Vor zwei Jahren hatte ich an dieser Stelle schon einmal über den vom US-Sender CNN ermittelten Fear & Greed-Index geschrieben. Im Rahmen der Sentiment-Analyse ist er ein vielbeachtetes Tool für Marktteilnehmer. Aber er ist nicht unfehlbar. Es gibt Sondersituationen, die der Index nicht erfassen kann. Dann werden seine Signale problematisch … so wie aktuell.
Um was geht es bei diesem Index, den Sie auf dieser Unterseite von CNN Business finden können? https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed
Es geht darum, aus dem Verhalten der Marktteilnehmer ableiten zu können, wie die Gesamtstimmung am Markt ist und was sich daraus für die kommende Zeit als Markttendenz ableiten ließe.
Die Grundidee der Sentiment-Analyse
Dabei wird unterstellt, dass die Stimmungslage der Masse der Marktteilnehmer in dem Moment wie ein Kontraindikator zu wirken beginnt, wenn sie zu extrem wird. So indiziert extrem bullische Stimmung Gier (Greed). Gier macht unvorsichtig, das verfügbare Kapital wird voll investiert … und irgendwann gehen dem Markt die Käufer aus und die Sache kippt. Warum? Weil wohl niemand in Bezug auf den Aktienmarkt euphorisch bzw. gierig ist, aber noch gar nicht gekauft hat.
Das ist eine ebenso richtige wie hilfreiche Überlegung. Denn die meisten Anleger dürften eine „Bombenstimmung“ am Aktienmarkt mit einer besonders hohen Sicherheit darüber verbinden, dass die Kurse immer weiter steigen müssen. Wenn es, wie gesagt, zu extrem wird, ist aber das Gegenteil richtig. Der alte Börsenspruch, dass die Stimmung am Hoch am besten ist, hat schon seinen Sinn.
Umgekehrt bedeutet eine massiv negative Stimmung Angst (Fear). Wer Angst hat, verkauft oder hat das bereits getan. Damit ist bei extrem am Markt umgehender Angst kaum noch jemand da, der in die gefallenen Kurse hinein aussteigen will bzw. kann. Was bedeutet, die Kurse werden über kurz oder lang steigen.
Der Haken dabei ist dieses „über kurz oder lang“. Sentiment-Indikatoren sind für das unmittelbare Timing von Trades nicht ideal, denn „Greed“- oder „Fear“-Phasen können bisweilen verblüffend lange anhalten, daher sind einzelne Indikatoren eher unzuverlässig. Dieses Problem versucht der „Fear & Greed“-Index von CNN Business zu lösen, indem er sich nicht auf einen, sondern auf gleich sieben Indikatoren stützt.
Sieben Indikatoren ergeben ein Gesamtsignal … grundsätzlich eine gute Sache
Da dieser Fear & Greed-Index CNN Business gehört, kann ich ihn an dieser Stelle nicht einfach abbilden, daher hier noch einmal der Link dorthin, dann können Sie ihn sich selbst ansehen und nachvollziehen, wo es momentan klemmt: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed.
Grundsätzlich ist dieser Index ein gutes Tool, das ich auch selbst gerne mit in meine Überlegungen einbeziehe (wenn er nicht, wie momentan, daneben liegt, dazu gleich mehr), denn er hat einen bedeutenden Vorteil gegenüber den meisten anderen Indikatoren, egal, ob aus dem Bereich Sentiment oder Markttechnik:
Er besteht aus sieben Unterkomponenten und erzeugt damit ein breites, geglättetes Bild, so dass man normalerweise nicht wie bei Fehlsignalen von Einzel-Indikatoren komplett auf den falschen Dampfer geraten würde. Was aber ganz anders aussieht, wenn mehrere dieser sieben Indikatoren ein verzerrtes Bild liefern. Folgende sieben Indikatoren bilden zusammen diesen Index:
Die einzelnen Indikatoren des Fear & Greed-Index
Zunächst haben wir da das Momentum, die Schwungkraft des Marktes. Dazu wird geprüft, ob und wie weit der marktbreite S&P 500 über dem gleitenden Durchschnitt der letzten 125 Handelstage notiert. Warum man mit 125 Tagen ausgerechnet ein ansonsten nie benutztes Zeitraster gewählt hat, sei mal dahingestellt, aber vom Prinzip her passt die Aussage: Je weiter der S&P 500 über dieser 125-Tage-Line notiert, desto größer ist das Momentum. Und mit ihm die Euphorie. Euphorie aber heißt, dass die meisten vermutlich schon investiert sind (weil man nicht euphorisch ist und zugleich ein leeres Depot hat). Und das bedeutet: Abwärtsrisiko. Umgekehrt gilt: Je weiter der S&P 500 unter der Linie notiert, desto größer ist der Pessimismus, d.h. wer verkaufen wollte, hat wohl schon verkauft. Und das bedeutet: Chancen auf der Oberseite. Allein für sich genommen ist das zwar trotzdem noch sehr unzuverlässig. Aber es kommen ja noch sechs andere Indikatoren hinzu.

Der zweite Indikator ist die Marktbreite des Trends. Je mehr Aktien an der NYSE (New York Stock Exchange) neue Hochs markieren im Vergleich zu denen, die neue Tiefs markieren (immer bezogen auf die letzten 52 Wochen), desto massiver ist – normalerweise – die Hausse. Und wenn eine Hausse extrem wird, steht sie eben oft kurz vor ihrem Ende. Daher wird ein hoher Wert von 52-Wochen-Hochs minus 52-Wochen-Tiefs als bullisch und das wiederum als „Gier“ eingestuft, im Gegenzug ist ein geringer oder sogar negativer Wert (wenn mehr neue Tiefs als Hochs vorliegen) extrem bärisch und würde „Fear“ indizieren, d.h. es bieten sich Chancen für steigende Kurse. Und genau hier liegt derzeit der Hase im Pfeffer, dazu gleich, zuerst weiter mit den anderen Indikatoren.

Als drittes haben wir eine Messgröße für die Trendstärke des Aktienmarkts, indem die Zahl der jeweils steigenden zu den fallenden Aktien an der NYSE mit ihren insgesamt um die 2.400 dort notierten Unternehmen ermittelt wird. Ist dieser Wert relativ niedrig, steigen also nur wenig mehr Aktien als zugleich fallen oder ist die Zahl nachgebender Aktien sogar höher, wertet der Fear & Greed-Index dies als „Fear“. Da entsteht in der besonderen Situation derzeit erneut ein Problem bei der Auslegung. Zum Ende der Vorwoche wies dieser Indikator sogar „Extreme Fear“ aus. Was keineswegs der Fall war.
Indikation Nummer 4 ist die sogenannte Put/Call-Ratio. Hier wird gemessen, wie sich das Verhältnis der am Terminmarkt gekauften Put- und Call-Optionen darstellt. Das ist eine gute Indikation, weil Optionen, anders als hierzulande, in den USA immer noch „das“ Derivat der Privatanleger sind. Wenn der Anteil an Puts über den der Calls steigt ist das ein Signal dafür, dass sich auffallend viele Anleger abzusichern scheinen, weil sie nervös sind. Das ist bärisch, weil man das als Kontraindikation sehen kann: Ungewöhnlich viele Trader, die skeptisch sind, bieten Chancen nach oben. Im Gegenzug ist ein starker Überhang an Calls ein Signal für Leichtsinn und damit als Kontraindikation potenziell bärisch.
Nummer 5: der VIX oder Volatilitätsindex. Er basiert auch auf dem Optionsmarkt und versucht zukünftige Preis-Volatilität zu messen. Steigt der VIX stark an, ist das ein Signal für „Fear“, ein niedriger VIX-Level zeugt von „Greed“. Das war und ist aber immer eine wacklige Sache, die Aussage des VIX liegt nicht selten völlig daneben. Da diese Indikation zum Vorwochenschluss aber mit „Neutral“ daherkam, soll das nicht unser heutiges Problem sein.
Die sechste Komponente misst die Kursgewinne am US-Aktien- und am US-Anleihemarkt über die letzten 20 Tage mit jeweiligen Durchschnittswerten. Die Aussage: Wenn die Gewinne am Aktienmarkt höher sind als am Anleihemarkt, ist das ein Signal höherer Risikobereitschaft und wird als Gier, sprich „Greed“ gewertet. Wenn dieses Verhältnis aber zu Gunsten der Anleihen dreht, nimmt der Wunsch der Investoren zu, sich abzusichern, das signalisiert „Fear“.
Zuletzt haben wir noch das Verhältnis der Renditen von Anleihen mit schlechter Bonität (Junk Bonds) zu denen von US-Staatsanleihen, die die höchste Bonität aufweisen. Junk Bonds haben eine deutlich höhere Rendite, sprich man bekommt dort mehr Zinsen als Ausgleich für das höhere Risiko wegen der schwachen Bonität. Wenn die Spanne zwischen den Renditen von Junk Bonds und den US-Staatsanleihen zunimmt, zeugt das von zunehmender Risikobereitschaft und damit von Leichtsinn, was die Gefahr von Rückschlägen erhöht, daher wird das als „Greed“ eingestuft. Wird diese Rendite-Schere kleiner, greifen die Trader also vermehrt zu den weniger hoch rentierenden, aber sichereren US-Staatsanleihen, sieht man das als Signal von Angst, also „Fear“.
Wie wird der Fear & Greed-Index berechnet?
Wie macht man aus sieben Indikationen eine? Das Berechnungsprinzip ist ebenso simpel wie sinnvoll: Alle sieben Indikatoren werden in einer Range zwischen 0 und 100 Punkten berechnet, die sich aus der für diese Indikatoren normalen Spanne ergibt. Diese jeweiligen, aktuellen Wertungen zeigen für sich genommen, Sie sehen das selbst, wenn Sie den obigen Link auf die CNN Business-Seite nutzen, ob der Indikator gerade Angst oder Gier aussendet.
Aus diesen sieben Punktwertungen der Einzelindikatoren wird dann der Wert des Fear & Greed-Index ermittelt, indem die sieben Werte addiert und dann durch sieben geteilt werden, so dass jeder Einzelindikator die gleiche Gewichtung für den Endwert des Fear & Greed-Index erhält.
Dieser bewegt sich ebenso in der Skalenspanne 0 bis 100 Punkte, wobei er fünf Zonen ausweist: 0 bis 24 Punkte werden als „extreme Fear“ gewertet, 25 bis 44 Punkte als „Fear“. Die Zone zwischen 45 und 54 Punkten ist die neutrale Zone, danach sehen wir zwischen 55 und 74 Punkten „Greed“ und darüber, zwischen 75 und 100 Zählern, „Extreme Greed“.
Erinnern wir uns, bevor wir uns jetzt des Pudels Kern ansehen: Das ist ein Kontraindikator, den man also „auf den Kopf gestellt“ nutzt, indem „Fear“ bullisch und „Greed“ bärisch gewertet werden, sobald die Indikationen in die Extremzonen eintreten … und nur, wenn sie in den Extremzonen sind. Erst unter 25 Punkten sollte man den Fear & Greed“-Index als Hinweis auf einen baldigen Aufwärtsschwenk betrachten und erst über 75 als Vorboten einer nahenden Abwärtsbewegung. Zwischen 25 und 75 ist nichts extrem. Trends, die laufen, während der Index in diesem Bereich liegt, sind also, zumindest auf Basis dieser Ebene des Sentiments, nicht gefährdet.
Der Stand der Indikatoren zum Wochenende … und die Quelle des Problems
Die einzelnen Elemente gingen per Donnerstagabend (Freitag war in den USA feiertagsbedingt geschlossen) mit folgenden Aussagen in den Gesamtindex ein:
- Indikator 1, Momentum: Greed
- Indikator 2, Marktbreite: Fear
- Indikator 3, Trendstärke: Extreme Fear
- Indikator 4, Put/Call-Ratio: Fear
- Indikator 5, VIX: Neutral
- Indikator 6, Spanne Anleihe/Aktienkurse: Fear
- Indikator 7: Junk Bonds vs. Staatsanleihen: Extreme Fear
Damit lag der Fear & Greed-Index insgesamt bei nur 37 Punkten und damit in der Angst-Zone … und das, obwohl der US-Aktienmarkt nach dem Rücksetzer zu Monatsbeginn wieder kräftig zugelegt hat. Doch der Fear & Greed-Index meldete: Man ist ängstlich. Seltsam?
Allerdings. Also muss man die Sache mal abklopfen … und wird umgehend fündig. Denn wie ist es möglich, dass das Markt-Momentum, also der Indikator 1, Gier vermeldet, die Indikatoren für Marktbreite und Trendstärke, Nummer 2 und 3, zugleich aber Angst bzw. sogar extreme Angst? Da muss doch etwas falsch laufen. Ja, das tut es auch … und genau da liegt das Problem!
Wieso der Fear & Greed-Index aktuell falsche Werte ausweist
Dieses Problem könnte jeder erkennen … aber die meisten schauen nur auf die Summe, nicht auf die einzelnen Komponenten und merken daher gar nicht, dass hier gerade etwas nicht passt. Vor allem Handelsprogramme, die den Fear & Greed-Index als Signalgeber nutzen und nicht seine einzelnen Elemente, wären dadurch derzeit auf dem falschen Dampfer. Worum geht es?
Es geht natürlich um die Indikatoren Nummer 2 und 3, die gerade melden, dass am Aktienmarkt Angst umgeht, während die Aktienmärkte von einem Rekordhoch zum nächsten marschieren. Das liegt einfach daran, dass momentan ungewöhnlich wenige Aktie ungewöhnlich extrem zulegen. Sie, vor allem die Halbleiter-Aktien, ziehen den Gesamtmarkt nach oben, während das Gros der Aktien weniger gut oder sogar schlecht läuft. Deswegen ist die Marktbreite schwach und die Zahl neuer 52-Wochen-Hochs untypisch niedrig.
Dabei ist es sicherlich richtig, dass vermutlich viele derjenigen, die diesem Treiben bei den Zugpferden der Hausse zuschauen, eher skeptisch, vielleicht sogar wirklich ängstlich sind. Aber da sich diese Klientel erfahrungsgemäß nicht dazu hinreißen lassen wird, auf diese haussierenden Halbleiter noch aufzuspringen, ist die hinter den Indikatoren stehen Grundaussage, nämlich, dass eine weit verbreitete Furcht dazu führen wird, dass viele erst noch einsteigen, falsch … und damit auch die wegen des „Fear“-Levels bullische Bewertung des Gesamtindex.
Ein grundsätzlich problematischer Aspekt ist zudem der Subindikator Nummer 7 mit seiner Auswertung der Spanne zwischen „soliden“ und „riskanten“ Anleihen … denn das ist ein eigenes Spielfeld, das zumindest aus meiner Sicht nicht Teil eines Gesamtindikators sein sollte, der vor allem für die Messung der Stimmung am Aktienmarkt benutzt wird. Fazit:
Der Fear & Greed-Index sendet momentan irreführende, bullisch wirkende Signale aus. Der Grund: Die extreme Konzentration von immer mehr Kapital auf ungewöhnlich wenige US-Aktien.

Der „Fear & Greed“-Index könnte die laufende Hausse noch intensiviert haben
Wenn man sich überlegt, dass der Fear & Greed-Index viel Beachtung findet und er sich zudem sehr gut eignet, um Signalgeber von computergesteuerten Handelsprogrammen zu sein, kann es einem ein wenig bange werden. Einem Handelsprogramm muss man ja einfach vorgeben „unter 25 kaufen, unter 20 Long mit Derivaten … über 75 Long verkaufen, über 80 Short mit Derivaten“. Das funktioniert gut, denn der Indikator an sich ist ja ein tadelloses Tool und dass man ihn so nutzt, habe ich in den letzten Jahren immer wieder beobachtet. Aber wäre es so, kommt der Gedanke auf, dass diese durch diese Sondersituation hervorgerufene Fehlfunktion die Hausse am US-Markt noch intensiviert haben könnte. Und damit das Rückschlagrisiko.
Denn grundsätzlich funktionieren Handelsprogramme so, dass sie, wenn sie ein bullisches Grundsignal sehen, in die Aktien investieren, die das höchste Momentum, d.h. die höchste Aufwärtsdynamik zeigen. Was dazu geführt haben kann … und grundsätzlich noch weiter führen könnte … dass diese derzeitigen Favoriten noch extremer zulegen und diese Blase dann unweigerlich platzt, so, wie es absolut allen Blasen zuvor erging. Ob es dann bei einem sportlichen „Luft ablassen“ bleibt oder es wirklich zu einem großen Knall kommt, ist nicht absehbar, aber klar sollte sein:
Dass der Fear & Greed-Index gerade suggeriert, dass an den US-Märkten die Angst umgeht und das als bullisch deklariert, während die Indizes im Bereich bisheriger Hochs notieren, wirkt wie eine Aufforderung zum Tanz auf einer Feier, die schon so lange läuft, dass sie jederzeit enden könnte. Dass dieser grundsätzlich so sinnvolle Indikator die Risiken noch verschärft, sollte man daher besser im Hinterkopf behalten!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Quellenangaben:
Fear & Greed-Index, CNN Money: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.06.2026 um 18:23 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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