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Der Wert einer Aktie hängt vor allem von der Zukunft des Unternehmens ab. Aber gilt das auch bei einer P/E von 3,4?
Warum die Debatte über die Zukunft am Kern vorbeigeht
Die Diskussion um Charter Communications ist bemerkenswert. Optimisten und Pessimisten liefern sich eine endlose Debatte über die Zukunft des Breitbandmarktes, die Wettbewerbsposition des Unternehmens und den langfristigen Unternehmenswert. Dabei wird über Glasfaserausbau, Fixed Wireless Access, Preissetzungsmacht und sogar über den Einfluss von Starlink spekuliert.
Die Realität ist jedoch deutlich einfacher: Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, wie der US-Breitbandmarkt in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen wird. Diesen Punkt kann man den Bären gerne zugestehen. Niemand weiß es, die Unsicherheit ist groß – und das ist nur eines der vielen Argumente gegen Charter Communications.
Für Aktionäre ist diese Frage jedoch von deutlich geringerer Bedeutung, als man auf den ersten Blick annehmen würde.
Aus meiner Sicht spielt es kaum noch eine Rolle, wie die Branche 2036 aussehen wird und wie hoch die Marktanteile von Charter sein werden. Es könnte nicht mal mehr von Bedeutung sein, ob das Unternehmen in 10 Jahren noch existiert.

Und das hat vor allem einen Grund: Durch den Kurseinbruch der letzten Monate ist die P/E auf 3,4 gesunken.
Sollte das Ergebnis stagnieren, wird Charter in den nächsten dreieinhalb Jahren mehr als den heutigen Börsenwert verdienen. Was in 10 Jahren ist, spielt in diesem Szenario keine Rolle mehr.
Stagnation reicht vollkommen aus
Dass das ein realistisches Szenario ist, zeigt die Vergangenheit. In den letzten vier Geschäftsjahren lag der Umsatz konstant bei etwas mehr als 54 Mrd. USD. Auch der Nettogewinn war mit rund 4,5 bis 5 Mrd. USD bemerkenswert stabil. Gleichzeitig hat sich die Verschuldung kaum verändert.
Wer ausschließlich auf diese Kennzahlen blickt, könnte zu dem Schluss kommen, dass sich bei Charter wenig bewegt hat.
Tatsächlich hat sich jedoch eine Kennzahl dramatisch verändert: die Zahl der ausstehenden Aktien. Innerhalb von vier Jahren sank sie von 184 auf 135 Millionen Stück.
Dadurch ist der Gewinn in dieser Zeit von 24,47 auf 36,12 USD je Aktie gestiegen.
Bemerkenswert ist dabei, dass Charter diese Rückkäufe zu einer durchschnittlichen P/E von etwa 11 durchgeführt hat.
Heute notiert die Aktie in etwa beim 3,4-fachen des Jahresgewinns. Damit entfalten die laufenden Rückkäufe eine noch deutlich stärkere Wirkung. Je niedriger die Bewertung, desto mehr Anteile kann das Unternehmen für den gleichen Kapitaleinsatz zurückkaufen.
Der Effekt auf das Ergebnis je Aktie wird dadurch immer größer.
Jeder Rückkauf wirkt heute stärker als je zuvor
Im letzten Quartal hat Charter für 963 Mio. USD rund 4,3 Millionen eigene Aktien zurückgekauft. Das belegt die anhaltend hohe Ertragskraft von Charter – einem Unternehmen, das nur noch auf einen Börsenwert von etwas mehr als 18 Mrd. USD kommt.
Innerhalb der vergangenen zwölf Monate verringerte sich die Zahl der ausstehenden Aktien von 144,6 auf nur noch 126,8 Millionen Stück.
Das zeigt, welche Dynamik sich hier inzwischen entfaltet.
Genau hier liegt der Kern der Investmentthese. Nicht der langfristige Unternehmenswert entscheidet über die Rendite der Aktionäre, sondern die Menge an Kapital, die bis dahin ausgeschüttet oder über Rückkäufe zurückgeführt wird.
Auch die häufig kritisierte Verschuldung erscheint bei genauerer Betrachtung deutlich weniger problematisch, als es der Aktienkurs vermuten lässt. Die Verbindlichkeiten sind langfristig strukturiert und überwiegend zu festen Zinssätzen finanziert. Das Unternehmen muss seine Schulden nicht kurzfristig zurückzahlen, sondern kann sie über Jahrzehnte hinweg refinanzieren.
Eine Übersicht finden Sie hier auf Seite 5. Die Laufzeit der Anleihen erstreckt sich bis 2063.
Das Schuldenrisiko wurde zeitlich so weit in die Zukunft verschoben, dass es für die heutigen Aktionäre nur begrenzte Relevanz besitzt.
Dasselbe gilt für die Zukunft des Breitbandmarkts.
Der Anleihenmarkt sendet ein klares Signal
Unterdessen zeigen sich an der Schuldenfront keine erkennbaren Probleme. Charter tilgt wie gewöhnlich die auslaufenden Anleihen und refinanziert diese.
Im letzten Quartal wurden beispielsweise Schulden in Höhe von 3 Mrd. USD getilgt und neue Anleihen mit Laufzeiten bis 2033 und 2037 ausgegeben.
Die Zinssätze lagen bei 7,00 % und 7,375 %. Der Anleihenmarkt signalisiert damit ein hohes Vertrauen in die langfristige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens.
Daraus ergibt sich eine fundamentale Diskrepanz zwischen Aktien- und Anleihenmarkt. Am Anleihenmarkt wird das Unternehmen als grundsolide eingestuft, am Aktienmarkt wie eine mögliche Insolvenz.
Wir werden sehen, wer am Ende Recht behält. An der Wall Street gilt jedoch das ungeschriebene Gesetz, dass der Anleihenmarkt dem Aktienmarkt in puncto Weitsicht stets einen Schritt voraus ist. Während der Aktienmarkt stark von Stimmungen, Hypes und Privatanlegern getrieben wird, agieren am Anleihenmarkt fast ausschließlich institutionelle Profis. Die Bewertung von Anleihen basiert auf harten mathematischen Faktoren wie Renditen, Laufzeiten und Kreditrisiken.
Dieses Szenario unterschätzen die Bären
Wenn es nach einer bekannten Börsenweisheit geht, ist die Sachlage klar: „The bond market is smarter than the stock market. When they disagree, the bond market wins.“
Daraus ergibt sich eine außergewöhnliche Gemengelage. Sollte das Geschäft operativ stabil bleiben – die Bären würden es stagnieren nennen – wird das Ergebnis je Aktie dank der Buybacks erheblich steigen.
Selbst ein langsamer Rückgang des Gewinns könnte mehr als ausgeglichen werden. Auch in diesem Szenario dürfte das Ergebnis je Aktie steigen.
Die eigentliche Gefahr liegt daher nicht in einem schleichenden Wandel des Breitbandmarktes. Aktionäre würden vor allem dann verlieren, wenn das Geschäft unerwartet und schnell einbricht oder das Management seine bisherige Kapitaldisziplin aufgibt. Beide Risiken existieren zweifellos, sind aber unwahrscheinlich.
Ein Trumpf in der Hinterhand
Darüber hinaus hat das Management aus meiner Sicht eine weitere Trumpfkarte in der Hinterhand: Dividenden.
Es klingt absurd, bei einer P/E von 3,4 weniger Buybacks durchzuführen und stattdessen Kapital für eine Dividende aufzuwenden.
Aber eine P/E von 3,4 bedeutet eben nicht nur, dass man günstig Aktienrückkäufe durchführen kann, sondern auch, dass relativ wenig Kapital ausreichen würde, um eine enorme Dividendenrendite zu bieten.
Im letzten Quartal hat Charter für 963 Mio. USD eigene Aktien zurückgekauft. Hätte man beispielsweise die Hälfte davon direkt ausgeschüttet, entspräche das einer annualisierten Dividendenrendite von 10,52 %.
Zwar zahlt Charter Communications derzeit keine Dividende und hat in der Historie noch keine Dividendenausschüttungen vorgenommen, doch wäre es für Charter demnach problemlos möglich, eine Dividendenrendite von 5 oder 10 % zu bieten und gleichzeitig im großen Stil eigene Aktien zurückzukaufen. Das könnte zahllose neue Aktionäre anlocken und würde dem Aktienkurs vermutlich mehr helfen als die Buybacks.
Quellen:
1Q26 Debt Schedules: https://ir.charter.com/static-files/acc90e43-ea8f-4739-8dfe-a92ac7eb2210
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 08.06.2026 um 15:48 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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