Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten, die Gleitenden Durchschnitte als Eckpfeiler des Tradings einzusetzen. Nicht alle Möglichkeiten erweisen sich dauerhaft als tauglich, aber es bietet sich an, alles einmal gesehen zu haben und dann selbst zu entscheiden, ob und womit man hier arbeiten möchte.
Ich habe über die vergangenen Jahrzehnte seit meinen ersten eigenen Trades und der damaligen Lektüre von so ziemlich allem, was damals zur Technischen Analyse zu bekommen war, festgestellt, dass sich die Verwendung von Gleitenden Durchschnitten (GD) mit der Zeit immer wieder leicht gewandelt hat.
Das dürfte zum einen daran liegen, dass das Trading internationaler wurde und wir so neben den eigenen, klassischen Handhabungen auch US-amerikanische Vorgehensweisen adaptiert haben.
Zum anderen vermute ich, dass der Siegeszug der computergesteuerten Handelsprogramme einerseits und die zunehmende Tendenz zu sehr kurzfristigem Trading und den entsprechend kurzen Zeitrastern andererseits ihren Anteil daran haben, dass vor allem der Einsatz von GDs als „Teams“, d. h. die Verwendung mehrerer Zeitraster gleichzeitig zur Generierung einer tradingrelevanten Kurszone, an Bedeutung gewonnen hat. Zu diesem Thema kommen wir ganz zum Schluss; hier zunächst ein Blick auf die „Klassiker“:
Der Einsatz eines GDs als „flexible Trendlinie“
Die eigentliche Grundlage der Gleitenden Durchschnitte war das rechnerisch basierte Hervorheben der Trendrichtung und zugleich die Möglichkeit, anhand der Entfernung eines Kurses zu einem entsprechenden GD abzuschätzen, ob ein Trendimpuls langsam überzieht oder noch im Rahmen ist.

Zugleich ist ein GD aber so etwas wie eine Trendlinie, nur eben viel flexibler als eine durch mehrere Umkehrpunkte verbundene Gerade. Und das führte dazu, dass man GDs nicht nur als Orientierung nutzt, sondern als unmittelbaren Signalgeber. Das Über- oder Unterkreuzen eines GDs dient als Kauf- oder Verkaufssignal. Das funktioniert natürlich vor allem bei den Zeitrastern, die allgemein beachtet und genutzt werden. Das Kreuzen eines 145-Tage-GDs ist meist belanglos, weil dieses Zeitraster kaum verwendet wird. Beim klassischsten aller Zeitraster, der 200-Tage-Linie, sieht das anders aus, wie wir im vorstehenden Chart sehen.

Je intensiver ein Trend wird, desto mehr Akteure wechseln zu kurzfristigeren Zeitrastern. Hierzulande spielt die 20-Tage-Linie als Signalgeber und Leitstrahl eines Impulses oft eine tragende Rolle, so wie wir das hier bei Aixtron sehen. Längere Zeitraster werden dadurch aber nicht irrelevant. Nur weil die 20-Tage-Linie den kurzfristigen Tradern als Taktgeber dient, übersehen sie natürlich nicht, wenn der Kurs die 200-Tage-Linie testet. Was wir bei Aixtron auch deutlich sehen, ist, dass der 200-Tage-GD wohl von vielen gesehen und offenkundig zum Anlass genommen wurde, aktiv zu werden.

An den US-Börsen sind es eher die 50-Tage- und die 100-Tage-Linien, die den Tradern als Orientierung und Signalgeber dienen, wie der vorstehende Chart der Dow-Jones-Aktie Caterpillar zeigt. Diese beiden Zeitraster haben aber auch bei uns an Bedeutung gewonnen. Wenngleich das bislang nicht so dominant ist wie jenseits des Atlantiks, empfiehlt es sich trotzdem, diese Linien bei der Analyse eines Charts mit einzublenden und zu prüfen, ob auffällige Schwenks an diesen Linien darauf hindeuten, dass viele Trader sich aktuell an einer oder beiden dieser Linien orientieren.
Welche Linien bei welchem Asset oder welcher Aktie relevant sind, ist nie in Stein gemeißelt; man könnte sagen: Das ergibt sich aus dem Geschehen heraus. Wenn es erst einmal zu ein, zwei auffälligen Verteidigungen eines bestimmten Zeitrasters kam, der Kurs dort nach unten abgewiesen wurde oder eine Überkreuzung einen deutlichen Impuls ausgelöst hat, „committet“ man sich quasi darauf, diese Linie fürderhin als Signalgeber zu sehen. Ein weiteres Zeitraster, das allgemein eher wenig bekannt ist, sollte man ebenso im Auge haben, vor allem nach großen Kursbewegungen: die 1.000-Tage-Linie.

Dieser GD ist letzten Endes näherungsweise nichts anderes als ein 200er-GD, nur eben nicht auf Tages-, sondern auf Wochenbasis. Immer dann, wenn es zu starken Auf- und vor allem Abwärtsbewegungen kam, schauen sich Trader diese Linie an, denn wenn diese Linie fällt, könnte es für das bullische Lager schwierig werden. Daher wird, wenn es dahingehend eng wird, oft vieles, was an Reserven da ist, ins Rennen geschickt, um diesen 1.000-Tage-GD zu retten … hier beim Dow Jones z. B. nach dem „Zoll-Schock“ im April 2025.
SMA oder EMA? Welche Variante wäre besser?
Ein kurzer Exkurs zu der Frage, welche Variante der GDs man denn nutzen sollte: Ich verwende grundsätzlich die einfachen GDs, die „Simple Moving Averages“ (SMA). Andere präferieren die gewichteten GDs, die „Exponential Moving Averages“ (EMA), bei denen die jüngeren Kurse in der Kette ein höheres Gewicht haben als die am weitesten zurückliegenden. Aber wenn wir uns den folgenden Chart ansehen, in dem ich den 20-Tage-GD einmal als SMA und einmal als EMA abgebildet habe, gibt sich das kaum etwas, sodass wir hier eher eine Glaubensfrage als ein faktisch relevantes Problem vor uns haben.

Übrigens: Sie sehen an diesem Beispielchart, dass die Tauglichkeit von GDs genauso davon abhängt, ob auch wirklich ein Trend vorliegt, wie das für charttechnische Trendlinien gilt. In Phasen des „Seitwärts-Schaukelns“ sind, wie wir das hier am Beispiel der Allianz-Aktie sehen, GDs häufig genauso wenig tauglich wie Trendfolge-Indikatoren der Markttechnik. Wer unbedingt in Seitwärtsphasen aktiv sein will, findet da bei den sogenannten „Oszillatoren“ wie u. a. Stochastik und RSI unter den Indikatoren bessere Wegweiser.
Crossover – sind sie wirklich „handelbar“?
„Crossover“ sind Überkreuzungen, bei denen ein GD mit kürzerem Zeitraster einen GD mit längerem Zeitraster nach oben (bullisches Signal) oder nach unten (bärisches Signal) kreuzt. Dabei können alle Zeitrahmen grundsätzlich ein Signal auslösen; der im Folgenden gezeigte bärische Crossover des GD 20 unter den GD 200 bei SAP ist nur ein Beispiel. Auch das Kreuzen z. B. der 50-Tage-Linie über oder unter den GD 100 oder 200 kann ein Signal sein; ein Crossover des GD 20 über den GD 50 ebenso … und so weiter. Aber so plakativ dieser Begriff „Crossover“ auch ist: Taugen diese Überkreuzungen als Trading-Signal wirklich etwas?

Meine persönliche Meinung ist: Da könnte ein wenig Skepsis nicht schaden. Denn ein solcher Crossover zeigt ja nur an, was im Kurs bereits passiert ist; damit wäre er nur die Bestätigung einer neuen Richtung, die der Kurs bereits eingeschlagen hat. Und wenn wir uns das folgende Chartbeispiel mit Microsoft ansehen, erkennen wir:

Oft ist der Kurs längst über oder unter die beiden entsprechenden GDs gelaufen, bevor diese sich überkreuzen. Würde man also das Über- oder Unterschreiten eines GDs durch den Kurs selbst als Signal nutzen, wie es ja üblich ist, wäre man sowieso schon in Trendrichtung mit von der Partie. Und in Seitwärtstrends (in denen alles, was mit Trendfolge zu tun hat, eher nichts taugt, auch die GDs nicht) käme es, wollte man solche Crossover als direkte Trading-Signale einsetzen, häufig zu potenziell kostspieligen Fehlsignalen; daher würde ich diese Variante eher weniger nutzen.
GD-Bundles: Trading-Zonen mit Gleitenden Durchschnitten
Für konsequent technisch orientierte Trader haben die GDs eine Menge für sich, nicht zuletzt, weil computergesteuerte Handelsprogramme diese für ihre Signalgenerierung gut einsetzen können und dies offenbar auch tun, wie bereits in Teil 1 in der vergangenen Woche erwähnt. Das gilt vor allem, wenn man sie als „Team“ einsetzt, d. h. mehrere GDs zugleich nutzt, um nicht nur eine Linie zu haben, die den Kurs nach oben oder unten begleitet, sondern eine durch zwei oder drei GDs definierte Support- oder Widerstandszone nutzen zu können.

Grundsätzlich könnte man mit zwei, drei oder sogar vier GDs arbeiten und sie ganz individuell einsetzen. Beim Beispiel des Nasdaq 100 mit den GDs der letzten 10, 20 und 50 Handelstage drängt sich z. B. eine Vorgehensweise auf:
Der GD50 würde hier als grundsätzlicher Richtungsindikator dienen; darüber wäre man Long, darunter Short. Die beiden kürzeren GDs ließen sich als Positionssteuerung nutzen, zum Beispiel so: Sobald der Kurs unter den GD10 fällt, könnte man eine Long-Position reduzieren, unter dem GD20 vorerst ganz aussteigen (und neutral bleiben, solange der GD50 nicht unterschritten wird), bis der Kurs wieder über den GD10 gelaufen ist, und dann wieder eine Long-Position aufbauen.

Eine solche Vorgehensweise ist flexibel und reagiert zügig auf das aktuelle Geschehen, ist also eine Sache, die man sich als Strategie durchaus überlegen kann. Indes: Es funktioniert auch nicht immer. Denn wenn es zu einem eher planlosen Auf und Ab kommt, wie wir das im Fall der Euro/US-Dollar-Relation in der rot hervorgehobenen Phase sehen, sind auch GDs nicht das geeignete Mittel. Da müsste man dann auf sogenannte Oszillatoren unter den markttechnischen Indikatoren oder klassisches charttechnisches Range-Trading umschalten … oder sich in solchen Seitwärtsphasen ganz heraushalten.
Fazit: Mit GDs kann man viel anfangen … aber ein Allheilmittel des Tradings sind auch sie nicht
Gleitende Durchschnittslinien haben einem Trader einiges zu bieten, sei es als reine Signalgeber oder als Element einer Trading-Strategie z. B. mit GD-Bundles. Aber man sollte sie immer als ein Tool von mehreren im großen Werkzeugkasten der Technischen Analyse sehen und nicht als einzig seligmachende Strategie. Und: Einen Trend braucht es bei GDs in der Regel, um vernünftig agieren zu können. In einem ziellosen Hin und Her kommt man mit nahezu keinem Instrument besonders weit; da würde es sich anbieten, nicht das Trading-Tool, sondern die Trading-Basis, sprich den Markt, zu wechseln!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 02.08.2026 um 14:52 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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