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Die Börse bestraft Otis für ein Problem, das langfristig womöglich kaum eine Rolle spielen dürfte. Jetzt zuschlagen?
Es ist doch immer dasselbe
Aktien und ganze Sektoren durchlaufen wiederkehrende Zyklen. Phasen hoher Nachfrage wechseln sich mit Phasen der Skepsis ab. In den guten Zeiten dominieren positive Narrative, Kapital fließt in die entsprechenden Titel und die Bewertungen steigen.
Umgekehrt gilt das Gleiche: In unregelmäßigen Abständen verlieren Anleger an nahezu jedem Sektor das Interesse. Die breite Masse wendet sich einem neuen Thema zu und die Bewertungen sinken.
In vielen Fällen geschieht das, ohne dass sich an der Qualität der Unternehmen oder der zugrundeliegenden Trends etwas geändert hat. Otis könnte so ein Fall sein.
Warum die Börse derzeit auf die falschen Zahlen schaut
Otis ist der weltweit größte Hersteller von Aufzügen und hat mit rund 2,5 Millionen Einheiten die weltweit größte installierte Basis. Der weltweite Markt umfasst etwa 23 Millionen Einheiten.
Diese installierte Basis ist der Kern des Geschäfts, denn sie generiert langfristige und überwiegend wiederkehrende Umsätze.
Der klassische Verkauf von Neuanlagen spielt kaum noch eine Rolle und wird vor allem als Einstiegspunkt in langfristige Kundenbeziehungen genutzt. Etwa 90 % des operativen Ergebnisses stammen aus dem Servicegeschäft und etwa 95 % der Umsätze in diesem Segment sind wiederkehrender Natur.
Der Verkauf neuer Anlagen ist zyklisch und hat sich zuletzt schwach entwickelt, vor allem in China, wo bereits seit längerer Zeit eine Immobilienkrise herrscht – zumindest in Teilen des Landes.
Die schwache Entwicklung in diesem Bereich belastet das Ergebnis und verzerrt aktuell die Wahrnehmung an der Börse.
Modernisierungswelle voraus
Anscheinend wird nicht verstanden, dass der eigentliche Werttreiber nicht im Neubau liegt, sondern im Service- und Aftermarketgeschäft.
Da das Neubaugeschäft schwächelt, mag der Umsatz im letzten Quartal nur um 1 % gestiegen sein, doch das ändert an den zugrundeliegenden Trends wenig. Das Servicegeschäft verzeichnete ein Umsatzplus von 5 % und das Reparaturgeschäft einen Anstieg um 10 %.
Darüber hinaus wird dabei der eigentliche Wachstumstreiber übersehen. Das Neubaugeschäft verliert zunehmend an Bedeutung. Das große Thema der nächsten Jahre wird die Modernisierung sein.
Der Bauboom mag zu Ende sein, vor allem in China, aber die bestehenden Aufzüge kommen langsam in die Jahre.
Die Aufträge für Modernisierungen von Aufzügen sind zuletzt um 11 % gestiegen und der Auftragsbestand sogar um 30 %.
Warum Eigentümer kaum an Modernisierungen vorbeikommen
Das dürfte aber erst ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahre sein. Weltweit gelten jetzt schon rund 9 Millionen Aufzüge als Modernisierungskandidaten. In den nächsten zehn Jahren dürfte diese Zahl auf über 15 Millionen steigen.
Der stärkste Zuwachs kommt aus China, wo ein großer Teil der installierten Basis aus der Bauphase zwischen 2005 und 2018 stammt.
Die Logik hinter Modernisierung ist dabei äußerst simpel und wirtschaftlich überzeugend. Aufzüge werden typischerweise modernisiert, wenn sie älter als 20 Jahre sind, wenn die jährlichen Wartungskosten einen kritischen Schwellenwert überschreiten oder wenn regulatorische Anforderungen steigen.
Auch Energieeffizienz- und Sicherheitsstandards spielen eine zunehmende Rolle. Die wirtschaftlichen Effekte sind signifikant.
Nach einer Modernisierung sinken die Reparaturkosten in den ersten fünf Jahren typischerweise um mehr als 60%, der Energieverbrauch reduziert sich um 20% bis 45%, und Versicherungsprämien fallen.
Gleichzeitig steigt der Immobilienwert. Die Amortisationszeit liegt meist bei 5 bis 7 Jahren, was Modernisierung zu einer rationalen Investitionsentscheidung für Eigentümer macht.
Aus alten Anlagen werden neue Gewinnquellen
Für Otis entsteht daraus ein klassischer Flywheel-Effekt. Jede Modernisierung führt zu langfristigen Serviceverträgen mit hohen Margen und hoher Planbarkeit. Die installierte Basis wirkt dabei wie ein Hebel, der zukünftiges Wachstum automatisch vorbereitet. Je größer die Basis, desto größer das zukünftige Modernisierungspotenzial und desto stabiler die Serviceumsätze.
China ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor. Der Markt ist der größte Aufzugsmarkt der Welt und stellt mit 8 Millionen installierten Einheiten etwa 40% der globalen Nachfrage.
Wie bereits angerissen, stammt der Großteil der installierten Basis aus der Bauphase zwischen 2005 und 2018.
Auf Otis rollt demnach eine Modernisierungswelle zu, die sich in etwa von 2025 bis 2038 erstrecken dürfte.
Passend dazu hat die chinesische Regierung mehrere Programme für die gezielte Förderung von Modernisierungen aufgelegt. Darunter direkte Subventionen, aber auch vergünstigte Kredite. Priorität haben Anlagen, die älter als 15 Jahre sind.
Ein weiterer struktureller Vorteil von Otis liegt in der Digitalisierung der installierten Basis. Mit OTIS ONE sind inzwischen über eine Million Einheiten vernetzt, mit dem Ziel, die Konnektivität auf rund 60% auszubauen.
Diese IoT-Plattform ermöglicht prädiktive Wartung und reduziert Ausfallzeiten deutlich. Gleichzeitig erhöht sie die Kundenbindung, da sie einen Wechsel des Anbieters erschwert.
Ausblick und Bewertung
Der Vorstand hat auf die aktuelle Kursschwäche mit Buybacks reagiert. Im letzten Quartal wurden für 400 Mio. USD Aktienrückkäufe getätigt.
Für das laufende Geschäftsjahr stellt Otis einen Umsatz von 15,1 bis 15,3 Mrd. USD, ein Ergebnis von 4,20 bis 4,24 USD je Aktie und einen freien Cashflow von 1,60 bis 1,65 Mrd. USD in Aussicht.
Der Gewinn dürfte demnach um etwa 4 % steigen.
Otis kommt auf eine forward P/E von 17,2. Seit dem Börsengang lag die P/E durchschnittlich bei 25,2 und am absoluten Tief bei 19.
Viel ist das nicht, aber die Gründe für die vergleichsweise schwache Entwicklung hatte ich bereits aufgezeigt. Man darf gespannt sein, wann die enorme Nachfrage für Modernisierungen auf das Ergebnis durchschlagen wird.
Das könnte bereits im nächsten Geschäftsjahr der Fall sein.
Den Konsensschätzungen zufolge dürfte das Ergebnis im kommenden Jahr um 12 % auf 4,70 USD je Aktie steigen. Sollte das der Fall sein, würde die P/E von Otis dadurch auf 15,4 sinken.

Gelingt ein Wochenschlusskurs über 74 USD, besser noch 75,50 USD, kommt es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit einem möglichen Kursziel bei 81,50 – 82,50 USD. Darüber rücken Kursziele bei 85 und 90–94 USD in den Fokus.
Fällt Otis jedoch unter das bisherige Jahrestief, muss mit weiteren Verlusten in Richtung 67,50 oder 62,70 USD gerechnet werden.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 23.06.2026 um 14:27 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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