Dass der Spruch „the trend is your friend“ Sinn ergibt, steht außer Frage. Mit dem Strom zu schwimmen statt gegen ihn, bietet erhebliche Vorteile. Aber ab einem gewissen Punkt täte man gut daran, sich ans Ufer zu begeben. Und in einigen Bereichen ließe sich feststellen: Dieser Moment wäre längst gekommen.
Wir bewegen uns, intensiver noch als 2017 bis 2021, in einer „Trump-Börse“. Wenn der irgendetwas von sich gibt, egal, über welches Medium, zieht das Reaktionen nach sich. Wobei man nie weiß: Wann kommt da etwas, was kommt dann konkret und vor allem: Stimmt das überhaupt und wird morgen nicht auf einmal das Gegenteil verkündet? Bestes Beispiel: Die Aussagen des US-Präsidenten zum Iran-Deal. Da geht es im steten Wechsel von „quasi abgeschlossen“ zu „nur nichts überstürzen“.
Das zerrt an den Nerven jedes Börsianers. Ein paar Wochen kann man einen solchen Zirkus schon durchhalten, aber nicht jahrelang. Und es scheint, dass diese Nonstop-Verunsicherung vorerst kein Ende finden wird. Damit kommt derzeit alles zusammen, was man als Anleger wirklich nicht brauchen kann: Eine unklare Datenlage, die permanente Furcht, den entscheidenden Impuls zu verpassen (FOMO bzw. „Fear Of Missing Out“) und die daraus resultierende Überforderung in Bezug darauf, was man denn nun tun soll. Man kann weder nonstop wachsam sein noch hellsehen, weder binnen Millisekunden reagieren noch dabei fehlerlos bleiben.
Die Lage treibt die meisten in die Mitte des Stroms
In solchen Situationen reagieren die Marktteilnehmer grob über den Löffel barbiert auf drei Arten. Die einen fahren ihre Aktivitäten herunter und tun, solange man nicht weiß, wo oben und unten ist, erst einmal gar nichts mehr. Andere erkennen die Schere, die sich zwischen Realität und Kursen auftut, schließen daraus, dass das bestimmt schiefgehen wird und gehen auf die Gegenseite, bezogen auf den Aktienmarkt wären sie derzeit also im Lager der Bären. Und die dritte, vermutlich größte Gruppe sagt sich, durchaus zu Recht:
Letzten Endes ist es zweitrangig, ab Trends logisch unterfüttert sind: Wer mit dem Trend geht, agiert in die Richtung, in die das Geld geht. Ob das Geld dabei auf Basis kluger oder dummer Entscheidungen zu- oder abfließt, spielt keine Rolle, es gibt nun einmal die Richtung vor. Und mit dem Trend hat man immer durch in die gleiche Richtung laufende gleitende Durchschnitte und Trendlinien Anhaltspunkte für Stoppkurse, die mitlaufen und so sukzessiv nachziehbar sind.
Hinzu kommt eben der große Vorteil, dass man auf diese Weise nicht permanent hinterfragen muss, ob man da grundsätzlich klug handelt oder nicht. Man wird also als „Mitschwimmer“ diesen Druck der Ungewissheit und der permanenten Wachsamkeit los. Das ist so wohltuend, dass umso mehr Anleger einfach das tun, was die anderen tun, je problematischer und undurchsichtiger die Gesamtsituation ist.

Und wenn man sich anschaut, welche irrwitzigen Bocksprünge z.B. die Ölpreise (hier im Chart Brent Crude Oil seit Mitte Februar) vollziehen und der Aktienmarkt mal mitzieht, mal aber auch nicht, ist das völlig verständlich. Wenn ich nie weiß, ob morgen Früh auf einmal eine große Kurslücke auftaucht, ob nun nach oben oder unten, warum dann nicht einfach stur der groben Trendrichtung folgen?
Die hoch brenzlige Nebenwirkung: Starke Trends wirken wie ein „sicherer Hafen“
Denn Trendfolge funktioniert grundsätzlich am besten. Andere Vorgehensweisen wie antizyklisches Trading bei extremen Levels der Markttechnik, stur fundamentale Beweggründe oder gar die „aus-dem-Bauch-heraus-Strategie“ können da nicht ansatzweise mithalten. Doch wenn weitaus mehr Akteure als üblich so vorgehen, angespornt dadurch, dass dieses Schwimmen im Strom in einem Umfeld, in dem eigentlich alles unsicher zu sein scheint, so grandios funktioniert und man daher glaubt, sich wie in einem „sicheren Hafen“ zu bewegen, wird die Sache brenzlig.

Dann werden Entwicklungen provoziert, in der so viele in so kurzer Zeit das gleiche tun, dass wir in alle Richtungen überzogene Kurslevels beobachten … dieser vorstehende Chart dient als Beispiel. Zwei DAX-Werte, die sich binnen weniger Monate auf einmal dramatisch auseinander bewegen und Kurse erreichen, die nur gerechtfertigt wären, wenn Infineon auf einmal durch die KI wirklich Gold im Keller hat und zugleich SAP durch eben diese KI kaum noch eine Zukunft hätte. Rational betrachtet würde man sich sagen: Das kann und wird nicht gutgehen, diese Extrem-Kurse werden wieder eingefangen. Aber in einer Gemengelage wie dieser denken und handeln eben besonders wenige rational. Und so entsteht, wie so oft an der Börse, ein Kreislauf unter Ausschluss der Realität:
Vermeintliche Sicherheit macht leichtsinnig … der Strom wird zum Wildbach
Was funktioniert, wird nicht nur weiter durchgezogen, sondern intensiviert. Kapital, das anders investiert wurde, wird von diesem Strom angezogen, weil Trader sehen: Wer so vorgeht, verdient Geld, auf andere Weise funktioniert das derzeit einfach nicht. Dadurch werden die Trends noch extremer. Und je extremer es wird, desto größer blinkt die trügerische Leuchtreklame darüber auf: „Kommt hierher, hier liegt das Geld auf der Straße!“

Doch je schneller ein Strom fließt, desto riskanter wird er. Wer sich auskennt und wachsam bleibt, kommt auch klar, wenn aus dem zuerst zügig, aber kontrolliert werdenden Strom ein reißender Wildbach wird. Wer aber glaubt, dass es völlig ausreicht, wenn nur die Richtung stimmt, zerschellt früher oder später an irgendeiner Klippe. Wo und wann die auftaucht und was diese Klippe dann konkret sein wird: Das weiß niemand. Was die Sache für die Gruppe der Sorglosen indes nur riskanter macht. Denn wenn eine Gefahr nicht unmittelbar greifbar ist, wird sie normalerweise einfach ignoriert.
Aber auch, wenn man um die Risiken solcher exzessiven Trendimpulse weiß: Wie soll man das in den Griff bekommen, wenn man nicht weiß, wann genau dieser Krug, der ja, wie wir in den Charts sehen, schon verblüffend lange zum Brunnen geht, am Ende brechen wird?
Entscheidungen unter Ungewissheit? Für erfahrene Trader ist so etwas „Tagesgeschäft“
Für erfahrene Akteure ist das wie Rückwärtsfahren mit einem LKW mit Zweiachs-Anhänger: Nervig, knifflig … aber es gehört dazu. Und man gewöhnt sich dran. Empfehlenswert wäre es aber, die nötigen Fertigkeiten, die Geschicklichkeit und Routine zu erlernen, ohne dabei vorher mehrere Totalschäden zu verursachen (so wie ich einst, nur mal am Rande erwähnt). So lernt man es zwar auch, es kommt aber teurer. Vorschläge meinerseits wären:
Extremwerte im RSI-Indikator können grundsätzlich noch extremer werden. Aber wenn der Indikator, im folgenden Chart von AMD unten mit eingeblendet, mal Levels über 80 oder unten 20 erreicht, kann es nicht schaden, mit ersten Teilverkäufen von bestehenden Long-Positionen (>80) oder Short-Positionen (<20) zu beginnen.

Schauen Sie sich im Chartbild an, welche gleitende Durchschnittslinie die Trader führt. Weil hier auch viele stur technisch agierende Akteure und computergesteuerte Handelsprogramme mitmischen, sind solche Linien ziemlich taugliche Leitstrahlen. In normalen, dynamischen Trends ist meistens die 20-Tage-Linie wichtig, aber im Beispiel AMD sehen wird, dass die Trenddynamik so extrem war, dass es die 10-Tage-Linie war, die als Leitstrahl diente. Bricht die kurzfristigste der relevanten Linien, wäre wieder eine Verkleinerung der Position zu überlegen, danach geht es meist direkt um das nächsthöhere Zeitraster als Support – in diesem Beispiel also um die 20-Tage-Linie.
Und drehen Sie nicht zu früh die Richtung. Solange es keine klaren Signale gibt, dass die Bullen hier aufgeben, können sie jederzeit zurückkommen und voreilig eingegangene Short-Trades überrennen.
Aber „können zurückkommen“ ist nur eine Feststellung, die die Vorsicht gebietet, man sollte „können“ nicht einfach mit „werden“ gleichsetzen. Wenn der Strom reißend wird, ist es zwar verlockend, umgehend zuzukaufen, wenn es mal ein paar Tage wieder nach oben geht. Aber je extremer Trendimpulse werden, desto kleiner müssen Positionen werden. Viele Handelsprogramme agieren da extrem „dumm“, indem sie Buchgewinne sofort in noch mehr Positionen umsetzen, d.h. je steiler die Bewegung, je extremer sind sie investiert. Es ist zwar schon eine ziemliche Zeit her, aber wenn die Nachrichten melden, dass irgendein Hedgefonds auf einmal hinüber ist, dann oft genau deshalb.
Wenn alle scheinbar durchdrehen, ist die entscheidende Regel, die es zu beachten gilt: Tun Sie das Gegenteil. Nicht, indem Sie Short gehen, während alle anderen Long gehen, sondern indem Sie umso vorsichtiger mit Ihrem Trading-Kapital umgehen, je unvorsichtiger die Masse wird! Dann ist der Umstand, dass man heute nicht wissen kann, was morgen ist, zwar trotzdem noch nervig, aber für Ihr Depot keine existenzielle Gefahr. Und nur darauf kommt es an.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 25.05.2026 um 16:10 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
Sie möchten ein Depot für Ihre GmbH, AG oder UG eröffnen und Betriebsvermögen in Wertpapieren anlegen? Informieren Sie sich jetzt über unser Wertpapierdepot für Geschäftskunden: Mehr zum Firmendepot über LYNX








