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Börse aktuell

Börse aktuell: Nachrichten, Analysen und Einordnungen zur aktuellen Börsenentwicklung in Deutschland, den USA und an den internationalen Finanzmärkten. Hier erfahren Sie, was aktuell an der Börse geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet das Marktgeschehen und fasst wichtige Börsendaten, Marktentwicklungen und Börsenberichte für Sie zusammen. Mit Börse aktuell erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Börsennachrichten und Einordnungen zu aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie regelmäßig über die Entwicklungen an den Finanzmärkten. Welche Themen bewegen derzeit die Börse? Welche Ereignisse könnten in der kommenden Woche für Aufmerksamkeit sorgen? Und wie präsentiert sich das aktuelle Marktumfeld – eher von Bullen oder Bären geprägt? In unserer Kolumne ordnen wir die wichtigsten Börsenthemen, Marktdaten und Ereignisse der Woche ein und geben einen Überblick über Entwicklungen, die Einfluss auf den weiteren Börsenverlauf haben könnten.

Börse aktuell vom 24.-30.08.2026

Der „chinesische Patient“: Diesen Risikofaktor sollte man nicht ausblenden

von

24.08.2026 | 07:00 Uhr
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Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Man hätte es kommen sehen müssen. Aber man hat die Gefahr einfach ignoriert … um jetzt vor einem Problem zu stehen, das Lösungen einfordert, die aber niemand liefern kann. Was klingt, als ginge es um den Klimawandel oder die Schuldenkrise, beschreibt das, was man mittlerweile als das „chinesische Problem“ bezeichnen könnte.

Die Tendenz an den meisten Aktienmärkten weltweit weist seit Monaten wieder aufwärts. Der negative Faktor hoher Energiepreise und geopolitischer Spannungen wird durch die „Hypes“, die auf viele Anleger wie glitzernde Glasperlen wirken, übertüncht. Der feste Glaube daran, dass es reicht, einfach das zu kaufen, was die anderen auch kaufen, um sein Geld zu vermehren, ist daher bei vielen noch ungebrochen. Und wenn man diese so angenehme, weil einen zugleich jeglichen Kümmerns und Lernens enthebende „Strategie“ fährt, merkt man bisweilen nicht, dass der Treibsand, auf dem man steht, bereits bis zu den Knien reicht. Weil man ja nur nach oben, auf die nächsten Rekorde, schaut.

Würde man jedoch, weil man weiß, was ein Anleger können und tun muss, nach unten sehen, dann würde man dort als einen wichtigen Aspekt, der dabei ist, die Leichtfertigen ins Straucheln zu bringen, China vorfinden. China? Der Wirtschaftsgigant, der einen Rekord beim Export nach dem anderen markiert, soll ein Problem sein? Ja … und der Umstand, dass Chinas Exportvolumen stetig steigt, ist kein Beweis für das Gegenteil, sondern nur ein Effekt von Chinas Problemen. Und Donald Trump ist da beileibe nicht das größte.

Anderer Leute Fehler zu wiederholen und zu glauben, man kann es besser, endet oft gleich

Im Prinzip ließe sich der Kern der Misere auf diese immer wiederkehrende, wohl typisch menschliche Neigung zurückführen, dass man nur zu gerne glauben mag, dass etwas, das einem viel verspricht, früher aber woanders dramatisch schiefging, in diesem Fall ganz bestimmt gutgehen wird. Der Klassiker der Argumente ist in diesen Fällen: Aber das hier ist doch etwas ganz anderes! Ist es aber höchst selten. Und in Bezug auf Chinas jahrelangen Immobilienboom war es das eben nicht. Obwohl man am Beispiel der geplatzten US-Immobilienblase 2007/2008 ff. ein noch frisches Vorbild hatte, wie man es nicht machen darf, lief es am Ende genauso. Und es ging genauso schief.

Börse aktuell: Entwicklung ausgewählter chinesischer Immobilienaktien, 2017 - 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung ausgewählter chinesischer Immobilienaktien, 2017 – 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Zu viele hatten sich zu hoch verschuldet in dem irrigen Glauben, dass sich ihre Kredite durch einen rasanten Anstieg des Werts ihrer Immobilien quasi selbst zurückzahlen. Bis zum Punkt X, als ein groteskes Überangebot auf massiv überzogene Preise traf. Seither fallen die chinesischen Immobilienpreise. Doch jetzt will kaum einer noch kaufen, während die, die es zu viel zu hohen Preisen taten, auf immensen Schulden bei einem zugleich sinkenden Wert ihrer Kredit-Sicherheit sitzen.

Der in der vergangenen Woche veröffentlichte Konjunkturdaten-Korb für den Juli zeigt, dass dieser Abstieg der Immobilienpreise und damit für die, die sie besitzen, ihres Werts, einfach nicht endet. Im Juli lag der Preisindex des Immobilienmarkts 3,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats … und dieser Abstieg läuft bereits seit vier Jahren! Dass das in Kombination mit den Unsummen, die in den Boomjahren an Schulden aufgenommen wurden, auf den Konsum drückt, ist klar. Und so wundert es nicht, dass das Volumen des chinesischen Einzelhandelsumsatzes, das vor Corona noch regelmäßig Jahres-Wachstumsraten zwischen acht und über zwanzig Prozent auswies, im Juli nur noch mickrige 0,6 Prozent über dem Vorjahresmonat liegt. Aber eine hoch verschuldete Wirtschaft ist zum Wachstum verdammt, sonst könnte das Kartenhaus zusammenbrechen. Und an diesem Punkt kommt der Rest der Welt ins Spiel.

Exportflut aus China. Eine Art „Notwehr“, die keinem etwas bringt

Wenn die eigenen Leute nicht genug zum Wachstum beitragen können, müssen es eben andere tun. Und so wundert es nicht, dass Chinas Industrieproduktion im Juli zum Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent stieg (Juli-Daten für Deutschland und die USA gibt es noch nicht, aber im Juni stieg die US-Produktion um 1,1 Prozent, die deutsche ging zum Juni 2025 um 0,1 Prozent zurück), obwohl die Binnennachfrage mau ist. Man exportiert, was irgend geht, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Und da das einstige Hauptziel der Exporte in Form der USA durch Trumps Importzölle steiniges Terrain geworden ist, wird eben der Rest der Welt mit chinesischen Gütern geflutet. Damit haben die europäischen Unternehmen ein Problem.

Börse aktuell: Entwicklung chinesische Industrieproduktion in Prozent, 1995 - 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung chinesische Industrieproduktion in Prozent, 1995 – 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Denn da geht es eben nicht mehr wie vor 30 oder 40 Jahren um billigen Plastikkrempel, wenngleich es den auch noch gibt. Aber mittlerweile ist China im Hochtechnologiebereich eine große Adresse und in manchen Sektoren längst führend. Das Land, das europäische und US-amerikanische Konzerne so fröhlich als „Billig-Werkbank“ benutzt hatten, kann jetzt eben auch, was die europäischen oder US-amerikanischen Auftraggeber früher gezielt an Know-how daheim behielten.

Was sich diejenigen, die ihre Produktion nach China auslagerten, hätten denken können, aber ganz offenbar nicht wollten, weil ihnen das Hemd näher war als die Hose: „Jetzt produzieren wir in China billig und steigern so unseren Gewinn. Was in der Zukunft passiert, ist erst einmal egal, das lösen wir dann schon“, mag man damals gedacht haben. Nun, jetzt sind wir in dieser Zukunft von damals angekommen. Und als einzige Lösung scheint der Politik einzufallen, Chinas Importflut, wo möglich, auszusperren, um denen unter die Arme zu greifen, die mit ihrem „Outsourcing“ das Problem erst angestoßen hatten und jetzt selbst wenig mehr zu Lösungen beitragen können als zu lamentieren.

Zwar müsste all das, was China in den Rest der Welt verschifft, auch erst einmal verkauft werden. Und das klappt nur bedingt, wenn man die Berichte von großen Mengen an chinesischen Elektrofahrzeugen liest, die unverkauft auf Halde stehen. Aber der Druck auf die Unternehmen in Europa bleibt … und auch die US-Unternehmen können sich, trotz der Hürde höherer Importzölle für chinesische Waren, davon nicht freimachen, zumal:

Der Wachstumsmarkt China ist für viele Unternehmen zur „Problemzone“ geworden

Es geht ja nicht nur um das, was aus China auf unsere Märkte kommt. Es geht auch darum, was China aufgrund der angespannten Wirtschaftslage nicht aus dem Ausland importiert oder wenn doch, was nicht so nachgefragt wird wie früher. Vor zwanzig Jahren mag es noch zutreffend gewesen sein, dass man, wenn man in China gute Qualität kaufen wollte, tendenziell auf europäische, japanische oder US-Marken zurückgriff. Heute sind heimische Marken für chinesische Verbraucher sehr oft eine vergleichbar gute, bisweilen bessere und oft günstigere Wahl. Und so, wie sich die Sache insgesamt derzeit darstellt, scheint vielen Exporteuren aus Europa und den USA zu diesem Problem bislang nichts einzufallen.

Börse aktuell: Entwicklung USD/CNY, 2020 - 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung USD/CNY, 2020 – 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Dabei hat man momentan wenigstens noch den Vorteil, dass der chinesische Yuan gegenüber dem US-Dollar ebenso wie zum Euro sukzessiv fällt. Das erhöht die Gewinnspanne von in China verkauften Waren, zugleich sinkt die Gewinnspanne der verkauften chinesischen Güter in den USA und Europa, weil man beim Rücktausch der erlösten Summe für einen Euro oder einen US-Dollar durch den Wertverlust der eigenen Währung eben weniger Yuan erlöst als in früheren Jahren. Und man darf annehmen (da man in Peking imstande ist, den Außenwert der eigenen Währung gezielt mit zu beeinflussen), dass China so versucht, die Exportflut auf diesem Weg etwas „sanfter“ zu gestalten, um den Widerstand einzudämmen. Aber was, wenn die Lage dort nicht besser wird und man sich entscheidet, den Yuan wieder aufzuwerten, um wieder auf konjunkturelle Touren zu kommen?

China ist weltwirtschaftlich gesehen durch seine Immobilien-Misere ein Problem und ein Risiko für die kommenden Jahre. Zwar ist das „chinesische Problem“ wenigstens greifbarer und weniger unberechenbar als Donald Trumps Wirtschaftspolitik, könnte aber ähnlich gefährlich sein. Vor allem, weil sich ein Karren, der durch diese geplatzte Immobilienblase wirklich sehr tief im Dreck steckt, nicht einfach mit einem Fingerschnipp herausziehen lässt, was man auch daran erkennt, dass die zahlreichen Stimuli, die Peking angeschoben hatte, das Problem bislang nicht lösen konnten. Zumindest, wenn man einem Fehler nicht gleich den nächsten folgen lassen will … und immerhin das scheint man in China vom „amerikanischen Patienten“ der dortigen Immobilienkrise gelernt zu haben:

Noch vermeidet man monetäre Segnungen nach dem Gießkannen-Prinzip … noch.

Überschuldung und faule Kredite durch Unmengen an billigem Geld „wegzuspülen“, sprich Schulden mit noch mehr Schulden zu überdecken, ist eine blitzschnelle Lösung … aber mit potenziell dramatisch toxischen Langzeit-Folgen. Bei uns war es vor allem die sogenannte Euro-Krise, die das belegte. In den USA spielt man dieses Spiel jedoch weiterhin. Die Staatsverschuldung steigt fröhlich immer weiter, immer mal kurz unterbrochen durch die Show des Haushalts-Gezeters, um einen „Shutdown“ zu vermeiden, aber letztlich mit dem Plazet der gesamten US-Politik. Solange man sich über Anleihen noch Geld bei egal wem holen kann, tut man es ungehemmt … und nach genau diesem Prinzip agieren offenbar auch weiter viele US-Verbraucher. Denn dort ist die Verschuldung im privaten Sektor in den vergangenen fünf Jahren von gut zehn auf zuletzt 13,9 Billionen US-Dollar gestiegen. Eine beeindruckende Wachstumsrate, nur leider im falschen Bereich.

China versucht zwar, über Zuschüsse und Steuervergünstigungen auch direkt beim Verbraucher anzusetzen, tut das aber bislang weniger aggressiv und weniger nach dem Gießkannen-Prinzip, als man es ab 2008 in Europa und den USA gesehen hatte. Aber wir sollten uns besser nicht zu sicher sein, dass man diese Vorsicht aufrechterhält, wenn die Misere noch ein paar Jahre weitergeht. Und das kann sie, denn hohe Schulden bei einem zugleich schwindenden Wert der Immobilie und damit des wertvollsten Gutes, das die meisten Haushalte haben: Bei einer Klemme wie dieser könnte man leicht in eine Rezession rutschen.

Börse aktuell: Entwicklung Shanghai Composite Index und S&P 500, 2021 - 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Shanghai Composite Index und S&P 500, 2021 – 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Wegschauen heißt für Anleger, das Feuer aus den Augen zu lassen!

Die vermeidet man bislang durch die Exportflut und durch massive Anstrengungen beim technologischen Fortschritt. Aber beides erfreut den Rest der Welt eben in keiner Weise. Man wehrt sich dagegen, dürfte das in Zukunft wohl noch intensiver und aggressiver tun. Damit bleibt China für die Weltwirtschaft und letzten Endes dadurch auch für die Aktienmärkte weltweit ein Risikofaktor. Einer, den viele so gut wie nie und wenn, dann nur flüchtig wahrnehmen. Aber das Feuer unbeaufsichtigt zu lassen, war schon immer eine schlechte Idee!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.08.2026 um 9:37 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

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Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie über wichtige Entwicklungen an den internationalen Finanzmärkten. Ein Schwerpunkt unserer Berichterstattung liegt auf den großen Aktienindizes wie dem DAX sowie den US-Börsen mit Dow Jones, Nasdaq und S&P 500. Diese Indizes zählen zu den wichtigsten Barometern für die Börsenentwicklung weltweit. Darüber hinaus werfen wir einen Blick auf Aktien, die aktuell im Fokus der Marktteilnehmer stehen, und ordnen relevante Ereignisse an den Börsen ein. So erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Themen der Börse aktuell.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung an der Börse wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören unter anderem Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten sowie Unternehmensmeldungen börsennotierter Gesellschaften. Solche Informationen können sich nicht nur auf Aktienkurse auswirken, sondern auch auf andere Anlageklassen wie ETFs, Optionen oder Futures. Darüber hinaus reagieren häufig auch die Märkte für Anleihen und Rohstoffe auf wichtige Börsennachrichten. Daher beobachten wir neben der Börsenentwicklung auch Zinsen, den Ölpreis sowie den Goldpreis und ordnen diese Entwicklungen im aktuellen Marktumfeld ein.

Börse: Aktuelle Einordnungen zum Marktgeschehen

Neben Börsennews erhalten Sie auch Einordnungen, die dabei helfen können, das aktuelle Marktgeschehen besser zu verstehen. Die Börse setzt sich aus zahlreichen Märkten zusammen. Unterschiedliche Länder, Branchen und Finanzprodukte werden von verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Faktoren beeinflusst. Dadurch kann es schwierig sein, Entwicklungen und Trends an den Finanzmärkten umfassend zu verfolgen und einzuordnen. Mit Börse aktuell fasst unser Börsenexperte die wichtigsten Börseninformationen zusammen und gibt einen Überblick über relevante Themen und Entwicklungen der kommenden Börsenwoche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

17.08.2026
07:00 Uhr

An der Börse kann es sehr vorteilhaft sein, keine Meinung zu haben — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
DAX - Deutscher Aktienindex
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
SAP SE
Neutral
S&P 500 Index
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 16.08.2026 um 13:11 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Wenn man zu einem Thema keine Meinung hat, kann man auch keine Entscheidungen treffen: Diese Aussage klingt logisch, ist aber nicht zwingend und hilft nicht weiter. Denn Meinung und Fakten können auch weit auseinanderliegen, so dass Meinungen zu falschen Entscheidungen führen. Und an der Börse sind wir ja in der glücklichen Situation, etwas anderes für Entscheidungen nutzen zu können. Es müsste sich nur mal herumsprechen.

Über die Jahre bin ich von allen möglichen Leuten gefragt worden, was ich denn meine, wo wohl der DAX, der Dow Jones, Gold, Öl oder sogar der Bitcoin in einer Woche, einem Monat, gar am Jahresende stehen würde. Und ein ums andere Mal antworte ich: Keine Ahnung, ist mir auch egal.

Das sorgt in aller Regel für entrüstete Blicke. „Warum weißt du das nicht, du bist doch vom Fach?“ Eben, antwortet der genervte Zeitgenosse dann, und gerade weil ich die Börse kenne und verstehe, weiß ich, was man wissen kann und was nicht. Und wo X oder Y zu einem bestimmten Zeitpunkt notieren werden, kann man eben nicht wissen.

Bisweilen versuche ich dann zu erklären, warum das so ist (an dieser Stelle schon oft geschehen, siehe meine Kolumnen zum Thema Prognosen), manchmal auch nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass es eh keinen Sinn hat. Vor allem, wenn man aufgrund eines Folgesatzes erkennt, dass das Gegenüber die Börse nicht so recht durchdrungen hat: „Aber du musst doch wenigstens eine Meinung dazu haben!“

Nein, das muss ich nicht. Nicht, weil mir das zu anstrengend wäre. Wenn einem Börsianer zu oft etwas zu anstrengend ist, ist er bald aus dem Rennen. Sondern weil Meinungen weitaus mehr schaden als nutzen. Eigentlich nutzen sie, wenn man’s genau bedenkt, sogar in keinem Fall etwas, wenn es um die Kurse geht. Warum nicht?

Die persönliche Marktmeinung als Entscheidungsgrundlage? Dünnes Eis.

Man kann, ja ich denke sogar, man muss sich mit den Rahmenbedingungen auskennen. Man ist gut beraten, Konjunkturdaten und Bilanzen zumindest im Groben verstehen zu können, wenn man Anleger ist. Auch, wenn man passiv vorgeht, indem man z.B. über Sparpläne Geld in Fonds oder ETFs investiert. Denn um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, ob man Geld dort abzieht oder frisches Kapital zuführt, sollte man schließlich wissen, was man da tut. Und dann kann man auch eine Meinung dahingehend haben, ob die Gesamtwirtschaft in einem guten oder schwachen Umfeld unterwegs ist, ob man einem Unternehmen weiteres Wachstum zutraut und ob bestimmte Sektoren und Branchen womöglich eine bessere Geldanlage wären als andere. Aber!

In dem Augenblick, wo die Meinung sich darauf erstreckt, wo die Kurse in ein, zwei, sechs oder mehr Monaten liegen werden und man diese eigene Meinung als Entscheidungsgrundlage nutzt, wird die Sache kontraproduktiv. Denn das kann realistisch betrachtet niemand wissen. Nun wird mir auf diese Aussage hin gerne entgegengehalten, von Außenstehenden ebenso wie von denen, die ihr Erspartes bereits investiert haben: Ohne Meinung kannst du doch nie entscheiden, ob du jetzt kaufen oder verkaufen müsstest.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 und Subindex Halbleiter & Halbleiter-Ausrüster und S&P 500, Januar - August 2026, Meinungen zu Halbleiter-Branche bestimmen Subindex | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung S&P 500 und Subindex Halbleiter & Halbleiter-Ausrüster und S&P 500, Januar – August 2026, Meinungen zu Halbleiter-Branche bestimmen Subindex | Quelle: marketmaker pp4

Doch, das kann ich. Nur nutze ich dafür die Kurse selbst und keine subjektive Meinung darüber, warum die Kurse dies oder jenes tun und was das für die Zukunft bedeuten wird. Täte ich Letzteres, wäre es mir zwar ein Leichtes, mir bei einer Verlustposition die Meinung zuzulegen, dass es sich nicht lohnt auszusteigen, weil der Kurs ohnehin in Kürze wieder in die richtige Richtung laufen wird. Aber das wäre eine komplett subjektive Meinung, aus Wunschdenken geboren. Und ich würde große Gefahr laufen, den Selbstbetrug nicht einmal zu bemerken.

Und das gleich dazu geschrieben: Ich bin mit dieser Haltung nicht geboren worden. Ich habe in Sachen „Marktmeinung“ eine Menge Fehler gemacht. Und nicht nur einmal. Aber zurück zum Punkt:

An der Börse machen nicht Fakten Kurse, sondern die Kurse formen die Fakten

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass eigentlich klar negative Daten oder Nachrichten im Nachhinein medial positiv eingeordnet werden, weil die Börsen daraufhin gestiegen sind, statt zu fallen? Nehmen wir nur als ein Beispiel von vielen die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten. Stellenverluste statt neue Jobs, die Zahl der neuen Arbeitsstellen der beiden Vormonate nach unten korrigiert … das ist in keiner Weise positiv. Aber die US-Aktienindizes stiegen. Hier wurde „erklärt“: Die Anleger reagierten erfreut auf diese Zahlen, weil sie dermaßen schlecht waren, dass die US-Notenbank es nicht wagen könne, die Leitzinsen anzuheben.

Das war in der Tat wohl das Motiv. Aber es war kein schlaues. Sicher, wenn einem das Hemd näher ist als die Hose, könnte man sich sagen: Für den Moment sind höhere Zinsen vom Tisch. Aber davon abgesehen, dass höhere Leitzinsen die Ursache des Inflationsaspekts in Form hoher Ölpreise als Folge geopolitischer „Abenteuer“ nicht lösen würden und Zinserhöhungen daher in der Tat derzeit eher schaden würden, geht diese „Meinung“ am eigentlichen Problem vorbei:

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, KW 32-33, Freude über "bad news" | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, KW 32-33, Freude über “bad news” | Quelle: mrketmaker pp4

Der US-Arbeitsmarkt sieht schlecht aus. Mehr und mehr Arbeitnehmer, dort wie auch bei uns, müssen sich Sorgen darüber machen, ob sie in ein, zwei Jahren noch genug Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Wer sich solche Gedanken machen muss, neigt dazu, sein Geld zusammenzuhalten. Und das bremst das Wirtschaftswachstum und in dessen Folge die Unternehmensgewinne. Das passiert zwar dann auf einer mittelfristigen Ebene und nicht übermorgen. Aber diese durch solche Daten manifestierte Gefahr geht eben unter, wenn Medien schlechte Konjunkturdaten als bullisch für die Börse einordnen.

Dieses Beispiel sollte zeigen, dass an der Börse oft die Reaktion der Kurse dazu führt, dass man Fakten entsprechend an diese Reaktion anpasst. „Etwas Negatives sorgt für steigende Kurse? Dann müssen wir schauen, wie wir das entsprechend kommentieren, damit das logisch klingt“. Da machen dann die Kurse die Fakten, nicht umgekehrt. Nicht gut, denn:

Meinungen werden von wenigen „gemacht“ … und von vielen übernommen

Wenn etwas gut klingt, wenn eine „Marktmeinung“ genau meinen Erwartungen und Wünschen entspricht … schaue ich da noch lange unter Teppiche und hinter Vorhänge, ob ich diesem Braten auch trauen darf? Eher nicht, oder? Man glaubt gerne etwas unbesehen, wenn einem genau das erzählt wird, was man hören möchte.

Anfang 2000 war man ein Nestbeschmutzer, wenn man als Börsenjournalist wagte, die Gefahren der Internetblase aufzuzeigen. Die Subprime-Blase sei keine Gefahr für Weltwirtschaft und Börse, hieß es 2008 von Politikern, Banken und so manchem angeblichen Experten. Die Inflation gehe einfach von allein wieder weg, behaupteten nicht nur viele Notenbanken, sondern auch Banken und Analysten Ende 2021/Anfang 2022. Die Liste ließe sich fortsetzen. Doch diese so wunderbar klingenden Meinungen waren falsch. Und das hätte man nicht nur wissen können, sondern müssen.

Börse aktuell: Entwicklung DAX und Inflationsrate Deutschland, 2018-2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX und Inflationsrate Deutschland, 2018-2026 | Quelle: marketmaker pp4

In solchen Fällen können zwei mögliche Ursachen naheliegen. Entweder diejenigen, die solche Meinungen verbreiten, haben keine Ahnung von ihrem Geschäft. Oder sie haben im Gegenteil sehr viel Ahnung davon und könnten die vielen wenig fachkundigen Anleger gezielt beeinflussen.

Denken wir daran, dass kaum ein Unternehmen, das an die Börse geht, erklären würde: „Wir haben uns finanziell so sehr verhoben, dass wir jetzt euer Geld brauchen“. Nein, das liest man natürlich kaum. Man will die Allgemeinheit am Erfolg teilhaben lassen, denn jetzt werde das große Wachstum erst richtig losgehen … so klingen die Aussagen vor einem Börsengang schon eher.

Denken wir auch daran, dass, wer Fonds und ETFs anbietet, dadurch Geld verdient, dass die Anleger ihr Erspartes dorthin leiten. Selbst, wenn die Entscheider bei solchen sogenannten „institutionellen Investoren“ beim Gedanken an die kommenden Monate graue Haare bekommen würden: Würden die Ihnen offen sagen, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn Sie als Anleger Ihr Geld vorübergehend auf dem Konto in Sicherheit bringen und erst einmal nicht zukaufen?

Nein, Optimismus ist nötig, um das Feuer der Finanzindustrie am Brennen zu halten. Optimismus ist das, was alle hören wollen. Also wird er geliefert und wird zur Basis der vielen Börsenmeinungen, die doch am Ende alle ein und dasselbe aussagen:

Die Kurse werden steigen. Wenn’s mal kippt, wird es schon gutgehen. Und wenn es mal stürmischer wird, sagt man sich: Naja, ist gerade nicht so schön, aber langfristig, da steigen Aktien ja immer.

Übernommene Meinungen sind am Ende auch übernommene Entscheidungen

Das hat für das Verhalten vieler Anleger unmittelbare Konsequenzen. Viele kaufen nonstop zu, egal, wie sich das Umfeld darstellt. Die Wenigsten steigen aus, wenn Aufwärtstrends brechen, sondern kaufen in fallende Kurse immer weiter.

Ja, Sie hätten im Prinzip Recht, wenn Sie jetzt einwenden würden, dass das ja auf lange Sicht nichts ausmacht und man in fallende Kurse hinein für das gleiche Geld dann mehr Anteile eines Fonds oder ETFs bekommt. Dadurch betreibt man eine Art „Averaging“, was langfristig durchaus klug sein kann. Aber es gab so manche Phase, in der „langfristig“ in Sachen Wiedersehen mit dem Einstiegskurs länger dauerte, als viele sich das so dachten. Und man könnte ja schließlich trotz alledem weitaus besser fahren, wenn man zeitgerecht bei einem Trendbruch aussteigt und zurückkauft, wenn die Aufwärtswende gelungen ist.

Was aber nicht so einfach ist, wenn man eine von außen übernommene, dauer-optimistische Meinung hat, die das eigene Handeln entscheidend beeinflusst und man zugleich wenig bis gar nichts von der Materie versteht, weil es einfacher ist, gut klingende Meinungen zu übernehmen, als das Anleger-Handwerk wirklich zu erlernen. Ich kann jedem nur dazu raten, das mit dem Börsen-Grundwissen zügig nachzuholen, wenn es nicht vorhanden ist. Denn dann kann man sich zum Umfeld eine eigene und auch fundierte Meinung bilden. Und man versteht eher, warum es nicht weise ist, diese Meinung auch auf das unmittelbare Kursverhalten und damit auf Kauf- und Verkaufsentscheidungen auszudehnen.

Börse aktuell: Entwicklung SAP, Januar - August 2026, Meinung in Bezug auf KI bestimmt den Chart | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung SAP, Januar – August 2026, Meinung in Bezug auf KI bestimmt den Chart | Quelle: marketmaker pp4

Das „Ist“ zählt, nicht ein „müsste aber“

Denn was die Kurse tun werden, ist nicht vorhersehbar. Selbst, wenn es den „homo oeconomicus“ wirklich gäbe, der permanent logisch auf Basis aller vorhandenen Daten und Fakten handelt: Das wären extrem wenige. Die Masse handelt aus dem Bauch heraus, emotional. Und Emotionen lassen sich nicht einfangen oder in Stärke, Richtung und Zeitpunkt vorhersagen. Hinzu kommen die nicht vorhersehbaren, externen Impulse wie z.B. der Angriff auf den Iran oder Corona. Wenn man sich dessen bewusst wird, versteht man, dass man sich irgendwelche Meinungen dazu, wo egal welches Asset zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft notieren wird, an den Hut stecken kann.

Ich schlage vor: Nutzen Sie die hervorragenden Tools, die Ihnen Chart- und Markttechnik bieten. Sie orientieren sich am „Ist“, an dem, was die Kurse hier und jetzt tatsächlich tun. Und da viele rein technisch agierende Trader und Handelsprogramme das ebenfalls tun und die Trends entscheidend mitbestimmen, könnte man damit bessere Chancen haben, unter dem Strich mit der Börse Geld zu verdienen, als es über die Jahre langsam dahin schwinden zu sehen als Konsequenz starrer Meinungen darüber, was passieren sollte … aber oft eben nicht passiert.

„Meinungsoffen“ zu sein, ermöglicht einen objektiveren Blick auf die Kurse

Sich stur auf die Kurse zu fokussieren, ist nicht ganz so einfach, wie sich das hier schreibt, keine Frage. Auch ich werde immer wieder von mir selbst überrumpelt, indem ich manchmal trotz eines klaren Signals in meinem eigenen Handelssystem sage: „Nein, das wird ganz sicher nichts“ und deswegen nicht reagiere oder sogar gegen das Signal handele. Aber ich werde immer wieder zügig auf den Boden der Tatsachen gebracht, wenn ich sehe: Ja, eigentlich hätte dieses Signal nichts werden dürfen, wenn alle am Markt logisch agiert hätten … wurde es aber doch.

„Meinungsoffen“ auf Signale zu warten, die die Kurse einem liefern, hat schon seine Vorteile. Dauerpositionen im Depot, basierend auf der subjektiven Meinung, was zu geschehen hat, können die eigenen Entscheidungen korrumpieren, vor allem, wenn man bereits in der Verlustzone festhängt. Frische Signale nutzen und umgehend aussteigen, wenn sie nicht mehr gelten, ist da deutlich einfacher vom Umgang. Ich für meinen Teil habe zu fast allem eine Meinung … aber nicht zu dem, was mit den Kursen passieren wird. Nicht, weil ich mich mit der Börse nicht auskenne, sondern weil ich es tue!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

10.08.2026
07:00 Uhr

Der Treibstoff einer Hausse: Fakten sind gut, Hoffnungen sind besser — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
DAX - Deutscher Aktienindex
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 09.08.2026 um 20:28 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Es ist bemerkenswert, dass Kaufwellen insbesondere am Aktienmarkt dann besonders intensiv und weitreichend ausfallen, wenn sie nicht auf Fakten, sondern auf großen Hoffnungen basieren. Das wirkt absurd, ist aber erklärbar.

Denken wir über die aktuell zwar in einer Korrekturphase befindliche, aber deswegen noch nicht zwingend beendete Hausse der Halbleiter-Aktien nach, so ließe sich behaupten, dass man da auf Basis von Fakten agiert, denn Umsätze und Gewinne der meisten dieser Unternehmen sind zuletzt erheblich gestiegen. Das stimmt so weit durchaus, aber:

Die Dimension der zuletzt erreichten Kursgewinne bildet nicht ab, was bereits schwarz auf weiß in den Bilanzen steht. Sie nimmt vorweg, dass sich dieses Wachstum nicht nur fortsetzen, sondern intensivieren wird … und damit nimmt man eine Zukunft vorweg, die man sich erhofft, die aber, wie das mit der Zukunft nun einmal so ist, in keiner Weise sicher ist. Das ist gewagt, in manchen Ausprägungen sogar halsbrecherisch. Aber dieses Phänomen ist nicht neu, sondern taucht immer wieder auf. Die Frage ist: Was steckt dahinter?

Die Börsen haben ihre ganz besondere „Logik“

Zu verstehen, warum etwas läuft, wie es läuft, kann nie schaden. Nur wenn man versteht, wie ein Motor funktioniert, weiß man auch die Zeichen zu deuten, wenn er beginnt, unrund zu laufen. Einfach ins Auto setzen und Vollgas geben – das geht, keine Frage, meist sehr lange gut. Aber wenn es am Ende eben doch schiefgeht, wäre man froh zu wissen, was zu tun ist. Das gilt für die Börse ebenso. Und meiner Erfahrung nach ist der Anteil derer, die sich vorher mit den Grundlagen beschäftigen, bevor sie loslegen, an der Börse ähnlich gering wie in Bezug auf Autos.

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2019 bis 2022 - Corona Phase | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2019 bis 2022 – Corona Phase | Quelle: marketmaker pp4

Und eigentlich sollte ja eine Art neugierige Skepsis entstehen, wenn man feststellt, dass Aufwärtstrends, die auf Basis von solidem Wachstum, einem ruhigen Umfeld und unter dem Strich konstant steigenden Unternehmensgewinnen und Dividenden beruhen, meist deutlich weniger spektakulär ablaufen als Kaufwellen, bei denen man am Markt auf etwas setzt, das erst noch eintreten müsste. Denn rein von der Ratio her ist das ja absurd. Aber deswegen ist die Sache nicht unlogisch. Dieses Phänomen basiert nur auf der ganz eigenen Logik der Börsen, bei der Fakten sehr oft von Emotionen und Notwendigkeiten verdrängt werden.

Berechtigte Zweifel als Treibstoff einer Kaufwelle?

Nehmen wir als Beispiel die Phase unmittelbar nach der Verkündung von Trumps Zöllen auf alles und für alle im Frühjahr 2025. Der folgende Chart zeigt, dass der DAX verblüffend schnell nicht nur die Verluste aufholte, die diese „Aktion“ des US-Präsidenten auslöste, sondern sogar über das vorherige Hoch stieg. Dabei hätte man nun wirklich keine Basis dafür gehabt zu glauben, dass diese US-Zölle der deutschen Wirtschaft mehr Wachstum bescheren würden. Zumal man sich ja in Expertenkreisen schon immer nahezu einig war und auch in diesem Fall ist: Zölle bringen nur Verlierer hervor; auch diejenigen, die sie verhängen, zahlen am Ende die Zeche mit. Wie also kann man diese Kaufwelle erklären?

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2022 bis 2026 - Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2022 bis 2026 – Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4

Es sind genau diese „berechtigten Zweifel“ der Mehrheit am Markt, die eine solche Kaufwelle auslösen. Das lief nach dem Corona-Crash, nach dem Angriff auf die Ukraine oder auch aktuell in Bezug auf den Iran-Konflikt genauso. Denn was denkt man sich, wenn ein Index wie der DAX in einem klar bärischen Umfeld auf einmal drastisch anzieht?

Der erste Gedanke ist, dass da nur einige Bären ihre leer verkauften Aktien eindecken, was zwar die Kurse nach oben zieht, aber nicht zugleich bedeutet, dass diese Bären damit automatisch zu Bullen werden … sie machen nur Kasse, weil sie ihre Kursziele erreicht haben, der Markt überverkauft ist und sie sich sagen: Lieber jetzt erst einmal die Position etwas reduzieren. Und in der Regel ist es auch genau das und nicht mehr, aber:

Wenn diese Gegenbewegung erste charttechnische Widerstände überwindet, springen rein charttechnisch agierende Trader und entsprechend ausgerichtete Handelsprogramme auf einmal auf einen Zug auf, den es rein von der Logik gar nicht geben sollte. Oft sind es im Getümmel erster Short-Eindeckungen überwundene Widerstandslinien, die Trader mobilisieren, die nicht nach dem „Warum“ fragen, sondern nur den Kursbewegungen folgen. Und die dadurch die Basis dafür verbreitern, dass eine Bewegung, die rational gesehen eigentlich nicht existieren dürfte, besonders intensiv wird, denn:

Manche wollen, andere müssen … das Phänomen der Kettenreaktion

Diejenigen, die sich bis zu diesem Punkt gedacht haben: „Das kann ja gar nichts werden“, geraten in eine emotionale Zwickmühle. Sie sehen das bestehende Risiko einer Rallye ohne Fakten, bei der die Hoffnung, alles werde schnell wieder gut und idealerweise noch viel besser, die Kurse treibt … und sehen eben auch, dass ihnen gerade die Kurse davonlaufen. Ich vermute, viele von Ihnen kennen das aus eigener Erfahrung: Irgendwann wird man „weich“ und steigt, mit flauem Gefühl im Magen oder nicht, doch noch ein.

Und dann gibt es ja noch die Fonds und ETFs, die gezwungen sind, zufließendes, frisches Kapital zu investieren. Bei ihnen geht es nicht darum, ob die Entscheider Käufe für eine gute Idee halten: Was an Geld hereinkommt, muss auch „arbeiten“. Und wenn genug Anleger, vom emotionalen Sog schnell steigender Kurse beeindruckt, reichlich Geld in diese Fonds und ETFs überweisen, müssen sie kaufen … und intensivieren und verlängern das Phänomen dadurch.

Aber wieso hält sich so etwas oft so verblüffend lange, obwohl sich die Lage gar nicht so entwickelt, dass die Hausse ein Fundament aus positiven Fakten nachgereicht bekommt?

Dauerhafte Unwiderlegbarkeit

Selbst wenn die Kettenreaktion des „Einsteigen-Müssens“ über die Bühne ist, geht eine solche Hausse oft noch weiter, siehe die Endlos-Aufwärtsbewegung, die der Nasdaq-100-Index in den Monaten nach Trumps „Zoll-Schock“ zeigte. Das liegt zu einem ganz wesentlichen Teil daran, dass eine Hoffnungs-Rallye eine für Bullen höchst praktische Eigenart hat: Man kann nie beweisen, dass etwas nicht kommen wird, auf das man hofft – es könnte ja irgendwann doch noch kommen.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100, 2024 bis 2026 - Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100, 2024 bis 2026 – Kaufwellen | Quelle: marketmaker pp4

Natürlich könnte man, wenn man die Sache rational angeht, in die Vergangenheit blicken und zahllose Fälle entdecken, in denen Hausse-Phasen, die auf reiner Hoffnung basierten, am Ende fatal endeten. Denken wir nur an die zahlreichen Aktien, die mit der Behauptung immer höher und höher stiegen, dass bestimmte, durch die Corona-Phase entstandene Wachstumsmärkte schnell und andauernd weiterwachsen würden, z. B. HelloFresh, Delivery Hero oder TeamViewer. Oder denken wir an Aktien von Unternehmen, die vor einigen Jahren durch die Post-Corona-Materialengpässe deutlich steigende Gewinnmargen verbuchten, etwa Sartorius oder Carl Zeiss Meditec. Sie alle wurden von einer Realität eingeholt, die den großen Erwartungen nicht entsprach. Aber!

Solange diese Hoffnungen nicht wirklich widerlegt werden, wirken sie. Und viele sind besonders dann bereit, daran festzuhalten, wenn der Markt noch steigt. Daher sieht so mancher massiv bullisch investierte Marktteilnehmer wohl auch jetzt noch ein ganz sicher bald kommendes Ende des Iran-Krieges als gutes Argument für neue Rekorde. Gerade weil sich das so lange hinzieht, funktioniert das noch. Das erinnert an die Möhre vor dem Esel, die ihn am Laufen halten soll.

Warum es z. B. 2003 und 2009 anders lief

Diese Kombination aus Emotionen, Kettenreaktionen und dem Aspekt, dass Hoffnungen nicht rational widerlegbar sind – denken Sie an den Dauer-Lottospieler, den der Gedanke, eines Tages den Jackpot zu holen, auch nach 50 Jahren noch in die Lottoannahmestelle treibt –, funktioniert aber nicht mehr, wenn Fakten bereits da sind … weshalb Aufwärtstrends, die nicht auf Hoffnungen und Fantasien, sondern auf einer realen Entwicklung basieren, meist deutlich weniger extrem ablaufen. Beispiel: das Jahr 2009.

Börse aktuell: Entwicklung DAX, 2007 bis 2010 - Platzen der Subprime-Blase | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung DAX, 2007 bis 2010 – Platzen der Subprime-Blase | Quelle: marketmaker pp4

Hier war es im Vorfeld nicht zu einem Sell-off gekommen, der blitzschnell ablief und durch etwas Unerwartetes ausgelöst wurde, wie es z. B. bei Trumps Zöllen deren groteske Höhe war. Hier lag vor der Aufwärtswende eine fünf Quartale dauernde Baisse von gewaltiger Dimension. Und es war zudem eine Baisse – auch das war entscheidend –, in der blinde Hoffnung bereits übel ausgegangen war. Denn viele dachten wirklich, dass die in sich zusammenfallende US-Immobilienblase bzw. die sogenannte Subprime-Blase kaum bis gar keine negativen Auswirkungen auf die Börsen haben würde. Hatte sie aber … und das deutlich heftiger, als selbst viele Experten vermutet hatten.

Die brutale Ernüchterung darüber, dass die Hoffnung, alles würde schon von allein wieder gut, ein Luftschloss war, hatte viele so hart getroffen, dass man auf die ersten Signale, die Lage könnte in den Griff kommen, kaum reagierte. Damals liefen die Kurse den Ereignissen eher hinterher, als sie vorwegzunehmen.

Beim Corona-Crash ging es im Unterschied zu diesem Beispiel viel schneller bergab, sodass die Zeit zwischen der vorherigen, von Optimismus geprägten Normalität am Aktienmarkt und der Rallye nach dem Crash so kurz war, dass eine tiefergehende Ernüchterung der meisten Investoren nicht entstehen konnte. Daher war es da leichter, die Hoffnung als Kurstreiber zu aktivieren als nach einer längeren Krise.

Irgendwann muss aber am Ende doch „geliefert“ werden

Aber irgendwann müssen die erhofften positiven Fakten dann eben doch nachgereicht werden. Wenn Sie noch einmal zum obersten Chart zurückgehen, der die Zeit des Corona-Jahres 2020 beim DAX abbildet, sehen Sie, dass diese Hoffnungs-Hausse im Herbst 2020 gerade dabei war, komplett zu kippen. Nur weil da mit dem von vielen positiv gesehenen Ausgang der US-Wahl und der Meldung über erste einsatzfähige Impfstoffe doch noch die nötigen „Good News“ kamen, drehte der DAX wieder nach oben.

Fazit: Eine Hausse, die auf großen Hoffnungen und mageren Fakten basiert, kann lange dauern und weit reichen. Aber nur, wer weiß, dass etwas, das endlos scheint, irgendwann eben doch ein Ende hat, ist imstande, sofort und konsequent von Bord zu gehen, solange es noch Gewinne gibt, die man mitnehmen kann.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

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