Netflix hat die Erwartungen im Schlussquartal knapp übertroffen, der Ausblick ist jedoch nicht überzeugend. Wankt der Streaming-Riese?
Mega-Übernahme mit Fragezeichen
Zuletzt hatte ich die geplante Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Netflix im Detail beleuchtet. Eine ausführliche Analyse zum Thema finden Sie hier:
Mega-Übernahme, Mega-Fragen? So riskant könnte die Strategie von Netflix wirklich sein
Zwischenfazit:
Operativ steht Netflix solide da, doch der geplante Zukauf für rund 83 Milliarden Dollar birgt hohe Risiken und einen unklaren Mehrwert für Aktionäre. Zwar ist die Strategie nachvollziehbar, weil der Streaming-Markt überfüllt ist und Warner starke Marken wie HBO und DC einbringt – doch Netflix verfügt bereits über eine riesige Menge an Inhalten.
Mehr Inhalte bedeuten nicht automatisch mehr Wert, zumal Warner selbst seine Inhalte zuletzt schlecht monetarisieren konnte. Entscheidend ist, ob Netflix tatsächlich bessere Vermarktungs- und Preismodelle durchsetzen kann.
Hinzu kommen Integrationsrisiken. Die Unternehmenskultur könnte kaum unterschiedlicher sein. Netflix ist datengetrieben, zentralisiert und stark auf Effizienz fokussiert. Warner Bros. Discovery ist historisch gewachsen, fragmentiert und stark von Einzelentscheidungen geprägt.
Mehr Content ≠ mehr Wert
Dass große Fusionen scheitern können, hat Warner nach der eigenen Fusion mit Discovery selbst bewiesen. Parallel dazu steht ein attraktiveres Barangebot von Paramount Skydance im Raum, das Warner-Aktionären mehr Geld bringen würde und intern offenbar weiterhin diskutiert wird.
Aus meiner Sicht wäre es für Netflix-Aktionäre besser, wenn sich Paramount und Warner zusammenschließen.
Dadurch könnte die Fragmentierung des Streaming-Marktes abnehmen und die Zahl der Anbieter sinken, jedoch ohne dass Netflix hohe finanzielle und operative Risiken eingeht.
Netflix wäre auch ohne eine Übernahme von Warner Bros. Discovery stark genug, um mit seinem globalen Content-Angebot und über 300 Millionen Abonnenten bedeutend zu bleiben.
Netflix überzeugt operativ, aber …
Gestern hat Netflix nachbörslich Quartalszahlen vorgelegt und im Earnings Call wurden einige interessante Aussagen getätigt.
Der Gewinn lag mit 0,56 USD je Aktie knapp über den Erwartungen von 0,55 USD. Mit einem Umsatz von 12,05 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 12,00 Mrd. USD ebenfalls leicht übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 17,6 % und einem Gewinnsprung um 30,2 %.
Wichtiger als diese marginalen Abweichungen sind die Jahreswerte und die Entwicklung der Profitabilität. Die operative Marge sprang auf 24,5 % und lag damit deutlich über dem Vorjahreswert von 16,9 %.
Das bestätigt auch der Blick auf den freien Cashflow, der auf Jahressicht von 1,38 auf 1,87 Mrd. USD gesteigert werden konnte, ein Plus von 36 %.
Darüber hinaus wird das Wachstum von allen Regionen getragen. In den USA und Kanada legten die Umsätze währungsbereinigt um 18 % zu. Europa, Naher Osten und Afrika kamen auf 15 %, Lateinamerika auf 20 % und der asiatisch-pazifische Raum auf 19 %.
Damit hat sich das Bild aus der letzten Analyse bestätigt. Die operative Entwicklung ist solide. Zuletzt hat sich die Wachstumsdynamik sogar verbessert.
Für mich bestätigt sich damit aber auch eine andere Einschätzung: Netflix braucht Warner nicht.
Nichts ist umsonst
Die ersten Kosten für die geplante Übernahme werden bereits sichtbar: Aktienrückkäufe werden vorerst pausiert, um Mittel für die geplante Übernahme von Warner Bros und HBO bereitzuhalten.
Dem Vorstand zufolge handelt es sich bei der Übernahme um einen strategischen Beschleuniger („strategic accelerant“), nicht um einen Richtungswechsel. Nach dem Zukauf werden weiterhin 85 % der Umsätze aus dem Kerngeschäft stammen.
Diese Argumentationslinie zeigt, dass sich der Vorstand in der Defensive befindet. Darüber hinaus frage ich mich, wie der Vorstand zu diesen Zahlen kommt. Warner erzielt in etwa einen Jahresumsatz von 37,9 Mrd. USD und Netflix 45,2 Mrd. USD.
Die Realität ist, dass sich Netflix eine Tochtergesellschaft einkauft, die nach Umsatz fast so groß wie man selbst ist – und nach der Zahl der Mitarbeiter mehr als doppelt so groß. Netflix hat derzeit rund 14.000 Mitarbeiter und Warner Bros. Discovery etwa 35.000.
Der Ausblick auf das erste Quartal 2026 fiel etwas verhaltener aus, als es der Markt erwartet hatte. Der Gewinn je Aktie soll bei 0,76 US-Dollar liegen, der Umsatz bei 12,16 Milliarden US-Dollar. Auch die operative Marge von 32,1 % liegt leicht unter dem Konsens.
Auf Jahressicht entspräche das einem Umsatzplus von 15,3 % und einem Gewinnsprung um 15,1 %.
Das hat den Kurssturz ausgelöst
Der „schwache“ Ausblick für das erste Quartal wird in den meisten Börsenmedien als Hauptgrund für den Abverkauf genannt.
Das Management verweist jedoch darauf, dass gezielt höhere Investitionen getätigt werden.
Noch spannender ist der erste Ausblick auf das Gesamtjahr 2026. Netflix rechnet mit einem Umsatz zwischen 50,7 und 51,7 Mrd. USD, was einem Wachstum von rund 14 % entspricht. Die operative Marge soll bei etwa 31,5 Prozent liegen, wobei darin ein negativer Effekt von rund 0,5 Prozentpunkten durch M&A-Kosten enthalten ist. Der freie Cashflow soll sich auf etwa 11 Mrd. USD belaufen, trotz zusätzlicher akquisitionsbedingter Ausgaben von rund 275 Mio. USD.
Netflix kommt demnach auf einen forward P/FCF von 34,5. Die forward P/E liegt bei 25,6.
In Anbetracht der anhaltend hohen Wachstumsraten wäre das ohne das Störfeuer durch Warner vertretbar. In den letzten fünf Jahren lag die P/E durchschnittlich bei 44 und am absoluten Tief bei etwa 17.
Ein zentraler Treiber für die nächste Wachstumsphase ist das Werbegeschäft. Netflix erwartet, dass sich die Werbeerlöse 2026 erneut auf rund 3 Milliarden US-Dollar verdoppeln, nachdem sie 2025 bereits um den Faktor 2,5 gewachsen sind.

Netflix ist vorbörslich auf 82,84 USD gefallen und damit direkt an das untere Ende der Unterstützungszone bei 82 – 87 USD gesprungen.
An dieser Stelle steht jetzt eine Richtungsentscheidung bevor.
Fällt Netflix nachhaltig unter 82 USD, könnte mit weiteren Kursverlusten in Richtung 77 oder möglicherweise sogar 70 USD gerechnet werden.
Solange das jedoch nicht geschieht, sind die Bullen noch im Rennen. Gelingt ein Anstieg über 87 USD, würde sich die Lage vorerst wieder entspannen.
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