aber selbst, wenn man es wüsste, landet man schnell beim nächsten „falls“.

Denn eine Verschiebung der Angebots-/Nachfrage-Situation zu Gunsten eines steigenden Angebots würde auch voraussetzen, dass a) Lockdowns so weitreichend sind, dass sie den Verkehr tatsächlich massiv ausbremsen und dass b) die OPEC+ dieser Entwicklung keinen Riegel vorschiebt. Was sich bereits morgen zeigen könnte.

Expertenmeinung: Denn morgen trifft sich die OPEC wieder zu einer Sitzung in Wien. Eine, die es in sich haben könnte, denn nachdem US-Präsident Biden verfügt hat, dass man einen Teil der strategischen US-Ölreserven freigeben werde, um den Preis zu drücken, wurden Gerüchte herumgereicht, dass zumindest Saudi-Arabien und Russland (das ja mittlerweile mit der OPEC eng zusammenarbeitet, sodass man diese meist OPEC+ nennt) erwägen, diese Maßnahme zu kontern. Und zwar, indem man darauf drängt, die zuletzt beschlossene Ausweitung der im Mai 2020 massiv um etwa 10 Millionen Barrel gekürzten Fördermenge um 400.000 Barrel pro Monat auszusetzen. Was hieße:

Es wäre sehr gut möglich, dass diejenigen, die jetzt massiv aus Long-Positionen aussteigen und/oder auf der Short-Seite agieren, auf dem falschen Dampfer sind. Falls „Omikron“ keine Lockdown-Welle zur Folge hat. Und falls OPEC+ eine dann sinkende Nachfrage durch ein sinkendes Angebot kontert. Fazit: Man weiß nicht, ob dieser Abverkauf am Ende wirklich die mittelfristige Abwärts-Trendwende sein wird. Wie geht man damit um?

Einfach mal eine Wette einzugehen und einen Trade zu starten, sei der nun Long oder Short, wäre alleine aufgrund der immensen Volatilität, die Brent Crude Oil jetzt zeigt, äußerst verwegen. Außerdem ist der Ölpreis ja jetzt ohnehin an einem charttechnischen Punkt angekommen, der Entscheidungen einfordert … und das OPEC-Treffen ist bereits morgen.

Brent Crude Oil ist durch die Verkäufe des Dienstags auf die 200-Tage-Linie zurückgefallen, zugleich geht es noch um die knapp darüber verlaufende, mittelfristige Aufwärtstrendlinie. Die 200-Tage-Linie bei 68,60 US-Dollar wurde am Dienstag getestet und zunächst noch gehalten. Sollte diese Linie nach dem OPEC+-Treffen morgen auf Schlusskursbasis unterboten sein/bleiben, dann wären die Bullen hier in der Tat erst einmal geschlagen, der Weg an die nächste Kurszielzone 62/64 US-Dollar, womöglich sogar bis 56 US-Dollar aus charttechnischer Sicht frei. Aber dem vorzugreifen wäre, wie gesagt, eine riskante Wette.

Brent Crude Oil: Chart vom 30.11.2021, Kurs 69,56 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

 

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Falls ein Bericht des „Wall Street Journal“ zutreffend wäre, könnte die Freigabe eines Teils der strategischen US-Ölreserven zum Zweck, den Ölpreis zu drücken, zu Gegenmaßnahmen seitens der OPEC+ führen. Die Gefahr, dass Brent Crude Oil 100 US-Dollar erreicht, bleibt.

Am Dienstag verkündete die US-Regierung, dass man einen Teil der strategischen Ölreserve, die bei gut 600 Millionen Barrel liegt, freigeben werde, um den Anstieg der Ölpreise zu stoppen und die Verbraucher auf diesem Wege zu entlasten. 50 Millionen Barrel sollen es in den USA sein. Und Japan, Indien, Südkorea und eventuell auch China wollen ähnliches tun. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass der tägliche Rohölbedarf weltweit derzeit um 100 Millionen Barrel liegt, wäre diese Maßnahme alles, nur kein „Game Changer“. Aber es ist ein symbolischer Akt, der die Spekulanten am Ölmarkt bremsen und der OPEC nebst Russland (OPEC+) zeigen soll, dass man in Bezug auf die Angebotsseite nicht von deren Gnade abhängig ist.

Das „Wall Street Journal“ berichtete daraufhin am Mittwoch, dass speziell die OPEC+-Mitglieder Saudi-Arabien und Russland erwägen, auf diese Aktion mit Gegenmaßnahmen zu reagieren, indem man die eigentlich vorgesehene Ausweitung der Fördermenge um jeweils 400.000 Barrel pro Monat aussetzt. Das könnte der Beginn eines politischen Streits ums Öl werden, den die Weltwirtschaft jetzt absolut nicht gebrauchen kann. Worauf politisch basierte Streitereien, bei denen es auch noch um Geld geht, allerdings normalerweise keine Rücksicht nehmen. Das Problem der USA und der anderen Länder, die mit der Freigabe ihrer Reserven Druck auf den Kurs ausüben wollen, ist dabei: Diese Reserven sind endlich.

Expertenmeinung: OPEC+ könnte daher ihre Förderung sogar drosseln, statt sie nur nicht auszubauen. Denn natürlich drückt das auf Umsatz und Gewinn. Und natürlich sind viele der OPEC-Länder auf die Einnahmen aus dem Ölsektor angewiesen. Aber sie wissen, dass die Gegenseite nicht lange Druck machen kann, denn die strategischen Reserven, die ja für das Ausgleichen von Engpässen in Notfallsituationen gedacht sind, einfach komplett aufzulösen, wäre ungemein riskant. Und selbst, wenn die USA & Co. das täten: Wenn die Reserven weg sind, haben sie nichts mehr in der Hand, um dem anderen Lager Paroli zu bieten.

Für das bullische Lager bei Brent Crude Oil wäre eine solche Gegenmaßnahme und damit der Schritt zu einer Eskalation des Streits eine Steilvorlage. Die Bullen haben bereits deutlich gemacht, was sie von dem Versuch, den Ölpreis zu drücken, halten: Kaum hatten die USA gemeldet, dass 50 Millionen Barrel freigegeben werden, zog Brent Crude Oil am Dienstag kräftig an und sah am Mittwoch kaum Gewinnmitnahmen. Denn der Kurs wird an der Börse gemacht – und kann daher von der realen Angebots-/Nachfragesituation abgekoppelt laufen.

Dass Brent Crude Oil durch diesen Machtbeweis der Trader klar oberhalb der unteren Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals nach oben gedreht und damit die den Trend zuletzt meist führende Zone aus 50-Tage- und 100-Tage-Linie verteidigt hat, bringt das Bullen-Lager wieder in die Offensive. Und würde dieser Zank ums Öl eskalieren, wäre ein Ausbruch über das bisherige Jahreshoch, das im derzeit als Frontmonat dienenden Brent Crude-Future mit Liefertermin Februar bei 84,75 US-Dollar liegt, das Signal für eine Attacke an die 100 US-Dollar-Marke. Denn die würde sich zum Jahresende mit der oberen Begrenzung dieses im Herbst 2020 etablierten Trendkanals schneiden.

Chart vom 24.11.2021, Kurs 82,15 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Reißende Lieferketten bremsen die Produktion aus, die US-Öllagerbestände sind in den letzten Wochen gestiegen … aber Brent Crude Oil dreht nicht nach unten ab, könnte sogar jederzeit nach oben ausbrechen. Hauptargument der Bullen: die OPEC. Aber es gibt Hoffnung.

Solange OPEC+ die Produktion nicht deutlich ausweitet, behalten die Bullen Rückenwind, Bislang beharren die OPEC+ Länder (d.h. die OPEC + Russland) darauf, die Förderung trotz der immens gestiegenen Kurse in dem Schneckentempo von 400.000 Barrel pro Monat auszuweiten. Was hieße, dass das „Prä Corona“-Niveau nicht vor Frühjahr 2023 wieder erreicht wäre. Daher rechnen viele damit, dass für den Ölpreis nach oben nichts unmöglich ist und positionieren sich entsprechend. Allerdings ist das Eis dünner, als man das im ersten Moment denken könnte.

Denn diese langsame Rückkehr zu früheren Fördermengen ist innerhalb der OPEC nicht unumstritten. Erstens, weil die USA, als Einzelstaat gesehen der mittlerweile größte Ölförderer, die Angebotslücke jederzeit nutzen und selbst mehr zu Top-Preisen verkaufen könnte. Was die USA nicht hindert, so zu tun, als sei die OPEC alleine Schuld an den hohen Preisen. Zweitens, weil man auf diese Weise künstlich hohe Priese mit weniger Umsatz erkauft und dadurch riskiert, dass noch höher laufende Preise das ohnehin wankende weltweite Wachstum abwürgen könnten. Und käme es so, wäre man nicht mehr imstande, die Förderung ohne Preissturz auszuweiten, weil zugleich die Nachfrage sinkt.

Expertenmeinung: Gerade die Sorge, dass man den Bogen womöglich überspannt, so dass einzelne Förder-Länder ausbrechen und das hohe Preisniveau nutzen, um deutlich mehr zu produzieren und dadurch die Preise bereits im Vorfeld eines möglichen Nachfragerückgangs zu drücken, bietet eine Chance für diejenigen, die dringend auf eine Preisentspannung warten. 

Wir sehen im Chart, dass vergangene Woche der Versuch, Brent Crude Oil über das bisherige Jahreshoch von 86,10 US-Dollar im derzeit als „Frontmonat“ dienenden Future mit Januar-Laufzeit zu heben, abgewiesen wurde. Da besonders beim Ölpreis viel Spekulation im Kurs ist, muss man zwar einkalkulieren, dass das bullische Lager den Kurs auch ohne eine Veränderung der Faktenlage in einen Ausbruch nach oben zwingen könnte. Aber diese derzeitige Seitwärtsbewegung zwischen 80 und 86 US-Dollar kann allemal auch Basis einer Abwärtswende werden. Für eine echte, mittelfristig relevante Entspannung des Ölpreises müsste aber mehr gelingen als ein Schlusskurs unter 80 US-Dollar: Das wäre ein wichtiger, aber dennoch nur der erste Schritt.

Erst, wenn Brent Crude Oil darüber hinaus die Supportzone 75,00/75,70 US-Dollar und damit auch die knapp darüber verortete 100-Tage-Linie unterbieten würde, dürfte im Lager der Bullen das große Rennen einsetzen. Möglich wäre ein solches Szenario. Aber darauf zu setzen, bevor Brent Crude nicht wenigstens aus der derzeitigen Seitwärtsspanne nach unten herausgelaufen ist, wäre gewagt, denn die Erfahrung lehrt, dass die Trader Trends gerade am Rohstoffmarkt nicht selten bis zum Exzess ausreizen.

Brent Crude Oil: Chart vom 16.11.2021, Kurs 82,78 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

In den letzten drei Wochen bewegte sich der Kurs von Brent Crude Oil zwar tendenziell seitwärts. Aber diese Bewegung spielt sich auf mehrjährigen Hochs ab. Und so sehr es die meisten hoffen mögen: Noch ist ein Szenario mit 100 US-Dollar pro Barrel nicht vom Tisch.

Wenn man sich den langfristigen Kursverlauf von Brent Crude Oil auf Basis des derzeit als „Frontmonat“ dienenden Futures mit Laufzeitende Januar 2022 ansieht, wird die Gefahr deutlich: Ziemlich genau zum Jahresende läge die obere Begrenzung des im Frühjahr 2020 etablierten, breiten Aufwärtstrendkanals bei 100 US-Dollar. Und dass Brent Crude im Bereich des Jahreshochs 2018 nicht nach unten abdrehte, sondern dort volatil hin und her pendelt, macht klar: Ausschließen kann man nicht, dass dieses Horror-Szenario ausbleibt.

Dass die Weltwirtschaft nach der Preisexplosion bei Erdgas und Kohle einen außer Rand und Band geratenden Ölpreis ganz und gar nicht brauchen kann, ist kein Grund, an der Fortsetzung des Preisanstiegs zu zweifeln, denn die Regierungen können den Preis nicht steuern oder gar festlegen. Und wenn sich die Maßnahmen erster Länder, bedürftigen Familien etwas für die Heizkosten zuzuschießen, ausweiten, könnte das die Bullen am Ölmarkt erst recht animieren, weiter auf Hausse zu zocken. Denn dann würde die Nachfrage womöglich weniger zurückgehen als ohne solche Maßnahmen. Ist es denn überhaupt ein Problem zu hoher Nachfrage, das den Ölpreis treibt?

Expertenmeinung: Das ist nicht sicher feststellbar. Richtig ist, dass die Logistikprobleme derzeit dazu führen, dass z.B. LKW- und Tanker-Flotten unter Volllast agieren. Aber da hat man auch nicht den Transportraum vor der Corona-Krise, zugleich kann man die Kapazitäten nicht binnen weniger Wochen nennenswert ausweiten. Es ist eher die gezielt niedriger als vor Corona gehaltene Fördermenge bei den ölproduzierenden Ländern, also die Angebotsseite, die die Bullen animiert, den Preis immer höher zu treiben. Wobei auch die Förderung in den USA derzeit offenbar unter der von Anfang 2020 liegt, nicht nur die der OPEC und Russlands.

Aber selbst, wenn es gelingt, die Fördermengen schneller und umfassender auszuweiten als das derzeit auf der Agenda steht: Die reale Angebots-/Nachfrage-Situation bestimmt den Kurs an der Börse nicht zwingend. Da geht es um das Verhältnis Bullen zu Bären … und da ist eben immer ein immenser Anteil an reinen Spekulanten dabei, die de facto kein Barrel echtes Öl liefern oder abnehmen können bzw. wollen. So problematisch das auch ist: Die Preisbildung bei Rohstoffen ist immer von der Spekulation abhängig. Versuche, das nach den Exzessen der Jahre 2007 bis 2009 zu ändern, sind bislang gescheitert.

Brent Crude Oil: Chart vom 27.10.2021, Kurs 83,28 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Daher dürfte man deutlich besser fahren, wenn man sich konsequent an der Charttechnik orientiert, wenn es um die Perspektiven des Ölpreises geht, denn daran orientieren sich auch die spekulativen Trader. Und da gilt:

Solange der Kurs im Bereich des 2018er-Hochs seitwärts läuft, kann er jederzeit nach oben ausbrechen. Womit vor allem dann zu rechnen wäre, wenn das bisherige Jahres-Verlaufshoch im Januar-Future von 85,77 US-Dollar auf Schlusskursbasis überboten wird. Der Kurs könnte dann zwar jederzeit irgendwo darüber abdrehen, aber das Ziel der oberen Begrenzung des Trendkanals dürften so ziemlich alle Bullen dann im Auge haben. Die Linie also, die Ende des Jahres die 100 US-Dollar-Marke erreichen wird.

Die Kuh wäre erst dann vom Eis, wenn dieser steile, breite Aufwärtstrendkanal brechen würde, zumal dann auch die wichtige, im Chart dick blau markierte 200-Tage-Linie unterboten würde, die die untere Begrenzung des Kanals verstärkt. Doch Stand heute wäre das eben erst bei Closings unter 69 US-Dollar der Fall. Solange Brent Crude Oil über 69 US-Dollar notiert, sitzen die Bullen weiterhin am längeren Hebel.

Seit es Ende August zu einem Fehlausbruch nach unten kam, ist der Preis für ein Barrel Brent in der Spitze um 35 Prozent gestiegen. Chart- und markttechnisch wäre der Kurs längst „oben“. Aber man sollte besser nicht ausschließen, dass es die Bullen auf eine Eskalation anlegen.

Eigentlich müsste es ja langsam genug sein. Eigentlich dürften viele von denen, die bei Brent Crude Oil und den anderen wichtigen Ölsorten auf Hausse spekulieren, ja auch Positionen am Aktienmarkt haben und damit nicht daran interessiert sein, dass der Aktienmarkt durch noch höhere Ölpreise ins Wanken gerät. Eigentlich könnte man zudem davon ausgehen, dass die aktuell durch den „Flaschenhals“, eine auf Volllast laufende Logistik und die künstliche Verknappung der Fördermenge hohe Nachfrage nicht von Dauer ist. Eigentlich.

Brent Crude Oil: Tages-Chart vom 19.10.2021, Kurs 85,25 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Aber wer sich an die Jahre 2007 bis 2009 erinnert, als der Preis für ein Barrel Brent Crude Oil von 50 auf 145 US-Dollar schoss und danach dann bis auf 35 US-Dollar einbrach, weiß: Wenn die Trader am Rohstoffmarkt erst einmal außer Rand und Band geraten, ist nichts mehr unmöglich, egal, welche Probleme dadurch entstehen. Das scherte damals, 2007 bis 2009, niemanden. Es würde heute nicht anders sein. Ein „eigentlich“ kann also ausreichen, um hier ein Topp auszubilden. Aber es muss eben nicht.

Expertenmeinung: Der Chart auf Wochenbasis zeigt, dass Brent Crude jetzt mitten in der Widerstandszone angekommen ist, die sich aus der oberen Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals und den Hochs der Jahre 2019 und 2020 ergibt. Zugleich ist die Markttechnik klar überkauft. Auf Tagesbasis sowieso, aber auch auf Wochenbasis. Das ist sie allerdings seit März immer mal wieder. Zu einer Abwärtswende hat es trotzdem nicht geführt.

Und die Bullen hätten durchaus ein Motiv, um den Kurs durch diese Widerstandszone 84,22/87,00 US-Dollar (bezogen auf den Kurs des Frontmonat-Futures Dezember) hindurch zu boxen: Würde es gelingen, das Barrel klar über 87 US-Dollar zu ziehen, dürfte das viele Stop Loss-Orders auf der Short-Seite auslösen. Womöglich auch Panik-Käufe von echten Abnehmern, die bislang keine ausreichenden Vorräte oder gesicherte Lieferungen haben, um über den Winter zu kommen. Aber genau das, ein solches „Überschießen“, könnte dann auch der Anfang vom Ende der Hausse werden, denn:

Die Dimension offener Long-Positionen am Futures- und Optionsmarkt dürfte angesichts dieser „eigentlich“ überreizten Hausse gewaltig sein. Da den Gewinn mitzunehmen, ohne dadurch die Abwärtswende selbst einzuläuten, weil die Nachfrage große Long-Verkäufe gar nicht mehr aufnehmen könnte, ist knifflig. Wenn es aber gelingt, mit dem Break über 87 US-Dollar eine kurzzeitige Kaufpanik loszutreten, wäre genau diese nötige Nachfrage da, um auch sehr große Long-Positionen bequem unterbringen zu können. Denkbar wäre also, dass eine solche Eskalation zwar extrem schnelle, ggf. auch weitreichende, aber auch nur kurzlebige Kurssteigerungen nah sich zöge, die dann die Basis für eine Abwärtswende werden. Hier dürfte in den kommenden Tagen und Wochen einiges geboten sein!

Brent Crude Oil: Monats-Chart vom 19.10.2021, Kurs 85,25 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX

Der Blick auf die Heizölpreise treibt einem den Schweiß auf die Stirn, an der Tankstelle tankt man derzeit den Verdruss gleich mit: Der Ölpreis steigt immer weiter. Trotzdem erhöht die OPEC die Förderquote nicht. Ist sie an der Misere schuld? Und wie lange geht das so weiter?

Das war genau das, was die Bullen hören wollten: Trotz Ölpreisen, die kurz davorstehen, die Anfang 2020 markierten Hochs zu überwinden und in Richtung der „Grusel-Preise“ des Jahres 2018 zu laufen, war OPEC+, d.h. die OPEC plus Russland, nicht bereit, ihre höchst langsame Rückkehr zu früheren Fördermengen zu beschleunigen. 400.000 Barrel pro Tag sollen Monat für Monat jeweils hinzukommen, mehr nicht.

Angesichts einer Situation, in der beispielsweise die Frachtschifffahrt mit maximaler Auslastung fährt und zugleich die Heiz-Saison beginnt, erscheint die Entscheidung, das Angebot gezielt knapp zu halten, um dadurch bedingt niedrigere Umsätze mit deutlich höheren Preisen auszugleichen, unverantwortlich. Und die USA? Die könnten als mittlerweile weltgrößter Ölförderer einspringen. Aber während man auf politischer Ebene der OPEC die Schuld an den hohen Preisen zuschiebt, sind dort weitaus weniger Bohrlöcher aktiv als aktiv sein könnten, vergangene Woche zählte Baker Hughes 528 aktive Bohrlöcher, im Februar 2020 waren es knapp 800. Aber auch, wenn man die Förderung deutlich hochfahren würde, zwingend wäre ein nennenswerter Rückgang des Preises, hier im Chart der Kurs der für Europa wichtigsten Sorte Brent Crude Oil, nicht, denn:

Expertenmeinung: Letztlich wird der Kurs aller Rohstoffe an der Börse „gemacht“. Natürlich handeln auch die Anbieter und Großabnehmer über die Rohöl-Futures, aber die Spekulation spielt eben immer mit. Gerade in Phasen extremer Kurse, ob nun auf der Ober- oder der Unterseite, ist der Einfluss kurzfristiger Trader besonders groß. Und die sind gerade im Bereich der Commodities dafür bekannt, Trends bis zum Exzess auszureizen. Der wann erreicht wäre?

Eigentlich jetzt, denn wir sehen in diesem Chart auf Wochenbasis über drei Jahre, dass Brent Crude Oil die obere Begrenzung des im Frühjahr 2020 etablierten Aufwärtstrendkanals erreicht hat, die aktuell mit der aus den Jahreshochs 2019 und 2020 im Bereich 84,22/87,00 US-Dollar (bezogen auf den akt. Futures-Frontmonat Dezember) zusammengesetzten Widerstandszone einen Kreuzwiderstand bildet. Und selbst auf dieser mittelfristigen Zeitebene wäre Brent Crude jetzt markttechnisch überkauft. Also, geht der Spuk jetzt in Kürze zu Ende?

Es ist möglich, aber sich darauf zu verlassen, bevor nicht mit Schlusskursen unter dem letzten markanteren Zwischenhoch vom Juli (75,78 US-Dollar) ein entsprechendes Signal entsteht, wäre riskant. Denn wie gesagt: Am Rohstoffmarkt ist nichts unmöglich … und es wäre keineswegs das erste Mal, dass Spekulanten hier kein Halten kennen, wir müssen da nur an die Jahre 2007 bis 2009 zurückdenken!

Brent Crude Oil: Chart vom 11.10.2021, Kurs 83,85 US-Dollar, Kürzel COIL | Online Broker LYNX