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Atlassian wurde lange Zeit als KI-Verlierer abgestempelt. Jetzt stellt sich heraus, dass das Gegenteil der Fall sein könnte.
Auf die Kundenbasis kommt es an
Atlassian bietet eine Produktpalette zur Teamkollaboration und Softwareentwicklung an, wobei Jira primär als Tool für Projektmanagement und Issue-Tracking dient, um Aufgaben zu planen und nachzuverfolgen. Ergänzend dazu ist Confluence eine zentrale Wissensdatenbank und ein Team-Workspace zur Erstellung, Speicherung und gemeinsamen Bearbeitung von Dokumenten und Informationen.
Das Angebotsspektrum von Atlassian umfasst neben diesen Kernprodukten auch weitere Tools wie Bitbucket (Code-Management) und Trello (visuelles Aufgabenmanagement), um Teams in allen Phasen ihrer Arbeit zu unterstützen.
Mehr als 350.000 Kunden nutzen inzwischen Atlassian-Produkte, darunter rund 85 Prozent der Fortune-500-Unternehmen.
Atlassian setzt zunehmend auf Cloud-Abonnements und erzielt dadurch wiederkehrende Umsätze. Gleichzeitig können bestehende Kunden relativ unkompliziert weitere Nutzer, Produkte und höherwertige Funktionen buchen. Genau diese Expansion innerhalb der Kundenbasis ist ein entscheidender Wachstumstreiber.
Die Cloud-Net-Revenue-Retention lag zuletzt bei mehr als 120 Prozent. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass der Umsatz innerhalb der bestehenden Kundenbasis deutlich steigt.
Starker Abverkauf
Dabei setzt Atlassian auf ein ungewöhnliches Vertriebsmodell. Viele Produkte können von einzelnen Teams ausprobiert und eingeführt werden, ohne dass zunächst ein monatelanger Verkaufsprozess notwendig ist. Ein Entwicklerteam beginnt beispielsweise mit Jira. Später kommen weitere Abteilungen, Nutzer und Produkte hinzu. Aus einem kleinen Einstieg kann so eine unternehmensweite Plattform werden.
Atlassian bezeichnet das als Bottom-up-Distribution.
Dieses System hat über die Jahre hinweg zu einem erheblichen Wachstum geführt. In den letzten fünf Geschäftsjahren konnte der Umsatz von 2,80 auf 6,57 Mrd. USD erheblich gesteigert werden.
Der freie Cashflow verbesserte sich in dieser Zeit von 2,96 auf 5,07 USD je Aktie.
An der Börse ist die Aktie dennoch in Ungnade gefallen. Ausgehend vom Vorjahreshoch bei über 300 USD ist der Kurs auf knapp über 50 USD gefallen.
Die Aktie wurde als KI-Verlierer abgestempelt und stark abverkauft. So langsam scheint sich jedoch die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Lage nicht so schlimm ist, wie unterstellt wurde.
Warum Jira und Confluence schwer zu ersetzen sind
Es ist definitiv richtig, dass KI die Softwarebranche grundlegend verändern wird. Die Argumentation der Bären ist zunächst plausibel. Wenn KI immer mehr Programmierarbeit übernimmt und Unternehmen ihre eigenen intelligenten Agenten einsetzen, warum braucht es dann noch klassische Werkzeuge für Aufgaben, Tickets und Dokumentation? Könnte ein KI-Agent nicht einfach selbst organisieren, was bisher in Jira erledigt wird?
Theoretisch ist das möglich. Praktisch ist die Sache komplizierter.
Jira und Confluence sind tief in bestehende Arbeitsabläufe integriert. Dort liegen Jahre an Projekthistorie, Dokumentation, Zuständigkeiten und Prozessen. Ein Wechsel auf eine andere Plattform bedeutet deshalb nicht nur, eine Softwarelizenz zu kündigen. Daten müssen migriert, Schnittstellen angepasst und Mitarbeiter geschult werden. Gleichzeitig müssen sich ganze Teams an neue Abläufe gewöhnen.
Der Mensch ist bei solchen Veränderungen zudem weniger experimentierfreudig, als es die Börse manchmal vermuten lässt. Wenn ein System funktioniert und nur wenige Dollar pro Nutzer und Monat kostet, ist der Anreiz gering, es komplett auszutauschen. Die möglichen Einsparungen stehen häufig in keinem Verhältnis zu den Umstellungskosten und dem organisatorischen Aufwand. Das macht die These vom KI-Verlierer fragwürdig.
Der Datenschatz wird zum Wettbewerbsvorteil
Mit Rovo hat Atlassian eine KI-Plattform entwickelt, die genau auf diesen vorhandenen Daten aufsetzt. Rovo kann Unternehmenswissen durchsuchen, Informationen zusammenfassen, Zusammenhänge herstellen und zunehmend auch Aufgaben selbstständig ausführen. Entscheidend ist dabei der Kontext.
Ein allgemeines KI-Modell weiß beispielsweise, was ein Softwarefehler ist. Es weiß aber nicht automatisch, welcher Mitarbeiter bei einem bestimmten Kundenprojekt verantwortlich ist, welche Entscheidung vor sechs Monaten getroffen wurde oder welche Abhängigkeit zwischen zwei internen Projekten besteht. Genau diese Informationen liegen in den Systemen, die Atlassian miteinander verbindet.
Damit entsteht ein interessanter Kreislauf. Je mehr Atlassian-Produkte ein Unternehmen nutzt, desto mehr Daten und Zusammenhänge landen im Teamwork Graph. Je mehr Kontext vorhanden ist, desto leistungsfähiger kann Rovo werden. Und je nützlicher Rovo wird, desto attraktiver wird wiederum die Nutzung weiterer Atlassian-Produkte.
Rovo scheint sich inzwischen zu einem echten Wachstumstreiber zu entwickeln. Nahezu alle Fortune-500-Kunden von Atlassian nutzt das System inzwischen. Gleichzeitig wächst der Umsatz von Rovo-Kunden etwa doppelt so schnell wie bei Kunden ohne Rovo („customers using Rovo are growing ARR at roughly 2x the rate of non-Rovo customers“). Gleichzeitig nimmt die Nutzung der KI-Funktionen deutlich zu.
Ein bemerkenswerter Beweis
Im letzten Quartal ist die Zahl der durch Rovo unterstützten Aktionen im Vergleich zum Vorquartal um mehr als 50 % gestiegen.
In Summe hat das dazu geführt, dass der Gewinn in Q4 mit 1,87 USD je Aktie weit über den Erwartungen von 1,48 USD lag. Mit einem Umsatz von 1,77 Mrd. USD wurden die Analystenschätzungen von 1,66 Mrd. USD ebenfalls übertroffen.
Auf Jahressicht entspricht das einem Umsatzplus von 28 % und einem Gewinnsprung um 91 %. Dass es im Anschluss der Quartalszahlen zu einem Kurssprung gekommen ist, ist daher nachvollziehbar.
Der eigentliche Brennstoff für die Rallye dürfte jedoch der Ausblick sein. Da der Auftragsbestand (RPO, remaining performance obligation) um 44 % auf 4,8 Mrd. USD gestiegen ist, dürfte sich das Wachstum weiter fortsetzen.
Für das angebrochene Geschäftsjahr stellt Atlassian einen Umsatzwachstum von 13 % in Aussicht. Im ersten Quartal soll ein Umsatz von 1,71 – 1,72 Mrd. USD erzielt werden. Bisher wurden 1,65 Mrd. USD erwartet.
Die Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr wirkt mit Blick auf die Dynamik der letzten Quartale und dem hohen Auftragsbestand sehr zurückhaltend.
Dafür sprechen auch zahlreiche kleinere Details, die aus dem Quartalsbericht hervorgehen.
Denn Atlassian hat im letzten Quartal neue Rekorde bei Abschlüssen mit einem jährlichen Vertragswert (ACV) von mehr als 1 Mio., 3 Mio. und 5 Mio. USD erzielt.
Die Zahl der Kunden mit mehr als 3 Mio. USD ARR stieg gegenüber dem Vorjahr um mehr als 50 %, während die Zahl der Kunden mit mehr als 5 Mio. USD ARR um mehr als 70 % zunahm.
Darüber hinaus wurde der größten Enterprise-Vertrag in der Geschichte von Atlassian mit einem der weltweit größten Technologieunternehmen im Konsumgüterbereich abgeschlossen.

Den Konsensschätzungen zufolge soll der freie Cashflow im laufenden Geschäftsjahr um 47 % auf 7,42 USD je Aktie steigen.
Atlassian kommt demnach auf einen forward P/FCF von 22,4. Im langjährigen Durchschnitt lag der P/FCF bei über 50.
Die Bewertung muss nicht wieder auf dieses Niveau steigen, es zeigt aber, was lange Zeit Normalität war. Ganz unbegründet war die hohe Bewertung auch nicht – bei Atlassian handelt es sich um ein gut skalierbares Abo-Geschäftsmodell mit hoher Kundenbindung und erheblichem Wachstum. Seit dem Börsengang 2015 konnte Atlassian den freien Cashflow durchschnittlich um 28,6 % pro Jahr steigern.
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 14.08.2026 um 14:57 Uhr. Sofern nicht anders angegeben, beabsichtigen wir nicht, diesen Artikel zu aktualisieren. In Zukunft können aber Analysen zum selben Finanzinstrument veröffentlicht werden.
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