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Börse aktuell

Börse aktuell: Nachrichten, Analysen und Einordnungen zur aktuellen Börsenentwicklung in Deutschland, den USA und an den internationalen Finanzmärkten. Hier erfahren Sie, was aktuell an der Börse geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet das Marktgeschehen und fasst wichtige Börsendaten, Marktentwicklungen und Börsenberichte für Sie zusammen. Mit Börse aktuell erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Börsennachrichten und Einordnungen zu aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie regelmäßig über die Entwicklungen an den Finanzmärkten. Welche Themen bewegen derzeit die Börse? Welche Ereignisse könnten in der kommenden Woche für Aufmerksamkeit sorgen? Und wie präsentiert sich das aktuelle Marktumfeld – eher von Bullen oder Bären geprägt? In unserer Kolumne ordnen wir die wichtigsten Börsenthemen, Marktdaten und Ereignisse der Woche ein und geben einen Überblick über Entwicklungen, die Einfluss auf den weiteren Börsenverlauf haben könnten.

Börse aktuell vom 10.-16.08.2026

Der Treibstoff einer Hausse: Fakten sind gut, Hoffnungen sind besser

von

10.08.2026 | 07:00 Uhr
LYNX bei Google bevorzugen

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Es ist bemerkenswert, dass Kaufwellen insbesondere am Aktienmarkt dann besonders intensiv und weitreichend ausfallen, wenn sie nicht auf Fakten, sondern auf großen Hoffnungen basieren. Das wirkt absurd, ist aber erklärbar.

Denken wir über die aktuell zwar in einer Korrekturphase befindliche, aber deswegen noch nicht zwingend beendete Hausse der Halbleiter-Aktien nach, so ließe sich behaupten, dass man da auf Basis von Fakten agiert, denn Umsätze und Gewinne der meisten dieser Unternehmen sind zuletzt erheblich gestiegen. Das stimmt so weit durchaus, aber:

Die Dimension der zuletzt erreichten Kursgewinne bildet nicht ab, was bereits schwarz auf weiß in den Bilanzen steht. Sie nimmt vorweg, dass sich dieses Wachstum nicht nur fortsetzen, sondern intensivieren wird … und damit nimmt man eine Zukunft vorweg, die man sich erhofft, die aber, wie das mit der Zukunft nun einmal so ist, in keiner Weise sicher ist. Das ist gewagt, in manchen Ausprägungen sogar halsbrecherisch. Aber dieses Phänomen ist nicht neu, sondern taucht immer wieder auf. Die Frage ist: Was steckt dahinter?

Die Börsen haben ihre ganz besondere „Logik“

Zu verstehen, warum etwas läuft, wie es läuft, kann nie schaden. Nur wenn man versteht, wie ein Motor funktioniert, weiß man auch die Zeichen zu deuten, wenn er beginnt, unrund zu laufen. Einfach ins Auto setzen und Vollgas geben – das geht, keine Frage, meist sehr lange gut. Aber wenn es am Ende eben doch schiefgeht, wäre man froh zu wissen, was zu tun ist. Das gilt für die Börse ebenso. Und meiner Erfahrung nach ist der Anteil derer, die sich vorher mit den Grundlagen beschäftigen, bevor sie loslegen, an der Börse ähnlich gering wie in Bezug auf Autos.

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2019 bis 2022 - Corona Phase | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2019 bis 2022 – Corona Phase | Quelle: marketmaker pp4

Und eigentlich sollte ja eine Art neugierige Skepsis entstehen, wenn man feststellt, dass Aufwärtstrends, die auf Basis von solidem Wachstum, einem ruhigen Umfeld und unter dem Strich konstant steigenden Unternehmensgewinnen und Dividenden beruhen, meist deutlich weniger spektakulär ablaufen als Kaufwellen, bei denen man am Markt auf etwas setzt, das erst noch eintreten müsste. Denn rein von der Ratio her ist das ja absurd. Aber deswegen ist die Sache nicht unlogisch. Dieses Phänomen basiert nur auf der ganz eigenen Logik der Börsen, bei der Fakten sehr oft von Emotionen und Notwendigkeiten verdrängt werden.

Berechtigte Zweifel als Treibstoff einer Kaufwelle?

Nehmen wir als Beispiel die Phase unmittelbar nach der Verkündung von Trumps Zöllen auf alles und für alle im Frühjahr 2025. Der folgende Chart zeigt, dass der DAX verblüffend schnell nicht nur die Verluste aufholte, die diese „Aktion“ des US-Präsidenten auslöste, sondern sogar über das vorherige Hoch stieg. Dabei hätte man nun wirklich keine Basis dafür gehabt zu glauben, dass diese US-Zölle der deutschen Wirtschaft mehr Wachstum bescheren würden. Zumal man sich ja in Expertenkreisen schon immer nahezu einig war und auch in diesem Fall ist: Zölle bringen nur Verlierer hervor; auch diejenigen, die sie verhängen, zahlen am Ende die Zeche mit. Wie also kann man diese Kaufwelle erklären?

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2022 bis 2026 - Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2022 bis 2026 – Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4

Es sind genau diese „berechtigten Zweifel“ der Mehrheit am Markt, die eine solche Kaufwelle auslösen. Das lief nach dem Corona-Crash, nach dem Angriff auf die Ukraine oder auch aktuell in Bezug auf den Iran-Konflikt genauso. Denn was denkt man sich, wenn ein Index wie der DAX in einem klar bärischen Umfeld auf einmal drastisch anzieht?

Der erste Gedanke ist, dass da nur einige Bären ihre leer verkauften Aktien eindecken, was zwar die Kurse nach oben zieht, aber nicht zugleich bedeutet, dass diese Bären damit automatisch zu Bullen werden … sie machen nur Kasse, weil sie ihre Kursziele erreicht haben, der Markt überverkauft ist und sie sich sagen: Lieber jetzt erst einmal die Position etwas reduzieren. Und in der Regel ist es auch genau das und nicht mehr, aber:

Wenn diese Gegenbewegung erste charttechnische Widerstände überwindet, springen rein charttechnisch agierende Trader und entsprechend ausgerichtete Handelsprogramme auf einmal auf einen Zug auf, den es rein von der Logik gar nicht geben sollte. Oft sind es im Getümmel erster Short-Eindeckungen überwundene Widerstandslinien, die Trader mobilisieren, die nicht nach dem „Warum“ fragen, sondern nur den Kursbewegungen folgen. Und die dadurch die Basis dafür verbreitern, dass eine Bewegung, die rational gesehen eigentlich nicht existieren dürfte, besonders intensiv wird, denn:

Manche wollen, andere müssen … das Phänomen der Kettenreaktion

Diejenigen, die sich bis zu diesem Punkt gedacht haben: „Das kann ja gar nichts werden“, geraten in eine emotionale Zwickmühle. Sie sehen das bestehende Risiko einer Rallye ohne Fakten, bei der die Hoffnung, alles werde schnell wieder gut und idealerweise noch viel besser, die Kurse treibt … und sehen eben auch, dass ihnen gerade die Kurse davonlaufen. Ich vermute, viele von Ihnen kennen das aus eigener Erfahrung: Irgendwann wird man „weich“ und steigt, mit flauem Gefühl im Magen oder nicht, doch noch ein.

Und dann gibt es ja noch die Fonds und ETFs, die gezwungen sind, zufließendes, frisches Kapital zu investieren. Bei ihnen geht es nicht darum, ob die Entscheider Käufe für eine gute Idee halten: Was an Geld hereinkommt, muss auch „arbeiten“. Und wenn genug Anleger, vom emotionalen Sog schnell steigender Kurse beeindruckt, reichlich Geld in diese Fonds und ETFs überweisen, müssen sie kaufen … und intensivieren und verlängern das Phänomen dadurch.

Aber wieso hält sich so etwas oft so verblüffend lange, obwohl sich die Lage gar nicht so entwickelt, dass die Hausse ein Fundament aus positiven Fakten nachgereicht bekommt?

Dauerhafte Unwiderlegbarkeit

Selbst wenn die Kettenreaktion des „Einsteigen-Müssens“ über die Bühne ist, geht eine solche Hausse oft noch weiter, siehe die Endlos-Aufwärtsbewegung, die der Nasdaq-100-Index in den Monaten nach Trumps „Zoll-Schock“ zeigte. Das liegt zu einem ganz wesentlichen Teil daran, dass eine Hoffnungs-Rallye eine für Bullen höchst praktische Eigenart hat: Man kann nie beweisen, dass etwas nicht kommen wird, auf das man hofft – es könnte ja irgendwann doch noch kommen.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, 2024 bis 2026 - Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, 2024 bis 2026 – Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4

Natürlich könnte man, wenn man die Sache rational angeht, in die Vergangenheit blicken und zahllose Fälle entdecken, in denen Hausse-Phasen, die auf reiner Hoffnung basierten, am Ende fatal endeten. Denken wir nur an die zahlreichen Aktien, die mit der Behauptung immer höher und höher stiegen, dass bestimmte, durch die Corona-Phase entstandene Wachstumsmärkte schnell und andauernd weiterwachsen würden, z. B. HelloFresh, Delivery Hero oder TeamViewer. Oder denken wir an Aktien von Unternehmen, die vor einigen Jahren durch die Post-Corona-Materialengpässe deutlich steigende Gewinnmargen verbuchten, etwa Sartorius oder Carl Zeiss Meditec. Sie alle wurden von einer Realität eingeholt, die den großen Erwartungen nicht entsprach. Aber!

Solange diese Hoffnungen nicht wirklich widerlegt werden, wirken sie. Und viele sind besonders dann bereit, daran festzuhalten, wenn der Markt noch steigt. Daher sieht so mancher massiv bullisch investierte Marktteilnehmer wohl auch jetzt noch ein ganz sicher bald kommendes Ende des Iran-Krieges als gutes Argument für neue Rekorde. Gerade weil sich das so lange hinzieht, funktioniert das noch. Das erinnert an die Möhre vor dem Esel, die ihn am Laufen halten soll.

Warum es z. B. 2003 und 2009 anders lief

Diese Kombination aus Emotionen, Kettenreaktionen und dem Aspekt, dass Hoffnungen nicht rational widerlegbar sind – denken Sie an den Dauer-Lottospieler, den der Gedanke, eines Tages den Jackpot zu holen, auch nach 50 Jahren noch in die Lottoannahmestelle treibt –, funktioniert aber nicht mehr, wenn Fakten bereits da sind … weshalb Aufwärtstrends, die nicht auf Hoffnungen und Fantasien, sondern auf einer realen Entwicklung basieren, meist deutlich weniger extrem ablaufen. Beispiel: das Jahr 2009.

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2007 bis 2010 - Platzen der Subprime-Blase | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2007 bis 2010 – Platzen der Subprime-Blase | Quelle: marketmaker pp4

Hier war es im Vorfeld nicht zu einem Sell-off gekommen, der blitzschnell ablief und durch etwas Unerwartetes ausgelöst wurde, wie es z. B. bei Trumps Zöllen deren groteske Höhe war. Hier lag vor der Aufwärtswende eine fünf Quartale dauernde Baisse von gewaltiger Dimension. Und es war zudem eine Baisse – auch das war entscheidend –, in der blinde Hoffnung bereits übel ausgegangen war. Denn viele dachten wirklich, dass die in sich zusammenfallende US-Immobilienblase bzw. die sogenannte Subprime-Blase kaum bis gar keine negativen Auswirkungen auf die Börsen haben würde. Hatte sie aber … und das deutlich heftiger, als selbst viele Experten vermutet hatten.

Die brutale Ernüchterung darüber, dass die Hoffnung, alles würde schon von allein wieder gut, ein Luftschloss war, hatte viele so hart getroffen, dass man auf die ersten Signale, die Lage könnte in den Griff kommen, kaum reagierte. Damals liefen die Kurse den Ereignissen eher hinterher, als sie vorwegzunehmen.

Beim Corona-Crash ging es im Unterschied zu diesem Beispiel viel schneller bergab, sodass die Zeit zwischen der vorherigen, von Optimismus geprägten Normalität am Aktienmarkt und der Rallye nach dem Crash so kurz war, dass eine tiefergehende Ernüchterung der meisten Investoren nicht entstehen konnte. Daher war es da leichter, die Hoffnung als Kurstreiber zu aktivieren als nach einer längeren Krise.

Irgendwann muss aber am Ende doch „geliefert“ werden

Aber irgendwann müssen die erhofften positiven Fakten dann eben doch nachgereicht werden. Wenn Sie noch einmal zum obersten Chart zurückgehen, der die Zeit des Corona-Jahres 2020 beim DAX abbildet, sehen Sie, dass diese Hoffnungs-Hausse im Herbst 2020 gerade dabei war, komplett zu kippen. Nur weil da mit dem von vielen positiv gesehenen Ausgang der US-Wahl und der Meldung über erste einsatzfähige Impfstoffe doch noch die nötigen „Good News“ kamen, drehte der DAX wieder nach oben.

Fazit: Eine Hausse, die auf großen Hoffnungen und mageren Fakten basiert, kann lange dauern und weit reichen. Aber nur, wer weiß, dass etwas, das endlos scheint, irgendwann eben doch ein Ende hat, ist imstande, sofort und konsequent von Bord zu gehen, solange es noch Gewinne gibt, die man mitnehmen kann.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 09.08.2026 um 20:28 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

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Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie über wichtige Entwicklungen an den internationalen Finanzmärkten. Ein Schwerpunkt unserer Berichterstattung liegt auf den großen Aktienindizes wie dem DAX sowie den US-Börsen mit Dow Jones, Nasdaq und S&P 500. Diese Indizes zählen zu den wichtigsten Barometern für die Börsenentwicklung weltweit. Darüber hinaus werfen wir einen Blick auf Aktien, die aktuell im Fokus der Marktteilnehmer stehen, und ordnen relevante Ereignisse an den Börsen ein. So erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Themen der Börse aktuell.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

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Börse: Aktuelle Einordnungen zum Marktgeschehen

Neben Börsennews erhalten Sie auch Einordnungen, die dabei helfen können, das aktuelle Marktgeschehen besser zu verstehen. Die Börse setzt sich aus zahlreichen Märkten zusammen. Unterschiedliche Länder, Branchen und Finanzprodukte werden von verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Faktoren beeinflusst. Dadurch kann es schwierig sein, Entwicklungen und Trends an den Finanzmärkten umfassend zu verfolgen und einzuordnen. Mit Börse aktuell fasst unser Börsenexperte die wichtigsten Börseninformationen zusammen und gibt einen Überblick über relevante Themen und Entwicklungen der kommenden Börsenwoche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

03.08.2026
07:09 Uhr

Wie man Gleitende Durchschnitte für das Trading einsetzen könnte — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
AIXTRON SE
Neutral
Allianz SE
Neutral
Caterpillar Inc.
Neutral
Deutsche Telekom AG
Neutral
Euro / US-Dollar
Neutral
Dow Jones Industrial Average Index
Neutral
Microsoft Corp.
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
SAP SE
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 02.08.2026 um 14:52 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten, die Gleitenden Durchschnitte als Eckpfeiler des Tradings einzusetzen. Nicht alle Möglichkeiten erweisen sich dauerhaft als tauglich, aber es bietet sich an, alles einmal gesehen zu haben und dann selbst zu entscheiden, ob und womit man hier arbeiten möchte.

Ich habe über die vergangenen Jahrzehnte seit meinen ersten eigenen Trades und der damaligen Lektüre von so ziemlich allem, was damals zur Technischen Analyse zu bekommen war, festgestellt, dass sich die Verwendung von Gleitenden Durchschnitten (GD) mit der Zeit immer wieder leicht gewandelt hat.

Das dürfte zum einen daran liegen, dass das Trading internationaler wurde und wir so neben den eigenen, klassischen Handhabungen auch US-amerikanische Vorgehensweisen adaptiert haben.

Zum anderen vermute ich, dass der Siegeszug der computergesteuerten Handelsprogramme einerseits und die zunehmende Tendenz zu sehr kurzfristigem Trading und den entsprechend kurzen Zeitrastern andererseits ihren Anteil daran haben, dass vor allem der Einsatz von GDs als „Teams“, d. h. die Verwendung mehrerer Zeitraster gleichzeitig zur Generierung einer tradingrelevanten Kurszone, an Bedeutung gewonnen hat. Zu diesem Thema kommen wir ganz zum Schluss; hier zunächst ein Blick auf die „Klassiker“:

Der Einsatz eines GDs als „flexible Trendlinie“

Die eigentliche Grundlage der Gleitenden Durchschnitte war das rechnerisch basierte Hervorheben der Trendrichtung und zugleich die Möglichkeit, anhand der Entfernung eines Kurses zu einem entsprechenden GD abzuschätzen, ob ein Trendimpuls langsam überzieht oder noch im Rahmen ist.

Börse aktuell: Entwicklung Telekom, 2023 bis 2026 - 200 Tage-Linie als Unterstützung und Widerstand | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Telekom, 2023 bis 2026 – 200 Tage-Linie als Unterstützung und Widerstand | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Zugleich ist ein GD aber so etwas wie eine Trendlinie, nur eben viel flexibler als eine durch mehrere Umkehrpunkte verbundene Gerade. Und das führte dazu, dass man GDs nicht nur als Orientierung nutzt, sondern als unmittelbaren Signalgeber. Das Über- oder Unterkreuzen eines GDs dient als Kauf- oder Verkaufssignal. Das funktioniert natürlich vor allem bei den Zeitrastern, die allgemein beachtet und genutzt werden. Das Kreuzen eines 145-Tage-GDs ist meist belanglos, weil dieses Zeitraster kaum verwendet wird. Beim klassischsten aller Zeitraster, der 200-Tage-Linie, sieht das anders aus, wie wir im vorstehenden Chart sehen.

Börse aktuell: Entwicklung Aixtron, 2025 bis 2026 - 20 Tage-Linie als Leitstrahl | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Aixtron, 2025 bis 2026 – 20 Tage-Linie als Leitstrahl | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Je intensiver ein Trend wird, desto mehr Akteure wechseln zu kurzfristigeren Zeitrastern. Hierzulande spielt die 20-Tage-Linie als Signalgeber und Leitstrahl eines Impulses oft eine tragende Rolle, so wie wir das hier bei Aixtron sehen. Längere Zeitraster werden dadurch aber nicht irrelevant. Nur weil die 20-Tage-Linie den kurzfristigen Tradern als Taktgeber dient, übersehen sie natürlich nicht, wenn der Kurs die 200-Tage-Linie testet. Was wir bei Aixtron auch deutlich sehen, ist, dass der 200-Tage-GD wohl von vielen gesehen und offenkundig zum Anlass genommen wurde, aktiv zu werden.

Börse aktuell: Entwicklung Caterpillar, 2025 bis 2026 - 50 und 100 Tage-Linie als Signalgeber | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Caterpillar, 2025 bis 2026 – 50 und 100 Tage-Linie als Signalgeber | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

An den US-Börsen sind es eher die 50-Tage- und die 100-Tage-Linien, die den Tradern als Orientierung und Signalgeber dienen, wie der vorstehende Chart der Dow-Jones-Aktie Caterpillar zeigt. Diese beiden Zeitraster haben aber auch bei uns an Bedeutung gewonnen. Wenngleich das bislang nicht so dominant ist wie jenseits des Atlantiks, empfiehlt es sich trotzdem, diese Linien bei der Analyse eines Charts mit einzublenden und zu prüfen, ob auffällige Schwenks an diesen Linien darauf hindeuten, dass viele Trader sich aktuell an einer oder beiden dieser Linien orientieren.

Welche Linien bei welchem Asset oder welcher Aktie relevant sind, ist nie in Stein gemeißelt; man könnte sagen: Das ergibt sich aus dem Geschehen heraus. Wenn es erst einmal zu ein, zwei auffälligen Verteidigungen eines bestimmten Zeitrasters kam, der Kurs dort nach unten abgewiesen wurde oder eine Überkreuzung einen deutlichen Impuls ausgelöst hat, „committet“ man sich quasi darauf, diese Linie fürderhin als Signalgeber zu sehen. Ein weiteres Zeitraster, das allgemein eher wenig bekannt ist, sollte man ebenso im Auge haben, vor allem nach großen Kursbewegungen: die 1.000-Tage-Linie.

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones, 2007 bis 2026 - 200 Wochen und 1000 Tage-Line bei Indizes | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Dow Jones, 2007 bis 2026 – 200 Wochen und 1000 Tage-Line bei Indizes | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Dieser GD ist letzten Endes näherungsweise nichts anderes als ein 200er-GD, nur eben nicht auf Tages-, sondern auf Wochenbasis. Immer dann, wenn es zu starken Auf- und vor allem Abwärtsbewegungen kam, schauen sich Trader diese Linie an, denn wenn diese Linie fällt, könnte es für das bullische Lager schwierig werden. Daher wird, wenn es dahingehend eng wird, oft vieles, was an Reserven da ist, ins Rennen geschickt, um diesen 1.000-Tage-GD zu retten … hier beim Dow Jones z. B. nach dem „Zoll-Schock“ im April 2025.

SMA oder EMA? Welche Variante wäre besser?

Ein kurzer Exkurs zu der Frage, welche Variante der GDs man denn nutzen sollte: Ich verwende grundsätzlich die einfachen GDs, die „Simple Moving Averages“ (SMA). Andere präferieren die gewichteten GDs, die „Exponential Moving Averages“ (EMA), bei denen die jüngeren Kurse in der Kette ein höheres Gewicht haben als die am weitesten zurückliegenden. Aber wenn wir uns den folgenden Chart ansehen, in dem ich den 20-Tage-GD einmal als SMA und einmal als EMA abgebildet habe, gibt sich das kaum etwas, sodass wir hier eher eine Glaubensfrage als ein faktisch relevantes Problem vor uns haben.

Börse aktuell: Entwicklung Allianz, 2025 bis 2026 - EMA 20 und SMA im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Allianz, 2025 bis 2026 – EMA 20 und SMA im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Übrigens: Sie sehen an diesem Beispielchart, dass die Tauglichkeit von GDs genauso davon abhängt, ob auch wirklich ein Trend vorliegt, wie das für charttechnische Trendlinien gilt. In Phasen des „Seitwärts-Schaukelns“ sind, wie wir das hier am Beispiel der Allianz-Aktie sehen, GDs häufig genauso wenig tauglich wie Trendfolge-Indikatoren der Markttechnik. Wer unbedingt in Seitwärtsphasen aktiv sein will, findet da bei den sogenannten „Oszillatoren“ wie u. a. Stochastik und RSI unter den Indikatoren bessere Wegweiser.

Crossover – sind sie wirklich „handelbar“?

„Crossover“ sind Überkreuzungen, bei denen ein GD mit kürzerem Zeitraster einen GD mit längerem Zeitraster nach oben (bullisches Signal) oder nach unten (bärisches Signal) kreuzt. Dabei können alle Zeitrahmen grundsätzlich ein Signal auslösen; der im Folgenden gezeigte bärische Crossover des GD 20 unter den GD 200 bei SAP ist nur ein Beispiel. Auch das Kreuzen z. B. der 50-Tage-Linie über oder unter den GD 100 oder 200 kann ein Signal sein; ein Crossover des GD 20 über den GD 50 ebenso … und so weiter. Aber so plakativ dieser Begriff „Crossover“ auch ist: Taugen diese Überkreuzungen als Trading-Signal wirklich etwas?

Börse aktuell: Entwicklung SAP, 2024 bis 2026 - Crossover GD20 und GD200 | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung SAP, 2024 bis 2026 – Crossover GD20 und GD200 | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Meine persönliche Meinung ist: Da könnte ein wenig Skepsis nicht schaden. Denn ein solcher Crossover zeigt ja nur an, was im Kurs bereits passiert ist; damit wäre er nur die Bestätigung einer neuen Richtung, die der Kurs bereits eingeschlagen hat. Und wenn wir uns das folgende Chartbeispiel mit Microsoft ansehen, erkennen wir:

Börse aktuell: Entwicklung Microsoft, 2024 bis 2026, Fehlsignale bei Crossovers | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Microsoft, 2024 bis 2026, Fehlsignale bei Crossovers | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Oft ist der Kurs längst über oder unter die beiden entsprechenden GDs gelaufen, bevor diese sich überkreuzen. Würde man also das Über- oder Unterschreiten eines GDs durch den Kurs selbst als Signal nutzen, wie es ja üblich ist, wäre man sowieso schon in Trendrichtung mit von der Partie. Und in Seitwärtstrends (in denen alles, was mit Trendfolge zu tun hat, eher nichts taugt, auch die GDs nicht) käme es, wollte man solche Crossover als direkte Trading-Signale einsetzen, häufig zu potenziell kostspieligen Fehlsignalen; daher würde ich diese Variante eher weniger nutzen.

GD-Bundles: Trading-Zonen mit Gleitenden Durchschnitten

Für konsequent technisch orientierte Trader haben die GDs eine Menge für sich, nicht zuletzt, weil computergesteuerte Handelsprogramme diese für ihre Signalgenerierung gut einsetzen können und dies offenbar auch tun, wie bereits in Teil 1 in der vergangenen Woche erwähnt. Das gilt vor allem, wenn man sie als „Team“ einsetzt, d. h. mehrere GDs zugleich nutzt, um nicht nur eine Linie zu haben, die den Kurs nach oben oder unten begleitet, sondern eine durch zwei oder drei GDs definierte Support- oder Widerstandszone nutzen zu können.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, 2026 - GDs im Einsatz zur Bestimmung von Trading-Zone | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, 2026 – GDs im Einsatz zur Bestimmung von Trading-Zone | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Grundsätzlich könnte man mit zwei, drei oder sogar vier GDs arbeiten und sie ganz individuell einsetzen. Beim Beispiel des Nasdaq 100 mit den GDs der letzten 10, 20 und 50 Handelstage drängt sich z. B. eine Vorgehensweise auf:

Der GD50 würde hier als grundsätzlicher Richtungsindikator dienen; darüber wäre man Long, darunter Short. Die beiden kürzeren GDs ließen sich als Positionssteuerung nutzen, zum Beispiel so: Sobald der Kurs unter den GD10 fällt, könnte man eine Long-Position reduzieren, unter dem GD20 vorerst ganz aussteigen (und neutral bleiben, solange der GD50 nicht unterschritten wird), bis der Kurs wieder über den GD10 gelaufen ist, und dann wieder eine Long-Position aufbauen.

Börse aktuell: Entwicklung Euro Dollar Relation, 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Euro Dollar Relation, 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Quelle: marketmaker pp4

Eine solche Vorgehensweise ist flexibel und reagiert zügig auf das aktuelle Geschehen, ist also eine Sache, die man sich als Strategie durchaus überlegen kann. Indes: Es funktioniert auch nicht immer. Denn wenn es zu einem eher planlosen Auf und Ab kommt, wie wir das im Fall der Euro/US-Dollar-Relation in der rot hervorgehobenen Phase sehen, sind auch GDs nicht das geeignete Mittel. Da müsste man dann auf sogenannte Oszillatoren unter den markttechnischen Indikatoren oder klassisches charttechnisches Range-Trading umschalten … oder sich in solchen Seitwärtsphasen ganz heraushalten.

Fazit: Mit GDs kann man viel anfangen … aber ein Allheilmittel des Tradings sind auch sie nicht

Gleitende Durchschnittslinien haben einem Trader einiges zu bieten, sei es als reine Signalgeber oder als Element einer Trading-Strategie z. B. mit GD-Bundles. Aber man sollte sie immer als ein Tool von mehreren im großen Werkzeugkasten der Technischen Analyse sehen und nicht als einzig seligmachende Strategie. Und: Einen Trend braucht es bei GDs in der Regel, um vernünftig agieren zu können. In einem ziellosen Hin und Her kommt man mit nahezu keinem Instrument besonders weit; da würde es sich anbieten, nicht das Trading-Tool, sondern die Trading-Basis, sprich den Markt, zu wechseln!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr
Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

27.07.2026
07:22 Uhr

Gleitende Durchschnitte: Warum sie so nützliche Tools sind — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
DAX - Deutscher Aktienindex
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
SanDisk Corp.
Neutral
TecDAX
Neutral
HelloFresh SE
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 26.07.2026 um 20:13 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Trading auf Basis der fundamentalen Analyse kann funktionieren. Aber je schneller die Bewegungen an den Börsen werden und je mehr Marktteilnehmer auf sehr kurzfristiger Ebene agieren, desto dringlicher wird es, sich nach Alternativen umzuschauen, mit denen man mit dem in den vergangenen Jahren sukzessive gestiegenen Tempo der Märkte mithalten kann. Gleitende Durchschnitte können eine solche Alternative sein.

Ich erlebe bisweilen, dass Anleger mit Aktien tief in die Verlustzone rutschen, weil sie sich beim Einstieg auf Tipps anderer oder die alte Regel „Kaufe Aktien von Unternehmen, von denen du überzeugt bist“ gestützt haben. Dann stellen sie entsetzt fest, dass dies dramatisch schiefgegangen ist.

Das muss nicht passieren, keine Frage. Aber es geht zu oft daneben, um diese „Strategie“ als ratsam einzuordnen.

Das darf nicht überraschen. Gerade haben wir von VARTA gehört, dass dort erneut und womöglich endgültig die Insolvenz verkündet wurde. Bevor die Anleger am Ende einfach ausgebootet wurden, war das einmal eine heiß begehrte Aktie. Eine, von der es hieß, die müsse man haben. Und dass etwas, das scheinbar ewig steigt, auf einmal zum Groschengrab wird, ist keine Seltenheit.

Denn die Dinge ändern sich. Branchen wandern vom Rampenlicht ins Abseits. Unternehmensführungen wechseln. Konkurrenten werden übermächtig oder sind innovativer. Aktien zu kaufen und einfach liegen zu lassen, unabhängig davon, ob man persönlich vom Unternehmen überzeugt ist oder nicht, ist daher nicht gerade die beste Idee. Man muss auf sein Depot, sprich auf sein Geld, aufpassen. Und dazu muss man sich zumindest ein wenig auskennen.

Börse aktuell: Entwicklung HelloFresh, 2018 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung HelloFresh, 2018 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Charts, Charts, Charts? Auch die reine Charttechnik hat ihre Tücken

Hinzu kommt, dass man selbst von etwas überzeugt sein und durchaus auch die Logik auf seiner Seite haben kann – die Kurse tun trotzdem das Gegenteil. Das liegt daran, dass sich viele eben nicht auskennen, nicht genauer hinschauen und einfach der Herde folgen. Und die wird weitaus öfter von Emotionen wie Gier und Angst geleitet als von der Ratio. Die Lösung: Man folgt nicht dem „Müsste aber eigentlich“, sondern den Kursen selbst, sprich dem Trend.

Dazu braucht es Grundwissen über die chart- und markttechnische Analyse. Wie identifiziere ich Trends? Was sind die Ankerpunkte, um die es gerade geht? Ist eine Aktie, ein Index oder ein anderes Asset, in dem ich mich engagiere, gerade überkauft, oder signalisieren die markttechnischen Indikatoren noch Luft nach oben? Liegt hier ein sauberer Trend vor, idealerweise basierend auf einer Trendwendeformation? Oder ist das, was da gerade passiert, nur eine womöglich kurzlebige Phase innerhalb eines übergeordnet in die Gegenrichtung laufenden Trends?

Wer sich damit auskennt, ist grundsätzlich im Vorteil. Und das kann man lernen, ohne jahrelang hinter Büchern zu verschwinden. Aber manchmal scheint auch die Charttechnik zu versagen. Kurse durchbrechen Unterstützungen und Widerstände, nur um auf einmal doch wieder zurückzulaufen. Trendlinien werden gebrochen und sofort zurückerobert. Wendeformationen werden vollendet und enden als Bullen- oder Bärenfalle. Taugt also auch die Charttechnik nichts?

Börse aktuell: Entwicklung DAX, Juni 2025 bis Juli 2026 - Unterstützungen und Widerstände im Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, Juni 2025 bis Juli 2026 – Unterstützungen und Widerstände im Chart | Quelle: marketmaker pp4

Warum die reine Charttechnik bisweilen unerfreulich unpräzise ist

Doch, das tut sie. Sie ist eben nur keine präzise Wissenschaft, weil die oben erwähnten Emotionen immer mitmischen. Und natürlich auch deshalb, weil überraschende Entwicklungen in der Nachrichtenlage jederzeit alles auf den Kopf stellen können. Wer an der Börse eine Entscheidung trifft, trifft sie immer in einem Umfeld stetiger Unsicherheit, weil die Zukunft nun einmal auch mithilfe der Charttechnik nicht vorhersehbar ist. Damit muss man sich arrangieren.

Was mir indes in den vergangenen Jahren auffiel: Das Teilelement der gleitenden Durchschnitte, kurz GD, auch als MA für „Moving Averages“ abgekürzt, funktioniert tendenziell deutlich besser als die „Klassiker“ in Form horizontaler Unterstützungen und Widerstände oder Trendlinien. Ich für meinen Teil nutze für mein persönliches Trading nur noch diese Linien. Was könnte dahinterstecken?

Gleitende Durchschnitte sind eine ideale Basis für Handelsprogramme

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass Handelsprogramme mit normalen Trendlinien ihre Probleme haben. Ich bin zwar nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik; ich selbst habe mich etwa zwischen 2000 und 2015 am Schreiben von Handelsprogrammen versucht. Aber die Tatsache, dass GDs besser zu funktionieren scheinen, deutet für mich darauf hin, dass sich daran noch nichts Entscheidendes geändert hat.

Zwar gibt es Mustererkennungen, mit denen Systeme versuchen, relevante Trendlinien und Formationen zu identifizieren, aber die waren nie wirklich gut. Ob sich das mit KI ändert, muss sich zeigen. Bislang scheinen die GDs als Entscheidungsgrundlage für Handelsprogramme jedoch weiterhin die Nase vorn zu haben. Warum?

Börse aktuell: Entwicklung TecDAX, Dezember 2025 bis Juli 2026 - Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung TecDAX, Dezember 2025 bis Juli 2026 – Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4

Weil GDs rechnerische Ableitungen der bisherigen Kurse sind. Die 200-Tage-Linie ist der Durchschnitt der Schlusskurse der vorangegangenen 200 Handelstage, entweder exponentiell gewichtet berechnet, abgekürzt EMA für „Exponential Moving Average“, oder linear als SMA für „Simple Moving Average“. Das können Computer präzise errechnen, während es bei Trendlinien immer einen subjektiven Faktor gibt: Welcher Punkt im Chartbild zählt noch als Ankerpunkt für eine Trendlinie und welcher nicht?

Da Handelsprogramme immer mehr an Bedeutung gewinnen und vor allem bei großen Adressen im Einsatz sind, die aufgrund ihrer Kapitalmacht Trends mitprägen können, ergibt es durchaus Sinn, sich diese GDs für das eigene Trading einmal näher anzusehen. Dabei sollte man allerdings einige Dinge unbedingt beachten. Im Folgenden ein paar Anregungen dazu – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Worauf man beim Trading mit GDs achten sollte

Als Erstes muss man ganz klar hervorheben, dass „besser funktionieren“ nicht bedeutet, dass GDs immer und bei jeder Gelegenheit funktionieren. Es fällt zwar auf, dass solche Linien oft erstaunlich präzise Wendepunkte markieren, sei es auf kurz- oder mittelfristiger Ebene. Aber eben nicht immer. Denn auch Handelsprogramme können von unerwarteten Ereignissen überrannt werden. Und vor allem muss man daran denken, dass die meisten dieser Systeme die Zeitraster, mit denen sie arbeiten, je nach Volatilität eines Marktes anpassen. Konkret hieße das:

Wenn ein Handelsprogramm normalerweise mit GDs auf Basis von beispielsweise zehn, 20 und 50 Stunden als Trading-Grundlage arbeitet, kann es bei geringer Volatilität auf die Zwei-Stunden- oder sogar auf die Tagesbasis „herunterschalten“. Bei starken Schwankungen kann es hingegen auf die 15-Minuten-Ebene oder sogar auf noch kürzere Zeitraster wechseln. Das bedeutet:

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, Februar bis Juli 2026 - Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, Februar bis Juli 2026 – Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4

Man sollte immer im Blick behalten, was gerade „funktioniert“, und prüfen, ob nicht auf einmal eine andere Zeitebene verfolgt wird, wenn GD-Zeitraster, die längere Zeit relevant waren, dies plötzlich nicht mehr sind.

Handelssysteme sind nicht auf bestimmte Zeitraster festgelegt, sondern passen sich an. Das kann auch bedeuten, dass ein Handelsprogramm bei Rohöl mit 10- und 20-Tage-GDs arbeitet, beim DAX aber womöglich mit 50- und 100-Tage-Linien. Sehen Sie sich die Charts an. Sie werden erkennen, welche Linien verfolgt werden.

Bei GDs ist es nicht anders als bei Trendlinien oder markttechnischen Indikatoren: In der Regel funktionieren die gängigen Indikatoren und GDs besser, weil diese von mehr Akteuren beachtet und genutzt werden. Wenn Sie bei der Analyse eines Charts feststellen, dass ein Kurs genau an der 65-Tage-Linie nach oben gedreht hat – einem völlig untypischen Zeitraster –, prüfen Sie unbedingt, ob das zuvor bereits mehrfach der Fall war. Nur dann lässt sich einschätzen, ob diese Linie tatsächlich relevant ist oder ob es sich lediglich um einen Zufall handelt.

Gängige Zeitraster für GDs beim Trading

Handelsprogramme denken sich nicht einfach irgendwelche GD-Zeitraster aus und handeln dann danach. Bei der Programmierung werden ihnen Zeitraster vorgegeben, die gängig sind, weil die Entwickler solcher Systeme den Grundsatz natürlich ebenfalls kennen und beherzigen: Was sonst niemand kennt und nutzt, kann kaum funktionieren.

Im Intraday-Trading sind mir Zeitraster von zwölf und deren Vielfache aufgefallen, die häufig „funktionieren“, also GDs mit Zeitrastern von zwölf, 24, 36, 48 und 60. Das gilt von Ein-Minuten-Einstellungen der Charts bis hinauf zur Zwei-Stunden-Ebene.

Börse aktuell: Entwicklung SanDisk, Januar bis Juli 2026 - Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung SanDisk, Januar bis Juli 2026 – Gleitende Durchschnitte im Chart | Quelle: marketmaker pp4

Auf Tagesbasis orientieren sich Trader und Systeme häufiger an den Klassikern: 20-, 50-, 100-, 200- und 1.000-Tage-Linien. Manchmal übernimmt, wie zuletzt bei den extremen Bewegungen bei Edelmetallen, Rohöl oder Halbleiteraktien, auch die 10-Tage-Linie die Rolle des Leitstrahls.

So weit für heute. Wie man konkret mit diesen GDs beim eigenen Trading umgehen könnte, würde hier und heute den Rahmen sprengen. Dazu mehr in einer der nächsten Kolumnen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr
Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

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