Wer am Flughafen Zeit sparen will, findet bei Clear Secure eine Lösung. Was als Fast-Lane-Service begann, entwickelt sich zunehmend zu einer digitalen Identitätsplattform.
Bei manchen Unternehmen wünscht man sich beim Blick auf die Kurstafel, dass man sie schon früher entdeckt hätte. Doch es kommt wie immer auf die Perspektive an.
Bei Clear Secure wäre vor einigen Monaten sicherlich ein guter Zeitpunkt gewesen. Wer allerdings noch früher dran war und kurz nach dem Börsengang zugeschlagen hat, hatte bisher wenig Freude mit der Aktie.
Fast fünf Jahre sind vergangen und man wäre gerade wieder auf Einstandskurs.
Lange Zeit schien es so, als würde sich die Aktie in die lange Liste der geplatzten Börsengänge von 2021 einreihen.
Wer Zeit kaufen kann, tut es
Jeder kennt es. Endlose Schlangen am Flughafen. Wer Clear-Mitglied ist, geht einfach dran vorbei.
Mitglieder zahlen rund 209 Dollar im Jahr und bekommen dafür an mehr als 50 US-Flughäfen eine eigene Spur an der Identitätskontrolle. Gesicht, Iris oder Fingerabdruck ersetzen den Ausweis, ein Mitarbeiter begleitet den Reisenden direkt zur Sicherheitskontrolle. Fertig. Das Produkt heißt CLEAR Plus und ist das Herzstück des Unternehmens – ein klassisches Abomodell mit planbaren, wiederkehrenden Einnahmen.
Das Geschäftsmodell ist gut skalierbar, da die Infrastruktur nur einmal installiert werden muss und weitere Kunden kaum zusätzliche Kosten verursachen.
Die Zielgruppe sind Vielreisende, Geschäftsreisende, Menschen mit einem gewissen Einkommen. Diese Gruppe hat eine hohe Zahlungsbereitschaft für das, was Clear anbietet: zurückgewonnene Zeit.
Mit den Flughäfen hat Clear eine pragmatische Lösung gefunden. Das Unternehmen zahlt den Airports einen Anteil der Aboeinnahmen, typischerweise irgendwo zwischen zehn und zwölf Prozent, und erhält dafür das Recht, eigene Spuren zu betreiben und direkt am Passagierstrom zu sitzen.
Flughäfen als perfekter Startpunkt
Für die Flughäfen bedeutet das ein Zusatzeinkommen ohne eigenen Aufwand oder Kosten – in der Realität sparen die Flughäfen sogar Geld. Beide Seiten profitieren.
Die eigentlichen Wachstumsambitionen liegen aber jenseits der Flughäfen. Clear arbeitet daran, sich als digitale Identitätsplattform zu positionieren – für Unternehmen, Stadien, Veranstaltungen, Apps.
Die Logik dahinter ist simpel: Wer die biometrischen Daten eines Nutzers einmal sicher gespeichert hat, kann denselben Verifizierungsmechanismus auch an anderen Orten einsetzen.
Inzwischen werden die Systeme in mehr als 15 Stadien genutzt, beispielsweise bei Spielen der NFL (National Football League), Major League Baseball (MLB) oder Major League Soccer (MLS) im Madison Square Garden oder dem Barclays Center.
Mehr als nur Fast Lane
Ein weiterer Bereich ist der Gesundheitssektor. CLEAR hat Technologien entwickelt, mit denen sich digitale Identitäten und Gesundheitsnachweise verwalten lassen.
Zusätzlich arbeitet Clear an allgemeinen Zugangssystemen, etwa für Ticketing ohne physisches Ticket, Altersverifikation oder den Eintritt zu bestimmten Bereichen bei Veranstaltungen.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass sich Clear immer mehr von einem reinen Flughafenservice zu einer umfassenden Plattform für digitale Identität entwickelt, die in verschiedenen Alltagssituationen eingesetzt werden kann.
Doch es gibt auch Kritik am Unternehmen. Es sei ungerecht, dass sich wohlhabende Reisende eine bevorzugte Behandlung erkaufen können – aber in welchem Bereich ist das nicht der Fall?
Wer beispielsweise Zugang zu Flughafen-Lounges hat, lebt in einer anderen Flughafen-Welt.
Biometrische Datenspeicherung ist politisch und gesellschaftlich sensibel, besonders in einem Umfeld, in dem Datenschutzdiskussionen lauter werden. Und der Staat ist ein potenzieller Konkurrent: Sollten staatliche Programme wie TSA PreCheck deutlich ausgebaut oder vereinfacht werden, würde das den Mehrwert von Clear unter Druck setzen.
Ob der Staat in Sachen Effizienz und Bequemlichkeit jemals mit einem kommerziellen Anbieter wie Clear konkurrieren kann, ist jedoch fraglich. Die Alltagserfahrung spricht dagegen.
Ausblick und Bewertung
Der Service von Clear scheint jedenfalls bei den Kunden anzukommen. Seit dem Börsengang im Geschäftsjahr 2021 hat sich der Umsatz von 254 auf 901 Mio. USD vervielfacht.
Die Verwässerung der Aktienbasis hält sich in Grenzen. Die Zahl der ausstehenden Aktien ist in den letzten drei Jahren nur von 91 auf 98 Millionen Stück gestiegen, was im Verhältnis zum hohen Wachstum fast zu vernachlässigen ist.
Bereits 2022 ist der Sprung in die Profitabilität gelungen. Im laufenden Geschäftsjahr wird ein Gewinnsprung um 29 % auf 1,45 USD je Aktie erwartet.
Clear kommt demnach auf eine forward P/E von 40.
Die Vorzeichen sind eindeutig positiv, denn das Wachstum dürfte sich auf unabsehbare Zeit fortsetzen. Gleichzeitig ist mit weiteren Margensteigerungen zu rechnen – das Thema Skalierbarkeit haben wir bereits thematisiert.
Da es sich um ein Abo-Geschäftsmodell handelt, könnte der Cashflow jedoch der bessere Bewertungsmaßstab sein.
Darüber hinaus wäre es denkbar, dass die Erwartungen zu niedrig sind. In den letzten Quartalen hat Clear die Konsensschätzungen durchweg übertroffen, teilweise sogar substanziell.
Cashflow und Buybacks
Die Zahl der aktiven Nutzer lag zuletzt bei 38 Millionen und konnte auf Jahressicht um 31 % gesteigert werden.
Für das laufende Geschäftsjahr stellt Clear einen freien Cashflow von mindestens 440 Mio. USD in Aussicht, was 4,49 USD je Aktie entsprechen würde. Auf dieser Basis kommt Clear nur auf einen P/FCF von 13.
Da das Unternehmen gleichzeitig nur geringfügig verschuldet ist und über Netto-Barmittel verfügt, hat man bereits mit dem Rückkauf eigener Aktien begonnen.
Im letzten Geschäftsjahr wurden dafür 126,3 Mio. USD aufgewendet.
Kürzlich wurde das laufende Buyback-Programm von 125 auf 250 Mio. USD aufgestockt. Daher ist mit anhaltenden Aktienrückkäufen zu rechnen, die das Ergebnis und den freien Cashflow je Aktie zusätzlich steigern werden.

Aus technischer Sicht läuft die Aktie unsauber. Unterstützungen und Widerstände aus der Vergangenheit weisen eine geringe Relevanz auf.
Grundlegend ist das Chartbild bullisch und ein Ausbruch über 60 USD würde zu einem Kaufsignal führen.
Fällt Clear jedoch unter 55 USD zurück, könnte das eine Korrektur in Richtung 50 oder 44 – 45 USD einleiten.
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