Trading auf Basis der fundamentalen Analyse kann funktionieren. Aber je schneller die Bewegungen an den Börsen werden und je mehr Marktteilnehmer auf sehr kurzfristiger Ebene agieren, desto dringlicher wird es, sich nach Alternativen umzuschauen, mit denen man mit dem in den vergangenen Jahren sukzessive gestiegenen Tempo der Märkte mithalten kann. Gleitende Durchschnitte können eine solche Alternative sein.
Ich erlebe bisweilen, dass Anleger mit Aktien tief in die Verlustzone rutschen, weil sie sich beim Einstieg auf Tipps anderer oder die alte Regel „Kaufe Aktien von Unternehmen, von denen du überzeugt bist“ gestützt haben. Dann stellen sie entsetzt fest, dass dies dramatisch schiefgegangen ist.
Das muss nicht passieren, keine Frage. Aber es geht zu oft daneben, um diese „Strategie“ als ratsam einzuordnen.
Das darf nicht überraschen. Gerade haben wir von VARTA gehört, dass dort erneut und womöglich endgültig die Insolvenz verkündet wurde. Bevor die Anleger am Ende einfach ausgebootet wurden, war das einmal eine heiß begehrte Aktie. Eine, von der es hieß, die müsse man haben. Und dass etwas, das scheinbar ewig steigt, auf einmal zum Groschengrab wird, ist keine Seltenheit.
Denn die Dinge ändern sich. Branchen wandern vom Rampenlicht ins Abseits. Unternehmensführungen wechseln. Konkurrenten werden übermächtig oder sind innovativer. Aktien zu kaufen und einfach liegen zu lassen, unabhängig davon, ob man persönlich vom Unternehmen überzeugt ist oder nicht, ist daher nicht gerade die beste Idee. Man muss auf sein Depot, sprich auf sein Geld, aufpassen. Und dazu muss man sich zumindest ein wenig auskennen.

Charts, Charts, Charts? Auch die reine Charttechnik hat ihre Tücken
Hinzu kommt, dass man selbst von etwas überzeugt sein und durchaus auch die Logik auf seiner Seite haben kann – die Kurse tun trotzdem das Gegenteil. Das liegt daran, dass sich viele eben nicht auskennen, nicht genauer hinschauen und einfach der Herde folgen. Und die wird weitaus öfter von Emotionen wie Gier und Angst geleitet als von der Ratio. Die Lösung: Man folgt nicht dem „Müsste aber eigentlich“, sondern den Kursen selbst, sprich dem Trend.
Dazu braucht es Grundwissen über die chart- und markttechnische Analyse. Wie identifiziere ich Trends? Was sind die Ankerpunkte, um die es gerade geht? Ist eine Aktie, ein Index oder ein anderes Asset, in dem ich mich engagiere, gerade überkauft, oder signalisieren die markttechnischen Indikatoren noch Luft nach oben? Liegt hier ein sauberer Trend vor, idealerweise basierend auf einer Trendwendeformation? Oder ist das, was da gerade passiert, nur eine womöglich kurzlebige Phase innerhalb eines übergeordnet in die Gegenrichtung laufenden Trends?
Wer sich damit auskennt, ist grundsätzlich im Vorteil. Und das kann man lernen, ohne jahrelang hinter Büchern zu verschwinden. Aber manchmal scheint auch die Charttechnik zu versagen. Kurse durchbrechen Unterstützungen und Widerstände, nur um auf einmal doch wieder zurückzulaufen. Trendlinien werden gebrochen und sofort zurückerobert. Wendeformationen werden vollendet und enden als Bullen- oder Bärenfalle. Taugt also auch die Charttechnik nichts?

Warum die reine Charttechnik bisweilen unerfreulich unpräzise ist
Doch, das tut sie. Sie ist eben nur keine präzise Wissenschaft, weil die oben erwähnten Emotionen immer mitmischen. Und natürlich auch deshalb, weil überraschende Entwicklungen in der Nachrichtenlage jederzeit alles auf den Kopf stellen können. Wer an der Börse eine Entscheidung trifft, trifft sie immer in einem Umfeld stetiger Unsicherheit, weil die Zukunft nun einmal auch mithilfe der Charttechnik nicht vorhersehbar ist. Damit muss man sich arrangieren.
Was mir indes in den vergangenen Jahren auffiel: Das Teilelement der gleitenden Durchschnitte, kurz GD, auch als MA für „Moving Averages“ abgekürzt, funktioniert tendenziell deutlich besser als die „Klassiker“ in Form horizontaler Unterstützungen und Widerstände oder Trendlinien. Ich für meinen Teil nutze für mein persönliches Trading nur noch diese Linien. Was könnte dahinterstecken?
Gleitende Durchschnitte sind eine ideale Basis für Handelsprogramme
Meiner Meinung nach liegt das daran, dass Handelsprogramme mit normalen Trendlinien ihre Probleme haben. Ich bin zwar nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik; ich selbst habe mich etwa zwischen 2000 und 2015 am Schreiben von Handelsprogrammen versucht. Aber die Tatsache, dass GDs besser zu funktionieren scheinen, deutet für mich darauf hin, dass sich daran noch nichts Entscheidendes geändert hat.
Zwar gibt es Mustererkennungen, mit denen Systeme versuchen, relevante Trendlinien und Formationen zu identifizieren, aber die waren nie wirklich gut. Ob sich das mit KI ändert, muss sich zeigen. Bislang scheinen die GDs als Entscheidungsgrundlage für Handelsprogramme jedoch weiterhin die Nase vorn zu haben. Warum?

Weil GDs rechnerische Ableitungen der bisherigen Kurse sind. Die 200-Tage-Linie ist der Durchschnitt der Schlusskurse der vorangegangenen 200 Handelstage, entweder exponentiell gewichtet berechnet, abgekürzt EMA für „Exponential Moving Average“, oder linear als SMA für „Simple Moving Average“. Das können Computer präzise errechnen, während es bei Trendlinien immer einen subjektiven Faktor gibt: Welcher Punkt im Chartbild zählt noch als Ankerpunkt für eine Trendlinie und welcher nicht?
Da Handelsprogramme immer mehr an Bedeutung gewinnen und vor allem bei großen Adressen im Einsatz sind, die aufgrund ihrer Kapitalmacht Trends mitprägen können, ergibt es durchaus Sinn, sich diese GDs für das eigene Trading einmal näher anzusehen. Dabei sollte man allerdings einige Dinge unbedingt beachten. Im Folgenden ein paar Anregungen dazu – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Worauf man beim Trading mit GDs achten sollte
Als Erstes muss man ganz klar hervorheben, dass „besser funktionieren“ nicht bedeutet, dass GDs immer und bei jeder Gelegenheit funktionieren. Es fällt zwar auf, dass solche Linien oft erstaunlich präzise Wendepunkte markieren, sei es auf kurz- oder mittelfristiger Ebene. Aber eben nicht immer. Denn auch Handelsprogramme können von unerwarteten Ereignissen überrannt werden. Und vor allem muss man daran denken, dass die meisten dieser Systeme die Zeitraster, mit denen sie arbeiten, je nach Volatilität eines Marktes anpassen. Konkret hieße das:
Wenn ein Handelsprogramm normalerweise mit GDs auf Basis von beispielsweise zehn, 20 und 50 Stunden als Trading-Grundlage arbeitet, kann es bei geringer Volatilität auf die Zwei-Stunden- oder sogar auf die Tagesbasis „herunterschalten“. Bei starken Schwankungen kann es hingegen auf die 15-Minuten-Ebene oder sogar auf noch kürzere Zeitraster wechseln. Das bedeutet:

Man sollte immer im Blick behalten, was gerade „funktioniert“, und prüfen, ob nicht auf einmal eine andere Zeitebene verfolgt wird, wenn GD-Zeitraster, die längere Zeit relevant waren, dies plötzlich nicht mehr sind.
Handelssysteme sind nicht auf bestimmte Zeitraster festgelegt, sondern passen sich an. Das kann auch bedeuten, dass ein Handelsprogramm bei Rohöl mit 10- und 20-Tage-GDs arbeitet, beim DAX aber womöglich mit 50- und 100-Tage-Linien. Sehen Sie sich die Charts an. Sie werden erkennen, welche Linien verfolgt werden.
Bei GDs ist es nicht anders als bei Trendlinien oder markttechnischen Indikatoren: In der Regel funktionieren die gängigen Indikatoren und GDs besser, weil diese von mehr Akteuren beachtet und genutzt werden. Wenn Sie bei der Analyse eines Charts feststellen, dass ein Kurs genau an der 65-Tage-Linie nach oben gedreht hat – einem völlig untypischen Zeitraster –, prüfen Sie unbedingt, ob das zuvor bereits mehrfach der Fall war. Nur dann lässt sich einschätzen, ob diese Linie tatsächlich relevant ist oder ob es sich lediglich um einen Zufall handelt.
Gängige Zeitraster für GDs beim Trading
Handelsprogramme denken sich nicht einfach irgendwelche GD-Zeitraster aus und handeln dann danach. Bei der Programmierung werden ihnen Zeitraster vorgegeben, die gängig sind, weil die Entwickler solcher Systeme den Grundsatz natürlich ebenfalls kennen und beherzigen: Was sonst niemand kennt und nutzt, kann kaum funktionieren.
Im Intraday-Trading sind mir Zeitraster von zwölf und deren Vielfache aufgefallen, die häufig „funktionieren“, also GDs mit Zeitrastern von zwölf, 24, 36, 48 und 60. Das gilt von Ein-Minuten-Einstellungen der Charts bis hinauf zur Zwei-Stunden-Ebene.

Auf Tagesbasis orientieren sich Trader und Systeme häufiger an den Klassikern: 20-, 50-, 100-, 200- und 1.000-Tage-Linien. Manchmal übernimmt, wie zuletzt bei den extremen Bewegungen bei Edelmetallen, Rohöl oder Halbleiteraktien, auch die 10-Tage-Linie die Rolle des Leitstrahls.
So weit für heute. Wie man konkret mit diesen GDs beim eigenen Trading umgehen könnte, würde hier und heute den Rahmen sprengen. Dazu mehr in einer der nächsten Kolumnen.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 26.07.2026 um 20:13 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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