Die Nemetschek-Aktie ist massiv eingebrochen, doch ausgerechnet jetzt könnte sich ein genauer Blick auf das Unternehmen lohnen.
Ganz schlechter Moment
Für die Aktionäre von Nemetschek waren die letzten Monate kein Zuckerschlecken. Die Aktie ist innerhalb kürzester Zeit von fast 140 auf 50 Euro eingebrochen – und das mit kaum einer nennenswerten Gegenwehr.
Doch seit einiger Zeit zeigen die Bullen Gegenwehr. Es läuft ein Bodenbildungsversuch, der bis vor wenigen Tagen noch äußerst aussichtsreich erschien.

Doch dann scheiterte die Aktie an der 70-Euro-Marke. Ein Anstieg über diese Marke wäre für die Bullen ein echter Durchbruch gewesen, doch leider ist dieser nicht geglückt.
Die Bären haben das Ruder wieder übernommen und könnten den nächsten Angriff auf den mehrjährigen Aufwärtstrend starten. Fällt die Aktie unter 50 Euro, würde sich das Chartbild nachhaltig eintrüben.
Können die Aufwärtstrends jedoch gehalten werden, könnte es sich womöglich um eine ideale Einstiegsmöglichkeit handeln.
Entscheidend ist, was dahintersteckt
Wo der Kurs jedoch langfristig stehen wird, hängt von einem anderen Faktor ab: Dem Geschäftsmodell und den daraus resultierenden Ergebnissen in den kommenden Jahren.
Um einschätzen zu können, wie diese Zukunft aussehen könnte, muss man verstehen, dass Nemetschek längst mehr als ein Anbieter von Software für Architekten ist. Das Unternehmen entwickelt sich zunehmend zu einer vertikalen Softwareplattform für die gesamte Wertschöpfungskette der Bauindustrie.
Die Produkte begleiten Projekte von der Planung und Gestaltung über die eigentliche Bauphase bis hin zum Betrieb und zur späteren Renovierung. Nemetschek versucht nicht nur, einzelne Softwareprodukte zu verkaufen, sondern die verschiedenen Schritte eines Bauprojekts digital miteinander zu verbinden.
Dafür ist die Struktur des Konzerns entscheidend. Nemetschek ist eine Sammlung etablierter Spezialisten. Graphisoft steht mit Archicad für die Planung, Vectorworks und Allplan decken weitere Bereiche von Architektur und Ingenieurwesen ab, Bluebeam digitalisiert Dokumentation und Zusammenarbeit im Bauprozess, GoCanvas bringt mobile Workflows direkt auf die Baustelle und Solibri unterstützt die Prüfung von BIM-Modellen. Maxon wiederum ist mit seinen Lösungen für Rendering, Animation und visuelle Effekte stärker im Medienbereich positioniert.
Diese dezentrale Markenstruktur ist kein Nachteil, sondern ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells. Die einzelnen Produkte sind tief in den Arbeitsabläufen ihrer Kunden verankert. Wer jahrelang mit Archicad, Allplan oder Vectorworks arbeitet, wechselt nicht einfach den Anbieter. Dafür müssten Mitarbeiter geschult, bestehende Daten übertragen, Arbeitsabläufe angepasst und Schnittstellen neu aufgebaut werden.
Darauf kommt es wirklich an
Je stärker Software in den täglichen Prozess integriert ist, desto höher sind die Wechselkosten und umso höher sind Kundenbindung und Preissetzungsmacht.
All das hat dazu beigetragen, dass sich das Geschäft langfristig außerordentlich stark entwickelt hat, auch wenn das Kursgeschehen etwas anderes vermuten lässt.
In den letzten fünf Geschäftsjahren konnte der Umsatz von 681 Mio. Euro auf 1,19 Mrd. Euro erheblich gesteigert werden. Das Ergebnis hat sich in dieser Zeit in jedem Jahr verbessert und kletterte von 1,17 auf 1,88 Euro je Aktie.
Die Dividende wurde von 0,39 auf 0,68 Euro je Aktie erhöht. Darüber hinaus hat das Unternehmen im vergangenen Jahr damit begonnen, die Kursschwäche zu nutzen und eigene Aktien einzuziehen.
Das eigentliche Bild ist komplexer
Die starke Entwicklung wird jedoch von Sondereffekten überlagert, die scheinbar Nervosität an der Börse verursachen. Abgesehen davon, dass Nemetschek als möglicher KI-Verlierer betrachtet wird, wurde mit HCSS ein größerer Zukauf getätigt und gleichzeitig läuft eine Umstellung von Lizenzen und Serviceverträgen auf Subskriptionen und SaaS.
Das erschwert die Vergleichbarkeit der Geschäftszahlen, was in vielen Fällen zu Kursdruck führt.
Darüber hinaus wirkt die Geschäftsentwicklung durch die Umstellung des Geschäfts auf den ersten Blick schwächer als sie ist, weil Umsätze nicht mehr vollständig zu Beginn eines Vertrags erfasst werden.
Wirtschaftlich wird das Geschäft dadurch jedoch attraktiver. Wiederkehrende Erlöse machen die Entwicklung planbarer, erhöhen die Visibilität und verbessern langfristig die Qualität des Cashflows.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache
Während an der Börse die Zweifel überwiegen, scheint sich das Geschäft von Nemetschek weiterhin gut zu entwickeln.
Im ersten Halbjahr konnte der Umsatz währungsbereinigt um 14,5 % auf 327,7 Mio. Euro gesteigert werden. Im Bereich Subskription/SaaS kletterte der Umsatz um 29,6 % auf 266,4 Mio. Euro. Die Umstellung des Geschäftsmodells ist demnach weitgehend abgeschlossen.
Gleichzeitig hat sich die Marge verbessert, wodurch der Konzernüberschuss um 29,9 % auf 126,4 Mio. Euro gesteigert werden konnte. Das Ergebnis verbesserte sich von 0,84 auf 1,09 Euro je Aktie. Vor Abschreibungen lag das Ergebnis sogar bei 12,5 Euro je Aktie.
Um das Wachstum auch in Zukunft weiter voranzutreiben, wurde HCSS integriert. Mit der Markteinführung von Bluebeam Max, der ersten umfassenden agentenbasierten KI-Lösung der Nemetschek Group für den Bausektor, wurde ein wichtiger Meilenstein bei der Umsetzung der KI-Strategie erreicht.
Gewinnsprung und Rekordergebnis erwartet
Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde bestätigt. Nemetschek erwartet weiterhin ein organisches Umsatzwachstum von 14 bis 15 %, ohne den Zukauf von HCSS.
Den Konsensschätzungen zufolge dürfte das Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr um 19 % auf 2,22 Euro je Aktie steigen.
Nachdem Nemetschek den Gewinn im ersten Halbjahr um 30 % steigern konnte und in diesem Zeitraum bereits ein Ergebnis von 1,09 Euro je Aktie erzielt hat, erscheint diese Schätzung plausibel und konservativ zu sein.
Sollten die Erwartungen erfüllt werden, kommt Nemetschek auf ein KGVe von 26,8. In Anbetracht der hohen Wachstumsraten und der vorliegenden Informationen scheint das vertretbar zu sein.
Im langjährigen Durchschnitt lag das KGV von Nemetschek bei 52.
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Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 10.09.2026 um 14:17 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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