Es ist bemerkenswert, dass Kaufwellen insbesondere am Aktienmarkt dann besonders intensiv und weitreichend ausfallen, wenn sie nicht auf Fakten, sondern auf großen Hoffnungen basieren. Das wirkt absurd, ist aber erklärbar.
Denken wir über die aktuell zwar in einer Korrekturphase befindliche, aber deswegen noch nicht zwingend beendete Hausse der Halbleiter-Aktien nach, so ließe sich behaupten, dass man da auf Basis von Fakten agiert, denn Umsätze und Gewinne der meisten dieser Unternehmen sind zuletzt erheblich gestiegen. Das stimmt so weit durchaus, aber:
Die Dimension der zuletzt erreichten Kursgewinne bildet nicht ab, was bereits schwarz auf weiß in den Bilanzen steht. Sie nimmt vorweg, dass sich dieses Wachstum nicht nur fortsetzen, sondern intensivieren wird … und damit nimmt man eine Zukunft vorweg, die man sich erhofft, die aber, wie das mit der Zukunft nun einmal so ist, in keiner Weise sicher ist. Das ist gewagt, in manchen Ausprägungen sogar halsbrecherisch. Aber dieses Phänomen ist nicht neu, sondern taucht immer wieder auf. Die Frage ist: Was steckt dahinter?
Die Börsen haben ihre ganz besondere „Logik“
Zu verstehen, warum etwas läuft, wie es läuft, kann nie schaden. Nur wenn man versteht, wie ein Motor funktioniert, weiß man auch die Zeichen zu deuten, wenn er beginnt, unrund zu laufen. Einfach ins Auto setzen und Vollgas geben – das geht, keine Frage, meist sehr lange gut. Aber wenn es am Ende eben doch schiefgeht, wäre man froh zu wissen, was zu tun ist. Das gilt für die Börse ebenso. Und meiner Erfahrung nach ist der Anteil derer, die sich vorher mit den Grundlagen beschäftigen, bevor sie loslegen, an der Börse ähnlich gering wie in Bezug auf Autos.

Und eigentlich sollte ja eine Art neugierige Skepsis entstehen, wenn man feststellt, dass Aufwärtstrends, die auf Basis von solidem Wachstum, einem ruhigen Umfeld und unter dem Strich konstant steigenden Unternehmensgewinnen und Dividenden beruhen, meist deutlich weniger spektakulär ablaufen als Kaufwellen, bei denen man am Markt auf etwas setzt, das erst noch eintreten müsste. Denn rein von der Ratio her ist das ja absurd. Aber deswegen ist die Sache nicht unlogisch. Dieses Phänomen basiert nur auf der ganz eigenen Logik der Börsen, bei der Fakten sehr oft von Emotionen und Notwendigkeiten verdrängt werden.
Berechtigte Zweifel als Treibstoff einer Kaufwelle?
Nehmen wir als Beispiel die Phase unmittelbar nach der Verkündung von Trumps Zöllen auf alles und für alle im Frühjahr 2025. Der folgende Chart zeigt, dass der DAX verblüffend schnell nicht nur die Verluste aufholte, die diese „Aktion“ des US-Präsidenten auslöste, sondern sogar über das vorherige Hoch stieg. Dabei hätte man nun wirklich keine Basis dafür gehabt zu glauben, dass diese US-Zölle der deutschen Wirtschaft mehr Wachstum bescheren würden. Zumal man sich ja in Expertenkreisen schon immer nahezu einig war und auch in diesem Fall ist: Zölle bringen nur Verlierer hervor; auch diejenigen, die sie verhängen, zahlen am Ende die Zeche mit. Wie also kann man diese Kaufwelle erklären?

Es sind genau diese „berechtigten Zweifel“ der Mehrheit am Markt, die eine solche Kaufwelle auslösen. Das lief nach dem Corona-Crash, nach dem Angriff auf die Ukraine oder auch aktuell in Bezug auf den Iran-Konflikt genauso. Denn was denkt man sich, wenn ein Index wie der DAX in einem klar bärischen Umfeld auf einmal drastisch anzieht?
Der erste Gedanke ist, dass da nur einige Bären ihre leer verkauften Aktien eindecken, was zwar die Kurse nach oben zieht, aber nicht zugleich bedeutet, dass diese Bären damit automatisch zu Bullen werden … sie machen nur Kasse, weil sie ihre Kursziele erreicht haben, der Markt überverkauft ist und sie sich sagen: Lieber jetzt erst einmal die Position etwas reduzieren. Und in der Regel ist es auch genau das und nicht mehr, aber:
Wenn diese Gegenbewegung erste charttechnische Widerstände überwindet, springen rein charttechnisch agierende Trader und entsprechend ausgerichtete Handelsprogramme auf einmal auf einen Zug auf, den es rein von der Logik gar nicht geben sollte. Oft sind es im Getümmel erster Short-Eindeckungen überwundene Widerstandslinien, die Trader mobilisieren, die nicht nach dem „Warum“ fragen, sondern nur den Kursbewegungen folgen. Und die dadurch die Basis dafür verbreitern, dass eine Bewegung, die rational gesehen eigentlich nicht existieren dürfte, besonders intensiv wird, denn:
Manche wollen, andere müssen … das Phänomen der Kettenreaktion
Diejenigen, die sich bis zu diesem Punkt gedacht haben: „Das kann ja gar nichts werden“, geraten in eine emotionale Zwickmühle. Sie sehen das bestehende Risiko einer Rallye ohne Fakten, bei der die Hoffnung, alles werde schnell wieder gut und idealerweise noch viel besser, die Kurse treibt … und sehen eben auch, dass ihnen gerade die Kurse davonlaufen. Ich vermute, viele von Ihnen kennen das aus eigener Erfahrung: Irgendwann wird man „weich“ und steigt, mit flauem Gefühl im Magen oder nicht, doch noch ein.
Und dann gibt es ja noch die Fonds und ETFs, die gezwungen sind, zufließendes, frisches Kapital zu investieren. Bei ihnen geht es nicht darum, ob die Entscheider Käufe für eine gute Idee halten: Was an Geld hereinkommt, muss auch „arbeiten“. Und wenn genug Anleger, vom emotionalen Sog schnell steigender Kurse beeindruckt, reichlich Geld in diese Fonds und ETFs überweisen, müssen sie kaufen … und intensivieren und verlängern das Phänomen dadurch.
Aber wieso hält sich so etwas oft so verblüffend lange, obwohl sich die Lage gar nicht so entwickelt, dass die Hausse ein Fundament aus positiven Fakten nachgereicht bekommt?
Dauerhafte Unwiderlegbarkeit
Selbst wenn die Kettenreaktion des „Einsteigen-Müssens“ über die Bühne ist, geht eine solche Hausse oft noch weiter, siehe die Endlos-Aufwärtsbewegung, die der Nasdaq-100-Index in den Monaten nach Trumps „Zoll-Schock“ zeigte. Das liegt zu einem ganz wesentlichen Teil daran, dass eine Hoffnungs-Rallye eine für Bullen höchst praktische Eigenart hat: Man kann nie beweisen, dass etwas nicht kommen wird, auf das man hofft – es könnte ja irgendwann doch noch kommen.

Natürlich könnte man, wenn man die Sache rational angeht, in die Vergangenheit blicken und zahllose Fälle entdecken, in denen Hausse-Phasen, die auf reiner Hoffnung basierten, am Ende fatal endeten. Denken wir nur an die zahlreichen Aktien, die mit der Behauptung immer höher und höher stiegen, dass bestimmte, durch die Corona-Phase entstandene Wachstumsmärkte schnell und andauernd weiterwachsen würden, z. B. HelloFresh, Delivery Hero oder TeamViewer. Oder denken wir an Aktien von Unternehmen, die vor einigen Jahren durch die Post-Corona-Materialengpässe deutlich steigende Gewinnmargen verbuchten, etwa Sartorius oder Carl Zeiss Meditec. Sie alle wurden von einer Realität eingeholt, die den großen Erwartungen nicht entsprach. Aber!
Solange diese Hoffnungen nicht wirklich widerlegt werden, wirken sie. Und viele sind besonders dann bereit, daran festzuhalten, wenn der Markt noch steigt. Daher sieht so mancher massiv bullisch investierte Marktteilnehmer wohl auch jetzt noch ein ganz sicher bald kommendes Ende des Iran-Krieges als gutes Argument für neue Rekorde. Gerade weil sich das so lange hinzieht, funktioniert das noch. Das erinnert an die Möhre vor dem Esel, die ihn am Laufen halten soll.
Warum es z. B. 2003 und 2009 anders lief
Diese Kombination aus Emotionen, Kettenreaktionen und dem Aspekt, dass Hoffnungen nicht rational widerlegbar sind – denken Sie an den Dauer-Lottospieler, den der Gedanke, eines Tages den Jackpot zu holen, auch nach 50 Jahren noch in die Lottoannahmestelle treibt –, funktioniert aber nicht mehr, wenn Fakten bereits da sind … weshalb Aufwärtstrends, die nicht auf Hoffnungen und Fantasien, sondern auf einer realen Entwicklung basieren, meist deutlich weniger extrem ablaufen. Beispiel: das Jahr 2009.

Hier war es im Vorfeld nicht zu einem Sell-off gekommen, der blitzschnell ablief und durch etwas Unerwartetes ausgelöst wurde, wie es z. B. bei Trumps Zöllen deren groteske Höhe war. Hier lag vor der Aufwärtswende eine fünf Quartale dauernde Baisse von gewaltiger Dimension. Und es war zudem eine Baisse – auch das war entscheidend –, in der blinde Hoffnung bereits übel ausgegangen war. Denn viele dachten wirklich, dass die in sich zusammenfallende US-Immobilienblase bzw. die sogenannte Subprime-Blase kaum bis gar keine negativen Auswirkungen auf die Börsen haben würde. Hatte sie aber … und das deutlich heftiger, als selbst viele Experten vermutet hatten.
Die brutale Ernüchterung darüber, dass die Hoffnung, alles würde schon von allein wieder gut, ein Luftschloss war, hatte viele so hart getroffen, dass man auf die ersten Signale, die Lage könnte in den Griff kommen, kaum reagierte. Damals liefen die Kurse den Ereignissen eher hinterher, als sie vorwegzunehmen.
Beim Corona-Crash ging es im Unterschied zu diesem Beispiel viel schneller bergab, sodass die Zeit zwischen der vorherigen, von Optimismus geprägten Normalität am Aktienmarkt und der Rallye nach dem Crash so kurz war, dass eine tiefergehende Ernüchterung der meisten Investoren nicht entstehen konnte. Daher war es da leichter, die Hoffnung als Kurstreiber zu aktivieren als nach einer längeren Krise.
Irgendwann muss aber am Ende doch „geliefert“ werden
Aber irgendwann müssen die erhofften positiven Fakten dann eben doch nachgereicht werden. Wenn Sie noch einmal zum obersten Chart zurückgehen, der die Zeit des Corona-Jahres 2020 beim DAX abbildet, sehen Sie, dass diese Hoffnungs-Hausse im Herbst 2020 gerade dabei war, komplett zu kippen. Nur weil da mit dem von vielen positiv gesehenen Ausgang der US-Wahl und der Meldung über erste einsatzfähige Impfstoffe doch noch die nötigen „Good News“ kamen, drehte der DAX wieder nach oben.
Fazit: Eine Hausse, die auf großen Hoffnungen und mageren Fakten basiert, kann lange dauern und weit reichen. Aber nur, wer weiß, dass etwas, das endlos scheint, irgendwann eben doch ein Ende hat, ist imstande, sofort und konsequent von Bord zu gehen, solange es noch Gewinne gibt, die man mitnehmen kann.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 09.08.2026 um 20:28 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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