Es ist schon eine feine Sache, regelmäßig auf den Saldo des Depots zu schauen und festzustellen: Wieder ein wenig mehr Gewinn erreicht. Doch da spielt die Wahrnehmung vielen Anlegern einen Streich. Denn was Sie da sehen, ist eben nur eine Momentaufnahme: Das ist nicht „Ihr“ Geld. Zumindest noch nicht.
Eigentlich weiß es ja jeder: Die Kurse an der Börse können steigen und fallen. Das bedeutet, dass das, was man am Abend als Depotwert begutachtet, am kommenden Morgen gestiegen sein könnte, aber eben auch weniger geworden sein kann. Erst, wenn man eine Position verkauft hat, ist das Geld, im Idealfall mehr als beim Kauf, wirklich „fix“, weil zurück auf dem Konto. Solange es „arbeitet“, verändert sich der Stand der Dinge andauernd. Außenstehende würden sagen: Klarer als das kann ja wohl nichts sein, wo also ist das Problem? Wer selbst involviert ist, weiß:
Buchgewinne und das Problem der ungewissen Zukunft
Dieser Umstand, dass ein Gewinn, der einem im Depot angezeigt wird, nicht von Dauer sein muss, kann sehr wohl Probleme bereiten. Denn genau das will unsere emotionale Ebene: Dass ein Gewinn sicher ist und im Zweifel größer wird, aber ja nicht kleiner. Zugleich wird man da aber vor eine unschöne Wahl gestellt, unschön, weil sie mit dem Ungewissen zu tun hat:
Wenn ich jetzt sofort verkaufe, gehört der Gewinn, den ich in diesem Moment im Depot sehe, wirklich mir. Da kann keiner mehr ran, keine unerwartete Wende der Kurse Ärger machen. Aber tue ich es, zementiere ich also den Gewinn dieses Augenblicks, kann er halt nicht weiter steigen, schließlich ist die Position verkauft. Zu verkaufen wäre höchst gewitzt, wenn ich sicher wüsste, dass die Aktie oder ein anderes Asset, womöglich gar das gesamte Depot, direkt nach dem Ausstieg im Wert fallen würde. Es wäre jedoch sehr ärgerlich, wenn es einfach weiter aufwärts ginge … nur dann eben ohne mich. Doch ob die Kurse drehen oder ihren Trend fortsetzen, weiß ich eben nicht. Das kann so manche schlaflose Nacht nach sich ziehen.
Nun ist es nüchtern betrachtet das „Schicksal“ eines jeden Anlegers, sich mit dem Ungewissen abzufinden. Es kann immer etwas sein, womit keiner gerechnet hat. Und das kann für Bewegung in meinem Sinne sorgen, aber mich auch, von den Buchgewinnen her, ärmer machen. Aber viele kommen damit eben nicht so einfach zurande. Auch, weil da dann der „FOMO“-Faktor auftaucht.
Und immer wieder taucht „FOMO“ auf
FOMO (Fear Of Missing Out), die Angst, etwas zu verpassen, ist vermutlich bei den meisten Menschen mehr oder weniger vorhanden. Und was die Börse betrifft, ist das auch nachvollziehbar. Denn was, wenn man zu früh verkauft, aus Sorge, einen hohen Gewinn zu verlieren? Dann reagiert man einerseits auf die Angst, diese Ausstiegschance zu verpassen … muss aber gleichzeitig fürchten, dass der Kurs womöglich einfach weiter steigt und man dadurch noch höhere Gewinne verpasst. Und jedem, der mal (wie man nun einmal erst im Nachhinein sicher weiß) zu früh ausgestiegen ist, weiß:
Wenn man diesen bisherigen, das Gefühl von Sicherheit bietenden Gewinn nicht mehr im Rücken hat, fällt es schwer, einfach wieder einzusteigen. Denn was, wenn es ein paar Tage später dann doch abwärts geht und man Verluste einfährt, das Wegbleiben nach dem Verkauf also besser gewesen wäre? 30 Prozent Gewinn mitzunehmen und dann neutral zu bleiben ist immer noch besser, als direkt nach den 30 Prozent Plus 15 Prozent Minus zu kassieren. Aber schlechter, als 40, 50 oder mehr Prozent mitzunehmen, indem man einfach dabeibleibt. Wissen müsste man es halt!
Das Knifflige an all dem ist, dass man dabei umso mehr in die seelische Bredouille gerät, wenn man einen einmal erreichten Gewinn als „sicher“ ansieht, sprich die Buchgewinne, die eine Position oder das Depot ausweisen, bereits als realen Gewinn, als „mein Geld“, empfindet. Denn dann wird man zusätzlich emotional, wenn die Gewinne nicht tun, was sie aus der persönlichen Sicht der Dinge gefälligst zu tun haben: steigen.
Eine typische Reaktion auf kippende Kurse: „sofortige Gegenwehr“
Sobald die Kurse in die falsche Richtung drehen, entsteht unwillkürlich das Gefühl, dass irgendwer einem gerade Geld wegnimmt. Mein Geld. Rational gedacht ist das Unfug, eben weil Buchgewinne nur Momentaufnahmen sind und jeder das eigentlich weiß. Aber wer imstande ist, emotionale Regungen einfach komplett beiseite zu schieben, möge die Hand heben … vor allem für weniger erfahrene Akteure dürfte das nicht so ganz einfach sein. Und eben dieses Gefühl, das einem suggeriert, dass Buchgewinne bereits eigenes, verdientes Geld seien, kann zu Fehlern verleiten. Vor allem, wenn diese innerlich bereits als sicher verbuchten Gewinne nicht ein klein wenig bröckeln, sondern unverhofft deutlich schrumpfen.

In solchen Fällen ist man emotional schnell durch den Wind, zumindest kannte ich das von mir in meinen Anfangsjahren und sehe das immer wieder bei mir persönlich bekannten Anlegern. Man ist einerseits stocksauer, andererseits fühlt man sich schlecht, weil man glaubt, dass man den Abriss der Kurse doch irgendwie vorher hätte erkennen und reagieren müssen. Die Folge:
Man neigt zu impulsiven Handlungen. Wobei das tendenziell weniger die ist, sicherheitshalber die gesamte Position zu verkaufen, weil die Gewinne ja noch weiter schrumpfen und die Sache schlimmstenfalls zu einem Verlust werden könnte. Nein, weil dieses unterschwellige Gefühl da ist, dass einem die Börse gerade Geld „gestohlen“ hat, will man sich wehren. Und wie wehrt man sich? Indem man zukauft, um so wegen der dann größeren Position schon bei einer kleinen Gegenbewegung nach oben den alten Gewinn wieder zu haben. Was gemeinhin nicht gut endet.
„Reich rechnen“ … eine echte Fallgrube
Eine weitere Gefahr, die einem droht, wenn man Buchgewinne bereits als gesicherten Gewinn ansieht ist, dieses Gefühl noch dadurch zu intensivieren, indem man sich „reich rechnet“. Man schaut sich an, wie grandios gerade alles läuft und verlängert seine ansteigenden Gewinne mit dem geistigen Lineal in die Zukunft. Da kommen dann Gedanken wie „wenn das noch zwei Wochen so weiter läuft, habe ich x-Tausend Euro und dann werde ich …“. Tun Sie es nicht!
Es gab Geschichten von Leuten, die sich im Zuge der Internetblase deswegen bereits teure Autos bestellt haben, weil sie sich sagten: Mein Depot ist jetzt X wert, bis das Auto geliefert wird, habe ich das Geld locker zusammen. Als die Blase platzte, platzten auch diese Bestellungen.
Und nein, dieses Denken ist nicht eines aus alter Zeit, vergessen wir nicht: Der Mensch an sich ändert sich in seinem Verhalten nicht. Dass in den USA nicht ein paar wenige, sondern angeblich Tausende von Studenten ihre Studienkredite mit Meme-Aktien verzockt hatten und sich damit massive Steine in ihren eigenen Lebensweg gerollt haben, ist nicht 20 oder 30 Jahre her, sondern fünf. Und ich möchte nicht wissen, wie viele, die ihr Depot randvoll mit den gerade haussierenden Halbleiter-Aktien gepackt haben, genauso denken und handeln.

Pyramidisieren auf Basis von Buchgewinnen: Viel gefährlicher kann man nicht leben
Eine weitere potenzielle Falle – und vermutlich die größte von allen – liegt in der Möglichkeit, Buchgewinne für weitere Käufe nutzen zu können, z.B. wenn man mit Derivaten wie Futures agiert. Da die für solche Derivate-Trades nötigen Sicherheiten auf Basis des Depotwerts geleistet werden können, kann man grundsätzlich bei aufgelaufenen Buchgewinnen mit diesem Kapital weitere Positionen kaufen und dadurch so etwas wie eine „Pyramide“ aufbauen, daher der Name für dieses Vorgehen. Wer glaubt, die Börse im Griff zu haben, neigt dazu zu glauben, dass diese Sache nur den Vorteil hat, durch immer größere Positionen auch immer mehr Gewinn zu erzielen … und ignoriert die daraus entstehende, immense Gefahr.
Denn das ist nichts anderes, als würden Sie ein Haus finanzieren, indem sie den Wert dieses Hauses als einzige Sicherheit hinterlegen und mit steigendem Wert des Gebäudes dann ein weiteres hinzukaufen, dessen Wert dann die Sicherheit für ein drittes wäre und so fort. Dadurch haben Sie zwar immer mehr Häuser und werden theoretisch immer reicher. Aber in dem Moment, in dem der Wert der Gebäude z.B., im Zuge einer Immobilienkrise, sinkt, werden auch die Sicherheiten für die Hypotheken weniger wert. Die Banken würden weitere Sicherheiten verlangen, die Sie nicht leisten können, weil Sie diese „Pyramide“ aufgebaut haben. Sie müssen erste Gebäude verkaufen, um bei den Sicherheiten der verbliebenen nachschießen zu können, eine Abwärtsspirale beginnt.
Nicht anders würde es laufen, wenn Sie dieses Spiel an den Börsen treiben. Ein Grund, warum die Nasdaq am vergangenen Freitag wie ein Strich immer weiter nachgab, dürfte darin gelegen haben, dass zu viele ihre Buchgewinne für das Zukaufen von immer mehr Positionen „missbraucht“ hatten und bei fallenden Kursen ihre Sicherheitsleistungen nicht auffüllen konnten … mehr dazu finden Sie in der Analyse des Nasdaq 100 im heutigen Börsenblick.

Wie ließe sich Abhilfe schaffen?
Ich muss betonen, dass ich hier über eigene Erfahrungen und das, was ich in den letzten Jahrzehnten bei anderen beobachtet habe, schreibe. Diese emotionalen Regungen und die daraus folgenden Aktivitäten müssen keineswegs auf alle zutreffen, vielleicht sind Sie gegen solche Empfindungen immun, hilfreich wäre es ja. Aber für alle anderen, die die Folgen dieser so menschlichen Empfindung, dass Buchgewinne bereits eigenes Geld sind, fürchten müssen, stellt sich die Frage: Wie vermeide ich, wegen dieses irreführenden Gefühls teure Fehler zu begehen? Hier einige Gedanken dazu, die auch wiederum nicht für alle hilfreich sein müssen … aber sehen Sie sich diese Vorschläge einfach einmal an:
1. Vermeiden Sie es gezielt, alle paar Stunden auf die Wertentwicklung Ihres Depots zu schauen, davon läuft nichts besser, es macht aber anfällig für übereilte Entschlüsse. „Abweichler“, um die man sich kümmern muss und das Überwachen der Stoppkurse, das ist wichtig. Nicht aber die Frage, ob Sie gerade (gefühlt, es sind ja nur Buchgewinne) ein halbes Prozent reicher oder ärmer geworden sind.
2. Wiederholen Sie, falls Sie sich bei dem Gedanken erwischen, den Buchgewinn Ihres Depots gerade zu verplanen oder gerade erreichte, schnelle Gewinne in die Zukunft zu projizieren, gebetsmühlenartig die Warnung: Achtung, das ist nicht mein Geld. Noch nicht.
3. Verinnerlichen Sie unbedingt, dass die Summe, die da gerade für Ihr Depot als Wert ausgewiesen wird, nicht nur auch mal fallen könnte, sondern dass das völlig normal wäre. Zu „rauf“ gehört immer auch mal „runter“.
4. Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Sie bei dem Gedanken, dass ein 50-Prozent-Gewinn auch wieder auf 30 Prozent rutschen kann, wirklich Unbehagen verspüren, nehmen Sie ihn entweder mit oder verkaufen einen Teil der Position, um dieser Unsicherheit zu entkommen.
5. Und sagen Sie sich immer wieder (beim ersten Mal klappt das nicht, jedenfalls war das bei mir so), wenn Sie das Gefühl haben, zu früh oder zu spät verkauft zu haben: Dafür kann diese Aktie (oder ein anderes Asset, bei dem Ihnen das passiert ist) nichts. Ich muss mich nicht „rächen“, indem ich einen Gang hoch statt herunterschalte, weil das nicht die einzige Gelegenheit ist, um Gewinne zu erzielen, im Gegenteil:
Momentaufnahmen sind Schall und Rauch, wenn man wirklich vernünftig Investieren will
Jeden einzelnen Tag tun sich an der Börse neue Chancen auf. Die muss man suchen und finden, dazu sollte man sich ein wenig auskennen, keine Frage. Aber sie zu finden und nicht sklavisch an irgendeinem Asset, das einem (gefühlt) „noch was schuldet“, zu kleben, lohnt den Aufwand. Lösen Sie sich von den Fallen, die diese Momentaufnahmen namens Buchgewinne für Ihre Emotionen darstellen und verlegen Sie sich auf den Blick auf das „große Ganze“, auf das Investieren an sich, das über Jahre und Jahrzehnte laufen soll. Da zählen keine kurzen Augenblicke, sondern der übergeordnete Trend.
Und solange man die Sache mit ein wenig Wissen, Erfahrung, Geduld und Disziplin angeht, statt von der Börse stetig steigende Gewinne als Anspruch einzufordern, wird dieser lange Weg auch einer, der Freude bereitet. In diesem Sinne:
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.06.2026 um 16:40 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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