Selten wurde eine US-Leitzinserhöhung mit einer solchen Erleichterung aufgenommen. Nicht, weil man höhere Zinsen begrüßen würde, sondern weil damit klar wurde: Die „Fed“ beugt sich nicht dem Willen des US-Präsidenten und bleibt unabhängig. Doch die Maßnahme an sich ist keineswegs unproblematisch. Sie dürfte bestehende Probleme nicht lösen … und könnte sie womöglich sogar verschärfen.
Als US-Präsident ist Donald Trump „Boss“ aller Regierungsbehörden. Daher kann er über sogenannte „Executive Orders“ direkt in deren Handeln eingreifen. Zwar könnte der US-Kongress hierbei gegensteuern, aber das ist ein komplexer Prozess, der die nötigen Mehrheiten erfordert und darüber hinaus Zeit kostet. Damit hat der Präsident einen immensen und sehr direkten Einfluss auf die Regierungsbehörden. Nur bei der US-Notenbank funktioniert das nicht. Sie agiert unabhängig … was Mr. Trump bekanntlich absolut nicht zusagt. Das Problem ist: Er kann das nicht ändern.

Das FOMC ist gegen politischen Einfluss (fast) immun
Das Gremium, das über die Leitzinsen entscheidet, ist das Federal Open Market Committee, kurz FOMC. Dem FOMC gehören zwölf Personen an. Sieben stellt der Board of Governors, der Vorstand der US-Notenbank, die fünf weiteren sind Präsidenten der zwölf regionalen US-Notenbanken. Der Präsident der Federal Reserve Bank of New York ist dauerhaft stimmberechtigt, die vier übrigen Sitze werden turnusmäßig von Präsidenten der anderen Regionalbanken besetzt. Zwar werden die sieben Mitglieder des Board of Governors vom US-Präsidenten nominiert und dann normalerweise vom US-Senat bestätigt. Aber die Amtszeit des US-Notenbankpräsidenten dauert vier, die der Board-Mitglieder sogar 14 Jahre. Die Präsidenten der zwölf regionalen Notenbanken werden von den zuständigen Direktoren der jeweiligen Regionalbank gewählt; ihre Ernennung bedarf der Zustimmung des Board of Governors. Damit ist der Einfluss von außen immens eingeschränkt.
Zwar kann der Präsident den Fed-Chef nominieren und erhält, wie bei Jerome Powell und jetzt bei Kevin Warsh geschehen, normalerweise auch das nötige Plazet des Senats. Aber nur, weil der Notenbankpräsident der „Fed“ vorsteht, kann er nicht einfach alleine über deren Kurs bestimmen. Das tut eben dieses Gremium FOMC … dessen Besetzung mit „Getreuen“ aufgrund der langen Amtszeiten einen sehr langen Atem erfordern würde … einen Atem, der über die maximal acht Jahre, die eine Person insgesamt US-Präsident sein darf, hinausgeht.
Und am vergangenen Mittwoch zeigte sich: Der von Trump als Powells Nachfolger ausgesuchte neue Notenbankchef Warsh ist entgegen mancher Befürchtungen kein williger Vollstrecker des präsidialen Willens. Während Donald Trump in seiner ersten Amtszeit ebenso wie in der laufenden zweiten Amtszeit permanent Zinssenkungen fordert, hob das FOMC den US-Leitzins, die Fed Funds Rate, um 0,25 Prozent auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an. Und diese Entscheidung fiel einstimmig.
Erleichterung über konsequentes Handeln … aber nicht über die Handlung an sich
Dass Mr. Trump diese Entscheidung in keiner Weise als richtig ansah und unmittelbar danach forderte, die „Fed“ müsse den Leitzins angesichts des starken US-Wachstums (das sich in den realen Daten nicht wiederfindet) umgehend auf unter ein Prozent senken, war zu erwarten. Aber die zu hohe Inflationsrate (die Verbraucherpreise im August lagen 3,4 Prozent über dem Vorjahresniveau und damit klar über dem Zielwert von 2,0 Prozent) ließ der „Fed“ eigentlich gar keine Wahl. Diese Entscheidung war grundsätzlich richtig, weil sie der Hauptaufgabe der US-Notenbank entspricht, für Preisstabilität zu sorgen. Zwar ist eine weitere Aufgabe, ein Umfeld sicherzustellen, in dem Vollbeschäftigung herrscht. Aber da der US-Arbeitsmarkt zumindest nach den offiziellen Daten mit einer Arbeitslosenrate von 4,1 Prozent genau das suggeriert, passte in Bezug auf diese Zinsanhebung alles. Eigentlich.
Aber dass sich die „Fed“ nicht Trumps Forderungen beugt, mag zwar kurzfristig große Erleichterung ausgelöst haben. Diese Sache mit den höheren Zinsen ist aber trotzdem ein Problem. Zumal die eigene Notenbankprojektion andeutete, dass ein weiterer Zinsschritt von 0,25 Prozent durchaus wahrscheinlich wäre, womöglich noch in diesem Jahr.
Eine Überraschung war das zwar nicht, wie der folgende Chart zeigt, der die Renditen der US-Staatsanleihen (Treasury Bonds oder T-Bonds) mit Laufzeit zwei und zehn Jahre abbildet. Zum einen sind die Renditen bereits über den Leitzins hinausgelaufen, zum anderen liegt die Rendite der kurzen Laufzeit fast so hoch wie die der „Zehnjährigen“, was darauf hindeutet, dass man am US-Anleihemarkt weitere Zinsschritte erwartet und das bereits eingepreist hat. Aber dass man damit rechnet, macht die Sache nicht weniger problematisch.

Höhere Zinsen können diese spezielle Inflation nicht abmildern, das Wachstum aber abwürgen
Höhere Leitzinsen sollen normalerweise vorsorglich ein zu starkes Wachstum dämpfen, da eine überbordende Nachfrage zu steigenden Preisen führt und dadurch die Inflationsgefahr wächst. Und da man weiß, dass die Teuerung schnell aus dem Ruder läuft, empfiehlt die „reine Lehre“, die Leitzinsen rechtzeitig anzuheben, um Kredite zu verteuern und so Investitions- und Konsumbereitschaft rechtzeitig zu bremsen. Wartet man zu lange, weil man die Situation nicht ernst genug nimmt, muss man die Zinsen nur umso schneller und stärker anheben. 2022, als man bei nahezu allen Notenbanken das Inflationspotenzial der Lieferengpässe nach Corona unterschätzte, ist das jüngste Beispiel dafür, wie es zugehen kann, wenn Notenbanken zu lange zögern. Doch damals gab es ein Problem … dasselbe, das wir heute haben:
Die steigenden Preise basieren weniger auf einer Investitions- und Konsumorgie, sondern auf einem Angebotsengpass. 2022 war es so ziemlich alles, was knapp wurde, weil Produktion und Logistik den immensen Schub nach der coronabedingten Flaute nicht bewältigen konnten. Heute ist es vor allem der Ölpreis. Und das ist etwas, das die Notenbanken derzeit nicht berücksichtigen … was zwar auch nicht direkt ihre Aufgabe wäre, aber es sorgt für Probleme, denn:
Bringen höhere Leitzinsen mehr Schaden als Nutzen? Denkbar wäre es.
Die Basis der zu hohen Teuerung wird ja durch höhere Leitzinsen nicht beeinflusst. Es wird kein Barrel Rohöl mehr auf den Markt kommen, weil die Notenbanken ihre Zinsen anheben. Die Inflation würde nur zurückgehen, wenn andere Preise außerhalb des Energiesektors durch eine wegen teurerer Kredite sinkende Nachfrage fallen. Aber da wir derzeit weder in Japan, China, Europa noch in den USA gerade ein „Zuviel“ an Investitionen und Konsum sehen, sondern Unternehmen und Verbraucher tendenziell wegen der unsicheren Gesamtsituation sparen (die „Sonderkonjunktur“ im KI-Bereich ausgenommen), würde noch mehr Druck auf Konsum und Investitionen durch „teureres Geld“ die Gefahr bergen, dass aus magerem Wachstum gar kein Wachstum mehr oder sogar eine Rezession würde … ohne dass deswegen der Ölpreis nennenswert nachgeben müsste. Und das ist den meisten Marktteilnehmern durchaus klar.

Zinserhöhungen sind per se nicht negativ für den Aktienmarkt. Aber diese und mögliche weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank könnten es wegen des vorgenannten Problems werden. Und während die US-Renditen zumindest kurz nachgaben, nachdem die „Fed“ ihre Zinsmaßnahme verkündet hatte und dadurch deutlich wurde, dass man über das unabhängige Handeln der US-Notenbank erleichtert war, fiel die Reaktion danach schon anders aus. Die Rendite der US-T-Bonds mit zehn Jahren Laufzeit lag am Freitagabend schon wieder bei 5,0 Prozent, wie der Chart ganz oben zeigt. Denn dem kurzen Durchatmen folgte die Frage:
Wie geht es jetzt weiter? Wie wird die Konjunktur auf diese und eine mögliche weitere Zinsanhebung reagieren? Wenn Sie sich vorstehend den Kursverlauf des Nasdaq 100 in der vergangenen Woche ansehen, werden Sie feststellen, dass der Index zwar in der Nacht zum Donnerstag über die Futures nach oben lief, am Donnerstag dadurch mit einer großen Aufwärts-Kurslücke startete und am Freitag weiter zulegte. Aber die ersten Reaktionen auf die Zinserhöhung und die Aussagen von Notenbankchef Warsh im Zuge der nachfolgenden Pressekonferenz waren am Aktienmarkt fallende Kurse.
Und das entbehrt nicht der Logik, denn höhere Zinsen bedeuten teurere Kredite. Und das ist vor allem für schnell wachsende Technologieunternehmen, wie sie im Nasdaq 100 stark vertreten sind, ein Problem, denn deren Wachstum ist großenteils fremdfinanziert. Wieso also ging die Reise des US-Aktienmarkts auf einmal doch noch nach oben?
Meinung über Nacht „auf links gedreht“ … wirklich?
Die einfachste Erklärung für die Aufwärtswende, die so manche Schlagzeile am Donnerstag prägte, war: Man hat sich das alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen und erkannt: Das ist alles positiv. Ich bezweifle das entschieden.
Denn wie realistisch ist es denn, dass in der Nacht eine immense Zahl an Investoren rund um den Globus zeitgleich zu der Erkenntnis kam, dass das, was man Stunden vorher als bärisch eingeordnet hatte, auf einmal bullisch ist? Zumal das Problem, dass man den Ölpreis als „Hauptschuldigen“ der hohen Inflationsrate mit höheren Zinsen nicht bremsen kann, schlichtweg nicht bullisch ist … was auch für den inflationstreibenden Halbleiter-Engpass gilt, weil sich die großen KI-Investoren von höheren Zinsen zweifellos nicht davon abhalten lassen, weiter Hunderte Milliarden in die Hand zu nehmen?
Aber am Freitag fand die Abrechnung der Optionen und Futures mit September-Laufzeit an allen Aktienmarkt-Terminbörsen statt. Ein Zeitpunkt, an dem es um gigantische Summen geht, die, wenn die Kurse dort abgerechnet werden, wo große Adressen sie haben wollen, verdient werden können.
Die unselige zeitliche Nähe einer US-Notenbankentscheidung und einer großen Abrechnung am Terminmarkt hat schon oft in den letzten Jahrzehnten seltsame Kursschübe hervorgebracht – nicht umsonst nennt man die Phase vor und während solcher Abrechnungen „Hexentanz“. Und so manche davon wurden in der Woche danach Makulatur. Dass es diesmal genauso kommt, wäre durchaus denkbar, um diese neue Börsenwoche mit besonderer Wachsamkeit anzugehen!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 19.09.2026 um 23:33 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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