Der RSI: Ein Indikator mit ganz besonderen Fähigkeiten

Markttechnische Indikatoren dienen Tradern als zusätzliche Hilfsmittel, um Entscheidungen zu treffen: Long oder Short? Halten, zukaufen, reduzieren? Da die Zukunft bekanntlich nie sicher vorhersehbar ist und man daher immer einkalkulieren muss, dass es anders läuft als gedacht, tut man gut daran, die Chancen auf eine richtige, gewinnbringende Entscheidung zu steigern, indem man sich aller tauglichen Werkzeuge bedient, die man nutzen kann, statt sich auf ein einziges Tool zu versteifen. Einer der markttechnischen Indikatoren, die dahingehend oft genutzt werden und zuverlässig sind, ist der Relative Stärke Index (RSI). Zumal er einige besondere Fähigkeiten hat, die vielen Tradern gar nicht bewusst sind. Das sehen wir uns im folgenden Artikel einmal an. Zunächst aber: Was ist dieser RSI überhaupt?

RSI: Das Barometer der relativen, „inneren“ Stärke

Der Name könnte irreführend sein. Denn der RSI misst nicht, wie relativ stark oder schwach sich ein Kurs im Verhältnis zu anderen Kursen darstellt, z.B. ob eine Aktie im Vergleich zu dem Index, in dem sie notiert ist, besser oder schlechter läuft. Das ließe sich ja leicht ermessen, indem man die Kursverläufe neben- oder übereinander hält. Nein, der RSI misst die „innere“ Stärke eines Kurses. Oder anders formuliert: Er misst, ob eine Kursbewegung überzogen ist und wenn ja, ab welchem Punkt sich das umkehrt.

Entwickelt hat den RSI Welles Wilder, ein 1930 geborener Technischer Analyst, der vor allem in den Siebzigerjahren eine Reihe heute viel verwendeter markttechnischer Indikatoren entwickelte, so den Parabolic SAR, den DMI oder, allen voran, den RSI. Der Berechnung erfolgt folgendermaßen:

Der Indikator berechnet den durchschnittlichen Kurs eines Kursverlaufs zunächst für diejenigen Tage, an denen der Wert in einem bestimmten Zeitraum (hier benutzt man fast immer den Standardwert von 14 Handelstagen) gestiegen ist. Diesem Wert wird der Durchschnitt der Schlusskurse gegenübergestellt, an denen der Wert in den letzten 14 Handelstagen im Minus geschlossen hatte, indem man ihn durch den Durchschnitt der Aufwärts-Schlusskurse dividiert. Das bildet die Relative Stärke. Zum Relative Stärke Index (RSI) wird dieser Wert, indem man ihn indiziert:

RSI = 100 – (100 ./. (1+RS))

Heraus kommt ein Indikator, der in einer Skala zwischen 0 und 100 schwanken kann. Werte über 70 bedeuten ein überkauftes Niveau, Werte unter 30 ein überverkauftes Niveau. Das sind die beiden Extremzonen, aus denen heraus Signale generiert werden, die eine Trendwende im Kurs indizieren. Und zwar dann, wenn diese Zonen wieder verlassen werden. Sehen wir uns das mal am folgenden Chart der adidas-Aktie an:

Wir sehen, dass die Aktie in der Tat meist eine Gegenbewegung startet, wenn der RSI zuvor in die überkaufte oder überverkaufte Zone eingetreten war und diese dann wieder verlässt. Wichtig sind hier zwei Dinge:

Zum einen kann der RSI durchaus auch längere Zeit in einer der Extremzonen verbleiben. Dass der RSI in eine solche Zone hineinläuft, ist also noch keine Basis, um einen Trade in die Gegenrichtung zu starten. Das Signal wird erst in dem Moment erzeugt, in dem der RSI eine der Extremzonen wieder verlässt. Und:

Natürlich kommen hier auch, wie bei jedem Analysetool, Fehlsignale vor. Oder es entsteht ein Wendepunkt, bevor der RSI eine der Extremzonen erreicht hat. Man darf den RSI daher immer nur, wie man es mit allen technischen Analyseinstrumenten handhaben sollte, als eine Indikation von mehreren zur Entscheidungsfindung nutzen. Aber!

Der RSI hat noch mehr zu bieten. Das Messen der Schwungkraft einer Bewegung hat die Fähigkeit, ein Schwinden der Trenddynamik anzudeuten, bevor sich das im Kurs selbst als gegenläufiger Impuls entlädt. Und genau das macht den RSI zu einem ganz besonderen Indikator, der tatsächlich ein gewisses Prognosepotenzial hat. Sehen wir uns das mal an.

RSI Spezial: Divergenzen

Wir sehen nachfolgend den Kursverlauf der Volkswagen-Aktie in der Zeit von Januar bis September 2017. Hier finden sich gleich drei Beispiele, bei denen der RSI seine Prognosefähigkeiten unter Beweis stellt, und zwar durch sogenannte „Divergenzen“.

Sie sehen beispielsweise im Januar, dass die VW-Aktie ein neues Hoch erreichte, der RSI aber zur gleichen Zeit in der überkauften Zone ein Zwischenhoch ausbildete, das unterhalb des vorherigen lag. Das nennt sich eine „Divergenz“. Der RSI zeigt Schwäche, der Kurs noch nicht. Das ist grundsätzlich ein Warnsignal, das sich nicht in einer Abwärtsbewegung entladen muss, es aber doch relativ oft tut. Vergleichbares finden wir im Sommer auf der entgegengesetzten Seite:

Im Juni markiert die Volkswagen-Aktie sukzessive neue Zwischentiefs, der RSI jedoch zeigt zugleich jeweils höher liegende Zwischentiefs. Wir sehen, dass die Aktie bald danach anfing zu steigen. Dasselbe Bild zeigte sich im August. Auch da haben solche Divergenzen zwischen Kursverlauf und RSI einen Anstieg der Aktie vorweggenommen. Noch einmal:

Dass Divergenzen eine Wende vorab indizieren, funktioniert oft, aber nicht immer. Zudem müssen es nicht nur zwei Punkte sein, die eine Divergenz entstehen lassen, sondern es können drei, vier Mini-Wendepunkte im Indikator auftreten, die zusammen eine Divergenz bilden. Daher ist es nicht angezeigt, sofort auf die Gegenseite zu wechseln, wenn Sie eine solche Divergenz entdecken. Man sollte warten, bis charttechnische Signale diese Vorab-Indikation bestätigen. Divergenzen sind perfekt, um sich bestimmte Kursverläufe schon einmal auf die Beobachtungsliste für kommende Trades zu setzen, sie lösen solche Trades aber nicht alleine aus. Was auch für das zweite Phänomen des RSI gilt, das ihn so spannend macht:

RSI Spezial: Formationen mit „Wahrsagekraft“

Der RSI bildet nicht selten regelrechte charttechnische Trendwendeformationen aus, die einer Trendwende im Kurs selbst vorangehen. Damit ist man bereits im Vorfeld für einen möglichen, für einen Trade nutzbaren Impuls sensibilisiert. So sehen wir hier im Kursverlauf der thyssenkrupp-Aktie im Frühjahr 2017 eine umgekehrte Schulter-Kopf-Schulter-Formation im RSI, deren Vollendung mit dem Startschuss eines markanten Aufwärtsimpulses in der Aktie einhergeht. Dass sich da etwas tun könnte, hätte man beim regelmäßigen Überwachen des RSI also schon sehr frühzeitig erahnt und die Aktie somit engmaschig im Auge behalten.

Der RSI ist dabei auf jeder Zeitebene einsetzbar und immer gleich zuverlässig. Besonders lohnend ist der Blick auf längerfristige Entwicklungen auf Wochenbasis. Einer der Klassiker der Prognosefähigkeiten des RSI ist dabei die „Vision“ der Trendwende des DAX im März 2000, der bekanntlich eine dreijährige Baisse folgte. Sie sehen in diesem nachstehenden Chart auf Wochenbasis, dass der RSI zu Beginn des Jahres 2000 ein Topp vollendete, das das Ende der vorherigen Hausse bedeutete – was man im Wochenchart des DAX selbst noch nicht hätte ahnen können.

Fazit: Kein markttechnischer Indikator kann perfekt die Zukunft vorhersagen und somit hundertprozentig gewinnbringende Signale generieren, auch nicht der RSI. Aber er gehört zu den zuverlässigsten und zugleich spannendsten Indikatoren überhaupt, dessen Fähigkeiten durch diese Phänomene der Divergenzen und der Trendwendeformationen außergewöhnlich umfangreich sind. Wer tradet, sollte den RSI daher in seine Entscheidungen immer mit einbeziehen!

Einen weiteren Grundlagenartikel zum RSI finden Sie hier.

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Ronald Gehrt

Ronald Gehrt

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Dabei versteht sich Gehrt als Allrounder, der in der fundamentalen, volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie im Bereich der verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse.

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