Descartes steht im Zentrum einer spannenden Debatte: Kann ein etablierter Logistiksoftware-Anbieter der KI-Revolution standhalten?
So einfach ist das nicht
Descartes Systems Group ist ein kanadisches Unternehmen, das cloudbasierte Logistik- und Supply-Chain-Softwarelösungen anbietet. Es unterstützt Unternehmen bei der Routenplanung, Versandabwicklung und Frachtverwaltung, um Effizienz und Transparenz in Lieferketten zu erhöhen.
Das Unternehmen ist international tätig und bedient Kunden in verschiedenen Branchen wie Transport, Einzelhandel und Fertigung.
Die Gründe für den aktuellen Kursrückgang der Aktie liegen aus Sicht des Marktes auf der Hand. Descartes wird derzeit als möglicher KI-Verlierer gehandelt.
Für viele Kunden sind diese Systeme unverzichtbar. Sie steuern Transportprozesse, überwachen Lieferketten in Echtzeit, kümmern sich um Zollabwicklungen und sorgen dafür, dass gesetzliche Vorgaben eingehalten werden.
Das macht Descartes zu einem Anbieter mit hohen Wechselkosten und starker Kundenbindung.
Ein Austausch seiner Systeme ist kein simples Software-Upgrade, sondern ein umfassendes IT-Projekt, verbunden mit Prozessumstellungen, Re-Zertifizierungen und Risiken für den laufenden Betrieb.
Die strategische Einbettung in bestehende ERP-Systeme wie SAP oder Oracle und die Vernetzung mit Hunderten von Spediteuren und Behörden schaffen hohe Wechselkosten. Besonders das globale Trade-Compliance-Geschäft ist stark reguliert, historisch gewachsen und datenintensiv.
Auch die Echtzeit-Carrier-Netzwerke von Descartes sind ein schwer zu replizierender Wettbewerbsvorteil. Sie basieren nicht nur auf Software, sondern auf Beziehungen, Standards und Integrationen, die eine direkte Kopie nahezu unmöglich machen.
Descartes warnt selbst!
Trotz dieser defensiven Eigenschaften steht Descartes unter zunehmendem Druck durch neue Technologien, insbesondere durch KI. Das Unternehmen selbst warnt in seinen Geschäftsberichten vor Wettbewerbsrisiken.
Neue Technologien oder innovative Anbieter könnten bestehende Lösungen ersetzen oder überflüssig machen. Der Markt ist hochgradig wettbewerbsintensiv und unterliegt einem raschen technologischen Wandel.
In den kommenden Jahren wird der KI-Markt im Supply-Chain-Bereich voraussichtlich stark wachsen. Unternehmen setzen zunehmend auf Vorhersagen, Automatisierung, Routing, Analyse und Optimierung.
Diese Dynamik schafft Raum für Startups und spezialisierte Softwareanbieter, die schneller, günstiger oder besser auf bestimmte Aufgaben zugeschnitten sind.
Bereits heute zeigen KI-gestützte Startups, wohin sich der Markt entwickelt. Plattformen wie Interos bieten Risikoanalyse und Lieferkettensicherheit an, Alloy liefert Sichtbarkeit für Inventar und Sendungen, und Unternehmen wie Ottonomy oder Transparent Path entwickeln modulare Tools für Logistik-Optimierung. Weitere spezialisierte Anbieter, darunter LogiNext, Hived oder DispatchTrack, konzentrieren sich auf Routing-Lösungen, während Startups wie Onebeat oder Enmovil KI für Lagerplanung, Bestandsoptimierung und Bedarfsprognosen (Demand Forecasting) einsetzen.
Das kann man nicht einfach kopieren
An Konkurrenz mangelt es also wahrlich nicht – doch das ist nicht neu und eine Sache muss dabei beachtet werden:
Die kleinen Anbieter operieren fast durchweg auf modularer Basis, was bedeutet, dass ihre Lösungen in bestehende Systeme integriert werden können, ohne dass ein kompletter Wechsel weg von Descartes notwendig ist.
Die Disruptionsgefahr durch diese Startups ist real, aus meiner Sicht aber derzeit nicht existenzbedrohend.
Das Unternehmen verfügt über große Kunden, ein vernetztes Ökosystem und umfassende Netzwerkeffekte. Viele Startups konzentrieren sich auf Teilbereiche wie Routing oder Lageroptimierung, nicht auf den kompletten Transport- und Supply-Chain-Management-Stack.
Sie greifen also die einzelnen Module von Descartes an, aber nicht die Kernprodukte. Daher ist es rational, dass der Margendruck bei den Modulen zunehmen wird.
Das Kerngeschäft dürfte aber auf absehbare Zeit unangetastet bleiben.
Eigentlich hat sich nichts geändert
Descartes könnte als Plattform- und Infrastruktur-Anbieter sogar von diesem Trend profitieren und neue KI-Anbieter aktiv einbinden.
Ein kompletter Austausch des Descartes-Stacks durch ein Startup scheint unwahrscheinlich und bei größeren Kunden wenig wahrscheinlich. Dafür sind Integrationen, regulatorische Anforderungen, Netzwerkeffekte und Kundenbeziehungen zu stark.
Man kann und darf sich auch die Frage stellen, warum Software-Aktien gerade jetzt unter Druck kommen. KI ist schließlich kein neues Thema. ChatGPT wurde der Öffentlichkeit im November 2022 vorgestellt und die zuvor genannten Unternehmen (Ottonomy, Transparent Path, LogiNext, Hived, DispatchTrack, Onebeat, Enmovil) wurden allesamt noch früher gegründet, teilweise vor mehr als 15 Jahren.
Die Wettbewerbslandschaft von Descartes hat sich im letzten Jahr nicht plötzlich und über Nacht verändert, auch wenn es der Kursverlauf suggerieren mag.
Ganz im Gegenteil. Das Geschäft von Descartes läuft wie gewohnt. Das Unternehmen hat im letzten Geschäftsjahr ein Rekordergebnis erzielt und dürfte dies voraussichtlich auch im laufenden und kommenden Geschäftsjahr erreichen.
Business as usual
In den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres war keine Abkühlung erkennbar. Das Umsatzwachstum lag in Q1 bei 12 %, in Q2 bei 10 % und in Q3 bei 11 %.
Beim operativen Ergebnis hat die Dynamik sogar zugenommen: Mit einem Plus von 24 % auf 56,6 Mio. USD war das letzte Quartal sogar am stärksten.
Unterm Strich sind derzeit keine eindeutigen Probleme zu erkennen, die im Zuge einer Disruption zu erwarten wären – darunter beispielsweise eine nachlassende Wachstumsdynamik, aber vor allem auch Margendruck.
Die Bruttomarge von Descartes ist zuletzt aber gestiegen und ist mit 77 % auf einem hohen Niveau.
Für die operative Marge gilt dasselbe. Zuletzt lag sie bei 30 %.
Die hohen Gewinnspannen sind nicht nur ein Zeichen für eine starke Marktposition, sondern bieten im Zweifelsfall auch Spielraum, um auf eine möglicherweise zunehmende Konkurrenz zu reagieren.
Ausblick und Bewertung
Den Konsensschätzungen zufolge soll das Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr (1/2026), das faktisch bereits abgeschlossen ist, um 17 % auf 1,90 USD je Aktie steigen.
Descartes kommt demnach auf eine forward P/E von 36,5.
Würde das Ergebnis im kommenden Geschäftsjahr wie erwartet um 16 % auf 2,22 USD je Aktie steigen, würde die P/E dadurch auf 31,2 sinken.
Damit geht Descartes noch nicht als klassisches Schnäppchen durch. Sollte sich die diskutierte Disruptionsgefahr als weniger gravierend herausstellen, dürfte die Aktie in Zukunft eine Rendite in der Größenordnung der Gewinnsteigerungen erzielen – und das wäre erheblich.
Denn sowohl im laufenden wie auch in den kommenden Geschäftsjahren wird jeweils ein Gewinnanstieg um 16 – 20 % pro Jahr erwartet. Der Trackrecord lässt das plausibel erscheinen, denn Descartes wächst seit vielen Jahren durchschnittlich um etwa 20 % per annum.
Daher wurde dem Unternehmen bisher auch eine Premiumbewertung zugestanden. In den letzten fünf Jahren lag die P/E durchschnittlich bei etwa 60.

Descartes ist zum mehrjährigen Aufwärtstrend zurückgekommen und scheint auf diesem Niveau auf Interesse zu stoßen. Gelingt jetzt ein Anstieg über 70 USD, könnte das eine Erholung in Richtung 75 oder 80 – 83 USD ermöglichen.
Fällt die Aktie jedoch unter 65 USD, müsste mit weiteren Verlusten in Richtung 57,50 USD gerechnet werden.
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