Vor zwanzig, dreißig Jahren war der MACD „der“ markttechnische Indikator schlechthin. Doch es ist ruhig geworden um dieses einstige Top-Tool in der Werkzeugkiste der technischen Trader. Hat er wirklich ausgedient? Oder muss man diesen Trendfolge-Indikator nur wieder neu entdecken?
Der MACD ist im Prinzip eine geniale Sache. Die Aufgabe dieses Indikators ist es zum einen, die Trendrichtung und Trendintensität anzuzeigen und zum anderen Signale auszugeben, wenn der Trend von einem Aufwärts- in einen Abwärtstrend und zurück wechselt. Eigentlich bietet der MACD also vieles von dem, was man sich als Trader wünschen kann.
Und wenn man sich einmal im folgenden Chart, der den DAX vor etwa 25 Jahren zeigt, dessen Signale ansieht, kommt man nicht umhin festzustellen: Diese Kauf- und Verkaufssignale lagen doch gar nicht schlecht. Trotzdem sieht man ihn heutzutage immer weniger. Woran liegt das?

Was genau ist der MACD?
Sehen wir uns erst einmal an, was genau dieser MACD eigentlich ist. Sein voller Name bietet bereits einen Hinweis: Moving Average Convergence Divergence. Es geht also um gleitende Durchschnitte und um deren Annäherung beziehungsweise deren Auseinanderlaufen. Das klingt schlau und ist es grundsätzlich auch. Der Aufbau des Indikators ist ein bisschen komplex, weshalb meine Erfahrung ist, dass viele, die diesen MACD benutzt haben oder benutzen, gar nicht so genau wissen, was da eigentlich passiert.
Ich denke, es kann nicht schaden, das genau zu verstehen, denn nur, wer weiß, womit er arbeitet, kann auch einschätzen, ob dieses Werkzeug für das eigene Trading geeignet ist oder nicht.
Der MACD setzt sich aus drei exponentiellen gleitenden Durchschnitten (EMAs) zusammen, im Folgenden kurz GDs genannt. Dabei kann man gleich vorausschicken: Für die klassische MACD-Einstellung gelten die Perioden 12, 26 und 9 – je nach gewähltem Zeitraster also Tage, Wochen, Monate oder auch Stunden. Welches Zeitraster man für den Basiswert, in unserem Fall den DAX, nutzt, ist dabei unerheblich: Die drei GDs des MACD beziehen sich immer auf das gewählte Zeitraster des Basiswerts.
Variationen, wie sie bei anderen Indikatoren vorkommen und oft auch Sinn ergeben, sind hier weniger üblich.
Zwei dieser GDs werden vom Kurswert her subtrahiert, und zwar wird der Kurslevel des GD 26 vom Kurslevel des GD 12 abgezogen. Diese Differenz wird als Linie, im folgenden Chart blau, abgebildet. Diese Linie wird MACD-Linie genannt.

Im Chartbild des MACD bedeutet ein Wert der MACD-Linie oberhalb der Nulllinie, dass der Kurswert des GD 12 über dem des GD 26 liegt, unter der Nulllinie liegt der GD 12 vom Kurslevel her unter dem GD 26. Dabei kommt der Aspekt „Covergence – Divegence“ insofern ins Spiel, als die Trendintensität als umso stärker unterstellt wird, je weiter die MACD-Linie von der Nulllinie entfernt ist.
Was aber für sich genommen noch keine Signale auslöst, die Signale besorgt der dritte GD. Da geht es um den GD 9. Und zwar, das ist entscheidend, ist das nicht der Neun-Tage-/Wochen-/Monate- etc.-GD des Basiswerts, sondern der 9-Tage-GD der MACD-Linie selbst. Und wenn dieser 9-Tage-GD, auch Signallinie oder Trigger-Linie genannt, gekreuzt wird, dann wirft der MACD damit ein bullisches oder bärisches Signal aus
Diese Signallinie einzubauen, war eine clevere Entscheidung, denn so erhält der MACD eine Glättung, die als Signalgeber durchaus sinnvoll ist. Und dadurch ist er auch reinen charttechnischen Trendlinien überlegen, die der MACD-Linie für sich genommen ähnlich wären, nicht aber, wenn man diesen „GD der Differenz zweier GDs“ zusätzlich ins Spiel bringt.
Dabei zeigt der oberste Chart: Die Signale, die der Indikator in der Zeit zwischen Herbst 2001 und Herbst 2002, in einer schwierigen Börsenphase, generierte, waren durchaus nicht schlecht. Warum also hat der MACD an Aufmerksamkeit eingebüßt?
Warum ist der MACD auf dem Abstellgleis gelandet?
Menschen ändern sich nie, die Börse also auch nicht, das ist ein Spruch, der ebenso zeitlos wie zutreffend ist. Aber das gilt nicht für die Art und Weise, wie sich die Kurse auf kurzfristiger Ebene verhalten. Die Schwankungsbreite der Kurse ist zwar heutzutage nicht zwangsläufig insgesamt größer als vor zehn oder zwanzig Jahren. Aber innerhalb der Kursranges entstehen Impulse tendenziell abrupter und sind unsteter. Das macht einem Indikator, der einen Trend indizieren soll, Probleme.
Und so sehen wir im folgenden Chart, dass man beim DAX mit den MACD-Signalen im bisherigen Verlauf dieses Jahres nicht gerade viel Freude gehabt hätte.

Der Grund für diese hektischeren Kursbewegungen liegt unter anderem im heute viel schnelleren und insgesamt einfacher abzuwickelnden Handel. Das führt zu einem steigenden Anteil sehr kurzfristiger Trades – und das macht Trends unsteter. Dass man mit dem MACD in Seitwärtsbewegungen, wie wir sie beim DAX im zweiten Quartal 2026 gesehen haben, keinen Blumentopf gewinnen kann, ist indes nicht die Schuld des Indikators, denn dafür ist er eben nicht gemacht.
Er soll Trends und Trendwechsel identifizieren. Liegt aber kein eindeutiger Richtungstrend vor, sollte man als Trader auf die für solche Phasen besser geeigneten markttechnischen Oszillatoren wie Stochastik, Williams Percent Range (%R) oder RSI wechseln.
Der Zeitrahmen ist ein entscheidender Faktor
Aber nichts zwingt einen Trader, den MACD nur auf einer kurzfristigen Zeitebene zu verwenden. Wenn das Tagesgeschehen zu hektisch wird, warum dann nicht auf eine Ebene wechseln, auf welcher der MACD durch ein größeres Zeitraster „geglättete“ Kurse als Basis erhält? Der nachfolgende Chart zeigt den Indikator über gut fünf Jahre auf Grundlage des DAX auf Wochenbasis – und Sie sehen:

Das sieht schon besser aus als das unbefriedigende Ergebnis der MACD-Signale, die wir beim DAX auf Tagesbasis im bisherigen Jahresverlauf gesehen haben. Plötzliche Abrisse des Basiswerts und schlagartige Aufwärtswenden kann der Indikator zwar auch in einem längeren Zeitraster nicht ideal in Signale umsetzen. Aber die Zukunft vorhersagen und daher reagieren, bevor etwas passiert – diese so wünschenswerte Eigenschaft kann Ihnen auch kein anderer Indikator bieten.
Fazit: Der MACD mag heutzutage ein wenig aus dem Blickfeld vieler Anleger gerückt sein, aber seine Qualitäten als Trendfolge-Indikator hat er keineswegs eingebüßt. Nur wäre es sinnvoll, ihn nicht auf einer zu kurzfristigen Ebene einzusetzen!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 29.08.2026 um 23:27 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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