An den Börsen kommt es immer wieder zu Phasen, in denen die Kurse extrem überziehen, mal nach oben, mal nach unten. Erfahrene Anleger erkennen solche Situationen schnell … und können ihren Nutzen daraus ziehen. Allerdings nur, wenn sie einen Fehler vermeiden, der jedoch schnell passiert ist.
Sobald ein Anleger mit dem nötigen Grundwissen … das man mitbringen sollte … und ein wenig Erfahrung eine Situation ausmacht, in der erkennbar wird, dass die Kurse ganz sicher nicht dorthin gehören, wo sie gerade sind, kommt automatisch ein Gedanke: Das geht schief. Und es folgt die Schlussfolgerung: Das ist eine perfekte Chance, um einen stattlichen Gewinn zu erzielen, indem ich darauf setze, dass diese Übertreibung in sich zusammenfällt. Bis zu diesem Zeitpunkt passt alles. Aber der nächste Schritt kann ein Fehler sein. Einer, der dazu führt, dass aus einer cleveren Idee ein monetäres Waterloo wird:
Problem erkannt, losgerannt … und abgebrannt
In dem Augenblick, in dem man ein Ungleichgewicht am Markt erkennt, umgehend eine entsprechende, gegen den Strom laufende Position einzugehen, kann äußerst unerfreulich enden. Denn meist hat man mit der Einschätzung, dass hier etwas nicht läuft, wie es müsste, zwar recht. Aber recht haben und recht bekommen sind, an der Börse mehr noch als sonst, zwei paar Schuhe. Ein „Klassiker“ als Beispiel, bei dem ich selbst den fatalen Fehler begangen hatte, sofort eine antizyklische Position einzugehen: Die komplett verrückte Rohöl-Hausse der Jahre 2007/2008. Was war damals passiert?

Die Sorge, dass die damalige Immobilienblase in den USA platzen und Weltwirtschaft nebst Börsen in den Abgrund ziehen würde, nahm bereits 2007 zu, wurde aber mit aller Macht kleingeredet und von den bullischen Anlegern nur zu gerne ignoriert. Dann kam eine „Idee“ auf, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete: Man müsse sein Geld in „echte Werte“ anlegen, in Assets, die Bestand haben, wenn alles zusammenbricht. Zum Beispiel in Rohstoffe. Es begann eine Rohstoff-Hausse, die auch Nahrungsmittel mit erfasste und die Gesamtlage noch fragiler machte. Das war derart grotesk, dass ich damals nicht lange fackelte: Öl kann und wird nicht auf diesem Niveau bleiben, also kann man mit einem Short-Trade nichts falsch machen. Dachte ich. Oder besser: Ich hatte nicht den Hauch eines Zweifels. Und ging grandios baden, denn:
Am Ende lag ich zwar völlig richtig. Aber vor dem Ende der Hausse lag das Ende meiner Short-Positionen, weil ich nicht „ganz oben“ Short ging oder die Abwärtswende abwartete. Kleiner Hinweis am Rande: In Verlustpositionen zuzukaufen ist nicht nur nicht ideal, sondern fatal unklug … ich hatte das damals getan, weil ich nicht glauben wollte, dass die Börse so irre sein könnte. Konnte sie aber.
Scheren schließen sich immer … die Frage ist nur: wann?
Nächstes Beispiel mit aktuellem Bezug: Die Hausse der Internet-Aktien (und Biotech-Werte) ab Mitte 1999, die nichts hinterfragte, aber alles glaubte. Verbunden mit dem Verschmähen von Aktien klassischer Branchen, die man abfällig „Old Economy“ nannte. Der folgende Chart zeigt, wie extrem sich die Sache bis zum Frühjahr 2000 entwickelte. Die hier abgebildeten „DAXsector“-Indizes machen deutlich: Technologie und Telekommunikation liefen wie geschnitten Brot. Der Rest blieb liegen.

Und wieder einmal ich mittendrin, mit demselben Fehler wie bei Rohöl, nur, dass ich im „Fall Rohöl“ nichts aus dem ersten Fehler zur Jahrtausendwende gelernt hatte: Da fiel ich mit dem Fehler, nicht nur antizyklisch zu denken, sondern auch automatisch antizyklisch zu handeln, zum ersten Mal so richtig auf die Nase. Denn natürlich war ich zu früh dran. Und nicht nur ich, sondern viele der erfahrenen Trader, schon deswegen schreibe ich diese Kolumne:
Sie soll daran erinnern, dass Cleverness beim Erkennen einer Situation umgehend zu einer Dummheit wird, wenn man vergisst, dass andere eben nicht sehen, was man selbst sieht und immer weiter in die rational betrachtet „falsche Richtung“ agieren. Dabei hätte man absolut nichts verpasst, hätte man zwar antizyklisch gedacht, aber zyklisch gehandelt, indem man damals die Abwärtswende der Hausse-Branchen und die Aufwärtswende der angeblich so langweiligen „Old Economy“ abgewartet hätte, wie wir in diesem Chart sehen, der die gleichen „DAXsector“-Indizes ab dem März 2000 zeigt, als diese Internet-Blase platzte:

Das hat sich also hingezogen. Am Ende, ganz am Ende, lag richtig, wer erkannte, dass keine Volkswirtschaft wachsen kann, wenn die klassischen Branchen nicht mitziehen und deren Aktien damit in einer Phase, in der sie derart verschmäht werden, hoch lukrativ sind. Nur lag man eben lange falsch … auch, wenn man bereits mit dem Abwärts-Schwenk der Internet-Aktien auf die „Old Economy“-Schiene setzte. Richtig lag, wer imstande war, zwischen Denken und Handeln die Charttechnik zu stellen: Erst, wenn der Trend einer Idee recht gibt, ist der Moment da, sie umzusetzen. Und das gilt genauso für die heutige Situation:
Geschichte mag sich wiederholen, bei Fehlern sollte man das indes vermeiden
Da wir Menschen sehr gut darin sind, aus Fehlern nichts zu lernen und ein und dieselbe Dummheit immer wieder zu begehen, können sie sich vorstellen, dass es mich (und zweifellos viele andere) massiv in den Fingern juckt, bei dieser Halbleiter-Hausse antizyklisch aktiv zu werden, weil diese hohen bis zu hohen Bewertungen dazu einladen … und mich in Sachen Long um diejenigen Branchen zu kümmern, die schon wieder auf dem Grabbeltisch der Gier liegenbleiben. Immerhin ist die Ähnlichkeit zu dieser Phase im Jahr 2000 immens. Aber ob man es glaubt oder nicht:

Diesmal habe ich (bis jetzt zumindest) die nötige Geduld. Weil ich mich noch zu gut erinnern kann, wie übel und zugleich unnötig es ist, mit antizyklischen Trades Verluste einzufahren, in der Hoffnung, dass sich das am Ende doch noch rechnet, während alle, die mit dem Strom schwimmen, Gewinne erzielen. Und weil die Geschichte lehrt, dass sich eine solche Schere zwischen Fakten und Kursen nicht an nur einem Tag schließt und dann alles vorbei ist. Man hat immer genug Zeit. Wenn man vorbereitet ist.
Fazit: Antizyklisch denken ist gut. Antizyklisch traden meist weitaus weniger
Am Ende landet man mal wieder bei der guten, alten Börsenregel: „the trend is your friend“. Es ist immer eine gute Sache, sich auszukennen und dadurch zu sehen, wenn der Markt gerade aus dem Ruder läuft. Und ja, daraus entstehen oft immense Chancen. Aber der Augenblick, in dem man sie erkennt und der Moment, in dem sie sich wirklich in den Kursen manifestieren, können weit auseinanderliegen.
Auf klare Signale in den Charts zu warten, statt aus dem Bauch heraus darauf zu wetten, dass die Masse mal wieder falsch liegt, ist fast immer ein Fehler. Denn eigentlich heißt dieser Spruch ja korrekt „am Ende liegt die Masse immer falsch“. Dieses Ende einer irrationalen Phase abzuwarten, ist sicherlich nicht leicht. Aber die Nerven zu haben, Geduld aufzubringen (was sich komisch liest, aber letztlich ist es ja so) kann sich da wirklich auszahlen!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 14.06.2026 um 21:17 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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