Neue Rekorde bei S&P 500 und Nasdaq 100, der Dow Jones immerhin nahe dran: In dem aktuellen Umfeld wirft das Fragen auf. Wer kauft da? Warum glauben die Käufer, dass sie auf neuen Hochs kaufen und trotzdem mit Gewinnen rechnen können? Ein paar Gedanken dazu, warum das dramatisch schiefgehen kann … aber keineswegs muss.
Die US-Indizes scheinen ein Ende des Iran-Konflikts nebst wieder auf vorherige Levels fallende Ölpreise zu feiern, bevor es tatsächlich passiert. Das ist nicht neu, das haben wir auch bei Corona und Inflation erlebt. Aber wenn in Kürze alles wieder würde, wie es vorher war … warum sollten dann die Aktienmärkte höher laufen, als sie vorher standen? Und wenn nicht, wer kauft dann auf diesem jetzigen Niveau noch … und warum?

Angeblich soll der Aktienmarkt ja ein zuverlässiger Spiegel der wirtschaftlichen Lage und ihrer Perspektiven sein. Herrscht Wachstum bei niedriger Inflation und niedrigen Zinsen, liegt das sogenannte „Goldilocks“-Szenario vor, in dem alles für einen soliden Aufwärtstrend am Aktienmarkt passt. Den Aufwärtstrend sehen wir. Aber das Umfeld? Der vorstehende Chart zeigt, dass die Einkaufsmanager zwar derzeit in den USA leicht optimistisch sind. Aber erstens können sie schiefliegen. Zweitens bezieht sich das nicht zwingend auf die Gesamtwirtschaft. Drittens liegt der Einkaufsmanagerindex derzeit deutlich weniger weit über der 50-Punkte-Marke, die die Scheidemarke zwischen erwartetem Wachstum und Kontraktion darstellt, als in früheren Phasen.
Das kann doch nur schiefgehen … oder?
Trotzdem steigt der US-Aktienmarkt, in obigen Chart durch den marktbreiten S&P 500 repräsentiert. Und das tat er auch schon, als die Einkaufsmanager in den vergangenen drei Jahren mehrheitlich negativ gestimmt waren. Der frühere, auffallend zuverlässige und logisch unterfütterte Parallelflug des US-Aktienmarkts mit diesem wichtigen Indikator scheint dauerhaft ausgehebelt zu sein.
Und das ließe sich nicht damit begründen, dass die Einkaufsmanager nicht repräsentativ für die US-Gesamtwirtschaft wären: Die US-Konjunktur steht wirklich nicht gerade stabil da. Nach einem unerfreulich schwachen vierten Quartal 2025 rechnen die Experten kurz vor der Vorlage der ersten Schätzungen zum ersten Quartal 2026 mit einem erneut mageren Wachstum. Bezogen auf das Vorjahresquartal und damit in der Jahresrate schaffte es die US-Wirtschaft zum Jahresende 2025 nur auf +2,0 Prozent Wachstum. Wie der folgende Chart zeigt, ist das gerade mal durchschnittlich … während die US-Aktienindizes deutlich überdurchschnittlich stiegen. Eine Absurdität, die nur in eine dramatische Bauchlandung führen kann?

Logisch ist die Börse selten … und damit ist nie etwas unmöglich
Würde man die Sache mit Logik angehen, kann das eigentlich nur schiefgehen. Und das alleine aus der Überlegung heraus, dass, wenn sich der Iran-Krieg in Luft auflösen würde (was derzeit überraschen würde) und zugleich die Ölversorgung sofort wieder normal wäre (was wegen der beträchtlichen Zahl beschädigter Produktionsanlagen, Raffinerien und Logistikeinrichtungen noch mehr überraschen würde) ja eigentlich nur genau der Level der Aktienmärkte angemessen wäre, der unmittelbar vor Beginn des Konflikts Ende Februar erreicht wurde. Aber höher … warum?
Und wieso begann man schon Ende März zu kaufen, auf Basis von Versprechungen und Weissagungen aus dem Weißen Haus, die sich jetzt, Ende April, durch die Bank als heiße Luft erwiesen haben? Wieso tut man angesichts der stur weiter steigenden Kurse so, als wäre alles in Butter, obwohl jeder sehen könnte, der es wollte: Das Gegenteil ist der Fall?

Weil die Prämisse dafür, dass die Kurse sich in rationalen Bahnen bewegen, nicht erfüllt ist. Die Marktteilnehmer treffen Entscheidungen selten auf Basis der Logik, sondern emotional. Und wenn die Zahl derer, die aus welchen rationalen oder irrationalen Argumenten auch immer heraus kaufen, groß genug ist, steigen die Kurse nun einmal.
Was bedeutet, dass, wer strikt aufgrund eines „das müsste eigentlich ganz anders laufen“ dagegenhält, weil er/sie Argumente wie eine gegenüber dem Kurs-/Gewinn-Verhältnis (KGV) des Jahres 2024 niedrigere Bewertung des Dow Jones als absurd und zum Scheitern verurteilt einstuft, einfach überrannt wird. Denn ja, das ist genauso irrational wie bei einer abgestürzten Aktie als Kaufargument zu werten, dass sie vor Kurzem noch viel höher notierte, aber:

Was zählt, ist nicht, was ist. Was zählt ist, was die aktiven Trader glauben wollen
Es zählt eben nicht, was eigentlich sein müsste. Es zählt, was diejenigen motiviert, die genau in diesem Moment kaufen oder verkaufen. Und je unübersichtlicher die Lage und je unvorhersehbarer die Zukunft sind, desto weniger spielen Fakten eine Rolle, sondern der unmittelbare Augenblick.
Der Augenblick, in dem Anleger, die mehrheitlich kein allzu umfassendes (oder gar kein) Fachwissen und wenig Erfahrung mitbringen, das Gefühl haben, dass ihnen die Kurse davonlaufen und aus „FOMO“ (der Angst, etwas zu verpassen) dem Trend folgen und nicht auf Basis sachlicher Argumente.
Der Augenblick, in dem rein charttechnisch orientierte Trader zwar erkennen, dass die Leiter, auf der die Kurse nach oben klettern, morsche Sprossen hat, aber eben trotzdem konsequent einem intakten Aufwärtstrend folgen.
Der Augenblick, in dem erfahrene Fondsmanager und Verwalter von ETFs zwar die Haare zu Berge stehen mögen, weil die Kurse in absurd wirkende Höhen klettern … sie aber trotzdem kaufen müssen, weil diejenigen, die das nicht realisieren, ihnen Unmengen an frischem Geld vor die Tür karren, das nun einmal angelegt werden muss.
Alles kann … nichts muss
Sie sehen: Unter dem Strich hebeln Emotionen Fakten aus. Und die kennen kein rational basiertes „zu billig“ oder „zu teuer“. Emotionen wie Gier und Angst sind es, die die Aktienmärkte entscheidend prägen. Und die kennen keine Limits, daher sind diese neuen Hochs einiger US-Aktienindizes sicherlich mit höherem Risiko behaftet, als hätten wir ein dazu passendes Umfeld. Aber erst, wenn aus Gier durch unerwartet drastisch negative Entwicklungen wieder Angst würde, würde die Sache schiefgehen. Was immer passieren kann. Aber nie passieren muss.
Ein Grund mehr sich, sofern noch nicht geschehen, unbedingt zu überlegen, ob man nicht von einer stur beibehaltenen Marktmeinung und/oder einem „müsste aber“ zu konsequenter Trendfolge als Basis des eigenen Tradings übergehen sollte.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 25.04.2026 um 21:54 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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