Der Kurssturz von SAP kam überraschend, aber nicht grundlos. Die Kernfrage ist jedoch, ob der Abverkauf gerechtfertigt ist.
Wenn Erwartungen enttäuscht werden
Der Kurssturz der SAP-Aktie kam für viele Anleger überraschend, hatte aber mehrere klar benennbare Ursachen. Als Hauptgrund für den Abverkauf wurde die enttäuschende Entwicklung im Cloud-Geschäft angeführt.
SAP gilt hier als einer der wichtigsten europäischen Hoffnungsträger, doch das Wachstum des Cloud-Backlogs fiel schwächer aus als prognostiziert. Das ist brisant, denn dieses Auftragsvolumen steht für künftige Umsätze. Als SAP zudem signalisierte, dass sich das Cloud-Wachstum 2026 verlangsamen könnte, kippte die Stimmung abrupt. Aus Zuversicht wurde Skepsis, was unmittelbar zu Verkaufsdruck geführt hat.
Hinzu kam, dass einzelne Kennzahlen die Erwartungen nicht erfüllt haben. Das reichte aus, um die Analysten nervös zu machen. Mehrere Banken und Researchhäuser senkten ihre Kursziele oder stuften die Aktie herab. In einem angespannten Marktumfeld wirken solche Signale wie Brandbeschleuniger.
Hinzu kommt das allgemein negative Sentiment für Softwareunternehmen. Steigende Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung, gepaart mit Zweifeln an klassischen Geschäftsmodellen im Zeitalter künstlicher Intelligenz, belasten den gesamten Sektor.
SAP als KI-Verlierer?
Und KI wird derzeit ja ohnehin als Argument für alles genutzt, so auch im Fall von SAP. Im Zuge des Kurssturzes wurde SAP an einigen Stellen auch als KI-Verlierer bezeichnet. Greifbare Argumente für diese These habe ich jedoch nicht gefunden. Mir erschließt sich die Logik hinter diesem Gedanken auch nicht.
Die Produkte von SAP sind tief in die operativen Kernprozesse von Unternehmen eingebettet.
Einkauf, Finanzbuchhaltung, Logistik, Personalwesen und Produktionsplanung sind hochkomplex, datenintensiv und geschäftskritisch.
KI dient hier als Tool, um die Effizienz zu steigern, aber nicht als Ersatzprodukt für SAP. KI-Anbieter haben auf diese Prozesse in der Regel überhaupt keinen direkten Zugriff, ganz im Gegensatz zu SAP.
Ferner verfügt SAP über einen strukturellen Vorteil, den reine KI-Firmen nicht haben: qualitativ hochwertige, unternehmensspezifische Daten. KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Die wertvollsten Daten liegen nicht in offenen Modellen, sondern in ERP-Systemen. SAP kontrolliert diese Datenebene seit Jahrzehnten. Wer Geschäftsprozesse optimieren will, kommt an dieser Datenbasis kaum vorbei.
Wohl eher Psychologie
Darüber hinaus werden ERP-Systeme nicht leichtfertig ersetzt. Die Wechselkosten sind hoch, die Integrationen tief, die Risiken enorm. KI kann diese Systeme verbessern, beschleunigen und vereinfachen – sie ersetzt sie nicht.
SAP bietet genau das, was Unternehmenskunden benötigen: Kontrolle, Sicherheit, Compliance und Nachvollziehbarkeit. Viele generative KI-Lösungen sind für Unternehmen regulatorisch heikel oder operativ schwer beherrschbar und vor allem für größere Unternehmen als Alternative undenkbar.
Am Ende basiert das Narrativ vom „KI-Verlierer SAP“ aus meiner Sicht weniger auf Fakten als auf Börsenpsychologie.
Wirklich enttäuschend?
Doch all das ist nur meine Einschätzung. Man kann das vermutlich auch anders sehen. Am Ende steckt die Wahrheit in den Zahlen. Schauen wir sie uns also an.
Im Kern möchte ich in dieser Analyse vor allem auf die Frage eingehen, was „enttäuschend“ ist und was nicht.
Die Quartalszahlen und der Ausblick von SAP wurden allgemein als enttäuschend bezeichnet, doch das liegt im Auge des Betrachters.
In diesem Fall dürfte die Trennlinie eindeutig sein. An der Börse wurde dem Umstand, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden, mehr Gewicht beigemessen – so ist das meistens.
Für Investoren ist jedoch entscheidend, ob sich das Unternehmen in die richtige Richtung entwickelt, der Ausblick positiv ist und ob die Bewertung stimmt.
Im vierten Quartal konnte der Umsatz um 3 % auf 9,68 Mrd. Euro gesteigert werden, währungsbereinigt lag das Plus jedoch bei 9 % und somit nur knapp unter dem Wert für das gesamte Geschäftsjahr in Höhe von 11 %.
Die Umsatzzahlen sind aber nach wie vor durch die Transformation in Richtung Cloud verzerrt.
Gewinn und Cashflow ziehen massiv an
Das Betriebsergebnis konnte im vierten Quartal um 27 % auf 1,90 Mrd. Euro gesteigert werden. Der Gewinn verbesserte sich um 16 % auf 1,62 Euro je Aktie. Davon kann man enttäuscht sein – oder auch nicht.
Das Betriebsergebnis konnte im Geschäftsjahr 2025 von 8,15 auf 10,42 Mrd. Euro verbessert werden, ein Plus von 31 %.
Das Ergebnis je Aktie kletterte um 36 % von 4,53 auf 6,15 Euro je Aktie (beides Non-IFRS).
Der freie Cashflow hat sich auf Jahressicht von 4,22 auf 8,24 Mrd. Euro nahezu verdoppelt.
Auch davon kann man enttäuscht sein – oder eben nicht. Es liegt im Auge des Betrachters. Rational betrachtet ist es aber vollkommen klar, wie man derartige Geschäftszahlen einordnen sollte – das muss nicht weiter kommentiert werden.
Ausblick und Bewertung
Der Auftragseingang spricht dafür, dass sich die gute Entwicklung vorerst fortsetzen dürfte. Der Current Cloud Backlog konnte um 16 % auf 21,05 Mrd. Euro gesteigert werden. Währungsbereinigt lag das Plus sogar bei 25 %.
Für 2026 stellt SAP einen Anstieg der Clouderlöse von 21,0 auf 25,8 – 26,2 Mrd. Euro in Aussicht, was einem Plus von 23 – 25 % entspricht.
Die Cloud- und Softwareerlöse sollen von 32,54 auf 36,3 – 36,8 Mrd. Euro steigen und das Betriebsergebnis von 10,42 auf 11,9 – 12,3 Mrd. Euro.
Beim freien Cashflow erwartet man einen Anstieg von 8,24 auf 10 Mrd. Euro. SAP erwartet demnach einen Gewinnsprung um etwa 16 % und einen Anstieg des freien Cashflows um 22 %.
Auch davon kann man enttäuscht sein – oder aber nicht.
SAP kommt demnach auf ein KGVe von 23,8 und einen forward P/FCF von 20,8. In Anbetracht von zweistelligen Wachstumsraten ist das vertretbar.
In den letzten fünf Jahren lag das KGV durchschnittlich bei 26,3 und der P/FCF bei 27,5.
Im Zuge der Quartalszahlen wurde ein zweijähriges Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 10 Mrd. Euro beschlossen, was in etwa 5 % des Börsenwerts entspricht.

Gelingt jetzt eine Rückkehr über 175 Euro, würde sich die Lage aus technischer Sicht entspannen. Über 183 Euro würde es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 200 und 214 Euro kommen.
Fällt die Aktie hingegen unter 165 Euro, muss mit einer Ausdehnung der Korrektur in Richtung 148 – 150 Euro gerechnet werden.
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