Wenn man zu einem Thema keine Meinung hat, kann man auch keine Entscheidungen treffen: Diese Aussage klingt logisch, ist aber nicht zwingend und hilft nicht weiter. Denn Meinung und Fakten können auch weit auseinanderliegen, so dass Meinungen zu falschen Entscheidungen führen. Und an der Börse sind wir ja in der glücklichen Situation, etwas anderes für Entscheidungen nutzen zu können. Es müsste sich nur mal herumsprechen.
Über die Jahre bin ich von allen möglichen Leuten gefragt worden, was ich denn meine, wo wohl der DAX, der Dow Jones, Gold, Öl oder sogar der Bitcoin in einer Woche, einem Monat, gar am Jahresende stehen würde. Und ein ums andere Mal antworte ich: Keine Ahnung, ist mir auch egal.
Das sorgt in aller Regel für entrüstete Blicke. „Warum weißt du das nicht, du bist doch vom Fach?“ Eben, antwortet der genervte Zeitgenosse dann, und gerade weil ich die Börse kenne und verstehe, weiß ich, was man wissen kann und was nicht. Und wo X oder Y zu einem bestimmten Zeitpunkt notieren werden, kann man eben nicht wissen.
Bisweilen versuche ich dann zu erklären, warum das so ist (an dieser Stelle schon oft geschehen, siehe meine Kolumnen zum Thema Prognosen), manchmal auch nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass es eh keinen Sinn hat. Vor allem, wenn man aufgrund eines Folgesatzes erkennt, dass das Gegenüber die Börse nicht so recht durchdrungen hat: „Aber du musst doch wenigstens eine Meinung dazu haben!“
Nein, das muss ich nicht. Nicht, weil mir das zu anstrengend wäre. Wenn einem Börsianer zu oft etwas zu anstrengend ist, ist er bald aus dem Rennen. Sondern weil Meinungen weitaus mehr schaden als nutzen. Eigentlich nutzen sie, wenn man’s genau bedenkt, sogar in keinem Fall etwas, wenn es um die Kurse geht. Warum nicht?
Die persönliche Marktmeinung als Entscheidungsgrundlage? Dünnes Eis.
Man kann, ja ich denke sogar, man muss sich mit den Rahmenbedingungen auskennen. Man ist gut beraten, Konjunkturdaten und Bilanzen zumindest im Groben verstehen zu können, wenn man Anleger ist. Auch, wenn man passiv vorgeht, indem man z.B. über Sparpläne Geld in Fonds oder ETFs investiert. Denn um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, ob man Geld dort abzieht oder frisches Kapital zuführt, sollte man schließlich wissen, was man da tut. Und dann kann man auch eine Meinung dahingehend haben, ob die Gesamtwirtschaft in einem guten oder schwachen Umfeld unterwegs ist, ob man einem Unternehmen weiteres Wachstum zutraut und ob bestimmte Sektoren und Branchen womöglich eine bessere Geldanlage wären als andere. Aber!
In dem Augenblick, wo die Meinung sich darauf erstreckt, wo die Kurse in ein, zwei, sechs oder mehr Monaten liegen werden und man diese eigene Meinung als Entscheidungsgrundlage nutzt, wird die Sache kontraproduktiv. Denn das kann realistisch betrachtet niemand wissen. Nun wird mir auf diese Aussage hin gerne entgegengehalten, von Außenstehenden ebenso wie von denen, die ihr Erspartes bereits investiert haben: Ohne Meinung kannst du doch nie entscheiden, ob du jetzt kaufen oder verkaufen müsstest.

Doch, das kann ich. Nur nutze ich dafür die Kurse selbst und keine subjektive Meinung darüber, warum die Kurse dies oder jenes tun und was das für die Zukunft bedeuten wird. Täte ich Letzteres, wäre es mir zwar ein Leichtes, mir bei einer Verlustposition die Meinung zuzulegen, dass es sich nicht lohnt auszusteigen, weil der Kurs ohnehin in Kürze wieder in die richtige Richtung laufen wird. Aber das wäre eine komplett subjektive Meinung, aus Wunschdenken geboren. Und ich würde große Gefahr laufen, den Selbstbetrug nicht einmal zu bemerken.
Und das gleich dazu geschrieben: Ich bin mit dieser Haltung nicht geboren worden. Ich habe in Sachen „Marktmeinung“ eine Menge Fehler gemacht. Und nicht nur einmal. Aber zurück zum Punkt:
An der Börse machen nicht Fakten Kurse, sondern die Kurse formen die Fakten
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass eigentlich klar negative Daten oder Nachrichten im Nachhinein medial positiv eingeordnet werden, weil die Börsen daraufhin gestiegen sind, statt zu fallen? Nehmen wir nur als ein Beispiel von vielen die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten. Stellenverluste statt neue Jobs, die Zahl der neuen Arbeitsstellen der beiden Vormonate nach unten korrigiert … das ist in keiner Weise positiv. Aber die US-Aktienindizes stiegen. Hier wurde „erklärt“: Die Anleger reagierten erfreut auf diese Zahlen, weil sie dermaßen schlecht waren, dass die US-Notenbank es nicht wagen könne, die Leitzinsen anzuheben.
Das war in der Tat wohl das Motiv. Aber es war kein schlaues. Sicher, wenn einem das Hemd näher ist als die Hose, könnte man sich sagen: Für den Moment sind höhere Zinsen vom Tisch. Aber davon abgesehen, dass höhere Leitzinsen die Ursache des Inflationsaspekts in Form hoher Ölpreise als Folge geopolitischer „Abenteuer“ nicht lösen würden und Zinserhöhungen daher in der Tat derzeit eher schaden würden, geht diese „Meinung“ am eigentlichen Problem vorbei:

Der US-Arbeitsmarkt sieht schlecht aus. Mehr und mehr Arbeitnehmer, dort wie auch bei uns, müssen sich Sorgen darüber machen, ob sie in ein, zwei Jahren noch genug Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Wer sich solche Gedanken machen muss, neigt dazu, sein Geld zusammenzuhalten. Und das bremst das Wirtschaftswachstum und in dessen Folge die Unternehmensgewinne. Das passiert zwar dann auf einer mittelfristigen Ebene und nicht übermorgen. Aber diese durch solche Daten manifestierte Gefahr geht eben unter, wenn Medien schlechte Konjunkturdaten als bullisch für die Börse einordnen.
Dieses Beispiel sollte zeigen, dass an der Börse oft die Reaktion der Kurse dazu führt, dass man Fakten entsprechend an diese Reaktion anpasst. „Etwas Negatives sorgt für steigende Kurse? Dann müssen wir schauen, wie wir das entsprechend kommentieren, damit das logisch klingt“. Da machen dann die Kurse die Fakten, nicht umgekehrt. Nicht gut, denn:
Meinungen werden von wenigen „gemacht“ … und von vielen übernommen
Wenn etwas gut klingt, wenn eine „Marktmeinung“ genau meinen Erwartungen und Wünschen entspricht … schaue ich da noch lange unter Teppiche und hinter Vorhänge, ob ich diesem Braten auch trauen darf? Eher nicht, oder? Man glaubt gerne etwas unbesehen, wenn einem genau das erzählt wird, was man hören möchte.
Anfang 2000 war man ein Nestbeschmutzer, wenn man als Börsenjournalist wagte, die Gefahren der Internetblase aufzuzeigen. Die Subprime-Blase sei keine Gefahr für Weltwirtschaft und Börse, hieß es 2008 von Politikern, Banken und so manchem angeblichen Experten. Die Inflation gehe einfach von allein wieder weg, behaupteten nicht nur viele Notenbanken, sondern auch Banken und Analysten Ende 2021/Anfang 2022. Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch diese so wunderbar klingenden Meinungen waren falsch. Und das hätte man nicht nur wissen können, sondern müssen.

In solchen Fällen können zwei mögliche Ursachen naheliegen. Entweder diejenigen, die solche Meinungen verbreiten, haben keine Ahnung von ihrem Geschäft. Oder sie haben im Gegenteil sehr viel Ahnung davon und könnten die vielen wenig fachkundigen Anleger gezielt beeinflussen.
Denken wir daran, dass kaum ein Unternehmen, das an die Börse geht, erklären würde: „Wir haben uns finanziell so sehr verhoben, dass wir jetzt euer Geld brauchen“. Nein, das liest man natürlich kaum. Man will die Allgemeinheit am Erfolg teilhaben lassen, denn jetzt werde das große Wachstum erst richtig losgehen … so klingen die Aussagen vor einem Börsengang schon eher.
Denken wir auch daran, dass, wer Fonds und ETFs anbietet, dadurch Geld verdient, dass die Anleger ihr Erspartes dorthin leiten. Selbst, wenn die Entscheider bei solchen sogenannten „institutionellen Investoren“ beim Gedanken an die kommenden Monate graue Haare bekommen würden: Würden die Ihnen offen sagen, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn Sie als Anleger Ihr Geld vorübergehend auf dem Konto in Sicherheit bringen und erst einmal nicht zukaufen?
Nein, Optimismus ist nötig, um das Feuer der Finanzindustrie am Brennen zu halten. Optimismus ist das, was alle hören wollen. Also wird er geliefert und wird zur Basis der vielen Börsenmeinungen, die doch am Ende alle ein und dasselbe aussagen:
Die Kurse werden steigen. Wenn’s mal kippt, wird es schon gutgehen. Und wenn es mal stürmischer wird, sagt man sich: Naja, ist gerade nicht so schön, aber langfristig, da steigen Aktien ja immer.
Übernommene Meinungen sind am Ende auch übernommene Entscheidungen
Das hat für das Verhalten vieler Anleger unmittelbare Konsequenzen. Viele kaufen nonstop zu, egal, wie sich das Umfeld darstellt. Die Wenigsten steigen aus, wenn Aufwärtstrends brechen, sondern kaufen in fallende Kurse immer weiter.
Ja, Sie hätten im Prinzip Recht, wenn Sie jetzt einwenden würden, dass das ja auf lange Sicht nichts ausmacht und man in fallende Kurse hinein für das gleiche Geld dann mehr Anteile eines Fonds oder ETFs bekommt. Dadurch betreibt man eine Art „Averaging“, was langfristig durchaus klug sein kann. Aber es gab so manche Phase, in der „langfristig“ in Sachen Wiedersehen mit dem Einstiegskurs länger dauerte, als viele sich das so dachten. Und man könnte ja schließlich trotz alledem weitaus besser fahren, wenn man zeitgerecht bei einem Trendbruch aussteigt und zurückkauft, wenn die Aufwärtswende gelungen ist.
Was aber nicht so einfach ist, wenn man eine von außen übernommene, dauer-optimistische Meinung hat, die das eigene Handeln entscheidend beeinflusst und man zugleich wenig bis gar nichts von der Materie versteht, weil es einfacher ist, gut klingende Meinungen zu übernehmen, als das Anleger-Handwerk wirklich zu erlernen. Ich kann jedem nur dazu raten, das mit dem Börsen-Grundwissen zügig nachzuholen, wenn es nicht vorhanden ist. Denn dann kann man sich zum Umfeld eine eigene und auch fundierte Meinung bilden. Und man versteht eher, warum es nicht weise ist, diese Meinung auch auf das unmittelbare Kursverhalten und damit auf Kauf- und Verkaufsentscheidungen auszudehnen.

Das „Ist“ zählt, nicht ein „müsste aber“
Denn was die Kurse tun werden, ist nicht vorhersehbar. Selbst, wenn es den „homo oeconomicus“ wirklich gäbe, der permanent logisch auf Basis aller vorhandenen Daten und Fakten handelt: Das wären extrem wenige. Die Masse handelt aus dem Bauch heraus, emotional. Und Emotionen lassen sich nicht einfangen oder in Stärke, Richtung und Zeitpunkt vorhersagen. Hinzu kommen die nicht vorhersehbaren, externen Impulse wie z.B. der Angriff auf den Iran oder Corona. Wenn man sich dessen bewusst wird, versteht man, dass man sich irgendwelche Meinungen dazu, wo egal welches Asset zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft notieren wird, an den Hut stecken kann.
Ich schlage vor: Nutzen Sie die hervorragenden Tools, die Ihnen Chart- und Markttechnik bieten. Sie orientieren sich am „Ist“, an dem, was die Kurse hier und jetzt tatsächlich tun. Und da viele rein technisch agierende Trader und Handelsprogramme das ebenfalls tun und die Trends entscheidend mitbestimmen, könnte man damit bessere Chancen haben, unter dem Strich mit der Börse Geld zu verdienen, als es über die Jahre langsam dahin schwinden zu sehen als Konsequenz starrer Meinungen darüber, was passieren sollte … aber oft eben nicht passiert.
„Meinungsoffen“ zu sein, ermöglicht einen objektiveren Blick auf die Kurse
Sich stur auf die Kurse zu fokussieren, ist nicht ganz so einfach, wie sich das hier schreibt, keine Frage. Auch ich werde immer wieder von mir selbst überrumpelt, indem ich manchmal trotz eines klaren Signals in meinem eigenen Handelssystem sage: „Nein, das wird ganz sicher nichts“ und deswegen nicht reagiere oder sogar gegen das Signal handele. Aber ich werde immer wieder zügig auf den Boden der Tatsachen gebracht, wenn ich sehe: Ja, eigentlich hätte dieses Signal nichts werden dürfen, wenn alle am Markt logisch agiert hätten … wurde es aber doch.
„Meinungsoffen“ auf Signale zu warten, die die Kurse einem liefern, hat schon seine Vorteile. Dauerpositionen im Depot, basierend auf der subjektiven Meinung, was zu geschehen hat, können die eigenen Entscheidungen korrumpieren, vor allem, wenn man bereits in der Verlustzone festhängt. Frische Signale nutzen und umgehend aussteigen, wenn sie nicht mehr gelten, ist da deutlich einfacher vom Umgang. Ich für meinen Teil habe zu fast allem eine Meinung … aber nicht zu dem, was mit den Kursen passieren wird. Nicht, weil ich mich mit der Börse nicht auskenne, sondern weil ich es tue!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 16.08.2026 um 13:11 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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