Wenn Dividendenaristokraten unter die Räder kommen, könnte es sich lohnen, genauer hinzusehen. Wenn ein Rekordergebnis erwartet wird, gilt das umso mehr.
Vom Traditionskonzern zum modernen MedTech-Player
Abbott Laboratories gehört zu den weltweit größten Pharmakonzernen. Das Unternehmen erforscht, entwickelt, produziert und vertreibt Gesundheitsprodukte. Der Fokus liegt in den Bereichen Generika, Herz- und Kreislauf, Diabetes, chronische Schmerzen, Diagnostik und Nahrungsergänzung.
In seiner heutigen Form besteht das 1888 gegründete Unternehmen seit 2013. Damals wurde ein bedeutender Teil des Geschäfts unter dem Namen AbbVie eigenständig an die Börse gebracht.
Der Konzern operiert in vier Segmenten: Medical Devices (Medizintechnik), Established Pharmaceuticals (Pharmazeutika), Diagnostics (Diagnostik) und Nutrition (Nahrungsergänzung).
Medizintechnik ist der größte Geschäftsbereich. Das wichtigste Produkt ist FreeStyle Libre, ein Glukosemesssystem für Diabetiker, das den Blutzucker per Sensor auf der Haut in Echtzeit überwacht.
Das Gerät ist ein weltweiter Bestseller und hat Abbott in den letzten Jahren zum ernsthaften Konkurrenten von Dexcom gemacht. Daneben produziert Abbott Herzklappen, Elektrophysiologie-Katheter für Vorhofflimmern sowie Geräte zur Herzinsuffizienz-Behandlung.
Die Diagnostiksparte ist das zweite große Standbein. Abbott stellt Laborgeräte her, die in Krankenhäusern und Kliniken täglich Blutbilder, Immunoassays und molekulare Tests verarbeiten.
Seit über 100 Jahren zuverlässig
In den zurückliegenden zehn Jahren konnte der Umsatz von 20,85 auf 44,33 Mrd. Euro erheblich gesteigert werden.
Gleichzeitig hat sich die Profitabilität verbessert, die operative Marge kletterte von etwa 14,5 % auf knapp über 18 %.
Der Gewinn kletterte von 2,20 auf 5,15 USD je Aktie.
Die Dividende wurde in dieser Zeit von 1,04 auf 2,36 USD je Aktie erhöht. Die Historie stetig steigender Ausschüttungen ist aber weitaus länger. Das Unternehmen zahlt seit mehr als 100 Jahren durchgängig eine Dividende und hat die Ausschüttung mehr als fünf Jahrzehnte hintereinander erhöht.
Im Geschäftsjahr 2025 konnte der Gewinn um 10 % auf 5,15 USD je Aktie gesteigert werden.
Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres hat sich der positive Trend fortgesetzt.
Der Gewinn lag mit 1,15 USD je Aktie knapp über den Erwartungen von 1,14 USD. Mit einem Umsatz von 11,16 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 11,0 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Eine Sparte enttäuscht, drei liefern ab
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 4 % und einem Anstieg des Gewinns um 6 %.
Das Wachstum steht auf einer breiten Basis. Im Segment Medical Devices konnte der Umsatz um 9 % auf 5,5 Mrd. USD gesteigert werden. Diagnostics verzeichnete ein Plus von 2 % auf 2,2 Mrd. USD und Established Pharma konnte um 9 % auf 1,4 Mrd. USD zulegen. Einzig Nutrition verzeichnete einen Rückgang um 8 % auf 2,0 Mrd. USD.
Im laufenden Geschäftsjahr wird ein Anstieg des Gewinns um 6 % auf 5,48 USD je Aktie erwartet, was ein Rekordergebnis wäre.
Das steht in einer klaren Diskrepanz zur Kursentwicklung.
Es gibt zwar Gründe für den Abverkauf, doch dieser scheint übertrieben zu sein. Der erste Schlag kam im Februar. Nach den Zahlen zum Schlussquartal verlor die Aktie knapp 10 % an Wert, da das Ernährungssegment die Erwartungen verfehlt hat.
Auf Konzernebene wurden die Erwartungen jedoch übertroffen. Das Argument ist daher fragwürdig.
Hinzu kam eine FDA-Meldung vom 4. Februar zu FreeStyle Libre 3, nachdem Abbott 860 schwere Verletzungen und sieben Todesfälle im Zusammenhang mit einem Rückruf des Geräts gemeldet hatte.
Das sind äußerst unerfreuliche Nachrichten und schlechte Schlagzeilen, die natürlich Druck auf den Kurs ausüben. Mittelfristig sollte das Thema jedoch kaum von Bedeutung sein.
Wenn Stimmung wichtiger wird als Fakten
Als weiteres Argument führen die Bären die Übernahme von Exact Sciences für 23 Mrd. USD an, die im März 2026 abgeschlossen wurde.
Der Zukauf erhöht die Verschuldung und drückt kurzfristig den Gewinn. Das ändert aber nichts daran, dass der Gewinn in diesem Jahr dennoch auf ein neues Rekordniveau steigen dürfte.
Darüber hinaus verschafft Exact Sciences, das Unternehmen hinter dem Cologuard-Darmkrebstest, Abbott direkten Zugang zum Markt für Krebsfrühdiagnostik. Gleichzeitig arbeitet Abbott an seinem eigenen Multi-Krebs-Früherkennungstest namens CancerGuard.
Unter dem Strich ist die Gesamtsituation bei Abbott typisch für die Börse. Erst ist der Chart angeschlagen und das Sentiment der Anleger bereits angekratzt.
Es wird aktiv nach dem Haar in der Suppe gesucht, das sich natürlich auch finden lässt.
Dann kommt es nach eigentlich guten Quartalszahlen zu einem Abverkauf, woraufhin das Sentiment komplett kippt.
Anschließend sinkt der Kurs ohne Neuigkeiten weiter – siehe die Entwicklung seit Anfang März.
Ausblick und Bewertung
Die Tatsache, dass das Unternehmen ein Rekordergebnis einfahren könnte, wird ignoriert. Stattdessen konzentriert sich die Börse auf Probleme in einer von vier Konzernsparten, als wäre es nicht das Normalste der Welt, dass nicht alles immer reibungslos und perfekt laufen würde.
Wer durch diesen Schleier blickt, könnte in einen stark diversifizierten defensiven Pharmawert investieren, der seit mehr als 100 Jahren eine Dividende zahlt und trotz einer schweren Übernahme vergleichsweise erstaunlich geringe Schulden hat.
Vor der Übernahme von Exact Sciences hatte Abbott etwa 13 Mrd. USD Schulden und fast 9 Mrd. USD Barmittel.
Abbott wird aktuell mit einer forward P/E von 17,5 bewertet, was im Branchenvergleich und in Anbetracht der vorliegenden Wachstumsraten wenig zu sein scheint.
In den letzten fünf Jahren lag die P/E durchschnittlich bei 25.
Sollte die Bewertung wieder auf dieses Niveau steigen, entspräche das einem Kursziel von 137 USD.

Abbott ist zur zentralen Unterstützungszone der letzten Jahre zurückgekommen und scheint dort auf Interesse zu stoßen.
Gelingt jetzt ein Anstieg über 100 USD, könnte das eine Erholung in Richtung 106 oder 112 USD einleiten.
Fällt die Aktie jedoch unter 95 USD, muss mit weiteren Kursverlusten in Richtung 90 USD gerechnet werden. Darunter würde sich das Chartbild weiter eintrüben.
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