Viele Anleger suchen an der Börse nach der nächsten großen Innovation. Doch das Geld wird oft damit verdient, die besten Ideen zu skalieren.
Wenn langweilige Aktien plötzlich spannend werden
Früher hatte ich in Analysen zu Google gerne darauf verwiesen, dass man für ein Investment in Alphabet sicherlich keinen Preis für Kreativität bekommt. Doch über Jahre hinweg war die Aktie erstaunlich niedrig bewertet. Meistens pendelte das KGV um einen Wert von 20 bis 25.
Das war so lange der Fall, bis sich das Narrativ an der Börse geändert hat, Alphabet zum KI-Gewinner erklärt wurde und der Kurs kurzerhand von 150 auf 300 US-Dollar gestiegen ist.
Microsoft gehört ebenfalls zu dieser Riege von Unternehmen. Für ein Investment bekommt man keinen Preis für Kreativität und als Autor kann man wenig erzählen, was nicht ohnehin bekannt wäre. Doch an der Börse ist Kreativität selten der entscheidende Faktor. Das große Geld wird meist mit langweiligen Unternehmen verdient, die jeder kennt.
Jeder kannte Alphabet schon vor 10 oder 15 Jahren. Jeder kannte PepsiCo oder Lindt & Sprüngli schon Jahrzehnte zuvor. Mit all diesen Aktien ließ sich über lange Zeit eine solide Rendite erzielen. Besonders dann, wenn man sie nach größeren Korrekturen gekauft hat.

Genau das ist aktuell bei Microsoft der Fall. Durch den jüngsten Rücksetzer ist die P/E auf 25 gesunken. Sollte der Gewinn im kommenden Geschäftsjahr, das bereits im Juli beginnt, wie erwartet um 15 % auf 19 USD je Aktie steigen, würde die P/E dadurch auf 20,8 sinken.
Im Verhältnis zu den vorliegenden Wachstumsraten und den Charakteristiken des Geschäfts scheint das vertretbar zu sein.
Langfristig pendelt die P/E von Microsoft um einen Wert von 29. In den letzten fünf Jahren lag die P/E im Durchschnitt sogar bei 35.
Was macht Microsoft eigentlich nicht?
Das Geschäftsmodell von Microsoft basiert vor allem auf dem Verkauf von Software, Cloud-Diensten und digitalen Plattformen. Ein großer Teil der Einnahmen kommt aus Abonnements wie Microsoft 365, bei denen Privatpersonen und Unternehmen regelmäßig für Programme wie Word, Excel und Outlook bezahlen.
Sehr wichtig ist auch die Cloud-Plattform Microsoft Azure, über die Unternehmen Rechenleistung, Speicher und KI-Dienste mieten.
Zusätzlich verdient Microsoft Geld mit dem Betriebssystem Microsoft Windows, das auf vielen PCs installiert ist, oft über Lizenzgebühren von Geräteherstellern.
Ein weiterer Bereich ist Gaming mit der Konsole Xbox und dem Abo-Dienst Xbox Game Pass.
Außerdem betreibt Microsoft die Business-Plattform LinkedIn sowie Werbung über die Suchmaschine Bing. Insgesamt kombiniert Microsoft also Softwareverkäufe, Abonnements, Cloud-Services und Plattformgeschäfte, um langfristige Einnahmen zu erzielen.
Warum Innovation überschätzt wird
Wir haben bereits gesehen, dass Kreativität an der Börse überschätzt wird. In der Wirtschaft wird Innovation überschätzt.
Neue Ideen sind wertvoll, doch das große Geld entsteht meist erst bei der Skalierung. Wer eine gute Idee weltweit vertreibt, verdient oft mehr als derjenige, der sie ursprünglich hatte. Unternehmen kopieren bestehende Modelle, verbessern sie und vermeiden die Fehler der Pioniere. Kaum ein Konzern beherrscht dieses Prinzip so konsequent wie Microsoft.
Der Grundstein des Unternehmens ist Nachahmung. Microsoft hat viele der Technologien, mit denen es heute Milliarden verdient, nicht selbst erfunden. Der Konzern versteht jedoch, wie kaum ein anderer, erfolgreiche Ideen früh zu erkennen und dann mit enormer Vertriebskraft zu skalieren.
Das begann bereits mit dem ersten großen Produkt. Anfang der 1980er Jahre suchte IBM ein Betriebssystem für seine neue Personal-Computer-Serie, den IBM PC. Microsoft lieferte die Lösung. Allerdings entwickelte das Unternehmen das System nicht selbst. Es kaufte ein bestehendes Betriebssystem von Seattle Computer Products, passte es an und brachte es als MS-DOS auf den Markt. Dieser Deal machte Microsoft zum Standardanbieter für PC-Betriebssysteme weltweit.
Der König der Nachahmer
Auch das spätere Flaggschiffprodukt Microsoft Windows war keine echte Neuerfindung. Die grafische Benutzeroberfläche war zuvor bereits bei Xerox und später bei Apple entwickelt worden.
Dasselbe Muster wiederholte sich in vielen anderen Bereichen. Microsoft erfand weder Textverarbeitung noch Tabellenkalkulation. Mit Microsoft Word und Microsoft Excel entstand jedoch ein Softwarepaket, das den Markt dominieren sollte. Die Bürosoftware Microsoft Office verdrängte frühere Marktführer wie Lotus 1-2-3 und WordPerfect. Heute ist Office – inzwischen als Cloud-Version Microsoft 365 – der Standard in Unternehmen weltweit.
Auch im Internetzeitalter folgte Microsoft diesem Muster. Der Browser Internet Explorer entstand als Antwort auf Netscape Navigator. Die Kollaborationsplattform Microsoft Teams folgte auf Slack. Und die Cloud-Plattform Microsoft Azure entstand als strategische Antwort auf Amazon Web Services von Amazon.
In anderen Fällen kaufte Microsoft erfolgreiche Plattformen einfach direkt. Das Karrierenetzwerk LinkedIn stärkte die Position im Unternehmensumfeld. Die Entwicklerplattform GitHub verschaffte dem Konzern direkten Zugang zur globalen Entwicklergemeinschaft.
Das macht Microsoft so besonders
Der entscheidende Punkt ist nicht die ursprüngliche Idee. Entscheidend ist die Fähigkeit, erfolgreiche Modelle zu erkennen, sie mit Kapital zu skalieren und tief in ein eigenes Ökosystem einzubetten. Genau das gelingt Microsoft seit Jahrzehnten.
Und das ist im Kern auch der Grund, warum Microsoft es seit Jahrzehnten schafft, an der Weltspitze zu bleiben.
Das Unternehmen ist dazu in der Lage, immer wieder neue Geschäftsbereiche zu erschließen und sie dann massiv zu skalieren.
Vor zehn Jahren spielte die Cloud kaum eine Rolle, doch inzwischen ist sie die wichtigste Säule und der größte Wachstumstreiber im Konzern.
Microsoft Azure gehört heute neben Amazon Web Services und Google Cloud zu den drei dominierenden Cloud-Infrastrukturanbietern der Welt.
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