Dieses Phänomen sollte jeder versierte Anleger auf dem Schirm haben. Mehren sich bei Nike die Anzeichen für eine überraschende Wende?
Ein rätselhaftes Phänomen
Über Jahrzehnte war Nike an der Börse eine sichere Hausnummer. Die Aktie gehörte zu den Titeln, die man beinahe blind kaufen konnte und am Ende belohnt wurde.
All das war das Spiegelbild der operativen Realität:
Umsatz und Gewinn erreichten Jahr für Jahr neue Höchststände, die Marke dominierte den globalen Sportartikelmarkt und der Aktienkurs folgte dem fundamentalen Erfolg nahezu im Gleichschritt. Die Entwicklung war plausibel, nachvollziehbar und für Investoren komfortabel.
Umso bemerkenswerter ist die Situation, in der sich Nike heute befindet. Das Unternehmen steckt seit mehreren Jahren in einer Krise. Schwächeres Wachstum, operative Fehler und zunehmender Wettbewerbsdruck haben die Situation grundlegend verändert.
Bevor wir auf die Ursachen und die aktuelle Lage eingehen, lohnt sich jedoch ein Blick auf ein interessantes Phänomen, das sich an der Börse immer wieder beobachten lässt:
Unmittelbar, bevor Unternehmen in ernstzunehmende Schwierigkeiten kommen, steigt die Bewertung an der Börse auf ein historisch hohes Niveau.
Nike ist ein Paradebeispiel dafür. Zwischen 2006 und 2018 lag das KGV meist in einer Spanne von 15 bis 25. Selbst in besonders optimistischen Phasen lag die Bewertung nur kurzzeitig bei rund 33.
Wie ist das zu erklären?
Danach kam es zu einer Abkopplung der Kursentwicklung von der fundamentalen Realität. Der Kurs stieg wesentlich schneller als der Gewinn und die P/E kletterte auf über 50 und erreichte damit ein Niveau, das historisch einmalig war. Nie zuvor war Nike so teuer.
Nike steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Es gibt zahllose Beispiele, in denen etwas Ähnliches geschehen ist. Ich habe bis heute keine Erklärung, warum es regelmäßig dazu kommt.
Sicherlich führt eine lange Erfolgsgeschichte dazu, dass Investoren Risiken ausblenden und positive Trends unkritisch in die Zukunft fortschreiben – doch diese Erklärung führt zu kurz und erklärt das Timing nicht.
Die Bewertung ist unmittelbar vor dem Eintreten von Problemen auf ein historisch hohes Niveau gestiegen – und nicht irgendwann. Darüber hinaus lässt sich dieses Phänomen immer wieder beobachten.
Sollten Sie also Aktien im Portfolio haben, deren Bewertung nach einer ausgeprägten Rallye ein historisches Hoch erreicht hat, sollten Sie womöglich über Gewinnmitnahmen nachdenken.
Vielleicht zieht bereits ein Sturm am Horizont auf.
Die Strategie, die zum Problem wurde
Doch davon ist Nike derzeit weit entfernt. Die Aktie notiert auf einem Mehrjahrestief und geschäftlich arbeitet der Konzern noch daran, endlich wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden.
Rückblickend hat sich vor allem die Strategie, auf den Direktvertrieb zu setzen, als großer Fehler erwiesen. Auf den ersten Blick bietet der Direktvertrieb viele Vorteile, vor allem eine höhere Gewinnspanne.
Dadurch haben sich jedoch bei vielen Handelspartnern und im lokalen Einzelhandel Lücken aufgetan, die von Wettbewerbern wie On oder Hoka gefüllt wurden. Und das ist längst nicht das einzige Problem.
Nike hat darauf mit einem Strategiewechsel reagiert, der inzwischen erste Früchte zu tragen scheint. Es ist jedenfalls so, dass es bei Nike wieder deutlich besser läuft, als es dem Konzern zugetraut wird.
Gewinn plötzlich 80 % höher als erwartet
Zuletzt wurden die Erwartungen durchweg übertroffen – und das substanziell, auch wenn die Kursentwicklung etwas anderes vermuten lässt.
In den letzten vier Quartalen lag der Gewinn jeweils zwischen 20 und 80 % über den Konsensschätzungen.
Damit ist Nike längst nicht in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Es zeigt aber, dass der Konzern inzwischen wohl unterschätzt wird.
Doch selbst die skeptische Riege der Prognostiker traut Nike im kommenden Geschäftsjahr, das faktisch bereits läuft, einen Gewinnsprung um 17 % auf 1,75 USD je Aktie zu.
Nike ist es in den letzten Monaten gelungen, den Umsatz zu stabilisieren, Lagerbestände abzubauen, Rabattaktionen zu reduzieren und den Großhandel wieder zu stärken.
Darüber hinaus rechnen Analysten mit einem erfolgreichen neuen Produktzyklus. Die Fußball-WM dürfte ebenfalls hilfreich sein.
Sollte der Gewinn im seit Anfang Juni laufenden Geschäftsjahr um 17 % auf 1,75 USD je Aktie steigen, könnte die Aktie endlich ein Lebenszeichen senden.

Nike arbeitet derzeit wieder an einem Boden. Ob es der finale Boden sein wird, ist jedoch alles andere als sicher. Fällt die Aktie unter das bisherige Jahrestief, könnte das einen Abverkauf in Richtung 40 oder 35 USD auslösen.
Gelingt hingegen ein Anstieg über 46,66 USD, kommt es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 50–53 USD.
Übergeordnet hilft den Bullen allerdings nur ein Überwinden des Abwärtstrends.


