Macht diese eine Fähigkeit den Unterschied zwischen einem mittelmäßigen und einem außergewöhnlichen Investor aus?
Antizyklisches Investieren hat erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit dem berühmten Marshmallow-Experiment. In beiden Fällen geht es darum, auf eine sofortige Belohnung zu verzichten, um später deutlich mehr zu erhalten.
Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub könnte an der Börse langfristig den Unterschied zwischen durchschnittlichen und außergewöhnlichen Renditen ausmachen.
Miserables Timing
Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mich in einem Artikel positiv zu Intel geäußert.
Aus heutiger Sicht war das keine schlechte Idee, denn der Kurs hat sich vervielfacht.
Das Problem daran war jedoch, dass der Kurs von Intel nach der Veröffentlichung des Artikels von etwa 30 auf unter 20 USD eingebrochen ist.
Genau das ist das Problem beim antizyklischen Investieren: Wer gegen die Stimmung am Markt kauft, wird zunächst oft bestraft. Die Kurse fallen weiter, schlechte Nachrichten reißen nicht ab und das Investment fühlt sich falsch an.
Den Boden genau zu treffen, ist extrem schwierig bis unmöglich – und wenn es gelingt, ist immer auch eine Portion Glück dabei.
Denn antizyklisches Investieren bedeutet letztlich, dort einzusteigen, wo andere verkaufen wollen. Nicht in Euphoriephasen, wenn alle überzeugt sind, sondern in Momenten der Unsicherheit, Enttäuschung oder sogar Panik.
Das klingt in der Theorie einfach, ist in der Praxis aber psychologisch enorm anspruchsvoll.
Die wenigsten Anleger werden beispielsweise die Panik im S&P 500 im April 2025 genutzt und beherzt zugeschlagen haben. Und wer hat schon mitten in der Krise zugeschlagen, Intel bei 20 oder 30 USD gekauft und ist bis heute investiert?
Richtig gelegen – und trotzdem erst einmal verloren
Die Mehrheit handelt umgekehrt und kauft Aktien, die bereits gestiegen sind. Die sofortige Belohnung ist zu verführerisch. Schließlich fühlt es sich deutlich angenehmer an, erfolgreiche Aktien zu kaufen, die seit Monaten steigen und von allen gefeiert werden. Problematisch ist nur: Genau dann sind viele Chancen oft bereits eingepreist.
Antizykliker müssen hingegen akzeptieren, dass sie selten den perfekten Zeitpunkt erwischen und kurzfristig bestraft werden.
Doch das muss man auch nicht. Entscheidend ist nicht das kurzfristige Timing, sondern vielmehr die Frage, ob das Unternehmen langfristig wieder auf die Beine kommen kann.
Viel wichtiger ist die Einschätzung, ob der Markt möglicherweise zu pessimistisch geworden ist und ob die Probleme zwar real, aber nicht dauerhaft unlösbar sind.
Natürlich funktioniert dieser Ansatz nicht immer. Deshalb ist antizyklisches Investieren keine Einladung zum blinden Kaufen gefallener Aktien. Entscheidend bleiben Fundamentaldaten, Bilanzqualität, Wettbewerbsvorteile und die Fähigkeit des Managements, Krisen zu bewältigen.
Und genau an dieser Stelle wären wir bei Nemetschek. Die Aktie ist abgestürzt und hangelt sich seit einigen Wochen am mehrjährigen Aufwärtstrend entlang.

Sollte der Aufwärtstrend zeitnah durchbrochen werden, könnte das einen Abverkauf in Richtung 51 oder 45 Euro auslösen.
Wer heute einsteigt, könnte also kurzfristig bestraft werden. Könnte.
Ebenso gut könnte Nemetschek morgen zur Oberseite drehen und in eine mehrmonatige Rallye übergehen. Wer heute einsteigt, könnte also einen Volltreffer landen.
Das ist die eigentliche Frage
Keiner kann vorhersagen, was geschehen wird. Wir können höchstens mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten.
Doch bei einer Sache dürften sich alle Anleger einig sein: Sollte der Gewinn von Nemetschek in diesem und den kommenden beiden Jahren jeweils um 20 % oder mehr steigen, dürfte irgendwann auch der Kurs steigen – vorausgesetzt natürlich, die Bewertung ist aktuell nicht ausufernd hoch.
Diese Fragen gilt es zu beantworten:
Ist die Bewertung ausufernd hoch und wie wahrscheinlich ist es, dass Nemetschek den Gewinn in diesem Umfang steigern wird?
Derzeit kommt Nemetschek auf ein KGVe von 26,4. Damit geht die Aktie nicht als klassisches Schnäppchen durch, in absoluten Maßstäben ist die Bewertung aber auch nicht ungewöhnlich hoch.
Im langjährigen Durchschnitt wurde Nemetschek mit einem KGV von etwa 50 gehandelt.
Im Verhältnis zu den bisherigen und erwarteten Wachstumsraten ist die Bewertung moderat, denn Nemetschek hat den Gewinn langfristig in etwa um 20 % pro Jahr gesteigert – also in dem Umfang, welcher derzeit auch für dieses und die kommenden beiden Jahre erwartet wird.
Und da wären wir bereits bei der zweiten Frage: Selbstverständlich ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass ein Unternehmen mit dieser Historie an die bisherigen Erfolge anknüpfen kann.
Weitere Anhaltspunkte liefern die jüngsten Quartalsberichte. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres konnte der Umsatz um 10 % auf 313,1 Mio. Euro gesteigert werden.
Das EBITDA verbesserte sich um 22 %, das EBIT kletterte um 27,3 % auf 79,2 Mio. Euro und der Konzernüberschuss sogar um 34,5 % auf 60,4 Mio. Euro.
Das unterstreicht die These, dass ein Gewinnsprung um 20 % in diesem Jahr möglich sein könnte.
Bilanzielle Probleme liegen ebenfalls nicht vor. Die Nettoverschuldung von Nemetschek lag vor der Übernahme von HCSS bei nahezu null (Mehr dazu hier).
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 11.05.2026 um 11:24 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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