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Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 22.-28.06.2026

Warum der Fear & Greed-Index gerade falsche Signale sendet

von

22.06.2026 | 07:00 Uhr
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Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Vor zwei Jahren hatte ich an dieser Stelle schon einmal über den vom US-Sender CNN ermittelten Fear & Greed-Index geschrieben. Im Rahmen der Sentiment-Analyse ist er ein vielbeachtetes Tool für Marktteilnehmer. Aber er ist nicht unfehlbar. Es gibt Sondersituationen, die der Index nicht erfassen kann. Dann werden seine Signale problematisch … so wie aktuell.

Um was geht es bei diesem Index, den Sie auf dieser Unterseite von CNN Business finden können? https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed

Es geht darum, aus dem Verhalten der Marktteilnehmer ableiten zu können, wie die Gesamtstimmung am Markt ist und was sich daraus für die kommende Zeit als Markttendenz ableiten ließe.

Die Grundidee der Sentiment-Analyse

Dabei wird unterstellt, dass die Stimmungslage der Masse der Marktteilnehmer in dem Moment wie ein Kontraindikator zu wirken beginnt, wenn sie zu extrem wird. So indiziert extrem bullische Stimmung Gier (Greed). Gier macht unvorsichtig, das verfügbare Kapital wird voll investiert … und irgendwann gehen dem Markt die Käufer aus und die Sache kippt. Warum? Weil wohl niemand in Bezug auf den Aktienmarkt euphorisch bzw. gierig ist, aber noch gar nicht gekauft hat.

Das ist eine ebenso richtige wie hilfreiche Überlegung. Denn die meisten Anleger dürften eine „Bombenstimmung“ am Aktienmarkt mit einer besonders hohen Sicherheit darüber verbinden, dass die Kurse immer weiter steigen müssen. Wenn es, wie gesagt, zu extrem wird, ist aber das Gegenteil richtig. Der alte Börsenspruch, dass die Stimmung am Hoch am besten ist, hat schon seinen Sinn.

Umgekehrt bedeutet eine massiv negative Stimmung Angst (Fear). Wer Angst hat, verkauft oder hat das bereits getan. Damit ist bei extrem am Markt umgehender Angst kaum noch jemand da, der in die gefallenen Kurse hinein aussteigen will bzw. kann. Was bedeutet, die Kurse werden über kurz oder lang steigen.

Der Haken dabei ist dieses „über kurz oder lang“. Sentiment-Indikatoren sind für das unmittelbare Timing von Trades nicht ideal, denn „Greed“- oder „Fear“-Phasen können bisweilen verblüffend lange anhalten, daher sind einzelne Indikatoren eher unzuverlässig. Dieses Problem versucht der „Fear & Greed“-Index von CNN Business zu lösen, indem er sich nicht auf einen, sondern auf gleich sieben Indikatoren stützt.

Sieben Indikatoren ergeben ein Gesamtsignal … grundsätzlich eine gute Sache

Da dieser Fear & Greed-Index CNN Business gehört, kann ich ihn an dieser Stelle nicht einfach abbilden, daher hier noch einmal der Link dorthin, dann können Sie ihn sich selbst ansehen und nachvollziehen, wo es momentan klemmt: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed.

Grundsätzlich ist dieser Index ein gutes Tool, das ich auch selbst gerne mit in meine Überlegungen einbeziehe (wenn er nicht, wie momentan, daneben liegt, dazu gleich mehr), denn er hat einen bedeutenden Vorteil gegenüber den meisten anderen Indikatoren, egal, ob aus dem Bereich Sentiment oder Markttechnik:

Er besteht aus sieben Unterkomponenten und erzeugt damit ein breites, geglättetes Bild, so dass man normalerweise nicht wie bei Fehlsignalen von Einzel-Indikatoren komplett auf den falschen Dampfer geraten würde. Was aber ganz anders aussieht, wenn mehrere dieser sieben Indikatoren ein verzerrtes Bild liefern. Folgende sieben Indikatoren bilden zusammen diesen Index:

Die einzelnen Indikatoren des Fear & Greed-Index

Zunächst haben wir da das Momentum, die Schwungkraft des Marktes. Dazu wird geprüft, ob und wie weit der marktbreite S&P 500 über dem gleitenden Durchschnitt der letzten 125 Handelstage notiert. Warum man mit 125 Tagen ausgerechnet ein ansonsten nie benutztes Zeitraster gewählt hat, sei mal dahingestellt, aber vom Prinzip her passt die Aussage: Je weiter der S&P 500 über dieser 125-Tage-Line notiert, desto größer ist das Momentum. Und mit ihm die Euphorie. Euphorie aber heißt, dass die meisten vermutlich schon investiert sind (weil man nicht euphorisch ist und zugleich ein leeres Depot hat). Und das bedeutet: Abwärtsrisiko. Umgekehrt gilt: Je weiter der S&P 500 unter der Linie notiert, desto größer ist der Pessimismus, d.h. wer verkaufen wollte, hat wohl schon verkauft. Und das bedeutet: Chancen auf der Oberseite. Allein für sich genommen ist das zwar trotzdem noch sehr unzuverlässig. Aber es kommen ja noch sechs andere Indikatoren hinzu.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 Index und 125-Tage-Durchschnitt von Juni 2025 bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung S&P 500 Index und 125-Tage-Durchschnitt von Juni 2025 bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Der zweite Indikator ist die Marktbreite des Trends. Je mehr Aktien an der NYSE (New York Stock Exchange) neue Hochs markieren im Vergleich zu denen, die neue Tiefs markieren (immer bezogen auf die letzten 52 Wochen), desto massiver ist – normalerweise – die Hausse. Und wenn eine Hausse extrem wird, steht sie eben oft kurz vor ihrem Ende. Daher wird ein hoher Wert von 52-Wochen-Hochs minus 52-Wochen-Tiefs als bullisch und das wiederum als „Gier“ eingestuft, im Gegenzug ist ein geringer oder sogar negativer Wert (wenn mehr neue Tiefs als Hochs vorliegen) extrem bärisch und würde „Fear“ indizieren, d.h. es bieten sich Chancen für steigende Kurse. Und genau hier liegt derzeit der Hase im Pfeffer, dazu gleich, zuerst weiter mit den anderen Indikatoren.

Börse aktuell: Entwicklung neuer 52-Wochen-Hochs und 52-Wochen-Tiefs von an der NYSE notierten Aktien von April 2024 bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung neuer 52-Wochen-Hochs und 52-Wochen-Tiefs von an der NYSE notierten Aktien von April 2024 bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Als drittes haben wir eine Messgröße für die Trendstärke des Aktienmarkts, indem die Zahl der jeweils steigenden zu den fallenden Aktien an der NYSE mit ihren insgesamt um die 2.400 dort notierten Unternehmen ermittelt wird. Ist dieser Wert relativ niedrig, steigen also nur wenig mehr Aktien als zugleich fallen oder ist die Zahl nachgebender Aktien sogar höher, wertet der Fear & Greed-Index dies als „Fear“. Da entsteht in der besonderen Situation derzeit erneut ein Problem bei der Auslegung. Zum Ende der Vorwoche wies dieser Indikator sogar „Extreme Fear“ aus. Was keineswegs der Fall war.

Indikation Nummer 4 ist die sogenannte Put/Call-Ratio. Hier wird gemessen, wie sich das Verhältnis der am Terminmarkt gekauften Put- und Call-Optionen darstellt. Das ist eine gute Indikation, weil Optionen, anders als hierzulande, in den USA immer noch „das“ Derivat der Privatanleger sind. Wenn der Anteil an Puts über den der Calls steigt ist das ein Signal dafür, dass sich auffallend viele Anleger abzusichern scheinen, weil sie nervös sind. Das ist bärisch, weil man das als Kontraindikation sehen kann: Ungewöhnlich viele Trader, die skeptisch sind, bieten Chancen nach oben. Im Gegenzug ist ein starker Überhang an Calls ein Signal für Leichtsinn und damit als Kontraindikation potenziell bärisch.

Nummer 5: der VIX oder Volatilitätsindex. Er basiert auch auf dem Optionsmarkt und versucht zukünftige Preis-Volatilität zu messen. Steigt der VIX stark an, ist das ein Signal für „Fear“, ein niedriger VIX-Level zeugt von „Greed“. Das war und ist aber immer eine wacklige Sache, die Aussage des VIX liegt nicht selten völlig daneben. Da diese Indikation zum Vorwochenschluss aber mit „Neutral“ daherkam, soll das nicht unser heutiges Problem sein.

Die sechste Komponente misst die Kursgewinne am US-Aktien- und am US-Anleihemarkt über die letzten 20 Tage mit jeweiligen Durchschnittswerten. Die Aussage: Wenn die Gewinne am Aktienmarkt höher sind als am Anleihemarkt, ist das ein Signal höherer Risikobereitschaft und wird als Gier, sprich „Greed“ gewertet. Wenn dieses Verhältnis aber zu Gunsten der Anleihen dreht, nimmt der Wunsch der Investoren zu, sich abzusichern, das signalisiert „Fear“.

Zuletzt haben wir noch das Verhältnis der Renditen von Anleihen mit schlechter Bonität (Junk Bonds) zu denen von US-Staatsanleihen, die die höchste Bonität aufweisen. Junk Bonds haben eine deutlich höhere Rendite, sprich man bekommt dort mehr Zinsen als Ausgleich für das höhere Risiko wegen der schwachen Bonität. Wenn die Spanne zwischen den Renditen von Junk Bonds und den US-Staatsanleihen zunimmt, zeugt das von zunehmender Risikobereitschaft und damit von Leichtsinn, was die Gefahr von Rückschlägen erhöht, daher wird das als „Greed“ eingestuft. Wird diese Rendite-Schere kleiner, greifen die Trader also vermehrt zu den weniger hoch rentierenden, aber sichereren US-Staatsanleihen, sieht man das als Signal von Angst, also „Fear“.

Wie wird der Fear & Greed-Index berechnet?

Wie macht man aus sieben Indikationen eine? Das Berechnungsprinzip ist ebenso simpel wie sinnvoll: Alle sieben Indikatoren werden in einer Range zwischen 0 und 100 Punkten berechnet, die sich aus der für diese Indikatoren normalen Spanne ergibt. Diese jeweiligen, aktuellen Wertungen zeigen für sich genommen, Sie sehen das selbst, wenn Sie den obigen Link auf die CNN Business-Seite nutzen, ob der Indikator gerade Angst oder Gier aussendet.

Aus diesen sieben Punktwertungen der Einzelindikatoren wird dann der Wert des Fear & Greed-Index ermittelt, indem die sieben Werte addiert und dann durch sieben geteilt werden, so dass jeder Einzelindikator die gleiche Gewichtung für den Endwert des Fear & Greed-Index erhält.

Dieser bewegt sich ebenso in der Skalenspanne 0 bis 100 Punkte, wobei er fünf Zonen ausweist:  0 bis 24 Punkte werden als „extreme Fear“ gewertet, 25 bis 44 Punkte als „Fear“. Die Zone zwischen 45 und 54 Punkten ist die neutrale Zone, danach sehen wir zwischen 55 und 74 Punkten „Greed“ und darüber, zwischen 75 und 100 Zählern, „Extreme Greed“.

Erinnern wir uns, bevor wir uns jetzt des Pudels Kern ansehen: Das ist ein Kontraindikator, den man also „auf den Kopf gestellt“ nutzt, indem „Fear“ bullisch und „Greed“ bärisch gewertet werden, sobald die Indikationen in die Extremzonen eintreten … und nur, wenn sie in den Extremzonen sind. Erst unter 25 Punkten sollte man den Fear & Greed“-Index als Hinweis auf einen baldigen Aufwärtsschwenk betrachten und erst über 75 als Vorboten einer nahenden Abwärtsbewegung. Zwischen 25 und 75 ist nichts extrem. Trends, die laufen, während der Index in diesem Bereich liegt, sind also, zumindest auf Basis dieser Ebene des Sentiments, nicht gefährdet.

Der Stand der Indikatoren zum Wochenende … und die Quelle des Problems

Die einzelnen Elemente gingen per Donnerstagabend (Freitag war in den USA feiertagsbedingt geschlossen) mit folgenden Aussagen in den Gesamtindex ein:

  • Indikator 1, Momentum: Greed
  • Indikator 2, Marktbreite: Fear
  • Indikator 3, Trendstärke: Extreme Fear
  • Indikator 4, Put/Call-Ratio: Fear
  • Indikator 5, VIX: Neutral
  • Indikator 6, Spanne Anleihe/Aktienkurse: Fear
  • Indikator 7: Junk Bonds vs. Staatsanleihen: Extreme Fear

Damit lag der Fear & Greed-Index insgesamt bei nur 37 Punkten und damit in der Angst-Zone … und das, obwohl der US-Aktienmarkt nach dem Rücksetzer zu Monatsbeginn wieder kräftig zugelegt hat. Doch der Fear & Greed-Index meldete: Man ist ängstlich. Seltsam?

Allerdings. Also muss man die Sache mal abklopfen … und wird umgehend fündig. Denn wie ist es möglich, dass das Markt-Momentum, also der Indikator 1, Gier vermeldet, die Indikatoren für Marktbreite und Trendstärke, Nummer 2 und 3, zugleich aber Angst bzw. sogar extreme Angst? Da muss doch etwas falsch laufen. Ja, das tut es auch … und genau da liegt das Problem!

Wieso der Fear & Greed-Index aktuell falsche Werte ausweist

Dieses Problem könnte jeder erkennen … aber die meisten schauen nur auf die Summe, nicht auf die einzelnen Komponenten und merken daher gar nicht, dass hier gerade etwas nicht passt. Vor allem Handelsprogramme, die den Fear & Greed-Index als Signalgeber nutzen und nicht seine einzelnen Elemente, wären dadurch derzeit auf dem falschen Dampfer. Worum geht es?

Es geht natürlich um die Indikatoren Nummer 2 und 3, die gerade melden, dass am Aktienmarkt Angst umgeht, während die Aktienmärkte von einem Rekordhoch zum nächsten marschieren. Das liegt einfach daran, dass momentan ungewöhnlich wenige Aktie ungewöhnlich extrem zulegen. Sie, vor allem die Halbleiter-Aktien, ziehen den Gesamtmarkt nach oben, während das Gros der Aktien weniger gut oder sogar schlecht läuft. Deswegen ist die Marktbreite schwach und die Zahl neuer 52-Wochen-Hochs untypisch niedrig.

Dabei ist es sicherlich richtig, dass vermutlich viele derjenigen, die diesem Treiben bei den Zugpferden der Hausse zuschauen, eher skeptisch, vielleicht sogar wirklich ängstlich sind. Aber da sich diese Klientel erfahrungsgemäß nicht dazu hinreißen lassen wird, auf diese haussierenden Halbleiter noch aufzuspringen, ist die hinter den Indikatoren stehen Grundaussage, nämlich, dass eine weit verbreitete Furcht dazu führen wird, dass viele erst noch einsteigen, falsch … und damit auch die wegen des „Fear“-Levels bullische Bewertung des Gesamtindex.

Ein grundsätzlich problematischer Aspekt ist zudem der Subindikator Nummer 7 mit seiner Auswertung der Spanne zwischen „soliden“ und „riskanten“ Anleihen … denn das ist ein eigenes Spielfeld, das zumindest aus meiner Sicht nicht Teil eines Gesamtindikators sein sollte, der vor allem für die Messung der Stimmung am Aktienmarkt benutzt wird. Fazit:

Der Fear & Greed-Index sendet momentan irreführende, bullisch wirkende Signale aus. Der Grund: Die extreme Konzentration von immer mehr Kapital auf ungewöhnlich wenige US-Aktien.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100 und NYSE Composite im Vergleich zu Sandisk, Western Digital und ARM Holdings im Jahr 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100 und NYSE Composite im Vergleich zu Sandisk, Western Digital und ARM Holdings im Jahr 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Der „Fear & Greed“-Index könnte die laufende Hausse noch intensiviert haben

Wenn man sich überlegt, dass der Fear & Greed-Index viel Beachtung findet und er sich zudem sehr gut eignet, um Signalgeber von computergesteuerten Handelsprogrammen zu sein, kann es einem ein wenig bange werden. Einem Handelsprogramm muss man ja einfach vorgeben „unter 25 kaufen, unter 20 Long mit Derivaten … über 75 Long verkaufen, über 80 Short mit Derivaten“. Das funktioniert gut, denn der Indikator an sich ist ja ein tadelloses Tool und dass man ihn so nutzt, habe ich in den letzten Jahren immer wieder beobachtet. Aber wäre es so, kommt der Gedanke auf, dass diese durch diese Sondersituation hervorgerufene Fehlfunktion die Hausse am US-Markt noch intensiviert haben könnte. Und damit das Rückschlagrisiko.

Denn grundsätzlich funktionieren Handelsprogramme so, dass sie, wenn sie ein bullisches Grundsignal sehen, in die Aktien investieren, die das höchste Momentum, d.h. die höchste Aufwärtsdynamik zeigen. Was dazu geführt haben kann … und grundsätzlich noch weiter führen könnte … dass diese derzeitigen Favoriten noch extremer zulegen und diese Blase dann unweigerlich platzt, so, wie es absolut allen Blasen zuvor erging. Ob es dann bei einem sportlichen „Luft ablassen“ bleibt oder es wirklich zu einem großen Knall kommt, ist nicht absehbar, aber klar sollte sein:

Dass der Fear & Greed-Index gerade suggeriert, dass an den US-Märkten die Angst umgeht und das als bullisch deklariert, während die Indizes im Bereich bisheriger Hochs notieren, wirkt wie eine Aufforderung zum Tanz auf einer Feier, die schon so lange läuft, dass sie jederzeit enden könnte. Dass dieser grundsätzlich so sinnvolle Indikator die Risiken noch verschärft, sollte man daher besser im Hinterkopf behalten!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Quellenangaben:
Fear & Greed-Index, CNN Money: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed

Informationen zum / zu den auf dieser Seite genannten Produkt(en) finden Sie hier: PRIIPs / KIDs CME Futures

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.06.2026 um 18:23 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

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Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

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Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

15.06.2026
07:00 Uhr

Zyklisch traden … aber antizyklisch denken? — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Brent Crude Oil Future
Neutral
DAX - Deutscher Aktienindex
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 14.06.2026 um 21:17 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

An den Börsen kommt es immer wieder zu Phasen, in denen die Kurse extrem überziehen, mal nach oben, mal nach unten. Erfahrene Anleger erkennen solche Situationen schnell … und können ihren Nutzen daraus ziehen. Allerdings nur, wenn sie einen Fehler vermeiden, der jedoch schnell passiert ist.

Sobald ein Anleger mit dem nötigen Grundwissen … das man mitbringen sollte … und ein wenig Erfahrung eine Situation ausmacht, in der erkennbar wird, dass die Kurse ganz sicher nicht dorthin gehören, wo sie gerade sind, kommt automatisch ein Gedanke: Das geht schief. Und es folgt die Schlussfolgerung: Das ist eine perfekte Chance, um einen stattlichen Gewinn zu erzielen, indem ich darauf setze, dass diese Übertreibung in sich zusammenfällt. Bis zu diesem Zeitpunkt passt alles. Aber der nächste Schritt kann ein Fehler sein. Einer, der dazu führt, dass aus einer cleveren Idee ein monetäres Waterloo wird:

Problem erkannt, losgerannt … und abgebrannt

In dem Augenblick, in dem man ein Ungleichgewicht am Markt erkennt, umgehend eine entsprechende, gegen den Strom laufende Position einzugehen, kann äußerst unerfreulich enden. Denn meist hat man mit der Einschätzung, dass hier etwas nicht läuft, wie es müsste, zwar recht. Aber recht haben und recht bekommen sind, an der Börse mehr noch als sonst, zwei paar Schuhe. Ein „Klassiker“ als Beispiel, bei dem ich selbst den fatalen Fehler begangen hatte, sofort eine antizyklische Position einzugehen: Die komplett verrückte Rohöl-Hausse der Jahre 2007/2008. Was war damals passiert?

Börse aktuell: Entwicklung Rohöl von 2006 bis 2009 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Rohöl von 2006 bis 2009 | Quelle: marketmaker pp4

Die Sorge, dass die damalige Immobilienblase in den USA platzen und Weltwirtschaft nebst Börsen in den Abgrund ziehen würde, nahm bereits 2007 zu, wurde aber mit aller Macht kleingeredet und von den bullischen Anlegern nur zu gerne ignoriert. Dann kam eine „Idee“ auf, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete: Man müsse sein Geld in „echte Werte“ anlegen, in Assets, die Bestand haben, wenn alles zusammenbricht. Zum Beispiel in Rohstoffe. Es begann eine Rohstoff-Hausse, die auch Nahrungsmittel mit erfasste und die Gesamtlage noch fragiler machte. Das war derart grotesk, dass ich damals nicht lange fackelte: Öl kann und wird nicht auf diesem Niveau bleiben, also kann man mit einem Short-Trade nichts falsch machen. Dachte ich. Oder besser: Ich hatte nicht den Hauch eines Zweifels. Und ging grandios baden, denn:

Am Ende lag ich zwar völlig richtig. Aber vor dem Ende der Hausse lag das Ende meiner Short-Positionen, weil ich nicht „ganz oben“ Short ging oder die Abwärtswende abwartete. Kleiner Hinweis am Rande: In Verlustpositionen zuzukaufen ist nicht nur nicht ideal, sondern fatal unklug … ich hatte das damals getan, weil ich nicht glauben wollte, dass die Börse so irre sein könnte. Konnte sie aber.

Scheren schließen sich immer … die Frage ist nur: wann?

Nächstes Beispiel mit aktuellem Bezug: Die Hausse der Internet-Aktien (und Biotech-Werte) ab Mitte 1999, die nichts hinterfragte, aber alles glaubte. Verbunden mit dem Verschmähen von Aktien klassischer Branchen, die man abfällig „Old Economy“ nannte. Der folgende Chart zeigt, wie extrem sich die Sache bis zum Frühjahr 2000 entwickelte. Die hier abgebildeten „DAXsector“-Indizes machen deutlich: Technologie und Telekommunikation liefen wie geschnitten Brot. Der Rest blieb liegen.

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 1999 bis 2000 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 1999 bis 2000 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Und wieder einmal ich mittendrin, mit demselben Fehler wie bei Rohöl, nur, dass ich im „Fall Rohöl“ nichts aus dem ersten Fehler zur Jahrtausendwende gelernt hatte: Da fiel ich mit dem Fehler, nicht nur antizyklisch zu denken, sondern auch automatisch antizyklisch zu handeln, zum ersten Mal so richtig auf die Nase. Denn natürlich war ich zu früh dran. Und nicht nur ich, sondern viele der erfahrenen Trader, schon deswegen schreibe ich diese Kolumne:

Sie soll daran erinnern, dass Cleverness beim Erkennen einer Situation umgehend zu einer Dummheit wird, wenn man vergisst, dass andere eben nicht sehen, was man selbst sieht und immer weiter in die rational betrachtet „falsche Richtung“ agieren. Dabei hätte man absolut nichts verpasst, hätte man zwar antizyklisch gedacht, aber zyklisch gehandelt, indem man damals die Abwärtswende der Hausse-Branchen und die Aufwärtswende der angeblich so langweiligen „Old Economy“ abgewartet hätte, wie wir in diesem Chart sehen, der die gleichen „DAXsector“-Indizes ab dem März 2000 zeigt, als diese Internet-Blase platzte:

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2000 bis 2005 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2000 bis 2005 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Das hat sich also hingezogen. Am Ende, ganz am Ende, lag richtig, wer erkannte, dass keine Volkswirtschaft wachsen kann, wenn die klassischen Branchen nicht mitziehen und deren Aktien damit in einer Phase, in der sie derart verschmäht werden, hoch lukrativ sind. Nur lag man eben lange falsch … auch, wenn man bereits mit dem Abwärts-Schwenk der Internet-Aktien auf die „Old Economy“-Schiene setzte. Richtig lag, wer imstande war, zwischen Denken und Handeln die Charttechnik zu stellen: Erst, wenn der Trend einer Idee recht gibt, ist der Moment da, sie umzusetzen. Und das gilt genauso für die heutige Situation:

Geschichte mag sich wiederholen, bei Fehlern sollte man das indes vermeiden

Da wir Menschen sehr gut darin sind, aus Fehlern nichts zu lernen und ein und dieselbe Dummheit immer wieder zu begehen, können sie sich vorstellen, dass es mich (und zweifellos viele andere) massiv in den Fingern juckt, bei dieser Halbleiter-Hausse antizyklisch aktiv zu werden, weil diese hohen bis zu hohen Bewertungen dazu einladen … und mich in Sachen Long um diejenigen Branchen zu kümmern, die schon wieder auf dem Grabbeltisch der Gier liegenbleiben. Immerhin ist die Ähnlichkeit zu dieser Phase im Jahr 2000 immens. Aber ob man es glaubt oder nicht:

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2025 bis 2026 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2025 bis 2026 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Diesmal habe ich (bis jetzt zumindest) die nötige Geduld. Weil ich mich noch zu gut erinnern kann, wie übel und zugleich unnötig es ist, mit antizyklischen Trades Verluste einzufahren, in der Hoffnung, dass sich das am Ende doch noch rechnet, während alle, die mit dem Strom schwimmen, Gewinne erzielen. Und weil die Geschichte lehrt, dass sich eine solche Schere zwischen Fakten und Kursen nicht an nur einem Tag schließt und dann alles vorbei ist. Man hat immer genug Zeit. Wenn man vorbereitet ist.

Fazit: Antizyklisch denken ist gut. Antizyklisch traden meist weitaus weniger

Am Ende landet man mal wieder bei der guten, alten Börsenregel: „the trend is your friend“. Es ist immer eine gute Sache, sich auszukennen und dadurch zu sehen, wenn der Markt gerade aus dem Ruder läuft. Und ja, daraus entstehen oft immense Chancen. Aber der Augenblick, in dem man sie erkennt und der Moment, in dem sie sich wirklich in den Kursen manifestieren, können weit auseinanderliegen.

Auf klare Signale in den Charts zu warten, statt aus dem Bauch heraus darauf zu wetten, dass die Masse mal wieder falsch liegt, ist fast immer ein Fehler. Denn eigentlich heißt dieser Spruch ja korrekt „am Ende liegt die Masse immer falsch“. Dieses Ende einer irrationalen Phase abzuwarten, ist sicherlich nicht leicht. Aber die Nerven zu haben, Geduld aufzubringen (was sich komisch liest, aber letztlich ist es ja so) kann sich da wirklich auszahlen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

08.06.2026
07:00 Uhr

Die Tücken der „Buchgewinne“ — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
GameStop Corp.
Neutral
Micron Technology Inc
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
Marvell Technology, Inc.
Neutral
Arm Holdings plc. ADR
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.06.2026 um 16:40 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Es ist schon eine feine Sache, regelmäßig auf den Saldo des Depots zu schauen und festzustellen: Wieder ein wenig mehr Gewinn erreicht. Doch da spielt die Wahrnehmung vielen Anlegern einen Streich. Denn was Sie da sehen, ist eben nur eine Momentaufnahme: Das ist nicht „Ihr“ Geld. Zumindest noch nicht.

Eigentlich weiß es ja jeder: Die Kurse an der Börse können steigen und fallen. Das bedeutet, dass das, was man am Abend als Depotwert begutachtet, am kommenden Morgen gestiegen sein könnte, aber eben auch weniger geworden sein kann. Erst, wenn man eine Position verkauft hat, ist das Geld, im Idealfall mehr als beim Kauf, wirklich „fix“, weil zurück auf dem Konto. Solange es „arbeitet“, verändert sich der Stand der Dinge andauernd. Außenstehende würden sagen: Klarer als das kann ja wohl nichts sein, wo also ist das Problem? Wer selbst involviert ist, weiß:

Buchgewinne und das Problem der ungewissen Zukunft

Dieser Umstand, dass ein Gewinn, der einem im Depot angezeigt wird, nicht von Dauer sein muss, kann sehr wohl Probleme bereiten. Denn genau das will unsere emotionale Ebene: Dass ein Gewinn sicher ist und im Zweifel größer wird, aber ja nicht kleiner. Zugleich wird man da aber vor eine unschöne Wahl gestellt, unschön, weil sie mit dem Ungewissen zu tun hat:

Wenn ich jetzt sofort verkaufe, gehört der Gewinn, den ich in diesem Moment im Depot sehe, wirklich mir. Da kann keiner mehr ran, keine unerwartete Wende der Kurse Ärger machen. Aber tue ich es, zementiere ich also den Gewinn dieses Augenblicks, kann er halt nicht weiter steigen, schließlich ist die Position verkauft. Zu verkaufen wäre höchst gewitzt, wenn ich sicher wüsste, dass die Aktie oder ein anderes Asset, womöglich gar das gesamte Depot, direkt nach dem Ausstieg im Wert fallen würde. Es wäre jedoch sehr ärgerlich, wenn es einfach weiter aufwärts ginge … nur dann eben ohne mich. Doch ob die Kurse drehen oder ihren Trend fortsetzen, weiß ich eben nicht. Das kann so manche schlaflose Nacht nach sich ziehen.

Nun ist es nüchtern betrachtet das „Schicksal“ eines jeden Anlegers, sich mit dem Ungewissen abzufinden. Es kann immer etwas sein, womit keiner gerechnet hat. Und das kann für Bewegung in meinem Sinne sorgen, aber mich auch, von den Buchgewinnen her, ärmer machen. Aber viele kommen damit eben nicht so einfach zurande. Auch, weil da dann der „FOMO“-Faktor auftaucht.

Und immer wieder taucht „FOMO“ auf

FOMO (Fear Of Missing Out), die Angst, etwas zu verpassen, ist vermutlich bei den meisten Menschen mehr oder weniger vorhanden. Und was die Börse betrifft, ist das auch nachvollziehbar. Denn was, wenn man zu früh verkauft, aus Sorge, einen hohen Gewinn zu verlieren? Dann reagiert man einerseits auf die Angst, diese Ausstiegschance zu verpassen … muss aber gleichzeitig fürchten, dass der Kurs womöglich einfach weiter steigt und man dadurch noch höhere Gewinne verpasst. Und jedem, der mal (wie man nun einmal erst im Nachhinein sicher weiß) zu früh ausgestiegen ist, weiß:

Wenn man diesen bisherigen, das Gefühl von Sicherheit bietenden Gewinn nicht mehr im Rücken hat, fällt es schwer, einfach wieder einzusteigen. Denn was, wenn es ein paar Tage später dann doch abwärts geht und man Verluste einfährt, das Wegbleiben nach dem Verkauf also besser gewesen wäre? 30 Prozent Gewinn mitzunehmen und dann neutral zu bleiben ist immer noch besser, als direkt nach den 30 Prozent Plus 15 Prozent Minus zu kassieren. Aber schlechter, als 40, 50 oder mehr Prozent mitzunehmen, indem man einfach dabeibleibt. Wissen müsste man es halt!

Das Knifflige an all dem ist, dass man dabei umso mehr in die seelische Bredouille gerät, wenn man einen einmal erreichten Gewinn als „sicher“ ansieht, sprich die Buchgewinne, die eine Position oder das Depot ausweisen, bereits als realen Gewinn, als „mein Geld“, empfindet. Denn dann wird man zusätzlich emotional, wenn die Gewinne nicht tun, was sie aus der persönlichen Sicht der Dinge gefälligst zu tun haben: steigen.

Eine typische Reaktion auf kippende Kurse: „sofortige Gegenwehr“

Sobald die Kurse in die falsche Richtung drehen, entsteht unwillkürlich das Gefühl, dass irgendwer einem gerade Geld wegnimmt. Mein Geld. Rational gedacht ist das Unfug, eben weil Buchgewinne nur Momentaufnahmen sind und jeder das eigentlich weiß. Aber wer imstande ist, emotionale Regungen einfach komplett beiseite zu schieben, möge die Hand heben … vor allem für weniger erfahrene Akteure dürfte das nicht so ganz einfach sein. Und eben dieses Gefühl, das einem suggeriert, dass Buchgewinne bereits eigenes, verdientes Geld seien, kann zu Fehlern verleiten. Vor allem, wenn diese innerlich bereits als sicher verbuchten Gewinne nicht ein klein wenig bröckeln, sondern unverhofft deutlich schrumpfen.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq und die drei größten Verlierer am 05.06.2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq und die drei größten Verlierer am 05.06.2026 | Quelle: marketmaker pp4

In solchen Fällen ist man emotional schnell durch den Wind, zumindest kannte ich das von mir in meinen Anfangsjahren und sehe das immer wieder bei mir persönlich bekannten Anlegern. Man ist einerseits stocksauer, andererseits fühlt man sich schlecht, weil man glaubt, dass man den Abriss der Kurse doch irgendwie vorher hätte erkennen und reagieren müssen. Die Folge:

Man neigt zu impulsiven Handlungen. Wobei das tendenziell weniger die ist, sicherheitshalber die gesamte Position zu verkaufen, weil die Gewinne ja noch weiter schrumpfen und die Sache schlimmstenfalls zu einem Verlust werden könnte. Nein, weil dieses unterschwellige Gefühl da ist, dass einem die Börse gerade Geld „gestohlen“ hat, will man sich wehren. Und wie wehrt man sich? Indem man zukauft, um so wegen der dann größeren Position schon bei einer kleinen Gegenbewegung nach oben den alten Gewinn wieder zu haben. Was gemeinhin nicht gut endet.

„Reich rechnen“ … eine echte Fallgrube

Eine weitere Gefahr, die einem droht, wenn man Buchgewinne bereits als gesicherten Gewinn ansieht ist, dieses Gefühl noch dadurch zu intensivieren, indem man sich „reich rechnet“. Man schaut sich an, wie grandios gerade alles läuft und verlängert seine ansteigenden Gewinne mit dem geistigen Lineal in die Zukunft. Da kommen dann Gedanken wie „wenn das noch zwei Wochen so weiter läuft, habe ich x-Tausend Euro und dann werde ich …“. Tun Sie es nicht!

Es gab Geschichten von Leuten, die sich im Zuge der Internetblase deswegen bereits teure Autos bestellt haben, weil sie sich sagten: Mein Depot ist jetzt X wert, bis das Auto geliefert wird, habe ich das Geld locker zusammen. Als die Blase platzte, platzten auch diese Bestellungen.

Und nein, dieses Denken ist nicht eines aus alter Zeit, vergessen wir nicht: Der Mensch an sich ändert sich in seinem Verhalten nicht. Dass in den USA nicht ein paar wenige, sondern angeblich Tausende von Studenten ihre Studienkredite mit Meme-Aktien verzockt hatten und sich damit massive Steine in ihren eigenen Lebensweg gerollt haben, ist nicht 20 oder 30 Jahre her, sondern fünf. Und ich möchte nicht wissen, wie viele, die ihr Depot randvoll mit den gerade haussierenden Halbleiter-Aktien gepackt haben, genauso denken und handeln.

Börse aktuell: Entwicklung Gamestop Aktie von 2020 bis 2021 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gamestop Aktie von 2020 bis 2021 | Quelle: marketmaker pp4

Pyramidisieren auf Basis von Buchgewinnen: Viel gefährlicher kann man nicht leben

Eine weitere potenzielle Falle – und vermutlich die größte von allen – liegt in der Möglichkeit, Buchgewinne für weitere Käufe nutzen zu können, z.B. wenn man mit Derivaten wie Futures agiert. Da die für solche Derivate-Trades nötigen Sicherheiten auf Basis des Depotwerts geleistet werden können, kann man grundsätzlich bei aufgelaufenen Buchgewinnen mit diesem Kapital weitere Positionen kaufen und dadurch so etwas wie eine „Pyramide“ aufbauen, daher der Name für dieses Vorgehen. Wer glaubt, die Börse im Griff zu haben, neigt dazu zu glauben, dass diese Sache nur den Vorteil hat, durch immer größere Positionen auch immer mehr Gewinn zu erzielen … und ignoriert die daraus entstehende, immense Gefahr.

Denn das ist nichts anderes, als würden Sie ein Haus finanzieren, indem sie den Wert dieses Hauses als einzige Sicherheit hinterlegen und mit steigendem Wert des Gebäudes dann ein weiteres hinzukaufen, dessen Wert dann die Sicherheit für ein drittes wäre und so fort. Dadurch haben Sie zwar immer mehr Häuser und werden theoretisch immer reicher. Aber in dem Moment, in dem der Wert der Gebäude z.B., im Zuge einer Immobilienkrise, sinkt, werden auch die Sicherheiten für die Hypotheken weniger wert. Die Banken würden weitere Sicherheiten verlangen, die Sie nicht leisten können, weil Sie diese „Pyramide“ aufgebaut haben. Sie müssen erste Gebäude verkaufen, um bei den Sicherheiten der verbliebenen nachschießen zu können, eine Abwärtsspirale beginnt.

Nicht anders würde es laufen, wenn Sie dieses Spiel an den Börsen treiben. Ein Grund, warum die Nasdaq am vergangenen Freitag wie ein Strich immer weiter nachgab, dürfte darin gelegen haben, dass zu viele ihre Buchgewinne für das Zukaufen von immer mehr Positionen „missbraucht“ hatten und bei fallenden Kursen ihre Sicherheitsleistungen nicht auffüllen konnten … mehr dazu finden Sie in der Analyse des Nasdaq 100 im heutigen Börsenblick.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq von Januar bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq von Januar bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Wie ließe sich Abhilfe schaffen?

Ich muss betonen, dass ich hier über eigene Erfahrungen und das, was ich in den letzten Jahrzehnten bei anderen beobachtet habe, schreibe. Diese emotionalen Regungen und die daraus folgenden Aktivitäten müssen keineswegs auf alle zutreffen, vielleicht sind Sie gegen solche Empfindungen immun, hilfreich wäre es ja. Aber für alle anderen, die die Folgen dieser so menschlichen Empfindung, dass Buchgewinne bereits eigenes Geld sind, fürchten müssen, stellt sich die Frage: Wie vermeide ich, wegen dieses irreführenden Gefühls teure Fehler zu begehen? Hier einige Gedanken dazu, die auch wiederum nicht für alle hilfreich sein müssen … aber sehen Sie sich diese Vorschläge einfach einmal an:

1. Vermeiden Sie es gezielt, alle paar Stunden auf die Wertentwicklung Ihres Depots zu schauen, davon läuft nichts besser, es macht aber anfällig für übereilte Entschlüsse. „Abweichler“, um die man sich kümmern muss und das Überwachen der Stoppkurse, das ist wichtig. Nicht aber die Frage, ob Sie gerade (gefühlt, es sind ja nur Buchgewinne) ein halbes Prozent reicher oder ärmer geworden sind.

2. Wiederholen Sie, falls Sie sich bei dem Gedanken erwischen, den Buchgewinn Ihres Depots gerade zu verplanen oder gerade erreichte, schnelle Gewinne in die Zukunft zu projizieren, gebetsmühlenartig die Warnung: Achtung, das ist nicht mein Geld. Noch nicht.

3. Verinnerlichen Sie unbedingt, dass die Summe, die da gerade für Ihr Depot als Wert ausgewiesen wird, nicht nur auch mal fallen könnte, sondern dass das völlig normal wäre. Zu „rauf“ gehört immer auch mal „runter“.

4. Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Sie bei dem Gedanken, dass ein 50-Prozent-Gewinn auch wieder auf 30 Prozent rutschen kann, wirklich Unbehagen verspüren, nehmen Sie ihn entweder mit oder verkaufen einen Teil der Position, um dieser Unsicherheit zu entkommen.

5. Und sagen Sie sich immer wieder (beim ersten Mal klappt das nicht, jedenfalls war das bei mir so), wenn Sie das Gefühl haben, zu früh oder zu spät verkauft zu haben: Dafür kann diese Aktie (oder ein anderes Asset, bei dem Ihnen das passiert ist) nichts. Ich muss mich nicht „rächen“, indem ich einen Gang hoch statt herunterschalte, weil das nicht die einzige Gelegenheit ist, um Gewinne zu erzielen, im Gegenteil:

Momentaufnahmen sind Schall und Rauch, wenn man wirklich vernünftig Investieren will

Jeden einzelnen Tag tun sich an der Börse neue Chancen auf. Die muss man suchen und finden, dazu sollte man sich ein wenig auskennen, keine Frage. Aber sie zu finden und nicht sklavisch an irgendeinem Asset, das einem (gefühlt) „noch was schuldet“, zu kleben, lohnt den Aufwand. Lösen Sie sich von den Fallen, die diese Momentaufnahmen namens Buchgewinne für Ihre Emotionen darstellen und verlegen Sie sich auf den Blick auf das „große Ganze“, auf das Investieren an sich, das über Jahre und Jahrzehnte laufen soll. Da zählen keine kurzen Augenblicke, sondern der übergeordnete Trend.

Und solange man die Sache mit ein wenig Wissen, Erfahrung, Geduld und Disziplin angeht, statt von der Börse stetig steigende Gewinne als Anspruch einzufordern, wird dieser lange Weg auch einer, der Freude bereitet. In diesem Sinne:

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

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