Es gibt Phasen, an denen man sich als Trader ernsthaft langweilt, weil irgendwie so gar nichts los ist, nirgendwo. Und es gibt Phasen wie jetzt, in denen man seine Augen idealerweise überall haben müsste. Und das rund um die Uhr. Phasen, in denen es zu Kurslücken und rasanten Bewegungen in beide Richtungen kommt und der Nachrichtenticker jederzeit die Kurse massiv bewegende Signale auswerfen kann. Was tut man in solchen Situationen?
Ich vermute, aus der Erfahrung dessen, wie andere mir bekannte Akteure ebenso wie ich selbst in solchen Phasen reagiert haben, dass viele sich zunächst sagen werden: Dann muss man eben am Ball bleiben, die Kurse intensiver beobachten und kurzfristigere Trades durchführen. Aber dabei dürfte man eher früher als später feststellen: Das geht so nicht. Weil?
Nonstop am Ball bleiben? Besser gar nicht erst versuchen!
Weil die Märkte 24 Stunden rund um die Uhr laufen, bei „Kryptos“ sogar über das Wochenende hinweg. Weil die entscheidenden „News“ mehrheitlich aus den USA kommen und damit oft zu Zeitpunkten, an denen man hierzulande nicht nur schlafen sollte sondern, nach ein, zwei fast durchwachten Nächten, schlafen muss. Weil man Ruhephasen braucht, um konzentriert entscheiden zu können und sie in einem Umfeld wie diesem nicht bekommt. Natürlich passiert in so mancher Nacht nichts von Bedeutung. Aber wir wissen ja dummerweise vorher nicht, in welchen.
Und dann wären da eben noch diese extremen Ausschläge, die sich binnen Sekunden abspielen, ohne dass man wüsste, was da genau gerade passiert ist. Bis man an die für eine starke Bewegung ausschlaggebende Nachricht herankommt, ist die Party normalerweise schon vorbei. Also wäre man gezwungen, ohne Kenntnis der Fakten einfach sofort mitzumachen. Aber keineswegs alle dieser Impulse halten vor, manche sind ruckzuck wieder eliminiert, bisweilen schneller, als man selbst seinen Stop Loss anpassen könnte.

Da hilft es auch nicht, das Zeitraster des eigenen Trading-Systems herunterzufahren und nötigenfalls auf 1-Minute oder gar auf 10-Sekunden-Basis zu agieren. Das kann eine Weile gutgehen. Am Ende aber tut es das nicht. Weil die eigene Konzentrationsfähigkeit endlich ist. Weil man unter einem solchen Druck nicht auf Dauer emotionslos handeln kann. Und weil die Rhythmen der Kursbewegungen vom Zeitraster her stetig wechseln, denn hier rühren extrem viele Köche in der Suppe herum. Mit unterschiedlichen Trading-Horizonten, unterschiedlichen Zielen und den verschiedensten Strategien. Fazit:
Sich heraushalten? Das wäre eine Lösung … aber das ist nicht zwingend nötig
Bei steigender Hektik am Markt selbst ebenfalls zwei Gänge hochzuschalten und zu glauben, gegen Endlos-Handelszeiten und ihre Folgen auf die eigenen Entscheidungen ebenso immun zu sein wie gegen völlig unvorhersehbare, plötzliche Ausschläge mit ebenso nicht vorhersehbarer Tragfähigkeit, wirkt „knallhart“, aber zumindest meine Erfahrung (und ich mache Fehler wie so etwas gerne mehrfach, um ganz sicher zu sein, ob es nicht vielleicht doch klappt …) zeigt mir: Am Ende ist man nicht nur weichgekocht, sondern auch ärmer.

Denn man kommt eben auf Dauer nicht dagegen an, dass andere, große Akteure über Systeme verfügen, die binnen Zehntelsekunden reagieren, die nie müde werden und über Trading-Gruppen, die sich ablösen können. Irgendwann sieht man das ein. Und je früher das passiert, desto weniger kostet einen diese Erfahrung. Also, was tun?
Sich in der „hohen Kunst des Wegbleibens“ üben? Das kann man so machen, es ist aber, ich hatte das im vergangenen Jahr schon einmal thematisiert, gar nicht so einfach. Denn man wird bei extremer Volatilität förmlich in dieses Getümmel hineingesaugt. Aber mir fällt in solchen Phasen immer wieder auf, dass man gar nicht mal zwingend neutral bleiben muss.
Segel reffen statt Anker werfen
Es kann oft besser sein, das gleiche zu tun wie ein guter Kapitän, wenn aus ruhigem Fahrwasser auf einmal ein Sturm wird: Nicht alle Segel setzen, um in der Hoffnung auf mehr Tempo einen fatalen Mastbruch zu riskieren, aber auch nicht Anker werfen und hoffen, der Sturm geht vorbei, sondern einfach so viele Segel raffen, dass man noch vorankommt, aber ohne die Gefahr, deswegen Schiffbruch zu erleiden, sprich:

Das eigene, gewohnte Trading-Tempo einfach beibehalten und schauen, wie man damit klarkommt. In Bezug auf den üblichen Zeithorizont, den man als Basis nutzt ebenso wie in Bezug auf das Trading-Volumen und die Frequenz. Auf die Idee kommt man (oder womöglich nur ich?) im ersten Moment alleine deswegen nicht, weil ein plötzlich hektisches Marktumfeld den Eindruck erweckt, dass man selbst zwingend und sofort ebenfalls schneller werden muss. Muss man aber bisweilen gar nicht.

Die hier gezeigten Charts stellen Beispiele für diese Sicht der Dinge dar. Sie sehen, dass die grundlegenden Strukturen trotz höherer Volatilität erhalten bleiben. Beim DAX dient die 200-Tage-Linie seit ihrem Unterschreiten als effektiver Widerstand: Sie ist also weiter relevant. Bei Silber sind die bislang die Hausse führenden gleitenden Durchschnitte auch jetzt entscheidende Supportlinien. Und bei Euro/US-Dollar „funktionieren“ die 20-Tage- und die 200-Tage-Linie als Orientierungspunkte genauso weiterhin wie die klassischen Unterstützungen durch untere und obere Wendepunkte.

Meiden Sie den Brandherd!
Wozu ich aus meiner eigenen Erfahrung indes raten würde: Meiden Sie den eigentlichen „Brandherd“, wo die Hektik am extremsten und die Abhängigkeit von irgendwelchen vor irgendwem irgendwann losgelassenen Sprüchen am höchsten ist, was für die aktuelle Situation hieße: Man kann überall einigermaßen sauber navigieren, wenn man den bisherigen Kurs, sprich seine Handelsstrategie, weiterverfolgt, aber nicht beim Ölpreis. Und wozu auch?
Es kann einem, ob man sich nun als Investor oder als Trader sieht, doch nicht darum gehen, immer da dabei zu sein, wo besonders viel los ist, sondern darum, einigermaßen zuverlässig und auf mittlere Sicht mehr Geld auf dem Konto zu haben als vorher. Und das erreicht man am besten, indem man sich nicht vom „Getümmel“ locken lässt, sondern da agiert, wo man nicht jeden Moment Gefahr läuft, zu kentern, weil das Tempo der Kursbewegungen einen selbst erst an und sehr bald über die eigenen Grenzen hinausbefördert. Ein wenig passt da der alte und immer wieder bewährte Spruch, den weise Altvordere in Hektik geratenen Youngstern zurufen: Mach langsam, dann geht’s schneller!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 14.03.2026 um 17:07 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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