Schaut man sich die Kursentwicklung von MercadoLibre an, wirkt es fast so, als würde das Geschäftsmodell auseinanderfallen.
Wie MercadoLibre die Schwächen Lateinamerikas zu seinem Vorteil nutzt
MercadoLibre betreibt den größten Online-Marktplatz Südamerikas. Inzwischen ist das Unternehmen jedoch sehr viel mehr als das.
Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem digitalen Ökosystem entwickelt, das Handel, Logistik, Werbung und Finanzdienstleistungen miteinander verbindet. Genau diese Verzahnung macht die Plattform so stark und schafft einen Wettbewerbsvorteil, den neue Konkurrenten nur schwer angreifen können.
Das Fundament bleibt der Marktplatz. MercadoLibre agiert dabei überwiegend als Intermediär zwischen Käufern und Verkäufern. Der Kern des Geschäfts ist also nicht der Handel mit eigener Ware.
Das Modell erinnert in Teilen an westliche Plattformen wie Amazon oder eBay, ist aber deutlich stärker auf die Besonderheiten Lateinamerikas zugeschnitten.
Rund um diese Plattform sind zahlreiche Services entstanden, die Händler enger an das System binden. Verkäufer erhalten Werkzeuge für Produktsuche, Bestandsverwaltung, Preisoptimierung und Marketing.
Besonders wichtig ist das eigene Logistiknetzwerk. In Lateinamerika war der Versand lange ein zentraler Schwachpunkt des Onlinehandels. MercadoLibre investierte deshalb massiv in Lagerhäuser, Sortierzentren und Lieferstrukturen.
Das Ergebnis ist ein deutlich schnellerer und verlässlicherer Versand. Für Käufer verbessert das die Nutzererfahrung erheblich, für Händler sinken Aufwand und Komplexität. Gleichzeitig kontrolliert MercadoLibre damit einen größeren Teil der Wertschöpfungskette.
Wie sich die einzelnen Geschäftsbereiche gegenseitig verstärken
Ein weiterer Wachstumstreiber ist das Werbegeschäft. Händler können direkt auf der Plattform Werbung schalten, um ihre Produkte sichtbarer zu machen. Das ist ein profitables Geschäft, weil MercadoLibre über enorme Mengen an Nutzerdaten verfügt und Kaufabsichten sehr präzise analysieren kann.
Mit zunehmender Größe des Marktplatzes steigt auch der Wert dieser Werbeflächen. Das Modell ähnelt dem von Amazon Advertising und hat sich zu einer wichtigen Ertragssäule entwickelt.
Die eigentliche Goldgrube dürfte aus meiner Sicht jedoch das Zahlungsgeschäft sein. In Südamerika haben Millionen Menschen keinen Zugang zu klassischen Banken. Mit Mercado Pago hat MercadoLibre diese Lücke geschlossen.
Die Plattform bietet digitale Zahlungsabwicklung, Wallets, Kredite und weitere Finanzdienstleistungen an. Ursprünglich entstand Mercado Pago als Ergänzung für den Marktplatz, inzwischen wächst das Geschäft aber weit darüber hinaus.
MercadoLibre ist heute nicht mehr nur ein E-Commerce-Konzern, sondern zugleich einer der wichtigsten Akteure im digitalen Zahlungsverkehr Lateinamerikas. Das eröffnet enorme Chancen. Zahlungsdienste erzeugen hohe Skaleneffekte, starke Kundenbindung und oft attraktive Margen. Zudem entstehen wertvolle Daten über Konsumverhalten und Bonität, die wiederum für Kreditangebote genutzt werden können.
Die verschiedenen Geschäftsbereiche ergänzen sich dabei und erhöhen gegenseitig die Kundenbindung.
Der Marktplatz bringt Nutzer auf die Plattform. Die Logistik verbessert das Einkaufserlebnis. Werbung monetarisiert die Händlerbasis. Die Zahlungsdienste erhöhen die Bindung und erweitern das Ökosystem über den eigentlichen Handel hinaus. Jeder zusätzliche Service macht das Gesamtsystem stärker.
Politische Risiken als Pluspunkt?
Auf der Bärenseite wird hingegen immer wieder auf die politischen Risiken verwiesen. Lateinamerika ist wirtschaftlich und politisch volatil. Inflation, Währungsschwankungen und regulatorische Risiken sind nicht von der Hand zu weisen.
Doch das hat auch Vorteile, denn es hat die westliche Konkurrenz ferngehalten – und das wohl lange genug. Inzwischen dürfte MercadoLibre in den Kernmärkten Brasilien, Mexiko und Argentinien nur schwer einholbar sein.
Dass MercadoLibre trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gedeiht, belegen die Geschäftszahlen.
In den letzten fünf Geschäftsjahren konnte der Umsatz von 7,07 auf 28,89 Mrd. USD gesteigert werden. Gleichzeitig hat sich die Profitabilität deutlich verbessert, wodurch der Gewinn in dieser Zeit von 1,67 auf 39,40 USD je Aktie geklettert ist.
Zeitweise führte das zu einem regelrechten Hype um die Aktie. Am Hoch lag das KUV bei über 20 und das KGV außerhalb des messbaren Bereichs.
Aktuell hält sich die Euphorie jedoch stark in Grenzen. Die Aktie ist von über 2.600 auf unter 1.600 USD abgestürzt.
Das ist nicht ganz grundlos geschehen, denn zuletzt wurden mehrfach die Erwartungen verfehlt.
Erwartungen mehrfach verfehlt
Wer die Vorgänge jedoch live mitverfolgt hat, dürfte sich eine ganz andere Frage stellen. Dazu muss man wissen, dass MercadoLibre vor einiger Zeit höhere Investitionen angekündigt und ganz klar kommuniziert hat, dass das den Gewinn kurzfristig belasten wird.
Dass das Ergebnis vorerst nicht mehr so dynamisch steigen wird, war daher absehbar.
Das Problem daran ist, dass die Prognostiker darauf nicht reagiert haben und die Konsensschätzungen daher zu hoch waren.
All das dürfte den wenigsten Anlegern klar sein. Sie sehen zuallererst die negativen Schlagzeilen, sinkende Kurse und dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden.
Wenn man die arbiträren Konsensschätzungen jedoch ignoriert und sich die eigentlichen Geschäftszahlen anschaut, ergibt sich ein vollkommen anderes Bild.
Im letzten Quartal wurden die Erwartungen zwar verfehlt, aber was ändert das daran, dass der Umsatz um 49 % auf 8,85 Mrd. USD gestiegen ist?
Die Zahl der aktiven Kunden konnte von 67 auf 84 Millionen gesteigert werden. Die Zahl der verkauften Artikel kletterte von 492 auf 722 Millionen. Das Transaktionsvolumen im Zahlungsgeschäft erhöhte sich von 58,3 auf 87,2 Mrd. USD.
Zum Wachstum haben alle Sparten und Regionen beigetragen. Das Geschäft in Brasilien verzeichnete in US-Dollar ein Wachstum von 55 %, Mexiko um 62 %, Argentinien um 23 %.
Die Sparte Commerce legte um 47 % zu und Fintech um 51 %.
Das Bruttoergebnis verbesserte sich auf Jahressicht von 2,77 auf 3,86 Mrd. USD. Der operative Cashflow hat sich von 1,03 auf 2,08 Mrd. USD mehr als verdoppelt.
Diese Daten zeigen, wie sich das zugrundeliegende Geschäft entwickelt.
Die Bären werden hingegen bemängeln, dass das Nettoergebnis von 494 auf 417 Mio. USD rückläufig war. Welche Faktoren ein höheres Gewicht haben, muss jeder Anleger selbst entscheiden – so wie immer an der Börse.
Derzeit kommt die Mehrheit zu einem negativen Ergebnis, daher sinkt der Kurs.

Mit Unterschreiten der Unterstützung bei 1.600 USD wurde ein Verkaufssignal mit möglichen Kurszielen bei 1.440 – 1.480 USD oder 1.333 USD ausgelöst.
Gelingt zeitnah eine Rückkehr über 1.600 USD, würde sich die Lage wieder entspannen. In diesem Szenario wäre eine Erholung in den Bereich zwischen 1.750 und 1.866 USD denkbar.
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