Die reinen Kursveränderungen der großen Aktienindizes können zwar aufzeigen, in welche Richtung der Trend weist, aber sie gewähren keinen Blick hinter den Vorhang. Wie sieht die innere Struktur der Trends aus? Was tun die institutionellen Investoren, was die spekulativen Trader? Die folgenden Charts lüften den Vorhang zur Halbzeit dieses Börsenjahres ein wenig.
Man kann nie alles erfassen, was man gerne erfassen würde, wenn es um die Börsen geht. Wer genau wann was warum getan hat … selbst, wenn man das wüsste, wäre die Flut unterschiedlicher Motive und Handlungen zu groß, um daraus ein sicheres Gesamtbild zu generieren. Und selbst, wenn man sogar das könnte: Was morgen und übermorgen passiert, enthüllt das dann auch nicht. Denn an der Börse gilt: Unverhofft kommt oft. Seit wir wieder eine „Trump-Börse“ erleben, erst recht.
Aber man kann immerhin abschätzen, ob sich ein Trend auf eher solidem Boden bewegt oder auf Treibsand. Ob man eher moderate Risikobereitschaft sieht oder gefährlichen Leichtsinn. Und ob die Konjunktur als Rückgrat jedes Trends wirklich unterstützt, was der Aktienmarkt gerade treibt. Das ist kein klarer Blick in die Zukunft, sondern ein Erhaschen von einzelnen Eindrücken aus dem Hier und Jetzt. Aber das genügt, um für sich selbst beurteilen zu können, wie man es selbst mit Kapitaleinsatz und Risikobereitschaft halten will. Und darüber auf Basis von Daten statt aus dem Bauch heraus zu entscheiden, kann Gold wert sein.
Sehr wenige Pferde ziehen gerade einen sehr schweren Karren
Ob ein Trend auf einer breiten Basis steht oder nur auf einem Bein, kann man am Verlauf eines Index, der zahlreiche Aktien unter seinem Dach vereint, nicht erkennen. Hier sind „interne“ Indikationen hilfreich, wie der nachfolgend abgebildete Anteil an Aktien im derzeit um die 2.400 Aktien umfassenden New York Stock Exchange (NYSE) Composite Index, die über ihrer 200-Tage-Linie notieren. Wir sehen:

Momentan liegt deren Anteil bei 62 Prozent. Und das ist für einen Index, der auf Rekordlevels notiert, überraschend wenig. Denn die 200-Tage-Linie ist ja letztlich nur eine Art mittelfristige Scheidemarke zwischen bullischer und bärischer Tendenz, keineswegs ein Ausweis starker Auf- oder Abwärtsdynamik. In einem soliden Aufwärtstrend sollte der Anteil dieser grundsätzlich im bullischen Terrain laufenden Aktien daher höher sein … so, wie es in den Vorjahren bei neuen Hochs auch der Fall war. Die rote Linie hebt hervor, dass dieser Anteil bullischer Aktien geringer wird, die Kurse aber trotzdem steigen. Ein Warnsignal, das wir bei dieser Indikation auch sehen, wenn wir sie auf den deutschen Aktienmarkt anwenden:

Hier nehmen wir als Referenz den Composite DAX (CDAX), der um die 400 Aktien erfasst. Hier, am deutschen Markt, ist der Anteil mittelfristig bullischer Aktien sogar noch niedriger, aktuell kommen wir da gerade einmal auf 46 Prozent. Was indes nicht überrascht, wenn man den Blick vom DAX, der immerhin nahe seines Rekordhochs notiert, auf MDAX, SDAX oder TecDAX schweifen lässt, die im mittel- und langfristigen Bild weniger stark daherkommen.
Aber dieses Warnsignal in Bezug auf die 200-Tage-Linie ließe sich relativieren, wenn zum einen diejenigen Aktien, die die Indizes aktiv nach oben ziehen, von guten Argumenten begleitet werden. Was indes bei der derzeitigen Halbleiter-Hausse in ihrer jetzt erreichten Dimension langsam eine wacklige Sache wird. Zum anderen wäre es gut, wenn die über dem 200-Tage-Durchschnitt liegenden Aktien großenteils dynamisch laufen und nicht nur einige wenige extrem haussieren, während der Rest zwar steigt, aber keinen echten Schwung zeigt. Das Problem aktuell ist:
Was die New York Stock Exchange angeht, ist Ersteres der Fall, d.h. es laufen wenige Aktien extrem stark, einige gut, aber zu viele schlechter als die Indizes, um eine „gesunde Marktbreite“ zu erreichen. Die im Folgenden gezeigte Zahl von 381 neuen 52-Wochen-Hochs am Freitag ist für eine marktbreite Hausse zu gering, vergleichen Sie dazu nur die 653 neuen Hochs, die der NYSE Composite Index unmittelbar vor dem Angriff auf den Iran Ende Februar erzielt hatte. Aber wäre das bereits ein Grund, nervös zu werden?

Nein, zumindest nicht zwingend. Denn hier würde ja auch eine Aktie als neues 52-Wochen-Hoch auftauchen, die zwar unter der 200-Tage-Linie läuft, aber von der so lange so weit entfernt war, dass ein neues 52-Wochen-Hoch erreicht werden kann, die Aktie aber trotzdem noch unter der 200-Tage-Linie notiert. Und auch in einer Hausse mit großer Marktbreite würde eine Woche mit allgemeinen Gewinnmitnahmen den Trend an sich noch nicht gefährden, aber die Zahl neuer Hochs auf einmal drastisch drücken.
Hinschauen sollte man da regelmäßig, eine Webseite, die diese Zahlen liefert, ist unten bei den Quellen verlinkt. Vor allem aktuell könnte es interessant werden, weil die Zahl neuer Hochs am Freitag recht deutlich angezogen hat. Das könnte, wenn sich das hält, ein Signal dafür sein, dass die fehlende Marktbreite nachgeholt wird, indem viele zuletzt im Schatten der Halbleiter-Hausse stehende Aktien jetzt ebenfalls „entdeckt“ und gekauft werden.
Die Institutionellen Investoren scheinen optimistisch zu sein, die Spekulanten hingegen übermütig
Eine andere Facette, die einem einen Eindruck vermitteln kann, wie robust oder im Gegenteil instabil ein Trend derzeit sein könnte, sind Daten, die auf das Verhalten von großen Investorengruppen außerhalb der privaten Anleger schließen lassen.
Neben den Informationen aus regelmäßig von der Bank of America durchgeführten Umfragen unter Fondsmanagern ist die Entwicklung der durchschnittlichen Barreserve der US-Fonds eine interessante Indikation. Denn natürlich müssen die Fonds das Geld, das ihnen die Anleger überweisen, investieren, ob es nun mal weniger oder mal mehr ist. Aber wie groß sie ihre Barreserve halten, deutet an, ob man hier eher vorsichtig wird, sprich dunkle Wolken am Markt heraufziehen sieht oder nicht.
Denn das ist die Reserve, mit der man bei günstigen Gelegenheiten noch ordentlich zukaufen könnte, die einen aber auch bei größeren Abwärtsbewegungen vor zu viel Performanceverlust schützt, weil Geld, das auf dem Konto liegt, nun einmal keinen Verlust generieren kann,

Die derzeitige Barreserve in Höhe von im Schnitt 4,1 Prozent ist niedrig genug, um einen grundsätzlichen Optimismus auszustrahlen, aber hoch genug, um nicht, wie es direkt vor dem Iran-Krieg mit nur 3,2 Prozent der Fall war, eine schon fast leichtsinnig wirkende, bullische Einstellung auszuweisen. Das ist schon mal gut … nur sieht das bei den sogenannten „Börsenkrediten“ anders aus, wie wir im folgenden Chart sehen.

Diese Börsenkredite sind Kredite, die Spekulanten bei Banken für die Sicherheitsleistungen aufnehmen, die sie bei Brokern für Derivategeschäfte zu hinterlegen haben. Je höher diese auch Margin-Kredite genannten Kredite sind, desto höher ist in der Regel auch das Volumen an aktuell laufenden, hoch spekulativen Positionen. Die müssen nicht alle auf den Aktienmarkt bezogen sein und ebenso nicht alle die Long-Seite betreffen. Aber gemeinhin ist der Level dieser Kredite eine gute Indikation dahingehend, ob ein Trend langsam zu spekulativ wird oder nicht. Da, darf man behaupten, spricht die Entwicklung der vergangenen Monate für sich. Die Quelle für diese Daten finden Sie ebenfalls unten verlinkt.
Aktienmarkt-Trends und ihr Umfeld: Passt das zusammen?
Grundsätzlich ist ein großer Aufwärtstrend am Aktienmarkt dann mit einem tauglichen Fundament versehen, wenn die Wirtschaft solide wächst. Wenn die Unternehmen guter Dringe und die Verbraucher in Konsumlaune sind, so dass man davon ausgehen kann, dass die Unternehmensgewinne – als grundsätzliche Basis für den Trend der Aktien – steigen. Wie sieht es da derzeit aus?

Drei Jahre lang lief der US-Aktienmarkt, wenngleich von scharfen Korrekturen durchzogen, gegen eine insgesamt eher pessimistische Stimmung bei den Einkaufsmanagern der US-Unternehmen, wie der vorstehende Chart zeigt. Werte unter 50 in diesem Indikator bedeuten, dass mehr Einkaufsmanager für die kommenden sechs Monate von einer Verschlechterung der Lage ausgehen als im Gegenzug Wachstum erwarten. Das ist riskant, erklärt sich aber auch durch die oben genannte, schwache Marktbreite:
Die Anleger kauften, das aber exzessiv, nur die Aktien von Unternehmen, bei denen es gut lief, die breite Masse an Unternehmen blieb am Aktienmarkt wenig beachtet. Aktuell aber ist dieser Einkaufsmanagerindex seit Monaten recht deutlich in den positiven Bereich über 50 gelaufen. Was immerhin die Chance böte, dass eine Besserung der Gesamtlage der Hausse nachträglich den nötigen Unterbau liefert.

Diese Aufhellung der Stimmung in den Unternehmen sehen wir hierzulande aber nicht. Dafür ist der ifo-Geschäftsklimaindex, der monatlich um die 9.000 deutsche Unternehmen aller Branchen zu ihrer Meinung zu Lage und Ausblick befragt, ein guter Wegweiser. Dieser Index bewegt sich weiter im unteren Bereich der Spanne, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben. Die Stimmung ist nicht dramatisch schlecht, aber für eine stabile Hausse bei deutschen Aktien auf jeden Fall zu mager, um als Rückenwind dienen zu können.
Dass die deutschen Verbraucher derzeit ebenfalls nicht als Rückhalt kräftigen Wirtschaftswachstums dienen, weiß man. Bei den US-Konsumenten scheint das aber anders zu sein. Wobei man da bei der Antwort auf die Frage, ob das gut oder schlecht ist, differenzieren sollte:

Dass die Sparquote der US-Haushalte derzeit auf einem der niedrigsten Levels dieses Jahrhunderts liegt, hat zwei Gesichter. Einerseits bedeutet das, dass man fleißig weiter konsumiert, trotz gestiegener Preise. Andererseits deutet es an, dass die Barreserven der US-Bürger im Gegensatz zu denen der Fonds keine tauglichen Puffer im Fall von auftretenden, finanziellen Problemen aufweisen. Und das kann sich bei unerwarteten, negativen Entwicklungen nicht nur schnell und erheblich auf die US-Wirtschaft, sondern auch auf den Aktienmarkt auswirken. Indirekt durch dann tendenziell schwächere Unternehmensgewinne und direkt, wenn Anleger, die nicht genug Barreserve haben, Aktien verkaufen müssen, um unerwartete Ausgaben bezahlen zu können.
Fazit: Erhöhtes Risiko, aber noch keine „Alarmstufe Rot“
Versucht man aus dem Gesamtbild dieser Charts ein Fazit zu ziehen, fällt das natürlich immer sehr subjektiv aus, je nachdem, wie schwer man einzelne Daten und ihre Ausprägung gewichten möchte. Aus meiner Sicht würde dieses Fazit lauten: Man sollte diese Hausse besser nicht als in Stein gemeißelt sehen, erhöhte Vorsicht ist allemal angebracht. Aber von den hier gezeigten Daten ist bis auf diese „Margin-Kredite“ zumindest aktuell noch nichts dabei, das bereits mit einer rot blinkenden Alarmleuchte versehen wäre.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Quellenangaben:
Neue 52-Wochen-Hochs und 52-Wochen-Tiefs am US-Aktienmarkt: https://www.barchart.com/stocks/highs-lows
Kredite für Margins am US-Markt: https://www.finra.org/rules-guidance/key-topics/margin-accounts/margin-statistics
Informationen zum / zu den auf dieser Seite genannten Produkt(en) finden Sie hier: PRIIPs / KIDs CME Futures
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 28.06.2026 um 18:04 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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