PayPal steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Kann der neue CEO aus einem angeschlagenen Zahlungsriesen eine Gewinneraktie machen?
Das Fundament steht
PayPal gehört zu den bekanntesten Zahlungsunternehmen der Welt und hat sich von einem einfachen Online-Bezahldienst zu einer breit aufgestellten digitalen Zahlungsplattform entwickelt.
Das Unternehmen verbindet Verbraucher, Händler und Finanzdienstleister über ein globales Netzwerk und verdient hauptsächlich an der Abwicklung von Zahlungsvolumen.
Entscheidend für die Zukunft von PayPal ist aber weniger die Bekanntheit der Marke, sondern die Frage, wie stark das Unternehmen seine verschiedenen Geschäftsbereiche monetarisieren und gegen wachsende Konkurrenz verteidigen kann.
Das Herzstück des Geschäfts bleibt der sogenannte Branded Checkout. Gemeint ist vor allem der bekannte „Mit PayPal bezahlen“-Button, den Kunden bei zahlreichen Online-Händlern auswählen können.
Der große Vorteil liegt in der Geschwindigkeit und Einfachheit des Zahlungsvorgangs. Nutzer müssen keine Kreditkartendaten eingeben, keine Adresse suchen und sich nicht bei jedem Händler neu authentifizieren.
Mit Technologien wie PayPal Fastlane soll dieser Prozess noch reibungsloser werden.
Für Händler entsteht dadurch ein messbarer Vorteil, weil weniger Kunden den Kauf abbrechen. Laut comScore liegt die Abschlussrate bei PayPal-Zahlungen mit rund 88 % deutlich über anderen digitalen Wallets mit etwas mehr als 50 %.
Dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Wettbewerbsvorteile des Unternehmens.
… doch die Börse will endlich Ergebnisse sehen
Neben Online-Zahlungen versucht PayPal, seine Präsenz im stationären Handel auszubauen. Über Funktionen wie Tap-to-Pay in der PayPal-App können Kunden direkt mit ihrem Smartphone bezahlen.
Zusätzlich verbinden die PayPal- und Venmo-Debitkarten digitale Guthaben mit klassischen Kartenzahlungen.
Dieser Bereich ist heute noch relativ klein, könnte aber langfristig vom Trend zum mobilen Bezahlen profitieren. Sollte sich das Zahlungsverhalten weiter Richtung Smartphone verlagern, ergibt sich für PayPal hier noch Wachstumspotenzial.
Ein weiterer wichtiger Geschäftsbereich ist PayPal Enterprise Payments, der früher vor allem unter dem Namen Braintree bekannt war. Dabei tritt PayPal im Hintergrund als Zahlungsdienstleister für große Unternehmen auf. Firmen wie Uber oder Airbnb nutzen diese Infrastruktur, um Zahlungen weltweit abzuwickeln.
Dieser Markt ist allerdings stark umkämpft und zunehmend ein standardisiertes Geschäft, in dem Anbieter hauptsächlich über Preise, Zuverlässigkeit und technische Integration konkurrieren. Obwohl dieser Bereich einen großen Anteil am gesamten Zahlungsvolumen ausmacht, ist der Beitrag zum Gewinn geringer als beim eigenen Markenprodukt.
Ein wichtiger Wachstumstreiber bleibt Venmo. Die App ist vor allem in den USA eine etablierte Plattform für direkte Zahlungen zwischen Privatpersonen. Freunde können sich unkompliziert Geld senden, Rechnungen teilen oder Zahlungen empfangen. Durch die Einführung der Venmo-Debitkarte wird das Guthaben zusätzlich stärker in den Alltag integriert.
Wachstumstreiber: Venmo und BNPL
Venmo hat in den vergangenen Quartalen ein deutlich zweistelliges Wachstum beim Zahlungsvolumen gezeigt.
Unter dem neuen CEO sollen in Zukunft detaillierte Geschäftszahlen zu Venmo vorgelegt werden, wodurch ein möglicher Verkauf vorbereitet werden könnte.
Mit Xoom besitzt PayPal außerdem eine internationale Geldtransferplattform. Der Dienst konzentriert sich weniger auf den niedrigsten Preis, sondern auf Geschwindigkeit, Komfort und eine einfache Abwicklung grenzüberschreitender Überweisungen.
Dieser Bereich ist kleiner als die Kernsegmente, ergänzt PayPals internationales Zahlungsnetzwerk jedoch sinnvoll.
Besonders interessant ist das Geschäft mit Buy Now, Pay Later (BNPL), also dem Kauf auf Raten. PayPals Lösung Pay-in-Four ermöglicht Kunden, Einkäufe in mehrere Teilzahlungen aufzuteilen.
Für PayPal ist dieser Bereich strategisch wertvoll, weil das Unternehmen seine bestehende Kunden- und Händlerbasis nutzen kann, ohne ein komplett neues Ökosystem aufbauen zu müssen.
Nach Unternehmensangaben führt die zusätzliche Platzierung eines Buy-Now-Pay-Later-Buttons zu einem spürbaren Anstieg der Nutzung des markeneigenen Checkouts.
Darüber hinaus könnten durch die anfallenden Zinsen höhere Margen erzielt werden.
Für Händler ist der Nutzen ebenfalls eindeutig, denn sie erzielen mit BNPL größere Warenkörbe und höhere Verkaufsquoten.
Das Ziel: Ein Kursanstieg um mindestens 150 %
Insgesamt steht PayPal heute an einem Wendepunkt. Das Unternehmen besitzt weiterhin eine enorme Reichweite, eine starke Marke und ein großes Zahlungsnetzwerk.
Der Unternehmensführung ist es in den letzten Jahren jedoch nicht gelungen, diese solide Basis in handfeste Erfolge umzumünzen.
Die Strategien der letzten beiden CEOs sind gescheitert. Der neue CEO Lores kommt aus der Technologie- und Hardwarebranche und war zuvor CEO von HP. Sein Auftrag bei PayPal ist weniger eine klassische Wachstumsstory, sondern eine strategische Neuaufstellung mit stärkerem Fokus auf Profitabilität, Vereinfachung und Shareholder Value.
Das Gehalt von Lores ist zu zwei Dritteln erfolgsabhängig. Teilweise hängen die Bonuszahlungen von der Umsatz- und Gewinnentwicklung ab, am wichtigsten ist jedoch die langfristige Kursentwicklung.
Den größten Teil der möglichen Boni wird Lores nur erhalten, wenn der Kurs um mindestens 60 % steigt.
Sollte sich der Kurs verdoppeln, steigen die Bonuszahlungen weiter. Das Maximum erhält Lores bei einem Kursanstieg um mehr als 150 %. Die Messung erfolgt über einen 60-Tage-Durchschnittskurs zwischen ab dem dritten Jahr seiner Amtszeit.
Damit hat der Verwaltungsrat eine klare Botschaft gesendet: Lores wird nicht dafür bezahlt, PayPal zu verwalten. Er muss eine Neubewertung des Unternehmens bewerkstelligen.
Ein einzelner Kostenschnitt oder ein paar kleinere Produktverbesserungen dürften dafür nicht ausreichen. PayPal müsste wieder als innovatives Technologieunternehmen wahrgenommen werden.
In den vergangenen Jahren hat PayPal Marktanteile an Unternehmen wie Apple Pay, Google Wallet, Stripe und zahlreiche spezialisierte FinTech-Anbieter verloren.
Eine mögliche Strategie wäre, PayPal stärker in Richtung einer intelligenten Commerce-Plattform auszubauen. Dazu gehören personalisierte Angebote, künstliche Intelligenz für Händler, bessere Konversionsraten beim Checkout und eine stärkere Verzahnung des Ökosystems rund um digitale Zahlungen.
Der zukünftige Mehrwert besteht darin, Händler dabei zu unterstützen, mehr Umsatz zu generieren.
Der naheliegendste Hebel: Kostenreduktion
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Profitabilität deutlich zu steigern.
PayPal ist im Vergleich zu jüngeren FinTech-Unternehmen ein großer Konzern mit erheblichen Kostenstrukturen. Lores kommt aus einer Umgebung, in der Effizienzsteigerung, Automatisierung und Margenverbesserung zentrale Managementthemen waren.
Durch den Einsatz künstlicher Intelligenz könnte PayPal beispielsweise Kundenservice, Betrugserkennung, Risikomanagement und interne Prozesse effizienter gestalten.
Ein Beispiel dafür sind die laufenden KI-gestützten Prozesse zur Code-Modernisierung. Dadurch wurden mehr als 300 C++-Applikationen identifiziert und die Hälfte davon bereits auf Java umgestellt.
Der vielleicht größte Hebel: Künstliche Intelligenz
Die langfristig wichtigste strategische Wette könnte künstliche Intelligenz sein.
Der Zahlungsverkehr wird zunehmend datengetrieben. Unternehmen, die Transaktionsdaten intelligent nutzen können, besitzen einen starken Wettbewerbsvorteil.
PayPal verfügt über Milliarden von Transaktionen und damit über wertvolle Informationen über Kaufverhalten, Händlerperformance und Konsumentenpräferenzen.
Der einfachste Hebel: Aktienrückkäufe
Ein weiterer wichtiger Hebel könnten Aktienrückkäufe sein. PayPal dürfte im laufenden Geschäftsjahr einen freien Cashflow von etwa 6 Mrd. USD erzielen, was etwa 15 % des Börsenwerts entspricht.
PayPal könnte daher im großen Stil eigene Aktien einziehen, wodurch das Ergebnis und der FCF je Aktie entsprechend steigen würden.
Dadurch könnte das Ergebnis je Aktie um 10 % pro Jahr steigen, auch wenn das Geschäft selbst weitgehend stagnieren würde.
Das gilt umso mehr, wenn gleichzeitig Kosten eingespart werden und die Profitabilität wieder zunimmt.
In diesem Szenario könnte PayPal plötzlich wieder wie ein Wachstumsunternehmen wirken, was eine Neubewertung der Aktie auslösen könnte.
Der radikalste Hebel: Verkauf von Venmo
Eine der interessantesten strategischen Optionen wäre ein möglicher Verkauf von Venmo.
Venmo besitzt eine starke Marke und eine große Nutzerbasis, hat aber historisch Schwierigkeiten gehabt, sein enormes Potenzial vollständig zu monetarisieren. Der Dienst ist besonders bei jüngeren Konsumenten beliebt.
Lores könnte deshalb vor einer schwierigen Entscheidung stehen. Soll Venmo weiter innerhalb von PayPal entwickelt werden oder wäre ein Verkauf sinnvoll?
Ein Verkauf könnte kurzfristig erheblichen Wert freisetzen und könnte durch die Ausgliederung von Venmo in eine eigenständige Konzernsparte bereits vorbereitet werden. Ein großer Technologie- oder Finanzkonzern könnte bereit sein, eine hohe Bewertung für Venmo zu bezahlen, weil die Marke Zugang zu Millionen jüngerer Kunden bietet.
Ein solcher Schritt hätte mehrere Vorteile. PayPal könnte Milliarden an Kapital erhalten, Schulden reduzieren, Aktien zurückkaufen oder in profitablere Geschäftsbereiche investieren.
In den Börsenmedien wird ein möglicher Verkaufserlös von 15 bis 25 Mrd. USD diskutiert. Im Mittel entspräche das in etwa der Hälfte des Börsenwerts von PayPal. Würde dieses Kapital anschließend in Buybacks fließen, könnte das Ergebnis je Aktie sprunghaft ansteigen.
Der vermutlich schlechteste Hebel: Übernahmen
Eine weitere Möglichkeit wäre der gezielte Zukauf von Unternehmen.
PayPal könnte kleinere FinTech-Unternehmen übernehmen, die Technologien in Bereichen wie künstliche Intelligenz, Identitätsprüfung, digitale Kredite oder internationale Zahlungen entwickeln.
Allerdings wäre eine aggressive Übernahmestrategie riskant. In der Regel schaffen vor allem große Zukäufe keinen Mehrwert für die Aktionäre, sondern vernichten Kapital.

Die Zeiten, in denen der Kurs von PayPal bei 300 USD lag, sind lange vorbei. Heute kämpft die Aktie mit einer Bodenbildung nahe 40 USD und probt eine Erholung in Richtung 50 USD.
Darüber käme es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 57 und 65 – 67 USD.
Fällt die Aktie jedoch unter das bisherige Jahrestief, haben die Bullen ihre Chance abermals vertan.

