Wie zu erwarten war, erleben wir seit Anfang 2025 eine „Trump-Börse“. Je nachdem, was gerade unverhofft an Aussagen aus dem Weißen Haus kommt, zeigen die Aktienmärkte massive Reaktionen nach oben oder unten, oft … und gerade nach Wochenenden … mit Kurslücken. Das steigert das Risiko und die Zahl unerfreulicher Überraschungen. Was, wenn man diese Probleme mit einem konsequent charttechnischen Ansatz lindern könnte?
Schon im Vorfeld des Iran-Krieges musste man jederzeit damit rechnen, dass Mr. Trump wieder „einen raushaut“ und die Kurse plötzlich nach oben springen oder wegbrechen. Seit Anfang März ist das aber noch deutlich öfter der Fall. Und da man nicht wissen kann, ob da etwas Positives oder Negatives kommt, wann solche Nachrichten die Kurse in Wallung bringen und wie stark und wie nachhaltig solche Reaktionen dann sind, kommt einem der alte römische Spruch in den Sinn: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.“ Und am Aktienmarkt ebenso. Die Entwicklungen sind nicht vorhersehbar … also muss man entweder wegbleiben oder auf sein Glück hoffen. So scheint es zumindest, aber:
Mit rationalem Denken kommt man derzeit nicht weit. Mit sturer Konsequenz schon eher.
Ein konsequent anhand charttechnischer Regeln ausgerichtetes Vorgehen kann zwar genauso wenig vorhersehen, was wann als nächstes einen Kurssprung oder gar eine Über-Nacht-Kurslücke auslösen wird. Hellsehen ist auch mit Trendlinien, gleitenden Durchschnitten und markttechnischen Indikatoren nicht drin. Aber dafür sind diese technischen Handelsansätze auch nicht gedacht. Sie sollen einem Marktteilnehmer die übergeordnete Richtung weisen und anzeigen, wo mögliche Punkte sein könnten, deren Überkreuzen Käufe und Verkäufe sinnvoll machen könnten.
Dabei kann man nicht darauf wetten, dass diese Chartmarken gegen das Unerwartete gefeit wären. Da muss nur eine Nachricht aus dem Nichts auftauchen und eine massiv wirkende Unterstützung wird durchschnitten wie Butter oder ein Widerstand, der schon in einem weniger schwierigen Umfeld eine brettharte Hürde wäre, wird überboten, als wäre er gar nicht da. In Phasen wie diesen die Ratio beiseite zu stellen und konsequent den Kursen und ihren Trends zu folgen, bringt keine derart grandiosen Trefferquoten, dass man den Ferrari schon mal vorbestellen könnte. Aber mit diesen Hilfestellungen funktioniert es besser als aus dem Bauch heraus oder nach einem an die Vernunft gebundenen „müsste eigentlich“.
Einfach, weil man weiß, wo die Punkte sind, auf die es ankommt. Und weil diese Ankerpunkte umso besser funktionieren, je mehr Anleger sich nach ihnen richten. Und immer dann, wenn’s neblig wird in Sachen Zukunft, nimmt die Zahl bzw. Relevanz der „Techniker“ am Markt zu. Auch und gerade, weil starke Schwankungen dazu führen, dass ganz kurzfristige Trader vermehrt aktiv sind. Und die arbeiten eben nicht mit fundamentalen Daten, Prognosen von Wirtschaftsforschern und Bilanzen, sondern einfach mit den Charts. Die folgenden Beispiele sollen darlegen, was ich meine:
Weg mit der Glaskugel, her mit Steigeisen und Sicherungsseilen
Sehen wir uns zunächst den DAX als Beispiel an. Wir haben auf der einen Seite eine unberechenbare Nachrichtenlage, in der sich positive wie negative Nachrichten die Klinke in die Hand geben und niemand absehen könnte, wie sich die Rahmenbedingungen morgen oder auch nur in ein paar Stunden darstellen. Und wir haben auf der anderen Seite einen DAX, der charttechnisch fast „vorbildlich“ daherkommt. Die Rückkehr in die vorherige Handelsspanne, die auffällige Relevanz der 200-Tage-Linie, an der die Aufwärtsbewegung zunächst hängenblieb und der Index dann durchging und jetzt diese per Sonntagabend offene Ausgangslage: Schafft er den Sprung hinaus aus der fast schon durchbrochenen Widerstandszone … oder dreht er ab?

Würde man nicht wissen, in welchem Umfeld wir uns gerade bewegen und sich nur diesen Kursverlauf ansehen, müsste man denken: Das läuft ja alles streng nach Regelwerk. Was es ja auch tut. Und das weniger trotz dieser Unwägbarkeiten im Umfeld, sondern eher wegen dieses Faktors. Denn wie vorstehend angedeutet: Je nebliger der Weg vor einem wird, desto mehr verlegen sich die Akteure darauf, einen Schritt vor den anderen zu machen, sich an direkt vor einem liegenden Wegmarken zu orientieren, wie es Chartmarken nun einmal sind und zugleich jede Hürde, die genommen wurde, konsequent zu nutzen, um ihre Stop Loss, sprich ihre Sicherungsseile, nachzuziehen. Dito beim marktbreiten US-Index S&P 500:

Hier wurden zuletzt sogar neue Rekordhochs erreicht. Nüchtern betrachtet völlig absurd. Schließlich ist in Sachen Iran jederzeit eine erneute Eskalation möglich. Die Ölpreise sind noch hoch, die Versorgung durch die vielen Schäden an Produktionsanlagen vermutlich auf Monate hinaus unter dem Normalniveau. Und außerdem rollen jetzt erst die Bilanzen der großen Unternehmen an. Wer stur entlang der Charttechnik agiert, wäre indes spätestens nach dem Sprung zurück über die 200-Tage-Linie auf der Long-Seite gestanden. Kopfschüttelnd und mit ein wenig Sorge vermutlich. Aber man wäre eben mit dem Trend unterwegs statt gegen ihn und könnte dadurch auch die Stop Loss mit jedem gelungenen, weiteren Schritt nachziehen. Wer gegen den Trend agiert, hat diese Möglichkeit nicht.
Charttechnisch basierte Trades können in hochvolatilen Phasen mehr Orientierung bieten
Damit wird Trading nicht unbedingt einfacher. Absolute Konsequenz und eine strikte Trennung von auf Basis der Ratio eigentlich zu erwartenden Kursimpulsen und dem, was wirklich passiert, ist für die meisten von uns eine Herausforderung. Und Verlusttrades werden nicht ausbleiben, eben weil jederzeit ein einziges Posting aus dem Weißen Haus die Lage auf den Kopf stellen könnte. Der Knackpunkt ist, dass man mit dem rein charttechnischen Vorgehen immer imstande ist zu sehen, wo wichtige Punkte sind, die einen nächsten Schritt im Trendimpuls bedeuten oder sein Scheitern wahrscheinlich machen.
Sich an diesen Wegmarken zu orientieren hilft, die Verluste über Stop Loss einzugrenzen und Signale für den Einstieg, für Zukäufe oder Gewinnmitnahmen am Kursbild festmachen zu können. Natürlich muss man in volatilen Phasen wie diesen einen etwas größeren Puffer zu den als Orientierung für einen Stop Loss gewählten Chartmarken einbauen, muss bei Käufen und Zukäufen defensiver agieren. Aber man hat immerhin etwas, an dem man sich festhalten kann. Wer nach Gefühl tradet oder immer direkt auf eine eigentlich zu erwartende, weil logische Reaktion auf einlaufende Nachrichten setzt, hat diese Orientierung nicht.
Dabei würde ich persönlich noch den Gedanken in den Raum stellen, in Phasen wie diesen ein wenig mehr in Richtung des Index-Tradings zu gehen, denn Einzeltitel sind in der Regel volatiler, dieser Tage aufgrund der anstehenden Quartalsbilanzen ohnehin. Die großen Indizes bewegen sich tendenziell weniger sprunghaft, weil dieser Korb an Einzelwerten da in seiner geglätteten Gesamtheit daherkommt, zumal der wachsende Anteil des Kapitals, das über ETFs in Indizes investiert ist, dieses „Smoothing“ noch intensiviert.
Wunder sollte man auch mit diesem Vorgehen nicht erwarten, aber …
Schritt für Schritt, mit Steigeisen und Sicherungsseil statt mit einem „müsste eigentlich“: Die Beispielcharts deuten an, dass sich diese Vorgehensweise für all jene durchaus lohnen könnte, die bislang noch nicht so vorgehen. Wunder darf man auch da nicht erwarten … eine Trefferquote von 80 und mehr Prozent und ein Mehrfaches an prozentualem Effekt bei Gewinntrades gegenüber Verlusttrades wäre ein solches … aber man kommt einfach besser durch. Gut genug, um ein „ich bleibe weg, bis die Märkte wieder normal werden“ als die zweitbeste Lösung erscheinen zu lassen.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 19.04.2026 um 21:17 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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