Mr. Trumps Umfragewerte haben ein neues Tief erreicht. Der Durchschnittspreis für eine Gallone Superbenzin liegt jetzt so hoch wie in der Anfangsphase des Angriffs auf die Ukraine. In Sachen Kriegsende mit dem Iran geht unverändert nichts voran. Die Erwartungskomponente des seit 1970 von der Universität von Michigan ermittelten Verbrauchervertrauens erreichte ein Allzeittief. Und der US-Aktienmarkt? Der haussiert. Was geht in den Köpfen derer, die immer weiter kaufen, vor?
Der technologielastige Nasdaq 100 ist seit Ende März von grob 23.000 auf über 29.000 Punkte nach oben geschossen. Mehr als 25 Prozent also. Und das, nachdem man im vorherigen Rekordhoch gut 26.000 erreicht hatte und dort dann auf der Stelle trat, bis der Iran-Krieg zu einer Verkaufswelle führte. Dieser Krieg, der immer noch da ist. Und die massiv höheren Ölpreise auch. Trotzdem läuft dieser Index so rasant aufwärts wie selten zuvor. Und gezogen wird er von nur ganz wenigen Aktien, die nahezu ausnahmslos zu denen gehören, die im Halbleiterbereich vom KI-Boom profitieren (oder bei denen man das unterstellt). Wobei man vielleicht nicht übersehen sollte, dass die Hausse dieser Aktien vor Beginn des Iran-Kriegs ausgereizt wirkte, weswegen der Nasdaq 100 ja auch monatelang seitwärts lief. Was geht da vor?

„Magische Chartmarken“ sind wie Katzengold: verlockend, aber wertlos
Wenn man sich ansieht, wie stramm der Index auf die „magische Marke“ von 30.000 zuläuft, während der Dow Jones kurz davorsteht, die 50.000 zurückzuerobern, die er im Februar kurz überboten hatte und der S&P 500-Index auf die 7.500er-Marke zuläuft, kommt einem erfahrenen Investor sofort in den Sinn: Das ist mal wieder der „Wettlauf der Leichtfertigen“. Die Kaufwelle derer, die allen Ernstes eigenes Geld in den Markt stopfen, weil sie sicher sind, dass jetzt diese so „magisch“ wirkenden, runden Marken erreicht werden. Ohne sich zu fragen, wie extrem der Markt dadurch überbewertet sein würde. Und vor allem, ohne darüber nachzudenken, was denn passieren würde, wenn viele aus dem gleichen Grund kaufen und die Marken dann erreicht werden. Klar, die simple Antwort hieße: Dann gehen wir im Nasdaq 100 einfach die 40.000 an. Oder gleich die 50.000, wenn wir schon mal dran sind. Was diese „Jäger der runden Marke“ vergessen, ist:

Nicht alle sind solche Simpel (pardon, ich sollte wohl schreiben: denken so simpel). Da gibt es genug, die sich diesen Budenzauber gelassen und, weil vernünftigerweise dem Trend folgend, erfreut anschauen und nahe der 30.000 im Nasdaq 100 oder der 7.500 im S&P 500 die Hand von der Kaffeetasse nehmen und in Richtung Exit-Taste bewegen. Und diese Klientel, die besonnenen, fachkundigen und erfahrenen Akteure, denken auch mal einen Schritt weiter und sehen: Wenn viele so denken wie ich, dann kann es gut sein, dass dieser Nasdaq 100 eben nicht bei 30.000,01 Punkten abdreht, sondern die Abgaben womöglich schon 100, 200 oder sogar 500 Punkte darunter einsetzen, so wie es beispielsweise auch 2020 vor der 10.000er-Marke der Fall war (siehe der Wochenchart des Nasdaq 100 unten). Und wie war das nochmal? Wer als erster aussteigt, bekommt in solchen Fällen oft noch die besten Kurse. Nicht, dass das passieren müsste. Aber es wäre nicht gerade unklug einzukalkulieren, dass es passieren kann.
Je schlimmer die Lage, desto mehr Akteure sind überfordert … und ignorieren sie
Aber wie ist es möglich, dass offenbar so viele Marktteilnehmer die Brisanz des Börsenumfelds ignorieren? Dieses Umfeld ist so kritisch, die Perspektiven so unerfreulich und die Bewertung des Aktienmarkts insgesamt derzeit dermaßen teuer, dass Alternativen wie „das Geld muss ja irgendwo hin“ nicht ziehen. Zumal so etwas gerne bei niedrigen Anleihezinsen angebracht wird, die indes derzeit gar nicht niedrig sind.
Aber die Börsenpsychologie kennt dieses Phänomen. Wenn die Risiken eine Größenordnung erreichen, die viele nicht mehr erfassen und konkret bewerten können, schalten sie innerlich einfach auf „Sommer“ um, ignorieren diese Aspekte und fokussieren sich auf scheinbar Positives wie die Dynamik der laufenden US-Hausse und diesen Gipfelsturm an runde Marken, von denen kaum jemand noch vor zwei Monaten geglaubt hätte, dass sie in absehbarer Zeit erreichbar sein können.

Erleichtert wird das dadurch, dass man ja gerade sieht, dass es funktioniert. Und ob das deswegen so ist, weil viele konsequent trendfolgend agierende Trader und Handelsprogramme mitziehen und die „Herde“ aus sich selbst heraus läuft, weil dort alle denken, dass die anderen bestimmt wissen, was sie da tun und deswegen nichts passieren kann, hinterfragt man da eher nicht. Aber wie eingangs geschrieben:
Diejenigen, die das durchschauen und wissen, dass diese Hausse gerade eine Leiter ohne Sprossen zu erklimmen versucht, sind ja bei solchen Kaufwellen „unsichtbar“. Sie tauchen erst auf, wenn sie den Eindruck bekommen, dass der Stampede der Bullen die Kraft ausgeht. Und das, was so mancher als Etappe zu Höherem ansehen will, nämlich diese runden Marken, kann da zum Schlüsselbereich werden. Was übrigens keineswegs neu ist, wie man sehen kann, wenn man sich einmal in der Börsenhistorie umtut.

Die Jagd nach „runden Marken“ ist nicht neu
Nicht nur 2020 an der 10.000er-Marke und 2024 bei 20.000 kam es zu solchen Jagden um „magische Marken“. Ich empfehle, nicht zu ersten Mal, die Lektüre des Buches „Das Spiel der Spiele“ über das Leben der Börsenlegende Jesse Livermore, verfasst von Edwin Lefèvre. Das Buch erschien erstmals 1923 … und ist heute so aktuell wie damals. Denn das Umfeld und die technologischen Möglichkeiten mögen sich ändern, aber das, was die Kurse „macht“, hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert: Der Mensch und seine Neigung, sich eigene, den eigenen Hoffnungen und Wünschen entsprechende Versionen der Realität zu erschaffen.
Schon damals beschrieb Jesse Livermore die auffallende Bedeutung von runden Marken, damals noch ausschließlich bei Aktien, denn da geht es um die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ein erstmaliger Anstieg einer Aktie über 100, 200 oder 300 US-Dollar sollte auch damals beschleunigende Wirkung haben, ob sie nun schon zu teuer war oder nicht. Aber diese Geschichten zeigen auch: Das funktionierte oft, aber keineswegs immer … und dagegen gefeit, nach den Käufern derjenigen, die an die „Treibsatzwirkung“ der runden Marken glaubten, wieder unter diese Linien zurückzufallen, waren sie nie. Denn die Realität schaut schnell wieder vorbei, wenn Träume erfüllt sind. Und derzeit ist diese Realität keine, die eine stabile Hausse unterstützen könnte.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Quellen:
Edwin Lefèvre: Jesse Livermore – das Spiel der Spiele. TM Börsenverlag, ISBN 9783930851041
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 10.05.2026 um 20:39 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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