Kaum jemand kennt Broadcom. Doch hinter den Kulissen der KI-Revolution könnte gerade einer der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt wachsen.
Erstaunlich ruhig
Die Börse neigt auf allen Ebenen zu Überreaktionen. Trends werden blindlings fortgeführt, auch wenn dabei bereits jedes Maß überschritten ist. Die Reaktionen auf Quartalszahlen sind in vielen Fällen ausufernd hoch.
In diesem Kontext war die gestrige Kursreaktion auf die Neuigkeiten bei Broadcom erstaunlich moderat.
Der Gewinn lag in Q1 mit 2,05 USD je Aktie über den Erwartungen von 2,03 USD. Mit einem Umsatz von 19,3 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 19,2 Mrd. USD ebenfalls knapp übertroffen.
So weit wäre eine moderate Kursreaktion noch nachvollziehbar.
Auf Jahressicht entspricht das jedoch einem Umsatzplus um 29 % und einem Gewinnsprung um 28 % auf 10,2 Mrd. USD.
Der freie Cashflow konnte um 33 % auf 8,01 Mrd. USD gesteigert werden, die FCF-Marge lag bei 41 %. Broadcom ist zu einer Cashcow geworden.
Durch die Decke
Die großen Neuigkeiten kommen aber erst noch. Broadcom stellt für das zweite Quartal einen Umsatz von 22,0 Mrd. USD in Aussicht, was auf Jahressicht einem Anstieg um 47 % entspricht.
Bisher wurden 20,4 Mrd. USD erwartet.
Broadcom geht demnach von einer substanziellen Zunahme der Wachstumsdynamik aus.
Der große Wachstumstreiber im Konzern sind KI-Chips. Das Segment dürfte im zweiten Quartal um 140 % auf 10,7 Mrd. USD wachsen und macht inzwischen einen Großteil des Chip-Geschäfts aus, das wiederum um 76 % auf 14,8 Mrd. USD zulegen soll.
Der Umsatz im Bereich Infrastructure soll um 9 % auf 7,2 Mrd. USD steigen.
Damit dürfte das Ende der Fahnenstange jedoch längst nicht erreicht sein. Dem Vorstand zufolge (Quelle: Webcast im Zuge des Quartalsberichts) hat die Sichtbarkeit in den letzten 1-2 Quartalen deutlich zugenommen („Visibility has materially improved over the last 1–2 quarters“).
Das hat keiner kommen sehen
Der Vorstand geht inzwischen davon aus, dass Broadcom im nächsten Geschäftsjahr 100 Milliarden Dollar mit KI-Chips umsetzen wird. („Have line of sight to $100B in revenue from AI chips in 2027“)
Dazu dürfte unter anderem OpenAI (ChatGPT) beitragen. Das Unternehmen ist der sechste Großkunde (Abnahme von mehr als 1 GW Rechenleistung), der die erste Generation der XPU von Broadcom in großem Umfang einsetzen möchte.
Die anderen drei bestätigten Großkunden sind Google, Meta und Anthropic. Presseberichten zufolge handelt es sich bei den beiden unbestätigten Großkunden um Bytedance (Tiktok) und Apple.
Diese Rückschlüsse lassen sich ziehen
Der Ausblick lässt eine ganze Reihe von Rückschlüssen zu. Zuallererst bedeutet er, dass der Auftragsbestand und die Pipeline sehr groß sind und die Produktionskapazitäten und der Umsatz in diesem Jahr kontinuierlich steigen müssten – sonst wäre es nicht möglich im Jahr 2027 einen KI-Umsatz von mehr als 100 Mrd. USD erzielen.
Dadurch lässt sich aber auch abschätzen, wie hoch der Konzernumsatz 2027 mindestens sein wird, wenn die Prognose erfüllt wird.
Im letzten Quartal hat Broadcom abseits von KI-Chips einen Umsatz von 7,2 Mrd. USD mit Software und 4,1 Mrd. USD mit anderen Halbleitern erzielt.
Unterstellt man, dass beide Bereiche auf der Stelle treten werden, was mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein dürfte, ergibt sich daraus für 2027 ein Jahresumsatz von 145,2 Mrd. USD.
Um das einordnen zu können: In den letzten 12 Monaten hat Broadcom einen Umsatz von 68 Mrd. USD erzielt.
Daher sind die Konsensschätzungen plausibel. Womöglich sind sie sogar zu niedrig, obwohl im laufenden Geschäftsjahr, das bereits im Oktober endet, ein Gewinnsprung um 64 % auf 11,20 USD je Aktie erwartet wird.
Broadcom kommt demnach auf eine forward P/E von 29,7. Im historischen Vergleich ist das viel, denn in den letzten fünf Jahren lag die P/E durchschnittlich bei 22. Allerdings hat die Wachstumsdynamik zuletzt auch deutlich zugenommen.
Rückblickend kann ich nur hoffen, dass einige Leser und Kunden von LYNX Broker den Artikel vom 07.03.2025 (Broadcom: Rekorde auf ganzer Linie) zum Anlass für einen Einstieg bei Broadcom genommen haben – seitdem hat sich der Kurs nahezu verdoppelt.

Gelingt jetzt ein Ausbruch über 340 USD, kommt es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 365 – 375 USD. Möglicherweise wird auch das Allzeithoch knapp über 400 USD angesteuert.
Fällt die Aktie hingegen unter 325 USD, muss mit einem erneuten Rücksetzer bis zum Tief bei 308 USD gerechnet werden. Darunter trübt sich das Chartbild ein.
Das bestgeführte Unternehmen der Welt?
Der Otto Normalverbraucher dürfte noch nie von Broadcom gehört haben. Selbst unter Anlegern ist das Unternehmen eher unbekannt.
Da das Unternehmen inzwischen aber zu den wertvollsten Unternehmen der Welt zählt und kürzlich Tesla überholt hat, dürfte sich das langsam aber sicher ändern.
Dieser Erfolg ist kein Zufall, sondern das Resultat einer ausgeklügelten Strategie und der Weitsicht von Hock Tan.
Die meisten anderen diversifizierten Halbleiter-Hersteller haben eine sehr große Produktpalette an verschiedenen Chips, auch im Niedrigpreis- und Low-Tech-Segment.
In diesen Bereichen ist der Wettbewerb hoch, die Eintrittsbarrieren sind niedrig und im Endeffekt ist es ein Geschäft, in dem der günstigste Anbieter den Preis bestimmt.
Im Gegensatz dazu sind die Anwendungen von Broadcom im Allgemeinen einem geringeren Wettbewerb ausgesetzt. Entweder aufgrund hoher Eintrittsbarrieren oder einer konsolidierten Marktnische mit wenigen Akteuren und Oligopolen.
All das ist nicht zufällig passiert. Broadcom hat unter der Führung von Hock Tan konsequent darauf hingearbeitet, zu einem Unternehmen mit diesen Eigenschaften zu werden.
Einerseits durch eine Vielzahl von Übernahmen, aber auch dadurch, dass man Geschäftsteile, die diesen Ansprüchen nicht genügen, konsequent abgestoßen hat.
Hock Tan steht bereits seit zwei Dekaden an der Konzernspitze und hat Broadcom (ehemals Avago) erst zu dem gemacht, was es heute ist.
Seitdem er den Chef-Posten (damals noch bei Avago) übernommen hat, ist der Unternehmenswert um den Faktor 600 gestiegen. Als ich zum ersten Mal auf diesem Umstand hingewiesen habe, lag dieser Faktor noch bei 165.
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