Heute vor einer Woche konnten die Aktienmärkte erstmals auf die Ereignisse in Nahost reagieren – und es waren keine guten Nachrichten, die da kamen. Der Ölpreis legte massiv zu. DAX und Euro Stoxx 50 verloren im Wochenvergleich 6,7 bzw. 6,8 Prozent. Aber an der Wall Street ging die deutliche Verschärfung der geopolitischen Lage offenbar großenteils vorbei. Dow Jones -3,0 Prozent, S&P 500 –2,0 Prozent, Nasdaq 100 -1,3 Prozent. Ist das ein Signal der Stärke, dem man über den Weg trauen könnte?
Wenn man bedenkt, dass der bei militärischen Konflikten dieser Größenordnung typische „Dollar-Reflex“ zugleich dazu geführt hat, dass der US-Dollar zum Euro in der vergangenen Woche etwa 1,6 Prozent zulegte, hätte ein europäischer Anleger mit einem Nasdaq 100-ETF sogar ein kleines Plus erzielt. Bei Ölpreisen, die in Richtung 100-US-Dollar-Marke haussieren und einer Gesamtsituation die, vorsichtig formuliert, einige unkalkulierbare Aspekte hat. Diese relative Stabilität der US-Aktienmärkte wirft daher Fragen auf. Aber im Gegensatz zu der Frage, wie es konkret im Nahen Osten weitergeht und welche mittelfristigen Folgen daraus entstehen, gibt es zu diesen Fragen auch Antworten.

Steigende Ölpreise sieht man in den USA gern mal gelassen… zumindest zunächst
Auffällig ist, wenn man einmal zurückblickt, dass die Reaktion der US-Aktienindizes Ende Februar 2022, als Russland die Ukraine angriff, auffällig ähnlich daherkam. Und auch da schoss der Ölpreis in die Höhe. Zeitlich läuft es da gerade fast spiegelbildlich ab wie vor vier Jahren, das sehen wir im folgenden Rohöl-Chart auf Wochenbasis. Und bliebe diese Parallelität erhalten, wäre der Ölpreis jetzt noch nicht einmal „oben“.

Und auch die Reaktion der US-Aktien läuft bislang sehr ähnlich ab wie damals. Auch Ende Februar bzw. Anfang März 2022 gerieten die Eurozone-Börsen deutlich mehr unter Druck als die in den USA. Der unten folgende Chart des Börsenjahres 2022 zeigt aber: Diese Stabilität des marktbreiten US-Index S&P 500 als Repräsentant für den US-Gesamtmarkt war nicht in Stein gemeißelt. Ab Beginn des zweiten Quartals ging es dann doch abwärts. Was aber nicht unmittelbar mit dem Ukraine-Konflikt zu tun hatte.
Ein Grund, warum viele Anleger in den USA damals so lange gelassen blieben und es im aktuellen Fall ebenfalls sind, lautet: Man glaubt, sich für solche geopolitischen Spannungen nicht interessieren zu müssen, weil sie außerhalb des eigenen Dunstkreises liegen. Die Iran-Aktion der USA hat zwar eine andere Qualität, weil die USA hier selbst aktiv involviert sind. Aber selbst dann sehen viele das als ein Problem an, das sie nur am Rande betrifft. Das ist eine Sache des Militärs, die US-Armee wird als die stärkste der Welt angesehen, warum also sollte man sich da Gedanken machen? Außenpolitische Faktoren spielen für die US-Bürger eine ziemlich untergeordnete Rolle. Etwas anderes jedoch eine weitaus größere: der Benzinpreis.

Beim Benzinpreis verstehen die US-Bürger keinen Spaß
Für uns in Europa mag es absurd klingen, dass US-Bürger bzw. US-Anleger die Spritpreise als wichtiger einordnen als einen Krieg in Nahost. Aber da ist ihnen eben das Hemd näher als die Hose, zumal die mediale Landschaft dort in zwei Teile gespalten ist. Je nachdem, welche Sender man frequentiert, wird man nicht einmal darüber informiert, dass die US-Führung diese „Kampagne“ in Nahost offenbar gefährlich planlos gestartet hat und die Ziele, die man erreichen will, in schneller Folge durchwechseln.
Aber beim Benzinpreis verstehen viele US-Amerikaner keinen Spaß, denn für sie ist das ein elementarer Teil ihrer Ausgaben. Davon abgesehen, dass der Durchschnittsverbrauch dort deutlich über dem in Europa liegt, sind die Wege dort weiter, meist sogar sehr viel weiter. Und die Alternativen sind für viele dünn gesät bis nicht vorhanden, d.h. man ist auf sein Auto angewiesen. Und weil der Spritpreis in den USA weniger von Steuern belastet ist, schlagen Veränderungen des Ölpreises relativ gesehen dort stärker durch.
Am Donnerstag war der Preis für Superbenzin in den USA im landesweiten Durchschnitt bereits um zehn Prozent zur Vorwoche gestiegen. Der Schnitt lag bei 3,25 US-Dollar pro Gallone. Am Sonntag waren es laut der Übersichtsseite gasprices.aaa.com bereits 3,45 US-Dollar. Anfang Januar lag der Schnitt noch bei 2,81 US-Dollar.
Richtig ist zwar, dass die USA auch deswegen gelassener auf Irritationen bei der weltweiten Ölförderung reagieren, weil man dort schon seit Jahren nicht mehr auf Importe angewiesen ist. Aber natürlich reagieren auch die US-Ölkonzerne und nehmen die Preise nach oben. Und da Benzin dort in Bezug auf die Gesamtausgaben der Bevölkerung eine deutlich größere Rolle spielt als in Europa, führt das dazu, dass die US-Wirtschaft quasi durch die Hintertür doch von diesen geopolitischen Verwerfungen eingeholt wird: durch Inflation.
Wenn wir uns im folgenden Chart einmal ansehen, wie sich die US-Inflationsrate und der S&P 500-Index im Jahr 2022 verhalten haben, erkennen wir hier eine recht enge Korrelation. Aber!

Was wir hier auch sehen ist, dass man die schon Mitte 2021 deutlich anziehende Inflationsrate zunächst nicht ernst genommen hatte. Man war sich sicher: Die Inflation bleibt nicht lange, die geht von alleine wieder weg. Dasselbe dachte man in Bezug auf den gestiegenen Öl- bzw. Benzinpreis. Und hätte man damit richtig gelegen, wäre 2022 für den Aktienmarkt in den USA weitaus weniger schwach gelaufen, als es am Ende der Fall war. Diese Erwartung, dass negative Faktoren als kurze Episode enden, scheint man auch heute zu hegen. Die Frage ist also:
Viele unterstellen ein schnelles Ende der Belastungsfaktoren
Haben diejenigen, die aktuell keinen Grund sehen, sich um die Stabilität der US-Wirtschaft Sorgen zu machen, recht … oder liegen sie womöglich dramatisch falsch?
Die im Strom der Nahost-Nachrichten fast untergegangenen US-Arbeitsmarktdaten weisen erheblich steigende Risiken aus. Ein unerwarteter Verlust von 92.000 Arbeitsstellen im Februar, zugleich aber weiter an der Vier-Prozent-Grenze steigende Löhne, das bringt die US-Notenbank in Sachen Zinssenkungen in eine Zwickmühle. Und käme jetzt durch einen längere Zeit höheren Benzinpreis auch noch der Inflationsaspekt hinzu, würden die Versprechungen des US-Präsidenten, gewaltiges Wachstum zu generieren, noch mehr unterminiert, als sie es jetzt bereits sind.

Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass sich der US-Aktienmarkt zu Beginn kritischer Phasen deutlich gelassener präsentiert als die europäischen Märkte. Aber keineswegs immer lag man damit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten richtig. Der vorstehende Chart zeigt beispielsweise, dass man beim Platzen der Subprime-Blase ebenfalls anfangs lange versuchte, die US-Aktien stabil zu halten. Auch, um zu verhindern, dass wenig versierte Anleger unruhig werden, aussteigen und das eine Verkaufslawine auslöst, die man nicht mehr würde stoppen können. Am Ende aber, das wissen wir heute, kam sie trotzdem.
Fazit: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ ist kein solides Fundament
Diese für viele sicherlich überraschende Stabilität der US-Aktienmärkte ist kein Novum. Sie basiert auf der Überzeugung, dass Entwicklungen wie die in Nahost der US-Wirtschaft nichts anhaben können. Die Achillesferse ist aber zum einen die Entwicklung des Öl- bzw. Benzinpreises und zum anderen die schon vor diesem Angriff auf den Iran eher wacklig wirkende konjunkturelle Lage der US-Wirtschaft, die man jetzt angesichts der Nachrichtenflut in Bezug auf Nahost leicht aus dem Auge verlieren kann …
… und auch dazu neigt, es zu tun. Denn Unerfreuliches blendet man nur zu gerne aus, siehe die Entwicklung 2008 oder, aktueller, diese Phase 2022 und die damals eigentlich absehbaren Inflationsprobleme. Darauf zu setzen, dass Dow Jones & Co. auch weiterhin stabil bleiben oder sogar nach oben davonziehen, ist zwar eine Wette, die man eventuell gewinnen könnte. Aber nüchtern betrachtet stehen die Chancen dafür nicht hoch genug, um sie einzugehen.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 08.03.2026 um 22:21 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.
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