Milliardenbewertung ohne Substanz? Quantencomputer könnten die Welt verändern und viele Anleger sehr viel Geld kosten.
Revolution oder die nächste große Börsenblase?
Wie viele Hype-Themen ich über die Jahre hinweg schon miterlebt habe, kann ich nicht mehr zählen. Solar, Lithium, Cannabis, 3D-Druck, Wasserstoff, Metaverse und wie sie nicht alle hießen.
Im Grunde geschieht jedes Mal dasselbe. An der Börse konzentriert man sich vor allem auf das Potenzial der Sektoren, sei es nun real oder auch nicht.
Das Potenzial wird dann herangezogen, um die absurdesten Bewertungen zu rechtfertigen. Unternehmen, die kaum mehr als eine Idee sind, teilweise kein operatives Geschäft besitzen und keinen nennenswerten Umsatz erzielen, werden an der Börse plötzlich für Milliarden gehandelt.
Am Ende geschieht immer dasselbe. Nahezu alle Aktien im Sektor kollabieren und einige gehen komplett über den Jordan.
Beim Thema Quantencomputer dürfte es ähnlich laufen. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass nicht alle Unternehmen im Sektor den Durchbruch erzielen können. Nicht jeder kann auf dem Siegertreppchen stehen.
In jeder Branche setzen sich einige Wettbewerber durch und schnappen sich den größten Teil des Kuchens, alle anderen werden für Anleger zum Verlustgeschäft.
Die Historie liefert genug Beispiele, wie das in der Realität endet. Canopy Growth notierte zeitweise über 500 USD und heute bei 1 USD.
3D Systems kollabierte von fast 100 Dollar auf unter 3 USD. Die Entwicklung bei Plug Power war nahezu identisch. Das geschieht, wenn Träume gekauft werden.
Warum das gefährlich werden könnte
Dasselbe Muster dürfte sich beim Thema Quantencomputing wiederholen. Die Kurse sind bisher in den meisten Fällen „nur“ um 50 – 60 % eingebrochen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Quantencomputer versprechen eine Rechenleistung, die klassische Systeme in bestimmten Aufgabenklassen weit hinter sich lässt. Entsprechend groß ist das Interesse von Forschung und Industrie. Schwergewichte wie Google und IBM investieren seit Jahren Milliarden in die Entwicklung.
Und genau das ist eins der großen Probleme für die vielen kleinen Wettbewerber wie Rigetti, Quantum Computing Inc. oder D-Wave Quantum.
Die Situation erinnert frappierend stark an den Hype um Brennstoffzellen und Wasserstoff. Auch vor diesem Sektor hatte ich xfach gewarnt. Die kleinen Wettbewerber verlieren in der Regel gegen die großen und kapitalstarken Konzerne, die ebenfalls im Sektor aktiv sind.
Daher hat es nicht nur Plug Power erwischt, auch die Kurse von Ballard oder Nel sind meilenweit von den Hochs entfernt. Nikola ist längst insolvent.
Auch in Europa wird intensiv geforscht, unter anderem an der Fraunhofer-Gesellschaft, wo in Ehningen einer der leistungsstärksten Quantencomputer der Welt betrieben wird. Doch trotz dieser Fortschritte bleibt die Technologie weitgehend im Labor- und Forschungsstadium.
Prinzip Hoffnung
In diesem Umfeld werden kleine Pure-Play-Unternehmen an der Börse plötzlich zu Hochrisiko-Fantasieträgern. Ein besonders auffälliges Beispiel ist Rigetti Computing. Das Unternehmen ging Ende 2021 über einen SPAC zu 10 US-Dollar an die Börse und verlor danach massiv an Wert.
Der Kurs kollabierte auf 0,36 USD und war genau dort, wo er hingehört.
Heute wird Rigetti wieder mit mehreren Milliarden US-Dollar bewertet, obwohl sich das zugrunde liegende Geschäftsmodell kaum verändert hat.
Der Umsatz lag 2022 bei mageren 13 Mio. USD und war anschließend auf 7 Mio. rückläufig. In den letzten 12 Monaten waren es rund 10 Mio. USD.
Selbst die blühendsten Bullen werden zugeben, dass sich ein Börsenwert von 6,54 Mrd. USD nicht rechtfertigen lässt.
Das bedeutet, dass der Börsenwert nur auf einer einzigen Sache beruhen kann: Hoffnung.
Die Hoffnung auf einen Durchbruch, bevor es der Konkurrenz gelingt. Unterdessen verbrennt Rigetti jedes Jahr 200 Millionen Dollar.
Für Unternehmen wie IBM oder Google stellt es kein Problem dar, hunderte Millionen Dollar in Forschungsprojekte zu stecken und das Geld im schlimmsten Fall einfach verbrannt zu haben.
Google und IBM können es sich leisten
Rigetti kann es sich jedoch nicht leisten. Das Geld muss schließlich irgendwoher kommen – und das sind in diesem Fall natürlich Kapitalerhöhungen. Dadurch ist die Zahl der ausstehenden Aktien seit dem Börsengang im Jahr 2020 von 114 auf 321 Millionen Stück gestiegen.
Genau hier zeigt sich die klassische Dynamik solcher Hypes: Die Ausgaben werden nicht aus dem operativen Cashflow finanziert, weil dieser nicht existent ist. Das Geld stammt aus der ständigen Ausgabe neuer Aktien.
Der Vorstand von Rigetti spricht ganz offen darüber, dass kommerzielle Umsätze frühestens in 4-5 Jahren eine relevante Rolle spielen könnten. Wobei sich die Ziellinie immer weiter nach hinten verschiebt.
In der Praxis bedeutet das nichts anderes, als dass die kommenden Jahre weiterhin durch hohe Forschungs- und Entwicklungskosten geprägt sein werden, ohne dass bereits ein nennenswertes Geschäft existiert.
Meilenweit entfernt
Abschließend lässt sich einordnen, wie weit sowohl Rigetti als auch die gesamte Branche derzeit noch von einem echten Durchbruch entfernt sind.
IBMs größter monolithischer Chip kann mit 1.121 physikalischen Qubits aufwarten. Für praktische Anwendungen im IBM Quantum System Two setzt IBM jedoch vor allem auf den Heron-Chip (156 Qubits), das System Nighthawk (360 Qubits) und Flamingo mit 462 Qubits, da diese eine deutlich höhere Rechenqualität bieten.
Das aktuelle Flaggschiff-System von Rigetti Computing verfügt über 108 Qubits. Damit befindet sich Rigetti in etwa auf einem Niveau, das IBM Ende 2021 erreicht hat.
Bei der Anzahl der Qubits ist Rigetti im Branchenvergleich weit abgeschlagen und was die Fehlerquote angeht, ebenfalls.
Bei der Anzahl gibt es etliche Anbieter, die Rigetti meilenweit voraus sind, darunter IBM. Bei der Fehlerquote sind IonQ, Quantinuum und Google führend.
Wie soll dieser Vorsprung jemals aufgeholt werden?
Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Google kommt in Modellen zu dem Ergebnis, dass eine wirklich zufriedenstellende Leistungsfähigkeit erst ab etwa 1.457 Qubits erreicht werden könnte und eine wirtschaftliche Kommerzialisierung – unter der Annahme akzeptabler Fehlerraten – sogar eher erst im Bereich von 10.000 Qubits sinnvoll wäre.
Fünf oder doch eher 10 Jahre?
Wie lange könnte es dauern, bis dieses Niveau erreicht wird? Genau weiß das natürlich niemand, wir können aber gewisse Rückschlüsse ziehen.
Für den quantitativen Sprung von 127 auf 433 Qubits benötigte IBM nur 1 Jahr. Der qualitative Sprung zu einem in der Praxis stabil und fehlerarm nutzbaren System dieser Größe dauerte jedoch von Ende 2021 bis zum Flamingo – also knapp 4 Jahre.
Nehmen wir an, die prozentuale Steigerung der Qubit-Zahl setzt sich in dieser Geschwindigkeit fort. In diesem Szenario dürfte es noch etwa 10 Jahre dauern, bis eine wirtschaftliche Kommerzialisierung mit 10.000 Qubits erreicht wird.
Bis dahin werden Quantencomputer ein Nischenprodukt und Forschungsobjekt bleiben.
Obendrein handelt es sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine optimistische Schätzung. Denn die Komplexität und die technologischen Herausforderungen steigen nicht im Gleichklang mit der Anzahl der Qubits. Der Zusammenhang ist nicht linear.
Mit zusätzlichen Qubits steigen die Anforderungen an Stabilität, Fehlerkorrektur und Steuerung exponentiell.

Mit dem Einbruch unter 20 USD wurde ein Verkaufssignal mit einem möglichen Kursziel bei 15 – 16 USD ausgelöst. Darunter wäre der Weg in Richtung 12,50 – 13,00 USD frei.
Gelingt hingegen eine Rückkehr über 20 USD, würde sich die Lage vorerst wieder entspannen.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 10.06.2026 um 13:53 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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