In einer problematischen Situation würde ein Blick über den Gartenzaun ebenso wie der Blick in die Geschichte oft Hinweise darauf liefern, wie es sich damit umgehen ließe bzw. wie es weitergehen könnte. Doch beides wird verblüffend selten genutzt, womöglich, weil man glaubt, es nicht nötig zu haben, von anderen „abzuschauen“. Dabei zeigt die Geschichte: Meist wäre das eine gute Idee gewesen … und das gilt möglicherweise auch für die aktuelle Entwicklung beim Ölpreis.
Die Börse ändert sich nie, weil sich die Menschen nicht ändern … diese uralte Erkenntnis wird wohl für alle Zeiten wahr bleiben. Schon immer gab es Menschen, die mit wachem Geist für Fortschritt sorgten. Und es gab die anderen, die man besser von Entscheidungen ferngehalten hätte. Wie es auf der Welt läuft, hängt meist entscheidend davon ab, ob Letzteres gelingt. Das gilt für heute ebenso wie für die Zeit vor 50 Jahren. Damals, in den Siebzigerjahren, wurde der Ölpreis auf einmal zu einem immensen Problem, basierend auf erheblichen Turbulenzen in Nahost. Dasselbe erleben wir heute erneut. Ließe sich aus dem Geschehen von damals etwas ableiten, womit sich heute etwas anfangen ließe?
Das Öl-Embargo: Eine Krise aus heiterem Himmel
Seine Basis hatte der aus dem Stand damals stark nach oben geschossene Ölpreis im sogenannten Jom Kippur-Krieg. Im Oktober 1973 griffen Syrien und Ägypten Israel an, mit dem Ziel, die 1967 im Sechs-Tage-Krieg verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Die USA reagierten binnen kürzester Zeit mit einer umfassenden Luftbrücke (Operation Nickel Grass) zur Sicherstellung des von Israel benötigten Nachschubs. Das wiederum führte dazu, dass man bei der OAPEC, wie die heutige OPEC damals hieß, ein Öl-Embargo gegen die USA und andere westliche Staaten, die auf Israels Seite standen, verhängte. Und damit begann eine rasante Preisspirale, wenngleich der Ölexport nicht komplett eingestellt, sondern nur spürbar verringert wurde.
Binnen kürzester Zeit notierte der Ölpreis nahezu viermal so hoch wie zuvor, wie die nachfolgende, aus der Wikipedia entnommene Grafik zeigt, die die Entwicklung des Ölpreises zwischen 1861 und 2014 abbildet, siehe die Quellenangabe unten. Denn damals hatte man zum arabischen Öl zu wenige Alternativen. Die USA, heute von der Menge her der weltweit größte Ölförderer, hatten die eigenen Kapazitäten über Jahrzehnte zurückgefahren, weil das arabische Öl trotz Transportkosten billiger kam. Und die Grafik zeigt auch: Das war nichts, das wie ein böser Traum schnell vorbei gewesen wäre.

Zwar endete dieser Jom Kippur-Krieg sehr bald, das Tischtuch zwischen den westlichen Nationen und dem arabischen Raum aber blieb zerschnitten. Hierzulande bleibt diese Zeit vor allem durch die daraufhin wegen der unsicheren Versorgungslage verordneten, vier autofreien Sonntage im November und Dezember 1973 in Erinnerung. Aber damit war es noch nicht vorbei, die zweite Welle folgte ab 1979, ohne dass der Ölpreis in den Jahren zwischen 1974 und 1979 nennenswert zurückgekommen wäre.
Die iranische Revolution: Der zweite Schub der Ölkrise
1979 kam es zum zweiten Preisschub, vor allem ausgelöst durch die sogenannte „iranische Revolution“, die mit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran einherging, kurz darauf begann der Iran/Irak-Krieg. Erst ab 1981 begann der Ölpreis wieder nennenswert zu fallen und erreichte Mitte der Achtzigerjahre dann einen Level, der zwar höher lag als in den Sechzigern, aber doch als „erträglich“ zu bewerten war.
Was ist in diesen Jahren an den Börsen passiert? Dieser „Ölpreis-Schock“ hatte eine rezessive Phase eingeleitet. Die Siebzigerjahre waren von dieser Thematik belastet, so gesehen kann es nicht überraschen, dass diese Zeit für den Aktienmarkt keine goldene wurde. Aber es war auch keine Zeit einer Nonstop-Baisse, wie man es in der Zeit der Großen Depression im Anschluss an den Crash von 1929 erlebt hatte. Was passierte damals … und was ließe sich daraus für heute lernen?
Konsequentes Handeln der US-Notenbank … aber ist Konsequenz immer das Richtige?
Dieses Öl-Embargo vom Herbst 1973 traf die USA in einer ohnehin angeschlagenen Lage. Die Wirtschaft kam nicht voran, die Stimmung war, nicht zuletzt nach dem jahrelang und zu diesem Zeitpunkt aussichtslos gewordenen Vietnam-Krieg, nicht gut. Präsident Nixon genoss nur noch wenig Vertrauen und Washington insgesamt war in Bezug auf die Frage, wie man die Sache wieder in Schwung bringen könnte, eher ratlos. Und in diese Situation platzte dieses Zerwürfnis mit dem arabischen Raum und die dadurch entstehende, erhebliche Verknappung von Öl.
Das führte natürlich zu einem heftigen Inflationsschub und der wiederum dazu, dass die US-Notenbank sich genötigt sah, zu handeln … und sie war dabei nicht gerade zimperlich. Der folgende Chart zeigt die Entwicklung der US-Leitzinsen zwischen 1970 und heute. Sie sehen, dass der US-Leitzins bereits vor dem Embargo stark angehoben wurde, danach erfolgte eine erneute Anhebung auf in der Spitze elf Prozent. Doch dann kam es zu erheblichen Zinssenkungen, obwohl das eigentliche Problem in Form des Ölpreises, wie Sie in der ersten Grafik sehen konnten, nicht gelöst war. Warum?

Weil die zu diesem Zeitpunkt entscheidende Basis der zu hohen Inflationsraten (1974 wurden bis zu zwölf Prozent erreicht) in Form des gestiegenen Ölpreises ein politisches Problem war, das durch höhere Zinsen nicht gelöst werden konnte. Ob die Leitzinsen hoch oder niedrig waren, den Ölpreis beeinflusste das nicht. Den Konsum und die Investitionstätigkeit aber schon – negativ. Also entschied man sich, die Zinsen zu senken, um diesen Würgegriff loszuwerden. Sie sehen im Chart aber auch: Einige Zeit später stieg der Leitzins nur umso höher. Waren diese Zinssenkungen also ein Fehler gewesen?
Eher nicht. Denn Ende der Siebzigerjahre war es ja erneut der Ölpreis, konkret der in der obersten Grafik erkennbare, zweite Schub, der schon wieder eine drastisch zu hohe Inflation auslöste. 1980 hatte die Inflationsrate dadurch (leider habe ich dazu keine Grafik, dort beginnen meine Daten „erst“ 1985) zeitweise Raten von über 14 Prozent erreicht. Also: Leitzinsen wieder rauf, diesmal noch drastischer, in der Spitze ging es mit der Fed Funds Rate auf 19 Prozent nach oben. Ein Niveau, das heutzutage erhebliche wirtschaftliche Belastungen auslösen könnte. Und damals? Werfen wir dazu mal einen Blick auf das US-Index-Flaggschiff Dow Jones:
Man gewöhnt sich an alles
Und hier sehen wir etwas Bemerkenswertes. Im Zuge der ersten, im Oktober 1973 entstandenen Ölkrise fielen die Kurse des Dow Jones massiv, steigende Leitzinsen machten die Sache nicht besser. Erst, als die US-Notenbank anfing, die Zinsen wieder zu senken, zog der Index wieder an. Das dann aber nicht langsam, sondern rasant – es gelang, das Niveau, das vor dem Öl-Embargo galt, wieder zu erreichen.

Auffällig ist dann die zweite Phase steigender Ölpreise. Nachdem die Jahre bis 1979 nicht gerade gut gelaufen waren, kam es im Herbst 1979 zu dieser zweiten Ölkrise und zeitnah zu erneut drastisch steigenden Leitzinsen. Aber Sie sehen im Chart, dass der Dow Jones das verblüffend gut weggesteckt hatte. Was auch für den deutschen Aktienmarkt gilt, den Sie hier in Form des DAX sehen. Mit zurückgerechneten Kursen wohlgemerkt, denn den DAX gibt es de facto erst seit Anfang 1988. Wie ist das möglich?
Diese relativ robuste Reaktion der Aktienmärkte in der zweiten Ölkrise basierte nicht zuletzt darauf, dass man zum einen nicht ganz so aus allen Wolken fiel wie 1973, weil sich die Beziehungen zum arabischen Raum und vor allem zum Iran schon länger verschlechtert hatten. Und zum anderen darauf, dass man die 1973 noch sehr hohe Abhängigkeit von Öllieferungen der OAPEC bzw. OPEC verringert hatte. Zugleich liefen aktive Bemühungen, die Wogen zu glätten (was unter anderem zum Camp David-Abkommen führte), sodass der Schock weniger tief ging als 1973. Ließe sich darauf in Bezug auf die heutige Situation etwas lernen?

Zinsen und Politik in der Ölkrise … eine Blaupause für heute?
Aus meiner Sicht durchaus. Die Parallelen sind ja zahlreich, die Konfliktseiten die gleichen wie damals, erneut geht es um Öl, erneut reagieren die Notenbanken auf einen dadurch entstandenen Inflationsdruck. Meiner Ansicht nach kann man aus diesem Blick in die Geschichte vor allem zwei Dinge mitnehmen:
Die Lage ließe sich deutlich besser verkraften, was die Aktienmärkte angeht, wenn man einen echten, politischen Willen sehen könnte, das Verhältnis auf eine stabile Basis zu bringen. Das war 1973 nicht der Fall, ab 1979 dann schon eher. Der Unterschied im Kursverhalten der Aktienmärkte ist auffällig. Wie es heute, zumindest bislang, läuft, wissen wir ja.
Und eine Reaktion der Notenbanken stur nach dem Lehrbuch ist grundsätzlich problematisch. Damals konnte man erkennen, dass höhere Leitzinsen die Ursache der zu hohen Inflation nicht lösen würden und hob sie dennoch an. Als man diesen aus meiner Sicht bestehenden Fehler zu beseitigen begann, erholten sich die Börsen wieder. Heute wird bislang erneut nach „Schema F“ reagiert, mit dem gleichen Risiko wie damals, zwar die Inflation nicht loszuwerden, aber die Konjunktur abzuwürgen.
Wir konnten zwar Ende der Siebzigerjahre auch beobachten, dass man an den Börsen deutlich ruhiger bleibt, wenn man sich mit einer Situation konfrontiert sieht, mit der man rechnen musste und die nicht mehr neu ist. Eine vergleichbare Gelassenheit sehen wir auch heute. Aber ohne einen glaubhaften Willen, diese Krise zu lösen und mit Notenbanken, deren Maßnahmen das Risiko bergen, mehr zu schaden als zu nutzen, bewegen wir uns vermutlich nur in einem Schwebezustand der Hoffnung. Vor allem der zweite „Öl-Schock“ Ende der Siebziger dürfte da eine Botschaft senden, die für uns aktuell von Bedeutung wäre: Man könnte solche Probleme lösen. Aber man müsste es auch wollen.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Quellenangaben:
Quelle der Grafik 1, Wikipedia, ergänzt durch eigene Kommentierungen: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Crude_oil_prices_since_1861.png
Historischer Hintergrund der Ölkrise, Quelle Federal Reserve: https://www.federalreservehistory.org/essays/oil-shock-of-1973-74
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 27.09.2026 um 17:57 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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