Denn es geht beim Market Timing nicht darum, vor Menschen, die von der Börse nichts wissen, als Genie dazustehen. Es geht darum, ein gutes Chance-/Risiko-Verhältnis zu erreichen. Den Punkt abzupassen, an dem die Chance auf weiter steigende Kurse und die Möglichkeit, sich eng und vor allem sinnvoll nach unten abzusichern, so ideal wie möglich ineinandergreifen. Wie man solche Konstellationen finden und wie man sie umsetzen könnte, ist Thema dieses Artikels.
Inhalt
Ein- und Ausstiegszeitpunkte – Es geht um Geld, nicht um Ruhm
Das Ziel eines nachhaltig erfolgreichen Anlegers, egal, ob er als Trader oder langfristiger Investor agiert, muss der Gewinn sein, nicht der vergängliche Ruhm, etwas erreicht zu haben, um das ihn andere vielleicht beneiden.
Natürlich wirkt es genial, an einem Tiefpunkt ein- und am Hochpunkt ausgestiegen zu sein. Aber wem das gelingt, der hatte nur Glück. Vergleichbar wäre es mit einem Basketball aus 40 Metern in einen Korb zu treffen, der während des Fluges des Balls immer wieder seine Position verändert. Damit kann man erfahrenen Anlegern nicht imponieren, denn die wissen: Darum geht es nicht. Und wer zu oft versucht, einen solchen „Royal Flush“ zu erreichen, verliert am Ende durch zahllose Fehlversuche mehr, als er bei einem solchen Glückstreffer verdienen kann. Der Grund dafür ist zugleich der erste Schritt, eine kluge Strategie zu entwickeln:
Man kann nie absolut sicher sagen, dass ein Kurs das Tief oder das Hoch ist. Nicht, bevor die Wende bereits stattgefunden hat. Aber in der Retrospektive weiß es dann wiederum jeder. Das Problem ist zudem, dass sogar die wenigen, einigermaßen tauglichen Zyklen die Tücke haben, dass deren Wendepunkt nicht vorhersagbar ist. Immer können sich die Rahmenbedingungen so verändern, dass eine scheinbar sichere Wende plötzlich abgebrochen wird und die Kurse wieder in die alte Richtung laufen. Politik, Zinsen, Konjunktur, Quartalsbilanzen … all das sind „Wild Cards“, die ein Szenario, wie es der folgende Chart zeigt, in den Bereich der Märchen verbannt.

Wie hätte man wissen können, dass die Nvidia-Aktie Anfang April nach einem kräftigen Abstieg auf dem Absatz kehrtmachen und einen tragfähigen Aufwärtstrend entwickeln würde? Gerade, weil da das Thema Politik bzw. die US-Zölle einen zu keinem Zeitpunkt wirklich vorhersehbaren Einfluss hatten, ist die Antwort höchst einfach: gar nicht. Und welche klaren Indikationen gab es, dass die Aktie nach ihrem dynamischen Ausbruch auf neue Hochs im Oktober plötzlich abrupt kehrtmachen würde? Sie haben es erraten: keine.
Dass die Nvidia-Aktie über 200 US-Dollar für zu viele bereits zu teuer bewertet war, mag schon sein. Aber das hätte man Monate früher bei 180 US-Dollar im Prinzip genauso sehen können … und die Aktie drehte trotzdem nicht ab. Hinzu kommt, dass speziell bei dieser so unmittelbar mit den Themen KI und China-Exporte verbundenen Aktie immer wieder unvorhersehbare, politische Entscheidungen dafür sorgen, dass auch hier gilt, was an der Börse immer gilt: Wirklich sicher vorhersehbar ist nichts.
Vergessen Sie also das Märchen vom perfekten Trade. Wer starke Trends optimal verwerten will, muss dafür erst einmal eines tun: sich davon verabschieden, zu viel zu wollen! Es geht um Geld, nicht um Ruhm!
Wann ist der optimale Einstiegszeitpunkt beim Aktienkauf?
Was Sie brauchen, sind die Chancen im Rücken! Erfahrene Investoren wissen: Solange man keine fundamentale Turnaround-Strategie fährt, bei der man bei unterbewerteten Aktien ganz bewusst sukzessive in fallende Kurse einsteigt und die Position bei weiter fallenden Kursen verbilligt, kommt der Einstieg in fallende Kurse nicht infrage. Und diese Form des „Bottom Fishing“ ist sowieso nicht unbedingt ratsam. Also wie agieren?
Meist muss man abwarten, bis andere Akteure die Kohlen aus dem Feuer geholt haben, um selbst ein ideales Chance/Risiko-Verhältnis (kurz CRV) zu haben. Und verlassen Sie sich besser nicht auf immer wieder auftauchende Faustregeln, wann „man“ am besten kauft und verkauft. Beispiele dafür:
Vergessen Sie althergebrachte Zyklen!
Die Faustregel „sell in may and go away, but remember to come back in september” legt nahe, man möge im Mai aussteigen oder Short gehen und dann im September wieder einsteigen bzw. Long gehen. Davon abgesehen, dass niemand je geklärt hat, ob damit jeweils der Monatsanfang oder das Monatsende gemeint ist, funktioniert diese Regel nicht mehr. Sie basierte im vorigen Jahrhundert durchaus auf Logik, weil Anleger ihre Aktien im Sommer lieber verkauften, bevor sie in Urlaub gingen, da es damals kaum möglich war, fernab der Hausbank etwas zu unternehmen oder auch nur zu erfahren, ob Handlungsbedarf bestünde.
Aber das ist heute im Zeitalter des allumfassenden Internets eben anders – und deswegen funktioniert diese Regel nicht mehr. Dass es manchmal dennoch gut gewesen wäre, im Mai zu verkaufen und im September zu kaufen, kommt natürlich vor. Aber dann basiert das nicht auf dieser Regel. Weg damit!

Immer dann, wenn es kalt wird, steigt die Nachfrage nach Rohöl, dann steigen auch die Ölpreise, so heißt es. Das klingt logisch. Also müsste es da einen Zyklus geben, nachdem man bei Öl im Herbst Long gehen könnte, um dann im Spätwinter, im Februar oder März, den Gewinn zu kassieren. Den Zyklus gibt es aber nicht, wie der folgende Chart zeigt. Wieso nicht? Ganz einfach: Weil die Spekulation die Preise bewegt, politische Einflüsse oder Währungsverschiebungen. Die faktische Nachfrage im Vergleich zum Angebot spielt oft eine untergeordnete Rolle. Zudem ist die Ölförderung natürlich imstande, auf jahreszeitlich bedingte, höhere Nachfrage hin auch mehr Öl zur Verfügung zu stellen, sodass der Preis nicht steigen muss, weil Öl eben auch nicht knapp wird. Der vorstehende Chart zeigt: Die Regel funktioniert nicht: weg damit!
Der übliche Zyklus von Wachstum und Rezession dauerte in normalen Phasen der Wirtschaft in etwa vier Jahre, so berichten es die volkswirtschaftlichen Lehrbücher. Und ja, in einer Rezession einzusteigen, um im Boom auszusteigen, funktioniert grundsätzlich. Aber diese Zyklen gelten so nicht mehr, wie es die klassischen Lehrbücher vorgeben. Zwischen 2009/2010 und 2020 hatten wir z.B. in der US-Wirtschaft eine etwa zehn Jahre dauernde Phase ohne Rezession, weil man das durch extrem niedrige Zinsen verhindert hatte. Und dass es 2020 dann doch dazu kam, war auf einen unerwarteten, externen Einfluss (Corona) zurückzuführen. Das funktioniert also als Vorlage für Anleger nicht mehr: weg damit!
Und die Verbindung der Zinsen mit der Währung oder dem Aktienmarkt? Auch da glauben viele an einen Zyklus, entlang dessen sich perfekt agieren ließe. Wenn die Zinsen steigen, steigt die Währung und fällt der Aktienmarkt, lautet die Faustregel. Der folgende Chart zeigt die Entwicklung der US-Leitzinsen seit dem Jahr 2000. Die vertikalen grünen Linien markieren die Wendepunkte der Zinsen nach oben und unten. Sie sehen anhand des mit eingeblendeten Dow Jones und des US-Dollars: Dieser Zyklus funktioniert nicht, weder bei der Währung noch beim Aktienmarkt. Denn andere Einflüsse überwiegen. Also? Richtig: Weg damit!

Unterbewertet? Überbewertet? Mag sein, aber …
Dass manche Aktien gegenüber dem Gesamtmarkt und den Branchenkollegen unterbewertet sind, lockt viele Investoren zum Kauf. Das mag grundsätzlich einen Gedanken wert sein, immer vorausgesetzt, dass diese Unterbewertung keine handfesten Gründe hätte. Aber ist das ein gutes „Timing“? Das ist es nicht. Denn eine solche Bewertungs-Diskrepanz kann sich lange hinziehen. Desgleichen gilt für eine Überbewertung.
Ein im Vergleich zur Branche und den eigenen Wachstumsraten zu hohes Kurs/Gewinn-Verhältnis oder gar eine Hausse, die sich lange hinzieht, obwohl das Unternehmen gar keinen Gewinn erzielt, können hartnäckige Begleiter einer Aktie sein. Und das gilt auch für einen Markt an sich. Nehmen wir dazu einmal das Beispiel des DAX im Vergleich zum Dow Jones. Das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der 30 im Dow Jones notierten Aktien liegt deutlich über dem Schnitt der 40 DAX-Aktien, wie die folgende Grafik zeigt:

Aber nur, weil der DAX damit billig scheint und der Dow Jones teuer, ändert sich daran bislang nichts. Denn man ist mehrheitlich der Meinung, dass der Aufschlag bei der Bewertung des Dow Jones, auch wenn er zeitweise sehr hoch ist, gerechtfertigt sei. Ob man mit dieser Sichtweise objektiv richtigläge, darüber darf man streiten. Aber auch irrige Meinungen sind bisweilen hartnäckig. Entsprechend schließt sich die Schere zwischen den beiden Indizes bislang nicht: Der Dow Jones zeigt trotz der „teuren“ Bewertung eine mittelfristig bessere Performance.
Über einen Zeitraum von zehn Jahren ist diese Schere besonders extrem, wenn man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht, indem man dem Dow Jones den DAX Performanceindex gegenüberstellt, sondern den DAX Kursindex. Denn der DAX Performanceindex rechnet Dividendenzahlungen auf die Kurse obendrauf und reinvestiert diese Dividenden rechnerisch sogar. Dadurch entsteht eine Performance, die weit besser ist, als dies allein durch die Kursveränderungen der Aktien der Fall wäre. Der Dow Jones ist hingegen ein Kursindex. Dort spielen die Dividenden also keine die Performance vergrößernde Rolle. Deshalb wäre der richtige Vergleich der mit dem DAX Kursindex, der ebenfalls alleine die Kursveränderungen der DAX-Aktien rechnet. Und der Unterschied zum Dow Jones ist, Sie sehen es, gewaltig.

Aber womit soll man denn sonst gutes Timing erreichen? Worauf kann man sich denn nun stützen? Ganz einfach: Auf die eigene Besonnenheit und die Technische Analyse. Dafür ist sie ja schließlich auch gedacht. Ein gutes Market Timing hat weder etwas mit Magie noch mit Zyklen zu tun, sondern mit Verstand und konsequentem Vorgehen.
Die entscheidenden Faktoren: Mit welcher Strategie wird ein gutes Timing erreicht?
Stellen Sie sich immer die Frage: Wann sind meine Gewinnchancen, ob nun Long oder Short, am besten? Wenn es scheint, als könnte gerade eine Wende entstehen? Oder wenn eine Wende bereits vollzogen IST? Ohne Zweifel im zweiten Fall. Denn das bedeutet:
- Im Idealfall wurde eine Trendwendeformation abgeschlossen
- Erste charttechnische Widerstände konnten bereits überwunden werden, was zeigt, dass das Bären-Lager diese nicht mehr verteidigen kann oder will
- Sie finden eine Trendlinie vor, entlang der ein Einstieg Long oder Short eine Guideline hat und an der man sich zugleich in Bezug auf die Absicherung orientieren kann
- Die markttechnischen Indikatoren bieten Rückenwind durch trendkonforme Signale.
Wenn die Mehrheit dieser Faktoren auf Ihrer Seite steht, wäre das schon einmal die halbe Miete. Sehen wir uns das an einem Beispielchart an:

Im Zuge der massiven Verunsicherung der Investoren in Bezug auf die US-Einfuhrzölle war die Aktie der Deutschen Bank im März und April 2025 erheblich unter Druck geraten. Dadurch erschien sie zwar „billig“, es gab aber in die fallenden Kurse hinein in einem emotional aufgeheizten Markt keine Ankerpunkte, die einen überlegten Kauf mit eingrenzbaren Risiken zugelassen hätten. Das änderte sich Ende April:
Eine V-Formation als Basis einer Trendwende wurde vollendet (im Chart mit 1 markiert), zugleich hatte der Trendfolge-Indikator MACD bereits kurz zuvor ein bullisches Signal generiert (3), sodass das charttechnische Signal Rückendeckung seitens markttechnischer Indikatoren hatte. Die danach folgende Seitwärtsbewegung hielt den Bereich des oberen Endes der V-Formation mustergültig, unter dem man sinnvollerweise einen Stoppkurs platziert hätte (2).
Mit der konsequenten Vorgehensweise abzuwarten, bis so viele Faktoren wie möglich für einen Einstieg sprechen, hätte sich, wie der Chart zeigt, nicht „gerächt“, indem man dann nur noch wenig Performance hätte erzielen können: Die Aktie legte über die folgenden Monate deutlich weiter zu.
Hat man erst einmal ein solch gutes Timing erreicht, hat man nur noch die Aufgabe, die Gewinnsicherung sukzessive mit den entscheidenden Linien nachzuführen. Und was gilt es, für den Verkauf zu beachten?
Wie findet man den besten Ausstiegszeitpunkt?
Für den Ausstieg gilt dasselbe Prinzip vice versa. Sie brauchen die Faktoren der Technischen Analyse im Rücken. Als Beispiel dient da am besten die Aktie, anhand derer wir bereits einen sinnvollen Einstiegszeitpunkt gesucht haben:
Der folgende Chart der Deutsche-Bank-Aktie zeigt, wie es mit der Aktie bis Dezember 2025 weiterging und was mit diesem eingangs erwähnten „vice versa“, also „umgekehrt“, gemeint ist. Diejenigen charttechnischen Ankerpunkte, an denen Sie auf der Long-Seite ihre Absicherung festmachen, sind entscheidend für den Ausstieg und/oder für den Wechsel auf die Short-Seite. Dabei sollten Sie Ihre Absicherung und damit die Frage des Ausstiegs zwar an charttechnischen Ankerpunkten orientieren, diese aber dem Risiko Ihrer Position und Ihrem Anlagehorizont anpassen. Was konkret bei der Deutschen Bank-Aktie hieße:

Aggressive Trader, die in der Deutsche-Bank-Aktie auf der Long-Seite investiert sind, hätten im Dezember 2025 die obere Begrenzung des im Sommer etablierten Seitwärtstrendkanals im Auge. Einmal war die Aktie da schon ausgebrochen und fiel in den Kanal zurück. Ein zweites Mal wäre ein kritisches Signal. Kritisch genug, um bei hoch gehebelten Derivate-Positionen besser auszusteigen (1).
Wer eher mittelfristig und nicht in Derivate, sondern in die Aktie selbst investiert ist, könnte da deutlich gelassener vorgehen. Hier wäre erst dann ein Ausstiegssignal gegeben (das dann rein rechnerisch auch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem Verkaufssignal des MACD-Indikators unterstützt würde), wenn die Aktie aus dieser Seitwärtsspanne so klar nach unten ausbrechen sollte, dass auch die wichtige, im Chart dick rot hervorgehobene 200-Tage-Linie gebrochen wird (2).
Hier greift damit wirklich einmal eine Faustregel: Ob Sie nun tatsächlich Short gehen wollen oder nicht: Der beste Zeitpunkt, um aus einer Aktie, einem Rohstoff, einer Währung oder was auch immer (für alle Assets gelten dieselben Grundsätze) auszusteigen wäre der, an dem Sie hier ein optimales Szenario sehen, um Short zu gehen!
