Twilio ist längst nicht mehr nur eine Wette auf Wachstum. Möglicherweise ist die eigentliche Story gerade erst dabei, Fahrt aufzunehmen.
Wurde das Geschäftsmodell falsch verstanden?
Twilio dürfte den meisten Lesern und Kunden von LYNX Broker längst ein Begriff sein. Seit dem Absturz der Aktie im Jahr 2022 habe ich mich mehrfach positiv geäußert und so langsam nimmt die Sache Fahrt auf.
Ausgehend vom Tief hat sich der Kurs mehr als verfünffacht.
Die letzte Analyse erfolgte bei einem Kurs von 124,50 USD (Twilio: Hat die Rallye gerade erst begonnen?). Seitdem ist einiges geschehen, nicht nur kurstechnisch.

Twilio stellt Unternehmen APIs und Software zur Verfügung, mit denen sie Kommunikation direkt in ihre eigenen Anwendungen und Geschäftsprozesse integrieren können. Dazu gehören vor allem SMS, WhatsApp und andere Messaging-Dienste, Telefonie, E-Mail, Video sowie Authentifizierung.
Das Entscheidende ist: Der Kunde muss nicht selbst die weltweite Kommunikationsinfrastruktur aufbauen. Ein Entwickler kann beispielsweise einige Zeilen Twilio-Code integrieren und damit automatisch SMS verschicken, Kunden anrufen oder E-Mails versenden.
Typische Anwendungen sind Bestellbestätigungen, Login-Codes, Marketing-Nachrichten, Kundenservice, Lieferbenachrichtigungen oder Callcenter.
Twilio ist deshalb weniger ein klassischer Softwareanbieter, sondern eher ein Infrastruktur-Anbieter.
Vom Problemkind zum Cashflow-Motor
Die Vision ist eine Plattform, über die Unternehmen die gesamte Kundeninteraktion steuern können. Twilio bezeichnet sich mittlerweile selbst als „infrastructure for customer engagement in the AI era“.
SMS und andere Messaging-Dienste sind nach wie vor ein zentraler Bestandteil des Geschäfts. Twilio ermöglicht Unternehmen, Nachrichten weltweit über verschiedene Kanäle zu verschicken.
Das Geschäftsmodell ist dabei teilweise volumenabhängig: Je mehr Nachrichten, Telefonate oder E-Mails die Kunden über Twilio abwickeln, desto mehr Umsatz entsteht.
Das ist zugleich Stärke und Schwäche. Einerseits kann Twilio mit dem Kommunikationsvolumen seiner Kunden mitwachsen. Andererseits sind Kommunikationsleistungen teilweise transaktions- und volumenabhängig und damit weniger margenstark als klassische SaaS-Produkte.
Dass das ein lohnendes Geschäft ist, musste Twilio jedoch erst noch unter Beweis stellen, denn zeitweise steckte das Unternehmen tief in den roten Zahlen.
Die eigentliche Story beginnt vielleicht erst
Doch das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Das Unternehmen ist von einem wachstumsstarken, aber deutlich defizitären Cloud-Kommunikationsanbieter zu einem merklich profitableren Unternehmen geworden.
In den letzten fünf Geschäftsjahren konnte der Umsatz von 2,84 auf 5,07 Mrd. USD gesteigert werden.
Gleichzeitig wurde die Zahl der ausstehenden Aktien von 174 auf 153 Millionen Stück reduziert.
Das operative Ergebnis war 2023 erstmals positiv und konnte seitdem von 2,45 auf 4,89 USD in etwa verdoppelt werden. Der freie Cashflow lag im letzten Geschäftsjahr bei 5,92 USD je Aktie und unterstreicht die Ertragskraft des Unternehmens.
Im laufenden Geschäftsjahr hat sich dieser Trend konsequent fortgesetzt. Die Wachstumsraten sind zwar nicht mehr so hoch, der Gewinn steigt jedoch stark überproportional.
Die Aktie ist also längst keine Wette mehr darauf, dass das Unternehmen irgendwann profitabel wird. Inzwischen geht es vielmehr darum, welche Margen perspektivisch erreicht werden und wie viel Kapital Twilio an die Aktionäre ausschütten kann.
Es wäre gut möglich, dass Twilio bisher unterschätzt wurde. Im ersten Quartal lag der Gewinn mit 1,50 USD je Aktie weit über den Erwartungen von 1,27 USD. Mit einem Umsatz von 1,41 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 1,34 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 20 % und einem Gewinnsprung von 32 %.
Die Dollar-Based Net Expansion Rate (DBNE) lag bei 114 %. Das bedeutet vereinfacht: Die Kunden, die bereits vor einem Jahr Twilio genutzt haben, haben im Schnitt 14 % mehr Umsatz generiert als ein Jahr zuvor.
Das bedeutet, dass Twilio auch ohne Neukunden ein erhebliches Wachstum verzeichnet.
Prognosen mehrfach übertroffen
Im zweiten Quartal lag der Gewinn mit 1,47 USD je Aktie über den Erwartungen von 1,32 USD. Mit einem Umsatz von 1,50 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 1,42 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 22 % und einem Gewinnsprung von 24 %.
Die Dollar-Based Net Expansion Rate (DBNE) lag bei 116 %.
Daraufhin wurde die Prognose für den freien Cashflow im laufenden Geschäftsjahr von 1,08 – 1,10 auf 1,14 – 1,16 Mrd. USD erhöht.
Den Konsensschätzungen zufolge dürfte der Gewinn um 21 % auf 5,90 USD je Aktie und der freie Cashflow um 21 % auf 7,16 USD je Aktie steigen. Twilio kommt demnach auf eine forward P/E von 38,7 und einen forward P/FCF von 31,9.
Das Unternehmen hat sich damit aus dem Schnäppchen-Territorium, in dem es sich noch vor wenigen Monaten befunden hat, verabschiedet – das ist jedenfalls meine subjektive Meinung.
Da der freie Cashflow und der Gewinn in den kommenden beiden Jahren ebenfalls um 13 – 22 % p.a. steigen sollen, scheint die Bewertung jedoch gerechtfertigt zu sein.
Hinzu kommt, dass die Erwartungen nach wie vor zu niedrig sein könnten. Twilio stellt für das laufende Jahr beispielsweise ein organisches Wachstum von 13,0 – 13,5 % in Aussicht, obwohl das organische Wachstum in den ersten beiden Quartalen bei 16 und 17 % lag.
Das Management scheint sichergehen zu wollen, dass die Prognose erfüllt oder sogar übertroffen wird.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 18.08.2026 um 15:18 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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