Hat die Börse FactSet vorschnell zum KI-Verlierer erklärt? Ist die laufende Erholung nur ein Strohfeuer oder der Beginn eines großen Comebacks?
FactSet zwischen den Fronten
An der Börse dreht sich seit Monaten alles um eine einzige Frage: Ist ein Unternehmen ein KI-Verlierer oder Gewinner?
Welchen Stempel eine Aktie erhalten hat, hat oft mehr Einfluss auf den Aktienkurs gehabt als die eigentlichen Geschäftszahlen. So ist es auch FactSet ergangen.
In einigen Fällen wird sich am Ende herausstellen, dass die Sorgen wenig Substanz hatten und so manche Aktie wird wie der Phönix aus der Asche wieder emporsteigen.
An der Börse kommt es in unregelmäßigen Abständen immer wieder zu derartigen Entwicklungen.
Rückblickend sind sie kaum zu erklären. Nehmen wir beispielsweise das Jahr 2022, als Tech-Aktien in Ungnade gefallen waren. Aktien wie Alphabet, Netflix oder Spotify wurden abverkauft, nur um sich anschließend zu vervielfachen.
Bei einigen vermeintlichen KI-Verlierern könnte dasselbe geschehen.
Warum FactSet für die Finanzbranche nahezu unverzichtbar ist
FactSet Research Systems zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Finanzdaten, Analysesoftware und Informationslösungen für den Kapitalmarkt. Das Unternehmen stellt Investmentprofis eine zentrale Plattform zur Verfügung, auf der Markt- und Unternehmensdaten, Geschäftsberichte, Nachrichten sowie Analystenschätzungen aus zahlreichen Quellen zusammengeführt werden.
Statt Informationen mühsam aus unterschiedlichen Systemen zusammenzusuchen, erhalten Nutzer sämtliche relevanten Daten in einer einheitlichen Umgebung.
Diese Integration gehört zu den größten Stärken von FactSet. Die Plattform ermöglicht individuelle Analysen, den Aufbau eigener Bewertungsmodelle und die Erstellung maßgeschneiderter Berichte.
Ergänzt wird das Angebot durch leistungsfähige Werkzeuge für Risikoanalysen, Portfolioauswertungen und die Identifikation von Markttrends. Hinzu kommen umfangreiche Schulungs- und Supportleistungen, damit Kunden die Möglichkeiten der Software vollständig ausschöpfen können.
Nur eine vorübergehende Delle?
Zum Kundenkreis gehören Investmentmanager, Portfoliomanager, Analysten, Vermögensverwalter, Investmentbanken und Risikomanager. Viele Privatanleger kommen ebenfalls regelmäßig mit FactSet in Berührung, ohne es überhaupt zu bemerken.
Zahlreiche Finanzportale beziehen ihre Fundamentaldaten sowie Konsensschätzungen für Umsatz, Gewinn und andere Kennzahlen direkt von FactSet. Damit ist das Unternehmen ein wichtiger Datenlieferant im Hintergrund der Finanzbranche. Auch ich nutze FactSet täglich.
Die starke Stellung in der Branche schlägt sich auch in den Geschäftszahlen nieder. In den letzten fünf Geschäftsjahren konnte der Umsatz von 1,59 auf 2,32 Mrd. USD gesteigert werden.
Gleichzeitig hat sich die Profitabilität verbessert. Zuletzt lag die operative Marge bei etwa 30 %.
Der Gewinn konnte in dieser Zeit von 11,20 auf 16,98 USD je Aktie gesteigert werden. Die Dividende wurde von 3,13 auf 4,22 USD je Aktie erhöht.
Umso überraschender war der kräftige Kurseinbruch der vergangenen Monate. Dabei hatte FactSet für das bis Ende August abgeschlossene Geschäftsjahr sogar neue Rekordwerte erzielt. Wer ausschließlich auf Umsatz- und Gewinnentwicklung blickt, dürfte sich fragen, weshalb die Aktie derart unter Druck geraten ist. Auf den ersten Blick wirkt der Rücksetzer daher wie eine attraktive Einstiegschance.
Historisch günstig bewertet?
Der Markt blickt jedoch nach vorne. Die große Unsicherheit besteht darin, wie stark Künstliche Intelligenz das Geschäftsmodell künftig verändern könnte. Während professionelle Investoren auch künftig auf verlässliche, strukturierte und rechtssichere Datenquellen angewiesen sein dürften, könnte sich das Verhalten vieler Privatanleger deutlich verändern.
Dadurch könnten Plattformen, die FactSet-Daten aufbereiten und an Endkunden vermarkten, an Bedeutung verlieren. Sinkt dort die Nachfrage, könnte sich das langfristig auch auf FactSet auswirken. Wie groß dieser Effekt tatsächlich sein wird, lässt sich derzeit kaum seriös abschätzen.
Tatsächlich ist es im Geschäftsjahr 2024 zu einem spürbaren Rückgang der Wachstumsdynamik gekommen. In der Regel steigert FactSet den Gewinn im zweistelligen Prozentbereich, 2024 waren es jedoch nur 3 %.
Es ist schwer abzuschätzen, ob dieser Einbruch wirklich auf KI zurückzuführen ist oder nicht. Denn es ist auch nicht der erste Rückgang dieser Art.
Im Geschäftsjahr 2021 konnte der Gewinn beispielsweise auch nur um 3 % gesteigert werden, in den drei darauffolgenden Jahren jedoch wieder durchschnittlich um fast 14 %. Ähnlich sah es bei anderen Schwächephasen aus.
Die jüngsten Quartalszahlen liefern neue Hoffnung
Im laufenden Geschäftsjahr scheint die Wachstumsdynamik ebenfalls wieder etwas zuzunehmen, jedenfalls sinkt sie nicht weiter.
Im letzten Quartal lag der Gewinn mit 4,53 USD je Aktie über den Erwartungen von 4,45 USD. Mit einem Umsatz von 623 Mio. USD wurden die Analystenschätzungen von 618 Mio. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus und einem Anstieg des Gewinns um jeweils 6 %.
Der freie Cashflow verbesserte sich sogar um 11 % auf 254 Mio. USD.
Gleichzeitig laufen nennenswerte Buybacks. Im letzten Quartal hat FactSet für 203,1 Mio. USD 926.370 eigene Aktien zurückgekauft, was etwa 2,5 % aller ausstehenden Papiere entspricht.
Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde bestätigt. FactSet stellt weiterhin einen Umsatz von 2,45 – 2,47 Mrd. USD und einen Gewinn von 17,25 – 17,75 USD je Aktie in Aussicht.
Die Konsensschätzungen sehen einen Gewinn von 17,80 USD je Aktie vor, was einer forward P/E von 14,2 entspricht.
Für das im September anbrechende Geschäftsjahr hat das Unternehmen noch keine Prognose vorgelegt. Den Konsensschätzungen zufolge wird das Ergebnis um 10 % auf 19,60 USD je Aktie steigen.
Sollte das eintreffen, würde die P/E dadurch auf 12,9 sinken. Im langjährigen Durchschnitt lag die P/E bei 28.

Womöglich hat die zentrale Unterstützung bei 195 USD gehalten. Ausgehend von dieser Basis kommt es aktuell zu einer Erholung. Gelingt jetzt ein Ausbruch über die Widerstandszone bei 255 – 260 USD, wird ein prozyklisches Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 280 und 300 USD ausgelöst.
Fällt die Aktie hingegen unter 238 USD zurück, haben die Bullen ihre Chance vorerst vertan.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.07.2026 um 11:14 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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