Lange galt Trade Desk als nahezu unantastbarer Wachstumswert. Doch Konkurrenz, KI und Amazon haben das Narrativ ins Wanken gebracht.
Jetzt endlich zuschlagen?
Vor einigen Monaten hatte ich eine Analyse über The Trade Desk geschrieben (Trade Desk: Ein Börsenmärchen mit ungewissem Ausgang). Auf den ersten Blick passte die Aktie hervorragend in das Beuteschema. Ein langfristiger Outperformer, der eine erhebliche Korrektur hinter sich hat.
Damals war der Kurs bereits von 141 auf 59 USD abgestürzt. Das Fazit war dennoch ernüchternd: „In Summe ist das Chance-Risiko-Verhältnis trotz der enormen Kursverluste erstaunlich bescheiden.“
Seitdem ist der Kurs von 59 auf 36,55 USD weiter eingebrochen, wodurch die Bewertung nochmal erheblich gesunken ist – vor allem, da sich das Geschäft besser entwickelt hat, als erwartet wurde.
Ist der Zeitpunkt zum Einstieg endlich gekommen?
Werbetechnologie ist ein Milliardenmarkt
Trade Desk ist einer der weltweit bedeutenden Konzerne für Werbetechnologie und Marketing. Dabei handelt es sich um einen gigantischen Markt.
Einige der größten Konzerne der Welt verdienen den Großteil ihres Geldes mit Werbung, darunter beispielsweise Google, Facebook und in zunehmendem Maß auch Amazon.
Trade Desk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Effektivität von Marketingmaßnahmen zu erhöhen, und betreibt die weltweit größte „Demand Side Platform“. Simpel ausgedrückt werden über diese Plattform Werbeplätze gekauft.
Statt blind zu buchen, können Werber Zielgruppen definieren, Tests fahren und Budgets dynamisch regeln. Die Plattform liefert Transparenz, Reporting und – zunehmend – KI-gestützte Entscheidungsmechaniken. The Trade Desk selbst beschreibt Kokai und seine KI-Module als Herzstück dieser Automatisierung.
The Trade Desk ergänzt die DSP mit Data-Management und einem Marktplatz. Kunden können eigene Daten integrieren, Drittanbieter-Daten einkaufen und Modelle bauen, um die eigene Zielgruppe möglichst genau zu treffen oder neue Zielgruppen zu finden.
Die Plattform lässt sich mit Planungstools, Einkaufs-Workflows und Reporting-Systemen verbinden. Das Ergebnis ist ein vollumfängliches Angebot für datengetriebenes Marketing: Planung, Aktivierung, Messung und Automatisierung.
Trade Desk gegen Goliath
Dieser Ansatz hat sich als Erfolgsgeschichte erwiesen. Seit dem Börsengang im Jahr 2016 haben sich Umsatz, Gewinn und Cashflow vervielfacht und der Kurs mehr als verzehnfacht.
Zuletzt ist die Aktie jedoch massiv unter die Räder gekommen. An der Börse herrscht die Angst, dass Meta, Google und Amazon sich immer mehr vom Kuchen schnappen werden.
Vor allem Amazon expandiert in diesem Segment aggressiv.
Auf der anderen Seite entfällt nach wie vor ein erstaunlich hoher Anteil der Werbebudgets auf Offline-Kanäle. Der Trend ist jedoch eindeutig. Der Markt für Trade Desk und seine Konkurrenten wächst also weiter.
Darüber hinaus argumentieren die Bären, dass KI die Wechselkosten senkt und Trade Desk dadurch Kunden verlieren könnte – dabei scheinen sie zu vergessen, dass das umgekehrt ebenfalls gilt.
Die größte Gefahr scheint von Amazon auszugehen. Google und Meta setzen im Werbegeschäft auf eigene Ökosysteme und halten an ihren Preisen weitgehend fest.
Die beiden Konzerne scheinen davon überzeugt zu sein, dass an ihnen ohnehin kein Weg vorbeiführt, und realistisch betrachtet dürften sie damit recht haben.
Warum Amazon zur größten Bedrohung geworden ist
Die größte Bedrohung geht von Amazon aus, das dabei vor allem zwei Hebel nutzt. Das Kerngeschäft von Amazon liefert hauseigene Kauf- und Retail-Daten, die sonst niemand anbieten kann.
Das macht Amazon für viele Werbetreibende zur besseren Alternative und übt Druck auf Trade Desk aus.
Gleichzeitig baut Amazon die eigene Demand-Side-Platform aggressiv aus, insbesondere im Streaming-Bereich, wo das Unternehmen dank Prime Video und Twitch ohnehin stark positioniert ist.
Amazon attackiert damit direkt das Kerngeschäft von Trade Desk und die Erfahrung zeigt, dass es selten gut ausgeht, wenn man mit Amazon konkurriert.
Daher darf man es als Paukenschlag innerhalb der Branche bezeichnen, dass Amazon einen Exklusivdeal mit Netflix abgeschlossen hat.
Amazons Frontalangriff
Darüber hinaus hat Amazon seine Marktanteile durch weitreichende Exklusivverträge im Sport- und Technikbereich massiv ausgebaut. Ein zentrales Beispiel ist die exklusive Übertragung von NBA- und WNBA-Spielen ab der Saison 2025/26.
Hinzu kamen Partnerschaften mit Roku, Spotify, Pinterest und Nascar.
Doch es gibt auch Fälle, in denen Amazon wie ein Schreckgespenst in einer Branche aufgetaucht ist, die Aktien im Sektor in den Tiefflug übergingen und sich am Ende herausgestellt hat, dass eine Koexistenz doch möglich ist.
Man denke beispielsweise an den Logistik-Bereich. FedEx gibt es bis heute und auch die Deutsche Post.
Oder als Amazon Whole Foods übernommen hatte, ging die Aktie von Sprouts Farmers Market in ein mehrjähriges Siechtum über, obwohl das Geschäft weiterhin gut lief.
Irgendwann konnten die guten Geschäftszahlen nicht mehr ignoriert werden und die Aktie ging durch die Decke.
Wenn Angst den Blick auf Zahlen verstellt
Vielleicht wird es bei Trade Desk zu einer ähnlichen Entwicklung kommen. Denn so furchterregend, wie sich die Nachrichten an der Amazon-Front auch anhören, die Geschäftszahlen von Trade Desk sehen weiterhin gut aus.
Seit der letzten Analyse hat das Unternehmen dreimal Quartalszahlen vorgelegt und durchweg abgeliefert. Im ersten Quartal konnte der Umsatz um 25 % gesteigert werden, in Q2 um 19 % und im dritten Quartal um 18 %.
Die Wachstumsdynamik ist etwas niedriger als in den Vorjahren, aber noch immer hoch.
Darüber hinaus hat sich die Profitabilität verbessert, was darauf hindeutet, dass sich der Preisdruck in Grenzen hält. Der operative Cashflow konnte in den ersten neun Monaten um 26 % auf 681,1 Mio. USD gesteigert werden.
Der Vorstand hat auf den Kursverfall mit substanziellen Aktienrückkäufen reagiert. Im Jahresverlauf wurde fast 1 Mrd. USD in Buybacks gesteckt, wodurch die Zahl der ausstehenden Aktien von 502,6 auf 493,0 Millionen Stück gesenkt wurde.
Derzeit wird erwartet, dass der freie Cashflow im Geschäftsjahr 2025 um 23 % auf 1,56 USD je Aktie gestiegen ist.
The Trade Desk kommt demnach auf einen P/FCF von 23,4.
Sollte der FCF im Geschäftsjahr 2026 wie erwartet um 20 % auf 1,90 USD je Aktie steigen, würde der P/FCF dadurch auf 19,2 sinken.
Vor dem Kurseinbruch im letzten Jahr wurde die Aktie nie für einen P/FCF von unter 40 gehandelt.

Gelingt ein Anstieg über 40 USD, könnte das eine Erholung in Richtung 43 USD einleiten. Darüber würde sich das Chartbild deutlich aufhellen. In diesem Szenario wäre auch ein Anstieg bis 50 oder 54 USD möglich.
Fällt die Aktie hingegen unter das bisherige Jahrestief, muss mit weiteren Kursverlusten bis zur Unterstützungszone bei 28 – 32 USD gerechnet werden.
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