Der Großteil der Produktionskapazitäten für Rechenzentren ist bis zum Kalenderjahr 2028 vollständig ausgebucht. Ist die Aktie trotzdem zu hoch bewertet?
Während die Aufmerksamkeit der Börse anfangs vor allem auf Prozessoren und Beschleunigerchips gerichtet war, wissen wir inzwischen, dass an anderer Stelle ebenfalls Engpässe entstanden sind, darunter beispielsweise bei Speichern.
Ohne Festplatten geht es nicht
Seagate Technology gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Festplattenlaufwerken (HDDs). Die wichtigsten Wettbewerber sind Western Digital und Toshiba. Das Geschäft ist weniger glamourös als die Entwicklung von Hochleistungschips, für Cloud-Anbieter und Betreiber großer Rechenzentren aber von großer Bedeutung.
Zwar sind Solid-State-Drives (SSDs) deutlich schneller. Bei der Speicherung riesiger Datenmengen zählt jedoch nicht allein die Geschwindigkeit, sondern vor allem der Preis pro Terabyte. Klassische Festplatten sind hier nach wie vor überlegen. Sie eignen sich deshalb besonders für Cloud-Speicher, Backups und Datenbestände, auf die nicht ständig mit höchster Geschwindigkeit zugegriffen werden muss.
Trainingsdaten, Modellversionen und die von KI-Anwendungen erzeugten Inhalte müssen gespeichert und teilweise über Jahre vorgehalten werden. Selbst wenn nicht jede zusätzliche KI-Anfrage unmittelbar mehr Festplattenkapazität erfordert, wächst der langfristige Speicherbedarf mit der Nutzung der Technologie. Für Seagate entsteht daraus ein struktureller Wachstumstreiber.
Mehr Speicher auf derselben Fläche
Was Seagate von seinen Wettbewerbern abhebt, ist die HAMR-Technologie. HAMR steht für Heat-Assisted Magnetic Recording und ermöglicht eine erhebliche Steigerung der Speicherdichte auf HDDs.
Nach über zwei Jahrzehnten der Forschung ist in diesem Bereich ein Durchbruch gelungen – und das deutlich früher als bei der Konkurrenz.
Dabei wird das Speichermedium während des Schreibvorgangs punktuell erhitzt. Das ermöglicht eine höhere Datendichte und damit mehr Kapazität auf derselben Fläche. Unter dem Namen Mozaic vermarktet Seagate entsprechende Festplattenplattformen für besonders anspruchsvolle Anwendungen in Rechenzentren.
Die HAMR-Technologie bringt für beide Seiten Vorteile. Für Kunden bedeutet sie, dass mehr Daten auf weniger physischem Raum gespeichert werden können. Gleichzeitig sinkt der Energieverbrauch pro Terabyte.
Durch diese neue Technologie sinken demnach die Betriebskosten, die Kosten pro Terabyte und der Platzbedarf. Mit der Mozaic 4+ bietet Seagate inzwischen eine Festplatte mit einer Speicherkapazität von 44 Terabyte an.
Etwa die Hälfte aller in Betrieb befindlichen PCs besitzt eine Speicherkapazität von unter einem Terabyte.
Inzwischen entfallen mehr als 80 % der Umsätze auf den Verkauf von leistungsstarken HDDs mit hoher Kapazität an große Hyperscaler wie Amazon, Google, Meta und Microsoft sowie an Firmen im Bereich Server- und Speicherlösungen.
Der Endverbrauchermarkt spielt für Seagate kaum noch eine Rolle.
Ein Boom von historischem Ausmaß
In welchem Umfang sich die Nachfragekurve verändert hat, zeigen die Geschäftszahlen.
In den letzten drei Geschäftsjahren hat sich der Umsatz von 6,55 auf 12,20 Mrd. USD nahezu verdoppelt. Gleichzeitig ist die operative Marge von etwas mehr als 6 % auf über 34 % gestiegen und hat damit ein Niveau erreicht, das in der Vergangenheit kaum vorstellbar gewesen wäre.
Der Gewinn hat sich in dieser Zeit von 1,29 auf 15,58 USD je Aktie mehr als verzehnfacht, wodurch das vorherige Rekordergebnis von 2022 in Höhe von 8,18 USD je Aktie deutlich übertroffen wurde.
Die Zahlen verdeutlichen die erhebliche operative Hebelwirkung. Da die Nachfrage deutlich gestiegen ist, ist die Auslastung hoch und gleichzeitig hat sich der Produktmix zu margenstärkeren Laufwerken verschoben, was zu einem überproportionalen Anstieg der Gewinne geführt hat.
Die hohen Margen zeigen zugleich, dass Seagate heute eine deutlich bessere Verhandlungsposition hat als früher.
Allerdings sollte man die jüngste Dynamik nicht unkritisch in die Zukunft fortschreiben. Das Festplattengeschäft war historisch zyklisch. Überkapazitäten, sinkende Preise und schwankende Investitionen der Kunden haben in der Vergangenheit immer wieder zu Gewinneinbrüchen geführt.
Wird die Halbleiterbranche und ihre Peripherie weniger zyklisch?
Es wäre jedoch möglich, dass sich die gesamte Branche gerade wandelt. Speichermedien werden nicht nur beim Bau von Rechenzentren benötigt, sondern auch bei ihrer Modernisierung.
Das könnte die Halbleiterbranche und ihre Peripherie langfristig weniger zyklisch machen als in der Vergangenheit. Früher hingen viele Chipmärkte stark von kurzfristigen Schwankungen bei PCs, Smartphones und Lagerbeständen ab.
Durch KI und den immensen Ausbau von Rechenzentren verlieren diese stark schwankenden Märkte an Bedeutung.
Stattdessen kommt der Großteil der Nachfrage von langjährigen Projekten, die weniger konjunkturabhängig sind.
Um es mit einem konkreten Beispiel zu illustrieren: Von der Planung bis zur Inbetriebnahme von Rechenzentren vergehen in vielen Fällen 3 bis 5 Jahre. Die AWS European Sovereign Cloud (ESC) wurde beispielsweise 2023 angekündigt und im Januar 2026 erfolgte die Inbetriebnahme. Der Ausbau geht seitdem weiter.
Kühlt sich die Konjunktur ab, wäre es gut möglich, dass sich der Ausbau zeitweise verlangsamt, aber die Projekte an sich dürften weiterlaufen. Unternehmen wie Amazon planen über Konjunkturzyklen hinweg.
Das zeigt sich auch aktuell. Der Ölpreis ist in die Höhe geschnellt, die Konjunktur und Konsumlaune haben sich abgekühlt, die Notenbanken haben die Leitzinsen erhöht – und dennoch geht der Ausbau der Rechenzentren ungebremst weiter.
Bis 2028 ausgebucht und mehr
Das hat dazu beigetragen, dass Seagate gut in das seit Juli laufende Geschäftsjahr gestartet hat.
Der Gewinn lag im ersten Quartal mit 7,68 USD je Aktie über den Erwartungen von 7,44 USD. Mit einem Umsatz von 4,23 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 4,12 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 61 % und nahezu einer Verdreifachung des Gewinns.
Auch der Ausblick fällt besser aus als erwartet. Für das zweite Quartal stellt das Management einen Umsatz von 4,70 bis 4,90 Mrd. USD und einen Gewinn von 9,00 bis 9,40 USD je Aktie in Aussicht.
Bislang wurde ein Umsatz von 4,52 Mrd. USD und ein Gewinn von 8,70 USD je Aktie erwartet.
Noch wichtiger als das nächste Quartal sind allerdings die Aussagen des Managements zur langfristigen Nachfrage. CEO Dave Mosley verweist darauf, dass die Erzeugung, Aufbewahrung und Wiederverwendung von Daten den Speicherbedarf kontinuierlich steigen lassen. Seagate geht von einer mehrjährigen Wachstumsphase aus.
Seagate hat die hohe Nachfrage genutzt, um langfristige, mehrjährige Liefervereinbarungen abzuschließen. Der Großteil der Produktionskapazitäten für Rechenzentren ist bis zum Kalenderjahr 2028 vollständig ausgebucht. Einige Liefervereinbarungen mit großen Cloud-Kunden reichen sogar bis in das Jahr 2030 hinein.
Der Optimismus reicht demnach über das laufende Quartal hinaus. Seagate erwartet im gesamten Geschäftsjahr 2027 steigende Umsätze von Quartal zu Quartal und eine Ausweitung der Bruttomarge.
Den Konsensschätzungen zufolge könnte das Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr um 143 % auf 37,80 USD je Aktie steigen.
Seagate kommt demnach auf eine forward P/E von 17,7.

Gelingt jetzt ein Anstieg über 700 USD, könnte das eine Erholung in Richtung 780 USD einleiten. Darüber käme es zu einem prozyklischen Kaufsignal mit möglichen Kurszielen bei 900 – 940 USD.
Fällt die Aktie jedoch unter das bisherige Jahrestief, könnte das eine Ausdehnung der Korrektur in Richtung Aufwärtstrend auslösen.
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 28.10.2026 um 15:04 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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