ASML gilt als unverzichtbar und großer KI-Gewinner. Doch ein Blick auf Bewertung und Geschäftszahlen zeigt, dass vermeintliche Perfektion ihren Preis hat.
Weltklasse-Unternehmen, aber …
ASML ist eines dieser Unternehmen, bei denen Superlative nicht übertrieben wirken, sondern nüchtern beschreiben, was Sache ist. Wer verstehen will, wie die moderne Welt technologisch funktioniert, landet früher oder später bei diesem niederländischen Konzern.
Denn ohne ASML gäbe es viele der Chips nicht, die unseren Alltag, die globale Wirtschaft und den technologischen Fortschritt antreiben. Das macht die Firma außergewöhnlich. Und genau deshalb scheint es lohnenswert, gerade jetzt etwas genauer hinzusehen.
Ich habe mich in der Vergangenheit unzählige Male positiv zu ASML geäußert. Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert. Die Qualität des Unternehmens ist unbestritten, das Geschäftsmodell beeindruckend, die technologische Stellung einzigartig. Doch der Aktienkurs ist in eine Region vorgestoßen, die zumindest zum Nachdenken zwingt.
Seit der letzten Analyse (ASML stürzt nach Quartalszahlen ab) ist der Kurs von 653 Euro auf 1.162 Euro gestiegen. Das ist kein durch Geschäftszahlen begründeter Anstieg, sondern eine Neubewertung der Aktie.
Die Börse hat ihre Meinung zu ASML vollständig geändert. Damals wurde das Unternehmen kritisch gesehen, heute scheint kaum ein Preis zu hoch zu sein.
ASML und die KI-Euphorie
ASML ist ein weltweit bedeutender Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Diese Maschinen sind das Herzstück der Chipproduktion. Sie ermöglichen es, winzige Strukturen auf Siliziumscheiben zu projizieren, mit einer Präzision, die jenseits dessen liegt, was man sich noch vor wenigen Jahren vorstellen konnte. Ohne diese Systeme lassen sich moderne Mikrochips schlicht nicht herstellen.
ASML liefert die zentrale Infrastruktur für die gesamte Branche und ist obendrein Monopolist.
Das Geschäftsmodell ruht auf zwei stabilen Säulen. Zum einen verkauft ASML seine hochkomplexen Lithographiesysteme, die einzeln bis zu 400 Mio. USD kosten.
Zum anderen verdient das Unternehmen kontinuierlich Geld mit Dienstleistungen rund um die bereits installierten Maschinen. Wartung, Upgrades und technischer Support sorgen für planbare, wiederkehrende Umsätze. Dieses Servicegeschäft gewinnt seit Jahren an Bedeutung und macht ASML weniger zyklisch, als es ein reiner Maschinenbauer wäre.
Technologisch unterscheidet ASML zwischen DUV- und EUV-Lithographiesystemen. Während DUV-Systeme weiterhin breit eingesetzt werden und einen soliden Teil des Geschäfts ausmachen, liegt der eigentliche Burggraben im EUV-Bereich.
Extreme Ultraviolet Lithography ist die Schlüsseltechnologie für die modernsten Chips. Hier geht es um Strukturen im Nanometerbereich, um Rechenleistung, Energieeffizienz und Miniaturisierung. Ob Künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Hochleistungscomputer, autonomes Fahren oder Smartphones – überall dort stecken Chips, die auf EUV-Basis gefertigt werden.
Wenn Qualität zur Ausrede wird
Und hier kommt der entscheidende Punkt: ASML ist der einzige Anbieter solcher EUV-Systeme weltweit.
All das war jedoch auch schon bekannt, als die Aktie noch bei 653 Euro stand. Die technologische Führungsrolle ist nicht neu, das Servicegeschäft nicht plötzlich entstanden, das Monopol kein frischer Überraschungseffekt.
Seit der damaligen Analyse ist realistisch betrachtet wenig passiert. Abseits davon, dass sich der Kurs fast verdoppelt hat. Das Unternehmen hat einmal Quartalszahlen vorgelegt, doch die waren nicht weiter spektakulär.
Was sich verändert hat, ist das Sentiment. Die Börse hat ASML zum ultimativen KI-Gewinner erklärt.
Bekannte Stärken, neue Bewertung
In den Geschäftszahlen spiegelt sich das jedoch nur bedingt wider. Im dritten Quartal lag der Gewinn mit 5,49 EUR je Aktie über den Erwartungen von 5,45 EUR. Mit einem Umsatz von 7,52 Mrd. EUR wurden die Analystenschätzungen von 7,55 Mrd. EUR jedoch leicht verfehlt.
Für sich genommen wäre das kaum der Rede wert. Auf Jahressicht konnte der Umsatz jedoch nur marginal gesteigert werden und das Ergebnis auch nur um 4 %.
Dynamisches Wachstum sieht anders aus. In der Vergangenheit habe ich bei schwachen Quartalen immer wieder darauf hingewiesen, dass einzelne Quartale bei ASML nicht sonderlich aussagekräftig sind – und daran hat sich nichts geändert.
Es handelt sich jedoch nicht um das erste operativ schwache Quartal und obendrein auch nicht um das erste Quartal mit einem dürftigen Auftragseingang.
Langsam aber sicher verfestigt sich bei ASML ein Trend. Im ersten Quartal lag der Auftragseingang nur bei 3,94 Mrd. Euro, im zweiten bei 5,54 und im dritten bei 5,40 Mrd. Euro.
Noch wird das durch den enormen Auftragsbestand in Höhe von etwa 33 Mrd. Euro abgefedert. Wenn der Auftragseingang jedoch mehrere Quartale infolge deutlich unter dem Umsatz liegt, ist das kein gutes Zeichen.
Radikaler Stimmungswechsel
Die Bullen stehen jedoch auch nicht mit leeren Händen da. Für das vierte Quartal 2025 stellt ASML einen Umsatzsprung auf 9,2 – 9,8 Mrd. Euro und eine Bruttomarge von 51 – 53 % in Aussicht.
Das würde einer deutlichen Zunahme der Wachstumsdynamik entsprechen und könnte ein Vorbote für 2026 sein.
Den Konsensschätzungen zufolge soll das Ergebnis 2025 bei 19,25 Euro je Aktie liegen und 2026 um 29 % auf 24,78 Euro je Aktie steigen.
Das KGVe für 2025 liegt demnach bei 60 und würde 2026 auf 46,8 sinken. Bei aller Liebe zu ASML und all den angesprochenen Eigenschaften, die das Unternehmen mitbringt. Aber das ist nicht gerade wenig – auch nicht für einen Monopolisten in diesem Sektor.
In den letzten fünf Jahren lag das KGV durchschnittlich bei 40.
ASML ist heute kein doppelt so gutes Unternehmen wie zum Zeitpunkt der letzten Analyse, der Kurs aber fast doppelt so hoch. Das bedeutet nicht, dass man aus diesem Unternehmen komplett aussteigen sollte – das sollte man bei Top-Unternehmen meiner Meinung nach nie -, aber man sollte über Gewinnmitnahmen nachdenken.

Die Kursentwicklung seit der letzten Analyse zeigt, wie wankelmütig die Börse ist. Damals lag der Kurs noch bei 653, heute bei 1.162 Euro. An der Qualität des Unternehmens hat sich derweil nichts verändert, sie war damals genauso hoch wie heute.
Deshalb sollte der Tenor nicht lauten: verkaufen und abhaken. Top-Unternehmen gibt man nicht leichtfertig aus der Hand. Aber es ist legitim und aus meiner Sicht sinnvoll, über Gewinnmitnahmen nachzudenken.
Kapital aus einer Position zu ziehen, die sich extrem gut entwickelt hat, ist kein Misstrauensvotum gegen das Unternehmen. Es ist Risikomanagement.
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