Wenn viele Anleger bei extremen Kursimpulsen verwundert den Kopf schütteln, taucht regelmäßig eine vermeintliche Begründung dafür auf: An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Die Kurse nehmen da nur vorweg, was morgen oder übermorgen sein wird. Wirklich, ist das so?
Eigentlich müssten wir es besser wissen. Nicht umsonst sagt man, dass man als Anleger stets in einem Umfeld der Ungewissheit agiert: Man muss Entscheidungen treffen, die sich kurzfristig als perfekt erweisen können, mittelfristig aber womöglich nicht. Einfach, weil sich die Welt immer weiterdreht und sich Dinge ereignen, die das, was heute sicher erscheint, morgen auf den Kopf stellen können.
Allein das bisherige Jahr 2026 war voller Ereignisse, die die Börsen erheblich beeinflusst haben, die aber in dieser Form nicht vorhersehbar waren. Beispiele:
Wer hätte an Neujahr behaupten können zu wissen, dass Mr. Trump den Iran angreifen würde und, wichtiger noch, dass sich diese Entscheidung zu einem bis heute ungelösten Problem für die gesamte Weltwirtschaft entwickeln würde? Wer hätte vorhersagen können, dass an den Märkten Ende Januar auf einmal die „KI-Angst“ in Bezug auf Software-Aktien ausgerufen würde? Dass Ende des ersten Quartals auf einmal die große Halbleiter-Hausse beginnen würde, obgleich man sich auch vorher schon denken konnte, dass die KI-Investitionen in diesen zu Jahresbeginn bereits in etwa absehbaren Dimensionen einen drastischen Nachfrageschub bei Chips auslösen würden?
Trotzdem wird behauptet, die Börse würde die Zukunft vorwegnehmen. Wie soll das gehen? Es geht … wenn man einfach unterstellt, dass das, was nicht vorhersehbar ist, eben doch vorhersehbar ist.

Ein Blick in die Zukunft ist überall zu haben
Aber ist es nicht absurd, so zu denken und zu handeln, wenn man es doch besser wissen müsste? Das ist es. Aber das hält viele nicht davon ab, es trotzdem zu tun. Wofür es durchaus Erklärungen gibt, ein Mysterium ist diese Verhaltensweise keineswegs. Der Hauptgrund liegt auf der Hand: Heute zu wissen, was morgen ist, ist ein äußerst gutes Gefühl, denn es gaukelt einem Sicherheit vor. Und weil sich so viele in allen Bereichen des Lebens wünschen, die Zukunft zu kennen, gibt es seit ewigen Zeiten eine ganze Industrie, die diesen Wunsch „bedient“.
Das beginnt bei Orakeln und Wahrsagern in der Antike, geht weiter mit Tarot, Kaffeesatz und Glaskugel bis hin zu Horoskopen und schlägt sich an den Börsen in Form von Prognosen für alles und jeden nieder. Wirtschaftsforscher sagen Wachstum und Inflationsraten für die kommenden zwei, drei Jahre voraus. Analysten schätzen Umsatz, Marge und Gewinn von Unternehmen nicht nur für das laufende Jahr, sondern für mehrere Jahre in die Zukunft. Banken und andere Geldverwalter setzen Kursziele für alles, ob es Aktienindizes, Rohstoffe oder Einzelaktien sind. Wer glauben möchte, dass die Zukunft ein offenes Buch ist, wird also überall prompt bedient. Doch die Sache hat einen Haken: Es funktioniert nicht.

Zu viele Unbekannte machen die „Gleichung Zukunft“ unlösbar
Sich hinzustellen und zu behaupten, dass sich, wenn X eintritt, Y ereignen wird, kann funktionieren, wenn wir von festen Rahmenbedingungen ausgehen, z. B. bei der banalen Erkenntnis: Wenn’s regnet, wird’s nass. Doch ob es nun um die eigene, persönliche Zukunft geht (morgen werden Sie eine Frau im roten Kleid treffen, die Sie dann heiraten werden … meiden Sie in dieser Woche Menschen mit blauen Mänteln … heute sollten Sie das Haus nicht verlassen, ein Unfall droht usw.) oder um eine Gewinnprognose für ein Unternehmen, ein Kursziel, das Wachstum eines Landes oder die Inflationsrate:
All das ist nicht von einigen wenigen, berechenbaren Parametern abhängig, sondern von unglaublich vielen. Das Wohl und Wehe der Wirtschaft hängt von politischen, geldpolitischen und fiskalischen Entscheidungen ab, vom wankelmütigen Verhalten der Verbraucher, bisweilen sogar von der Wetterentwicklung. Kommt es zu Dürren, Hurrikans und Überschwemmungen in vielen Teilen der Welt oder sehen wir ein Jahr mit wenigen Problemen, guten Ernten und freien Transportwegen? Das kann man vorher nicht wissen. Noch weniger vorhersagbar sind Unternehmensgewinne:
Kommt es zu einem massiven Nachfrageschub bei neuen Produkten oder werden einige davon ein Flop? Treffen die Vorstände kluge Entscheidungen oder treffen sie gravierende Fehlentscheidungen? Läuft die Versorgung seitens der Zulieferer reibungslos oder kommt es zu Engpässen? Tauchen Konkurrenzprodukte auf, die den Umsatz unter Druck setzen? Sind die Verbraucher am Ende jeder Produktionskette ausgabefreudig oder halten sie ihr Geld zusammen? Dass die Unternehmen eher selten Ausblicke über das laufende Geschäftsjahr hinaus geben und diese, wenn überhaupt, nicht als Prognosen, sondern als Ziele kommunizieren, ist folgerichtig. Dass Analysten dann trotzdem die Gewinne der kommenden zwei oder drei Jahre vorhersagen, nicht.

Orakel mit eingebauter Nachjustierung? Ein wenig fragwürdig, könnte man sagen
Deshalb kommt es auch andauernd zu „Anpassungen“ bei Prognosen. Kursziele werden immer wieder angehoben oder gesenkt, egal, ob es da um den Ölpreis, um Gold, einen Index oder um Einzelaktien geht. Notenbanken passen alle drei Monate ihre Prognosen für Wachstum, Arbeitsmarkt und Inflation an. Die Wirtschaftsforscher korrigieren solche Ausblicke ebenfalls regelmäßig. Und sie alle tun das nicht, weil ihre Modellrechnungen anzeigen würden, dass etwas in der Zukunft die Entwicklung verändern wird, sondern weil das, was bereits passiert ist, nicht mehr zu dem passt, was man vorhergesagt hatte. Was bedeutet:
Es ist der Blick über die Schulter, der Blick auf das Vergangene, der dazu führt, dass man den Blick nach vorne anpassen muss. Aber damit tritt man letztlich ja den Beweis an, dass die Zukunft eben doch ungewiss ist und man sie nicht so vorhersagen kann, dass man sich als Anleger auf eine Prognose verlassen könnte. Schlussfolgerung: An der Börse kann man die Zukunft nicht wirklich handeln, weil sie nämlich niemand kennt. Aber welche Art der Zukunft handelt man denn dann?

An den Börsen handeln die Akteure die Version der Zukunft, die sie gerne hätten!
Die eigene, durch persönliche Hoffnungen und den Depotbestand gebildete Version dessen, was kommen wird. Wir wissen ja, dass der Mensch immer den emotionalen Filter zwischen Fakten und den Kursen darstellt. Letztlich interpretiert jeder von uns neue Nachrichten ganz individuell, einige mehr, andere weniger. Und man neigt einfach dazu, Dinge auszublenden, die einem nicht in das persönliche Bild dessen, was sein soll, passen.
Wenn man dann noch überlegt, dass das Gros aller Anleger nur auf steigende Kurse setzt, sind die Weissagungen der Analysten, Banken, Notenbanken etc. Wasser auf die Mühlen der eigenen Hoffnungen. Man will, dass sich die Gewinne vergrößern, statt in Verluste umzuschlagen. Man will, dass alles nach Plan verläuft und man nicht immer wegen plötzlicher Veränderungen der Lage auf der Hut sein muss. Und da wir hier von der Mehrheit sprechen und diese ihre Erwartungen meist auch direkt umsetzt, entsteht hier der typische „Herdentrieb“ der Börsen. Man sieht, dass die Kurse steigen. Man sieht bullische Prognosen. Man folgert, dass diese Prognosen richtig sein müssen, sonst würden ja nicht alle kaufen. Also kauft man weiter, ohne den Rückschluss zuzulassen, dass dieser Kreislauf auch unter Ausschluss der Realität funktionieren kann … und es auch oft tut.
Doch die Zukunft tut eben selten genau das, was man von ihr erwartet, daher kommt es immer wieder zunächst zu massiven Übertreibungen (meist nach oben, aber bisweilen auch nach unten, wie die den Text begleitenden Charts zeigen) und dann zur Rückkehr auf den Boden der Tatsachen. Eine Rückkehr, die, wenn man sich zu sehr darauf verlässt, dass die Zukunft ein Wunschkonzert ist (und man zugleich nicht vorher eingeplant hat, wo der Punkt wäre, an dem es gilt, die Reißleine zu ziehen), schmerzhaft ausfallen kann. Was nicht sein muss.
Fazit: Mit dem „Jetzt“ fährt man besser!
Mit einer Welle mitzuschwimmen, ist grundsätzlich kein Fehler, wenn man weiß, wie man sie einschätzen muss. Wer als Anleger realisiert hat, dass all diejenigen, die einem einen Blick auf das Morgen servieren, in Wirklichkeit nur Vermutungen anzubieten haben, weiß auch: Das ist keine Leiter, auf der man stehen sollte. Dem Trend zu folgen und das mit absoluter Konsequenz, wäre die grundsätzlich sinnvollere Alternative, denn:
Man ist zwar mittendrin in der Herde derer, die wohlklingenden Prognosen folgen. Aber man gehört zu denen, die als Erste bemerken, dass ein Sturm aufzieht oder ein Abgrund naht. Dazu braucht es nicht mehr als einen aufmerksamen Blick auf das, was wirklich passiert, und das konsequente Money-Management eines jeden guten Anlegers, bei dem man den Basisregeln folgt: Den Kapitaleinsatz breit streuen, niemals auf Kredit traden und schon zu Beginn eines Trades eine Exit-Strategie bereithalten, die man den sich verändernden Kursen und Rahmenbedingungen, z. B. durch Stoppkurse, regelmäßig anpasst. Sicher, eine Glaskugel als zusätzliches Tool, das wäre eine feine Sache. Aber nicht, wenn sie eine Zukunft zeigt, die einem zwar gefällt, die aber in Wahrheit ganz und gar anders aussehen könnte.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 18.10.2026 um 21:59 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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