Morgen in acht Wochen wird sich zeigen, was die US-Wähler von Donald Trumps ersten knapp zwei Jahren im Amt halten. Dieser Dienstag, der 3. November, könnte einiges verändern. Ob es so kommt und vor allem, was genau danach passieren wird, kann zwar niemand sicher vorhersagen. Doch am Aktienmarkt tendiert man ja bekanntlich nicht dazu, vor solchen Ereignissen die Füße still zu halten. Die Frage ist: Gibt es da eine Art wiederkehrende Struktur, die man als Trader nutzen könnte?
Der derzeitige US-Präsident hat vor der Wahl und auch im Amt viel versprochen, aber sehr wenig davon gehalten. Weder vermeiden die USA Kriege, noch ist die US-Industrie wieder stark. Die Inflation ist für die meisten US-Bürger eine täglich wiederkehrende Last, die Staatschulden steigen rasant, das Wirtschaftswachstum ist für US-Verhältnisse unterdurchschnittlich und das Handelsbilanzdefizit ist trotz der höheren Einfuhrzölle nicht verschwunden. Dafür ist das Ansehen der USA im Rest der Welt im Keller und internationale Investoren überlegen es sich mittlerweile zweimal, ob sie ihr Geld in den USA anlegen sollten.

Diese schwache Regierungsbilanz und die äußerst schlechten Umfragewerte bieten der Opposition die Chance, die Mehrheit in den beiden Kammern des US-Kongresses zu erobern. Für das Repräsentantenhaus, das am 3.11. komplett neu gewählt wird, stehen die Chancen gut, im Senat ist die Sache weniger klar, aber möglich, fünf bisher republikanische Sitze stehen momentan auf der Kippe. Wenn man in dieser Gemengelage über den Aktienmarkt nachdenkt, könnte man im ersten Moment dazu neigen, für die kommenden Wochen steigende Kurse zu sehen, weil viele Anleger in der Erwartung vorkaufen könnten, dass die Ausgangslage nach der Wahl besser wird, weil ein demokratisch dominierter US-Kongress dem Präsidenten Daumenschrauben anlegt. Aber so einfach ist das nicht.
Für die Phasen vor Wahlen gilt immer: „Es kommt darauf an“
Diesen Beitrag begleiten fünf Charts, die abbilden, was sich beim marktbreiten US-Index S&P 500 jeweils ca. zwei Monate vor und im Monat nach einer US-Zwischenwahl getan hat. Und diese Charts der „Midterm Elections“ 2006, 2010, 2014, 2018 und 2022 machen schon klar: Ein „Schema F“, nach dem man zu Beginn der heißen Phase vor einer Wahl eine Position eingehen könnte, weil sich unter dem Strich immer dasselbe abspielt, gibt es nicht.

Und das kann auch nicht überraschen. Denn es kommt auf mehrere Faktoren an, ob man einer solchen Wahl mit Vorfreude oder mit Sorge entgegensieht.
Zunächst einmal ist immer die Frage: Wo kommen wir her, wie ist die Lage aktuell? Und da dürfte die Sichtweise der breiten Bevölkerung und die des Aktienmarkts im aktuellen Fall nicht dieselbe sein. Denn ja, die Gesamtwirtschaft läuft nicht, wie sie könnte, und viele Konsumenten erleben schwierige Zeiten. Woran Donald Trump bzw. die republikanische Partei einen nennenswerten Anteil haben. Aber der Aktienmarkt erreicht ein Rekordhoch nach dem anderen. Zwar vor allem wegen des KI-Booms. Aber dass es den gibt, auch daran haben Trump und seine Partei eben ihren Anteil. Würden demokratische Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus die Regulierung verschärfen und daher die Hausse der derzeit im Hype befindlichen Aktien ausbremsen – oder nicht? Tendenziell eher ja, so gesehen mag ein Teil der Anleger einem Machtwechsel im Kongress womöglich gar nicht mal so positiv gegenüberstehen.
Tendenzen sind bei US-Wahlen keine tauglichen Wegweiser
Ein weiteres „es kommt darauf an“ betrifft den Wahlausgang an sich. Denn aufgrund des Mehrheitswahlsystems ist es schwieriger abzuschätzen, wie sich die Mehrheitsverhältnisse nach dieser Zwischenwahl, in der das komplette Repräsentantenhaus, ein Drittel der Senatssitze, aber nicht der Präsident selbst zur Wahl steht, wirklich darstellen werden. Außerdem ist die Frage: Werden beide Kammern des Kongresses an die Demokraten gehen, sodass der Präsident zur „Lame Duck“ wird, weil er nichts mehr einfach so durch den Kongress bringen kann … oder bleibt der Senat republikanisch, während das Repräsentantenhaus demokratisch wird, sodass der Kongress die „Lame Duck“ im Spiel wird?

Dass Donald Trump derzeit miserable Umfragewerte hat, bietet dahingehend keine taugliche Wegweisung. Denn es kommt darauf an, wo die Wähler sitzen, die ihm die Treue halten. Es kommt darauf an, wie die Wähler die einzelnen republikanischen Kandidaten unabhängig von der Person Trump beurteilen. Die Zwischenwahlen sind, weil der Präsident selbst nicht zur Wahl steht, deutlich mehr „Personenwahlen“ in Bezug auf die Kandidaten als bei den Hauptwahlen. Daher sind Umfragewerte, bei denen die Befragten aus allen Ecken der USA stammen, nicht viel wert, wenn man vorhersagen wollte, wie die Wahl am Ende wirklich ausgeht.
Donald Trump ist für die Anleger Unsicherheitsfaktor Nr. 1 … nach der Wahl womöglich erst recht.
Und in diesem Fall gibt es noch ein weiteres „es kommt darauf an“. Eines, das aus dem Wahlergebnis einen großen Sieg für die US-Wirtschaft insgesamt machen könnte … oder das Gegenteil. Denn angenommen, die Demokraten würden es schaffen, beide Kongresskammern zu erobern: Was würde der US-Präsident dann tun? Würde er ein solches Wahlergebnis überhaupt hinnehmen? Es wäre überraschend. Und was würde er tun, wenn er es nicht akzeptiert? Auch das ist offen. Und für die Trader damit ein komplett unkalkulierbares Risiko.

Er könnte das Parlament einfach noch mehr umgehen als jetzt und noch intensiver mit sogenannten „Executive Orders“ agieren. Denn die kann der Kongress nicht einfach widerrufen, es ist aufwändig, solche Anweisungen, die ja die Trump unterstellten Regierungsbereiche betreffen, zu egalisieren. Und käme es so, wäre das Umfeld nicht nur trotz, sondern gerade wegen eines demokratischen Siegs in den Midterm Elections möglicherweise ein negatives … für die US-Wirtschaft, aber am Ende der Kette auch für die US-Aktienmärkte. Was bedeutet:
Der 3. November könnte zur Wundertüte werden … und genau so sollte man als Anleger damit umgehen
Es ist zwar denkbar, dass sich im Vorfeld dieser Zwischenwahlen in acht Wochen ein Trend durchsetzt, der entweder Hoffnung oder Sorge Ausdruck verleiht. Aber in dieser Konstellation würde das höchstwahrscheinlich eine deutlich instabilere Angelegenheit als in den fünf hier in den Charts abgebildeten „Midterms“ zuvor. Vor allem unmittelbar vor und in den ein, zwei Wochen nach dem Wahltag scheint vieles möglich. Daher ließe sich als Fazit ziehen:

Es gibt nicht nur kein verlässliches Schema für das Verhalten der US-Aktienmärkte im Vorfeld von Zwischenwahlen. Diese Wahl und ihre Folgen sind darüber hinaus noch weniger berechenbar als üblich, daher sollte man diese kommenden Wochen mit besonderer Vorsicht angehen, statt eine persönliche Erwartung stur „durchzuhandeln“ … denn das könnte teuer kommen!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 06.09.2026 um 21:34 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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