Irgendwann kommt bei vielen Anlegern der Moment, in dem ihnen der Gedanke kommt, dass man an der Börse deutlich mehr Geld verdienen könnte, wenn man nicht nur mittelfristig sein Erspartes anlegt, sondern aktives Trading betreibt. Der Gedanke an sich ist nachvollziehbar, der Weg dorthin aber steiniger, als die meisten das erwarten dürften. Dabei gibt es einige Fehler, die fast alle begehen, ihren Erfolg blockieren … die man aber in den Griff bekommen kann.
Um es gleich vorwegzuschicken: Der Autor dieses Beitrags weiß, wovon er in Sachen Trading schreibt. Ich habe keine sechs Monate nach dem Kauf meiner ersten Aktie angefangen, Optionsscheine zu kaufen. Damals, 1989, waren das japanische Optionsscheine, Anhängsel von Unternehmensanleihen. Wagemutige Konstrukte, aber es gab kaum etwas anderes. Wiederum keine sechs Monate später war das Geld weg.
Da ich nicht dazu neige, aufzugeben, habe ich dazugelernt … und lerne heute, 37 Jahre danach, eigentlich immer noch. Heute sind viele Dinge, mit denen ich mir früher ein Bein ums andere gestellt habe, zwar vom Tisch, von Perfektion bin ich indes immer noch weit entfernt. Aber immerhin haben Sie bei der Lektüre dieser Kolumne die Sicherheit, von einem zu lesen, der so ziemlich jeden Fehler, den man als Trader machen kann, selbst gemacht hat. Weshalb ich auch weiß: Man könnte alles in den Griff bekommen, wenn man nur konsequent und geduldig genug ist (wobei die meisten das wohl schneller schaffen dürften als ich). Was gleich zu Regel Nummer 1 führt:
Um gut zu werden, braucht es Zeit
Das Grundprinzip erfolgreichen Tradings mag ja simpel sein … billig kaufen, teuer verkaufen … aber die Umsetzung hat so ihre Tücken. Man muss lernen, wie die Börse konkret funktioniert, in all ihren Facetten. Man muss verstehen, wie die Marktteilnehmer „ticken“. Und, vor allem, man muss sich selbst kennenlernen. Denn wenn man unter Druck entscheiden muss, wenn es um Geld geht, wenn die Ungewissheit ein ständiger Begleiter ist … dann denkt und handelt man meist anders als im sogenannten „normalen Leben“.
Man sollte sich das nötige Wissen aneignen: Das braucht seine Zeit. Man sollte aber auch die unterschiedlichsten Situationen selbst erleben. Über eine verrückte Hausse oder einen fatalen Crash zu lesen, ist zwar wichtig. Schon einmal selbst dabei gewesen zu sein, bringt einen indes noch deutlich weiter. Das braucht Zeit, die viele nicht aufbringen wollen. Aber ob Sie Klavier spielen wollen, ein Handwerk ausüben, ein hervorragender Sportler oder eben ein guter Trader werden wollen: Alles braucht Zeit. Daran scheitern viele, aber das liegt oft vor allem an dem Irrtum, zu glauben, dies alles funktioniere im Handumdrehen. Um gut zu werden, braucht es seine Zeit … aber wenn man am Ende auch tatsächlich gut ist, ist das den Aufwand ja allemal wert!
Akzeptieren Sie Verluste: Sie gehören dazu!
Es mag Trader geben, die anders empfinden, aber für mich waren Verluste immer etwas, das imstande war, mir den Tag zu verderben und, gar nicht gut, auch alles außerhalb der Börse negativ zu beeinflussen. Und ja, einen Trade mit guter Hoffnung zu beginnen, womöglich auch alles richtig gemacht zu haben und dann doch im Minus ausgestoppt zu werden, ist unerfreulich. Doch nüchtern betrachtet kommt man um so etwas ja nicht herum. Nicht nur Sie und ich nicht, sondern niemand.
Wie sollte es auch anders sein? Egal, wie besonnen und konsequent Sie handeln, es wird immer Situationen geben, in denen plötzliche, externe Impulse zu Kursbewegungen führen, die kein kluges Trading-System der Welt hätte vorhersagen können. Als Trader ist der Aspekt der Unvorhersehbarkeit ein Teil unserer Realität. Verluste sind deswegen zwar nicht erfreulicher, aber man kann sie mit einem Lächeln akzeptieren, wenn man sich bewusst macht: Das geht allen so.

Erfolgsmessung nach Statistiken? Vergessen Sie’s!
Allerdings muss man sich dafür auch ein dickes Fell zulegen, denn allerorten hört und liest man von Leuten, die angeblich eine Erfolgsquote von 80 oder 90 Prozent haben und/oder die im Depot binnen Monaten prozentual vierstellige Gewinne erzielt haben. Und man wird bisweilen damit gelockt, dass man das, gegen einen „kleinen Obolus“, durch einen Kurs, ein Webinar oder was auch immer spielend leicht selber schaffen könne. Selbst wenn man diesen Werbungen widersteht, fühlt man sich da leicht als jemand, der es nicht hinkriegt. Aber solche Zahlen sind oft Schall und Rauch.
Es ist letztlich völlig egal, wie hoch die Erfolgsquote eines Traders ist, es kommt darauf an, wie genau sich die Sache verteilt. Ich könnte auch mit nur 30 Prozent Gewinntrades Gewinne erzielen, wenn diese Gewinne groß sind, die 70 Prozent Verlusttrades aber, als Ergebnis von Konsequenz, Disziplin und Stop-Loss-Absicherungen, immer nur kleine Verluste verursacht haben. Zudem kommt es immer darauf an, wo eine Statistik beginnt. Würden Sie meinen „Track Record“ sehen wollen, so könnte ich Ihnen viele Phasen zeigen, in denen neun von zehn Trades im Gewinn endeten. Aber es gibt eben auch Phasen, in denen weniger als die Hälfte einen Gewinn erbrachten und in denen zugleich die Verluste im Schnitt höher ausfielen als die Gewinne. Darum kommt niemand herum, worum es wirklich geht, ist:
Streben Sie nicht nach dem großen Wurf, sondern nach Konstanz
Konstanz. Konstanz insofern, als mittelfristig mehr Gewinn als Verlust entstehen sollte. Nicht auf Basis eines Tages, einer Woche, nicht einmal auf Basis eines Monats. Miese Phasen gibt es immer, bisweilen in mehreren Märkten zugleich, und nicht selten können Phasen, in denen so gar nichts funktionieren will, Wochen andauern. Dagegen gibt es nur ein Mittel:
Ruhe bewahren. Natürlich wäre es ideal, wenn man in kurzer Zeit mehrere Trades mit spektakulären Gewinnen abschließen könnte. Aber an der Börse gilt, mehr noch als anderswo: Kleinvieh macht auch Mist. Und mit dem kann man sehr gut leben, wenn man sich nicht selbst unter Druck setzt, weil man das Gefühl hat, das alles müsse schneller und besser gehen.
Das muss es nicht. Es sei denn, Sie erzeugen sich selbst Druck, weil Sie mit Geld arbeiten, das eigentlich gar nicht für das Trading gedacht war, oder darauf hoffen, dass Trading Ihnen Gewinne ermöglicht, die auszugeben Sie schon fest eingeplant haben. Trading ist Spekulation. Und dafür sollte man niemals Kapital einsetzen, das woanders gebraucht würde. Wer dieser Regel zuwiderhandelt, könnte auf dem besten Weg sein zu scheitern.
Setzen Sie Ihre Nervenstärke an der richtigen Stelle ein!
Denn wenig ist für einen Trader gefährlicher, als die Nerven zu verlieren. Fünf Trades nacheinander sind in kurzer Zeit mit Verlust zu Ende gegangen? Sie haben ein äußerst heftiges Minus eingefahren, weil Sie einen Fehler gemacht haben? Sie gewinnen den Eindruck, Ihr Trading-System funktioniert nicht mehr?
Alles höchst unerfreulich, keine Frage. Aber alles kein Grund, die Disziplin, mit der man als Trader arbeiten muss, gegen ein Vabanque-Spiel einzutauschen, bei dem man auf einmal viel größere Beträge einsetzt, um schnell die Verluste aufzuholen oder Positionen, die nicht bestehen bleiben dürften, im Verlust vergrößert, nach dem Motto: alles oder nichts.

Da ich all das bereits hinter mir habe, kann ich zumindest aus meiner Erfahrung berichten: „Nichts“ kam da deutlich öfter zustande als „alles“. Und das kann und darf nicht überraschen, denn wenn ein Trader anfängt, zum Spieler zu werden und auf sein Glück vertraut, haben ihn die Emotionen „kassiert“. Und man merkt nicht, dass solche Aktionen keineswegs mutig sind, sondern Ausdruck von Panik.
Die Emotionen außen vor zu lassen, ist nicht leicht, vor allem nicht in Phasen, in denen relativ viel schiefläuft. Aber dann eine Wende zu erzwingen, indem man anfängt, herumzuzocken, dürfte meist schiefgehen, denn nur, wenn man planvoll agiert, könnte auch der mittelfristige Erfolg planbarer werden. Wozu es natürlich einen Plan braucht.
Ohne konkreten „Plan“ geht gar nichts
Es muss kein hochkomplexes Handelssystem sein, das Sie als Rückgrat Ihres Tradings nutzen, es wäre eher sinnvoll, nach dem „KISS“-Prinzip zu agieren (KISS = keep it simple, stupid). Ob Sie dabei die Charttechnik, die Markttechnik oder sogar das Sentiment als Basis verwenden, ist dabei nicht unbedingt entscheidend, wichtig ist nur eines: Sie brauchen eine Basis, um systematisch vorzugehen. Und die sollte so beschaffen sein, dass sie dem üblichen Marktgeschehen Rechnung trägt, das von Trends dominiert wird. Dabei ist kein System perfekt, dazu kommt es zu oft zu externen Impulsen, die alles auf den Kopf stellen. Aber bedenken Sie:
Damit müssen alle anderen, auch die größten und erfolgreichsten Hedgefonds, ebenfalls zurechtkommen. Was man hingegen auf keinen Fall tun sollte, wenn ein System sich nicht als ausreichend effektiv erweist, ist, „nach Gefühl“ vorzugehen. Es ist schon richtig, dass man mit den Jahren mehr und mehr so etwas wie ein „Gefühl für den Markt“ entwickelt und bei bestimmten Situationen schon ahnt, was daraus werden dürfte. Aber das ist keine dauerhafte Basis für erfolgreiches Trading. Ein bestehendes System aufgrund von guten Argumenten neu auszurichten, ist immer drin. Sich zu sagen: „Ach was, das kann ich selbst doch besser“, nicht.

Der Blick in den Spiegel: Überwachen Sie sich selbst
Aber wieder darf ich vermuten, dass ich nicht der Einzige war, der genau das dachte. Und, natürlich, damit auf dem Bauch gelandet bin. Es ist nur zu menschlich, sich bei Erfolgen selbst auf die Schulter zu klopfen und bei Misserfolgen nach Schuldigen zu suchen. Aber damit landet man schnell bei einer kompletten Fehleinschätzung des eigenen Könnens. Niemand ist perfekt. Niemand weiß heute sicher, wo die Kurse morgen oder übermorgen stehen. Und deshalb ist es immens wichtig, sich immer wieder selbst im Spiegel zu betrachten und nicht nur die Misserfolge zu analysieren, sondern, vor allem, die Erfolge.
Ist man da ehrlich, landet man auch schnell wieder auf dem richtigen Weg. Denn wer könnte wirklich von sich behaupten, dass alle Gewinntrades, die man erzielt hat, wirklich auf Können und Konsequenz beruhten? Nicht selten hat man da auch mal so richtig Glück gehabt, indem ein Fehler sich durch eine überraschende Wendung der Kurse am Ende doch noch in einen Gewinn verwandelte. Sich immer mal wieder selbst daran zu erinnern, dass man fehlbar ist, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern notwendig, um die Selbstüberschätzung zu verhindern, die einen am Ende teuer zu stehen kommen kann.
Fazit: Jeder könnte ein guter Trader werden
Unter dem Strich bleibt: Jeder könnte zu einem guten Trader werden. Nur über Nacht und durch Handauflegen wird das eher nichts. Wer akzeptiert, dass man sich in diesem Bereich den Erfolg ebenso mit Geduld und Konsequenz erarbeiten muss wie in allem anderen, in dem man gut werden will, hätte indes schon einen wichtigen Schritt gemacht. Das schreibt einer, der auch heute noch weit von Perfektion entfernt ist. Machen Sie es wie ich: Lassen Sie sich nicht entmutigen!
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 13.09.2026 um 10:28 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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