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Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 15.-21.06.2026

Zyklisch traden … aber antizyklisch denken?

von

15.06.2026 | 07:00 Uhr
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Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

An den Börsen kommt es immer wieder zu Phasen, in denen die Kurse extrem überziehen, mal nach oben, mal nach unten. Erfahrene Anleger erkennen solche Situationen schnell … und können ihren Nutzen daraus ziehen. Allerdings nur, wenn sie einen Fehler vermeiden, der jedoch schnell passiert ist.

Sobald ein Anleger mit dem nötigen Grundwissen … das man mitbringen sollte … und ein wenig Erfahrung eine Situation ausmacht, in der erkennbar wird, dass die Kurse ganz sicher nicht dorthin gehören, wo sie gerade sind, kommt automatisch ein Gedanke: Das geht schief. Und es folgt die Schlussfolgerung: Das ist eine perfekte Chance, um einen stattlichen Gewinn zu erzielen, indem ich darauf setze, dass diese Übertreibung in sich zusammenfällt. Bis zu diesem Zeitpunkt passt alles. Aber der nächste Schritt kann ein Fehler sein. Einer, der dazu führt, dass aus einer cleveren Idee ein monetäres Waterloo wird:

Problem erkannt, losgerannt … und abgebrannt

In dem Augenblick, in dem man ein Ungleichgewicht am Markt erkennt, umgehend eine entsprechende, gegen den Strom laufende Position einzugehen, kann äußerst unerfreulich enden. Denn meist hat man mit der Einschätzung, dass hier etwas nicht läuft, wie es müsste, zwar recht. Aber recht haben und recht bekommen sind, an der Börse mehr noch als sonst, zwei paar Schuhe. Ein „Klassiker“ als Beispiel, bei dem ich selbst den fatalen Fehler begangen hatte, sofort eine antizyklische Position einzugehen: Die komplett verrückte Rohöl-Hausse der Jahre 2007/2008. Was war damals passiert?

Börse aktuell: Entwicklung Rohöl von 2006 bis 2009 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Rohöl von 2006 bis 2009 | Quelle: marketmaker pp4

Die Sorge, dass die damalige Immobilienblase in den USA platzen und Weltwirtschaft nebst Börsen in den Abgrund ziehen würde, nahm bereits 2007 zu, wurde aber mit aller Macht kleingeredet und von den bullischen Anlegern nur zu gerne ignoriert. Dann kam eine „Idee“ auf, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete: Man müsse sein Geld in „echte Werte“ anlegen, in Assets, die Bestand haben, wenn alles zusammenbricht. Zum Beispiel in Rohstoffe. Es begann eine Rohstoff-Hausse, die auch Nahrungsmittel mit erfasste und die Gesamtlage noch fragiler machte. Das war derart grotesk, dass ich damals nicht lange fackelte: Öl kann und wird nicht auf diesem Niveau bleiben, also kann man mit einem Short-Trade nichts falsch machen. Dachte ich. Oder besser: Ich hatte nicht den Hauch eines Zweifels. Und ging grandios baden, denn:

Am Ende lag ich zwar völlig richtig. Aber vor dem Ende der Hausse lag das Ende meiner Short-Positionen, weil ich nicht „ganz oben“ Short ging oder die Abwärtswende abwartete. Kleiner Hinweis am Rande: In Verlustpositionen zuzukaufen ist nicht nur nicht ideal, sondern fatal unklug … ich hatte das damals getan, weil ich nicht glauben wollte, dass die Börse so irre sein könnte. Konnte sie aber.

Scheren schließen sich immer … die Frage ist nur: wann?

Nächstes Beispiel mit aktuellem Bezug: Die Hausse der Internet-Aktien (und Biotech-Werte) ab Mitte 1999, die nichts hinterfragte, aber alles glaubte. Verbunden mit dem Verschmähen von Aktien klassischer Branchen, die man abfällig „Old Economy“ nannte. Der folgende Chart zeigt, wie extrem sich die Sache bis zum Frühjahr 2000 entwickelte. Die hier abgebildeten „DAXsector“-Indizes machen deutlich: Technologie und Telekommunikation liefen wie geschnitten Brot. Der Rest blieb liegen.

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 1999 bis 2000 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 1999 bis 2000 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Und wieder einmal ich mittendrin, mit demselben Fehler wie bei Rohöl, nur, dass ich im „Fall Rohöl“ nichts aus dem ersten Fehler zur Jahrtausendwende gelernt hatte: Da fiel ich mit dem Fehler, nicht nur antizyklisch zu denken, sondern auch automatisch antizyklisch zu handeln, zum ersten Mal so richtig auf die Nase. Denn natürlich war ich zu früh dran. Und nicht nur ich, sondern viele der erfahrenen Trader, schon deswegen schreibe ich diese Kolumne:

Sie soll daran erinnern, dass Cleverness beim Erkennen einer Situation umgehend zu einer Dummheit wird, wenn man vergisst, dass andere eben nicht sehen, was man selbst sieht und immer weiter in die rational betrachtet „falsche Richtung“ agieren. Dabei hätte man absolut nichts verpasst, hätte man zwar antizyklisch gedacht, aber zyklisch gehandelt, indem man damals die Abwärtswende der Hausse-Branchen und die Aufwärtswende der angeblich so langweiligen „Old Economy“ abgewartet hätte, wie wir in diesem Chart sehen, der die gleichen „DAXsector“-Indizes ab dem März 2000 zeigt, als diese Internet-Blase platzte:

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2000 bis 2005 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2000 bis 2005 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Das hat sich also hingezogen. Am Ende, ganz am Ende, lag richtig, wer erkannte, dass keine Volkswirtschaft wachsen kann, wenn die klassischen Branchen nicht mitziehen und deren Aktien damit in einer Phase, in der sie derart verschmäht werden, hoch lukrativ sind. Nur lag man eben lange falsch … auch, wenn man bereits mit dem Abwärts-Schwenk der Internet-Aktien auf die „Old Economy“-Schiene setzte. Richtig lag, wer imstande war, zwischen Denken und Handeln die Charttechnik zu stellen: Erst, wenn der Trend einer Idee recht gibt, ist der Moment da, sie umzusetzen. Und das gilt genauso für die heutige Situation:

Geschichte mag sich wiederholen, bei Fehlern sollte man das indes vermeiden

Da wir Menschen sehr gut darin sind, aus Fehlern nichts zu lernen und ein und dieselbe Dummheit immer wieder zu begehen, können sie sich vorstellen, dass es mich (und zweifellos viele andere) massiv in den Fingern juckt, bei dieser Halbleiter-Hausse antizyklisch aktiv zu werden, weil diese hohen bis zu hohen Bewertungen dazu einladen … und mich in Sachen Long um diejenigen Branchen zu kümmern, die schon wieder auf dem Grabbeltisch der Gier liegenbleiben. Immerhin ist die Ähnlichkeit zu dieser Phase im Jahr 2000 immens. Aber ob man es glaubt oder nicht:

Börse aktuell: Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2025 bis 2026 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung verschiedener DAXsector Indizes von 2025 bis 2026 im Vergleich | Quelle: marketmaker pp4

Diesmal habe ich (bis jetzt zumindest) die nötige Geduld. Weil ich mich noch zu gut erinnern kann, wie übel und zugleich unnötig es ist, mit antizyklischen Trades Verluste einzufahren, in der Hoffnung, dass sich das am Ende doch noch rechnet, während alle, die mit dem Strom schwimmen, Gewinne erzielen. Und weil die Geschichte lehrt, dass sich eine solche Schere zwischen Fakten und Kursen nicht an nur einem Tag schließt und dann alles vorbei ist. Man hat immer genug Zeit. Wenn man vorbereitet ist.

Fazit: Antizyklisch denken ist gut. Antizyklisch traden meist weitaus weniger

Am Ende landet man mal wieder bei der guten, alten Börsenregel: „the trend is your friend“. Es ist immer eine gute Sache, sich auszukennen und dadurch zu sehen, wenn der Markt gerade aus dem Ruder läuft. Und ja, daraus entstehen oft immense Chancen. Aber der Augenblick, in dem man sie erkennt und der Moment, in dem sie sich wirklich in den Kursen manifestieren, können weit auseinanderliegen.

Auf klare Signale in den Charts zu warten, statt aus dem Bauch heraus darauf zu wetten, dass die Masse mal wieder falsch liegt, ist fast immer ein Fehler. Denn eigentlich heißt dieser Spruch ja korrekt „am Ende liegt die Masse immer falsch“. Dieses Ende einer irrationalen Phase abzuwarten, ist sicherlich nicht leicht. Aber die Nerven zu haben, Geduld aufzubringen (was sich komisch liest, aber letztlich ist es ja so) kann sich da wirklich auszahlen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Informationen zum / zu den auf dieser Seite genannten Produkt(en) finden Sie hier: PRIIPs / KIDs CME Futures

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 14.06.2026 um 21:17 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

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Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

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Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

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Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

08.06.2026
07:00 Uhr

Die Tücken der „Buchgewinne“ — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
GameStop Corp.
Neutral
Micron Technology Inc
Neutral
NASDAQ 100 Index
Neutral
Marvell Technology, Inc.
Neutral
Arm Holdings plc. ADR
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.06.2026 um 16:40 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Es ist schon eine feine Sache, regelmäßig auf den Saldo des Depots zu schauen und festzustellen: Wieder ein wenig mehr Gewinn erreicht. Doch da spielt die Wahrnehmung vielen Anlegern einen Streich. Denn was Sie da sehen, ist eben nur eine Momentaufnahme: Das ist nicht „Ihr“ Geld. Zumindest noch nicht.

Eigentlich weiß es ja jeder: Die Kurse an der Börse können steigen und fallen. Das bedeutet, dass das, was man am Abend als Depotwert begutachtet, am kommenden Morgen gestiegen sein könnte, aber eben auch weniger geworden sein kann. Erst, wenn man eine Position verkauft hat, ist das Geld, im Idealfall mehr als beim Kauf, wirklich „fix“, weil zurück auf dem Konto. Solange es „arbeitet“, verändert sich der Stand der Dinge andauernd. Außenstehende würden sagen: Klarer als das kann ja wohl nichts sein, wo also ist das Problem? Wer selbst involviert ist, weiß:

Buchgewinne und das Problem der ungewissen Zukunft

Dieser Umstand, dass ein Gewinn, der einem im Depot angezeigt wird, nicht von Dauer sein muss, kann sehr wohl Probleme bereiten. Denn genau das will unsere emotionale Ebene: Dass ein Gewinn sicher ist und im Zweifel größer wird, aber ja nicht kleiner. Zugleich wird man da aber vor eine unschöne Wahl gestellt, unschön, weil sie mit dem Ungewissen zu tun hat:

Wenn ich jetzt sofort verkaufe, gehört der Gewinn, den ich in diesem Moment im Depot sehe, wirklich mir. Da kann keiner mehr ran, keine unerwartete Wende der Kurse Ärger machen. Aber tue ich es, zementiere ich also den Gewinn dieses Augenblicks, kann er halt nicht weiter steigen, schließlich ist die Position verkauft. Zu verkaufen wäre höchst gewitzt, wenn ich sicher wüsste, dass die Aktie oder ein anderes Asset, womöglich gar das gesamte Depot, direkt nach dem Ausstieg im Wert fallen würde. Es wäre jedoch sehr ärgerlich, wenn es einfach weiter aufwärts ginge … nur dann eben ohne mich. Doch ob die Kurse drehen oder ihren Trend fortsetzen, weiß ich eben nicht. Das kann so manche schlaflose Nacht nach sich ziehen.

Nun ist es nüchtern betrachtet das „Schicksal“ eines jeden Anlegers, sich mit dem Ungewissen abzufinden. Es kann immer etwas sein, womit keiner gerechnet hat. Und das kann für Bewegung in meinem Sinne sorgen, aber mich auch, von den Buchgewinnen her, ärmer machen. Aber viele kommen damit eben nicht so einfach zurande. Auch, weil da dann der „FOMO“-Faktor auftaucht.

Und immer wieder taucht „FOMO“ auf

FOMO (Fear Of Missing Out), die Angst, etwas zu verpassen, ist vermutlich bei den meisten Menschen mehr oder weniger vorhanden. Und was die Börse betrifft, ist das auch nachvollziehbar. Denn was, wenn man zu früh verkauft, aus Sorge, einen hohen Gewinn zu verlieren? Dann reagiert man einerseits auf die Angst, diese Ausstiegschance zu verpassen … muss aber gleichzeitig fürchten, dass der Kurs womöglich einfach weiter steigt und man dadurch noch höhere Gewinne verpasst. Und jedem, der mal (wie man nun einmal erst im Nachhinein sicher weiß) zu früh ausgestiegen ist, weiß:

Wenn man diesen bisherigen, das Gefühl von Sicherheit bietenden Gewinn nicht mehr im Rücken hat, fällt es schwer, einfach wieder einzusteigen. Denn was, wenn es ein paar Tage später dann doch abwärts geht und man Verluste einfährt, das Wegbleiben nach dem Verkauf also besser gewesen wäre? 30 Prozent Gewinn mitzunehmen und dann neutral zu bleiben ist immer noch besser, als direkt nach den 30 Prozent Plus 15 Prozent Minus zu kassieren. Aber schlechter, als 40, 50 oder mehr Prozent mitzunehmen, indem man einfach dabeibleibt. Wissen müsste man es halt!

Das Knifflige an all dem ist, dass man dabei umso mehr in die seelische Bredouille gerät, wenn man einen einmal erreichten Gewinn als „sicher“ ansieht, sprich die Buchgewinne, die eine Position oder das Depot ausweisen, bereits als realen Gewinn, als „mein Geld“, empfindet. Denn dann wird man zusätzlich emotional, wenn die Gewinne nicht tun, was sie aus der persönlichen Sicht der Dinge gefälligst zu tun haben: steigen.

Eine typische Reaktion auf kippende Kurse: „sofortige Gegenwehr“

Sobald die Kurse in die falsche Richtung drehen, entsteht unwillkürlich das Gefühl, dass irgendwer einem gerade Geld wegnimmt. Mein Geld. Rational gedacht ist das Unfug, eben weil Buchgewinne nur Momentaufnahmen sind und jeder das eigentlich weiß. Aber wer imstande ist, emotionale Regungen einfach komplett beiseite zu schieben, möge die Hand heben … vor allem für weniger erfahrene Akteure dürfte das nicht so ganz einfach sein. Und eben dieses Gefühl, das einem suggeriert, dass Buchgewinne bereits eigenes, verdientes Geld seien, kann zu Fehlern verleiten. Vor allem, wenn diese innerlich bereits als sicher verbuchten Gewinne nicht ein klein wenig bröckeln, sondern unverhofft deutlich schrumpfen.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq und die drei größten Verlierer am 05.06.2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq und die drei größten Verlierer am 05.06.2026 | Quelle: marketmaker pp4

In solchen Fällen ist man emotional schnell durch den Wind, zumindest kannte ich das von mir in meinen Anfangsjahren und sehe das immer wieder bei mir persönlich bekannten Anlegern. Man ist einerseits stocksauer, andererseits fühlt man sich schlecht, weil man glaubt, dass man den Abriss der Kurse doch irgendwie vorher hätte erkennen und reagieren müssen. Die Folge:

Man neigt zu impulsiven Handlungen. Wobei das tendenziell weniger die ist, sicherheitshalber die gesamte Position zu verkaufen, weil die Gewinne ja noch weiter schrumpfen und die Sache schlimmstenfalls zu einem Verlust werden könnte. Nein, weil dieses unterschwellige Gefühl da ist, dass einem die Börse gerade Geld „gestohlen“ hat, will man sich wehren. Und wie wehrt man sich? Indem man zukauft, um so wegen der dann größeren Position schon bei einer kleinen Gegenbewegung nach oben den alten Gewinn wieder zu haben. Was gemeinhin nicht gut endet.

„Reich rechnen“ … eine echte Fallgrube

Eine weitere Gefahr, die einem droht, wenn man Buchgewinne bereits als gesicherten Gewinn ansieht ist, dieses Gefühl noch dadurch zu intensivieren, indem man sich „reich rechnet“. Man schaut sich an, wie grandios gerade alles läuft und verlängert seine ansteigenden Gewinne mit dem geistigen Lineal in die Zukunft. Da kommen dann Gedanken wie „wenn das noch zwei Wochen so weiter läuft, habe ich x-Tausend Euro und dann werde ich …“. Tun Sie es nicht!

Es gab Geschichten von Leuten, die sich im Zuge der Internetblase deswegen bereits teure Autos bestellt haben, weil sie sich sagten: Mein Depot ist jetzt X wert, bis das Auto geliefert wird, habe ich das Geld locker zusammen. Als die Blase platzte, platzten auch diese Bestellungen.

Und nein, dieses Denken ist nicht eines aus alter Zeit, vergessen wir nicht: Der Mensch an sich ändert sich in seinem Verhalten nicht. Dass in den USA nicht ein paar wenige, sondern angeblich Tausende von Studenten ihre Studienkredite mit Meme-Aktien verzockt hatten und sich damit massive Steine in ihren eigenen Lebensweg gerollt haben, ist nicht 20 oder 30 Jahre her, sondern fünf. Und ich möchte nicht wissen, wie viele, die ihr Depot randvoll mit den gerade haussierenden Halbleiter-Aktien gepackt haben, genauso denken und handeln.

Börse aktuell: Entwicklung Gamestop Aktie von 2020 bis 2021 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gamestop Aktie von 2020 bis 2021 | Quelle: marketmaker pp4

Pyramidisieren auf Basis von Buchgewinnen: Viel gefährlicher kann man nicht leben

Eine weitere potenzielle Falle – und vermutlich die größte von allen – liegt in der Möglichkeit, Buchgewinne für weitere Käufe nutzen zu können, z.B. wenn man mit Derivaten wie Futures agiert. Da die für solche Derivate-Trades nötigen Sicherheiten auf Basis des Depotwerts geleistet werden können, kann man grundsätzlich bei aufgelaufenen Buchgewinnen mit diesem Kapital weitere Positionen kaufen und dadurch so etwas wie eine „Pyramide“ aufbauen, daher der Name für dieses Vorgehen. Wer glaubt, die Börse im Griff zu haben, neigt dazu zu glauben, dass diese Sache nur den Vorteil hat, durch immer größere Positionen auch immer mehr Gewinn zu erzielen … und ignoriert die daraus entstehende, immense Gefahr.

Denn das ist nichts anderes, als würden Sie ein Haus finanzieren, indem sie den Wert dieses Hauses als einzige Sicherheit hinterlegen und mit steigendem Wert des Gebäudes dann ein weiteres hinzukaufen, dessen Wert dann die Sicherheit für ein drittes wäre und so fort. Dadurch haben Sie zwar immer mehr Häuser und werden theoretisch immer reicher. Aber in dem Moment, in dem der Wert der Gebäude z.B., im Zuge einer Immobilienkrise, sinkt, werden auch die Sicherheiten für die Hypotheken weniger wert. Die Banken würden weitere Sicherheiten verlangen, die Sie nicht leisten können, weil Sie diese „Pyramide“ aufgebaut haben. Sie müssen erste Gebäude verkaufen, um bei den Sicherheiten der verbliebenen nachschießen zu können, eine Abwärtsspirale beginnt.

Nicht anders würde es laufen, wenn Sie dieses Spiel an den Börsen treiben. Ein Grund, warum die Nasdaq am vergangenen Freitag wie ein Strich immer weiter nachgab, dürfte darin gelegen haben, dass zu viele ihre Buchgewinne für das Zukaufen von immer mehr Positionen „missbraucht“ hatten und bei fallenden Kursen ihre Sicherheitsleistungen nicht auffüllen konnten … mehr dazu finden Sie in der Analyse des Nasdaq 100 im heutigen Börsenblick.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq von Januar bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq von Januar bis Juni 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Wie ließe sich Abhilfe schaffen?

Ich muss betonen, dass ich hier über eigene Erfahrungen und das, was ich in den letzten Jahrzehnten bei anderen beobachtet habe, schreibe. Diese emotionalen Regungen und die daraus folgenden Aktivitäten müssen keineswegs auf alle zutreffen, vielleicht sind Sie gegen solche Empfindungen immun, hilfreich wäre es ja. Aber für alle anderen, die die Folgen dieser so menschlichen Empfindung, dass Buchgewinne bereits eigenes Geld sind, fürchten müssen, stellt sich die Frage: Wie vermeide ich, wegen dieses irreführenden Gefühls teure Fehler zu begehen? Hier einige Gedanken dazu, die auch wiederum nicht für alle hilfreich sein müssen … aber sehen Sie sich diese Vorschläge einfach einmal an:

1. Vermeiden Sie es gezielt, alle paar Stunden auf die Wertentwicklung Ihres Depots zu schauen, davon läuft nichts besser, es macht aber anfällig für übereilte Entschlüsse. „Abweichler“, um die man sich kümmern muss und das Überwachen der Stoppkurse, das ist wichtig. Nicht aber die Frage, ob Sie gerade (gefühlt, es sind ja nur Buchgewinne) ein halbes Prozent reicher oder ärmer geworden sind.

2. Wiederholen Sie, falls Sie sich bei dem Gedanken erwischen, den Buchgewinn Ihres Depots gerade zu verplanen oder gerade erreichte, schnelle Gewinne in die Zukunft zu projizieren, gebetsmühlenartig die Warnung: Achtung, das ist nicht mein Geld. Noch nicht.

3. Verinnerlichen Sie unbedingt, dass die Summe, die da gerade für Ihr Depot als Wert ausgewiesen wird, nicht nur auch mal fallen könnte, sondern dass das völlig normal wäre. Zu „rauf“ gehört immer auch mal „runter“.

4. Wenn Sie den Eindruck gewinnen, dass Sie bei dem Gedanken, dass ein 50-Prozent-Gewinn auch wieder auf 30 Prozent rutschen kann, wirklich Unbehagen verspüren, nehmen Sie ihn entweder mit oder verkaufen einen Teil der Position, um dieser Unsicherheit zu entkommen.

5. Und sagen Sie sich immer wieder (beim ersten Mal klappt das nicht, jedenfalls war das bei mir so), wenn Sie das Gefühl haben, zu früh oder zu spät verkauft zu haben: Dafür kann diese Aktie (oder ein anderes Asset, bei dem Ihnen das passiert ist) nichts. Ich muss mich nicht „rächen“, indem ich einen Gang hoch statt herunterschalte, weil das nicht die einzige Gelegenheit ist, um Gewinne zu erzielen, im Gegenteil:

Momentaufnahmen sind Schall und Rauch, wenn man wirklich vernünftig Investieren will

Jeden einzelnen Tag tun sich an der Börse neue Chancen auf. Die muss man suchen und finden, dazu sollte man sich ein wenig auskennen, keine Frage. Aber sie zu finden und nicht sklavisch an irgendeinem Asset, das einem (gefühlt) „noch was schuldet“, zu kleben, lohnt den Aufwand. Lösen Sie sich von den Fallen, die diese Momentaufnahmen namens Buchgewinne für Ihre Emotionen darstellen und verlegen Sie sich auf den Blick auf das „große Ganze“, auf das Investieren an sich, das über Jahre und Jahrzehnte laufen soll. Da zählen keine kurzen Augenblicke, sondern der übergeordnete Trend.

Und solange man die Sache mit ein wenig Wissen, Erfahrung, Geduld und Disziplin angeht, statt von der Börse stetig steigende Gewinne als Anspruch einzufordern, wird dieser lange Weg auch einer, der Freude bereitet. In diesem Sinne:

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

01.06.2026
07:00 Uhr

Blase? Welche Blase? — Ronald Gehrt

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Adobe Systems Inc.
Neutral
DAX - Deutscher Aktienindex
Neutral
ELMOS Semiconductor SE
Neutral
Infineon Technologies AG
Neutral
Microsoft Corp.
Neutral
Rheinmetall AG
Neutral
SAP SE
Neutral
Siltronic AG
Neutral
London Silber Spot
Neutral
London Gold Spot
Neutral
Platin Future
Neutral
Palladium Future
Neutral
Hensoldt AG
Neutral
RENK Group AG
Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 31.05.2026 um 0:02 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.

Wenn die Börsen mal wieder heiß laufen, wird oft und gerne von einer Blase gesprochen, die jederzeit platzen und die Anleger in den Abgrund reißen könnte. Aber wann genau liegt eine Blase eigentlich vor? Sind wir wirklich gerade in einer? Und wenn ja: Was tun?

Gerade hat wieder eine US-Investmentbank ihr Kursziel für den marktbreiten US-Index S&P 500 angehoben … auf 8.000 Punkte zum Jahresende. Wo sich bereits einige andere Geldverwalter mit ihren Zielen versammelt haben. Wenn diese Leute richtig liegen, ist noch Luft nach oben. Und wo solide Spielraum nach oben ist, kann es ja keine Blase geben … oder?

Wenn man den Aussagen von Investmentbanken glauben mag, findet sich nie irgendwo eine Blase. Was indes noch keine Baisse daran gehindert hat, trotzdem ihr hässliches Haupt zu erheben. Seltsam? Mitnichten. Dass jemand, der Geld damit verdient, dass Sie an der Börse Geld verdienen wollen, davor warnt, weiter zu kaufen, ist eher selten. Also muss man selber schauen, ob sich da irgendwo etwas zu einer Blase entwickelt hat und Gefahr im Verzug ist.

Was genau ist eine „Blase“?

Eine klare, allgemeingültige Definition, bei der man messen und vergleichen kann, gibt es für eine Blase nicht. Was daran liegt, dass man bei jeder Blase ein „kommt drauf an“ mit einflechten muss.

Extreme Kursbewegungen sind nicht automatisch eine Blase. Wenn sie solide von den Fakten unterfüttert sind, sind sie sicherlich ab einem gewissen Punkt des „Heißlaufens“ für auch stärkere Korrekturen reif, aber nicht für einen kompletten Absturz, wie das bei Blasen passieren kann, aber nicht muss.

Für eine Blase müsste man es am Markt massiv übertreiben, indem eine markante Schere zwischen realistischen Erwartungen und dem, was die Kurse da einpreisen, entsteht. Und das ist aus meiner Sicht der Fall … was die Halbleiter-Aktien angeht. Aber das heißt nicht automatisch, dass wir jetzt, wenn meine Einschätzung zutreffen sollte, zwingend auf einen Crash zutorkeln müssten. Aber zuerst zu diesen Halbleiter-Titeln:

Warnsignale bei den Chip-Aktien

Derzeit glaubt fast jeder, Halbleiter-Aktien haben zu müssen, weil die Branche von dem Ausbau der KI-Technologie und -Kapazitäten profitiert. Was ja stimmt, nur: Es fällt auf, dass „man“ erst Ende März auf diese Idee gekommen zu sein scheint, vorher ging es da nämlich nur moderat und bei so mancher Chip-Aktie gar nicht voran. Aber dazu später.

Aus meiner Sicht sehen wir mittlerweile eine Blase in diesem speziellen Bereich, weil die üblichen Bewertungen dieser Aktien weit überboten sind. So beispielsweise bei Infineon, die wir im folgenden Chart sehen.

Börse aktuell: Entwicklung KGV von Infineon von 1999 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung KGV von Infineon von 1999 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Und obwohl es einige Analysten gibt, bei denen der Eindruck entsteht, dass sie ihre Kursziele nicht auf Basis einer nüchternen Analyse setzen, sondern sie immer dann weiter anheben, wenn das bisherige Ziel erreicht ist, sind die durchschnittlichen Kursziele dieser Analysten bei den meisten Chip-Aktien längst überboten.

Halbleiter-Aktien sind sogenannte „Fahrstuhl-Aktien“, d.h. sie sind immens konjunktursensibel, der Gewinn pro Aktie kann rasant stiegen, aber genauso dramatisch schnell wegbrechen. Daher billigt man Aktien dieser Branche normalerweise nur Kurs-/Gewinn-Verhältnisse von 15 bis 25 zu. Da sind wir bei sehr vielen Aktien dieser Branche längst weit darüber. Und das mit dem Argument, dass Nachfrage und Gewinnmargen auf Jahre hinaus dramatisch steigen werden – wegen KI. Doch wie weit steigt die Nachfrage? Wie lange? Es ist ja noch nicht einmal sicher, dass sich die in der Tat unfassbar hohen Investitionen, die große Unternehmen momentan in Sachen KI tätigen, auszahlen werden und daher tatsächlich eine weitere Steigerung in Bezug auf den Bedarf an Halbleitern über den jetzt in den Auftragsbüchern stehenden Level hinaus kommen wird.

Ein Hinweis dafür, dass nicht nur ich die Stirn runzele ist nicht nur, dass eine ganze Reihe von Analysten konsequent bei ihren Analysen und Schlussfolgerungen bleiben und diverse Überflieger von „Kaufen“ auf „Halten“ oder, in ersten Fällen, sogar auf „Verkaufen“ gesetzt haben, sondern auch etwas anderes:

Börse aktuell: Entwicklung Elmos Semiconductor und Siltronic im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Elmos Semiconductor und Siltronic im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Wenn Altaktionäre auf einmal anfangen, Teile ihres Engagements auf den Markt zu werfen, ist das auffällig. Schließlich tut man so etwas nicht, wenn man davon ausgeht, dass die Aktie ziemlich billig ist und noch viel Spielraum nach oben hätte. Man will einen guten Preis und verkauft, wenn man zu dem Schluss kommt, dass man womöglich auf absehbare Zeit nicht mehr herausholen könnte als jetzt. Zuletzt passierte das bei Elmos Semiconductor und bei Siltronic, siehe der vorstehende Chart.

Das alleine deutet darauf hin, dass wir hier sehr gute Kurse sehen … wenn man ein Verkäufer ist. Aber dass diese Aktien nach diesen Meldungen einfach weiter gekauft wurden, deutet darüber hinaus an, dass da verblüffend viele unterwegs sind, die Warnsignale nicht einmal sehen, wenn man sie ihnen um die Ohren haut. Heißt das also: Das Schiff steht kurz vor dem Kentern, alle Mann von Bord?

Die Frage ist: entweicht die Luft langsam oder platzt sie?

Ich gebe hier keine Empfehlungen ab, wie man es machen muss, sondern nur meine Meinung preis, aber die lautet: Wenn ein Kahn kurz davor steht, zu kentern, kann es hilfreich sein, einen Teil der Ladung über Bord zu werfen, den Rest anständig zu verzurren … und dann könnte das schon wieder passen, will heißen:

Wer hier zu hart am Wind segelt, sollte sich überlegen, einen Teil solcher hoch spekulativen Positionen zu verkaufen und den Rest sauber mit Stop Loss-Orders abzusichern. Denn wenn es so weiterläuft, wie wir das in den vergangenen Jahren erlebt haben, wäre es für mich eher eine Überraschung, wenn diese Halbleiter-Blase platzt … es kann gut sein, dass hier einfach nur einigermaßen kontrolliert die Luft entweicht. Was hieße: Von ein paar drastischen Luftlöchern abgesehen, in denen es auch mal fünf, zehn oder mehr Prozent mit einzelnen Aktien am Tag abwärts gehen könnte, kann es sein, dass es zwar zu einer Korrektur kommt, die ein Drittel oder die Hälfte dieser Hausse zurücknimmt, aber nicht alles. Was hieße:

Wer sich von der Gier nicht hat mitreißen lassen und eher mittel- und längerfristig positioniert ist, könnte da eher Chancen bekommen, an wichtigen, derzeit meilenweit entfernten Unterstützungen wie z.B. den 200-Tage-Linien oder mittelfristigen Aufwärtstrendlinien mit längerfristigem Zeithorizont zuzukaufen, denn der Aufwärtstrend der Halbleiter-Aktien an sich ist ja durchaus begründbar und faktisch unterfüttert. Das Problem ist derzeit nur, dass die Zocker sich nicht mehr im Griff haben.

Warum ich mir vorstellen könnte, dass die Sache für vernünftige Anleger glimpflich ausgeht, nicht alles zu Staub zerfällt und der Gesamtmarkt nicht auf eine Kernschmelze zusteuert? Weil es zuletzt auch gelang, das zu vermeiden. Denn diese Halbleiter-Blase ist ja nicht die erste in letzter Zeit, wie die folgenden Charts zeigen.

Es geht von einem Exzess zum nächsten: KI, Rüstung, Edelmetalle, Software, Halbleiter

Nachdem im Mai 2023 der KI-Boom losgetreten wurde, führte das zu massiv haussierenden Kursen bei einer noch eher begrenzten Zahl von Aktien. Danach war es relativ ruhig … aber seit Anfang 2025 geht es Schlag auf Schlag:

Erst kam der „Rüstungs-Hype“, parallel dazu der „KI-Energie-Hype“, bei dem alles, was mit dem Bau von Rechenzentren für den KI-Sektor zu tun hatte, durch die Decke ging. Irgendwann erschöpften sich die Käufe, wie der folgende Chart mit einigen Rüstungs-Titeln zeigt. Aber es kam nicht zum Crash, sondern zu einer Korrektur, die für Trader, die nicht ohne Sinn und Verstand, sondern mit vernünftigem Money-Management agierten, problemlos in den Griff zu bekommen war.

Börse aktuell: Entwicklung Renk, Hensoldt und Rheinmetall im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Renk, Hensoldt und Rheinmetall im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Bemerkenswert, dass diese Blase gleich in die nächste überging: Kaum drehten die Rüstungs-Aktien nach unten, zogen die Edelmetalle an. Und auch deren Blase ließ nur Luft ab und platzte nicht, weil das spekulative Kapital nicht von einem Tag auf den anderen weitergezogen war. Und wo ging es hin?

Börse aktuell: Entwicklung Gold, Silber, Platin und Palladium im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gold, Silber, Platin und Palladium im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Diesmal ging es auf die Short-Seite. Warum auch nicht? Spekulative Trader „können“ auch problemlos Short. Auf einmal fiel der ganzen Welt scheinbar zeitgleich ein, dass die KI ja die Software-Branche massiv bedrohen wird. Schon witzig, dass offenbar niemand ein Problem damit hatte, dass das allen auf einmal gleichzeitig aufgefallen sein soll, obgleich der KI-Hype an sich bereits seit Frühjahr 2023 lief. Auch, dass man immens viele, große Rechenzentren dafür braucht und daher diejenigen, die sie bauen und ihnen die Energie liefern, profitieren würden, hatte man ja scheinbar erst Anfang 2025 erkannt. Seltsam?

Börse aktuell: Entwicklung Microsoft, Adobe und SAP im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Microsoft, Adobe und SAP im Vergleich von 2025 bis 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Nicht seltsamer als der Umstand, dass man ebenso mit gewaltiger Verspätung bemerkt haben soll, dass das alles ja Unmengen an Chips braucht, weshalb die aktuelle Blase der Halbleiter-Aktien erst Ende März zu entstehen begann … erst merkt’s keiner, dann alle … und Eile ist dann auch noch geboten? Bilden Sie sich selbst Ihre Meinung dazu.

Fazit: Teilblasen bedrohen den Gesamtmarkt nur bedingt

Ich für meinen Teil würde vorschlagen: Lassen Sie sich nicht vom Sog mitreißen. Das ist an der Börse noch nie eine gute Idee gewesen. Und wenn einem erst einmal auffällt, das hier quasi alle paar Wochen eine andere S.. durchs Dorf getrieben wird, wird schnell klar: Die, die da am Anfang der „Idee“ stehen, machen hier einen großen Reibach, aber die Letzten beißen wie üblich die Hunde. Wer konsequent charttechnisch orientiert, mit vertretbaren Hebeln und Positionsgrößen und disziplinierten Stopps mithält, riskiert hier nicht zu Kentern. Wer glaubt, hier liege das Geld auf der Straße und sich von der Gier leiten lässt, schon. Aber das zieht eher nicht den Gesamtmarkt in die Tiefe, denn:

Wir sehen, dass das spekulative Kapital von einer Station zur nächsten weiterzieht. Aber dadurch entstehen nur „Teil-Blasen“, bezogen auf den Gesamtmarkt. Zwar hat diese Halbleiter-Kaufwelle mittlerweile eine Dimension erreicht, die stark mit Aktien dieser Branche besetzte Indizes wie Nasdaq 100 oder TecDAX schon ziemlich in die Knie drücken könnte, wenn der erste Riss in der Blase entsteht. Denn da kommt in der Regel erst einmal ein bisschen mehr Luft heraus aus in der Phase danach.

Aber der Aktienmarkt an sich ist sehr breit aufgestellt, mehr als ein ordentliches Beben wäre nicht zu erwarten, es sei denn, dass die Blase in einem Moment angestochen wird, in dem noch andere negative Faktoren zugleich auftauchen. Aber wenn so etwas passiert, heißt es sowieso immer „bitte anschnallen und das Rauchen einstellen“.

Wer diese Karawane spekulativen Geldes erkannt hat und mitzieht, in dem er/sie so etwas wie „Blasen-Hopping“ betreibt, ist bislang recht gut gefahren, wenn rechtzeitig erkannt wird, wann der Topf langsam überkocht. Aber das ist definitiv nur etwas, was erfahrene Trader erwägen sollten, denn grundsätzlich gilt nun einmal zu Recht: Mit Geld spielt man nicht.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv. Seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d. h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentimentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

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