Wenn die Börsen mal wieder heiß laufen, wird oft und gerne von einer Blase gesprochen, die jederzeit platzen und die Anleger in den Abgrund reißen könnte. Aber wann genau liegt eine Blase eigentlich vor? Sind wir wirklich gerade in einer? Und wenn ja: Was tun?
Gerade hat wieder eine US-Investmentbank ihr Kursziel für den marktbreiten US-Index S&P 500 angehoben … auf 8.000 Punkte zum Jahresende. Wo sich bereits einige andere Geldverwalter mit ihren Zielen versammelt haben. Wenn diese Leute richtig liegen, ist noch Luft nach oben. Und wo solide Spielraum nach oben ist, kann es ja keine Blase geben … oder?
Wenn man den Aussagen von Investmentbanken glauben mag, findet sich nie irgendwo eine Blase. Was indes noch keine Baisse daran gehindert hat, trotzdem ihr hässliches Haupt zu erheben. Seltsam? Mitnichten. Dass jemand, der Geld damit verdient, dass Sie an der Börse Geld verdienen wollen, davor warnt, weiter zu kaufen, ist eher selten. Also muss man selber schauen, ob sich da irgendwo etwas zu einer Blase entwickelt hat und Gefahr im Verzug ist.
Was genau ist eine „Blase“?
Eine klare, allgemeingültige Definition, bei der man messen und vergleichen kann, gibt es für eine Blase nicht. Was daran liegt, dass man bei jeder Blase ein „kommt drauf an“ mit einflechten muss.
Extreme Kursbewegungen sind nicht automatisch eine Blase. Wenn sie solide von den Fakten unterfüttert sind, sind sie sicherlich ab einem gewissen Punkt des „Heißlaufens“ für auch stärkere Korrekturen reif, aber nicht für einen kompletten Absturz, wie das bei Blasen passieren kann, aber nicht muss.
Für eine Blase müsste man es am Markt massiv übertreiben, indem eine markante Schere zwischen realistischen Erwartungen und dem, was die Kurse da einpreisen, entsteht. Und das ist aus meiner Sicht der Fall … was die Halbleiter-Aktien angeht. Aber das heißt nicht automatisch, dass wir jetzt, wenn meine Einschätzung zutreffen sollte, zwingend auf einen Crash zutorkeln müssten. Aber zuerst zu diesen Halbleiter-Titeln:
Warnsignale bei den Chip-Aktien
Derzeit glaubt fast jeder, Halbleiter-Aktien haben zu müssen, weil die Branche von dem Ausbau der KI-Technologie und -Kapazitäten profitiert. Was ja stimmt, nur: Es fällt auf, dass „man“ erst Ende März auf diese Idee gekommen zu sein scheint, vorher ging es da nämlich nur moderat und bei so mancher Chip-Aktie gar nicht voran. Aber dazu später.
Aus meiner Sicht sehen wir mittlerweile eine Blase in diesem speziellen Bereich, weil die üblichen Bewertungen dieser Aktien weit überboten sind. So beispielsweise bei Infineon, die wir im folgenden Chart sehen.

Und obwohl es einige Analysten gibt, bei denen der Eindruck entsteht, dass sie ihre Kursziele nicht auf Basis einer nüchternen Analyse setzen, sondern sie immer dann weiter anheben, wenn das bisherige Ziel erreicht ist, sind die durchschnittlichen Kursziele dieser Analysten bei den meisten Chip-Aktien längst überboten.
Halbleiter-Aktien sind sogenannte „Fahrstuhl-Aktien“, d.h. sie sind immens konjunktursensibel, der Gewinn pro Aktie kann rasant stiegen, aber genauso dramatisch schnell wegbrechen. Daher billigt man Aktien dieser Branche normalerweise nur Kurs-/Gewinn-Verhältnisse von 15 bis 25 zu. Da sind wir bei sehr vielen Aktien dieser Branche längst weit darüber. Und das mit dem Argument, dass Nachfrage und Gewinnmargen auf Jahre hinaus dramatisch steigen werden – wegen KI. Doch wie weit steigt die Nachfrage? Wie lange? Es ist ja noch nicht einmal sicher, dass sich die in der Tat unfassbar hohen Investitionen, die große Unternehmen momentan in Sachen KI tätigen, auszahlen werden und daher tatsächlich eine weitere Steigerung in Bezug auf den Bedarf an Halbleitern über den jetzt in den Auftragsbüchern stehenden Level hinaus kommen wird.
Ein Hinweis dafür, dass nicht nur ich die Stirn runzele ist nicht nur, dass eine ganze Reihe von Analysten konsequent bei ihren Analysen und Schlussfolgerungen bleiben und diverse Überflieger von „Kaufen“ auf „Halten“ oder, in ersten Fällen, sogar auf „Verkaufen“ gesetzt haben, sondern auch etwas anderes:

Wenn Altaktionäre auf einmal anfangen, Teile ihres Engagements auf den Markt zu werfen, ist das auffällig. Schließlich tut man so etwas nicht, wenn man davon ausgeht, dass die Aktie ziemlich billig ist und noch viel Spielraum nach oben hätte. Man will einen guten Preis und verkauft, wenn man zu dem Schluss kommt, dass man womöglich auf absehbare Zeit nicht mehr herausholen könnte als jetzt. Zuletzt passierte das bei Elmos Semiconductor und bei Siltronic, siehe der vorstehende Chart.
Das alleine deutet darauf hin, dass wir hier sehr gute Kurse sehen … wenn man ein Verkäufer ist. Aber dass diese Aktien nach diesen Meldungen einfach weiter gekauft wurden, deutet darüber hinaus an, dass da verblüffend viele unterwegs sind, die Warnsignale nicht einmal sehen, wenn man sie ihnen um die Ohren haut. Heißt das also: Das Schiff steht kurz vor dem Kentern, alle Mann von Bord?
Die Frage ist: entweicht die Luft langsam oder platzt sie?
Ich gebe hier keine Empfehlungen ab, wie man es machen muss, sondern nur meine Meinung preis, aber die lautet: Wenn ein Kahn kurz davor steht, zu kentern, kann es hilfreich sein, einen Teil der Ladung über Bord zu werfen, den Rest anständig zu verzurren … und dann könnte das schon wieder passen, will heißen:
Wer hier zu hart am Wind segelt, sollte sich überlegen, einen Teil solcher hoch spekulativen Positionen zu verkaufen und den Rest sauber mit Stop Loss-Orders abzusichern. Denn wenn es so weiterläuft, wie wir das in den vergangenen Jahren erlebt haben, wäre es für mich eher eine Überraschung, wenn diese Halbleiter-Blase platzt … es kann gut sein, dass hier einfach nur einigermaßen kontrolliert die Luft entweicht. Was hieße: Von ein paar drastischen Luftlöchern abgesehen, in denen es auch mal fünf, zehn oder mehr Prozent mit einzelnen Aktien am Tag abwärts gehen könnte, kann es sein, dass es zwar zu einer Korrektur kommt, die ein Drittel oder die Hälfte dieser Hausse zurücknimmt, aber nicht alles. Was hieße:
Wer sich von der Gier nicht hat mitreißen lassen und eher mittel- und längerfristig positioniert ist, könnte da eher Chancen bekommen, an wichtigen, derzeit meilenweit entfernten Unterstützungen wie z.B. den 200-Tage-Linien oder mittelfristigen Aufwärtstrendlinien mit längerfristigem Zeithorizont zuzukaufen, denn der Aufwärtstrend der Halbleiter-Aktien an sich ist ja durchaus begründbar und faktisch unterfüttert. Das Problem ist derzeit nur, dass die Zocker sich nicht mehr im Griff haben.
Warum ich mir vorstellen könnte, dass die Sache für vernünftige Anleger glimpflich ausgeht, nicht alles zu Staub zerfällt und der Gesamtmarkt nicht auf eine Kernschmelze zusteuert? Weil es zuletzt auch gelang, das zu vermeiden. Denn diese Halbleiter-Blase ist ja nicht die erste in letzter Zeit, wie die folgenden Charts zeigen.
Es geht von einem Exzess zum nächsten: KI, Rüstung, Edelmetalle, Software, Halbleiter
Nachdem im Mai 2023 der KI-Boom losgetreten wurde, führte das zu massiv haussierenden Kursen bei einer noch eher begrenzten Zahl von Aktien. Danach war es relativ ruhig … aber seit Anfang 2025 geht es Schlag auf Schlag:
Erst kam der „Rüstungs-Hype“, parallel dazu der „KI-Energie-Hype“, bei dem alles, was mit dem Bau von Rechenzentren für den KI-Sektor zu tun hatte, durch die Decke ging. Irgendwann erschöpften sich die Käufe, wie der folgende Chart mit einigen Rüstungs-Titeln zeigt. Aber es kam nicht zum Crash, sondern zu einer Korrektur, die für Trader, die nicht ohne Sinn und Verstand, sondern mit vernünftigem Money-Management agierten, problemlos in den Griff zu bekommen war.

Bemerkenswert, dass diese Blase gleich in die nächste überging: Kaum drehten die Rüstungs-Aktien nach unten, zogen die Edelmetalle an. Und auch deren Blase ließ nur Luft ab und platzte nicht, weil das spekulative Kapital nicht von einem Tag auf den anderen weitergezogen war. Und wo ging es hin?

Diesmal ging es auf die Short-Seite. Warum auch nicht? Spekulative Trader „können“ auch problemlos Short. Auf einmal fiel der ganzen Welt scheinbar zeitgleich ein, dass die KI ja die Software-Branche massiv bedrohen wird. Schon witzig, dass offenbar niemand ein Problem damit hatte, dass das allen auf einmal gleichzeitig aufgefallen sein soll, obgleich der KI-Hype an sich bereits seit Frühjahr 2023 lief. Auch, dass man immens viele, große Rechenzentren dafür braucht und daher diejenigen, die sie bauen und ihnen die Energie liefern, profitieren würden, hatte man ja scheinbar erst Anfang 2025 erkannt. Seltsam?

Nicht seltsamer als der Umstand, dass man ebenso mit gewaltiger Verspätung bemerkt haben soll, dass das alles ja Unmengen an Chips braucht, weshalb die aktuelle Blase der Halbleiter-Aktien erst Ende März zu entstehen begann … erst merkt’s keiner, dann alle … und Eile ist dann auch noch geboten? Bilden Sie sich selbst Ihre Meinung dazu.
Fazit: Teilblasen bedrohen den Gesamtmarkt nur bedingt
Ich für meinen Teil würde vorschlagen: Lassen Sie sich nicht vom Sog mitreißen. Das ist an der Börse noch nie eine gute Idee gewesen. Und wenn einem erst einmal auffällt, das hier quasi alle paar Wochen eine andere S.. durchs Dorf getrieben wird, wird schnell klar: Die, die da am Anfang der „Idee“ stehen, machen hier einen großen Reibach, aber die Letzten beißen wie üblich die Hunde. Wer konsequent charttechnisch orientiert, mit vertretbaren Hebeln und Positionsgrößen und disziplinierten Stopps mithält, riskiert hier nicht zu Kentern. Wer glaubt, hier liege das Geld auf der Straße und sich von der Gier leiten lässt, schon. Aber das zieht eher nicht den Gesamtmarkt in die Tiefe, denn:
Wir sehen, dass das spekulative Kapital von einer Station zur nächsten weiterzieht. Aber dadurch entstehen nur „Teil-Blasen“, bezogen auf den Gesamtmarkt. Zwar hat diese Halbleiter-Kaufwelle mittlerweile eine Dimension erreicht, die stark mit Aktien dieser Branche besetzte Indizes wie Nasdaq 100 oder TecDAX schon ziemlich in die Knie drücken könnte, wenn der erste Riss in der Blase entsteht. Denn da kommt in der Regel erst einmal ein bisschen mehr Luft heraus aus in der Phase danach.
Aber der Aktienmarkt an sich ist sehr breit aufgestellt, mehr als ein ordentliches Beben wäre nicht zu erwarten, es sei denn, dass die Blase in einem Moment angestochen wird, in dem noch andere negative Faktoren zugleich auftauchen. Aber wenn so etwas passiert, heißt es sowieso immer „bitte anschnallen und das Rauchen einstellen“.
Wer diese Karawane spekulativen Geldes erkannt hat und mitzieht, in dem er/sie so etwas wie „Blasen-Hopping“ betreibt, ist bislang recht gut gefahren, wenn rechtzeitig erkannt wird, wann der Topf langsam überkocht. Aber das ist definitiv nur etwas, was erfahrene Trader erwägen sollten, denn grundsätzlich gilt nun einmal zu Recht: Mit Geld spielt man nicht.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 31.05.2026 um 0:02 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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