Starke Kursschübe prägten das Bild der Börsen in den vergangenen Wochen. Und die kamen bislang großenteils sehr plötzlich, weil derzeit mehr denn je die Nachrichtenlage die Kurse bewegt … und sie ist momentan eben unberechenbar. Das erhöht natürlich das Risiko, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Trotzdem stürzen sich viele Marktteilnehmer mutig ins Getümmel. Oder ist es gar nicht der Mut, der sie treibt?
Es gibt aus meiner Sicht zwei übergeordnete Gruppen von Marktteilnehmern in Bezug auf ihre grundsätzliche Vorgehensweise: Die gelassenen, versehen mit Erfahrung, Wissen und Disziplin … und die anderen, die ohne umfassende Kenntnisse, aber mit viel Emotionen, einer festen Marktmeinung und immensen Erwartungen an die Sache herangehen. Natürlich gibt es auch die „Inbetweens“, die sich zwischen diesen beiden Ebenen bewegen. Wobei es aber meiner Erfahrung nach selten zu einem Wechsel von Disziplin zu Emotionen kommt, nicht einmal in einem Marktumfeld wie aktuell, sondern vornehmlich zu einer Verwandlung von „Emotionalen“ in „Disziplinierte“.
Was grundsätzlich positiv ist, denn Sie können sich denken, dass die Gruppe der Disziplinierten unter dem Strich weitaus besser abschneidet. Aber nicht jeder schafft es dorthin, viele scheitern und kehren zurück zur Abteilung Bauchgefühl. Und es ist diese Gruppe, um die es heute gehen soll bzw. um eine der Ängste, die man dort oft antrifft und der sich viele vermutlich nicht bewusst sind: FOMO oder, ausgeschrieben: fear of missing out“. Die Angst, nicht dabei zu sein.
Die Angst, etwas zu verpassen ist oft größer als die vor Verlusten
Dass Verluste eine unerfreuliche Sache sind, die man fürchtet, muss man niemandem erklären. Aber ich habe irgendwann realisiert, dass viele (ich eingeschlossen) unbewusst noch von einer deutlich größeren Furcht beherrscht werden: Die Angst, etwas zu verpassen. Oder zwar nicht einfach „irgendetwas“, sondern konkret in Bezug auf die Börse die „big moves“. Die Bewegungen, die richtig große Gewinne bringen. Warum ist das so?
Schon ganz grundsätzlich ist FOMO bei vielen von uns unterschwellig immer mit von der Partie. Denken wir an die Jahre der Jugend, in der viele glaubten, überall dabei sein zu müssen, weil man sonst „das Leben verpasst“. Ob das so gewesen wäre, weiß ich nicht, ich kann nur sagen, dass mein persönliches FOMO einiges an Geld gekostet hat, das ich später, als dieser Trieb, permanent dem vermeintlichen Puls des Lebens hinterherzulaufen nachließ, gut hätte für „vernünftige Dinge“ gebrauchen können.
An der Börse ist diese Problematik deswegen besonders ausgeprägt, weil wir hier lange Phasen sehen, in denen man wenig bis gar nichts verdienen kann. Phasen, in denen die Kurse vor allem seitwärts dümpeln, einen ab und an mit einer Bullen- und Bärenfalle die Laune vermiesen, man ansonsten aber darauf angewiesen ist, zu warten, bis ein starker Trend umfassendere Positionen begünstigt. Der Haken dabei ist: Dass aus einem kräftigen Ruck im Chartbild am Ende ein großer Trend wird, weiß man erst wirklich sicher, wenn er längst läuft.

Deshalb ist es durchaus nachvollziehbar, dass man so früh wie möglich auf einen Zug aufspringen will. Der Kopf rechnet da automatisch mit, man sagt sich: 1.000 Index-Punkte mit geringerem Risiko, die vielleicht drin sein könnten … oder 1.500 mit höherem Risiko, und das ohne Warten, jetzt gleich? Es kostet reichlich Disziplin, Letzteres bleiben zu lassen. Gelingt das nicht, droht man, in eine Spirale zu geraden, denn:
Von FOMO zu „Revenge Trading“
Die Furcht, große Impulse zu verpassen, verleitet zu riskanten Aktionen. Und die enden unerfreulich oft mit Verlust. In einem hoch volatilen Markt einfach aus der Ungeduld heraus mitzumischen, ist letztlich noch weniger erfolgversprechender als am Roulette-Tisch dauernd auf „rot“ oder „schwarz“ zu setzen. Einfach, weil man hier ggf. zwar richtig auf „rot“ gesetzt hat, aber auf einmal schon wieder „schwarz“ gilt, während man sein Geld noch auf „rot“ liegen hat. Dagegen müssten aber doch Stop Loss-Absicherungen helfen?
Ja, grundsätzlich schon. Aber wenn wir uns ansehen, wie oft dieser Tage große Kurslücken zur Eröffnung auftauchen – und das in beide Richtungen – wird schnell klar: Um nicht durch solche Kurslücken weit unterhalb (bzw. bei Short-Trades oberhalb) der gesetzten Stop Loss-Levels „rasiert“ zu werden, müsste man Positionen konsequent zu jedem Ende eines Handelstages schließen. Und das passt so gar nicht zu „FOMO“. Denn es sind ja diese Kurslücken, die die großen Gewinne bringen könnten … vorausgesetzt, man stünde auf der richtigen Seite. Dass man das absolut nicht abschätzen kann, ist rational betrachtet richtig. Aber „FOMO“ und Ratio haben nun einmal keinerlei Berührungspunkte.

Dadurch entsteht die Gefahr, dass man, je öfter man schiefliegt und einen Verlust einfährt, nur noch ungeduldiger agiert und noch höhere Risiken eingeht um – so formuliert es der kleine Mann im Ohr – „mein Geld zurückzuholen“. Das nennt sich dann „Revenge Trading“, man will sich mit scheinbar mutigen Hauruckaktionen an dem blöden Markt rächen, der einem ungerechtfertigterweise das Geld genommen hat. Dass da nicht der Markt, sondern die eigenen Emotionen schuld sind, wird so lange übersehen, bis man es geschafft hat, die Emotionen in Sachen Trading dorthin zu befördern, wo sie hingehören: In die Mülltonne.
Wenn Ungeduld zur Normalität wird: der Tickerwurm
Gelingt das nicht, kann die Sache ausarten (ich schreibe immer noch aus eigener Erfahrung) und man wird zum „Tickerwurm“, der sklavisch am Kursmonitor hängt. Früher war das Übertragungssystem telegrafisch, die Kurse „tickerten“ aus einem Telegrafen bei den Brokern, um den die „Würmer“ herumlungerten, daher diese Bezeichnung. Man wird zu jemandem, der nachts mehrmals aus Angst, im asiatischen Handel könnte sich etwas tun, das man zu verpassen droht, auf die Kurse schaut und beim Gedanken, ohne Position ins Wochenende zu gehen, Angstzustände bekommt – trotz der irgendwo schlummernden Erkenntnis, dass solche Positionen in einer Phase wie aktuell halsbrecherisch riskant sind. Aber wie gesagt: Da ist dann die Angst, einen „big move“ zu verpassen längst viel größer als die, einen dicken Verlust zu erleiden.
Eine andere Variante: Der Gerüchteknecht
„FOMO“ führt leicht auch dazu, Marktgerüchten oder noch sehr unsicheren Chancen hinterherzulaufen statt, was nun einmal vernünftiger wäre, erst einmal genau zu hinterfragen, ob das alles wirklich etwas taugen könnte. Ein typisches und recht aktuelles Beispiel wäre der immense Kurssprung bei der Qiagen-Aktie Ende Januar. Der basierte auf einer Meldung der Nachrichtenagentur „Bloomberg“, dass „mit der Angelegenheit vertraute“ Personen erklärt hätten, dass Qiagen aufgrund von neuen Interessebekundungen in Bezug auf eine Übernahme strategische Optionen prüfe, zu denen auch ein Verkauf gehören könnte. Es gab also noch keine Gespräche oder einen avisierten Übernahmepreis pro Aktie, konkret war da überhaupt nichts.

Nachdem da aber wochenlang nichts weiter passierte, löste sich der Kurssprung in Luft auf. Wer da „oben“ eingestiegen war, dürfte es sehr schnell bereut haben. Was aber keineswegs zwingend dazu führen muss, dass man ab einem solchen Zeitpunkt umgehend hoch diszipliniert und mit der nötigen Vorsicht und Geduld an die Sache herangeht. „FOMO“ ist gar nicht so leicht loszuwerden.
Wie man „FOMO“ wieder loswerden könnte
Die simpelste Methode ist zugleich die, die am wenigsten erstrebenswert wäre: Man macht so lange weiter, bis das Geld irgendwann weg ist. Will man vorher effektiv Mitglied im Lager der Besonnenen werden, würde sich, das war meine persönliche Erfahrung, der schonungslose Blick in den Spiegel anbieten:
Was hat mir meine bisherige Art zu traden eingebracht? Vergleicht man das mit den Trendbewegungen der Märkte, dürften viele das Wort „eingebracht“ schnell gegen „eingebrockt“ tauschen. Denn hat man die Börsen insgesamt im Blick, ist für die Angst, große Trends zu verpassen und den daraus entstehenden Trieb, zu riskante „Wetten“ einzugehen, gar keine Notwendigkeit vorhanden. Irgendwo findet sich immer ein solider Trend. Was zu der Frage führt:
Warum fokussiere ich mich auf nur wenige Bereiche oder sogar nur einen Markt und mache da viele, kurzfristige und gewagte Trades? Wenn die Antwort lautet: Weil das Kapital nicht für mehrere Positionen zugleich reicht, müsste man sich als Lösung zumindest ein konkretes Handelssystem erschaffen und konsequent umsetzen. Wenn die Antwort aber lautet: Weil da am meisten los ist, dann spricht da ein Zocker aus einem, den man am besten umgehend vor die Tür setzt.
Eine einigermaßen nüchterne Nabelschau bringt in Bezug auf das „FOMO-Leiden“ wohl bei den meisten ein und dasselbe Ergebnis hervor: Man wäre im Nachhinein mit viel weniger Risiko und Hektik viel besser gefahren. Ist diese Erkenntnis erst einmal da, ist man schon mit einem Bein aus der Fallgrube heraus.
Was bleibt, ist, sich regelmäßig auf die Finger zu klopfen, wenn man dabei ist, wieder einmal „mutig“ zu sein und den Pfad der Vernunft zu verlassen. Ich kann nur für mich sprechen, aber in meinem Fall führte das damals zwar zu ein paar Rückfällen, die wurden aber immer weniger. Einfach, weil man mit „FOMO“ oft genug auf der Nase landet, um eine „Entwöhnung“ leichter zu machen. Immer vorausgesetzt, man ist sich bewusst geworden, dass Verluste in Wahrheit eben doch deutlich schlimmer sind, als ab und an tatsächlich einen großen Impuls zu verpassen.
Denn Letztere kommen von alleine immer wieder. Geld, das verloren ist, muss man indes mühsam zurückholen. Und das klappt nicht mit „Revenge Trading“, sondern nur mit genau der Disziplin, die man besser gleich von vornherein hätte walten lassen. „FOMO“? Mit mir nicht mehr.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 29.03.2026 um 16:32 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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