Am gesamten deutschen Aktienmarkt sah man gestern Überraschendes: Halbleiter-Aktien und Zulieferer wie Aixtron wurden verkauft, Aktien aus dem seit Monaten massiv gedrückten Software-Sektor und Rüstungstitel zogen an. Eintagsfliege oder Favoritenwechsel?
Was den TecDAX als Aixtrons „Heimatindex“ angeht, standen am Dienstag Aktien wie ATOSS, SAP, Hensoldt oder Nemetschek ganz vorne, dafür wiesen vormalige „Dauerläufer“ wie Nordex, SMA Solar, SÜSS MicroTec oder Siltronic teils erhebliche Verluste auf. Die Aixtron-Aktie, die zeitweise noch deutlich vorne gelegen hatte, beendete den Tag knapp im Minus – zum zweiten Mal in Folge wurde damit der Versuch, an das Ende letzter Woche markierte 25-Jahres-Hoch anzuknüpfen, abverkauft.
Das überrascht nicht nur vom Zeitpunkt her. Es überrascht auch deswegen, weil sich die Verkäufe der Halbleiter- und Zulieferer-Aktien nicht im Nasdaq 100 widerspiegelten. Da liefen die seit Beginn des laufenden Quartals durch die Decke gekauften Aktien dieses Sektors weiter wie geschnitten Brot. Ein Alleingang am deutschen Markt in Bezug auf einen Favoritenwechsel? Das wäre ungewöhnlich. Ungewöhnlich genug, um es sicherheitshalber mal als fraglich einzuordnen. Die Frage ist aber:
Könnte das in den USA nicht dennoch auch so kommen? D.h. könnte man in Europa – denn Abgaben bei Gewinnern und Käufe bei Verlierern sah man gestern auch an anderen Eurozone-Börsen – ausnahmsweise mal den Frontrunner stellen?
Da müsste man sich erst einmal die Argumentation ansehen, die dahinterstehen könnte. Und auch, wenn man weder erwarten konnte noch wirklich zu sehen bekam, dass eine große Adresse sich hinstellt und für alle zugänglich erläutert, warum man jetzt das Gegenteil dessen tun will, was man zuvor monatelang bis zum Exzess betrieben hat, ließe sich eine denkbare Basis für diese Kursbewegungen herleiten.
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Expertenmeinung: Am Montagabend nach US-Handelsende meldete der Laufwerk-Hersteller Seagate Technology sein Quartalsergebnis. Das weniger interessant war als die Aussagen in Bezug auf den Ausbau von Produktionskapazitäten, den viele vermutlich als ebenso sicher wie zwingend eingeordnet haben dürften. Doch Seagates Chef erklärte, dass der Bau neuer Fertigungsstätten womöglich zu lange dauern würde, um so rechtzeitig fertig zu werden, dass man die gestiegene Nachfrage noch würde bedienen können, und man danach womöglich mit Überkapazitäten dastehen würde.
Das könnte manche daran erinnert haben: Der KI-Boom und alles, was in Sachen Bau von Rechenzentren und Halbleiter-Nachfrage mit dranhängt, ist endlich. Und man kann sich auf dem Level, das so manche Halbleiteraktie mittlerweile erreicht hat, nicht sicher sein, ob man nicht nur nicht bereits alles an kommendem Wachstum schon eingepreist hat, sondern womöglich schon zu viel davon. Daher wären Gewinnmitnahmen bei den aktuellen Hausse-Zugpferden und das Einsammeln von wegen dieses „Hypes“ womöglich überzogen stark verkauften Software-Titeln durchaus schlüssig … aber:
Ob das eine Eintagsfliege wird oder ein neuer Trend, ist noch offen. Vielleicht aber nur bis morgen, denn heute Abend nach US-Handelsende werden die Quartalszahlen vom KI-Schlüsselunternehmen Nvidia erwartet. Wenn man auch da einen Ausblick sehen sollte, der weniger Expansion avisiert als gedacht, und die US-Trader mitziehen und ebenfalls ihre Chip-Lieblinge zu verkaufen beginnen, dann könnte ein neuer Trend daraus werden. Und das könnte dann auch die Aixtron-Aktie von ihrem hohen Ross holen.
Denn mit einem Kurs-/Gewinn-Verhältnis von sagenhaften 72 auf Basis der derzeitigen Konsens-Gewinnschätzung für 2026 ist die Aktie des für die Chipindustrie fertigenden Anlagenbauers extrem teuer. Um das aufrechtzuerhalten, muss es zwingend in den kommenden Monaten Belege für einen KI-induzierten Nachfrageboom bei Halbleitern geben, der über die derzeitigen Annahmen hinausgeht. Wenn es nicht so käme, hätte der Aixtron-Kurs einiges an Korrekturpotenzial. Achten Sie da vor allem auf die die Bullen leitende 20-Tage-Linie bei momentan 48,26 Euro und die Februar-Aufwärtstrendlinie, die aktuell um 43,50 Euro verläuft. Würden diese Linien klar und auf Schlusskursbasis unterboten, wäre darunter erst einmal viel Luft, bis sich wieder taugliche Supportlinien anbieten würden.




