Ein zweistelliger Kurssprung vorbörslich und ambitionierte Wachstumsziele. Marvell könnte vor dem entscheidenden Kapitel seiner Geschichte stehen.
Das Unternehmen hat am Donnerstag nachbörslich Quartalszahlen vorgelegt. Es dürfte jedoch der Ausblick gewesen sein, der den Kurssprung ausgelöst hat.
Der große Wandel in der Chipindustrie
Die Halbleiterindustrie befindet sich im Umbruch. Jahrzehntelang dominierten universelle Chips wie CPUs und GPUs, die möglichst viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen sollten. Mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz verschiebt sich der Fokus jedoch zunehmend auf spezialisierte Lösungen.
Das US-Unternehmen gehört zu den weltweit führenden Entwicklern komplexer Halbleiterlösungen und hat sich insbesondere auf sogenannte Application-Specific Integrated Circuits, kurz ASICs, spezialisiert. Diese Chips werden nicht für eine breite Palette von Anwendungen gebaut, sondern gezielt für eine bestimmte Aufgabe optimiert. Während klassische Prozessoren flexibel sein müssen, verfolgen ASICs ein anderes Ziel: maximale Effizienz bei einer klar definierten Funktion.
Der Vorteil liegt auf der Hand. Ein speziell entwickelter Chip kann deutlich schneller arbeiten und benötigt zugleich weniger Energie als ein universeller Prozessor, der für viele Szenarien ausgelegt ist.
Lange Zeit blieb der Einsatz von ASICs auf Nischen beschränkt. Mit dem Boom der künstlichen Intelligenz hat sich das grundlegend geändert. Training und Betrieb moderner KI-Modelle erfordern enorme Rechenkapazitäten. Gleichzeitig explodieren die Energiekosten in großen Rechenzentren. Genau dieser Druck treibt die Nachfrage nach maßgeschneiderten Chips.
Maßgeschneiderte Chips als Schlüssel
Inzwischen setzen nahezu alle Hyperscaler auf ASICs. Dazu hat Marvell strategische Partnerschaften mit Amazon, Microsoft, Google und Meta geschlossen – selbst Nvidia hat angeklopft.
Im Endeffekt steht die gesamte Branche vor derselben Herausforderung: Es soll maximale Rechenleistung bei minimalen Kosten und möglichst geringem Energieverbrauch erreicht werden. Maßgeschneiderte ASICs sind dafür die ideale Lösung.
Allerdings ist die Entwicklung solcher Chips extrem komplex. Sie erfordert jahrzehntelange Erfahrung im Chipdesign, enorme Investitionen und eine hochspezialisierte Infrastruktur, über die selbst große Technologiekonzerne nicht immer verfügen
Marvell gehört zu der Handvoll Unternehmen, die dazu in der Lage sind. In vielen Fällen hält Marvell auch die Patente für Schlüsseltechnologien.
Partnerschaften mit Amazon, Microsoft, Google und Meta
Für die Cloudplattform Amazon Web Services entwickelt Marvell maßgeschneiderte KI-Beschleunigerchips mit dem Namen Trainium.
Dabei handelt es sich um einen ASIC, der speziell für das Training großer KI-Modelle ausgelegt ist, etwa für Sprachmodelle, Bilderkennung oder generative KI.
Zuletzt gab es immer wieder Gerüchte, wonach Amazon einen neuen strategischen Partner sucht. JPMorgan geht nicht davon aus, dass das der Fall ist (Quelle). Darüber hinaus laufen die derzeitigen Verträge noch bis Ende 2029 (Quelle).
Auch mit Microsoft arbeitet Marvell eng zusammen. Für die Cloudplattform Microsoft Azure entwickelt das Unternehmen den Maia-ASIC. Dieser Chip ist ebenfalls ein KI-Beschleuniger und wird für Training und Inferenz großer KI-Modelle eingesetzt.
Ein weiteres Beispiel ist die Kooperation mit Google. Hier entwickelt Marvell unter anderem den Axion-Prozessor. Dabei handelt es sich nicht primär um einen klassischen KI-Beschleuniger, sondern um eine speziell entwickelte Server-CPU für Rechenzentren von Google Cloud.
Neben diesen drei großen Projekten arbeitet Marvell laut Branchenangaben auch mit weiteren Hyperscalern zusammen, etwa an neuen Generationen von KI-Beschleunigern oder spezialisierten Netzwerk- und Infrastrukturchips für Rechenzentren. Insgesamt betreibt das Unternehmen inzwischen mehr als ein Dutzend aktiver Custom-Chip-Programme mit großen Cloudanbietern und neuen KI-Plattformen.
Derartige Kooperationen sind auf Jahre angelegt, denn so lange dauert es schlichtweg, einen neuen Chip zu entwickeln, zu testen und dann die Produktion hochzufahren.
Jetzt werden die Früchte geerntet
Die ersten durchschlagenden Resultate dieser Kooperationen sind im gerade abgeschlossenen Geschäftsjahr sichtbar geworden.
Im vierten Quartal lag der Gewinn mit 0,80 USD je Aktie über den Erwartungen von 0,78 USD. Mit einem Umsatz von 2,22 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 2,20 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Das wirkt auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär, doch im gesamten Geschäftsjahr wurde ein Umsatzsprung von 5,77 auf 8,19 Mrd. USD erzielt.
Gleichzeitig hat sich die operative Marge von 28,9 % auf 35,3 % spürbar verbessert, was nahezu zu einer Verdopplung des Gewinns von 1,57 auf 2,84 USD je Aktie geführt hat.
Für das erste Quartal stellt Marvell einen Umsatz von 2,28 – 2,52 Mrd. USD und einen Gewinn von 0,74 – 0,84 USD je Aktie in Aussicht.
Auf Jahressicht entspräche das einem Umsatzplus von 25 – 39 % und einem Gewinnsprung um 23 – 40 %.
Für das gesamte, im Februar angebrochene Geschäftsjahr stellt Marvell einen Anstieg der Umsätze von 8,19 auf etwa 11 Mrd. USD in Aussicht.
Sollte das Ergebnis im selben Umfang zulegen, würde das einem Gewinnsprung von 34 % auf 3,80 USD je Aktie entsprechen.
Marvell käme demnach, bezogen auf den gestrigen Schlusskurs von 75,68 USD, auf eine forward P/E von 19,9.
Ambitionierte Ziele
„Wir erwarten, dass sich das Umsatzwachstum im Vergleich zum Vorjahr im Geschäftsjahr 2027 von Quartal zu Quartal weiter beschleunigt. Treiber dafür ist vor allem die anhaltende Stärke unseres Rechenzentrums-Geschäfts. Gleichzeitig steigen die Auftragseingänge weiterhin in Rekordtempo,“ sagte der CEO von Marvell Technology sinngemäß.
(„We expect year-over-year revenue growth to accelerate each quarter in fiscal 2027, driven by continued strength in our data center business, with bookings continuing to grow at a record pace.“)
Der Vorstand hatte aber noch mehr in Petto. Für das kommende Geschäftsjahr peilt Marvell einen Umsatz von 15 Mrd. USD und einen Gewinn von über 5 USD je Aktie in Aussicht.
(„fiscal year 2028 revenue to approach $15B and non‑GAAP EPS projected to be well over $5“ – Anmerkung: Das Geschäftsjahr 2028 endet im Januar 2028)
Um das zu erreichen, müsste das Ergebnis nicht nur in diesem Jahr um 34 % zulegen, sondern auch im nächsten Geschäftsjahr.

Marvell notiert vorbörslich 11 % im Plus bei 84,00 USD. Kann dieser Kurssprung im regulären Handel bestätigt werden, könnte das eine Rallye in Richtung 89,50 – 95,00 USD einleiten.
Fällt die Aktie jedoch unter 77 USD, haben die Bullen ihre Chance vertan und es muss mit erneuten Kursverlusten bis zu den Aufwärtstrends gerechnet werden.
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