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Oracle verliert zweistellig, doch steckt hinter dem Kurssturz wirklich eine Schwäche der KI-Story oder übersehen Anleger die entscheidenden Fakten?
Valide Kritikpunkte
Oracle sorgt für Ernüchterung an der Börse. Nachdem der Softwarekonzern seine Zahlen für das vierte Quartal vorgelegt hatte, verlor die Aktie im nachbörslichen Handel zeitweise rund zehn Prozent.
Auf den ersten Blick scheint die Reaktion nachvollziehbar. Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt schnell, dass die gängigen Erklärungen für den Kursrückgang zu kurz greifen.
In den meisten Börsenmedien wird vor allem auf drei Punkte verwiesen. Erstens blieb das kombinierte Cloud-Geschäft aus Infrastruktur- und Softwarediensten mit 9,91 Mrd. USD knapp unter den Erwartungen von rund 10 Mrd. USD.
Während das Infrastrukturgeschäft weiterhin dynamisch wächst und von der hohen Nachfrage nach KI-Rechenleistung profitiert, entwickelten sich die Cloud-Anwendungen etwas schwächer als prognostiziert. Auch das klassische Softwaregeschäft verzeichnete einen leichten Rückgang.
Zweitens kritisieren Marktteilnehmer die unveränderte Prognose für das Geschäftsjahr 2027. Oracle hält weiterhin an seinem Umsatzziel von 90 Mrd. USD fest und verzichtete trotz der starken Nachfrage auf eine Anhebung der Ziele. Für manche Investoren war das offenbar zu wenig.
Die angeblichen Probleme sind alles andere als neu
Besonders häufig wird angeführt, dass Oracle vor einer Phase enormer Investitionen steht. Um die wachsende Nachfrage nach Cloud- und KI-Infrastruktur bedienen zu können, muss das Unternehmen seine Rechenzentrumskapazitäten massiv ausbauen.
Die dafür notwendigen Ausgaben werden den Cashflow in den kommenden Jahren belasten. Geplant sind Finanzierungsmaßnahmen von insgesamt rund 40 Milliarden Dollar, darunter auch die Ausgabe neuer Aktien im Volumen von etwa 20 Milliarden Dollar.
Das Problem dieser Argumentation: Wirklich neu ist daran nichts. Oracle kommuniziert den hohen Kapitalbedarf bereits seit längerer Zeit. Auch die milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren sind eine direkte Folge der außergewöhnlich starken Nachfrage.
Bricht man die Kritik an den hohen Investitionen herunter, bedeutet das, dass im Kern auch die hohe Nachfrage negativ gesehen wird. Das ergibt aus meiner Sicht wenig Sinn.
Als alleinige Erklärung für den deutlichen Kursrückgang eignet sich dieser Punkt daher nur bedingt. Vor allem, da nichts an den Aussagen im Quartalsbericht wirklich neu ist.
Warum die positiven Entwicklungen kaum Beachtung finden
Noch wichtiger ist aber, dass die Berichterstattung aus meiner Sicht in vielen Fällen einseitig ist. Dahinter steckt vermutlich keine böse Absicht, denn aus Autorensicht ist es schlichtweg die logische Herangehensweise, nach negativen Kursreaktionen über die Gründe für diese Kursreaktion zu schreiben.
Dabei geraten die positiven Entwicklungen aber regelmäßig in den Hintergrund, selbst wenn sie eigentlich schwerer wiegen. Eine objektive Einschätzung der Lage ist aber nur möglich, wenn beide Seiten der Medaille beleuchtet werden.
Die Bärenseite haben wir bereits abgehakt, widmen wir uns jetzt der Bullenseite.
Der Gewinn lag in Q4 mit 2,11 USD je Aktie weit über den Erwartungen von 1,96 USD. Mit einem Umsatz von 19,2 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 19,1 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 21 % und einem Gewinnsprung von 24 %.
Die operative Marge hat sich von 32 % auf 45 % verbessert. Das hohe Wachstum geht demnach nicht auf Kosten der Profitabilität.
Dadurch verändert sich die Rechnung drastisch
Der Auftragsbestand ist im letzten Quartal von 553 auf 638 Mrd. USD gestiegen. Laut Oracle entfällt der überwiegende Teil der neuen Auftragseingänge auf groß angelegte KI-Verträge, bei denen die Kunden im Voraus bezahlen.
Das könnte man als Gamechanger bezeichnen. Denn diese Deal-Struktur ist für Oracle sehr viel attraktiver, da es den Kapitalbedarf reduziert, Zinskosten senkt und obendrein das Risiko reduziert.
Die Gesamtsumme der Verträge, die bereits per Vorauszahlung (Prepayment) oder durch vom Kunden bereitgestellte Hardware abgedeckt sind, beläuft sich auf 75 Milliarden Dollar.
Dazu passt auch die neue Capex-Prognose in Höhe von 70 Mrd. USD. Bislang wurden 80 – 100 Mrd. USD erwartet.
(„Most of the RPO increase in both Q3 and Q4 were large scale AI contracts where the customer prepaid Oracle for the purchase of the GPUs, or the customer bought and supplied the GPUs to Oracle. The prepaid and customer supplied hardware portions of our large AI contracts now total $75 billion. This substantially reduces the amount of capital Oracle must raise to build out our AI datacenters.“)
Das dürfte auch einer der Gründe sein, warum Oracle in diesem Kalenderjahr keine neuen Schulden aufnehmen wird. Sollte sich dieses Modell durchsetzen, könnte Oracle in den kommenden Jahren einen geringeren Bedarf an Fremdkapital haben als bisher angenommen.
Das könnte eines der wichtigsten Argumente der Bären entkräften.
Plötzlich sind langfristige Verträge schlecht
Dasselbe gilt für folgende Aussagen. Zuletzt wurde die lange Laufzeit der Verträge gerne als Argument gegen Oracle angeführt – angeblich bringe das eine hohe Unsicherheit mit sich.
Ebenso gut könnte man argumentieren, dass das eine besonders hohe Planungssicherheit mit sich bringt, aber sei’s drum.
Oracle zufolge sollten 12 % des Auftragsbestands in Höhe von 638 Mrd. USD in den kommenden 12 Monaten realisiert werden.
Das entspräche einem KI-Umsatz von 76,6 Mrd. USD im gerade angebrochenen Geschäftsjahr.
Weitere 34 % sollen in den darauffolgenden 24 Monaten realisiert werden.
Im Falle einer linearen Steigerung würde der KI-Umsatz im kommenden Geschäftsjahr von 76,6 auf 97,8 Mrd. USD steigen und im Folgejahr 119,1 Mrd. USD erreichen.
Darüber hinaus wurde die Prognose für den Gewinn im laufenden Geschäftsjahr auf 8,05 USD je Aktie erhöht.
Oracle notiert vorbörslich bei etwa 181 USD, was einer forward P/E von 22,5 entspricht.

Sollte sich der Abverkauf im regulären Handel bestätigen, wird dadurch ein Verkaufssignal mit einem möglichen Kursziel bei 175 USD ausgelöst. Sollte diese Unterstützung ebenfalls durchbrochen werden, könnte der langfristige Aufwärtstrend nahe 150 USD angesteuert werden.
Gelingt hingegen eine Rückkehr über 195 USD, würde sich die Lage entspannen. In diesem Szenario wäre eine Erholung in Richtung 204 oder 218 USD möglich.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 11.06.2026 um 10:49 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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