Man hätte es kommen sehen müssen. Aber man hat die Gefahr einfach ignoriert … um jetzt vor einem Problem zu stehen, das Lösungen einfordert, die aber niemand liefern kann. Was klingt, als ginge es um den Klimawandel oder die Schuldenkrise, beschreibt das, was man mittlerweile als das „chinesische Problem“ bezeichnen könnte.
Die Tendenz an den meisten Aktienmärkten weltweit weist seit Monaten wieder aufwärts. Der negative Faktor hoher Energiepreise und geopolitischer Spannungen wird durch die „Hypes“, die auf viele Anleger wie glitzernde Glasperlen wirken, übertüncht. Der feste Glaube daran, dass es reicht, einfach das zu kaufen, was die anderen auch kaufen, um sein Geld zu vermehren, ist daher bei vielen noch ungebrochen. Und wenn man diese so angenehme, weil einen zugleich jeglichen Kümmerns und Lernens enthebende „Strategie“ fährt, merkt man bisweilen nicht, dass der Treibsand, auf dem man steht, bereits bis zu den Knien reicht. Weil man ja nur nach oben, auf die nächsten Rekorde, schaut.
Würde man jedoch, weil man weiß, was ein Anleger können und tun muss, nach unten sehen, dann würde man dort als einen wichtigen Aspekt, der dabei ist, die Leichtfertigen ins Straucheln zu bringen, China vorfinden. China? Der Wirtschaftsgigant, der einen Rekord beim Export nach dem anderen markiert, soll ein Problem sein? Ja … und der Umstand, dass Chinas Exportvolumen stetig steigt, ist kein Beweis für das Gegenteil, sondern nur ein Effekt von Chinas Problemen. Und Donald Trump ist da beileibe nicht das größte.
Anderer Leute Fehler zu wiederholen und zu glauben, man kann es besser, endet oft gleich
Im Prinzip ließe sich der Kern der Misere auf diese immer wiederkehrende, wohl typisch menschliche Neigung zurückführen, dass man nur zu gerne glauben mag, dass etwas, das einem viel verspricht, früher aber woanders dramatisch schiefging, in diesem Fall ganz bestimmt gutgehen wird. Der Klassiker der Argumente ist in diesen Fällen: Aber das hier ist doch etwas ganz anderes! Ist es aber höchst selten. Und in Bezug auf Chinas jahrelangen Immobilienboom war es das eben nicht. Obwohl man am Beispiel der geplatzten US-Immobilienblase 2007/2008 ff. ein noch frisches Vorbild hatte, wie man es nicht machen darf, lief es am Ende genauso. Und es ging genauso schief.

Zu viele hatten sich zu hoch verschuldet in dem irrigen Glauben, dass sich ihre Kredite durch einen rasanten Anstieg des Werts ihrer Immobilien quasi selbst zurückzahlen. Bis zum Punkt X, als ein groteskes Überangebot auf massiv überzogene Preise traf. Seither fallen die chinesischen Immobilienpreise. Doch jetzt will kaum einer noch kaufen, während die, die es zu viel zu hohen Preisen taten, auf immensen Schulden bei einem zugleich sinkenden Wert ihrer Kredit-Sicherheit sitzen.
Der in der vergangenen Woche veröffentlichte Konjunkturdaten-Korb für den Juli zeigt, dass dieser Abstieg der Immobilienpreise und damit für die, die sie besitzen, ihres Werts, einfach nicht endet. Im Juli lag der Preisindex des Immobilienmarkts 3,2 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats … und dieser Abstieg läuft bereits seit vier Jahren! Dass das in Kombination mit den Unsummen, die in den Boomjahren an Schulden aufgenommen wurden, auf den Konsum drückt, ist klar. Und so wundert es nicht, dass das Volumen des chinesischen Einzelhandelsumsatzes, das vor Corona noch regelmäßig Jahres-Wachstumsraten zwischen acht und über zwanzig Prozent auswies, im Juli nur noch mickrige 0,6 Prozent über dem Vorjahresmonat liegt. Aber eine hoch verschuldete Wirtschaft ist zum Wachstum verdammt, sonst könnte das Kartenhaus zusammenbrechen. Und an diesem Punkt kommt der Rest der Welt ins Spiel.
Exportflut aus China. Eine Art „Notwehr“, die keinem etwas bringt
Wenn die eigenen Leute nicht genug zum Wachstum beitragen können, müssen es eben andere tun. Und so wundert es nicht, dass Chinas Industrieproduktion im Juli zum Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent stieg (Juli-Daten für Deutschland und die USA gibt es noch nicht, aber im Juni stieg die US-Produktion um 1,1 Prozent, die deutsche ging zum Juni 2025 um 0,1 Prozent zurück), obwohl die Binnennachfrage mau ist. Man exportiert, was irgend geht, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Und da das einstige Hauptziel der Exporte in Form der USA durch Trumps Importzölle steiniges Terrain geworden ist, wird eben der Rest der Welt mit chinesischen Gütern geflutet. Damit haben die europäischen Unternehmen ein Problem.

Denn da geht es eben nicht mehr wie vor 30 oder 40 Jahren um billigen Plastikkrempel, wenngleich es den auch noch gibt. Aber mittlerweile ist China im Hochtechnologiebereich eine große Adresse und in manchen Sektoren längst führend. Das Land, das europäische und US-amerikanische Konzerne so fröhlich als „Billig-Werkbank“ benutzt hatten, kann jetzt eben auch, was die europäischen oder US-amerikanischen Auftraggeber früher gezielt an Know-how daheim behielten.
Was sich diejenigen, die ihre Produktion nach China auslagerten, hätten denken können, aber ganz offenbar nicht wollten, weil ihnen das Hemd näher war als die Hose: „Jetzt produzieren wir in China billig und steigern so unseren Gewinn. Was in der Zukunft passiert, ist erst einmal egal, das lösen wir dann schon“, mag man damals gedacht haben. Nun, jetzt sind wir in dieser Zukunft von damals angekommen. Und als einzige Lösung scheint der Politik einzufallen, Chinas Importflut, wo möglich, auszusperren, um denen unter die Arme zu greifen, die mit ihrem „Outsourcing“ das Problem erst angestoßen hatten und jetzt selbst wenig mehr zu Lösungen beitragen können als zu lamentieren.
Zwar müsste all das, was China in den Rest der Welt verschifft, auch erst einmal verkauft werden. Und das klappt nur bedingt, wenn man die Berichte von großen Mengen an chinesischen Elektrofahrzeugen liest, die unverkauft auf Halde stehen. Aber der Druck auf die Unternehmen in Europa bleibt … und auch die US-Unternehmen können sich, trotz der Hürde höherer Importzölle für chinesische Waren, davon nicht freimachen, zumal:
Der Wachstumsmarkt China ist für viele Unternehmen zur „Problemzone“ geworden
Es geht ja nicht nur um das, was aus China auf unsere Märkte kommt. Es geht auch darum, was China aufgrund der angespannten Wirtschaftslage nicht aus dem Ausland importiert oder wenn doch, was nicht so nachgefragt wird wie früher. Vor zwanzig Jahren mag es noch zutreffend gewesen sein, dass man, wenn man in China gute Qualität kaufen wollte, tendenziell auf europäische, japanische oder US-Marken zurückgriff. Heute sind heimische Marken für chinesische Verbraucher sehr oft eine vergleichbar gute, bisweilen bessere und oft günstigere Wahl. Und so, wie sich die Sache insgesamt derzeit darstellt, scheint vielen Exporteuren aus Europa und den USA zu diesem Problem bislang nichts einzufallen.

Dabei hat man momentan wenigstens noch den Vorteil, dass der chinesische Yuan gegenüber dem US-Dollar ebenso wie zum Euro sukzessiv fällt. Das erhöht die Gewinnspanne von in China verkauften Waren, zugleich sinkt die Gewinnspanne der verkauften chinesischen Güter in den USA und Europa, weil man beim Rücktausch der erlösten Summe für einen Euro oder einen US-Dollar durch den Wertverlust der eigenen Währung eben weniger Yuan erlöst als in früheren Jahren. Und man darf annehmen (da man in Peking imstande ist, den Außenwert der eigenen Währung gezielt mit zu beeinflussen), dass China so versucht, die Exportflut auf diesem Weg etwas „sanfter“ zu gestalten, um den Widerstand einzudämmen. Aber was, wenn die Lage dort nicht besser wird und man sich entscheidet, den Yuan wieder aufzuwerten, um wieder auf konjunkturelle Touren zu kommen?
China ist weltwirtschaftlich gesehen durch seine Immobilien-Misere ein Problem und ein Risiko für die kommenden Jahre. Zwar ist das „chinesische Problem“ wenigstens greifbarer und weniger unberechenbar als Donald Trumps Wirtschaftspolitik, könnte aber ähnlich gefährlich sein. Vor allem, weil sich ein Karren, der durch diese geplatzte Immobilienblase wirklich sehr tief im Dreck steckt, nicht einfach mit einem Fingerschnipp herausziehen lässt, was man auch daran erkennt, dass die zahlreichen Stimuli, die Peking angeschoben hatte, das Problem bislang nicht lösen konnten. Zumindest, wenn man einem Fehler nicht gleich den nächsten folgen lassen will … und immerhin das scheint man in China vom „amerikanischen Patienten“ der dortigen Immobilienkrise gelernt zu haben:
Noch vermeidet man monetäre Segnungen nach dem Gießkannen-Prinzip … noch.
Überschuldung und faule Kredite durch Unmengen an billigem Geld „wegzuspülen“, sprich Schulden mit noch mehr Schulden zu überdecken, ist eine blitzschnelle Lösung … aber mit potenziell dramatisch toxischen Langzeit-Folgen. Bei uns war es vor allem die sogenannte Euro-Krise, die das belegte. In den USA spielt man dieses Spiel jedoch weiterhin. Die Staatsverschuldung steigt fröhlich immer weiter, immer mal kurz unterbrochen durch die Show des Haushalts-Gezeters, um einen „Shutdown“ zu vermeiden, aber letztlich mit dem Plazet der gesamten US-Politik. Solange man sich über Anleihen noch Geld bei egal wem holen kann, tut man es ungehemmt … und nach genau diesem Prinzip agieren offenbar auch weiter viele US-Verbraucher. Denn dort ist die Verschuldung im privaten Sektor in den vergangenen fünf Jahren von gut zehn auf zuletzt 13,9 Billionen US-Dollar gestiegen. Eine beeindruckende Wachstumsrate, nur leider im falschen Bereich.
China versucht zwar, über Zuschüsse und Steuervergünstigungen auch direkt beim Verbraucher anzusetzen, tut das aber bislang weniger aggressiv und weniger nach dem Gießkannen-Prinzip, als man es ab 2008 in Europa und den USA gesehen hatte. Aber wir sollten uns besser nicht zu sicher sein, dass man diese Vorsicht aufrechterhält, wenn die Misere noch ein paar Jahre weitergeht. Und das kann sie, denn hohe Schulden bei einem zugleich schwindenden Wert der Immobilie und damit des wertvollsten Gutes, das die meisten Haushalte haben: Bei einer Klemme wie dieser könnte man leicht in eine Rezession rutschen.

Wegschauen heißt für Anleger, das Feuer aus den Augen zu lassen!
Die vermeidet man bislang durch die Exportflut und durch massive Anstrengungen beim technologischen Fortschritt. Aber beides erfreut den Rest der Welt eben in keiner Weise. Man wehrt sich dagegen, dürfte das in Zukunft wohl noch intensiver und aggressiver tun. Damit bleibt China für die Weltwirtschaft und letzten Endes dadurch auch für die Aktienmärkte weltweit ein Risikofaktor. Einer, den viele so gut wie nie und wenn, dann nur flüchtig wahrnehmen. Aber das Feuer unbeaufsichtigt zu lassen, war schon immer eine schlechte Idee!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.08.2026 um 9:37 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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