Die Geschichte wiederholt sich nicht. Dazu gibt es immer zu viele Aspekte, die dann doch anders sind als in einer früheren Phase, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als würde sich ein Szenario tatsächlich 1:1 wiederholen. Das gilt auch für die aktuelle Situation im Bereich KI und Halbleiter. Sie weist Ähnlichkeiten zu den Monaten vor dem „Dotcom-Crash“ im Jahr 2000 auf, aber es ist auch vieles anders. Ein Vergleich von damals zu heute.
Die Kurse von Aktien einiger weniger Branchen steigen stark, große Bereiche des Aktienmarkts hingegen laufen schlecht. Auch weil man sie als aktuell wenig erfolgversprechend einstuft und die „Hype“-Aktien Kapital binden, das dann in anderen Bereichen fehlt. Damals, vor dem Platzen der Internetblase ab März 2000, nannte man das „New Economy“ und „Old Economy“ … und viele waren davon überzeugt, dass eine völlig neue Zeit anbrechen werde, in der nur die Internet- und Biotech-Unternehmen wirklich großes Wachstum generieren würden. Heute denken einige das von allem, was mit KI zusammenhängt.
Wer damals, vor gut einem Vierteljahrhundert, bereits am Aktienmarkt aktiv war, dürfte diese Ähnlichkeiten erkennen und womöglich beunruhigt sein. Nicht zuletzt, weil die gut 26 Jahre seit dem Beginn der Baisse 2000 – 2003 eine ausreichend lange Zeit sind, um das Geschehen damals und die Umstände, die dazu führten, in Vergessenheit geraten zu lassen. Was der ideale Nährboden wäre, um eine neue Generation von Anlegern in eine selbst gegrabene Grube fallen zu lassen. Aber gibt es heute denn wirklich so viele Parallelen zur damaligen Phase, um vermuten zu dürfen, dass die Sache genauso endet wie damals?
Ist die Frage, ob die Gewinne schon da sind oder erst noch kommen müssten, entscheidend?
Ein Argument, mit dem einige diese Sorgen vom Tisch wischen wollen, ist, dass die Unternehmen, die zuletzt massiv gestiegen sind und jetzt hochvolatil auf und ab springen, ja bereits das Geld verdienen, weswegen man diese Aktien kauft, während man damals auf Gewinne durch das Internet spekulierte, die nur in Ansätzen oder gar nicht existierten. Das klingt beruhigend, aber so einfach ist es in meinen Augen nicht.
Denn ja, das trifft auf viele der Halbleiter-Aktien zu. Aber diejenigen Konzerne, die ihnen die Auftragsbücher füllen und dies mit großenteils geliehenem Geld tun, die müssten mit dem, was sie an KI entwickeln und dafür immer mehr Rechenzentren, immer mehr Entwicklungsaufwand und immer mehr leistungsstarke Chips benötigen, erst einmal wirklich Geld verdienen. So gesehen würde ich da zwischen denen, die wirklich gerade deutliche Umsatz- und Margensteigerungen sehen, und denen, die die KI bei den Verbrauchern in Umsatz verwandeln wollen und müssen, unterscheiden. Bei Ersteren geht es um die Frage, wie lange der Segen anhält, bei Letzteren um die Frage, ob er überhaupt kommt.

Aber eigentlich sehe ich in diesem Aspekt das kleinere Risiko. Zumindest auf kurzfristiger Ebene. Denn was da am Ende wirklich an Umsatz und Gewinn in Sachen KI herauskommt, wird sich weder in ein paar Wochen noch Monaten erkennen lassen. Das sieht man in zwei, drei oder sogar mehr Jahren. Bis dahin werden Hoffnungen und Zweifel die Hände der Trader führen, also warum über ungelegte Eier gackern? Ein anderer Aspekt ist meiner Meinung nach entscheidender: die Art und Weise, wie sich die Kurse bewegen.
2000 war es nicht das Thema Internet, das scheiterte, sondern die Spekulation der Trader
Denn es lag damals ja nicht an der Sache selbst, dass die Kurse im Tech-Sektor abdrehten, in den Sinkflug übergingen und auf einmal die geschmähten „Old Economy“-Aktien reumütig wieder eingesammelt wurden … was übrigens grundsätzlich auch heute denkbar wäre, das ist aber ein anderes Thema. Dieser damalige, massive Abwärtsschub entstand meiner Ansicht nach dadurch, dass immer mehr Marktteilnehmer immer emotionaler agierten, sprich es war ein Kontrollverlust zu vieler Anleger, der das Debakel auslöste. Von blinder Euphorie zu blinder Panik ist es eben nur ein kleiner Schritt. Und da stellt sich mir die Frage: Agiert man heute genauso blind emotional wie damals?
Man könnte behaupten: Ja, schließlich ändern sich die Menschen von ihren Verhaltensweisen her nie. Aber, so ließe sich einwenden: Den großen Knall hatten wir ja schon, als die Halbleiter-Aktien im Juni und Juli teilweise dramatisch einbrachen. Der Crash könnte also durch sein, die wildesten Zocker über Bord gegangen … und die Sache geht erst einmal wieder einen kontrollierten Weg. So könnte man denken. Aber ist das auch so?

Die Kursausschläge werden immer stärker … scheinbar
Wenn man sich Aktien ansieht, die Teil dieses KI-/Halbleiter-Booms sind, hätte man keineswegs den Eindruck, dass hier irgendetwas kontrolliert läuft. Die hier als Beispiel ausgewählte Aktie des US-Speicher-Spezialisten SanDisk hatte ihren Kurs zwar im Zuge des „Sommer-Crashs“ mehr als halbiert, weist aber weiterhin sehr oft prozentual zweistellige Tagesveränderungen auf. Da kann von einer wieder eingekehrten Normalität keine Rede sein … oder?

Es wirkt zwar so, aber das relativiert sich, wenn man den Kursverlauf so darstellt, dass prozentuale Kursveränderungen immer gleich groß gezeigt werden, sprich wenn man die linear am Kurs orientierte Skalierung durch eine logarithmische ersetzt. Dann sehen wir: Ja, bei der SanDisk-Aktie ist die Volatilität sehr hoch, was verdeutlicht, wie stark hier spekuliert wird. Und ja, das erhöht das Risiko für alle, die in Aktien wie diesen aktiv sind. Aber dieser folgende, logarithmische Chart macht deutlich: Das ist nicht erst seit einigen Wochen so, die Trenddynamik war 2025 sogar noch deutlich höher. Aber etwas anderes ist eine hochgezogene Augenbraue wert:

Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass seit Juni, kurz vor dem Beginn der massiven Korrektur, immer öfter große Kurslücken zum Handelsstart auftauchen – in beide Richtungen. Das deutet darauf hin, dass die Marktteilnehmer sukzessiv emotionaler agieren … alles rein oder alles raus, sofort zum Handelsstart, und das auffallend oft: So etwas gab es auch im Jahr 2000.
Wichtig ist weniger, warum etwas passiert, sondern wie es passiert
Und nicht nur das wachsende Auftreten großer Kurslücken ist ein Aspekt, den man beobachten muss. Der zweite ist: Das Trading wirkt momentan unkoordinierter als noch im Frühjahr … und so etwas gab es auch in den ersten Monaten des Jahres 2000. Vor allem die US-Halbleiteraktien steigen und fallen nicht mehr in ihrer Gesamtheit. Einige kippen weg, andere steigen zeitgleich rasant, dazwischen bekommen immer wieder die zuvor monatelang massiv verkauften Software-Aktien ihren Auftritt. Es wirkt, als würde das spekulative Kapital immer hektischer hin und her springen. Und das ist es, was die Risiken derzeit erhöhen dürfte.

Fazit: Das Jahr 2000 ist keine Blaupause … aber dennoch etwas, an das man sich erinnern sollte, weil der Kontrollverlust zu vieler Trader, diese zunehmende Hektik und Emotionalität, die in den Kursbewegungen durchscheint, genau die Mixtur ist, die zu abrupten, starken Bewegungen führen kann. Nach oben, aber eben auch nach unten. Es ist weniger entscheidend, warum die Kurse etwas tun und wie die Rahmenbedingungen aussehen, sondern wie sich die Kurse an sich verhalten. Das jetzt engmaschig im Auge zu behalten, wäre aus meiner Sicht ratsam.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 03.10.2026 um 15:29 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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