Erstmals seit dem 8. September schloss der DAX gestern über 26.000, das Verlaufshoch bei 26.618,74 Punkten kommt näher. Zwar heißt es „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, aber trotzdem sollte man sich fragen, was hinter dieser plötzlichen Dynamik steckt.
Rein vom charttechnischen Bild her passt dieser Anstieg perfekt. Der DAX hatte nach einem schwachen September Anfang Oktober die 200-Tage-Linie getestet und verteidigt. Es etablierte sich eine Bodenbildungs-Zone zwischen 24.800 und 25.800 Punkten, die mit dem gestrigen Plus von 1,3 Prozent nach oben verlassen wurde: ein klar bullisches Signal aus Sicht der Charttechnik. Zusätzlich bedeutsam, weil das untere Ende der Bodenbildung zugleich die Unterstützungszone 24.479 bis 24.771 Punkte verteidigte, die in der zweiten Jahreshälfte 2025 ein hartnäckiger Widerstand war und jetzt als Support dient.

Man könnte zugunsten des bullischen Lagers argumentieren, dass die bisherigen Quartalszahlen der DAX-Unternehmen weniger problematisch ausfielen als gedacht. Was zwar mit Blick auf die Autobauer eine ambitionierte Sichtweise wäre, aber nichtsdestotrotz eine mögliche. Aber wenn man sich so ansieht, was derzeit beim DAX zulegt und welche Aktien zurückbleiben, kommen Fragen auf.
Denn unter den Aktien, die im DAX derzeit die höchste relative Stärke aufweisen, sind keine, von denen man noch im Sommer sicher war, dass diese Unternehmen das stärkste Gewinnwachstum erzielen und deren Aktien deshalb immens zulegen würden. Von Siemens Energy, Hochtief oder Infineon ist da nichts zu sehen, die momentan höchste relative Stärke zum Index zeigen adidas, Zalando, Scout24 und Qiagen. Das könnte man mit dem Spruch „Unverhofft kommt oft“ einfach zur Kenntnis nehmen. Aber wenn man versucht, die Beweggründe hinter der Wiederbelebung des DAX und dieser Aktien aus eher „klassischen“ Branchen zu finden, könnte man dabei auch Hinweise darauf erhalten, wie stabil man sich diese neue Dynamik des deutschen Leitindex vorstellen darf.
Expertenmeinung: Die Einordnung der aktuellen Zugpferde in den Bereich der klassischen Branchen oder, um es mit dem Ausdruck aus der Internet-Blase zu formulieren, der „Old Economy“, ist für sich genommen schon ein Indiz. Es wirkt, als wollten viele Akteure zwar ihr Kapital investiert halten, sich aber jetzt, da der „KI-Zweifel“ umgeht, anders aufstellen, indem sie durch den Switch aus sehr konjunktursensiblen und zyklischen Titeln in defensivere Bereiche das Risiko reduzieren wollen. Was zum einen funktionieren könnte (aber nie muss) und zum anderen durchaus eine Zeitlang weitergehen könnte. Vor allem, wenn es an den US-Börsen auch und gerade wegen der am Dienstag anstehenden „Midterm Elections“ so turbulent würde, dass angeblich langweilige Aktien auch dort auf einmal wie ein „sicherer Hafen“ erscheinen.
Auffällig ist aber noch etwas anderes, und zwar in Bezug auf die US-Börsen. Denn die präsentierten sich am Donnerstag schwach, nicht nur die Nasdaq mit ihrem Hightech-Schwerpunkt, sondern auch Dow Jones und S&P 500 notierten im negativen Bereich. Oft dienen die US-Indizes für DAX & Co. als Vorlagengeber, gestern jedoch lief der deutsche Leitindex auffällig in die Gegenrichtung. Und nicht nur er, die meisten europäischen Indizes legten zu … und das ohne unmittelbaren Auslöser, denn die EZB-Entscheidung fiel ebenso unspektakulär wie erwartet aus.

Das lässt den Gedanken aufkommen, dass hier möglicherweise internationale, große Adressen aus Sorge vor den womöglich negativen Folgen der US-Zwischenwahlen Kapital nach Europa umschichten, um die Exposition am US-Markt zu reduzieren. Was nachvollziehbar wäre, was aber auch bedeuten könnte, dass das Geld im Fall einer ruhigen und womöglich positiven Reaktion auf diese Wahl zeitnah wieder an den US-Aktienmarkt zurückfließen könnte.
Wäre diese Überlegung richtig, wäre der DAX auf einmal ein „politischer“ Index, auch wenn das, worum es geht, auf der anderen Seite des Atlantiks passiert. Und gerade bei Wahlen weiß man bekanntlich selten, wie es am Ende ausgeht, daher:
Ja, dieser Anstieg über die Nackenlinie der in den letzten Wochen über der 200-Tage-Linie vollzogenen Bodenbildung ist aus charttechnischer Sicht bullisch, die Motive dahinter sind aber möglicherweise kurzlebig. Es wäre allemal zu überlegen, die Stoppkurse von Long-Positionen parallel zu möglichen weiteren Kursgewinnen des DAX für den „Fall eines Falles“ konsequent nachzuziehen.
--- ---
--- (---%)Displaying the --- chart
Heutigen Chart anzeigen
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 29.10.2026 um 20:13 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
Sie möchten ein Depot für Ihre GmbH, AG oder UG eröffnen und Betriebsvermögen in Wertpapieren anlegen? Informieren Sie sich jetzt über unser Wertpapierdepot für Geschäftskunden: Mehr zum Firmendepot über LYNX









