Sie sind gerade in aller Munde: Aktien aus dem Halbleitersektor gehen durch die Decke. Was daran auffällt: Diese Hausse ist ungewöhnlich extrem. Und sie läuft völlig abgekoppelt von den Rahmenbedingungen und den ohne diese Zugpferde stagnierenden Gesamtmärkten. Sollte man bei den Chips dabei sein … oder sind Positionen in diesem Sektor im Gegenteil eine Gefahr für das Depot?
Die Antwort ist nicht einfach „ja“ oder „nein“, weder in Bezug auf die Frage, ob man hier mit im Boot sitzen sollte noch hinsichtlich der Risiken, die diese Halbleiter-Hausse für den Gesamtmarkt und damit auch für das eigene Depot bedeutet.
Das ist keine Blase. Aber das heißt nicht, dass wir hier keine Übertreibung sehen
Grundsätzlich ließe sich festhalten: Diese Kaufwelle ist keineswegs so von der Realität abgekoppelt wie die Internet-Blase 1999/2000, als Leute sogar Neuemissionen kauften, von denen man nicht mal genau wusste, was diese Firmen eigentlich tun, nur, dass es irgendwas mit Internet ist. Man kann diese Chip-Hausse nicht einmal wirklich als Blase einordnen, weil hinter diesen steigenden Kursen durchaus handfest steigende Unternehmensgewinne und lukrative Perspektiven stehen. Selbst dann, wenn man daran zweifelt, dass die gigantischen Investitionen, die große Unternehmen in KI tätigen, am Ende wirklich mehr einbringen, als die Sache gekostet hat. Weil?
Weil der uralte Spruch schon seine Berechtigung hat: Bei einem Goldrausch sind es nicht die Goldsucher, die reich werden, sondern diejenigen, die ihnen die Hacken und Schaufeln verkaufen. Oder, in diesem Fall, denen, die Hunderte Milliarden für neue Riesen-Rechenzentren auf den Kopf hauen, die nötigen Chips liefern. Aber auch, wenn diese erhöhte Nachfrage durch bestehende Aufträge für sehr viele Halbleiter-Hersteller volle Auftragsbücher bedeutet und viele Zulieferer, von Wafern bis zu Produktionsanlagen, mit profitieren:
Das ist nicht nur keine Sache für die Ewigkeit … was weniger ein Problem wäre, wenn man rechtzeitig vor dem Wachstums-Peak bei seinen Chip-Aktien Kasse macht. Es ist trotzdem möglich, ja in Fällen wie diesen sogar typisch, dass die Käufer die Sache derart übertreiben, dass selbst eine normale Korrektur diese Aktien zweistellige Prozentbeträge kosten kann und dies die großen Indizes mitreißen würde, weil diese derart teurer gewordenen Aktien dadurch auch immer mehr Gewicht in den Indizes haben.
Eine Hausse auf einem Bein ist nun einmal instabil
Am Beispiel des Nasdaq 100 lässt sich dieses Risiko gut in den Zahlen ablesen. Der Index selbst hat auf seiner Rekordfahrt seit dem letzten Kurs des Jahres 2025 in der Spitze 17,5 Prozent zugelegt. Was für sich genommen schon ganz flott ist, aber umso krasser ist, wenn man bedenkt, dass das erste Quartal mit einem Minus endete. Vom Jahrestief, das einen Tag vor dem Quartalsende bei 22.841 Zählern erreicht wurde, beträgt die Performance sagenhafte 30 Prozent – in anderthalb Monaten! Und wer das entscheidend befeuert hat, zeigt der folgende Chart:

Dass der Nasdaq 100 (ähnlich sieht es übrigens beim TecDAX aus, der ebenso vom Halbleiter-Sektor nach oben gezogen wurde) vor allem von wenigen Aktien aus nur einem Sektor gezogen wird, zeigt sich daran, dass von den 100 Aktien des Index per Freitag 49 seit Jahresanfang ein Minus ausweisen. Und 65 Aktien liefen schlechter als der Index, während die Top 10 allesamt dem Halbleiter-Bereich zuzuordnen sind. Wenn diese Top 10 mit ihren bisherigen Jahres-Performances zwischen 70 und 500 Prozent mal „ausatmen“, bleibt beim Index kein Auge trocken. Und warum sollte das ausbleiben?
Wenn man sich überlegt, dass zuvor die „KI-Investoren“ wie wild gekauft wurden – d.h. Aktien wie Meta, Microsoft, Amazon oder Alphabet – und die jetzt zwar ebenfalls seit Beginn des zweiten Quartals wieder anziehen, aber, wie der folgende Chart zeigt, in der Jahresperformance unter „ferner liefen“ unterwegs sind, stellt sich die Frage, ob diese grundsätzlich durchaus begründbare Hausse der Halbleiter nicht auch … eher über kurz als über lang … eine Korrektur sieht. Zumal es ja nicht das erste Mal wäre, dass das passiert.

Man muss nicht in die Geschichtsbücher schauen, um zu sehen, was passieren könnte
Dazu müssen wir nicht die ollen Kamellen von 2000 auswickeln, man muss gar nicht so weit zurückgehen, um ein Beispiel dafür zu finden, dass „alle rein und das zu jedem Preis“ gerne mal richtig schiefgeht. Die nächste Grafik zeigt, was gemeint ist:

Als klar wurde, dass die Ausgaben für Verteidigung in Europa deutlich anziehen, wollten alle zugleich ins selbe Boot hinein. Dabei wurden Bewertungen bei mit dem Bereich Rüstung verbundenen Aktien erreicht, die jenseits aller Vernunft lagen, weil man sich eigentlich hätte denken müssen, dass a) nicht alle Rüstungsunternehmen gleich viel profitieren werden, dass sich b) diese Entwicklung Jahre hinziehen würde und c) in keiner Weise absehbar war, was am Ende wo wirklich geordert würde und wie sich das explizit auf Umsatz, Marge und Gewinn auswirken würde. Nur: Im Sog einer Hausse regieren Emotionen … vor allem die Gier … und nicht die Vorsicht – zumindest bei den vielen nicht, die da zu jedem Preis immer mehr kauften. Das Ergebnis zeigt dieser vorstehende Chart.
Auch das nächste Beispiel zeigt, dass, was wie eine sichere Sache wirkt, auf einmal keine mehr sein kann: Ebenso plötzlich, wie es den Marktteilnehmern vor anderthalb Monaten plötzlich einfiel, dass die Halbleiter ja vom KI-Boom profitieren müssten, fiel es ihnen scheinbar im Januar auf einmal ein, dass zuvor jahrelang wie geschnitten Brot laufende Software-Unternehmen durch KI unter Druck kommen würden. Unser folgender Chart zeigt drei typische „Opfer“ dieser aus dem Hut gezauberten Erkenntnis am deutschen Aktienmarkt über fünf Jahre … und zeigt auch, wann der KI-Hype begann.

Gibt es stichhaltige Argumente dafür, dass man in Bezug auf die Halbleiter mit „ja, aber das hier ist doch etwas ganz anders“ ausnahmsweise mal richtig liegen würde?
Fazit: Die Richtung passt, das Tempo und die Dimension bergen jedoch Gefahr
Nein, aus meiner Sicht nicht. Wie geschrieben: Dass die Halbleiterbranche derzeit ein perfektes Umfeld vor sich hat, in dem viele dieser Unternehmen vom Investitionsboom in KI profitieren können, ist absolut zutreffend. Aber diese Kaufwelle ist, wie oft, maßlos und führt dazu, dass Gewinnmitnahmen nahezu provoziert werden.
Und da vielen durchaus klar ist, dass sie umso auf dünnerem Eis tanzen, je heißer diese Aktien laufen, kann es leicht passieren, dass zu viele auf einmal einfach nur ein bisschen Kasse machen wollen, während ausgerechnet dann nicht allzu viele auf der Käuferseite stehen. Da kann es dann auch mal richtig zackig nach unten gehen … und das würde dann auch diejenigen nervös machen, die bislang glauben, da sei nach unten kein Risiko und Stoppkurse überflüssiger Tinnef.
Ja, Halbleiter-Aktien sind spannend. Und mittelfristig müssten die Hochs noch nicht unbedingt erreicht sein. Aber scharfe, auch sehr scharfe Korrekturen sind in einem Umfeld wie diesem jederzeit möglich. Das heißt zwar nicht, dass man, wenn man hier stark investiert ist oder auf die von den Chip-Aktien gezogenen Indizes setzt, automatisch auf einer tickenden Zeitbombe sitzen würde. Aber eine Falltür könnte das allemal sein, daher: Kein Übergewicht in Halbleitern in Bezug auf das Gesamtkapital … in markttechnisch überhitzten Phasen immer mal wieder ein bisschen Kasse machen, damit man nach kräftigen Korrekturen etwas hat, um zuzukaufen … und Stop Loss-Absicherungen für den „Fall eines Falles“: Das wäre hier auf jeden Fall dringend geraten!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 17.05.2026 um 16:28 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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